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Das Recht der Karolinger . . . . 115 8. Das kanonische Re^ht . 118 4. Die Carolina und die gemeinrechtliche Theorie imd Praxis 119 5. Gesetzbücher des 17. und 18. Jahrhimderts 124 6. Spanien und Frankreich .... 128 III. Das 19. Jahrhundert 131 1. Nicht mehr in Geltimg befindliche Gesetze 131 2. Die jetzt geltenden Osetze . . 136 A) Deutschland 13<5 B) Die Übrigen Staaten Kuropas . . 138 IV. Länder, die den gleichgeschlechtlichen Verkehr mehr oder weniger anerkennen .... 147 V. Lex ferenda imd Strafgesetzentwttrfe . 150 Aus dem Seelenleben des Grafen Platen .... 150 Bibliographiaehe Literatur 215 Petition 239 Vorwort. Jede körperliche und geistige Eigenschaft^ die man ^s dem männlichen Geschlecht zukömmlich ansieht^ kann ausnahmsweise bei Frauen und jede gemeinhin für weib- lich gehaltene Eigentümlichkeit kann vereinzelt bei Männern auftreten. So entstehen eine ganze Reihe be- sonders gearteter Individualitäten, die teils körperliche, 1;eils seelische, zum Teil körperliche und seelische Merk- male des anderen Geschlechts aufweisen. Der Erforschung •und Erkenntnis dieser Zwischenstufen, dieser Zwitter in •des Wortes weitgehendster Bedeutung ist dieses Jahrbuch in erster Linie gewidmet. Wie das Volk in früheren Zeiten, die noch nicht so gar lange zurückliegen, in gewissen krankhaften Störungen, beispielsweise im Buckel etwas Verächtliches sah, so ixagen alle die hier in Bede stehenden regelwidrigen Bil- •dungen noch heute vielfach den Stempel einer besonderen Monstrosität^ ein ebenso imberechtigtes, wie unbegrün- «detes Vorurteil, denn die Träger derartiger Abweichungen •sind nicht bessere und nicht schlechtere Menschen wie andere. Sie dem Verständnis ihrer glücklicheren Mit- tnenscben näher zu bringen, wird eine weitere Aufgabe «dieses Jahrbuchs sein. .Jihrboch iür homoiexaelle Forschungen. 1 . _ o Eine bestimmte Gruppe der uns hier beschäftigenden. Persönlichkeiten befindet sich in einer ganz besonders üblen Lage, indem sie durch eine irrtümliche Voraus- setzung der Gesetzgeber vor Jahrhunderten zu Verbrechern^ stigmatisiert, noch heute in den meisten Ländern als solche gelten, wiewohl die fortschreitende Naturwissenschaft be- reits den Irrtum als solchen aufgehellt hat. An der Be- seitigung dieser Strafbestiramungen, welche unbeabsichtigt ein in seiner Art ganz einzig dastehendes internationales- Erpresserturo, die Chantage, züchteten, mitzuarbeiten, soll ein ferner Zweck dieser Annalen sein. Aus der ihnen eingeborenen Natur entspringen für die Konträrsexuellen gewisse Menschenrechte, Pflichten und Sonderinteressen; sie werden hier sorgfältigste Prüfung- imd thuulichste Berücksichtigung erfahren. Mit diesen Vornahmen wendet sich unser Werk an alle Mediziner und Juristen, an alle femer, denen das- Goethesche Wort »Das höchste Studium der Menschheit ist der Mensch" ein Wahrwort ist, nicht zuletzt aber auch, an die konträrsexuellen Männer und Frauen selbst'^) Das Jahrbuch erscheint auf Veranlassung des wissen- schaftlich-humanitären Komitees, das sich im Mai 1897 zu Berlin und Leipzig konstituierte, um Sorge tragen zu helfen, dass aus zweifellosen Forschungsergebnissen die. praktischen Konsequenzen gezogen werden und das als seine erste Aufgabe ansah, für die Abschafiung des „Ur- ningsparaphen* thätig zu sein. Das Komitee hat nach dieser Richtung mit grossem Eifer eine sehr umfassende Thätigkeit entfaltet und manchen schönen Erfolg zu verzeichnen. Es hat vor *) Diese werden hiermit aufgefordert-, »ich yertraaenarollBt an- mn das wissenschaftlicli-bumaDitäre Komitee (Chariottenlmi^e^, Berliner» Strasse 104 oder Leipzig, Sidonieostr. 19 B I so Hftnden dos Komitee» SekretArs Max Spolir) zn wenden, anf dessen strengste Diskretioa tie rechnen dürfen. — 3 — allem eine Petition in Umlauf gesetzt, die bei einer sehr grossen Anzahl unserer ausgezeichnetsten Gelehrten und Künstler vollste Zustimmung, ja zum Teil eine begeisterte Aufnahme fand.'*') Das Komitee hofft, dass auch dieses Jahrbuch dazu beitragen wird, dass nicht eine Straf- bestimmung in das neue Jahrhundc.'rt übergeht, deren Fortdauer einen Flecken auf dem Schilde der deutschen Justiz bedeuten würde. So möge denn dieses Buch hinausziehen in die deutschen Lande und überall als das angesehen werden, was es zu sein anstrebt, als ein Werk der Nächstenliebe und wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit. Berlin-Leipzig, Januar 1899. Die Herausgeber. *) Nftbcres über diese Petiiion finden die Leser an anderer Stelle dieses Bncbes 1* Die objektive Diagnose der Homosexualität. Von Dr. med. H. Hirschreld-Charlottenburg« Der homosexuelle Mensch darf nicht allein in seiner Sexualität, er muss in seiner gesamten Individualität auf- gefasst und erforscht werden. Seine geschlechtlichen Neigungen und Abneigungen sind nur Symptome, sekun- däre Folge-Erscheinungen, das primäre ist seine Psyche und sein Habitus in ihrer Gesamtheit Das wertvollste Ergebnis der Forschungen auf homo- sexuellem Gebiet ist die Ermittelung, dass zwischen Mann und Weib in allen geistigen und körperlichen Punkten nur graduelle, quantitative Unterschiede bestehen, dass zwischen ihnen nach allen Richtungen Mischformen in ausserordentlicher Mannigfaltigkeit vorkommen, an deren Grenzen, so paradox es klingen mag, Männer mit weib- lichen und Frauen mit männlichen Geschlechtsteilen existieren. Die Natur ist eben auch hier von ihrem überall bestätigten Gesetz, dass sie nicht sprungweise, sondern übergangsweise arbeitet, nicht abgegangen. Herbert Spencer nannte einmal das Weib einen in der Entwicklung stehengebliebenen Mann. Das ist schon -- 5 — deshalb unrichtig, weil das Weib zahlreiche Organe und Funktionen besitzt, die wesentlich weiter vorgeschritten sind, wie die entsprechenden männlichen. Mit imgleich grösserem Recht könnte man den Urning einen in der Entwickelung stehen gebliebenen Mann, die Uminde ein in der Entwickelung zu weit vorgeschrittenes Weib nennen. £s ist bedauerlich, dass man dieses plus oder minus der Entwickelung am Neugeborenen nicht ebenso ad oculos demonstrieren kann, wie etwa die Hasenscharte, welche ja gleichfalls eine Evolutionshemmung darstellt. Wenn die Angehörigen des „dritten Geschlechts" bei der Ge- burt ebenso leicht zu erkennen wären, wie die beiden an- deren Geschlechter, die Frage der Homosexualität wäre wohl nie eine Frage geworden. Solange dies nicht mög- lich ist, werden Ignoranten immer noch das Märchen von der Widernatürlichkeit, von der Uebersättigung und der abscheulichen Sünde wiederholen, als würdiges Seitenstück zu jenem ostpreussischen Pfarrer, der noch vor nicht langer Zeit die Erdbewegung leugnete, weil ihm die. bib- lische Ueberlieferung beweiskräftiger erschien, wie natur- wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Dass man einst dahin kommen kann, den Urning bei seinem Eintritt in die Welt zu diagnostizieren, halten wir übrigens nicht für so ausgeschlossen, wie es auf den ersten Blick erscheinen möchte. So erschien es uns, als ob die überzähligen congenitalen Brustwarzenrudimente, welche nach dem Nabel zu in regelmässigen Abständen conver- gierend beobachtet werden, — manchmal als ziemlich deutlich ausgeprägtes Brustwärzchen, öfter als -ein ein- facher mehr oder weniger grosser Pigmentfleck, hie und da nur als ein brauner Punkt oder ein langes Haar kennt- lich — bei Männern fast regelmässig, bei Frauen sehr selten vorkommen, bei Urningen dagegen fast nie, bei Uminden fast stets vorhanden sind. Wir sind weit ent- — G — femt, dieser Beobachtung bei dem immerhin nur gering- fügigen Material einen diagnostischen Wert beizumessen, aber sie bietet vielleicht einen Fingerzeig zur Nachkon- trolle und zur Auffindung ähnlicher Kriterien. Mit grossem Scharfsinn schrieb schon vor Jahrzehnten ein Darmstädter Arzt an Ulrichs, als derselbe mit seinen ersten Veröffentlichungen hervortrat: , Exakte Forschungen müssen angestellt werden an Urningen und Nichtumingen über mögliche und wahrscheinlich vorhandene anatomische Unterscheidungen körperlicher Bestandteile, um hierauf gegründet, einen unzweifelhaften körperlichen Unterschied in der Natur beider behaupten zu können." Von Bedeutung wäre es in dieser Hinsicht beispiels- weise, Blutproben homosexueller Individuen zu unter- suchen. Zweifellos ist die Hautfarbe urnischer Männer in sehr vielen Fällen auffallend weiss, rosig und zart. Welker fand beim Manne 5, bei der Frau 472 Millionen Blutkörperchen auf 1 Kubikzentimenter Blut, der Hämo- gobingehalt ist bei der Frau um 8^/0 geringer, als beim Manne. Das männliche Herz schlägt bei fast allen Tieren langsamer als das weibliche. Der Puls des Löwen be- trägt 40 (Dubois) der der Lr»win 68 (Colin), der des Schafbocks 68, des Mutterschafs 80 (Delaunay, Etudes etc. p. 47). An einer sehr grossen Beobachtungsreihe fanden M'Kendrick, Guy und andere Forscher die durchschnitt- liche Pulszahl beim Manne 72, beim Weibe 80. Objektiv muss femer bei Urningen und Uminden die grobe Kraft ermittelt werden. Feststellungen mit dem Dynamometer zeigten, dass die Kraft der Frauen- hand durchschnittlich um ein Drittel geringer ist, als die der Männerhand. Weiterhin wird es sich empfehlen, bei Homosexuellen den Zwischenraum zwischen den ersten beiden Zehen zu prüfen und die Fähigkeit, dieselben von einander zu — 7 — spreizen. Ottolenghi und Carrara (II piede prensile nei slienati e nei delinquenti. Arch. di Psieh. 1892 fesc. 4—5) haben die Fllsse einer grossen Zahl von Personen beiderlei Geschlechts untersucht, um durch Messung des Zwischenraums zwischen grosser und zweiter Zehe zu be- stimmen, inwieweit sich der Fuss dem ursprünglichen Oreiffuss nähert. Sie fanden diesen Zwischenraum und •das Spreizvermögen bei Frauen sehr viel stärker aus- gesprochen, obgleich die Neigung der Frauen, den Fuss zusammenzupressen, eher das Gegenteil erwarten liesse. Im übrigen ist die Unterscheidung zwischen Mann und Weib keineswegs in allen Punkten so leicht, wie es uns durch die Kleidung gemacht wird. Es giebt so viele Ausnahmen, dass es schwer ist. Regeln aufzustellen. Je umfassender die anthropologischen Untersuchungen sind, um so unbestimmter und verwickelter werden die Resul- tate. Viele Unterschiede haben bei schärferer Beobach- tung sich als künstlich, andere als irrig herausgestellt. Ersteres gilt beispielsweise von der Atmung, letzteres von dcn Keimdrüsen, welche sich zuerst und zwar in der -fünften Fötalwoche bilden. Die Wanderung der männlichen Keimstöcke, die erst um die Zeit der Geburt vor sich geht, misrät bei weitem öfter, indem ein Hode oder beide unter- wegs stecken bleiben (Krjrptorchismus) ; der wahre Herma- phroditismus jedoch, das darin bestehen würde, dass ein Individuum gleichzeitig einen Hoden und einen Eierstock besitzt, ist zwar verschiedentlich beschrieben, aber noch von keinem über jeden Zweifel erhabenen Beobachter ver- bürgt worden. Dagegen haben Virchow und andere zu- verlässige Forscher Fälle berichtet, in denen die anfangs identischen Geschlechtsdrüsen einen so wenig ausgeprägten Bau zeigten, dass es unmöglich war zu entscheiden, ob es sich um einen Hoden oder einen Eierstock handelte. Ungleich häufiger sind schon die Abweichungen der zweiten Gruppe, die man unter der Bezeichnung: Herma- phroditismus falsus zusammen fasst. Das sind die Fälle wo der Laie bei der Geburt beim besten Willen nicht • entscheiden kann, ob ein Knabe oder ein Mädchen vorliegt. Es giebt Frauen, bei denen der Geschlechtshöcker so weit vorgeschritten ist, dass er durchaus dem männ- lichen Gliede gleicht, die grossen Schamlippen oder rich- tiger die Geschlechtswülste können sich so eng aneinander- ■ legen, dass sie einen Hodeusack vortäuschen, besonders, >^enn in solchen Fällen auch die ISerstöcke in die grossen, Schamlippen wandern. Bei Männern kommt es vor, dass der Geschlechts- höcker sich so kümmerlich entwickelt, dass er den Ein- druck der weiblichen Clitoris macht, die Hoden können in der Leibeshöhle liegen bleiben und die Geschlechts- i^ülste nicht zusammenwachsen, sodass man glauben muss, •den Eingang zur Scheide vor sich zu haben. Diese Vortäuschungen haben \aelfachzuimangenehmen W^erwechslungen Anlass gegeben. Im Prager Gebärhause - 17 - wurde ein junges Mädchen entbunden, die immer wieder beteuerte, nie geschlechtlichen Umgang gehabt zu haben allerdings habe sie mehrfach mit einer Schlafgenossin das Bett geteilt. Die polizeiärztliche Untersuchung der letz- teren ergab ein ganz kurzes Glied und einen klaffenden Hodensack und die Behörde sorgte dafür, dass die nichtsahnende Schlafgenossin schleunigst Männerkleidung anlegte. Von fünf ähnlichen Fällen, die ich selbst zu be- obachten Gelegenheit hatte, seien noch zwei kurz erwähnt. Ein 28jähriges „Mädchen" (Weberin) kam zu Prof. L. und bat um ein Attest, dass sie ein Mann sei. Es waren ihr schon früher über ihr Geschlecht Zweifel aufgestiegen, mit denen sie aber zurückhielt, um nicht „zum Militär genommen zu werden." Jetzt hatte sie sich in ein Mädchen verliebt, die sie heiraten wollte. Da die Untersuchung ähnliche Verhältnisse ergab, wie in dem be- schriebenen Fall, erhielt sie die Erlaubnis, vom I.Jan. 1898 ab männlichen Vornamen und männliche Tracht an- zulegen; »aus der Weberin ist ein Weber geworden." Ein weiterer Fall betrifft das Mannweib, deren Bild wir beifügen. Sie wurde von Virchow der Berliner medi- zinischen Gesellschaft vorgestellt. Mit einem starken Bart und langem Kopfhaar geschmückt, sieht sie von vorne betrachtet einem Manne, von hinten einer Frau vollkommen gleich. Sie trägt Herrenkleidung, ist mit einem Manne glücklich verheiratet, zieht aber den Ver- kehr mit Frauen vor, menstruiert regelmässig und hat zwei Fehlgeburten gehabt. Eine ganze Reihe von Fällen sind in der Literatur verzeichnet und zum Teil noch als Spiritus-Präparate der anatomischen und pathologischen Institute aufbewahrt, wo die äusseren Genitalien ganz oder grösstenteils männ- lich waren, daneben aber Scheide, Gebärmutter und Ei- leiter bestanden, die Müllerschen Gänge mithin nicht ver- Jfthrbuch iQr homoscxuclU' Forschiiugi'ii. 2 — 20 — kümmert; sondern zur vollen Entwickclung gelangt waren. Die Keimdrüsen tragen in solchen Fällen fast stets den Charakter von Hoden. Seltener und mehr bei Tieren beobachtet ist der um- gekehrte Fall, in dem die äusseren Genitalien weiblich sind,. Uterus und Eileiter fehlen, dagegen neben Eier- stöcken, Samenleiter, Samenbläschen und Prostata exiiätieren.*) Betrachten wir nun die Abweichungen in der dritten Gruppe der Geschlechtsunterschiede, die sich ja erst wesentlich später differenzieren, so überragen dieselben wiederum an Häufigkeit bei weitem die bisher genannten. Was die Behaarung anlangt, so gehören Frauen mit mehr oder weniger gut entwickeltem Barthaar, vom zarten Flaum bis zum stattlichen Vollbart, durchaus nicht zu den Seltenheiten. Auch in der Länge des Kopfhaars kommen Umkehrungen vor.**) Männer mit vollkommen weiblichen Brüsten, Gynäko- masten, sind wiederholt ausführlich beschrieben worden.***) In. Kraffb-Ebings Psychopathia sexualis (S. 259) findet sich die Autobiographie eines Arztes, welcher vom 13. bis 15. Jahr Milch in den Brüsten hatte, welche ihm ein Freund aussaugte. Ich selbst sah vor kurzem einen im übrigen normalsexuellen Patienten von 58 Jahren, der auf der rechten Seite eine vollkommen weibliche Brustdrüse, links ein vollkommen männliches Brustwarzenrudiment *) Man vergleiche : Beitrag zur Lehre vom Hermapbroditis- muB Bporins mascnlinus internus von Dr. med. £. Raako, WQrzbargt StabeUchcr Verlag 1896. **) Uan vgl. M. Bartelt: lieber abnoime Behaarung beim Menseben in der Zeitscbrift fnr Ethnologie, Bd. XIII, ferner L. Harris-Liston : Gascfl of bearded women. (Britisb. med. Joom. 1894, 2. Juni.) ***) Man vgl.: die Zwitterbildangen, Gyn&komastie, Feminismus, Hermapbroditismas von Dr. E. Laurent, deutsch von Kurella, Wiegands Verlag, Leipzig. — 21 — besass. Wesentlich zahlreicher als die Extreme sind die Zwischenstufen, in denen die männliche Brustwarze ungewöhnlich stark hervortritt oder von einem auffallend grossen Warzenhof umgeben ist. Analog den genannten Fällen finden wir nun auch vielfach Frauen mit plattem, d. h. ausgesprochen männ- lichem oder kindlichem Brusttypus, bei denen von einem üppigen Busen auch nicht das mindeste wahrzunehmen ist. Bezüglich des Kehlkopfs sind sowohl Männer mit weiblicher Kehlkopfbildung und Stimme (Chansonetten- parodisten, Damenkomiker etc.) als Frauen mit entsprechend männlichem Habitus kein vereinzelter Befund. Der Laryn- gologe Flatau untersuchte auf Molls Veranlassung den Kehlkopf homosexueller AV eiber und fand bei einigen vollkommen männlichen Typus; bei homosexuellen Männern sind weibliche Halsformen, bei denen auch nicht die Spur eines Adamsapfels sichtbar ist, etwas ganz gewöhnliches. Dass die vierte Gruppe, die geistigen Geschlechts- unterschiedc sehr viele Ausnahmen erleiden , lehrt die Geschichte und die tägliche Erfahrung. Es giebt Männer mit dem zarten weichen Gemüt einer Marie Baskiertschew mit weiblicher Treue und Schamhafbigkeit, mit über- wiegend reproduktiver Veranlagung, mit fast unüberwind- licher Neigung zu weiblichen Beschäftigungen wie Putz und Kochen, auch solche die an Eitelkeit, Koquetterie, Klatschsucht und Feigheit das weibischste Weib hinter sich lassen und Frauen giebt es, welche wie Christine von Schweden an Energie und Grosszügigkeit, wie Sonja Kowa- lewsca an Abstraktheit und Tiefe, wie viele moderne Frauenrechtlerinnen an Aktivität und Ehrgeiz, welche an Vorliebe zu männlichen Spielen, wie Turnen und Jagen, an Härte, Rohheit und Tollkühnheit den Durchschnitts- mann hoch überragen. Es giebt Frauen, die mehr an die OefPentlichkeit und Männer, die mehr in die Häuslichkeit passen. Es giebt nicht eine spezifische Eigenschaft des 22 — Weibes, die sich nicht auch gelegentlich beim Manne, keinen männlichen Charakterzug, der sich nicht auch bei Frauen ftlnde. In engstem , , , ..n,,,.. Und auch Zusammen- i 1 hier kommen hang mit der Psyche stflit die Schrift und der Gans, welch' letzt rer keineswegs allein durch anatomische Verhältnisse bedingt ist. Beide würze hi tief in der In- dividualität und fiihren für den Kenner eine beredte Sprache. wir nicht sel- ten in die Lage dass wir be- stimmt glau- ben, die fes- ten, sicheren Züge eines ausgesproche- nen Mannes vor uns zu ha- ben, während es sich in Wirklichkeit um eine weib- liche Hand- sclirift handelt Bild eines oiiiHphon M.inne>. und ebenso können wir an Männern die zierlichen /.arten weiblichen Schriftztigeu beobachten. Was den Gang anlangt, .so erkannte schon luvenal die Urninge „incessu", um Einherschrcileo. Die Frau macht kleinere, trippelndere Schritte und bewegt die Hüften und den Nacken, wenn auch oft nur in geringem Grade, der Mann hält den Rumpf ruhiger und hnt ein strammeres festeres Auftreten. Wer aber Je hundert Männer und Frauen daraufhin auf der Strasse betrachtete, wird unter dieser Menge durchschnittlich .'» bis lll Frauen mit männlich gravitätischem und etwa ebenso viele Alänncr mit weiblieh tänzelndem (lUng bcobuchten können. Kinen klassischen Beleg für weibliche Bewegungen — 28 — bei einem Manne finden wir in Dio Cassius römisoher Geschichte verzeichnet (Buch 79, Kap. 16) an der Stelle, wo dieser Historiker den römischen Kaiser Antoninus Heliogabalus (218 — 222 v. Chr.) schildert, der der Typus eines femininen Uraniers war. „Als der schöne Athlet Anrelius Zoticus in den Palast trat**, so erzählte Dio „und ihn griisste mit den üblichen Worten: „sei gegrüsst^ Herr und Kaiser", bewegte er den Nacken seltsam wie ein Mädchen und drehte koquett die Augen und sprach: „Nenne mich nicht Herr, Deine Herrin bin ich"; er sank dem Aurelius an die Brust und nahm an seinem Busen ruhend wie eine Geliebte (ägnsQ r^g eQwfxevrj) das Mahl* Auch in der letzten Gruppe fehlt es nicht an ana- logen Inversionen, im Gegenteil sie scheinen an Häufigkeit die bisher genannten noch zu übertreffen. So schlecht es in die Weltordnung zu passen scheint, es ist nun einmal so, dass es Frauen giebt, deren sexuelles Begehren nicht der Mann, sondern das Weib ist und Männer, die sich nicht vom Weibe, sondern nur vom Manne angezogen fühlen. Und auch hier sind neben den extremen Fällen Zwischenstufen sehr verbreitet, man nennt rie psychische Hermaphroditen, Bisexuelle, es sind Personen, die in ganz verschiedenen Stärkegraden zu beiden Geschlechtem in- klinieren. So sehen wir, wie sich in allen Gruppen die Grenzen verwischen und wie der bei oberflächlicher Betrachttmg so gross erscheinende Unterschied der Geschlechter keine prinzipielle Trennung sondern lediglich eine graduelle Verschiedenheit darstellt. Von höchster Wichtigkeit ist nun die Frage, in welcher Abhängigkeit imd welchem Zusammenhang die genannten Abweichungen und Umkehrungen vorkommen. Wenn wir die Literatur durchforschen, scheint es, als ob jede einzelne dieser physischen und psychischen Abnormi- täten völlig isoliert auftreten kann. Man liest von Gynä- — 24 — koma^teu und Bartdamen, von bartlosen Männern und brustlosen Frauen, die im übrigen nichts darboten, wa« mit ihrem Hoden oder Eierstock im Widerspruch stand, man hört von Männern, die einen vollkommen femininen Eindruck machen und doch normalsexuell fühlen und von durchaus männlich erscheinenden Männern, die konträr empfinden. Allein bei schärfster Kontrolle schrumpfen diese Fälle doch beträchtlich zusammen, es ist auch die Wirksamkeit starker suggestiver Momente nicht ausser Acht zu lassen, ja wir halten es nicht für unwahrschein- lich, dass die ganz isolierten Inversionen einer strengen Kritik ebenso wenig Stich halten werden, wie die „er- worbenen" Inversionen, von denen anfänglich viel, jetzt aber bei sachverständigen Autoren kaum noch die Rede ist. Eß ist sicher nicht ganz ohne Berechtigung, wenn Professor Cramer in seinem Referat, dass er über die Petition für Abschaffung des Urningsparagraphen in der medizinischen Gesellschaft zu Göttingen hielt, ausführte, „dass bei den Krankengeschichten von Kralft-Ebing, Moll, Magnan und anderen Autoren die Resultate objektiver Beobachtung und Untersuchung nicht immer in wünschens- werter Vollständigkeit vorliegen." Besonders ist es er- staunlich, dass manche Beobachter bei Fällen von Herma- phroditismus spurius garnicht nach dem sexuellen Empfin- den gefragt haben, vermutlich, weil sie es als selbstver- ständlich ansahen, dass der Geschlechtstrieb der gesetz- lichen Vorschrift, d. h. den Geschlechtsdrüsen entsprechen >vürde, es ist umso merkwürdiger, als in den wenigen Fällen, in denen die Untersuchung des Zwitters vollkommen durch- geführt wurde, nicht nur im übrigen Körperbau, sondern auch in geistiger und sexueller Hinsicht Abweichungen nachweisbar waren. So zeigte auch das im Bilde bei- gefllgte Mannweib, welche genau daraufhin von uns inqui- riert wurde, trotz ihrer Verheiratung eine ausgesprochene Bisexualität und zwar, wie das bei Bisexuellen die Regel — 25 — zu sein pflegt, mit starkem Ueberwiegen der homosexuellen Richtung. OflTenbar besteht ein besonders inniger Zusammen- hang innerhalb der Abnormitäten, welche in derselben Zeitepoche zur Entwickelung gelangen, also innerhalb derjenigen der beiden ersten und der drei letzten Gruppen. Beispielsweise findet man bei Frauen mit zu weit vor- geschrittenem Geschlechtshöcker gewöhnlich, dass die Eier- stöcke, wie männliche Keimdrüsen, nach unten in die Gegend der grossen Schamlippen wandern und in analoger Weise ist der Kryptorchismus (Verbleiben der Hoden in der Bauchhöhle) Regel bei Personen mit rudimentärem Gliede imd klaffendem Hodensack. Gleichzeitige Zwitterbildungen in allen fünf oder auch nur in vier Gruppen sind äusserst selten, namentlich sind bei Urningen wesentliche Abnormitäten an den Geni- talien fast nie beobachtet worden, man ist geneigt, leider hinzuzufügen, — denn wäre dies der Fall, so würde der Verkennung und Verfolgung dieser Unglücklichen wohl eher ein Ziel gesetzt worden sein. Ein Patient Krafft-Ebings, berichtet, dass er an ca. 500 Urningen, die er kennen lernte, nie abnorme Bildung der Genitalien gefunden habe, wohl aber , Annäherung an weibliche Körperformen, schwache Behaarung, zarten Teint^ höhere Stimme, Mammaentwickelung.* Ein isoliertes Auftreten einer Abweichimg der drei letzten Gruppen gehört zu den grössten Seltenheiten, oft fehlen eine ganze Reihe von Merkmalen des anderen Ge- schlechts, nicht immer haben Gynäkomasten schwachen Bartwuchs und Bartdamen tiefe Stimmen, allein als Regel kann gelten, dass wenn in der dritten Gruppe Abnormi- täten vorkommen, auch solche der vierten und ftinften vorhanden sind und umgekehrt, und zwar können wir das Gesetz aufstellen, dass der Geschlechtstrieb umso konträrer ist", je m[ehr kon'träre Züge — 26 — der dritten und namentlich der vierten Gruppe, also Abnormitäten in Kehlkopf- Brust^, Haarentwickelung, in Geist, Gemüt, Gang und Schrift vorliegen. Je femininer also ein Mann ist (Weiblinge), umso mehr liebt er ausgesprochen männliche Typen (»drauci*) je mehr im Urning die männlichen Züge überwiegen, um- somehr liebt er Individuen, die im Aeussern und Charakter etwas weiblich-zartes haben^ Jünglinge, wobei ihm jedoch feminine Urninge zu weibisch zu sein pflegen und das gleiche gilt für das konträrsexuelle Weib, je mehr weib- liches in ihr ist, je weniger sie von der Norm abweicht, umsomehr liebt sie Frauen, die männliches an sich haben, kräftige geistesstarke Weiber, Künstlerinnen, Schriftsteller- innen und je viriler sie selber ist^ umsomehr fiihlt sie sich von jungen, echt weiblichen Mädchen angezogen. Der Urning und die Uminde existieren, sie sind keine Wahngebilde, daher sind sie wert erkannt zu werden Eine umfangreiche und recht sorgfältige Casuistik wird vor allem auf die geschilderten Verhältnisse ihr Augen- merk zu richten haben, damit selbst die grössten Skeptiker und alle, welche bisher in der Beurteilung der Homo- sexuellen mehr ihrem subjektiven Gefühl, als der objektiven Erkenntnis folgten, merken, dass der Uranismus kein Ver- brechen, sondern ein naturwissenschaftliches Phänomen darstellt. Im Einzelfall sind vor allem folgende Punkte zu berücksichtigen: Fragebogen. Name, Wohnort^ Geschlecht, gegenwärtiges Alter, Rasse, Beruf, verheiratet oder ledig?*) *) Die Beantwortung des folgenden Fragebogens, auch wenn lie sich nicht auf sämtliche Punkte erstreckt, ist dem W.-h. C. ftasserst erwänscht and wird die Einsendung an die in dem Vorwoit an- gegebenen Adressen unter Zusicherung strenger Diskretion erbeten. — 27 — A. Die Abstammung. 1. Sind Ihres Wissens bei ^ den Eltern, den direkten Vorfahren oder deren Seitenverwandten Fälle von Homo- sexualität, von nervösen oder psychischen Störungen, wie Krämpfe, Hysterie, Geistesschwäche, Melancholie etc., von moralischen Defekten, von Exzentrizitäten,Vagabundage, Alkoholismus, Syphilis, Selbstmord vorgekommen? 2. Welches war^die Todesart der Eltern? 3. Waren die Eltern od er Grosseltern blutsverwandt? (In der Nachkommenschaft blutsverwandter Ehen findet sich eine erhöhte Disposition zu sexuellen Abweichungen aller Art.) 4. Wie war der Altersunterschied zwischen Vater und Mutter? (Von zahlreichen Forschern wird diesem Umstand ein Einfluss auf das Geschlecht des Kindes zu- geschrieben.) 5. Sind sie Mutter- oder Vatergleicher oder besteht eine unbestimmte Aehnlichkeit? (Urninden ähneln oft namentlich im Gesicht dem Vater, Urninge der Mutter.) 6. Befinden sichunterdenGeschwistern oder in der Vetterschaft sexuell abnorme Persönlich- keiten? 7. Wünschte sich die Mutter sehr ein Kind entgegen- gesetzten Geschlechts? 8. Ist Ihnen etwas über das Leben vor Ihrer Geburt bekannt, über acute Krankheiten, starke Erregungen der Mutter während der Schwangerschaft, erfolgte die Geburt rechtzeitig oder unrechtzeitig? B. Kindheit. 9. Zeigten die Geschlechtsorgane irgend welche Abnormitäten, Zwitterbildungen oder zurückgebliebene Hoden, fehlerhafte Mündung der Harnröhre, Leistenbrüche oder dgl.? — 28 — 10. Lernten Sie rechtzeitig Laufen und Sprechen? wie war die erste und zweite Zahnung? IL Litten Sie an Gehirnentzündungen, Schädelver- letzungen, Kopfschmerzen, Krämpfen, Veitstanz, Schielen, Bettnässen oder Zahnabnornütäteu? 12. Bestanden schlechte Instincte zum Ungehorsam, Stehlen, Lügen, Vagabundage, Kauen an den Fingernägeln, vielem Weinen, frühzeitiger Onanie? 18. Spielten Sie lieber mit kleinen Knaben oder Mädchen? Liebten Sie mehr Knabenspiele, wie Soldaten, Steckenpferde, Schneeballwerfen, Raufen oder Mädchen- spiele, wie Puppen, Kochen, Häkeln, Stricken, sagten die Leute „sie ist der reine Junge" oder „er ist wie ein kleines Mädchen?" 14. Wie war die Erziehung, der Unterricht ? wurden Sie mehr intern in Pensionsanstalten, Klöstern, Kadetten- häusem oder mehr extern erzogen? 15. Wie waren die geistigen Fähigkeiten? zeigten Sie mehr Veranlagung zu abstracten Fächern, wie Rechnen, Mathematik oder zu schöngeistigen, wie Sprachen, Deutsch etc.? IG. Bestanden schwärmerische Schulfreund- schaften oder ungewöhnlich starke Verehrung erwachsener Personen? Auf wen erstreckten sich dieselben? 17. Wie und wann traten die ersten geschlechtlichen Aeusseruugen auf? 18. Wann trat die Reifezeit ein, wie und wann ent- wickelten sich die Stimme, Brüste, Haare? C. Gegenwärtiger Zustand. L Körperliche Eigenschaften und Funktionen. 19. Wie ist Form und Stärke des Knochengerüsts, die Figur, die Breite des Beckens, der Hüften, Formation des Schädels, mehr hoch oder flach, laug oder breit? 20. Sind die Konturen des Körpers eckig, straff zu- — 29 — sammengefasst, unterdeutlichem Hervortreten der Knochen- vorsprünge oder sind die Linien, namentlich Schulter und Rücken mehr rund unter Vordrängen der Kurven von Brust, Bauch^ Hüften und Gesäss? 21. Sind die Oberarme mehr cylindrisch ab- geflacht oder abgerundet? 22. Sind die Oberschenkel mehr konisch, d. h. von oben nach unten rasch abnehmend oder schlank? 23. Sind die Hände klein, zart, weich oder schmal, kräftig imd robust? 24. Sind die Füsse klein, zierlich oder auffallend gross? 25. Sind die Muskeln (das Fleisch) weich, schwellend, stark in Bindegewebe eingebettet oder fest, hart? 26. Sind die Muskeln schwach oder kräftig? wie gross ist die Kraft der Hand mittelst Dynamometer gemessen ? 27. Besteht mehr Neigung zu kräftiger Muskelthätig- keit, starken, schnellen, präzisen oder zu ruhigen, wiegen- den Bewegungen, wie Tanz und dgl.? 28. Sind die Schritte klein, langsam, trippelnd, tänzelnd, schlürfend oder fest, gross, schnell, gravitätisch; findet beim Gehen ein unbewusstes Drehen in den Schultern oder Hüftien statt, oder wird der Rumpf ruhig, grade oder vornübergeneigt gehalten? 29. Wie sind die Bewegungen der Hände, zumal der Händedruck, lebhaft, kräftig, affektiert, schlicht? i)0. Besteht eine Fähigkeit, die beiden ersten Zehen von einander zu spreizen und in welchem Grade? 31. Wie können Sie pfeifen und wie räuspern Sie sich ? (Ulrichs u. a. wiesen darauf hin, dass Urninge meist nicht pfeifen können und den Schleim nicht kräftig, sondern langsam entfernen, Uminden umgekehrt.) 32. Wie ist die Hautfarbe, der Teint, weiss, rosig, zartj blendend, rein oder kräftig, braun, unrein? Ist die Haut fettreich? 33. Sind die Brüste voll, rund, fleischig oder platt, — so — mager? Sind die Brustwarzen und der Warzenhof besonders gross? 34. Finden sich überzählige Brustwarzen resp. Brust^ warzenrudimente^ wie viel und an welchen Stellen? 35. Ist die Haut des Körpers glatt oder rauh ? 30. Ist das Haupthaar kräftig? wie ist die Haarfarbe und die Haartracht, gescheitelt, schlicht, lockig, ungeordnet? 37. Ist Bartflaum, schwacher oder starker Bartwuchs vorhanden ? 38. Sind die Gefässnervcn der Haut sehr affi zier bar? wechselt die Farbe des Gesichts und der Ohren oft? Erröten und orblassen Sie leicht? Wie ist die Pulszahl? 39. Ist die Schmerzempfindlichkeit gross oder klein? (bei Männern grösser, wie bei Frauen, nach de Filippi 69,23 zu 53,16.) 40. Sind die Ohren gross, abstehend, klein, zierlich? 41. Ist der Blick sanft, schmachtend, innig, koquettirend, beweglich oder mehr ruhig, fest, naiv? 42. Wie ist der Gesichtstvpus? lehnt er sich mehr an das andere Geschlecht an? (es ist sehr schwer, einen Typus in Worten zu beschreiben; am augenfälligsten tritt der frauenhafte Gesichtsausdruck der Urninge und der männliche der I^minden auf Bildern und im Schlaf hervor. Einsendung der Photographie wäre sehr erwünscht, sonst empfiehlt sich Hinweis auf allgemein bekannte Typen z. B. Typus „Clara Ziegler*, Typus „Ludwig II. von Bayern* etc.) 43. Wie ist der Bau des Kehlkopfs, tritt der Adams- apfel am Halse wenig, garnicht oder stark hervor? 44. Ist die Stimme hoch oder tief, schrill oder sonor, die Sprache laut oder leise, einfach oder geziert? 45. Besteht starke Neigung^ in Fistel- oder BasRstimme zu sprechen oder zu singen? 46. Bestehen krankhafte Störungen des Nervensystems^ — Sl — z. B. Schwindel, Migräne, Schlaflosigkeit, Zuckungen Hysterieen, Neuralgien, Herzklopfen, starke Mattigkeit und dgl. ? IL Geistige Eigenschaften und Fähigkeiten. 47. Ist das Gemüt mehr weich oder hart, mehr weiblich oder männlich? 48. Besteht eine starke I^mpfänglichkeit für Freude und Schmerz, ist Neigung zum Weinen (Rühr- seligkeit), zu krampfhaften Lach- und Weinanfallen vor- handen, sind Sie begeisterungsfähig oder leicht nieder- gedrückt? 49. Ist Familiensinn, elterlicher Instinkt, Verlangen Kinder zu besitzen garnicht, schwach oder stark ausgeprägt? 50. Besitzen Sie Religiosität, liiebebedürftigkeit, Zärt- lichkeit, Liebenswürdigkeit, Gutmütigkeit, Selbstaufopfer- ung, Philanthropismus, Neigung zu Sehnsucht, Heimweh, Erregbarkeit, Heftigkeit, Zoni? r)L Ist starker Egoismus, Ehrgeiz, Uebertreibung der Personalität, Empfiinglichkeit für Bewunderung und Beifall, Hang aufzufallen, vorhanden? 52. Leiden Sie an Klatschsucht, Redseligkeit, Bos- haft! gkeit, starkem Misstrauen, Neigung zu Aberglauben und Mystizismus. b*^. Besteht Abenteuersucht, Hang zu Exzentrizitäten zum Vagabundieren, zur Verschwendung, zum Sammeln, zum C-ynismus, zur Tmmoralität? sind Sic mehr ordentlich oder ' unordentlich ? 54. Ist Ihr Wesen mehr gleichmässig ruhig oder kurz, wechselnd ? 55. Haben Sic starken oder schwachen Willen, Be- ständigkeit oder L^nbeständigkeit, Furchtsamkeit oder Mut ? 56. Ist der Hang grösser zum Wohlleben oder zur Anspruchlosigkeit, zu geistiger und körperlicher Arbeit oder zur Becjuemlichkeit? — 32 - 57. Ist die geistige Bildung oberflächlich oder tief? Wie ist Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Einbildungskraft? 58. Ist die geistige Beanlagung mehr produktiv oder reproduktiv, mehr kritisch oder rezeptiv? 59. Besteht mehr Beanlagung für Mathematik und abstrakte Probleme oder mehr litterarische, künstlerische Fähigkeit, Talent ftir Musik, Malerei, Vorliebe fiir Plastik z. B. griechische Statuen. 60. Besitzeu Sie Neigung zur Schauspielkunst? 61. Welche historischen Persönlichkeiten sind Ihr Ideal? 62. Haben Sie Zu- oder Abneigung zu weiblichen Be- schäftigungen, z. B. Kochen, Putzen, Haararbeiten, Arrangements, oder zu männlichen, wie Sport, Jagen, Schiessen, Kämpfen. Für welche Gegenstände interessieren Sie sich besonders? (z. B. Politik, Mode, Theater, Pferde.) 63. Zu welchem Beruf fühlten Sie sich hingezogen? 64. Spielt in Ihren Gedanken die Kleidung eine grosse Rolle? Lieben Sie mehr einfache oder auffallende, an- liegende oder flatternde Gewandungen, hohe Kragen oder freien Hals? Findet sich eine stark ausgesprochene Vor- liebe oder Abneigung gegen Schmuck? 65. Haben Sie den Drang in Kleidern des anderen Geschlechts zu gehen ? besteht eine grosse Vorliebe fiir Toilettegegenstände des entgegengesetzten Geschlechts z. B. Ohrringe, Armbänder, lange Strümpfe, Fächer, Parfiims, Puder, Schminken oder Mützen, hohe Kragen, Stiefeln, Beinkleider? Lieben Sie eine bestimmte Farbe?*) ()6. Wie ist die Schrift;, gross, fest, sicher oder klein, dünn, zierlich? (Einsendung von Schriftproben sehr erwünscht.) *) Im alten Rom Ragte man den Kontr&rBCxnellen Vorliebe fflr die grüne Farbe nach. — 83 - III. GeschleclitstHeb. ö7. Id welchem Alter traten bestimmte sexoeUe ^Neigungen hervor? 68. War die sexuelle RichtuDg vor, während und naoh ■der Reife dieselbe oder wechselte sie ? 69. Erstreckt sich der Sexualtrieb auf beide Gre- schlechter in gleichem oder verschiedenem ev. in welchem ♦Grade? 70. Ist der Verkehr ausschliesslich mit Personen des •eigenen oder auch mit solchen des anderen Gresoblechts möglich? Bedarf es bei letzterem der Vorstellung einer gleichgeschlechtlichen Person? Besteht Gleichgültigkeit, Ekel oder Hass gegenüber dem entgegengesetzten Ge- schlecht sowie Widerwille vor dem normalen Akt. Fanden Versuche statt, denselben auszuführen, ftihlten Sie sich nach demselben matt, angegriffen, unbefriedigt? 71. BezogensichLiebesträume auf Personendesselben oder des anderen Geschlechts? 72. Interessierten Sie auf der Bühne, im Zirkus, in Museen mehr Damen oder Herren? 73. Ist der geschlechtlose Umgang mit Personen d«6 andern Geschlechts sehr ungenirt; wird Frauen oderMSoneni gegenüber mehr Schamhafligkeit empfunden? (Die bekannte hoch talentierte üminde Gräfin Sarolta V., deren Ehe mit einem Weibe vor einigen Jahren berechtigtes Aufsehen machte, war so schamhaft, dass sie nur unter Männern schlafen konnte. Im Gerangnis musste sie, wenn sie ein Bedürfiiis befriedigte oder die Wäsche wechselte, die Zellen- genossinnen bitten, sich abzuwenden.) 74. Erstreckt sich die Liebe auf ein Individuum desselben Geschlechts, das sich im Aeussem und im »Charakter mehr dem entgegengesetzten G-eschlecht nähert, also auf jugendliche Männer und Frauen mit männlichen Eigenschaften, oder aber bezieht sie sich auf gleich- :ge8chlechtliche Personen, die einen ausgesprochenen Typus Jahrbuch für homosexuelle Fortchungeu. 3 — 34 — dieses Geschlechts darstellen, also auf kräftige, echt männ- liche und zarte echt weibliche Typen. 75. Fesselten Sie mehr gebildete oder gewöhnliche^ sanftmütige oder rohe, zierliche oder kraftvolle Naturen? Greben Sie bestimmten Berufsarten den Vorzug (z. R Kellnern, Schauspielerinnen, Prostituierten), namentlich uniformirten Ständen, insonderheit Soldaten? (wir hatten einen Patienten, der sich in verschiedenen Ländern fast ausschliesslich von Polizisten angezogen ftihlte.) 76. Hatten Sie Freundschaftsverhältnisso, eheartige Bündnisse von langer Dauer oder mehr flüchtige, wechselnde Beziehungen? (hier £inftigung der sexuellen Geschichte erwünscht). Kam es zu starken Eifersuchtsaffekten ? Liebten Sie mehr Typen oder Individuen? 77. Wie wurde der intersexuelle Verkehr gepflegt? war die Art des Begehrens mehr männlich aktivisch oder weiblich passivisch? Wünschten Sie als Mann oder Weib geboren zu sein? 78. Wie war die Stärke und die Beherrschbarkeit des Geschlechtstriebes ? Inwieweit wurden die Neigungen unterdrückt^ inwieweit ihnen nachgegeben? Empfanden Sie durch den homosexuellen Verkehr besondere Kräftigung und gesundheitliche Förderung? 79. Bestand je Liclination zu unreifen Individuen ? 80» Litten Sie an anderweitigen sexuellen Anomalieen z. B. sadistischen Neigungen (Sucht zu peinigen), masochi- stischen (Sucht, gepeinigt zu werden) fetischistischen (Liebe zu einem Körperteil, wie Hand, Fuss, Leberflecken, oder einem Gegenstand, wie Stiefel, Taschentuch) exhibitionist- ischen (Sucht, die Genitalien zu zeigen) oder dergleichen ? 81. Gingen Sie eine Ehe ein, aus welchen Gründen? Wie war das Eheleben? Hatten Sie Kinder? Lieben Sie dieselben? Wie sind die Kinder? 82. Wann und wodurch entdeckten Sie Ihre Natur? 83. Können Sie eine Ursache Ihrer abnormen Em- — 35 — pfindungen angeben? Trat die Homosexualität in nur ein- gesohlechüicher Gesellschaft auf? 84. Haben Sie stark gegen Ihre Natur angekämpft? mit welchen Mitteln und welchem Erfolg? Fühlten Sie sich sehr unglücklich? Litten Sie an LebensüberdrusSi machten Sie Selbstmordversuche? 85. Was halten Sie selbst von Ihren sexuellen Zu- stand ? Glauben Sie schuldlos oder verbrecherisch^ natürlich oder naturwidrige krank oder gesund zu sein ? 3* Vier Briefe Karl Heinrich Ulrichs (Koma NnmaDtlns) an seine TsrwaDdten. [jie folgenden Briefe wurden uns von UlriohB einuger noch lebenden Schwester zur Verfügung gestellt Sie stammen aus der Zeit vom 22. September bis 23. Dezember 1862; zwei von ihnen waren bestimmt, imter sämtlichen näheren Angehörigen zu circulieren, zwei sind an einen Onkel gerichtet. Karl HciDrich Ulriphi (Xnma Nuuutiiii.) Ol Karl Hemrich Ulricba war am 28. August 1825 zu Westerfeld bei Aurieh gebarea. Sein Vater war Baumeister, sein Oroaavater evangelischer Superintendeui. Er besuchte die Gymnasien zu Aurieh, Detmold und Celle, die Universitäten von Göttiogen und Berlin. Sehon früh legte er einen ungewöhnlichen Fleiss und seltene Beanlagung an den Tag, welche ihm als Student in Göttingen den akademischen Preis, in Berlin die goldene Medaille eintrugen. Er war ein Mann von universeller Gelehrsamkeit, der 'nicht nur in seinen Hauptfächern, der Jurisprudenz und Theologie, sondern auch in den Natur- wissenschaften und der Philosophie völlig zu Hause war, auf einigen Gebieten, wie der Mathematik, Astronomie, Archäologie, Münzen- und Schmetterlingskunde hervor- ragendes leistete und das klassische Latein in so vollendeter Weise beherrschte, dass zeitgenössische Kenner in ihm den ausgezeichnetsten Vertreter dieser Sprache erblickten. Die lateinisch geschriebene Zeitschrift „Alaudae", welche er im letzten Lustrum seines Lebens herausgab, erfreute sich bei ihren gelehrten Lesern in allen Ländern einer geradezu enthusiastischen Bewunderung. Ulrichs hatte sich, nachdem er nur kurze Zeit als hannoverscher Amts- assessor thätig gewesen war, früh ins Privatleben zurück- gezogen und lebte an verschiedenen Plätzen Deutschlands zuletzt in Stuttgart schlicht und anspruchslos seinen wissen- schaftlichen Arbeiten. 1880 siedelte er nach Neapel über, von dort drei Jahre später nach Aquila in den Abbruzen, wo er am 14. Juli 1895 im Krankenhause starb. Freunde der lateinischen Sprache Hessen ihm dort ein Denkmal errichten. Ln Jahre 18G4, also zwei Jahre, nachdem er die unten- stehenden Briefe an seine Verwandten richtete, erschienen »Vindex* und »Liclusa* seine ersten Schriften „über das Rätsel der mannmännlichen Liebe," denen bis 1879 zehn — 38 — "weitere folgten. *) Seinen Angehörigen zu Liebe^ die von einer Veröffentlichung seiner Ansichten dringend abgeraten hatten, nannte er sich Numa Numantius. Erst 1868 bei der Herausgabe von Memnon, seinem Hauptwerke, Hess er den Schleier der Pseudon}miität fallen. Seine Werke sind ftir alle späteren Arbeiten auf diesem Gebiet grundlegend geworden. In ihrem vollen Wert werden sie erst von späteren Geschlechtern gewürdigt werden, er eilte seiner Zeit zu weit voraus. Die hier zum ersten Mal an die Oeffentlichkeit ge- langenden Briefe sind ein wertvolles ,,document humain,« nicht allein wegen ihres wissenschaftlichen Gehalts, sondern auch wegen des hohen, edlen und wahrhaften Geistes, von dem sie erftiUt sind. Würde nur ein geringer Bruch- teil der Urninge einen ähnlichen Mut und Eifer bekundet haben, es würde um die Sache des Uranismus besser be- stellt sein. VersULndlich freilich ist diese Zurückhaltung; denn noch heute gilt das Dichterwort, dessen Richtigkeit auch Ulrichs hat erfahren müssen: „Nur wer sein eigen Glück ans Kreuz geschlagen. Kann ein Erlöser ftir die Menschheit sein." *) S&mtlichc Ulricb'scben Schriften sind im Sommer 1898 bei Spohr in Leipzig nea erschicnon. Frankfurt, den 22. September 1862, Liebe Schwester! Endlich ist es wohl Zeit^ Deine beiden lieben Briefe vom 13. und 20. Juni d. J. zu beantworten und Dir recht herzlich zu danken fiir Deine freundliche und gewiss sehr mühsame Besorgung meiner Burgdorfer Angelegenheiten, lieber diese Besorgung nächstens mehr, heute nur die andre Sache. Dass ich nicht früher schrieb, daran ist Schuld ledig- lich grosse Ueberhäufung mit Arbeit, da nämlich einen ganz kleinen kurzen Brief in dieser Sache Dir zu schreiben nicht möglich war. Ich erhielt den zweiten Brief, nebst Anschreibekalendern, in denen die sehr vermissten Notizen leider nicht vorhanden waren, erst während des Schützen- festes, welches mich von früh bis spät in Anspruch nahm, da ich darüber an Zeitungen berichtete. Später erhielt ich von meinem Chef verschiedene, und zwar augenblick- lich drängende und sehr wichtige Arbeiten. Und endlich "bin ich fortwährend beschäftigt mit einer Arbeit aus Ge- fälligkeit fUr Tewes jun. in Achim, nämlich das Manus- kript eines juristischen Buches für ihn vor dem Druck ^urchzukorrigieren, eine sehr langweilige, schwierige und langwierige Arbeit. Da schon gedruckt wird, so hat er — 40 — mich in letzter Zeit noch dazu sehr gedrängt, unuDter- brochen daran zu bleiben. Das war auch der Grund, dass ich nicht einmal zu Deinem Geburtstag schrieb, (meine herzlichen Wünsche fiir Dich leben ja ohnedies); einen kurzen blossen Gratulationsbrief nämlich wollte ich nicht gerne schreiben. Nun zur Sache. Liebe Schwester, das ist endlich einmal ein Ton, in dem Du da schreibst, der, wenn irgend etwas auf Erden, wirksam sein müsste, wirksamer als alle Eure früheren Schroffheiten. Durch solchen liebevollen' Ton ziehst Du alle Stacheln aus meinem Herzen und er- reichst alles, was erreichbar ist. Zuvor Deinem Wunsch gemäss die Versicherung dass ich Deinen Brief nicht circulieren lassen werde. Sodann erkenne auch ich wenigstens einen Ansatz von Unbefangenheit darin, dass Du schreibst, stellenweis habest Du gedacht: „Karl hat Recht ** Alles übrige aber, liebe Schwester, beruht auf falschen Voraussetzungen.*) Mit grosser Liebe er- mahnst Du mich, jetzt den Entschluss der Umkehr zu .fassen. Du giebst zu, die Umänderung möge sehr schwer sein. Aber Gott werde helfen. Das lautet sehr schön — und wäre auch ganz richtig gesprochen, wenn meine Neigung eine Ange- wöhnung oder eine Abirrung von meiner angeborenen. .Natur wäre. — Aber, liebe Schwester, selbst das aller- schönst« Frauenzimmer zu lieben, ist mir absolut unmög- lieby und zwar lediglich deshalb, weil kein Frauenzimmer jnir auch nur eine Spur von Liebesempfindung einflösst,. kein Mensch aber sich selbst durch seine eigene .Willenskraft Liebe gegen bestimmte Personen .oder Geschlechter einflössen liann. Dies ist auch. *) Die gMpeivten Stallen Bind in den Briefen einfaoh, die fett. 4fednickten mehrfach unterstrichen. — 41 — stets bei mir so gewesen. Hättest Du Recht, ich hätte- jemals auch nur eine leise Spur von Liebe empfunden zu Dorette K., Auguste H., Louischen Ü., oder zu einer- der vielen jungen Mädchen, mit denen ich getanzt, dann hättest Du auch im übrigen Recht, dann fiele mein ganzes System zu Boden, und alle meine Sätze von a bis z wären irrig. Aber, liebe beste Schwester, wie in aller Welt kannst Du dazukommen, mir zu jenen Damen Liebe anzudichten? Du wirst doch unmöglich Jugendfreundschaft imd Ver- wandtenliebe zu Louischen U. und Dorette K. verwechseln wollen mit geschlechtlicher Liebe? Dass Du aber Auguste H^ nennest, das wundert mich in noch weit höherem Grade. Das indirekte Verhältnis, in dem ich zu Auguste H. stand, solltest Du, meine ich, kennen. Die Zuneigung, die ich für sie, wie auch für ihre Eltern fühlte, war ja nur der schwache Abglanz der herrlichen Sonne einer Liebe, gleich- wie die Bergesgipfel, die in der Abendsonne erglühen,, nicht die Sonne selber sind, sondern nur von ihr bestrahlt werden. Ich will das Heiligtum dieser Liebe nicht lüften,, und ich hofiPe auch von Dir, dass Du nicht so indiskret sein wirst, dieses mein Heiligtum zu berühren. Du sagst selbst, eine tiefe, ernste, wahrhafte Liebe gegen jene Damen hättest Du bei mir nicht be- merkt, nur ein oberflächliche s Tändeln und Seh erzen.. Das ist gewiss eine sehrrichtige Bemerkung. Das heisst mit anderen Worten: es war gar keine Liebe. Damit tällt schon Dein fernerer Einwand: „Du warst eifrig und vergnügt dabei; also kann es nicht etwa ein erzwungener Versuch gewesen sein, eine Neigung zu Mädchen hervor- zulocken.** Das ist ganz richtig. An dergleichen mir widernatürliche Versuche habe ich damals und überhaupt niemals gedacht. Ich habe damals über das Absonderliche meiner Neigung und Nichtneigung, bezw. Abneigung gar* nicht nachgedacht. Ich hatte nicht den mindesten. — 42 — Orund zu wünschen: ,0, dass ich doch zu Mädchen Liebe empfände!" Es war lediglich die anerzogene Pflicht der Höflichkeit zu tanzen und den Damen die Cour zu machen. Wie oft mussten mir doch Tante U. und andere einprägen: ,Du musst galant sein gegen die Damen/ Mitunter, ich weiss dies noch recht gut, war ich sehr unlustig, dem nachzukommen. Nach und nach freilich ^abe ich mir das Courmachen etc. erzwungener Weise anerziehen lassen wider meine Natur. Die Frucht eines solchen widernatürlichen Anerziehens hast Du nun selbst entdeckt: eine ernste Liebe ging nicht daraus hervor, sondern nur ein oberflächliches Tändeln. Dass ich übrigens in diesen Scherzen mit jungen Damen •oft recht vergnügt gewesen sei, leugne ich gar nicht. Sobald ich freilich erzwungener Weise mit ihnen von etwas sprach, oder sprechen musste, w as Liebe berührte, war ich gewiss nie wahrhaft froh, nur etwa höchstens frivol-tändelnd, um dadurch über meinen inneren horror naturalis hinwegzukommen. Sobald ich aber von Dingen mit den jungen Damen sprach, welche nicht die Liebe berührten, da bin ich ganz gewiss völlig heiter und froh, und auch herzlich gewesen ; zumal diese Damen in Burgdorf, wie in Achim, mir persönlich sehr genau bekannt waren und zum Teil ganz liebenswürdig waren, d. i. ein gutes Herz hatten, sich angenehm unterhalten konnten u. s. w. Aber Du wendest ein, das ist doch mindestens keine Abneigung vom weiblichen Geschlecht. Liebe Schwester, ich habe auch gar nicht im Allgemeinen eine solche Abneigung behauptet, sondern nur in Bezug auf ge- schlechtliche Liebe. Sobald von anderen Dingen Hdie Bede ist, war ich, wie gesagt, und bin ich noch jetzt ganz gern in Gegenwart der Damen, selbst junger und schöner Damen. Ich ftihle keine Abneigung, kann sie auch *ohne alle Abneigung körperlich berühren, sobald dies zu — 48 — -anderen Zwecken geschieht, als zu Liebkosungen^ z. B. zum Tanz. Sobald aber von Liebe die Rede ist, «ei es, dass die Dame selbst davon spricht, oder andere davon sprechen, oder dass Anspielungen von Seiten dritter fallen, oder dass die Dame Liebesblicke auf mich richte? sofort ist die Heiterkeit und Unbefangenheit in mir vorbei, einer Beklommenheit und bangen Ängstlichkeit macht sie Platz, kurz die geschlecht- liche Abneigung tritt ein. Weil ich in einer Gesell- «chafl, in welcher sich eine oder mehrere junge Damen befinden, dergl. stets befürchten muss, so fliehe ich meist solche Gesellschaft. Li der Gesellschaft älterer Damen bin ich ganz gern, wenigstens ganz ruhig. Louischen U. gegenüber bin ich nie in solche I-^ge ver- setzt. Ebensowenig Auguste H. gegenüber. Wohl aber, ich kann es nicht leugnen, Dorette K. gegenüber, nament- lich in der Zeit ihrer Verlobung und auch leider, noch bei Gelegenheit, als ich sie in ihrer Krankheit sah. Dass ich bei ihrer Verlobung ihrer Mutter scherzweise kondolierte, wolle doch keiner fUr eine Liebeskund- gebung halten. Jene Anspielungen in Bezug auf sie hat mir gegenüber z. B. unsere T^ouise mehrfach gemacht. Die Erinnerung an die mir sonst so liebe Gespielin meiner Kindheit wird mir dadurch noch jetzt ein wenig verleidet. Hiernach ist es gewiss richtig, wenn ich sage. Du gehst von einer irrigen Voraussetzung aus. Du giebst nur zu, dass eine Selbstumwandlung meiner Neigung mir «chwer werden möge, nimmst aber ohne weiteres an, «ie sei doch wenigstens möglich. Wie kommst Du ■eigentlich dazu, ohne weiteres dies für möglich «u halten? Wie soll ich es denn eigentlich an- fangen, meine Gefühle umzuwandeln? Gethan habe ch es ja noch nicht, sonst wüsste ich, wie es gemacht wird; denn die gegenwärtige Richtung meiner Neigung — 44 — rührt nicht her von einer solchen Umwandlung, sondern sie ist mit dem Eintritt der Pubertät ganz von selbst hervorgebrochen. Wie wolltest Du z. B. es be^innen^ Deine Liebe von Männern auf Weiber zu übertragen? Wie wolltest Du auch nur den Entschluss der Uebertragung fassen können? MQssten nicht alle Ermahnungen vergeblich sein, auch die liebevollsten? Der liebe Gott hat mir die Liebe in derselben Richtung gegeben, in der er sie den Weibern giebt, d. i. auf Männer gerichtet. Ihn zu bitten, sie mir jetzt um- zudrehen, wäre im höchsten Grade unchristlich. Wer darf von Gott bitten, ein Wunder zu thun ? ,Du sollst Gt)tt nicht versuchen.* Wer darf Gott bitten, sein eignes Werk, das er zu unerforschlichen Zwecken gemacht hat, wieder zu zerstören? Willst Du armes Geschöpf von Mensch es besser wissen als der Schöpfer? Liebe Seh wester, wenn Du und Ihr Uebrigen immer fort- fährt, nach den schlagendsten Gründen und Ver- sicherungen gar nicht hinzuhören, so muss ich am Ende doch wirklich nicht nur Eure Voreingenommen- heit vermuten, sondern auch Euer Nicht- Wollen, d. i. der Wahrheit die Ehre zu geben, weil sie in Ener bis- heriges System vielleicht nicht passt. Die Wahr- heit soll also weichen Euren ausgeklügelten Systemen! Sollte das wohl Gott wohlgefällig sein ? Du meinst jetzt, in Berlin hätte mich ein unglück- licher Vers erst auf diese Idee gebracht!!! Zunächst weiss ich gar nicht, welch einen Vers Du meinst, und ich möchte dies wirklich gern von Dir erfahren. Sodann ist diese Annahme, meine Neigung sei dadurch entstanden» dass ich überhaupt auf diese Idee gebracht worden wäre, gänzlich Irrtum. Ebenso rufst Dusehr ohne Grund aus: „O, wärst Du nie nach Berlin gekommen!*^ — 15 — In Berlin scheint allerdings auch mir ein Hauptsitz der Uranier zu sein. Allein Du irrst sehr, wenn Dn meinst, in Berlin sei diese Neigung in mir entstanden. Sie ent- stand, wie gesagt, genau beim Eintritt der Pubertät, als ich noch Schüler in Detmold war. Etwa ein halb Jahr z. B., ehe ich nach Berlin ging, war ich einmal in Münden auf einem Ball, wo ich wie gewöhnlich ziemlich viel tanzte. Aber unter den Tänzern waren etwa zwölf junge, schön gewachsene und schön uniformierte Forstschüler. Während auf früheren Bällen, z. B. in Burgdorf, von den Tänzern mich niemand gefesselt hatte, fesselten einige unter diesen mich in so hohem Grade, dass ich ganz kon- sterniert war und meine Tänzerinnen wenig oder gar nicht unteriiielt, vielmehr unverAvandt jene anblicken musste. Ich hätte ihnen sofort um den Hals fallen mögen. Als ich nach dem Ball zu Bett ging, erduldete ich auf meiner Schlafkammer im Willmann'schen Hause, einsam und von keinem Menschen gesehen, wahre Qualen, lediglich ergriffen von der Erinnerung an jene schönen jungen Männer. Jetzt noch einiges einzelne. Du fragst, ob das dritte Geschlecht sich auch untereinander liebe ? Auf diese Frage war ich nicht gefasst; ich hatte sie mir noch nicht ge- stellt Ich habe niemals Liebe empfunden zu einem Uranier. Ich habe jedoch erst sehr wenige gesehen. Für 4inmöglich halte ich ein gegenseitiges Liebe-Empfinden nicht Mir ist es jedoch, wie ich meine, ein wenig wider- strebend. Durch Deine Frage veranlasst^ habe ich diesen Punkt in der Schrift besonders erörtert, die ich nächstens an Onkel Wilhelm werde gelangen lassen. Ob aber ein Dionäer*) einem Uranier unter Umständen Befriedigung gewähren könne, ohne zu sündigen, fragst Du? Diese Frage hat zunächst keinen Einfiuss auf das, was iui8 *) So bezeichnete Ulrichs normalsi'xaclle Personou. — 16 — sündlich ist oder Dicht. Dennoch hatte auch ich mir diese Frage schon gestellt und sie in eben jeuer Schrift ganz- ausfuhrlich schon beantwortet. Ich glaube nämlich, unter Umständen ja, und fiihre auch die Gründe an, weshalb sich Römer I. hierauf nicht bezieht Römer I. setzt nämlich ausdrücklich voraus, dass die Befriedigung beiden Teilen widernatürlich sei, was bei der Befriedigung die ein Dionäer einem Uranier gewährt, ja nicht der Fall ist Es giebt auch uranische Ehen, d. i. Naturehen, ehe- ähnliche Liebesverhältnisse. Im alten Griechenland waren sie sehr verbreitet Ob es Zwischenstufen giebt zwischen Uraniern und Dionäem? Femer ob die Männer in I. Moses 19, 4. 5. und Richter 19, 22. Uranier waren oder aber Dionäer mit Ausartung nach uranischer Seite hin? Endlich, ob allen Männern, wie Du meinst, in mehr oder minderem Grade, neben der geschlechtlichen Liebe zu Weibern, noch eine unnatürliche geschlechtliche Liebe zu Manne rn angeboren sei ?! Dies alles sind völlig müssige Fragen, wenn es überhaupt reine, nnTermischte Ura- nier giebt Dass es aber solche giebt^ wirst Du nicht bezweifeln können, sowie, dass ich einer davon bin. Uns gehen die etwaigen Zwischenstufen nichts an. Uebrigens selbst wenn es Zwischenstufen gäbe, so würden doch die ^prostituierten Männer in Berlin" nicht dazu gehören^ diese sind gewöhnliche Dionäer. Sie empfinden weder; Abneigung vor Weibern noch Liebe zu Männern. Du meinst, eine uranische Neigung müsse im Keime bekämpft werden. Warum denn aber eigentlich? Ich sehe es nicht ein, halte es vielmehr umgekehrt gerade für Sünde, an Gottes Werk, durch Bekämpfung des- selben, sich zu vergreifen. Denn das Empfinden von Liebe ist gerade so gut ein Werk Gottes, wie mein Arm oder mein Bein, nur dass es ein geistiges Stück des Menschen ist, das Bein aber ein körperliches. — 47 — Du antwortest^ weil die uranische Neigung eine ^verkehrte, unnatürliche oder sündliche" sei. Allein das Empfinden einer Neigung ist niemals sünd- lich, nur das sich-ihr-hingeben und das ins-Werk- setzen. Das ins Werk setzen der uranischen Neigung, aber soll ja erst deshalb sündlich sein, weil die uranische Neigung „verkehrt oder widernatürlich" sein soll.. Ich mache die merkwürdige Erfahrung an mir: je mehr Beweisgründe ich entdecke fiir mein System, je sicherer imd je klarer ich in demselben werde, um so mehr schmilzt alle meine frühere Bitterkeit dahin über die erfahrenen Unbilden. Ich stelle jetzt umgekehrt die freundliehe Bitte an Dich, doch einmal zu versuchen, auf meinen Ideengang einzugehen. — Ich sagte: „Wir sind geistig: Weib,* d. i. geschlechtlich, nämlich in der Richtung unserer ge- schlechtlichen Liebe. Wir enthalten übrigens in meher sind. Hranismus ist eine Spezies von Hermaphroditismus,, oder auch eine koordinierte Nebenform von ihm. Uranismus und Hermaphroditismus sind durchaus nicht etwa Krankheitserscheinungen. Ebensogut wie Ihr, blühen Uranier und Hermaphroditen wie die- Rosen und sind gesund wie die Fische im Wasser. Meinen Satz: Gott habe ausser !Mann und Weib auch noch Naturen neutrius sexus geschahen, leugnet Lndewigr weil in der Bibel nur stehe: „Und Gott schuf: ein Männlein und ein Fräulein." — 51 — Sollte er hierauf beharren, so wird er auch leugnen müssen, Gott sei es, der die Hermaphroditen ge- schaffen habe : und diese müssen wohl dadurch entstanden sein, dass sie selber ihre Natur verlassen (umgeändert) haben (vgl. Römer I.): wie Ludewig und Gr. geradezu behaupten, dass auch die Uranier die Natur, die Gott ihnen gab, verlassen haben (umgeändert.) Für das Vorhandensein der weiblichen Natur in den Uranieren habe ich neuerdings Beweismittel entdeckt, welche Ihr schwerlich imstande sein werdet, zu negieren. Bisher habt Ihr alle auf meine sämtlichen Mitteilungen durchaus garnichts gegeben, „weil sie nur Behauptungen seien", d. i. also Avohl , unwissentliche, auf Selbsttäuschung benihende, oder gar wissentliche Un- Wahrheiten." (Wilh. l^. hat sie zum Teil sogar für teuf- lischen Wahnsinn und schauerlichen Blödsinn erklärt.) Ob diese Behandlungsweise meiner Mitteilungen, auch meiner feierlich gegebenen Versicherungen, mir gegenüber, meiner Persönlichkeit nach, gerechtfertigt war? Ob Ihr nicht wenigstens etwas auf sie hättet geben sollen? Das will ich nicht weiter erörtern. Jedenfalls ist es mir eine Ge- nugthuung, einzelne, und zwar gerade meiner wichtigsten Mitteilungen jetzt stützen zu können auf das Zeugnis anderer Personen, lebender und toter, zum Teil wissen- schaftlicher, ärztlicher Autoritäte n, welche ihre Wahrnehmungen in medizinischen Schriften nieder- gelegt haben. Ein Novum: Die weibliche Natur des Uraniers be- steht keineswegs bloss in der Richtung seiner ge- schlechtlichen Liebe zu Männern und seines geschlecht- lichen Abscheues vor Weibern. Ihm ist vielmehr ausserdem auch noch ein sogen, wiiblicher Habitus eigen, von Kindesbeinen an, der sich dokumentiert in Hang zu mädchenhaften Beschäftigungen, in Scheu vor den Beschäftigungen, Spielen, Raufereien, Schneeball- — 52 — • werfen der Knaben, in Manieren, in Gesten, in einer ge- wissen Weichheit des Charakters etc.*) Diesen weiblichen Habitus habe ich an mir schon längst wahrgenom- men, ihn auch Dezember 1854 in Cassel Gr. mitgeteilt, als etwas mir auffallendes, was wohl mit meiner Natur zusanmienhängen möge. Weil Gr. mir diesen Ge- danken ausredete, so Hess ich ihn fallen. Erst kürzlich habe ich ihn wieder aufgegriffen: wei ich nämlich den weiblichen Habitus merkwürdiger Weise bei allen Uraniem, die ich beobachtete, sich Aviederholen sehe, und femer weil, wie ich jetzt sehe, auch die Medi- ziner beim eigentlichen Hermaphroditismus wesentliches Gewicht auf ihn legen. Wie oft klagte meine liebe Mutter: ,Du bist nicht so wie andere Jungen!" Wie oft warnte sie mich: „Sonst wirst Du ein Sonderling." Alles Animieren, Zwingen etc. brachte das Knabenmässige, das einmal nicht in mir war, nicht in mich hinein. Ich war eben schon ein Sonder- ling, nämlich von Natur. Dieser meiner weiblichen Natur wegen bin ich schon als Knabe manchen bitteren Qualen unverschuldet, ausgesetzt gewesen. So glaube ich meinen Wunsch „des mihi, ubi sto!* denn endlich erföUt zu sehen, endlich festen Boden unter meinen Füssen gewonnen zu haben. Die Moralvorschrifl in Kömer I bezieht sich, ihren klaren Worten nach, ausdrücklich nur auf Männer, die ihre Natur verlassen haben. Selbst Ludewig und Wilhelm U. werden dies nicht länger leugnen können, wenn sie Gott durch Wahrheit die Ehre geben wollen. Gr. hat indirekt es schon zugestanden. Sie bezieht sich also nicht auf Halbmänner, auf uranische Hermaphroditen, *) Hier hat einer der Adresiaten an den Rand geschrieben: Einen solchen weiblichen habitns glaobo ich an Karl allerdings stets wahrgenommen za haben. — 53 — welche ihrem geschlechtlichen Liebestriebe nach überall nicht Männer sind, sondern Weiber: Weiber in männlich gestalteten Körpern. Hiernach wird es wahrscheinlich ein nie zu sühnen- des Unrecht sein, wenn die Majorität noch länger ihre Uebermacht dazu missbrauchen wird, an die Uranier zwangsweiseden Massstab der Männer anzulegen, und zu diesem Zweck noch länger einen wahrhaft teuf- lischen Missbrauch zu treiben einerseits mit den heiligsten Gegenständen der Religion (z. B. „die Uranier hätten keinen Teil an Christo" wie Wilhelm U. meinte), anderer- seitü mit dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit, welche ja doch Gottes und nicht des Teufels Dienerin sein soll. Auf Grund eines anderen, beklagenswerten Irrtums der Majorität, und ebenfalls bona fide, ward ein ähnlicher Missbrauch mit der weltlichen Gerechtigkeit einst den Hexen gegenüber getrieben. Meines Erachtens gehört CS zu den tiefsten und schwierigsten Problemen: wie Gott die bona-fide- Verfolgungen der Hexen und Uranier so viele Jahrhunderte hindurch in seiner Gerechtigkeit habe zulassen können? — Fast sollte ich an einen persönlichen Teufel glauben, der zu solchem Zweck die Augen der Majorität durch ein satanisches Blendwerk absichtlich geblendet habe. Die uranischen Hermaphroditen sind keine Eu- nuchen. Ihnen so gut, wie Euch, gab Gott den ge- schlechtlichen Liebestrieb; ihnen so gut, wie Euch, gab er damit auch das Recht, ihn zu befriedigen. Allen Menschen gab er dieses Recht, vorausgesetzt, dass die Befriedigung auf dem W^ege erfolge, den die Natur dem Individuum vorgezeichnet hat. Keinen Menschen hat er verdammt zu unbedingter lebenslänglicher Befrie- digung, d. i. niemanden hat er lebenslang dazu verdammt, dass die Befriedigung unter allen Umständen ihm Sünde sei. Das Gegenteil steht mit klaren Worten auch in der Bibel: ^nubere melius, quam uri**; „si se non contiueant, nubant''. — Hier hält mir Gr. das Beispiel Tante U. ent- gegen und ähnliehe Fälle der Nichtverheiratung. Ich er- widere: Es handelt sich nicht um irgend welche Gelegen- heit oder faktische Möglichkeit, z. B. einen Freier zu finden, sondern um: „erlaubt oder sündlich." Sünd- lich aber wäre es Tante Ü. niemals gewesen zu hei- raten. Unter welchen Umständen dem uranischen Her- maphroditen die Befriedigung erlaubt sei ? Und wie weit die Pfliclit gehe, seine Triebe zu zügeln? ist eine Frage fiir sich, über die ich gern bereit bin, mich auf eine Er- örterung einzulassen. Ich leugne ja nur: die Befrie- digung sei ihm unbedingt unerlaubt. Das übrigens setze ich in dieser Beziehung schon jetzt hinzu, dass jedenfalls nicht etwa die Ehe die Vor- bedingung dieses Erlaubtseins sein kann, wenigstens nicht die Ehe mit einem Frauenzimmer, weil solche Ehe ihm absolut naturwidrig sein würde. Aber auch nicht etwa die Ehe mit einem Dionäer, wenigstens nicht die kirchlich oder staatlich sanktionierte Ehe mit ihm, weil es keinen Priester giebt, der solche Ehe einsegne, und keinen Zivilstandsbeamten, der sie in seine Listen ein- zeichne. Habe ich 1856 von der Möglichkeit, eine Ehe ein- zugehen, geredet, habe ich damit nicht eine Liebes-Ehe gemeint, sondern eine kalte Vernunft -Ehe. Mit dem Gedanken an eine solche habe ich mich hin und wieder getragen. Das Angeboren sein behaupte ich keineswegs er.st seit dem vorigen Jahre. Schon 1854 zur Zeit unserer Erörterungen zwischen Hildesheim und Hannover, beab- sichtigte ich gelegentlich auch diesen Punkt zu erwähnen. Damals handelte es sich übrigens, von meiner Seite wenigstens, hauptsächlich nur um konventionelles Er- — 55 ^ laubtsein, nicht um moralisches. Damals 20g ich auch Doch nicht so weittragende Konsequenzen daraus, als jetzt. Hätten nach meinem Dienstaustritt jene Erörter- 'ungen sich erneut, so würde ich damals jedoch jedenfalls 4ie Erwähnmig gemacht haben. Onkel Wilhelm meint, durch die Uranier werde 'Gottes Ordnung in der menschlichen Gesellschaft geiähr- ^et und giebt zu verstehen, darum müsse man sie in Ge- fängnisse oder Irrenhäuser stecken. Ich erwidere: Durch sie wird doch nur diejenige menschliche Gesellschaft alteriert und modifiziert, welche :ausschliesslich dionäisch konstruiert ist. Die •dionäische Majorität aber hat gar kein Recht, die mensch- liche Gesellschaft ausschliesslich dionäisch zu konstruiren. Solche Konstruktion derselben ist vielmehr nur empören- der Missbrauch: da wir in der menschlichen Gesell- schaft ebenso existenzberechtigt sind, als Ihr. Ob Euch vor Hermaphroditen, die doch Gottes Werk sind, graut? weiss ich nicht. Ich gebe aber anheim, zu bedenken, dass Euch dann auch vor Schnecken, Austern und unzähligen anderen Geschöpfen Gottes ein unheim- liches Gefühl ankommen muss, da diese sämtlich Herma- phroditen sind. Graut Euch vor Hermaphroditen, so kann ich übrigens nichts dagegen haben, bitte aber, dann doch wenigstens einsehen zu wollen, dass zwischen solchem Grauen und dem Grauen vor einer „gräulichen Sünde" (der von Ludewig beliebte Ausdruck) denn doch ein himmelweiter Unterschied ist. Dies zu Eurer vorläufigen Notiz. Die ausflLhrliche {noch nicht ganz ausgearbeitete) Beweisführung gedachte ich im Manuscript Onkel Wilhelm und Gr. mitzuteilen. Zur Zeitersparnis und wegen der Verlustgefahr gebe ich •diesen Gedanken auf, beabsichtige vielmehr, dieselbe als — 56 — Monographie im Druck erscheinen zu lassen^ etwa unter dem Tit^l: »Das Oeschlecht der uranischen Her- maphroditen^ d. i. der männerliebenden Halb- männer.* Euer Rat über die Art und Weise der VeröflTent- lichung, Anonymität dabei etc. oder überhaupt gegen die völlige oder gegen die selbstständige Veröffentlichung' wird mir wiUkommen sein. Ihr könnt denken^ dass ich über den gewonnenen^ festen Boden sehr erfreut bin, sowie über die Hofihung^ endlich werde es Licht zwischen uns. Euer Karl Ulrichs; NB. Nachschriften der Adressaten: Eine Verhandlung des jedenfalls unerquicklicheD< Gegenstandes nun gar vor dem Publikum würde mir widerwärtig sein^ und wie ich meine, auch Karls Interesse eher gefährden als fördern. U. Das ist auch meine Ueberzeugung. Der neue Beweiss^ dessen Führung abzuwarten wäre, würde in der Beurteilung der Sache nichts ändern. Wenn es so geartete Menschei^ giebt, so müssen sie eine Gesellchaft für sich bilden. Hannover, 15. Dezember 1862. W. Ü. Ich kann nicht beurteilen, inwiefern Deine Ausführ- ungen im obigen gegründet sind, aber es betrübt mich,, dass Du nicht ablassest^ lieber Karl, etwas zu entschul- digen, was nach meiner Ueberzeugung nicht zu entschul- digen ist Tante und Karl grüssen. Ich danke auch für die neulich gesandte Schrift: Grossdeutsches Programm. In treuer Liebe Gr. W. den 3. Januar 1863. Dein alter Onkel U. — 57 — Auch diese Auseinandersetzung, die ich noch geleseni habe, hat nicht vermocht, meine oft wiederholte Ansicht der Sache zu ändern. Die Sache zu veröffentlichen, dürfte* auch nach meiner Ansicht nicht geraten sein. Kl. Gr. den 6. Januar 1863. Ludewig. Ich muss entschieden von der Veröffentlichung der letzterwähnten Schrift abraten und bitte, mich mit allen diese Sache betreffenden Schriften zu verschonen. Ick gebe den Kampf als hofinungslos auf und bitte Gott den. Herrn, zu bewirken, was den Menschen nicht gelingen» zu sollen scheint. D. den 21. Januar 1863. Gr. Frankfurt, den 12. Dezember 1862. III Lieber Onkel I Dein Urteil willst Du, so sagt Dein freundlicher Brief vom 6. d. AI., bis zu den expromittierten Beweisen suspendiren. Ich möchte indess rücksichtlich der Beweislast folgendes geltend machen: Dieselbe liegt gar nicht uns ob, sondern Euch. Beweise die Majorität^ die uns ver- folgt, doch erst einmal ihren Satz, den Satz, von dem sie stets so ohne weiteres ausgeht: „Wessen Geschlechts- organe männlich gestaltet sind, dem ist ge- schlechtliche Liebe zum weiblichen Geschlecht angeboren." Dass dieser Satz, in sehr vielen Fällen zutreffe, in Deutschland z. B., wenigstens heut zu Tage, bei weitem in den meisten, gebe ich sehr gern zu. Allein ^arum handelt es sich ja nicht. Es handelt sich darum: „ob dieser Satz in allen Fällen zutreffe?" Und hier gilt mein beweisloses Nein! genau soviel, als Euer beweisloses Ja! Ihr habt gar kein Becht, die Beweislast uns aufzu- bürden und nachteilige Präjudice zu knüpfen an die etwaige Verfehlung des Beweises des Nein. Hiergegen muss ich im Namen der Gerechtigkeit ausdrücklich pro- testieren. Nachteiliges Präjudice gegen uns auszusprechen namentlich das Präjudice der Widernatürlichkeit voii einander. Brustwarzen — 67 — und Brustdrüsen unterscheiden sich beim männlichen und beim weiblichen Embryo geradezu gar nicht von einander. Hienach nimmt man an, dass: a) in jedem Embryo ein doppelter geschlecht- licher Keim vorhanden sei, ein Keim der Virilität und neben ihm ein Keim der Muli ebri tat, dass sich aber ß) nur der eine Keim entwickle, während der andere nicht zur Entwicklung gelange. Diese Annahme des Satzes a wird um so wahrschein- licher, wenn wir uns in der Schöpfung sonst umschauen^ Hier finden wir, dass bei der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Pflanzen-Gattungen in jedem einzelnen Pflanzenindividuum männliches und weibliches Element neben einander nicht nur im Keim vorhanden ist, sondern dass es neben einander auch zur vollständigen Entwick- lung kommt. Dasselbe finden wir auch im Tierreich, z.B. bei den Schnecken. Jede einzelne Schnecke trägt den geschlechtlichen Dualismus nicht nur im Keim in sich, sondern in einer jeden gelangt auch die Virilität und zu- gleich auch die Muliebrität zur vollständigen Entwicklung^ so dass zwei Schnecken sich gegenseitig begatten und gegenseitig befruchten. E. Dass aber der Satz ß nur die Regel sei, dass hievon vielmehr auch Ausnahmen vorkommen, beweisen eben die Zwitter, bei denen stückweis beide Keime neben einander körperlich zu einer gewissen Ent- wicklung gelangen. F. Warum sollte es nun undenkbar sein, dass in einzelnen Individuen die Natur in ihrer Mannigfaltigkeit noch anders zu Werke gehe, dass sie körperlich den männlichen Keim zur Entwicklung gelangen lasse> körperlich den weiblichen Keim nicht zur Entwicklung gelangen lasse, geistig dagegen umgekehrt den männ- lichen Keim nicht zur Entwicklung gelangen lasse, geistig vielmehr den weiblichen Keim in allen seinen 5* — 68 — KichtuDgen zur Entwicklung gelangen lasse? Dass sie also in Weichheit des Charakters, in Neigungen zu Be- schäftigungen pp., in Manieren und vor allem in der Bichtung des geschlechtlichen Liebestriebes zu Männern, den Keim der Muliebrität zur Entwicklung gelangen lasse? d. i. dass sie Uranier schaffe? G. Die Thatsache würde also lediglich diese sein — eine Thatsache, welche meines Erachtens keineswegs so- gar absonderlich sein würde: Der geschlechtliche Dualismus, welcher aus- nahmslos in jedem menschlichen Individuum im Keim vorhanden ist, kommt in Zwittern und Uraniern nur in höherem Grade zum Ausdruck, als im gewöhnlichen Mann und im gewöhnlichen Weibe. Im Uranier kommt er ferner nur in einer anderen Weise zum Ausdruck, als im Zwitter. II. Weiblicher ('harakter der Uranier. In Konsequenz Eurer Theorie müsst Ihr zu uns auch sagen: «Euren von Natur männlichen Charakter, Eure von Natur männlichen Neigungen in Beschäftigungen, Spiel, Umgang, Eure von Natur männlichen Manieren, Geberden und Bewegungen habt Ihr selber naturwidrig umgeändert. '^ Dies aber zu behaupten, wäre doch ge- wiss gewagt, da sich in Uraniem, schon wenn sie sechs- bis achtjährige Knaben sind und nicht etwa unter Mädchen aufwachsen, in jenen Stücken ein scharf ausgeprägtes, weiches, weibliches Element an den Tag legt, so dass man sich offenbar gez\mngen sieht, in diesenStücken das weibliche Element anzuerkennen als ein angeborenes. Dann aber sehe ich in der That einen vernünftigen Grund nicht mehr ein, weshalb Ihr Euch noch länger auflehnen wollt gegen unsere feierliche Versicherung, dass die Richtung unseres geschlechtlichen Liebestriebes auf — 69 — Männer schon sofort mit dem Erwachen dieses Triebes selber in vollster Entschiedenheit diesem Triebe angeklebt habe, dass also diese Richtung des Triebes uns angeboren, d. i. von der Natur uns gegeben sei. III. Zwei Autoritäten, beide Dionäer. 1. Heinse , Begebenheiten des Eucolp* 1777 oder 1778 (Uebörsetzung des Satyricon des Petronius) erkennt in der Vorrede an, es müsse wohl die Natur sein, welche den griechischen und römischen Uraniem die Neigung zu Männern eingepflanzt habe. Der Mensch sei anmassend, wolle er seine Mutter (die Natur) meistern, d. i. dieses Einpflanzen tadeln. 2. Arthur Schopenhauer, der ziemlich berühmte, kürzlich verstorbene Philosoph, (»Die Welt als Wille und Vorstellung" 3. Aufl. Band IL 1859. S. 641 folg.) sagt: »Alle grausamen Verfolgungen, auch die fürchterlichsten, hätten nicht vermocht, diese Neigung auszurotten." (Welch teuflische Gerechtigkeitspflege ! Mit der Verfolgung ohne weiteres beginnen und es dem Zufall anheim stellen, später aufzudecken, ob die Verfolgung Grund habe oder nicht! Dasselbe Prinzip herrscht noch heute! Auch sind die Martern, mit denen man verfolgt, materiell noch keineswegs sehr gemildert worden. Fast alle Jahre treibt Ihr durch Eure Verfolgung Uranier zur Selbstent- leibung!) flSie müsse wohl tief begründet sein in der Natiur des Menschengeschlechts." Er führt dabei an, was auch ich (vor einem Jahr) angeführt habe : „Naturam furca expellas, tamen usque redibit.* Ihn führt zu dieser Meinung auch wohl die ihm sehr auffallende Thatsache der enormen Verbreitung dieser Neigung, namentlich über nicht-europäische Völker und ihres Vorkommens durch alle Jahrhunderte. Wie (Euch unangeahnt) weit sie selbst in Deutsch- — 70 — land verbreitet sei, darüber habe ich früher Mitteilung gemacht. Nach später mir gewordenen Angaben habe ich damals wahrscheinlich noch viel zu tief gegriffen. Annäherungsweise kann ich statistische Gründe beibringen. Schopenhauer ist ein durchaus redlicher Beobachter! der sein Urteil durch vorgefasste Meinungen nicht be- stehen lässt. Euer Karl Ulrichs. Bitte um demnächstige Bückgabe. Lieb wäre es mir, wenn Du Stellen, die Dir wichtig scheinen, mit roter Tinte entweder unterstreichen oder am Bande anstreichen wolltest. Zar Charakteristik des Rupfertums. Von Ludwig Frey. Als Johann Gottfried Herder sich einen Lebens- "beruf wählte^ ergriff er das Studium der Medizin und wandte sich demselben mit heller Begeisterung und mit •der ihm eigenen Liebe für das Wohl der Menschheit zu. Er war entschlossen, sich um keinen Preis von dem vor- gesteckten Ziele abwendig machen zu lassen. Als er aber •das erste Mal vor den Seziertisch trat; und der erste Kadaver mit seinem grauenerregenden Anblick vor ihm lag, da bemächtigte sich seiner ein solches Gefühl des Abscheus und Ekels, dass er nicht nur die Anatomie, sondern auch das Studimn der Medizin verliess und sich Jenen Aufgaben zuwandte, die seinen Namen berühmt machten. Aehnlich ergeht es Jenem, der aus Mitleid für eine unglückliche Menschenklasse und in der Absicht^ zu retten, was zu retten ist, sich an das Studium des Konträr- •Sexualismus macht. Nicht als ob der Konträrsexuale selbst diesen pein- lichen Eindruck hervorrufen müsste. Im Gegenteil, bei — 72 — einer vorurteilslosen Prüfung entdeckt der Forscher bald Züge in demselben^ die er^ dank den über Konträrsezualis- mus herrschenden Vorurteilen^ bei ihm gar nicht gesucht hätte. Was den Forscher abstösst, ist vielmehr das Elend der sozialen Verhältnisse^ in welchem der Konträrsexuale schmachtet, trotzdem die Wissenschaft dessen natürliche und moralische Existenzberechtigung bereits hinreichend nachgewiesen hat Insbesondere ist es das Kupfer tu m^ aus welchem dem Menschenfreund so widerwärtige, so namenlos verstimmende, so allen moralischen Untergrunds entbehrende Erscheinungen entgegentreten, dass der menschenfreundlichste Forscher sich, sobald er diese kennen gelernt, entschliesst, das ganze Gebiet zu meiden und lieber die Konträrsexualen ihrem Schicksale zu über- lassen, als durch die Kenntnis desselben den Glauben an die fortschreitende Zivilisation und an die als Parole aus- gegebene Menschlichkeit zu verlieren. Eine solche Empfindung überkam auch mich, als ich an das Studium des Konträrsexualismus und seine sozialen Verhältnisse ging. Ich lernte die Nachtseiten des Rupfer- tums kennen und wurde von einem derartigen Grauen erfasst, dass ich die ganze Sache hätte auf sich beruhen lassen, auch wenn mir nicht durch die beständige Wieder- kehr von Erpressungsfällen, über welche die Zeitungen berichteten, das Nutzlose eines Rettungsversuches vor Augen getreten wäre. Da brachten die Blätter einer deutschen Grossstadt die Meldung, dass ein hochachtbarer^ intelligenter und moralisch unantastbarer Mann durch zwei brutale, auf der niedersten Stufe menschb'cher Ent- artung stehende Individuen in einer Weise misshandelt worden sei, dass nicht nur seine soziale, sondern auch seine physische Existenz der Vernichtung nahe war. Ich fragte mich : Wenn jener bisher hochangesehene Konträr* sexuale, auch wenn er nicht^ wie anzunehmen ist^ dem Strafrichter verfiel, von seiner Umgebung, in die ihn seine — 73 — Bildung und gesellschaftliche Bedeutung gestellt hatte, ausgeschlossen wird, — hat dann sein Leben noch irgend einen Wert, und wie soll er sich in einer bürgerlichen Ge- sellschaft noch behaupten können, die ihm seinen unwider- stehlichen Naturtrieb als verächtliches Laster auslegt?' Es trat aber auch noch eine weit wichtigere Frage hinzu Ist an seinem Unglück und, — wenn er auf Abwege ge- rät, — an seiner moralischen Verkümmerung etwa seine- abnorme Geschlechtsanlage, oder sind daran nicht viel- mehr die herrschenden sozialen Verhältnisse schuld, unter welchen sich jeder Rowdy herausnehmen darf, ein ganzes Lebensglück zu zerstören und dabei noch im Sinne des- Gesetzes zu handeln glaubt? Diese Erwägung drängte alle persönlichen Antipathien nieder und nötigte mich mit elementarer Gewalt, das eben verlassene düstere Gebiet wieder zu betreten, und für weitere Kreise die Greuel aufzudecken, die fortwährend an hilflosen und bedauernswerten Menschen verübt werden. Diese Aufgabe ist für einen pflichtbewussten Menschen um so weniger zu umgehen, als ein grosser Teil der Presse nicht damit zufrieden ist, von den Erpressungen einfach als solchen Notiz zu nehmen, sondern sich bemüssigt sieht,, auch noch einen Stein auf die ohnehin schon übermässige Geschädigten, auf die Konträrsexualen, zu werfen, ein Verfahren, das zwar recht gut gemeint sein kann, das aber objektiv vollständig unberechtigt und nur dazu an- gethan ist, die öffentliche Meinung irrezuleiten. Indem ich nun einmal den Gegenstand von der rein objektiven Seite aus zu beleuchten versuche, geschieht es in der Zuversicht, dass sich vielleicht doch dem Einen oder An- dern eine bessere Erkenntnis der Dinge erschliesst, und. dass dem gemeingefährlichen Treiben des Bupfertunis- nach und nach ein Ziel gesetzt wird. — 74 — I. Man kann gleich im Anfang auf eigene Darstellung verzichten, wenn man den sozialen Notstand schildern will, den die Chanteurs, wie der internationale Name der internationalen Rupferbande lautet, im gesellschaftlichen Leben herbeigeführt haben. Wir lassen einem vielgelesenen Blatte der deutschen Reichshauptstadt das Wort, wenn wir sagen: „Seit Jahren betreiben gefährliche Burschen es als eine Yerbrecherspezialität, gewisse mann« liebe Neigungen und Verirrungen durch fortgesetzte Er- pressungen auszubeuten. Sie suchen ihre Opfer abends und nachts in der Gegend von Bedürfnisanstalten einzelner Stadtteile und im Tiergarten, namentlich in seinen dem Brandenburger Thore nahe gelegenen Teilen. Gefährlich werden sie nur einzelnen Herrn, die ahnungslos eine An- stalt benützen oder spazieren gehen. An sie macht sich einer der Burschen mit einer harmlosen Miene heran, bittet um Feuer, fragt nach der Zeit oder unternimmt sonst ein Manöver, das den einsamen Wanderer aufhalten mus8. Dann springt plötzlich ein zweiter Mann aus dem Versteck hervor und beschuldigt den Ahnungslosen straf- barer, gegen die Sittlichkeit verstossender Handlungen. Dieser zweitei^Iann war der Helfershelfer des ersten. In der Regel haben die Burschen, von denen der Helfer sich oft als Kriminalbeamten aufspielt, Erfolg. Der Be- schuldigte fürchtet, wenn er sich auch noch so un- schuldig fühlt, wegen der Art der Beschuldigung dennoch, in eine Untersuchung zu geraten, und ist froh, wenn ihm schliesslich Aussicht geboten wird, sich mit einem Geld- opfer allen weitem Unannehmlichkeiten entziehen zu können. Etwas anderes aber wollten auch die Verbrecher nicht. Nun haben sie ihr Opfer, das sich ja durch eine Geldspende schuldig bekennt, auch in der Schlinge. Durch heimliche Beobachtungen wissen sie die Wohnung des Unglücklichen auszukundschaften und treiben ihn durch — 75 — iortgesetzte Erpressungen zur Verzweiflung. Mehr als Ein Selbstmord, dessen Veranlassung man sich zunächst nicht erklären konnte, ist auf Rechnung dieses Treibens 2U setzen/ So zutreffend diese Schilderung der Chantage ist, und so viele Anerkennung die Blosslegung dieses Treibens verdient^ so ist sie doch nur nach einer Seite hin er- schöpfend. Es wird nändich angenommen, dass der von dem Kupfer Bedrohte und Geschädigte meist ein Normaler ist, der dem Qesetze vollständig einwandfrei gegenüber steht. Dieser Fall mag vorkommen, er ist aber nicht die Kegel, sondern die Ausnahme. Der einsame Spazier- gänger z. B., der nächtlicherweile den Tiergarten aufsucht, ist in sehr vielen Fällen ein Konträrsexualer, was schon daraus hervorgeht, dass er im eintretenden Notfalle die Kupfer lieber mit Geld abfindet und sich fortgesetzte Erpressungen gefallen lässt, als mit einer einfachen An- zeige, bei der er nichts Wesentliches für seine Ehre zu riskieren hat, sich die Sache vom Leibe zu schaffen. Es entsteht daher die Frage : wie soll sich dieser, den sowohl bei einer polizeilichen Meldung als bei einem allenfallsigen Widerstand gegen den Kupfer ein Paragraph des deutschen Keichsstrafgesetzbuches bedroht, in einem solchen Falle verhalten? — Die Beantwortung wäre sehr einfach, wenn auch dem Konträrsexualen völlige Straffreiheit zugesichert wäre. So nämlich wird es wenigstens in der französischen Hauptstadt in der Kegel gehalten, wie nachstehender Vorfall zeigt. Vor drei Jahren bemächtigte sich die Pariser Polizei -eines Individuums, welches sich in den vornehmen Vierteln um die Oper und den Boulevard des Capuciues herum- trieb und seine Opfer fast ausschliesslich unter den reichen Fremden, die in RIenge dorthin kommen, suchte und fand. Es war dies ein ehemaliger Badediener, na^bs Sourdville, welcher nach einer wegen eines Sittlichkeitsattentats er- — 76 — folgten Freiheitsstrafe sich alsbald auf den Erwerb durch Erpressung verlegte. Er wusste reich scheinende Leute in ein obskures Hotel zu locken. Sobald er mit seinem Opfer im Zimmer allein war^ tauchte plötzlich ein Komplize auf, der sich als Polizist gerierte. Das Opfer hatte dann grosse Summen zu erlegen^ um fortzukommen. Dieses Verfehren erschien jedoch Sourdville bald zu gefährlich, weil einzelne Opfer zu Thätlichkeiten übergingen, und er «beschränkte* sich darauf, die ins Hotelzimmer gelockten Personen zu narkotisieren und sodann ihrer Wertsachen zu berauben. Die Beraubten unterliessen die Anzeige, um sich nicht zu kompromittieren. Trotzdem erhielt die Polizei Wind von der Sache und stellte Detektives auf, denen endlich der Fang Sourdvilles gelungen ist. Sie bemerkten ihn, wie er sich in den Champs Elys^es zu einem respektabel aussehenden Greise auf die Bank setzte und diesem lächelnd zuredete, um schliesslich mit ihm in ein Hotel auf den Boulevards zu fahren. Die Detek- tives folgten ihnen und warteten. Als nach einer Weile der alte Herr aus dem Hotel kam, hielten sie ihn an. Er wollte anfangs von nichts wissen, gestand jedoch end- lich,— als man ihm versprochen hatte, ihm nichts anzuhaben und seinen Namen zu verschweigen, — dass er gänzlich ausgeraubt sei. Die Detektives machten sich sofort auf die Suche nach dem durch eine Hinterthür entwischten Sourdville und verhafteten ihn. Man fand in seinen Taschen 1100 Franks, welche er seinem Opfer, einem vornehmen, zu kurzem Aufenthalt nach Paris ge- kommenen Fremden abgenommen hatte, und eine Flasche mit Chloroform. Dieser Vorgang, welcher zeigen soll, dass man durch Zusicherung von Straflosigkeit in den Beraubten eine Hilfe zur Entdeckung von Verbrechern gewinnt, ist auch dadurch bedeutsam, dass er lehrt, wie sich nach den ver- schiedenen Ortlichkeiten nur die Formen des Verbrechen» — 77 — ändern^ wie dasselbe im Grunde überall auf den gleichen Trik hinausläuft. In Paris sind es die Elyseischen Felder, in Berlin die Partien um das Brandenburger Thor, welche den Schauplatz der Campagne bilden. Dort wie hier ist es der schon früher einmal — nicht selten wegen Sitt- lichkeitsdelikten! — bestrafte Chanteur, welcher sich den einzelnen Herren nähert, ihn, verbindlich lächelnd, um Etwas fragt oder bittet, und in beiden Fällen wird dieser das willenlose Opfer des Verbrechers. Nur der eine Unterschied besteht, dass sich die Pariser Polizei nicht den blossen Anschein gibt, als ob das Opfer kein Kon- trärsexualer wäre, sondern es als solchen thatsächlich be- trachtet, ohne eine strafrechtliche Verfolgung eintreten zu lassen. Anerkennungswert ist übrigens auch der Berliner Modus, insofern er den ersten Schritt bildet zu einem schonenden und vernunftgemässen Vorgehen. Freilich sind nicht alle Massregeln, welche von polizei- wegen in Sachen der Konträrsexualen getroffen werden, mit schonender Rücksicht begleitet; wenigstens werden von untergeordneten Organen der öffentlichen Sicherheit zu- weilen Fehlgriffe begangen, welche sich im Effekt nicht viel von dem Vorgehen der Rupfer unterscheiden. Be- kannt wurden vor einigen Jahren die sogenannten Helden- thaten eines Schutzmannes, der förmlich darauf wartete, bis ihm in einer Bedürfnisanstalt irgend ein Mann in den Weg kam, den er eines unsittlichen Angriffs beschuldigen konnte. Ein Berliner Blatt schrieb damals: «Die Bevölke- rung darf wohl auf ein an den Senat gerichtetes AuskimftiS- ersuchen eine baldige genügende Antwort erwarten; denn es kann nicht länger geduldet werden, dass in einem Kulturstaat ein Vigilanzsystem grossgezogen wird, unter w^elchem trunkene, schwache, alte, vielleicht auch zu Ge- schlechtsexzessen von der Natur etwas geneigte, aber sonst ganz schuldlose Bürger förmlich von dazu aufge- stellten Beamten verleitet und versucht werden, Unsitt- — 78 — lichkeitsattentate zu begehen^ beziehungsweise dass ihnen fälschlicherweise imputiert wird, solche begangen zu haben. Wie manches Opfer eines solchen missverstandenen Sy- stems sitzt vielleicht schon hinter Gefängnismauern 7*^ Wahrlich, es ist mehr als überflüssig, dass auch noch agents provocateurs in Thätigkeit treten, nachdem die professionsmässigen Erpresser im Lande an allen Ecken und Enden lauem. Natürlich sind es meist die Gross- städte, welche zum Operationsfeld erkoren werden, und von diesen in erster Linie Berlin. Ein symptomatischer Fall spielte sich vor nicht langer Zeit dort ab, der wegen eben dieser Eigenschaft hier mitgeteilt werden soll. Ein Hamburger „Kaufmann" machte sein Geschäft damit, dass er sich an bessere Männer herandrängte, sich in ihr Ver- trauen einschlich, sich einladen Hess und sie dann auf ihrem Zimmer bestahl. Seine vornehme Erscheinung, verbunden mit einem gewinnenden Wesen, unterstützte ihn ganz besonders in seinen Unternehmungen. Ein Dieb- stahl den er in der Wohnung eines unverheirateten Herrn beging und der zur Kenntnis der Polizei gebracht wurde, setzte semem Treiben in Berlin ein vorläufiges Ende. Vor Gericht verteidigte er sich damit, dass die Pretiosen ihm von einem Herrn geschenkt worden seien, den er vor Jahren in einem Hamburger Austemkeller kennen gelernt habe. Dieser, ein angesehener Mann aus der Provinz, wurde zur Zeugenschaft gezogen. Er entsann sich nur , dunkel* des Angeklagten, wusste aber mit aller Bestimmtheit, dass er einmal Wertgegenstände wie die in Frage stehenden besessen habe, und fand für das Peinliche seiner Zeugenschaftsleistung keinen andern Ersatz, als den Angeschuldigten wegen Diebstahls verurteilt zu sehen. Wenn dieser Fall symptomatisch genannt wurde, so sei damit nicht gesagt, dass die meisten Fälle bis zu ihrem — 70 — - Abschluss — fast möchte man sagen, — so harmlos ver- ..laufen wie dieser. H&ufig wird die Plünderung des . Opfers erst nach vorausgegangenem Skandal vorge- - nömmen, weil der Knpfer nicht selten auf einen mehr oder weniger energischen Widerstand stösst. Ja, sogar ohne einen solchen belieben die von ^sittlicher Ent- rüstung" geleiteten Herren der Zunft ziemlich geräusch- - voll aufzutreten. Im Frühlinge des vorigen Jahres be- gaben sich zwei Unteroffiziere des Garde-Kürassierregi- ments in Berlin in die Privatwohnung eines Grafen, be- schuldigten denselben eines Vergehens gegen § 175 des Strafgesetzbuches und verlangten — als Schweigegeld — mehrere Hundert Mark. Der geängstigte Herr sah sich veranlasst, die Unteroffiziere zu ersuchen, so lange in seiner Wohnung zu bleiben, bis er die verlangte Summe geholt, da er augenblicklich nicht so viel Bargeld bei sich habe. Als er zurückkehrte, bot sich ihm ein widerliches Bild: Die Unteroffiziere hatten seine Cognakfiaschen ge- leert und unter der Wirkung des Alkohols wie Vandalen« in seiner Wohnung gehaust, Möbel und Spiegel zer- trümmert, Glas und Porzellan zerschlagen. Nachdem er den Burschen das Geld eingehändigt hatte, entfernten sie sich. — Einige Wochen später erhielt der Herr von den Unteroffizieren einen Brief, worin diese ihm mitteilten^ dass das am 14. April empfangene Geld nur eine Lappalie sei, und sie einen weit höheren Betrag als Schweigegeld» in Anspruch nehmen. Sollte sich Adressat weigern, die- verlangte Summe zu bewilligen, so „würden sie wieder- kommen und keinen Stuhl in der Wohnung ganz lassen." — Natürlich, der Konträrsexuale ist ja vogelfrei, und unter dem Schutze des Gesetzes, das ihn mit Strafe be- droht, kann jeder Schurke mit ihm beginnen, was ihm beliebt. — Anders aber dachte jetzt der Angegriffene. Mit dem Brief in der Hand rief er die Hilfe der Kriminal- polizei '^ ^roffiziere wurden verhaftet und spät« r — 80 — zu der gesetzlichen Strafe verurteilt*) Fast beneidens- wert im Verhältnis zu dem Schicksal des gedachten Kavaliers erscheint das jenes Konträrsexualen in Potsdam, dessen Ehre nicht geschändet wurde, weil er sie gleich- zeitig mit dem Leben verloren hat: Ende August 1895 wurde der Rentner Albert Schmid, Kiessstrasse 17, dessen abnorme Geschlechtsrichtung notorisch war, von einem Menschen, den er nach Hause genommen, in grauen- -erregender Weise ermordet. II. Blut und Verwüstung begleiten in ihren Spuren all- überall den Weg, den die Forschung in der dunkeln Sache nimmt.**) Eine Menge unsagbar trauriger Fälle *) Der FemerBteher.de frftgt sich yielleicht: Ja, wie will sich der Kontrftrseznale denn beklagen? Warnm scbliesst er sich denn ati solche fragwürdige Existenzen an; wie kommt ein Kavalier dazn, sich mit Unteroffizieren in einen Verkehr einzulassen ? Die Antwort ist durch die einfache Gegenfrage erteüt: Warum . rfthem sich die normal veranlagten Kavaliere bei Befriedigung ihrer ausserehelichen Geschlechtsinteressen nicht solchen Damen, die der fsshionablen Gesellschaft angehören? — Der Kontiftrsexuale noch mehr als der Normale ist ausser Stande mit gesellschaftlich ihm Ebenbürtigen in Beziehung zu treten, und wie der Normale auf die Prostitution, so ist der Erstere oft auf den Rowdy angewiesen. Der glücklicher Veranlagte vergesse übrigens nie, dats er selbst eine Wahl ^ treffen kann, zwischen einem passenden und einem unpassenden Um- gang, dem erlaubten und verbotenen Genuss, und dass er, wenn er sich hiebei f^r den letztem entscheidet, in der Regel nach dem Satze liandelt: car tel est mon plaisir — ein Satz, der für Alle, nur * nicht für den Kontrftrsexualen seine Geltung hat **) Nachstehender Fall sei nicht wegen seiner Nebenumstftnde, die indessen traurig genug sind, sondern deshalb mitgeteilt, weil er einer der letzten ist, die sich zugetragen haben. Eine Wiener Korrespondenz meldet aus Münohen unterm 25. August 1898: Im Hdtel ,Max Emanuel' in München erschoss sich vorgestern d«r k. k. Ratssekretür Baron Merkl-Reinsee von hier. Der Verlobte, der in — 81 — hat bereits Ulrichs in seinen zahh*eichen Schriften mit- geteilt. Insbesondere sind es die infolge erlebter Er- pressung verübten Selbstmorde, welche Jeden, der nicht ganz gefühllos ist, auf das tiefste erschüttern müssen. Zu den 8 Selbstmorden, von denen Ulrichs in § 119 seines «Memnon'^ meldet, fügt er in «Argonauticus^^ den Bericht eines weitern hinzu, der wegen seiner eigenartigen Neben- lunstände an dieser Stelle nicht lungangen werden daif. In Seckbach bei Frankfurt a. M. wurde am 1. November des Jahres 1868 ein Urning von drei Bupfem bis in seine Wohnung verfolgt. Dieselben gaben sich für Polizei- beamte aus, erklärten ihn für verhaftet und forderten ihn auf, einen Wagen, den sie mitgebracht, zu besteigen, um in Frankfurt der Behörde vorgeführt zu werden. Auf einen Augenblick begab er sich, „um sich umzukleiden*^, in den oberen Stock, wo er aber in der Verzweiflung sich entleibte, indem er mit einem Hasiermesser sich Luft- röhre und Halsadern abschnitt. Auf entstandenes Weh- geschrei ergriffen die Drei jetzt schleunigst die Flucht, wobei sie in der Eile einen Regenschirm stehen liesen, mittelst dessen die Nemesis sie selbst, und zwar der wirklichen Polizei in die Hände lieferte. Einer von den Feldkirch in Voralberg geboroD, an vermählt und 49 Jahre alt war, hatte seit einiger Zeit melancholische Anwandlungen gezeigt Er trat eine Reiie an, von der er in zwei Tagen zorückzakommen erkl&rte; indessen erhielten seine Verwandten Briefe, in denen Baron Merkl die Absicht ansspricht, ans dem Leben zn scheiden. Man eilte aof die Polizei und erstattete Anzeige. Die Polizei teilte die genane Persons- beschreibnng des Batssekretärs allen Behörden des Inlands mit. Man hoffte den Baron, bevor er noch seinen verzweifelten Entschloss aus- geführt habe, eruieren und retten zu kOnnen. Die eifrigen Beoherohen blieben erfolglos. Baron Merkl-Reinsee erschoss sich, ehe man in Wien seinen Aufenthalt feststellen konnte. Das Motiv, das dem bis vor kurzem lebensfreudigen Manne den Bevolver in die Hand drückte, blieb nicht unbekannt Baron Merkl-Reinsee war in eine kom- prommittierende Affaire verwickelt und das Opfer wiederholter Erpressungsversuche. Jaliibuch fQr homosexuelle ForBchungen. (] — m — wareu die Folge davon. Die Kupfer operieren selten ohne Helfershelfer, weil mit einem solchen der Zweck schneller und sicherer erreicht wird. Deshalb erschien der Genannte eines Tages mit seinen „Kollegen", den Bäckern Ludwig A. und Albert M. und dem Metzger Franz L. vor dem Hause des Künstlers und randalierten solange, bis er ihnen erst zwanzig und dann fünfzig Mark Schweigegeld verabreichte. Damit nicht genug; die Burschen schrieben — wie einem Reglement gemäss — einen Brief an ihn des Inhalts^ nur die sofortige Erlegung von 100 Mark könne sie abhalten, die schuldige Anzeige zu erstatten. Merkwürdig ist, dass die 8 Gesellen den Maler nicht einmal beschuldigen konnten, mit einem von ihnen selbst sich vergangen zu haben, sondern dass es ein vierter Bursche war, der infolge der misittlichen Handlungen, welche an ihm verübt worden, ,im Krankenhause" liege, — ein bei Chanteuren vielbeliebtes Scheinmanöver. Natürlich trat bald eine „Genesung** ein, und die Folge war, dass noch weitere 100 Mark gefordert wurden. Endlich entschloss sich der Maler, seinen Quälern noch hundert Mark zu überlassen, um ihnen den „Weg- gang** von München zu ermöglichen. Aber auch damit nahmen die Erpressungen selbstverständlich kein Ende und — zu spät — erfolgte vom Maler die Anzeige. Ausser P. wurde auch A. zu zwei Jahren Gefängnis, der dritte — M. — auf ein Jahr 4 Monate verurteilt; der letzte dieser Wohlfahrtsbeschirmer, welcher l^a Jahre Gefängnis erhielt, hatte sich zugleich auch wegen eines* andern Staates, wegen Kuppelei, zu verantworten. Solche Fälle wiederholen sich in München mit er- schreckender ßegelmässigkeit, ohne dass sie in Presse und Publikum jenen Widerhall fänden, den man nach Lage der Dinge erwarten sollte. Ja, der Unmut kehrt sich häufig nicht gegen die Presser, sondern gegen die Be- schuldigten. Mancher Zeitungsleser, der sich selbst iu seinen Neigungen keinerlei Zwang auferlegt, erfährt mit 6* — 84 — Genugthuung, dass da wieder ^ein Solcher** entlarvt wurde, und glaubt, das8 durch den grossen Abstand zwischen „Diesem* und ihm, bloss seine eigene Sittlichkeit (oder Unsittlichkeit) im Werte gestiegen sei. Er ahnt nicht, dass auch durch diese Privatgesinnung, der man, nach der Lek- türe der Zeitung, im Freundeskreise mit Ostentation Aus- druck verleiht^ dem Verbrechen ein wesentlicher Vorschub geleistet wird. Er ahnt nicht, wie er sich hiedurch zum Bundesgenossen eines der gefährlichsten Verbrecher machte und dass sich dieser solidarisch mit ihm fühlt, indem er nicht selten die Rolle eines Polizeiorgans übernimmt und im Interesse der öflTentlichen Sicherheit zu arbeiten wähnt! Deshalb blüht die Chantage, trotz Wissenschaft und Polizei, fröhlich weiter. Ein ganz unerhörter Fall wird im Jahre 1898 aus der freien Schweiz gemeldet. Der Bäcker Friedrich R. aus Cannstatt hatte mit vier andern Kumpanen, darunter der 21jährige Schreiner Rupert G. in Zürich, ein Konsortium gegründet, dessen Spezialität systematische Erpressung und Ausplünderung war. Sämtliche Teilhaber der Gesellschaft hatten schon Vorstrafen erlitten und besassen die Fähigkeit, vor nichts zurückzuschrecken. So wurde im Oktober 1805 in den Anlagen an der Limmat ein Kaufmann aus Stuttgart über- fallen, ausgeraubt und kurzen Wegs in die Limmat ge- worfen. Um dieselbe Zeit wurden zwei Reisende ermordet und beraubt Die eigentliche Spezialität des Konsortium aber war die räuberische Erpressung, „im Namen des Ge- setzes," dadurch verübt, dass ein paar einsam spazierende Herren plötzlich von 3 — i handfesten Mannspersonen, die sich für Geheimpolizisten ausgeben, angepackt und unter dem Vorwand, man hätte gesehen, wie sie Beide sich eben eines Sittlichkeitsdeliktes schuldig gemacht haben, mit der Verhaftung bedroht werden. In den meisten Fällen wurde die Absicht der Raubgesellen, nämlich ein grosses Lösegeld herauszuschlagen, sowie sich die Uhren, — 85 — Kelten und sonstigen Wertgegenstände ihrer Opfer an- zueignen, vollständig erreicht. Einem dürftigen Buchhalter, aus der Schweiz selbst, nahmen sie erstlieh 150, dann 170 Franks, die ganzen Ersparnisse des Mannes, ab, der sich aus Alteration darüber selbst den Tod gab. Aber die Bande scheute sich auch nicht, gelegentlich ehrbare Frauen in der gröblichsten Art zu insultieren, und die Gegend um die Limmatspitze in Zürich kam derart in Verruf, dass sich selbst prostituierte Frauenzimmer nicht mehr dorthin wagten! — Merkwürdig wie die Art der Verbrechen ist die Geschichte der Sühne, welche dieselben gefunden haben. Als den gefährlichen Burschen der Boden in Zürich zu heiss wurde, flüchteten zwei davon nach Deutech- land zurück, welches der eine einst wegen ihm drohender Strafverfolgung verlassen hatte. Derselbe wurde in Mühl- hausen im Elsass, der Andere in Cannstatt aufgegriffen; beide weigerten sich als Reichsangehörige der Schweizer Behörden ausgeliefert zu werden und verlangten, in der Hoffnung, glimpflicher wegzukommen, vor ein deutsches Gericht gestellt zu werden. Aber während die drei an- deren in der Schweiz aufgegriffenen und abgeurteilten Kom- plizen vom Züricher Bezirksgericht zu 4 und 3 Jahren Arbeitshaus verurteilt wurden, einer sogar mit 4 Monaten Gefängnis davonkam, verhängte das bayrische Schwur- gericht, vor welchem die beiden Reiclisangehörigen ihrem Antrage gemäss abgeurteilt wurden, in gerechter Er- wägung der Dinge über den Einen 10, über den Andern 14 Jahre Zuchthaus. Die Entschuldigung hatte wenig Eindruck gemacht, dass durch ihre Thaten den damals in Zürich herrschenden , sittenlosen (!) Zuständen ein Ende bereitet" und so der dortigen Polizei ge- i^4ssermassen ein Dienst geleistet werden sollte! Der ernsteste Richter wird sich so wenig wie der leidenschaftlichste Feind der Urninge angesichts dieser Verteidigungsmethode eines gewissen Lächelns erwehren — 86 — köaneD. Und doch hat diese Methode, näher zugei?ehen, einen starken Schein von Berechtigung an sich. Man versetze sich auf das Bildungsniveau eines der in Frage stehenden Menschen, messe mit dem Massstab von dessen Subjektivität und urteile mit den schiefen Rechtsbegriffen, wie sie sich der gesellschaftliche Banquerotteur bildet, dann wird man sich in dessen Ideengang zurechtfinden. Im Vollbesitze solcher Rechtsbegriffe machen sich auch die übrigen Rupfer ihr Geschäft nicht so schwer wie die Sittlichkeitsfanatiker in Zürich, sondern schlagen in der Regel einen bequemeren Weg ein, auf dem sie zu Mitteln gelangen, wie dieselben durch Fleiss und Ehrlichkeit kaum erworben werden können. Typisch ist ein Fall, der im Sommer 1898 vor dem Schwurgericht in München seinen Abschluss fand. Unter den zahlreichen Reisenden, welche die im Rufe der Gemütlichkeit stehende bayrische Hauptstadt zu be- suchen pflegen, befand sich anfangs September 1895 ein fremder Kaufmann, der nach eingetretener Dunkelheit eines Abends einen Spaziergang in den Englischen Garten machte, möglicherweise in der Absicht, dort ein ihm zu- sagendes Abenteuer zu erleben. Er setzte sich auf eine Bank und Hess die ebenfalls einsamen Spaziergänger vor sich Revue passieren. Bald hatte er Gesellschaft; ein 21jährigcr Bursche, der Kellner Karl H. aus Wiesbaden, setzte sich zu ihm und fing, wie der Bericht von Zeitungen sagt, ein lascives Gespräch mit ihm an. Kurz darauf gab er ein Zeichen, und es sprangen zwei Burschen herzu, die den Fremden unter der Drohung, ihn wegen eines Geschlechtsdelikts zu denunzieren, vollständig ausraubten. Sie nahmen dem Fremden die Uhr im Werte von 200 Mark, die Börse mit 65 Mark und einen Ring von Affek- tionswert ab. Einer von den Schurken hatte den Mut, mit dem Beraubten ins Hotel zu gehen und sich gegen Herausgabe des Ringes noch 130 Franks geben zu lassen. — 87 — Der Kaufmanu hörte nichts mehr von den Gesellen, hatte aber das Abenteuer gewiss nfcht vergessen, als er nach drei Jahren als Zeuge zu einer Gerichtssitzung gerufen wurde. Einer von den Dreien hatte in Hamburg seine Praktiken fortgesetzt, wurde aber dort von dem Verhäng- nis ereilt und wegen Erpressung zu acht Jahren Gefäng- nis verurteilt. Vielleicht in einer Anwandlung von Reue^ vielleicht aber bloss aus dem Wunsche, Abwechselung in die Monotonie des Gefängnislebens zu bringen, legte er dort einem Kriminalbeamten ein Geständnis ab, unter welchem sich auch das über den Münchner Vorgang be- fand. Vor den bayrischen Gerichtshof gestellt, wurde er zu einer Gesamtzuchthausstrafe von 7 Jahren verurteilt. Es erregte grosses Aufsehen, als man von ihm erfuhr, dass er sich in vier Jahren mit seinem entsetzlichen Ge- schäft etwa 30000 Mark verdient hatte. Er verteidigte sich — im Anschluss an die Worte seines Verteidigers? wie es heisst — in sehr gewandter Weise damit, dass nicht die feinen Herren sein Opfer, sondern e r das der feinen Herren geworden sei. An der Wiege sei es ihm nicht gesungen worden, dass er der gemeine Hallunke werde, als den er sich bekennen müsse. Wahrhaft entsetzlich! Zu solcher Begriffsverwirrung, zu solcher Verfälschung des Gewissens gelangt man, wenn man von der menschlichen Gerechtigkeit einen Trieb be- straft sieht, der nach den unumstösslichen Urteilen der Wissenschaft von Natur aus ebenso unwiderstehlich und deshalb ebenso berechtigt ist wie der Geschlechtstrieb überhaupt. Man kann es einem schlecht Erzogenen und mangelhaft Gebildeten allerdings kaum verübeln, wenn er zu einer solch monströsen Schlussfolgening gelangt- Er sagt sich: Das Strafgesetz, das die Sanktion des gan- zen Volkes geniesst, bestraft den Umgang von Männern mit dem männlichen Geschlecht. Dieser oder Jener hat das Strafgesetz in dem fraglichen Punkte verletzt. Also — 88 — darf er sich nicht der Freiheit und der bürgerlichen Ehre erfreuen. — Erfreut er sich ihrer dennoch, so soll er dafür ein Aequivalent bieten, und zwar mir, der ich von der durch das Gesetz bedrohten Handlung weiss, mir, in dessen Hände es also gelegt ist, ihn zu schonen oder der Strafe zuzuführen. — Ist der Rupfer, was die Regel bil- det, ein ohnehin schon schlecht beleumdeter Mensch, der gesellschaftlich Schiffbruch erlitten, so folgert er weiter: Ich bin wegen einer geringfügigen unerlaubten Handlung, vielleicht wegen Diebstahl und Bettelei, bestraft worden und habe meine gesellschaftliche Ehre verloren; warum soll jener „feine Herr," der eine vom Gesetze nicht min- der bedrohte, von der ganzen bürgerlichen Gesellschaft am meisten verpönte Strafhandlung beging, die Freiheit geniessen und sich der Achtung seiner Mitbürger erfreuen? Die Antwort, die er sich vernünftigerweise geben sollte, würde freilich lauten : Deshalb, weil du, angenommen, deine erste Voraussetzung sei richtig, nicht besser bist als er; weil du die gleiche Handlung begangen und jeden- falls ihn dazu provociert hast. Aber irregeleitet durch die öffentliche Meinung, verblendet gegen die Sprache der Vernunft und angestachelt durch die falschen Schluss- folgerungen seiner falschen Voraussetzung gibt er sieh diese Antwort nicht und unternimmt einen Schritt, der den unglücklichen Konträrsexualen ins Verderben stürzt und im Sturze ihn, den Rupfer, selbst in einen noch tieferen Abgrund mit hiuabreisst. — Dies Alles, weil die berufenen Vertreter des Rechtes taub sind gegen den Notschrei der Wahrheit! Man sage ja nicht, dem geschädigten Konträrsexu- alen stehe es frei, jederzeit die Hilfe des Gerichtes an- zurufen; das Gericht bestrafe, wie man sieht, die Er- pressung, und strenge Strafen seien es, die den Erpresser treffen. Man sage dies deshalb nicht, weil in diesem Falle für den Konträrsexualen die letzten Dinge noch — 89 — ärger werden, als die ersten waren. Wir haben zwar gesehen, dass in all den mitgeteilten Fällen nirgends von der Einleitung eines Verfahrens gegen den Geschädigten die Bede war. Allein, wer weiss, ob nicht in der Folge doch eine Untersuchung stattgefunden hat. Angenommen, dies sei nicht der Fall, wer bürgt dafür, dass überall im deutschen Reiche dieselbe Rechtspraxis ^vie in München und Berlin geübt wird, dass an Plätzen, wo man die UnVerantwortlichkeit des mit konträrer Geschlechts- empfindung Behafteten, nicht genugsam kennt, zwar der Rupfer bestraft, das Opfer aber auch nicht frei gelassen wird? Jedenfalls gilt der Skandal, der schon mit einer blossen Zeugschaftsleistung für die betreffende Person verknüpft ist, gesellschaftlich als ein unauslöschlicher Makel, der, wenigstens an einem kleineren Platze, einer Vernichtung der sozialen Existenz gleichkommt. — Indem mit Genugthuung wahrgenommen wird, dass sich in den Gerichtshöfen deutscher Grossstädte eine mildere Auftassung Bahn bricht, darf hier vermerkt sein, dass in der Hauptstadt des benachbarten Kaiserstaates O esterreich noch immer die alte fragwürdige Rechts- praxis beliebt wird. — Nur weil es der jüngsten einer unter den zahlreichen aus Wien gemeldeten Fällen ist, sei nachfolgender Vorgang mitgeteilt: Es erscheint der ehemalige erzherzogliche Kammerdiener Joseph P., gegen- wärtig ein wohlhabender Mann, mit zwei Burschen namens Karl E. und Anton K. bei dem Polizeikommissariate Landstrasse, um die Anzeige zu erstatten, dass diese Beiden eine Erpressung an ihm versucht hätten; seine Antwort sei gewesen, dass sie ihm zur Polizei folgen mögen, was sie auch thaten. Der Konamissär schöpfte aus der Vernehmung der Burschen die Ueberzeugung, dass die Anzeige begründet sei; er gewann aber auch die Anschauung, dass nicht minder die Beschuldigung, welche die Burschen gegen Joseph P. erhoben, und auf welche — 90 — die Erpressung sich gestützt hatte, wahrheitsgeniäss sei. Es wurdcD nun alle Drei verhaftet und dem Landes- gericht eingeliefert, Joseph P. wegen Verbrechens nach dem § 129b (des österreichischen Strafgesetzbuches) die Bursche wegen desselben Deliktes und wegen Erpressung. III. Am gewagtesten ist es zur Zeit noch in England für einen Konträrsexualen, die Hilfe des Gerichtes an- zurufen. Es war nicht einmal eine Klage wegen Er- pressung, sondern eine solche wegen Beleidigung, um die es sich in einem vor drei Jahren vielbesprochenen Prozess handelte, als das Gericht zu Ungunsten des Konträr- sexualen entschied. Jedermann erinnert sich an die Affaire Oskar Wilde, welche die ganze gebildete Welt teils in Unmut, teils in Mitleid, jedenfalls aber in gros.se Aufregung versetzte. Eine glänzende Laufbahn fand durch die Brutalität der Verbrecherlogik ihren vorzeitigen Abschluss. Der Marquis Ciueensburry hatte um jeden Preis das Freundschaftsbündnis, welches zwischen seinem Sohne, dem Lord Douglas und dem Dichter Oskar Wilde bestand, zu sprengen versucht und den Letzteren vor dem Klub, in welcliem er verkehrte, durch eine offene, seine geschlechtliche Neigung verratende Notiz bloss- gestellt. Oskar Wilde musste, wollte er sich nicht selbst unmöglich machen, reagieren und den Marquis wegen Ehrenbeleidigung verklagen. Er verlor, nachdem der Gegner den Wahrheitsbeweis angetreten, aber nicht nur den Prozess, sondern die Klage richtete s^ch nun gegen ihn selbst, und zwar wegen Deliktes gegen die Criminal Lote AmcViihmhi Ad, d. i. gegen die Sittliolikeit. Oskar — \n — Wilde wurde iu Haft genommen. Von diesem Moment an wird das Drama eine Tragödie, in welcher die Haupt- rollen gewöhnlichen Kupfern zugeteilt sind. Das Milieu der Handlung erscheint, abgesehen davon, dass es ein fremdländisches ist, als ein ganz anderes wie bei uns ; die Personen und O ertlichkeiten tragen ein, fast möchte man sagen, vornehmes Kolorit, nur die Niederträchtigkeit und Brutalität der Rupfer ist die gleiche w^e allerwärts. Auch der englische Rupfer schleicht sich in das Ver- trauen Dessen ein, den er sich zum Opfer ausersehen; auch er nimmt Geschenke und Wohlthaten von ilim an; auch er hat seinen Helfershelfer, droht, prahlt, heuchelt und übt zuletzt Verrat — ganz wie bei uns. Ein gewisser Wood erscheint eines Tages bei Oskar Wilde, dessen Namen damals in ganz England mit Aus- zeichnung genannt wurde, und präsentiert ihm einige Briefe. Er habe sie in einem Anzüge gefunden, den ihm Wildes Freund, der Lord Douglas geschenkt hatte. Diese Briefe seien ihm von einem gewissen Allen ge- stohlen worden; er habe von diesem gehört, dass derselbe sie zu Erpressungszwecken bei Wilde benützen wolle; deshalb habe er einen Detektiv genommen, sie auch wieder bekommen, fürchte aber die Rache der Leute. Er bitte deshalb Wilde, ihm Geld zur Aus^vanderung nach Amerika zu geben. Wilde gab ihm 21 Pfund und erhielt die Briefe mit einer einzigen Ausnahme zurück. Kurze Zeil darauf tauchte in Wildes Wohnung der vorerwähnte Allen auf mit einer Kopie des verfänglichsten der Briefe, welche f^änitlich heisse Liebesergüsse Wildes an den jungen Lord Alfred Douglas enthielten. Allen erklärte, es seien ihm (iO l*fund für die Kopie geboten worden, gab aber klein bei, als ihm kurzweg erklärt wurde, er möge sie getrost ver- kaufen, von Wilde bekomme er keinen Pfennig dafür. Darauf ging er weg. Schon 5 Minuten später kam ein dritter, ein gewisser Clyburn, er sei von Allen geschickt — 92 — und brachte das Original. Kr erhielt wie Allen, der 9 wenigstens um das Droschkengeld" gebeten hatte, einen halben Souvereign. Soweit verlief die Sache, ohne dass von einer besonderen Gemeinheit die Rede sein könnte. Das ungewöhnlich Niederträchtige aber liegt darin, dass unter der Hand weitere Kopien gefertigt waren und dem Lord Queensburry zum Zwecke seiner Verteidigung in die Hände gespielt wurden. Diese Briefe waren es, durch die der Lord den Injurienprozess gewann; sie waren es zugleich, infolge deren dasKriminialverfahren gegen Artur Wilde wegen Verletz- ung der Sittlichkeit eingeleitet wurde. Der Verlauf des Prozesses ist bekannt; bekannt sind die Mittel, durch welche der öffentliche Ankläger in England den Schuld- beweis erbringt, nämlich durch Kronzeugen, welche in diesem Falle selbst nicht von jenem Verdacht frei waren, wegen dessen der Unglückliche vor den Schranken des Gerichts stund; bekannt endlich sind die Worte, welche der Oberrichter bei Verkündigung des Urteils — zwei Jahre Zuchthaus mit Zwangsarbeit und fakultativen Peitschenhieben — an die Versamriielten sprach: „Ich kann unter diesen Umständen nicht anders als das strengste Urteil fällen, welches das Gesetz gestattet, und meines Erachtens ist dasselbe vollständig unzureichend |!] für solch einen Fall.* — Die Behandlung, welche der fein- fühlige Dichter im Gefängnis zu ertragen hatte, war aber in der That grausam genug, und bald kam er körperlich ganz herunter, was um so leichter zu begreifen ist, als der Arme in ein Tretrad gestellt wurde; seine Finger schwärten und bluteten; der Leib magerte zum Skelett ab, seine Kinnlade hing lose herunter. In den tief- liegenden eingesunkenen Augen sah man die Keime des nahenden Wahnsinnes. So endete eine Existenz, ausgezeichnet durch schöpfer- ische Kraft des Geistes, verwöhnt von der Mitwelt durch — 93 — deu GlaDZ des Ruhmes. Und diejj Alles wegen eines seine Mitmenschen beherrschenden Wahnes, zu dem die Vertreter des Gesetzes schweigen, während der Wahnwitz in der Hand der Verbrecher zur bequemen Waffe wird Der klassische Blutzeuge, den das Erpressungssystem auf dem Gewissen hat, ist Johann Joachim Winckel- mann, der berühmte Archäologe. Wenn der damit ver- knüpfte Vorgang der Zeit nach ausserhalb des Rahmens liegt, den unsere Studie sich von vornherein gezogen hat, so darf er wegen der Bedeutung der Person und der Um- stände, unter denen er sich abspielt, hier nicht umgangen werden. Im Jahre 1767 entschloss sich Winckelmann sein geliebtes Rom^ wohin ihn die Liebe zur artiken Kunst und wohl auch seine konträrsexuellen Neigungen gezogen, auf eine 2^it lang zu verlassen und seine Freunde in Deutsch- land zu besuchen. Im Frühjahr des nächsten Jahres trat er die Reise an. Allein auf deutscher Erde angekommen, überfiel ihn die Sehnsucht nach seiner zweiten Heimat Italien, das Heimweh nach Rom. In Regensburg kehrte er um, d. h. er wandte sich, der Donau entlang ziehend, nach Wien, wo er von der Kaiserin Maria Theresia em- pfangen und mit einer Anzahl seltener und wertvoller Goldmünzen beschenkt wurde. Der Weg nach Italien führte ihn sodann nach Triest, und hier war es, wo ihn das düstere Schicksal erwartete. Ahnungslos fireute er sich, wieder des Südens Laute zu hören und dessen leicht- lebige Söhne wieder um sich zu sehen. So machte er Be- kanntschaft mit dem ersten Besten, der ihm zusagte, mit einem vagierenden Kellner, und Hess sich in einen ver- traulichen Verkehr mit ihm ein. Der glatte Welsche er^ wies ihm allerlei Gefälligkeiten und machte Kommissionen für ihn. Täglich, eine ganze Woche lang, gingen Beide früh- — 04 — morgeois .spaziere», claDu ins Cafe, sassen zusammen bet Tafel, trafen sich zum zweitenmale beim Caf^, machteui ihre Abendpromenade und jedesmal verblieb Winckelmaniv dann eine Zeit lang auf des Andern Zimmer. Am 8. Juni sollte die Abreise Winckelmanns nach Venedig statt- finden und damit die Trennung von dem Begleiter. Wollte dieser einen Gewinn aus der Bekanntschaft herausschlagni,, so musste es an diesem Tage geschehen. Arcangeli, so. hiess der Verruchte, kam, Messer und Schlinge bei sich versteckt, auf Winckelmanns Stube und fragte denselben, ob er ihm die Goldmünzen (der Kaiserin Maria Theresia, von denen er unvorsichtigerweise ihm gesprochen hatte) heute einmal zeigen wolle. Winckelmann verneinte. — , Warum er denn nicht sagen wolle, wer er eigent- lich sei?* — »wich will mich nicht zu erkennen geben."" Mit diesen Worten setzte sich Winckelmann an den Schreibtisch, dem Besucher den Rücken kehrend. Jetzt war der Augenblick gekommen: der Mörder warf die Schlinge um den Hals und zog mit allen Kräften zu- sammen Man sieht, es war kein Raubmord, dem der Gelehrte zum Opfer fiel, es war eine Erpresserblut- that, wie sie sich seitdem unzähligemale wiederholt hat. Die unberechtigte, freche Frage, wer man denn eigentlich sei, bildet noch heute die Einleitung zu einer formidablen Erpressung, und wenn auch nicht alle Heldenthaten dieser Art mit einem Morde abschliessen, so zerstören sie doch jedesmal die Ehre und damit die bürgerliche Exi- stenz des konträr Empfindenden. — Der moderne Zeitungsleser von heute erfährt so viel von Gewaltthätigkeit, Entehrung, von Raub und Mord,, dass er ohne einen tiefem Eindruck zu verspüren, in seiner Lektüre sofort auf ein anderes, erfreulicheres Thema übergeht. Diese Teilnahmslosigkeit ist mit der Macht der Gewohnheit zu entschuldigen, welche nach und nach die Einsicht oder Vermutung zeitig werden läset, dass ein — 95 — gut Teil der Vorkonininisse auf Recluiung des unabwend- baren Scliicksals, ein anderer auf eigene Schuld der Be- troffenen zu setzen ist. Allein, wo diese Vermutung nicht zutriffi, da, wo man weiss, dass lediglich menschliche Bosheit im Bunde mit Hass, Denkfaulheit und Brutalität das Unglück hei beigeführt, da wo man einen ohnehin schon Unglücklichen das Opfer der Niederträchtigkeit werden sieht, mit anderen Worten, angesichts der ent- setzlichen Kapitel aus der Geschichte des Umings- elends, die wir kennen gelernt : da ist keine Entschuldigung mehr angebracht. Nirgend so, wie in Sachen des Kon- trärsexualismus, insbesondere wiederum da, wo es sich um das Rupfertum handelt, da sollte endlich einmal Wandel geschaffen werden, und jeder Gewissenhafte, jeder mensch- lich Fühlende sollte sich für verpflichtet erachten, daran mitzuwirken. Es ist, nachdem die Wissenschaft gesprochen, nun nicht mehr an der Zeit, sich vom Vorurteil leiten zu lassen. Ja, auch die individuelle Abneigung, der persön- liche Horror, der wohl seine subjektive Berechtigung haben mag, darf keine Entschuldigung mehr bilden. Man muss sich mit Damiederhaltung seiner parteiischen Instinkte auch einmal auf den Standpunkt jener Geschöpfe stellen, welche man bisher verfolgte, bloss weil man sie nicht begriffen hat. Gesetzt nun den Fall, es gibt eine kon- träre Geschlechtsempfindung, und der mit ihr Behaftete müsse, gleichwie der Normale, dieser Empfindung mit der elementaren Gewalt des normalen Geschlechtstriebes folgen: welch himmelschreiendes Unrecht stellt sich in der Brutalität des Rupfertums, aber auch in der Teil- nahmslosigkeit dar, mit welcher die glücklichere Majori- tät dem davon betroffenen Mitmenschen gegenübersteht! Diese Annahme darf aber nicht als eine bloss imagi- näre aufgefasst werden ; sie ist das unumstössliche Ergeb- nis der Wissenschaft, ist eine Thatsache, und die Frage dreht sich nur noch darum, ob man fürder noch di(r — 96 — Wirkungen der konträren Sexualempfindung strafreühtlicli verfolgen soll oder — ob man das Rupfertum noch länger gewähren lasse, d. h. ob man jene soziale Pestbeule, deren Nährboden die £xistenz des § 175 im deutschen Reichs- Strafgesetzbuch ist, gleichsam weiterzüchten wolle. Die Antwort mag sich jeder selbst geben. Die strafrechtlichen Bestimmungen gegen den gieicbgescbleciitliciien Verkehr historisch und kritisch dargestellt Ton Dr. jur. Numa Praetorius. L Das Altertum. 1. Die asiatischen Völker. in Asien scheinen nur die Juden eine strafrechtliche Bestimmung gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr ge- habt zu haben ^) und zwar bestraften sie ihn mit den Tode. Im dritten Buch Moses sagt Gott zu Moses: «Du sollst nicht bei Knaben liegen, denn es ist ein GräueL*) und «Denn welche diese Gräuel thun, deren Seelen sollen ausgerottet werden aus ihrem Volke* *); femer im fol- genden Kapitel heisst es: «Wenn Jemand beim Knaben sohläft, wie beim Weibe, die haben einen Gräuel gethan und sollen beide des Todes sterben, ihr Blut sei auf ihnen,"*) *) Thonissen: Etndes sar Thistoire da (!:oit rrimiDel det penples anciens Bd. IL ■) Levit. 18 V. 22 und 18 V. 29. •) Levit 19 V. 28. Jfthrbiieh Ar homoMxaelle Fonchnngen. 7 — 98 — Von dem gleichgeschlechtlichen Verkehr zwischen Erwachsenen ist zwar in diesen Stellen nicht die Kede^ da aber nicht nur die Bestialität mit dem Tode bestraft wm-de, sondern schon die blosse Onanie verpönt war (Gott tödtet deshalb Onan) ^), so ist auch mit Sicherheit anzunehmen, wie übrigens die Erzählung von Sodoms Untergang ersehen lässt, dass auch die Päderastie zwischen erwachsemen Männern verabscheut und mit Strafe belegt war. ': Bei andern Völkern Asiens scheint gegen den gleich- geschlechtUchen Verkehr nicht nur keine Straf bestimmung existiert zu haben, sondern bei einigen scheint er geradezu gestattet, ja anerkannt gewesen zu sein. Die Tyrrhener sollen der Päderastie gehuldigt haben.*) Ueber die Parther wird von ihrer Erfahrung in der Unzucht mit Knaben berichtet (puerilium stuprorum expertes).*) Bei den Scythen gab es nach Herodot und Hippo- crat^s eine Klasse von Männern, die eifeminiert waren, sich als Weiber kleideten, allen möglichen weihlichen Beschäftigungsarten sich zuwendeten und zweifellos der passiven Päderastie ergeben waren.'') Auch von den Persem wird die Sitte, gleichgeschlecht- lichen Verkehr gepflogen zu haben, mitgeteilt.^) Am meisten soll die Päderastie in Babylon in Ehren ge- standen haben.*) «) Exod. 22 y. 19 und Deuter. 27 Y. 21 (Bestialität) Genesis 38 y. 9 und 10 (Onanie). ^) Athenäus XII, 5l7 e, s. vgl. besdglich der folgenden An- gaben Schrenk-Notaiug: Die Snggeations-Therapie bei krank- haften Erscheinungen de« Geecblechtssinnes mit besonderer Berück*, sichtigong der kontrftren Sexnalempfindung. Stuttgart 1899 S. 134 and Er seh und G ruber; Realencyclopädie : Artikel: Päderastie. *) Anunian: Marcellus 28 ult p. 862. '') Moll: Gonträre Sexualempfindung, Ausg. I S. 27. '') Sextus Empiricus P. H. I. 169. *; Scbrenk-Kotcing dt. in Ana. 6 8. 184. — 99 — Bei einigen Völkern wurde sie wohl sogar mit dem Gottesdienst in Verbindung gebracht, wie aus der Be- zeichnung puer sanctus (heiliger, gottgeweihter Knabe) für puer moUis^ cinaeda (Buhlknabe), die sich in den Berichten von römischen Schriftstellern findet, hervor- zugehen scheint.^") 2. Die Griechen. In den meisten Staaten des alten Griechenlands war zu allen Zeiten geschlechtlicher Verkehr zwischen Personen des gleichen Geschlechts an sich nicht verpönt und mit keinerlei Makel verbunden. Der Abscheu, den das Mittelalter und die Jetztzeit derartigen Gefühlen und Handlungen entgegenbrachte und -bringt, die Brandmarkung der Päderastie als Sünde und Verbrechen war den Griechen unbekannt. Nicht nur gewöhnliche Bürger, sondern die grössten Dichter, Philosophen und Staatsmänner waren der Liebe zu jungen Männern ergeben. Trotz der Duldung oder vielmehr Anerkennung dieser Liebe waren doch ihrer Bethätigung gewisse Schranken gezogen, für deren Ueberschreitung sogar strafrechtliche Bestimmungen bestanden. Zum besseren Verständnis des letzteren ist ein kurzes Eingehen auf die Natur der bei den Griechen zur sozialen Institution gewordenen mann- männlichen Liebe geboten. Die Griechen, wenigstens Spartaner und Athener, die Träger der griechischen Kultur, unterschieden reine und imreine Männerliebe. Die erstere setzt eine geistige Anziehung, ein seel- isches Band, eine innige Verbrüderung und Freundschaft voraus. Gegenseitige Vervollkommnung und Erziehung, gemeinsamer Wetteifer in allem Schönen und Guten ist Hauptzweck des Bundes. *') Eracli und Graber: Artikel P&derastie Anm. 17. 7» — 100 — Während in Athen intellektuelle, schöngeistige und künstlerische Eigenschaften bei diesen Verhältnissen eine Hauptrolle spielen, wird in Sparta der körperlichen Tüchtigkeit und den kriegerischen Tugenden die aus- schlaggebende Bedeutung beigemessen; die Liebesbünd- nisse sind in erster Linie Waffenbrüderschaften. (Ein treffendes Beispiel, dass Männerliebe mit Entartung nicht zusammenrällt und kein Zeichen des Verfalles eines Volkes darstellt) Das Verhältnis ist aber nicht nur ideale Freundschaft, sondern eben ein Liebesverhältnis: die Sehnsucht des heutigen normalen Mannes nach dem Weib, die geschlechtliche Anziehung, der Einfluss körper- licher Schönheit und Jugendblüte vereinigt ;die Freunde so mächtig, wie die seelischen Eigenschaft;en. Ohne sinn- liches Moment ist das griechische Liebesverhältnis zwischen Männern undenkbar. Diese sinnliche Grundlage hatte auch die Vornahme geschlechtlicher Handlungen zur Folge. Abgesehen da- von, dass die griechischen Schriftsteller und Philosophen hierüber keinen Zweifel aufkommen lassen, wäre es ge- radezu unbegreiflich, dass bei der grundsätzlichen Aner- kennung der Männerliebe an sich und der Freiheit und Ungebundenheit des gesellschaftlichen Verkehrs der Männer untereinander die innige, körperliche und seelische Zuneigung nicht zu geschlechtlichen Handlungen geführt hätte. Sie bilden nicht Ziel und Zweck dieser Liebe, werden aber als natürlicher Ausfluss derselben gestattet. ' ') ^'): Ueber die griechische M&nnerliebe sa vgl. Ellii und Symonds: Dm kontrftre Oeschlechtageföhl. Bi- bliothek der SozialwiseeDschaflen (deatoch von Knrella) 1896r^Kap. III. Schrenk-Kotzing: Die Snggestionstherapie bei krankhaften £r^ ■cheinnngen des Geschleohtssionep 1892 8. 184 flgd, ferner die bei Ellis und Schrenk-KotsiDg zitierten Schriftsteller, nameDtlieh die griechischen, unter letzteren besonders Flato (Gastmahl, Fbldros und Lysis) sowie Xenophons Gastmahl. — 101 — Im Gegeusatz zur reinen Männerliebe verfolgt die unreine nur den Zweck der Wollust und sinnlicher Ge- nüsse ohne sittliche Basis. Auf diesem Boden waren alle Formen geschlechtlicher Akte möglich und alle, auch die extremsten (immissio penis in anuni), sind zweifellos vorgekommen. Diese unreine Knabenliebe galt den Griechen als etwas Unschönes^ als etwas zu Missbilligendes. Desshalb ist aber auch sie nicht strafbar. An Strafbestimmungen existirten folgende.*^) 1) Sparta: In Sparta scheint eine Straf bestimmung zwecks Begünstigung der reinen Männerliebe bestanden zu haben: Nach Aelian (De republica Lacedaem. II. 13) hätten die Ephoren sowohl einen Edlen, der keinen Ge- liebten gehabt, als einen Schönen zu einer Geldstrafe verurteilt, der einen reichen Liebhaber einem armen, aber braven Manne vorgezogen hatte. Es sollte also lediglich Zuneigung, nicht ein anderes Motiv das Verhältnis begründen. Umgekehrt gab es eine direkt gegen die unreine Knabenliebe gerichtete Bestimmung : Bestraft wurde näm- lich das stuprum d. h. die Schändung eines Jünglings uud zwar an beiden Teilen mit Entehrung, Tod oder Ver- weisung. Ob eine bestimmte Altersgrenze unter der Minderjährigkeit oder darüber hinaus festgesetzt war oder ob sie bis zur Minderjährigkeit reichte, wissen wir nicht. Jedenfalls aber war unter dem stuprum des naiC, des Knaben, nur immissio penis in anum verstanden; denn das wissen wir, dass sonstige Handlungen gestattet wurden und auch bei der sogenannten reinen Knabenliebe üblich waren. Alle Arten von Liebkosungen und Umarmungen waren erlaubt, nur das stuprum, d. h. die immissio penis *') Die sftmtlichon Angaben betrefifend diese Strafbestimmnngcn Bind der Encyclopftdie YQn Ersch und Graber unter „Päderastie" ent- nommen. — 102 — in iuium nicht^^^) jedoch scheint dus Zusaramenschlafen •bei völlig entblösstem Körper verboten gewesen zu sein, dies bedeuten wohl die Worte paliis interjectis in den Stellen complexus enim concubitusque permittunt palliis interjectis und Lacedaemonii osculorum licentiam dedere et concubitus verum paliis interjectis permittunt,^*) d. h. wenn die Mäntel die Liebenden bedecken sind Küsse, Umarmung und Zusammenliegen gestattet; es sollte eben grösseren Excessen, also der völligen Schändung vor- gebeugt werden. Wenn auch die Liebkosungen bei naktem Körper verboten waren, so folgt doch noch nicht daraus, das.s die Entfernung des Mantels sie strafbar machte auch dann, wenn kein wirkliches stuprum vorgekommen war. 2) Athen: Auch in Athen ist Männerliebe, sei es die sogenannte reine oder unreine, an sieh selbstverständlich straflos. Dagegen trifft denjenigen Attischen Bürger, der seinen Körper gegen Entgelt hingab, lebenslängliche Atimie;d.h.die man nl ich e Prostitutionwird ^r schimpf, lieh gehalten. Die Folgen der Atimie, der Ehrlosigkeit, waren der Verlust einer Reihe von Rechten, z. B. Unfähigkeit zum Bekleiden der Priester- und Gesandtenstellen, die Un- rahigkeit als Redner aufzutreten, Mitglied des Senats, der Gerichtshöfe, der Volksvertretung zu sein. Jeder Athener im Besitze der Bürgerrechte konnte eine Klage gegen den -der Prostitution Beschuldigten auf Ausspruch der Atimie anstellen. Sodann war die Verführung minderjähriger Knaben untersagt. (iegen den Grewalthaber eines Knaben, welcher diesen zur Schändung verdungen hatte, sowie gegen den *^J Cicero de Re. publica lY. 4: Laedaemonii ipei, cum omnia conccdnnt in amore javcnom praeter iinprom, tenni eane mnro dissnepinnt, id quod excipinnt, complexoB enim concnbitasque permittnnt. »*) Januar. Nepotian IV, 20. — 103 — Schänder selbst konnte jeder Athener eine Klage er- heben. ") Die Strafe ist uns nicht bekannt. Wir wissen lediglich soviel, dass Strafe nur eintrat^ wenn der Minder- jährige Attischer Bürger war, femer dass er später als Erwachsener seinem Vater, der ihn verkuppelt hatte keine Alimentation zu gewähren brauchte. Hatte Jemand einen minderjährigen Knaben ohne vorangegangener Einwilligung seines Gewalthabers ge- schändet, so konnte er auf die Klage des letzteren hin zur Zahlung von 100 Drachmen an ihn verurteilt werden. Hatte der Knabe Schaden gelitten, so wurde der Schaden in Geld abgeschätzt und der Schänder musste noch ausserdem das Doppelte des Schadens an den Ge- walthaber entrichten. Neben der Klage des Gewalthabers gab es sodann noch eine öffentliche Klage, deren Er- hebung jedem Attischen Bürger offen stand. In diesem Falle war die Strafe entweder Geld- oder Todesstrafe. Bis -zur Zahlung der Geldstrafe musste der Schänder im Gefängnis bleiben. Endlich gab es Bestimmungen mehr polizeilicher Natur zur Verhütung der Gelegenheit zur Verführung von Knaben und Umsichgreifens der unreinen Knaben- . liebe. So musste die grammatische Schule und die Ring- schule zwischen Sonnenaufgang- und Untergang geschlossen bleiben, so war das Betreten der Gymnasien Erwachsenen ausser den Verwandten der Knaben sogar bei Todes- strafe verboten. Diese Verbote, jedenfalls das letztere kamen jedoch bald ausser Gebrauch und wurden offenbar wieder ab- geändert; denn Sokrates und andere Philosophen haben fortwährend die Gymnasien besucht und sogar gerade dort ihre Liebesbündnisse angeknüpft.") ^^) Eine Klage auf Anssprach der Atimie streDgie Aeschinee gegon Timarch an, der siob für Geld prostituiert haben sollte. '*) Z. vgl. Flato: Charmides; and Ellis nnd Symonds, oben cit. Anm. 11, S. 83. — 104 — Die Unterscheidung zwischen edler und unedler Knabenliebe finden wir vornehmlich nur in Athen und Sparta. In Jonien und andern Orten galt jede Knabenliebe für schimpflich.**^ Dass sie aber in diesen Staaten be- straft wurde^ ist nicht anzunehmen. In Elis und Böotien'^) scheint lediglich die sinnliche Knabenliebe geherrscht zu haben und zwar ohne dass man sie für schimpflich hielt Von Strafen konnte dort selbstverständlich keine Rede sein. In Kreta soll die Päderastie ausdrücklich gesetzlich gestattet worden sein.'®) Die kretische Gütergemein- schaft stützte sich namentlich auf obrigkeitlich befohlene Päderastie.'*) Es fand bei den Kretern ein förmlicher Knabenraub statt {otQnay^iog^ ja man ging hier soweit, dass es für Knaben aus besserer Familie entehrend war, wenn sie keinen Liebhaber hatten.'^') 3. Die Römer. Bei den Römern bestand die Unterscheidung zwischen reiner imd unreiner Männerliebe nicht. Diese Liebe hatte sich in Rom niemals zu der idealen Gestaltung ausgebildet, wie in Griechenland. Wenn auch die Römer die Männerliebe als etwas Unehrenhaftes angesehen haben mögen und namentlich in den ersten Zeiten der Republik wohl strengere An- schauungen geherrscht haben, so hat doch sicherlich nie- mals die mittelalterliche Auffassung dieser Liebe als ver- abecheuungswürdige Sünde und fluchwürdiges Verbrechen bei ihnen gegolten; dies geht unzweideutig aus der ganzen >'; Plato: Qmatmahl Kap. » (^. Ende. »-) Plato: De Irg. I 636; AristoMes Pol. II. 8. '^) Röscher: Gtandlinicn der National Ockonomic S. 209. ^) Moll: Konträre Sexaalcmpfindang 8 UK — 105 — Art und Weise der offenen Besprechung des gleich- geschlechtlichen Verkehrs bei den verschiedensten Schrift- stellern, aus den Berichten über die römischen Zustände in dieser Hinsicht, aus den unverhohlenen Liebesgesängen der Dichter an Jünglinge hervor, aus der Thatsache, dass später sogar förmliche Männerbordelle geduldet wurden, von denen man eine in die Staatskasse fliessende Steuer erhob. * ') Ein Gesetz zur Bestrafung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs als solchen ist deshalb wohl auch niemals bei den Römern erlassen worden.'*) Allerdings scheint es, dass in der früheren Zeit schon der Verkehr zwischen dem gleichen Geschlecht unter Umständen bestraft worden ist. Sodann hat zweifellos die lex Scatinia (unbekannten Datums) von der Männerliebe gehandelt. Ueber den näheren Inhalt dieses Gesetzes wissen wir nichts. Soviel scheint uns aber gewisss, dass nur die Scliän- dung unbescholtener römischer Jünglinge und zwar wahr- scheinlich nur minderjähriger von jeher bestraft wurde. Dies ergiebt sich auch, wie uns scheint, zweifellos *') Z. vgl. die bei Ersch und Graber cit. römischen Schriften^ zu vgl. auch Gatuirs Carmen LXI, Ellis nnd Symonds, oben cit. S. 281, Zosats SU Kapitel III, wonach dem jangen Römer gestattet war, vor der Ehe rieh einen gleichalterigen Sklaven als Bettgenossen zn halten. Ein charakteriBtisches Bild der sp&trömischen Zustände gewfihrt be- sonders Petron^s Satyricon. '*) Einige Schriftsteller sprechen von einer angeblichen Be- strafung der widernatürlichen Unzacht an sich, während sie anderer- seiti doch wieder darunter nur die VerfÜhmng von Jünglingen zu verstehen scheinen. So z. B. Rein: Eriminalrecht der Römer, 8. 864, Leipzig 1844 Wftchter: Abhandlungen ans dem Straf- recht, Bd I. Leipzig 182)5, S. 173. Sehr ad er: Corpus juris civilis T. I p. 768, fieriin 1882. Der Grund dieser Verwechselung liegt in dem Irrtum dieser Schriftsteller, als ob die Mftnnerliebo identisch sei mit Liebe zu unerwachsenen Jünglingen und in ihrer Unkenntnis über das Wesen der mannmftnnlichen Liebe. — 106 — aus der später unter Augnstus im Jahre 18 v. Ch. er- lassenen lex Julia de adulterio. Dieses Gesetz änderte wahrscheinlich lediglich die Strafe der lex Scatinia. Aus ihm ersehen wir aber, wann Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts be- straft wurde. Die Stellen, welche uns über den näheren Inhalt des Gesetzes Aufschluss geben, sprechen nur von der Straf- barkeit des stuprum pueri, d. h. der Schändung des Knaben, des unerwachsenen Jünglings, und zwar erwähnt Paulus an einer Stelle seiner Sententien, dass nur der puer practextatus, d. h. der Jüngling bis zum 16. oder •17. I^ebensalter geschützt sein sollte.**) Es genügte aber offenbar nicht, dass der Geschändet« minderjährig bezw. noch practextatus war, sondern er musstc auch unbescholten sein, damit den Schänder die Strafe traf. Dies geht aus Folgenden hervor: Das stuprum einer Frau wurde nur bestraft, wenn die Frau zu den honeste viventes gehörte, d. h. ehrbar und unbescholten ") D. XLVII 11 (De ext. crim.) 1 1,2 (Panlus): Qui pnero stapram abdncto ab eo vel cormpto comito peranaserit aat mnlierem pnellamve interpellavcrit qoidvo impndicitiae gratia fecerit, donnm praebücrit pretiamve, quo i« penaadeat^ dedcrit, perfccto flagitio pnnitar capite, impcrfecto in iosnlam deportatar comipti comites SQmma supplicio afficiantnr. Und in dem Sententien des Panlus, aus welcher diese Stelle entnommen ist, heist es noch deutlicher: (Panlas Sent. V 4 §. 14) : Qni pnero praetextato stapram aliadye flagitiam abdacto ab eo vel cormpto comite persaavcrit Femer D. XLVm 5 (Ad. lefi^ Jal. de adalt. coerc ) 1 85,1 (Modestinas libro primo rcg^amm); Stapram in vidaa vel virgine vel puero committitar. Aas einer Stelle Tribonians in den Institutionen. (Inst. IV, 18, de public, judic. 64,) könnte man vielleicht entnehmen wollen, dass die lex Julio die Unzucht zwischen M&nnera an sich bestraft habe. Diese Stelle beabsichtigt jedoch nur die zu Justinians Zeiten er- lassene Strafe anzugeben. — 107 — war.^^) Das stuprum des puer wird nun aber mit dem stuprum der virgo auf eine Stufe gestellt und die lex Julia hat beide gleich behandelt; dies zwingt zum Schluss, dass das Gesetz auch nur die Schändung des ehrbaren Jünglings im Auge hatte, nicht etwa den Verkehr mit einem exoletus, einem männlichen Prostituirten. **) Der Schändung d. h. der immissio penis in anum wurden viel- leicht auch andere besonders anstössige geschlechtliche Akte gleichgeachtet; denn Paulus sagt,^") dass derjenige, welcher stuprum oder sonstiges flagitium impurum an einem puer praetextatus vornimmt, d. h. eine sonstige unzüchtige Schandthat, bestraft wurde. Mit Recht erklärt Christ,*"^ dass wahrscheinlich das ore morigerari d. h. Onanie per OS zu diesen strafbaren Handlungen gezählt wurde. Die Strafe der lex Julia war für den Verfiihrer, Mit- thäter und Verkuppler bei vollendeter Schändung Todes- strafe, bei blossem Versuch Deportation, *®) femer jeden- falls auch für den verführten Jüngling, Konfiscation der Hälfte seines Vermögens und Unfähigkeit über die Hälfte seiner Güter zu testiren. *•) Die wider Willen des Geschändeten vollzogene Stuprirung wurde ebenfalls mit dem Tode bestraft, wahr- scheinlich wurde kein Unterschied gemacht, ob der Ge- schändete minderjährig oder erwachsen war. ^^) Für das Militär scheint das Gesetz unter bestimmten Umständen strenger gewesen zu sein. Nach Quintilian ") D. XLVIII 5 1. 6 pr. u. 1. 36 § 1. 2») D. XLVJI 11 1. 1,2 i. XLVIII 5 1. 36,1 cit in Anm. 23. ^*) Paulns Scnt. II 26 §. 13: Qai volantato sna staprum flni^itiamvo imparam patitnr, dimidia parte bonoram suornxn maltatar, nee testamentnm ei ex majore parte facere licet. '^') Chriit, Joh. Frid.: Historia legis Scatiniae, Halle 1737 c. 20. '^) ob. cit D. XLVII. 11 1. 1, 2 in Anm. 23; ob. cit. Paalu Sent, V. 4 § 14 in Anm. 23. ^) PaaluB Sent. II 26 §. 13; ob. cit in Anm. 26. '^ Qni mascnlum liberum invitam itapraverit, capite pnnitar. — 108 — soll über diejenigen^ welche im £[rieg8lager wideniatür- liche Unzucht verübten, die Todesstrafe verhängt worden sein. ^') Ob die Strafe thatsächlich angewandt wurde, dürfte wohl bezweifelt werden. Zur römischen Kaiserzeit griff der mannmänuliche Geschlechtsverkehr immer mehr um sich, am ärgsten wurde es unter Nero (54 — 68) und dann unter Heliogobal (217—222). Wie schrankenlos zur römischen Kaiserzeit der mann- männliche Geschlechtsverkehr geduldet wurde, zeigt eine Anordnung Domitians (81—96) zum Schutze der Jugend; er verbot nämlich, dass Knaben unter 7! Jahren prosti- tuiert werden dürften,**) (also nur unter diesem Alter!). ü scheint, als habe später Alexander Sever (222 — 235) einen Augenblick eine Strafbestiramung namentlich gegen die männliche Prostitution erlassen wollen, er begnügt sich jedoch damit zu verordnen, dass die für das Halten der Bordelle erhobene Steuer nicht mehr in die Staats- kasse fliessen, sondern zu öffentlichen Baulichkeiten ver- wandt werden sollte.**) Kaiser Philipp (244 — 249) scheint dann ein weiteres Gesetz gegen widernatürliche Unzucht gegeben zuhaben,^**) sein Inhalt ist uns unbekannt. Jedenfalls fruchtete das Verbot nichts, denn wie Aurelius Victor in seinen Caesares sagt, förderte das Verbot nur schlimmere Schandthaten.*^**) Erst die christlichen Kaiser schritten energisch gegen den mannmännlichen Geschlechtsverkehr ein.**) '^) Schrader ob. cit. in Anin. 22. '^) So e ton: Edicto prohibuit, paeros intra septimnm atinum prostitni. '') £nch nnd Graber Artikel Pftdcrasüe. ^) Schrader: ob. cit Anm. 29. *^) Ulrich: (bei Spobr, Leipzig, 1898 in neuer Auflage cr- scHienen) Indnaa § ö9 S. 39. '^) Die nun folgenden Aasfahrmigcn dieses Gapitels I gehören eigentlich in das folgende über das Mittelalter, der Uebersicht halber war es jedoch angemessener, die Bestimmungen der spätrOmischen Kaiser hier folgen zu lassen. ~ lOi) — Mit dem Christentum trat nämlich überhaupt eine völlige Aendening in der bisherigen Auffassung der ge- schlechtlichen Handlungen ein. Jede Fleischeslust erscheint dem Christentum als Sünde, der aussereheliche Beischlaf zwischen Mann und Weib ist sündhaft und nur die Geschlechtsverbindung in der Ehe gestattet, aber auch diese wird nur als Not- befehl, als das geringere Uebel gegenüber dem Ideal der völligen Keuschheit betrachtet. Desshalb ist gar die gleichgeschlechtliche Liebe dem Christentum ein Gräuel, eine Versündigung gegen die Natur und gegen Gott, nicht nur schwere Sünde, sondern Verbrechen. Bei diesen Anschauungen ist es nicht zu verwundem, dass die christlichen Kaiser mit den härtesten Strafen gegen widernatürliche Unzucht einschritten, wobei das in der Bibel niedergelegte mosaische Recht wohl von Ein- fluss gewesen ist. Im Jahre 326 erliess Constantin der Grosse eine Konstitution gegen die gleichgeschlechtliche Liebe.") Er befiehlt, dass: „da wo das Geschlecht seine Natur ver- liert, wo Venus sich in eine andere Gestalt verwandelt, wo ein widernatürlicher Liebesgenuss gesucht wird, der Betreffende von dem mit dem Kacheschwert bewafiheten Gesetz mit den ausgesuchtesten Strafen belegt werde. Ob unter ausgesuchtesten Strafen (poenae exquisitae) wie Gothofredus meint, Feuertod verstanden war, steht nicht fest und ist wohl zu bezweifeln. *') Codex Theodosiamifl L. IX. tit. VII, 3 : Cum vir nnbit in feminam viris porrectaram, quid cnpiat, nbi sexns perdidit loolim? nbi eceluB est id qnod dod proficit, leire? Ubi Venus mntatnr in alleramformuii? nbi Mnor qnaeritnr, nee Tidetor? labemns inenrgere legef, Amiari jnn i^ltdio nltore, nt exquititis poenis sobdantnr in- funet, qni snnt yel qni fntnri snnt rei. — 110 — Denn erst Yalentinian bestimmte noch in demselben Jahrhundert als Strafe den Feuertod. ^^) Yalentinian führt aus: ,,Er wolle nicht länger dulden, dass Rom durch die Ansteckung dieser Unzucht befleckt und die alte Kraft des Volkes dadurch gebrochen werde« Alle die, welche die Gewohnheit hätten, ihren Leib nach Weiber Art preisszugeben und sich vom Weib nicht mehr unterschieden, sollten aus den Männerbordellen heraus- geschleppt und Angesichts des Volkes den rächenden Flammen übergeben werden, damit Alle es einsähen, dass die Seele des Mannes ein Heiligtum sei und dass der, welcher sein eigenes Geschlecht auf schimpfliche Weise verloren hätte, der Todesstrafe verfalle, wenn er ein fremdes Geschlecht erstrebe." Justinian nahm das Gesetz von Valentinian nicht in seine Gesetzessammlung, sondern \nederholte dasjenige des Constantin, nur bestimmte er'^) die Strafe ganz genau und zwar verordnete er die Todesstrafe mittels Schwertes. '^) FragmenU Vaticana Mosaicarnm et Romanaram legam collatio. (Ed. Knieger) tit. Y 3. Impp. Yaleniianai, Theodosias ti ArcadiuB Angg. ad Orientiom yicariom nrbiB Romaa. Non patimor mrbem Romam Tirtatnm omniom matrem diatics effeminati in viro padoris coDtaminatioDe foedari et agreste illnd a priscis condttori- bos robnr fracta moUiter plebe tennatam conyiciiim saecniia vel •onditomm inrogare vel prmcipimii Orienti carissime ac jacoDdiMime Bobis. Landanda igitnr experientia tna pmnes, quibni flagitü asiu est Tirile corpas moliebriter coDstitntam alteni sexna damnare patientia aibilqae diacretum habere com feminii, occnpatoa, nt flagitü poacit immanitaa, atqae ommbni edactos, padet dicere» Tiroram Inpaoaribas epectante populo flammae vindicibna expiabit, nt oiÜTern intellogaat •acrosanctom cnnctis esse debere hospitinm viiilis animae nee sine •ammo snpplicio alieniiln expetiate sexom qni ranm tarpiter per- didiaaet '*) Im Codex IX. 9 1. 80 o. Jnat. IV. 18 § 4: Item lex JaUi^ de adolteriia coeroendia, qoae nen -solom temeraiorea alieiianim ^anp.» tiaram gladio pnnit, aed etiam eoa, qai «om maaculia iofandam. Ubi^ dinem excrcero aodent ) — 111 — Im Jahre 538 erliess er nochmals eine Ermahnung an das Volk und warnt sie vor diesem Verbrechen. *") Als Grund der Bestrafung betont Justinian den reli- giösen Gesichtspunkt; „dieses Laster sei eine Eingebung des Teufels, Jeder solle davon ablassen, damit nicht Gott das ganze Volk desswegen strafe; denn wegen solcher Laster käme Hungersnot und Seuche über die Menschen. ^®) Novelle 77: . . . Qnoniam quidam diaboHca instigatione comprehensi .... naturae contraria agont: istäs ügnngiinns, in sensi bns accipere Dei timorem et fntamm jndicinm et abstinere ab huis modi diabolicis loxoriis, ne propter haiusmodi impios actus ab ira Dei jnsta inveniantnr et ciyitates cum habitatoribns eamm pereant. Docemnr enim a divinis scriptis, propter hnismodi impios actus ciyitatoB hominibns periisse . . . Propter talia delicta et famcs et terrae motns et pestilentiae finnt. . . . Sin autem et post hanc nos- iram admonitionem inyeniantnr aliqni in talibns permanentes delictis : primam qoidem dndignoe se fadnnt Dei misericordia ; post haecnntem et legibus constitutis subjiciantur tormentis. Praecipimns enim gloriosissimo praefecto regiae civitatis permanentes istos . . . com- prebendere et oltimis snbdere snppliciis, ne . . . et civitai et repnb- lioa . . laedator. ^®) Novella 141 : Edictum Jnstiniani ad Gonstantinopolitanos de Impudicis: Fraefatio: Semperquidemhnmanitateetclementiadeiomnes indigemns, maxime vero nmic com moltitndine peccatomm nostromm mnltis cnm modis ad iracondiam provocavimas. Et minatus est qoidem, et ostendit, quid peccata nostra mereantnr, clemens tamen> fait inunqne rejedt poenitentiam nostram expectans, et qui nolit mortem noatram, peccantinm, sed conversionem et vitam. Qnare justnm non est, nt omnet divitias bonitatis, et tolerantiae et patientiae dementis dei eontemnamua, ne dnro et poenitentiam non agente eorde nostro acoommnlemiu nobia iram in diem irae, sed nt omnes quidem pravis eopiditatibiiB etaotionibos abstineamni, maxime vero iUi, qni in abomi- nabili et deo merito ezosa atque impia actione contabnenint.. Loqnimiir aaten de stapro mascnlorom, qnod mnlti impie oommit* innt maeculi ovm naasoolit tnrpitndinem perpetiante«. Oa^ L Scimni enim sacris scripturis edocti, quam jnstara poe- Bam den» illii, qni Sodomae olim habitanmt, propter inianam hanc «ommiztionem inflexerft, adeo nt- hninaqne^ regio äla inextineto- igne ardeat, atque per boc nos docet, ut impiam illam aciitineoi — 112 — Wer in dieser lasterhaften Gewohnlieit verharre, solle getötet werden, damit nicht der Staat (durcli die gött- liche Rache) Schaden leide." Auch diese Ermahnung scheint wenig genützt zu haben, denn im Jahre 559 giebt Justinian eine Prokla- mation gegen dasselbe Verbrechen heraus: Wiederum und noch mehr wie früher stellt er als Strafgrund die Ver- letzung des göttlichen Willens in den Vordergnmd, nur deshalb scheint er strafen zu wollen, weil er Gott gegen- über dazu verpflichtet sei. Er versucht mit Güte und Milde die Sünder zu ver- anlassen, ihr Laster aufzugeben und verspricht denjenigen hversemur. Rarsas vero ecimus, quid do bis snnctus apostolus dient, qaidqne reipnblicae Dostree legcs sannianti atqne at omneB, qai timori dei intcnti snnt, impia et profana actione abitinere debeant. qiiae nee a brntis perpetra invenilnr, atqno Uli qnidem, qni eins rai sibi conscii non sant, in fntanun ctiam tempns sibi caveant, qni yero boc affectn jam contabnernnt, non aolnm in postenim desittant, sed etiam veram poenitentiam agant et deo snpplicentnr, et beatissimo patriarcbae yitinm indicent, et sanationis modom aodpiaDt, et ae- cnndnm id, qaod scriptum est, frnctnm poenitentiae ferant, nt Clemens dens pro divitüs misericordiae snao nos qaoqne dementia sna dig- netnr, et omnes pro illomm, qni poenitentiam agont» sdnti gratias ipsi agamns, in qnos etiam nunc magistratüs inqoirere jnsrimas, denm placentes, qni jnste nobis iratns est. Et nimo qnidem ad aac- romm diemm honorem rospicientes bemgnnm denm rogamus, nt lUi qni in impiae hnins actionis coeno Yolvnntur, ita reaipisoant, ot alia eam pnniendi occasio nobis non detar; dennnciamns antem omnibns, qm einsmodi peccati sibi oonsdi sunt, msi pecoare desinaot, atqve se ipsos beatisiimo patriarobae deferentes salntis snae cnram aguit, propter impias einsmodi actiones deoa intra saootom festnm plaoaotes, aoerbiores sibi poenaa aroeatitnros esse, tamqoam nalla in postemm venia dignos. Neqna enim nmütetar ant negligetnr bnios rei in« qnisitio et emendatio illmum, qni intra sanotom festam se non de- tolerant, yel in impia illa actione penereraTerant, na per negUgen* iam bac in r% oommissam denm contra nos irritemiis, si tarn impiao et probibitae aolioBi, qukeqve maxime idonaa sit ad bonnm de«» ad omninm perniciem irritandom, oonniyeamns. — 113 — Gnade, welche bis zum bevorstehenden Osterfest ihre Sünde bereuen und beichten, und so Gott besänftigen würden. Diejenigen aber, welche ihr Laster nicht bereuten und eingeständen, sowie die, welche fortführen, ihm nachzu- hängen, sollten keine Verzeihung finden und mit den härtesten Strafen belegt werden, damit Gottes Zorn nicht das ganze Volk träfe.*') Der gleichgeschlechtliche Ver- kehr muss zu Justinians Zeit äusserst verbreitet gewesen sein; sonst hätte nicht Justinian in so eingehender und nachdrücklicher Weise sich dagegen gewandt. Uebrigens hat Justinian in seinen Erlassen nicht so sehr die einzelne Handlung, als viel- mehr die zur Gewohnheit gewordene, ein- gefleischte Sünde im Auge. Schon Justinian scheint die Ahnung gehabt zu haben^ dass es sich meist um einen tiefeingewurzelten Trieb handelt. Ueber die Strafe selbst drückt sich Justinian in den Novellen 77 und 141 nicht sehr genau aus; es war dies aber auch nicht nötig, da er schon früher die Todesstrafe durch das Schwert festgesetzt hatte. Nach Properz, Zonaras und Cedrenus soll übrigens Justinian oft an statt mit dem Tode, mit Abschneiden der Geschlechtsteile ge- straft haben. *') Z. vgl. Ulrich: Inclusa § 60—64. Ttthrbuch fQr lioraosexnollc Forschungen. O II. Das Mittelalter und die Neuzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 1. Die Zeit vor den Karolingern. Ausser den schon besprochenen Bestimmungen der römischen Kaiser lässt sich wenig über unsere Materie in der Zeit vor den Karolingern berichten. Bei den Kelten war die Päderastie bekannt, sie übten sie, trotz der Schönheit ihrer Weiber.**) Auch bei den alten Germanen ist sie vorgekommen. Sie wurde bestraft und zwar mit , Lebendig begraben werden"/*) Die be- kannte Stelle in der Germania des Tacitus, wo gesagt ist, dass die corpore infames in dem Sumpf begraben wurden, spricht nämlich zweifellos von denjenigen, die Päderastie verübt hatten. Dies geht auch aus folgenden Stellen hervor.*"*) Cassium quendam, mimum corpore in- famem (Tacitus Annalen I 78) Quinctianus mollitia cor- «') Aristoteles: Fol. II, 66, Diodor V, 31; Schrenk-Kotzing: Die Saggestionstherspie bei knmkbaften Erscheinungen des Qe- Bclilechtssinnes mit besonderer Berücksichtigung der kontr&ron Sexnl- empfindnng. Stattgart 1892, S. 134. *^) Waits: Dentsche Yerfassangsgesohiche I S. 426 n. Anm. 1. Banmstark: Urdentsche Staatsalterthflmer. Berlin 1873, S. 449. **) Wie Baamstark, cit. in Anm. 43, mit Recht heryorhebt Derselbe bemerkt sehr richtig, es dürfe verlorene Mühe sein, gegen die Worte des Tacitas anzok&mpfen ond es gehöre an den Albern* heiten des Afterpatriotismos, durch Schrift- and Sinnvcrdrehang der Stelle einen andern Sinn an geben. — 115 — poris iiifamis (Aiim. XV. 49) Rebius ob libidiues mulie- briter infamis. (Anm. XIII 30) Dass der gleichgeschlechtliche Verkehr bei den Ger- manen nicht gerade selten war, beweist auch der Um- stand, dass unter den ehrenrührigen Schimpfworten die Beschimpfung aufgezählt wird, dass ein Mann sich als Weib habe gebrauchen lassen.^'*) In den alten Volksrechten findet sich keine Straf- bcstimmimg gegen Päderastie. Xur in norwegischen Kirchengesetzen wird die Bestialität mit Castrierung und ewiger Landesverweisung, in norwegischen Verordnungen der geschlechtliche Ver- kehr zwischen Männern mit Friedloserklärung bestraft. *'^) 2. Das Recht der Karolinger. Die Karolinger schritten gegen die widernatürliche Unzucht ein. Im Capitulare ecclesiasticiun vom Jahre 289, wo unter Bezugnahme auf das C'oncil von Ancyra von der Auferlegung der kirchlichen Busse die Rede ist, wird ge- sagt,*®) dass fleischliche Vermischung zwischen nahen Verwandten, zwischen Mann und Mann, sowie zwischen Mensch und Tier mit dem Tode zu strafen ist, dass aber der Thäter, wenn ihm das Leben geschenkt wird, auf- *^) Wilda: Gescbiclite des dentschcn Strafrechts. Bd. I, S. ^58. **) Walter: Corpus juris Gcrmanici antiqui Bd II S. 150. Capital rium Liber VII. c. 866: De bis qui inrationabiliter versati sunt sive venantnr. In qua sententia sensus triplez est: id est de bis qui cum pecoribus coltus mixti sunt, aut more pecorum cum consanguineis usque adfinitatis lineam incestum commiserunt, aut cum masculis concn« buerunt. Quisqnis antem ex bis unum egerit, aut capito puniatur, aut si ei vita concestn fuerit, juxta Ancy rani GonciUi sententiam, quae in capitnlo XVI continetur, pocnitentiam veraciter agat. 8* — llo — richtig Busse thun soll.*') Ein späteres Kapitular bespricht den Gegenstand eingehender.***) Auch hier tritt uns der- selbe religiös-sittliche Gesichtspunkt, den schon Justinian besonders betont hat. entgegen. „Wegen solcher Laster sende Gott Hungersnot und Pestilenz über das Volk. Wegen diesen Sünden seien schon Städte verbrannt und durch den höllischen Schlund verschlungen worden. Desshalb bestrafe das römische Recht das Verbrechen mit dem Feuertod." Das Kapi- tular gebietet dann ausdrücklich Allen nebst Untergebenen luid Hörigen von solchen Sünden abzulassen. Auch damals scheint gleichgeschlechtlicher Verkehr *') Z. vgl. Wilda: Gcscbichto des deutschen Strafrechts. Bd. I S. 858. **) Walter S. 8&8 und 859: Cap ad. IV c. 160: De patra- toribns diveraorum malorum: Sunt sane divereorummalorum patratores, quos et lex divina improbat et condemnat ; pro quorum etiam divcrsis sccieribus et flagitiis popnlns fame et pestilentia flagellatnr, et Ecclcsino Status infirmatur et regnnm periciitatur. Et quemquam baec in sacris eloquiis satis sint execrata, nos nocessarium praevidimus iterum nostra admonitione et exhortatione atque prohtbitone praecaveri omnino opor- M l cut sunt diversarum pollntionuxn patratores, quas cum masculis et pecoribus nonnulli diversissimis modis admittunt; quae incompara- bUem dulcedinem piissimi creatoris ad amaritudinem provocantes, tanto gravins delinquunt, quanto contra naturam peccant. Pro quo etiam scelere igne coelesti conflagrntne, infemique hiatu qninque absorptae sunt civitatis, necnon et quadraginta et eo amplias millia stirpis Beniamineao mucrone fraterno confossa sunt, fla^c porro indicia et evidentes vludictae declarant quam detestabile et exsecrabilo apud divinam majestatem hoc vitium extet Seimus enim quoniam talium criminum patratores Lex Romana, quae est omnium humanamm mator legum, igne cremari jubet. Vobis ergo omnibus terribieterdenuntiamusi ▼estritque cunctis, ac vobis famulantibus atque subditis, vobiscum Dei districto judicio atque fidelitate nostra praecipimus ab bis caveri, et haec faciontibus nee verbis nee factis uUo modo consentire ; quoniam qui talia agunt, Apostollo poUicente, regnum Dei non consequentnr. Tempus namque est, ut multitudini pereuntis populi parcatis, quae scqnendo cxempla peccantis Principis cadebat in puteum mortis ; quia — 117 — ziemlich verbreitet gewesen zu sein; deun das Kapitular fährt fort: „Es sei Zeit, dass die Menge Einhalt thue, und sich nicht in den ewigen Tod stürze. Er der Kernig (der Verfasser des Kapitulars) werde Strafe oder Belohnung von Gott erhalten, je nachdem er das Volk zum Guten oder Schlechten leite." Also auch hier als Hauptgrund des Einschreitens die Verpflichtung des Herrschers gegenüber Gott. Der zweite Teil des Kapitulars wendet sich dann spezieller gegen den buhlerischen Verkehr mit Frauen- zimmern und führt aus, „dass in Folge der Fleisches- sünden das Volk untüchtig werde und zu Grunde gehe, qnantoscDnqne vel per bona cxempla ad vitam coelestid patriae contra- himas, vel per mala exempla ad perditioDem, scquentes praeimas, de tantis proral dubio ab aeterno jndice vel poenas vel praemia acceptnri samns. Si enim gens nostra, sicnt per istas provincias divulgatum est, et nobis in Francia et in Italia improperatnr, et ab ipsis Faganis ixnpropcnam est, spretis Icgalibns connabiis, adnlterando et laxoriando ad instar Sodomitao gcntis focdam vitam duxerit, de tali commix- tione meretricnm aestimandnm est degenercs popnlos et ignobiles, et fnrentes libidine, foro procrcandos, et ad extrcmum oniversam plebem ad deteriora et ignorabiliora vergont4}m, et novissimo nee in belle seculari fortem, ncc in fidc stabilem, et ncc bonorabilem homini- bns nee Deo amabUem esse venturam : sicnt alüs gentibus Hipaniae et Provinciae et Borgondionam popuHs contig^t, quae sin a Deo reccdentes fornicatae sunt, donec Judex omnipotens talium criminum nltrices poenas per ignorantiam legis Dei, et per Sarracenos venire et servire permisit. Et notandnm qvod in illo scelere aliad immane flagitiam snbterlatet, id est. homicidiam. Qnia dum illae meretrices, sive monastcriales, sive secalares, male conceptas soboles in peccatis gennemn t saepe maxima ex parte occidnnt; non implentes Christi Ecclesia« filiis adoptivis, sed tomnlos corporibus, et inforos miseris animalibas satiant. Absit enim at pro talibns pereatis; qaoniam ex praecedcntibns agnovimns qnao secataris, nisi praevisa faeriet, potsunt eveniro. Satins est qnoque nobis talibns carere, qnam cnm bis mere, in porniciem regnumqno ab etbnicis atqne eins popularibus futore tempore adnnUari vel possideri. Scire enim vos cnpimns qnia quicnnque snper bis ant facicns ant libenter consentiens inventns fnerit, nos cum juxta. praedictam Romanam legem velle panirc. — 118 — dass die Spanier und Burgunder als Beispiel dafür dienen könnten und dass Gott zur Strafe für solche Sünden den Einfall der Sarazenen gestattet habe." Zum Schluss wird dann bestimmt, dass Jeder, welcher die geschilderten Sünden begehe oder an sich vornehmen Hesse, mit der erwähnten Strafe des riimischen Rechts belegt werde. 3. Das kanonische Recht. ^^) Das kanonische Recht behält selbstverständlich bei Beurteilung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs den streng religiösen Standpunkt bei und fasst ihn als ein durch göttlichen Willen verpcmtes Verbrechen auf, „denn durch das Laster werde auch die Gemeinschaft, die wir mit Gott haben sollen, zerstört, da dieselbe Natur, die Gott geschaflfien, in lasterhafter Weise befleckt werde/ '^") Das kanonische Recht fusst auf dem mosaischen und justinianischen Recht und wendet dessen strenge Be- stimmungen auch an. Es giebt aber einige neuere: So spricht das dritte Lateranische Konzil für Kleriker als Strafe nur Degradation oder Verweisung in ein Kloster aus, für Laien Excommuniation, ausserdem Infamie."^') **') Die Angaben über das Kanonisclie Strafrecht sind entnommen aas: München: Das kanonische Gerichtsverfahren und Strafrecht. II. Bd. Das Kanonische Strafrecht. S. 4d5 £Oln 1874. »^^0 C. Flagitia 13. C. 32 Q. 7. S. August: FJagitia, quae sunt contra naturam, ubiquo et semper detestanda atquo punieoda sunt: qnalia Sodomitorum fuerunt. Quae si omnes gentes facerent, eodem criminis reatu divina lege tenerentur. . . Yiolatur quippe ipsa societas» quae cum Deo nobis esse debct. cum eadem naturam, cuius ipse autor est, libidinis perversitate poUuitur. C. Usus 14. G. 32. D. 7. S. Aug.: Usus naturalis et licitus est in conjugio sicut illicitus in ndulterio. Gontra naturam vero semper illicitus, et procul dubio flagitiosior ntque turpior. **) G. Glerici 4 X do excess. prael. (5, bl) . . Quicunque depre- hensi fuerint laborare . . . dejiciantur a clero, vcl . . in monasteriam detrudantur, si laici, cxcommanicatione subdantur. — 110 — Eine Konstitut iou von Pias V. verordnet ferner,**) dass das weltliche Gericht über das Verbrechen urteilen und der Kleriker degradiert werden soll. In einer späteren Konstitution bestimmte dann Pius V.,**^) dass diejenigen, welche dem betreffenden Laster huldigten, ohne Weiteres des geistlichen Standes, jeglichen Amtes, jeder Würde und jedes Benifiz verlustig sein sollten, so dass sie ohne Weiteres dem weltlichen Gericht übergeben werden könnten. Er fügte aber hinzu, dass nur diejenigen die Strafe verwirkt hätten, welche die That häufig oder wieder- holt, d. h. wie er ausdrücklich betont, nicht einmal oder ein zweites Mal, sondern gleichsam gewohnheitsmässig verübt hätten. Pius will also nicht die einzelne Handlung an sich, sondern den Hang, die Gewohnheit bestrafen; auch er fühlt es schon, noch deutlicher als lustinian, dass derartige Sünder aus einer tief einge- wurzelten Anlage heraus handeln (dass es sich meist um Urninge, mit konträrer Sexual- empfindung behaftete handelt). Vgl. weiter unten Kapitel V. 4. Die Carolina und die gremeinrechUiche Theorie und Praxis. Die Anschauungen über den Grund der Bestrafung und die Beurteilung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs ^^) Pii V. coDst. V. Cum primnm § II (aas ü cm Jahre 1566): Si qnis crimen nefandam contra natnram, propter quod ira Dci vonit in filios dissidontiae, perpetraverit, cnriae saecnlari pnniendas tradatUFi et si clericns fnerit, omDibasordinibnsdegradatns, simili poenae subjiciatar. ''^j Pii y. const. LXXII' Horrendam § 3: Itaque quod noa jara in ipso pontificatns nostri principio hac de re decrevimas, plenias nanc fortinsqne persequi intendentes, omnes et qaosconque presby- teros et alios clericos saecnlarcs et reguläres, cniasconqae gradus et dignitatifl, tam diram ncfas excrcentcs, omni privilegio clericali, omni((no officio, dignitntc et bcneficis ecclesiastico praesentis canonis — 120 — als einer des Todes würdigen Versündigung dauern das ganze Mittelalter fort, die Bamberger und die Branden- burger Halsgerichtsordnung bestrafen ihn mit dem Tode **) und die Carolina**) bestimmt in Art. 116: „So Mann mit Mann, Weib mit Weib, Mensch mit Vieh Un- keuschheit treibet, die haben auch das Leben verwirket und man soll sie der gemeinen Gewohnheit nach mit dem Feuer vom Leben zum Tode richten." Die Carolina macht nicht mehr die Unterscheidung zwischen gewohn- heitsmässiger und vereinzelter Begehung, wie Pius V., sie bestraft jedes „Unkeuschheit Treiben* zwischen Personen gleichen Geschlechts. Nach dem Wortlaut könnte man annehmen, dass sie alle und jede unzüchtigen Handlungen zwischen Personen gleichen Geschlechts auch z, B. gegen- seitige Onanie unter „l^nkeuschheittreiben" verstehe und mit dem Feuer-Tode bestraft wissen wollte. Soweit ging die Praxis jedoch nie. Schon zu Carpzows Zeiten (Anfang des 17. Jahr- hunderts) wird häufig statt auf Feuertod, bloss auf Tod durch Schwert erkannt Ferner bildet sich schon früh die Praxis aus, dass überhaupt die Todesstrafe nur bei Vollendung des De- likts stattzufinden habe. Zur Vollendung des Verbrechens wird aber verlangt einmal immissio penis in anum und zweitens emissio seminis. Als nicht vollendete Schändung aactoritate privamus. Ita, qaod per jadicem eccleriasticnm deg^adati, potestati statim saecnlari tradantur, qoi do eis illad idem capiat sappliciom, qaod in laicos hoc in exitio dovolutosi legitimis reperitar sanctio .ibus constitntom. — Firrli. h. t. n. 72: Fraeterea ad hane poenam degradationis incurrendam reqniritnr primo, nt aodomia sit freqnentata, sive iterata plaribns actibns nt colligitnr ex v. exercentis in cit. bulla Pii Y qao nomine inteiligontor, qoi aliod faciant non semel aut iteram, sed freqncnter et quasi ex consaetndine. '**) Herausgegeben von Dr, H. Zoepfl. 2. Ausg. Leipsig und Heidelberg 1876. ^^) Kaiser Karls Y. Halsgericbtsordnung von 1532. — 121 — wird daher insbesondere auch die Vornahme unzüchtiger Handlungen, abgesehen von der eigentlichen Päderastie 80 z. B. die blosse beischlafähnliche Handlung des coitus inter femora oder die gegenseitige Onanie be- trachtet.'^**) Solche Handlungen werden mit mehr oder minder langen Freiheitsstrafen geahndet. *^'^) Im 18. Jahrhundert, namentlich unter dem Einfluss der sog. Aufklärungszeit wird die Auffassung über die Strafbarkeit des gleichgeschlechtlicheu Verkehrs eine mildere. Die rein religiös-sittlichen Gesichtspunkte als Rechtfertigungsgründe der Bestrafung verschwinden nach und nach. Zwar ist die Anschauung über die Ursachen des gleichgeschlechtlichen Verkehrs immer noch die mittel- alterliche. ^^) Seine Quelle sei „unbegrenzte Geilheit, eine durch übermässige Sättigung entstandener Ekel an dem Genuss natürlicher Wollust" (Cella) **•) oder die I^rsache sei stets in dem aufgezwungenen Zusammenwohnen junger Leute und der Unmöglichkeit des natürlicbm Geschlechts- verkehrs,®") also in dem Weibermangel zu erblicken, (Beccaria). ®') ^^) Z. vfifl. Garpzow: Practicae novae imperialis Saxonicae Rerum Griminaliam Pars III Qaaest. 76, wcloher aasdrücklicli sagt dass unter ^UDkenscbheit treiben" nur der coitns contra natnrae ordinem gemeint sei, niclit andere Unznchtsakte, quae etsi natarao refragetnri difiert, ([aalia est fricatio vel manastnpratio, fthnlich Böhmer: Meditation es in Constitutionem Oriminalem ad. art. 116. '^') ^fi>l- sen Herzen entspringe, noch die Gesellschaft zerrütte." (Voltaire). ^*). ^-) Fcnerbach: Lehrbuch des gemeinen, in Dentscbland giltigen peinlichen Rechts, hersatg von Mittermaier. Oiessen 1847 § 468. •*) Ob. cit. Anm. 59. **) In seinen Anmerkungen eu Boccarias oben Anmerk. 61 citierten Buche. — IJ:^ — Nicht Strafe sei am Platz, sondern Beseitigung der Ursachen, Besserung und Erziehung** (Beccarin). "'*) ,Es sei besser von solchen Handlungen gar keine Kenntnis zu nehmen, als durch die gerichtlic)»e Unter- suchung erst Skandal und Aergernis zu erregen, am besten beuge man dem Laster vor durch Erziehung und Be- günstigung der Ehe. (Tittmann.) ••) Ein Schriftsteller des 18. Jahrhunderts (Eschenbach) '^ scheint sogar zu fühlen, dass überhaupt die Auffassung der widernatürlichen Unzucht als einer aus Verworfenheit und Lasterfestigkeit begangenen Handlung unrichtig ist, denn aus der Unanwendbarkeit des auf ganz irrtümlichen An- schauungen beruhenden Gesetzes gegen die Zauberei leitet er ein Argument für die Straflosigkeit oder wenigstens für die mildere Bestrafung der widernatürlichen Unzucht trotz bestehenden strengeren Gesetzes her. Unter dem Einfluss dieser Theorie wird auch die Praxis immer milder. Im 18. Jahrhundert wird auf Todesstrafe überhaupt nur noch bei L^nzucht zwischen Mensch und Tier erkannt, dagegen nur höchst selten oder überhaupt nicht mehr bei Unzucht zwischen Menschen. Anfangs des 19. Jahr- hunderts kommt auch im Geltungsgebiete des gemeinen Rechts die Todesstrafe bei widernatürlicher Unzucht gänz- lich in Wegfall. Wegen gleichgeschlechtlichem Verkehr wird schon im 18. Jahrhundert nur zu öffentlichen Arbeiten voa () — 10 Jahren, — je nach der Schwere — verurteilt, später — jedenfalls in gewissen Gegenden — auch in schweren Fällen nur bis höchstens 1 Jahr Zuchthaus.****) "•0 S. Anm. 61. •**) Tittmann: Hnndbücli der Strafrechtswissenschaft und der deutschen Strafgesetzknnde II. Halle 1823 § 590. •'> Vgl. Qnistorp: Grundsätze dos deutschen peinlichen Rechts mit Anmerkungen von Klein 1812. Bd. II. § 496 flfj^d. — 124 — Zugleich werden weitgehende Milderungsgrüude be- rücksichtigt, wie z. B. Jugend, ernstliche Reue, heftiger Grad der Leidenschaft, Einfalt, Unwissenheit. In besonders leichten Fällen begnügte man sich nur einige wenige AVochen Gefängnis und massige Geldbusseu zu verhängen. (Demnach teilweise eine mildere Praxis wie die heutige in Deutschland, s. w. u.) Ferner wird aber überhaupt am Ende des 18. und Anfangs des 19. Jahrhunderts nur eingeschritten, wenn öffentliches Aergemis erregt worden ist, d. h. aber, es muss nicht durch die öffentliche Vornahme der Handlung Aergernis gegeben worden sein, sondern es wird jedesmal verfolgt, wenn durch das Bekanntwerden der That bei einem grösseren Personenkreis (»ffentliches Aufsehen entsteht/^) 5. Gesetzbücher des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Gesetzbücher, welche nach der Carolina im 17» und 18. Jahrhundert erla.* '> ?? 1888 » » 308 1841 J» r> 888 1849 n » 381 1850- -52, » 803 1888 » n 808 18:)5 n » 857 1851 n § 143 18Ci» in Art. 1(58 ~ 134 — I) Die meisten dieser Strafgesetzbücher^^) sprechen ganz allgemein von , Naturwidriger Befriedigmig des Ge- schlechtstriebes*'. (Oldenburg.) „Widernatürlicher Befriedigung des Geschlechts- triebes*. (Herzogt. Sachsen und Königr. Sachsen von 1838.) «Sich schuldig machen der widernatürlichen Unzucht*' (Württemberg, Hessen, Nassau), «oder wegen widernatür- licher Unzucht soll bestraft werden*. (Baden.) «Sich schuldig machen der widernatürlichen Woll- lust". (Hannover.) „Unzucht wider die Natur*. (Braunschweig, Ham- burg.) II) Eine genauere Spezialisierung enthalten die Straf- gesetzbücher: 1. der Thüringischen Staaten: Art 303 unterscheidet widernatürliche Befriedigung mit einer andern Person, einer Leiche oder einem Tier; 2. das Königreich Sachsen aus dem Jahre 1855: nach Art. 357 wird bestraft, wer sich der widernatür- lichen Unzucht mit einem Menschen oder Tier schuldig macht oder sich zu derselben von einem Andern ge- brauchen lässt; 3. des Königreichs Preussen: wonach die wider- natürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Ge- schlechts und zwischen Menschen und Tieren mit Strafe bedroht ist. Die Strafen sind folgende: In dem Herzogtum Sachsen und den beiden Gesetz- büchern des Königreichs Sachsen Gefängnis bis 1 Jahr. Desgleichen in den Thüringischen Staaten, wo jedoch Schärfung nach Ermessen des Richters möglich war, nämlich mittels Dunkelarrestes und harten Lagers. ***) Stcngloin: SammluDg derdeatschen Strafgesetzbücher 1857. — 185 — In Oldenburg: Gefängnis von 1 Monat bis 1 Jahr, alternativ mit körperlicher Züchtigung, auch soll der Schuldige nach Verbüssung der Strafe von dem Ort, wo er das böse Beispiel gegeben, entfernt werden. Bei Rück- fall Arbeitshaus von 1 — 4 Jahren. In Braunschweig: Zwangsarbeit bis 1 Jahr. Ein höheres Strafmaximum (auch abgesehen vom Rückfall) enthalten: Hamburg: Freiheitsstrafe bis 2 Jahre. Baden und Württemberg: Arbeitshaus von 6 Monaten bis 2 Jahr. Hannover: Geschärftes Arbeitshaus nicht unter 6 Monate oder Zuchthaus. Hessen und Nassau: Korrektionshaus bis 3 oder Zucht- haus bis 5 Jahre. Preussen: Gefängnis von 6 Monaten bis 4 Jahren und Möglichkeit der Aberkennung der bürgerlichen Ehren- rechte. Keines von allen diesen Strafgesetzbüchern hat näher den Begriflf der zu bestrafenden Unzucht definiert. Jedenfalls wird emissio seminis zur Vollendung des Thatbestandes nicht mehr für erforderlich erachtet.**) Die Motive des Strafgesetzbuches für Württemberg erklären die That durch die körperliche Vereinigung oder die skandalöse Manupulationen für vollendet.*^) Aus den letzten Worten geht wohl hervor, dass sie zur strafbaren widernatürlichen Unzucht nicht bloss immissio penis in an um, sondern auch sonstige unzüchtige Hand- ungen z. B. gegenseitige Manustupration rechnen. Eine ähnliche AuiTassung scheint im Königreich Sachsen geherrscht zu haben. ®*) Die Praxis in Preussen ■) Vgl. Hftborlin ob cit. in Anm. 80. ») Hufnagel: Com. n S. 280. 963, III S. 365. **) Krug: Commentar zum St.-G.-B. von 1865 zu Art. 857 An. 3. — 13G — nahm dagegen mit Recht an — gestützt auf den Gegen- satz von widernatürlicher Unzucht und unzüchtigen Hand- lungen im Gesetz selber sowie auf die zwischen beiden BegriiFen unterscheidende gemeinrechtliche Praxis — , dass unter widernatürlicher Unzucht nicht alle unzüchtigen widernatürlichen Handlungen zu verstehen seien. Diese AuiTassung ist zweifellos richtig und diese Gründe zwingen zur Annahme, dass der Gesetzgeber nur die eigentliche Päderastie, immissio penis in anum, habe bestrafen wollen. Trotzdem war die preussische Praxis inconsequent und wandte das Gesetz auf immissio penis in os an; die gegenseitige Onanie Hess sie allerdings straflos. ^*j 2. Die jetzt geltenden Gesetze. A) D eutschland. Das deutsche Strafgesetzbuch nahm den Wortlaut des § 143 des preussischen Strafgesetzbuches in seinem § 175 auf und strafte die widernatürliche Unzucht mit Gefängnis d. h. mit 1 Tag bis 5 Jahren, sowie facultativ mit Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Die Strömung zu Gunsten der Straflosigkeit der widernatürlichen Unzucht hatte im Laufe des 19. Jahr- hundert immer mehr zugenommen und auch bei Beratung des deutschen St.-G.-B. mit Entschiedenheit sich geltend gemacht. Das von der Kommission eingeholte medi- cinische (Jutachten sprach sich ebenfalls gegen eine Be- strafung aus, da die fraglichen Handlungen sich in nichts von andern unzüchtigen, nirgends mit Strafe bedrohten Akten unterschieden und weder für die Gesamtheit noch den Ei nzelnen gefährlicher und schädlicher wie diese seien ^^) Entscli. des Preassischen Obertribnoals Bd. III S. 388 and Bd. Vni S. 8Ö6. — 137 — Trotz ulledem stellte sich der Gesetzgeber auf den Standpunkt des Mittelalters in der Beurteilung der wider- natürlichen Unzucht. Mangels eines eigentlichen Straf- grundes nimmt er aber seine Zuflucht zu dem unter Um- ständen die Strafbarkeit einer jeglichen Handlung recht- fertigenden Rechtöbewusstsein des Volkes, welches, „derlei Handlungen nicht bloss als Laster, sondern als Ver- brechen beurteile" und erklärt deshalb die widernatürliche Unzucht für strafbar. Die Praxis***) geht in der Auslegung des Begriffes Avidematürlicher Unzucht noch weiter wie früher die preussische. Sie versteht unter widernatürlicher Unzucht nicht bloss wie früher die preussische immissio penis in corpus (also in anum vel in os) sondern alle sogenannten beischlaf ähnlichen Handlungen, also namentlich auch coitus inter femora; nur die gegenseitige Onanie schliesst fiie von dem Begriff der widernatürlichen Unzucht aus.^') Eine eingehende Begründung seiner Ansicht hat das Reichs- gericht bis jetzt nicht gegeben. Die Unhaltbarkeit dieser Theorie scheint uns auf der Hand zu liegen. Denn unterscheidet man widernatürliche Unzucht von sonstigen unzüchtigen widernatürlichen Handlungen — wie dies das Reichsgericht thut und aus den schon früher in Preussen anerkannten Gründen nicht anders thun kann — so muss das Gesetz mit widerratürlicher Unzucht nur die eigentliche Päderastie, immissio penis in "«) Entecb. d. R.-G. in Strafs. Bd. I S 196, Bd. II S 248 Bd. IV. S. 212, Bd. XX S. 226, Bd. XXIII S. 289. *"') In der noucsten bekannt gewordenen Entscbeidnng tibcr den Gegenstand, welche der I Strafsenat am 8. Janaar 1898 erlassen bat, (mitgeteilt in Goldbammers Archiv, 46. Jahrgang, Heft 2) legt das Reichsgericht den Begriff der beischlafiLhnlichen Handlang soweit aas, dass es sogar ^Bewegangcn des entblössten Gliedes gegen den Unterleib eines völlig Bekleideten" als eine beischlaf- &hnliche and demnach strafbare Handlang aaffasst. — 138 — anum, gemeint haben. Dagegen ist es willkürlich und ohne jede Berechtigung von den unzüchtigen Handlungen wieder eine Anzahl^ die sogenannten beischlafähnlichen, auszuscheiden imd der immiaaio penis in anum gleich- zustellen. Uebrigens empfindet auch das Rechtsbewusst- sein des Volkes — auf das ja gerade die Strafe sich stützt, — wohl in erster Linie, ja vielleicht sogar aus- schliesslich nur die eigentliche Päderastie als straf- würdiges Laster. B. Die übrigen Staaten Europas. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der gleich- geschlechtliche Verkehr in sämtlichen Kulturländern Europas strafbar, auch in denjenigen, in welchen er heute straflos bleibt. Dies gilt namentlich auch für Frankreich"") und Italien.®®) Heute dagegen wird nur in einer Anzahl der europäischen Staaten die widernatürliche Unzucht noch bestraft, in einer Reihe von Staaten dagegen nicht mehr. Staaten, die strafen. 1. Schweiz: Die meisten Kantone haben Straf- bestimmungen gegen widernatürliche Unzucht. Widernatürliche Unzucht, Wollust, Unzucht wider die Natur, widernatürliche Befriedigung des Geschlechts- triebes (wie sich die einzelnen Gesetzbücher der Kantone ausdrücken) bestrafen a) ohne nähere Beschränkung auf Menschen oder Tiere: Aargau, Bern, Graubunden, Zug; b) wenn sie begangen wird zwischen Menschen oder zwischen Menschen und Tieren: Obwalden, Luzern, Neuen- burg, Schwyz, Appenzell. Das Gesetzbuch des letzteren Kantons, welches besagt: »Wer seinen Geschlechtstrieb durch unnatürliche körperliche Vereinigung befriedigt. ^^) Kraffi-Ebing: Der KoQtr&rtexnale vor dem Strafricbtcr. S. 12 Ende and S. 27. und bezuglich Frankreich oben Kap. II. N. 6. — 139 — macht sich der widernatürlichen Wollust schuldig", will also offenbar nur immissio penis in corpus strafen; c) wenn sie begangen wird zwischen Personen des gleichen Geschlechts oder zwischen Menschen und Tieren: Basel, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau; d) wenn sie begangen wird zwischen Männern oder zwischen Menschen luid Tieren: Glarus. Die Strafen sind in Basel: Gefängnis, Bern: Gefängnis bis zu 60 Tagen oder Korrektionshaus bis zu 1 Jahr oder Geldbusse bis zu 500 Frcs., Neuenburg: Gefängnis bis zu 2 Jahr, Solothurn: Einsperrung bis zu 2 Jahr, Thurgau: Gefängnis oder Arbeitshaus bis zu 3 Jahren, Aargau: nur Zuchtpolizeistrafen. Strenger sind die Strafen in: Appenzell : in schweren Fällen Zuchthaus bis zu 2 Jahren, sonst Geldbusse und Gefängnis, Freiburg: Korrektionshaus von 2 — 6 Jahren, Graubünden : Gefängnis oder Zuchthaus bis zu 2 Jahren, Glarus: Arbeits- oder Zuchthaus bis zu 2 Jahren, Obwalden: Zuchthaus bis zu 4 Jahren, bei schweren Fällen Kettenstrafe bis zu 4 Jahren. Bei Bückfall Erhöhung der Strafe um die Hälfte und Stellung unter Polizeiaufsicht, Luzem: Zuchthaus bis zu 5 Jahren, bei erschwerenden Umständen bis zu 10 Jahren, Schaffhausen : in leichten Fällen Gefängnis ersten Grades nicht unter 3 Monaten, in schweren Fällen Zucht- haus bis zu 6 Jahren, Schwvz: Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren, Zug: Zuchthaus oder Arbeitshaus. In Graubünden, Freiburg und Neuenburg tritt Ver- folgung nur ein, wenn durch das Bekanntwerden der That öffentliches Aergemis erregt Avird, also unter denselben — 140 — Voraussetzungen ungefähr wie früher in Hannover und Württemberg bezw. auch in Baden. (Art. 135 des Strafgesetzbuches für Graubünden lautet: „Es soll nur verfolgt werden, wenn darüber ge- klagt und öffentliches Aergemis dadurch gegeben wird. Ist aber eine solche Handlung noch nicht ruchbar ge- worden, so mag sich der Richter darauf beschränken, bestmögliche Fürsorge zu treffen, um öffentliches Aerger- nis und die Wiederholung einer solchen Handhmg zu verhüten." Die Behörden dürfen demnach nicht wie früher in Hannover das Aergemis erst durch die Unter- suchung erzeugen.) ^Art. 401 St.-G.-B. für Freiburg: „il nV aura Heu .\ poursuivre d' offiice qu'cn cas de .scandale public.** — Art. 282 St.-G.-B. für Neuenburg: , La poursuite n'a lieu i\\\e s'il y a scandale public ou sur plainte.") Zürich hat keine spezielle Strafbe^timmung gegen widernatürliche Unzucht. Sie wird jedoch von den Züricher Gerichten geahndet auf Grund des Art. 123, welcher lautet: „M'^er durch eine unzüchtige Handlung Tiffentliches Aergemis erregt, wird mit Gefängnis verbunden mit Busse, in schweren Fällen auch mit Arbeitshaus be- straft." Trotzdem die namhaftesten Schriftsteller, gestützt auf die geschichtliche Entwicklung des Gesetzes, diesen Artikel nur auf öffentlich begangene Handlungen bezogen wissen wollen, legen die Gerichte diesen Artikel dahin aus, dass auch die nicht öffentlich verübte Hand- lung strafbar sei, wenn durch ihr späteres Bekanntwerden bei einer Anzahl von Personen Aergernis erregt wird. Uebrigens wird nicht nur die widernatürliche Unzucht, sondern die verschiedensten Unzuchtsakte auch zwischen Mann und Weib auf Grand dieses Artikels verfolgt.****) <«^) Dal los: lUp. Bd. V and Suppl. d. Räp. Bd. I attenUt aux moean N. 62—66. ^»>) Dallos: lUp. Bd. V n. Snppl. d. R^p. Bd. I attentat aux moeora N. 64. Jahibueh fUr bomotexuelle Fonichimgen. 10 — 140 — 1. Juli 1852, wonach obdachlose Individuen und solche, die keine Existenzmittel haben, auf die Dauer von zwei Jahren aus dem Seinedepart^ment ausgewiesen werden können, weist die Pariser Polizei die gewerbsmässigen Päderasten, welche keinen festen ehrlichen Erwerb nach- weisen können, von Paris aus. '®*) *"•) ^^^) Garlier: Les deiix prostitutions. PariB 1889. S. 472. ^^') In diesem ZasammeDliang mag auch das Vorgehen des Gonvernenra von Cadix erw&bnt werden, welcher im Jahre 1898 alle Männer von Cadix, die dem gleichgeschlechtliclien Verkehr ergeben waren, sowie die diesem Verkehr dienenden Unterschlupf bäader mit einer besonderen Steuer belegte, wogegen dann die Betreffenden keinerlei Belästigung seitens der Polizei eu befürchten hatten. Die £nthüllungcn des Publizisten Figneroa, durch welchen die Sache ruchbar wurde, hatten die Abberufung des Gouverneurs und den Sturz des Ministeriums Gamazo zur Folge. (Z. vgl. die Zeitungen \o!n November 1898.) IV. Länder, die den gleichgeschlechtlichen Verkehr mehr oder weniger anerkennen. Während die bisher erwähnten Staaten^ sei es nun, dass sie die Päderastie bestrafen oder nicht, in der moralischen Beurteilung derselben ziemlich übereinstimmen,*®**) finden wir sowohl im Laufe des Mittelalters als auch noch in der Jetztzeit Völker, welche den gleichgeschlecht- lichen Verkehr mehr oder weniger öfientlich dulden und anerkennen. Die weite Verbreitung der Päderastie in der Türkei während des Mittelalters ist bekannt. Namentlich mit Bajezid I. (1389 — 1403) soll die Knabenliebe in der Türkei ziemlich offen an den Tag getreten sein. Die Liebesgedichte türkischer Dichter an Jünglinge lassen keinen Zweifel darüber, dass die Liebe zu Jüngh'ngen derjenigen zu Weibern gleichgestellt wurde. ■•*) Aehnliche Schlüsse für Persien gestatten die Ge- dichte persischer Dichter, von welchen als der hervor- ragendste Hafiz (1394) genannt sei.'"*) Am meisten verbreitet soll die Päderastie heutzutage in China sein, wo die Liebhaber mit ihren Geliebten sich ganz ungeniert öffentlich zeigen.'®*) Trotzdem soll in i<»s«) In den Ländem dee SüdoDS, inibesoDdere aneb io Italien gilt passive P&derastie bei weitem fflr scbimpfliober als active. ^^) Moll: Konträre Sexnalempfindong, S. 80 and 81. ^*^) Moll: Kontrftre Sexnalempfindong, S. 89 and Ellis and Symonds: Das kontrftre GescblecbtsgefflbI, übersetzt von Eorella: Bibliothek der Sosialwissenscbaften, Leipzig 1896, Einleitang 8. 6 10* — 148 — China gegen Päderastie vierwöchentliche Einsperrung und 100 Hiebe mit dem Bambusrohre als Strafe angedroht sein.'"*) In Madagaskar sollen sich Tänzer finden, die als Weiber verkleidet sind und in jeder Hinsicht die Rolle des Weibes übernehmen.' ""^ Von Japan berichtet Helv^tius, dass die Bonzen die Manner, nicht aber die Frauen lieben dürften.'^^) Derselbe teilt mit, dass in gewissen Gegenden von Peru die Päderastie als eine zu Ehren der Götter vor- genommene Handlung ausgeübt worden sei.'"') Unter den Indianern giebt es Stämme, welche den gleichgeschlechtlichen Verkehr zwischen Männern geradezu anerkennen: Eine gewisse Kategorie von Männern legt Weiberkleider an und sucht in Allem dem Weibe zu ähneln; sie leben mit Männern zusammen und geben sich ihnen geschlechtlich hin.*®*) Im alten Mexiko sollen sogar Ehen zwischen Männern vorgekommen sein.**®) In Tahiti werden Liebesbündnii^se zwischen Männern die sogar verschiedenen und feindlichen Stämmen ange- hören, geschlossen und von beiden Stämmen derart an- erkannt, dass jeder vom Bunde das Gebiet des feindlichen Stammes ohne Gefahr betreten darf."') Bei gewissen afrikanikanischen Stämjnen, z. B. den Balonda, finden förmliche Verlöbnisfeierlichkeiten unter Kameraden statt, „indem die wechselseitige Einträufelung von einigen Tropfen Blut in die Trinkgefässe, der ^^) £lli8 and Symondt, cit. in Anm. 105, S, 7. *<>') Moll: KoDir&re Sexualempfindong, S. 40. >»<*) Ooavrcfl iV HelvötiuB II. 150. ^^^) Ellis und Symonds, cit in Anm. 105, S. 7—9. ^'«) Moll, cit in Anm. 101, S. 40. ^^*) Carpentcr: I)io homogcno Liebe, doatach bei M Spohr, Leipzig erschienen, S. 6. — 149 — Namen saustausch und die beiderseitige Beschenkung mit den kostbarsten Besitztümern erfolgt." '*') Endlich giebt es in Europa einen Stamm, nämlich die Albanesen, bei welchen Liebesbündnisse zwischen Mann und Jüngling, ähnlich wie im alten Griechenland, eine ideale Ausbildung erfahren und die Quelle erhabener Gefühle und die Anspomung zu Tugend und Tüchtig- keit werden.**^) "°) Habn: Albancsische Stadien; Jena 1854; and Ellia nnd Symonds, cit in Anm. 105, S. 5. V. Lex ferenda und Strafgesetzentwürfe. Zu deu Gründen, welche schon am Ende des 18. Jahrhunderts für die Streichung einer Strafandrohung gegen widernatürliche Unzucht angeführt wurden und welche auch einen grossen Teil der europäischen Staaten von Aufstellung einer Strafbestimmung absehen liesen, sind im Laufe der letzten 30 Jahren neue, früher ganz unbekannte, hinzugekommen. Seit Ende der 60er Jahre hat nämlich die Wissenschaft, insbesondere die Psychiatrie durch ihre Forschungen auf dem Gebiet des Geschlechts- lebens festgestellt, dass die bisherige Auffassung über den gleichgeschlechtlichen Verkehr auf einer Reihe von Irr- tümern beruhte und dass die sog. widernatürliche Unzucht meist nicht aus einem Laster, sondern einem angeborenen Trieb fliesst und lediglich Folge ist einer dem normalen Geschlechtsgefühl ähnlichen, jedoch anstatt auf Personen des entgegengesetzten Geschlechts auf solche des gleichen Geschlechts gerichteten Liebe. '^^ Die Thatsache an sich, dass es Leute mit konträrer Sexualempfindung giebt wird von keinem Arzt, ja über- ^^*) Krmfil-Ebing (Psychopatliia scxnalis) hat insbesondere cur Klftrnng der ganzen Frage wesentlich beigetragen, aber schon vor ihm und erst recht seit Erscheinen der Psychopathia haben Eahlreichc Forscher der yerschiedensten Länder dasselbe Qebiet studiert nnd sind XQ ähnlichen Feststellungen gelangt. — iöi — haupt wohl kaum noch von wissenschafllich gebildeten Männern mehr bestritten. Uneinigkeit herrscht nur noch über die Häufigkeit des Vorkommens, über die Ursachen der Entstehung und den etwaigen Zusammenhang der Erscheinung mit der Fötalanlage des Menschen, über die Krankhaftigkeit der konträren Sexualempfindung etc. '^^) ^^*) Z. vgl. anter Andern ausser Krafft-Ebing: Psycbo- pathia sexnalis : Mo 1 1: Gontrftre Sexnalempfindang, sowie insbesondero seine Libido sexoalisi Berlin 1897 und 1898, Bd. I and II; Chevalier: L'inversion de l'insünot genital, Paris 1885; Scbrenk-Notiing: Die Suggestionstherapie bei krankbaften Er- scheinungen des Qescblechtssinnes mit besonderer Ber&cksicbtig- ung der koutr&ren Sexualempfindung, Stuttgart 1892; Tarnowsky: Die krankhaften Erscheinungen des Geschlecbts- sinnes, Berlin 1886; Enlenburg: Sexuale Neuropathie, Leipzig 1895; Laupts: Perversion et perversit^ sexuelles, Paris 1896; Raffalovich: Uranisme et Unisexualit^, Paris-Lyon 1896; Ellis und Symonds: Das konträre Geschlechtsgefähl, deutsch von Kurella, Bibliothek der Soxialwissenschaften, Leipzig 1896; Carpenter: Die homogene Liebe in der freien Gesellschaft, Leipzig bei Spohr; Rutgers: Uebcr die Actiologie des perversen Geschlechtstriebes (in Psychiatrische Blätter 1894 Lieferung 8, Amsterdam van Rossen). Sogar solche Schriftsteller, welche behaupten, neue medizinische Gründe für eine Aufhebung des § 175 des St.-G.-Bs. seien nicht vorhanden, können doch das Vorkommen einer kontrftren Sexual- empfindung nicht in Abrede stellen, so z. B.: Hupe den: Gerichtssaal von Stenglein, 1895, Heft 5 und 6; Ho che: In Mendels: Neurologischem Gentralblatt vom 15. Januar 1896 z. vgl die Widerlegung des Ersteren von Anonymus im Gerichtsaal, Bd. LH Heft 5, und des Letzteren ebenfalls von Anonymus in Friedrichs Blätter för gerichtliche Medizin, 42. Jahrg. Heft VI; Gramer: Berliner klinische Wochenschrift 1897 Nr. 43 und 44. Hflpeden, Hoche und Gramer bestreiten die Häufigkeit der Erscheinung; diese Behauptung erklärt sich wohl nur aus einem Mangel an persönlicher Erfahrung auf dem betreffenden Gebiet^ einem Mangel, den Hoche und Gramer selbst zugeben müssen. — 152 - Soviel steht aber fest^ dass eine Anzahl von Menschen vorhanden ist^ welche mit einem auf Personen ihres eigenen Geschlechts gerichteten Geschlechtstrieb behaftet sind. Die wissenschaftliche Forschung hat ausserdem noch zwei weitere Vorurteile beseitigt. Einmal hat sie erwiesen, dass die Konträrsexualen nicht, wie man bisher von den Pädera^sten glaubte, unmündigen Knaben nachstellen, sondern ebenso wie der Normale meist nur er^vachsene Frauenspersonen liebt, gleichfalls nur erwachsene Jüng- linge bevorzugen, sodann hat sich herausgestellt, dass die extremste Form gleichgeschlechtlicher Akte, die man gewöhnlich den Päderasten zuschrieb, gerade bei den Konträren seltener vorkommt als andere Berühungen. Diese Feststellungen der Wissenschaft darf nun auch der Gesetzgeber nicht mehr unberücksichtigt lassen. Die Entwürfe von Strafgesetzen der meisten Länder aus den letzten Jahren scheinen jedoch die conträre Sex- ualempfindung nicht zu beachten. Der Entwurf des neuen österreichischen Strafgesetz- buches will wiederum den gleichgeschlechtlichen Verkehr mit Gefängnis bestrafen, trotzdem der oberste Sanitäts- rat sich für Straflosigkeit ausgesprochen hat und neben den früher schon gegen die Bestrafung erhobenen Be- denken namentlich noch als Grund die durch die Straf- androhung geschaffene Zwangslage der Konträren an- führt."») Auch der Entwurf für Norwegen *'•) besagt in § 123 : „Findet ein unzüchtiger Verkehr zwischen Per- sonen männlichen Geschlechts statt, so werden die Thäter ^'^) £ra£ft-£biDg hat eine spezielle gegen Aofnalime eine Straf- bestimmung gerichtete, yortrefiliche, die ganze Frage de lege lata und ferenda erschöpfende Denkschrift geschrieben «^^r Kontr&r- sexuale vor dem Stnfrichter". "*^) Pabliziert in den Mittel langen der iotcrnationalen krimina- listischen Vereinigung Bd. VII H. 1, 1898. — 153 — und die dazu Mitwirkenden mit Getangniss bis zu einem Jahr bestraft*. Der Paragraph trifil zweifellos auch die gegenseitige Onanie. Da Absatz 2 dieses Paragraphen lautet: ^Die Verfolgung findet nur statt, wenn allgemeine Kücksichten es erfordern*, so ist die Verfolgung einfach in das Er- messen der Behörde gestellt. In Zürich soll d&s Strafgesetzbuch bezüglich der Sittlichkeitsdelikte noch vor der Einführung des Bundes- strafgesetzbuches geändert werden. Der Züricher Ent- wurf dieses Gesetz bestraft ebenfalls den gleichgeschlecht- lichen Verkehr; bei der Strenge, mit welcher er überhaupt gegen geschlechtliche Handlungen einschreitet, ist das allerdings nicht zu verwundern. Der Entwurf zu dem Schweizerischen Strafgesetz- buch ' ' ') dagegen trägt den neueren Forschungen Rechnung. Bei der Beratung desselben ist auch die Natur der Konträrsexualen und ihre Zwangslage zur Sprache ge- kommen. "*) Ursprünglich war eine Strafbestimmung gegen wider- natürliche Unzucht beabsichtigt, nach der definitiven, v^on Professor Stoos nach den Beschlüssen der Exparten- kommission vorgenommenen Fassung des Vorentwurfes wird jedoch in Art. 124 nur „der Mehrjährige, der mit einem Minderjährigen widernatürliche Unzucht begeht, mit Gefängnis nicht unter 6 Monaten bestraft".***) >^') Pablizicrt in den Mitt den I. E. V. als spezieller Band 1896. ''®) Verbandlnngen der Expertenkommission über den Vorent- wnrf Bern 1896 Bd. II ^^^) Wenn aach die Altorsgrense bis zn beendeter Minderjährig- keit etwas zn hocb gegriffen scheint, so wird doch die lAge der Konträrsexaalen kaum schlimmer wie diejenige des Normalen sein, denn der Entwarf zieht aach dem normalen Oeschlechtsverkehr engere Grenzen als andere Strafgesetze and bestraft denjenigen, welcher die Not oder Abhängigkeit (?) einer Fraaensporson benatzt, am sie zani Beischlaf za verleiten, mit Ge&ngnis, ohne Kücksicht aaf das Alter der Fraaensperson. — 1&4 — Mag es auch angemessener sein^ die Altersgrenze zum Schutz der Jugendlichen auf das 16. oder 18. Lebens- jahr festzusetzen, so ist jedenfalls das Prinzip des Vor- entwurfes das richtige. Per Verfuhrung unerwachsener Jünglinge, die allein ein weiteres Umsichgreifen des gleichgeschlechtlichen Verkehrs befürchten lassen könnte, soll vorgebeugt werden, wobei man übrigens alle unzüchtigen Handlungen, auch die gerade für die Jugend im gleichen Maasse wie bei- schlafähnliche Handlungen gef^rliche, gegenseitige Onanie strafen mag; andererseits aber darf der Staat sich nicht in den Geschlechtsverkehr Erwachsener mischen, so lange sie sich innerhalb der auch dem normalen Ge- schlechtsverkehr gezogenen Schranken halten, und mus9 endlich aufhören Leute wegen Bethätigung ihres für sie natürlichen Geschlechtstriebes mit Verbrechern auf eine Stufe zu stellen. Die Notwendigkeit der Beseitigung der Strafbe- stimmung gegen widernatürliche Unzucht als solche drängt sich auf, welcher Straftheorie man auch huldigt. Folgt man der Auffassung der sogenannten alten Schule, wo- nach die Strafe eine Sühne für begangenes Unrecht bilde, so kann bei einer aus dem natürlichen Gefühl, der kon- trären Sexualempfindung entspringenden, keinerlei Rechte dritter oder des Staates verletzenden, lediglieh den jedem Menschen eingepflanzten Geschlechtstrieb befriedigenden Handlung von begangenem strafrechtl i che n Unrecht, das zu sühnen wäre, keine Rede sein. Mk der Feststellung, dass gleichgeschlechtlicher Ver- kehr nicht aus Lasterhaftigkeit, sondern aus eingewurzel- tem Geschlechtstrieb entspringt, muBS er auch vom rein christlichen Standpunkt aus in einem anderen Lichte wie bisher erscheinen, d. h. nicht mehr als besonders laster- hafte Unzucht, sondern lediglich als eine ebenso wie die Unzucht zwischen Mann und Weib zu beurteilende Sünde — 155 — und deshalb jedenfalls nicht als ein durch das weltliehe Gericht zu bestrafendes Verbrechen.'***) Mit dieser Feststellung entfällt sodann auch der Strafgrund, dass das Rechtsbewusstsein des Volkes die Handlung als Laster und Verbrechen empfinde: Ein irr- tümliches mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft unbekanntes Rechtsbewusstsein kann eine ungerechtfertigte Strafe nicht rechtfertigen. Aber auch nach der sog. neuen Schule wird eine Bestrafung nicht am Platze sein. Diese betont in erster Linie, dass die Schädlichkeit einer Handlung für die Strafe bestimmend sei. Nun hat schon Cella im 18. Jahr- hundert mit Recht gesagt (s. oben bei Anm. 03), dass Niemand sich einreden liesse, dass Entvölkerung oder Schwächung oder gar Auflösung des Staates als Folge der widernatürlichen Unzucht zu befürchten seien. Thatsächlich wurde von jeher bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wegen Lasterhaftigkeit der Handlung gestraft; als man dann die Unzulässigkeit einer Bestrafung lediglich wegen Immoralität des Thäters einsah, versuchte man (so z. B. das Josefinische Strafgesetzbuch s. ob. b. Anm. 74) in einem Angriif auf den Staat den Strafgrund der wider- natürlichen Unzucht zu erblicken. Das deutsche St.-G.-B. — offenbar von der Unrichtigkeit dieses letzteren Straf- grundes überzeugt — kehrte dann wieder mehr zu dem früheren Standpunkt zurück; um aber dessen Schwäche >*«) Ein den streng orthodoxon Staudpunkt vertretender Schrift- steller, Raffalowich (Uranisme et ünisexnAlit^, Pnris-Lyon 1896) zieht gans und gar diese Folgerung: Der gle iohgeschlechüiche Ver- kehr sei Sftnde, aber nicht mehr und nicht weniger als der normale aassereheliche Geschleohtsverkehr, deshalb sei es angerechtfertigt, den ersteren strafrechtlich au verfolgen, und den letzteren als etwas Erlaubtet hinzustellen. •- Aehnlich drfickte sich der Bischof von Mains gelegentlich der Petition wegen Abschaffung des § 175 aus, z. Tgl. Dr. Hirschfelds Buch: „Die homosexuelle Frage im Urteile der Zeitgenossen«* (Leipzig 1897) S. 30-31. ^ — 15U — 7.11 verbergen, kleidete man diesen Stralgiiuid in die neue Formulierimg, dass das Rechtobe wussteein des Volkes die Handlung als Laster und Verbrechen empfinde. Heute, nachdem durch die Forschungen über kon- träre SexualempEndung auch diesem Standpunkt des deutschen St.-G.-B. vollcns aller Boden entzogen worden ist, will man die bisher niemals ernstlich und dauernd betonte angebliche Schädigung des Staates als Strafgrund aufstellen und Zerrüttung der Ehe, ja wie der iister- reichische Entwurf es thut, Untei^ng ganzer Völker auf die Freigabe des gleichgeschlechtlichen Verkehrs zurück- führen."') Diese BefUrchtuageu sind wohl kaum ernstlich ge- meint. Viele empfinden nümlich den gleichgeschlecht- lichen Verkehr aus instinktivem Abscheu gegen solche ihnen unbegreiflich dUnkenden Handlungen trotz aller wissenschaftlifhen Feststellungen immer noch als scheuss- liches Laster und wollen dann instinktiv, dass dies an- gebliche I^aster bestraft werde. Da sie aber den allgemein ids unhaltbar al^elehnten Strafgrund lediglich der Un- sittlichkeit der Handlung nicht hervorkehren können, suchen sie andere, wenn auch unrichtige Strafgründe Eine Gefährdung der Allgemeinheit durch den gleichgeschlechtlichen Verkehr wäre überhaupt nur denk- bar, falls er in weitem Umfang lun sieh griffe. Eine solclu' allgemeine Verbreitung ist aber nicht möglich. Die Zahl der Kontriiren i.st eine verhifltnisraässig geringe; die normalen Männer werden sich sicherlich nicht durch Aufhebung der Strafandrohung nnnmehr zum eigenen (ieselik'i'iii hingezogen fühlen; eine Verführung ist nur bei Jugendlichen zu befürchten, diese sollen aber gc- '") Vffl. Lnminaicli in Zeüsch. f ges. StTafrechltW. Bd. XV Ili^ft 4 Dud 6. S. HSS. — VkI- Hüpedcn: Im GericbtaMuil, 1866. H*ft 5 auü tl, \ — 157 — schützt werden; die Aufhebung der Strafbestinmiung in anderen Ländern hat auch keine Zunahme des gleich- geschlechtlichen Verkehrs zur Folge gehabt. Durch die Strafandrohung wird nicht der Staat vor Schädigung bewahrt, sondern durch sie werden umgekehrt grössere Störungen hervorgerufen : Erpressung^ Förderung gewerbsmässiger Erpresserbanden, Selbstmord, Entehrung, soziale Vernichtung der Existenz von unbescholtenen Staatsbürgern sind die Frucht der Strafbeotimmung. Desshalb wird auch die sog. neue kriminalistische Schule das Fortbestehen derselben nicht befürworten können und thatsächlich hält auch der Führer dieser Schule in Deutschland, Prof. Dr. Liszt, ***) ihre Aufhebung für an- gezeigt. Solange aber das Gesetz besteht und man verfolgen und strafen zu müssen glaubt, sollten wenigstens die neueren Forschungen über die Konträrsexualen einen Einfluss auf die praktische Handhabung der Straf bestimm- ung im Sinne milderer Bestrafung ausüben. Dem ist aber leider nicht so. Meist aus vtilliger Unkenntnis über das Wesen der konträrsexualen Liebe, vielfach um nicht von dem bei manchen Gerichten seit Jahren üblichen Strafmass abzuweichen, verhängen die Gerichte monate- lange, ja jahrelange Gerängnisstrafen gegen Urninge, sprechen ihnen manchmal sogar die bürgerlichen Ehren- rechte ab. Letzteres mindestens sollte doch völlig ausgeschlossen sein; dann mag man auch iüber die Repression des gleich- geschlechtlichen Verkehrs denken, wie man will, so ist jedenfalls dies unrichtig, dass die Urninge durch Be- thätigung ihrer Liebe eine tiefstehende Moralität und eine ehrlose Gesinnung bekunden. Die baldige Beseitigung der Strafbestimmung ist da- ^^*) LehrbacK des StrafrechU. Bd. IL § 109. ~ 158 — her dringendes Bedürfniss und kann nicht bis zur all- gemeinen Revision des St.-G.-B8. verschoben werden. Darum haben auch Hunderte von Gelehrten, Aerzten, Juristen, Schriftstellern und Künstlern eine die Aufhebung des § 175 bezweckende Petition im Jahre 1897/98 dem Reichstag eingereicht. Die Petition ist auch an den neugewählten Reichstag gerichtet worden und die Bestrebungen im Sinne einer Beseitigung der Strafandrohung werden nicht aufhören^ bis sie gefallen ist. Aus dem Seelenleben des Grafen Platen. ') Von Ludwig Frey. ,,Dii abvr siolist mich in vertrau tonn Lichte." Platen an G. J. ((itisUiv Jakobs.) Als TibuUus, der römische Lyriker, seine vielberufe- nen Elegien, wie jene ^An den untreuen Geliebten* sang, hat er wohl nicht daran gedacht, dass diese Gedichte nach fast zwei Jahrtausenden noch manchem Bewohner Ger- maniens, das damals noch von den Nebeln der Barbarei umdunkelt war, ein stilles Trostbuch werden könnten. Ja, in der kleinen Gemeinde von Kennern und — Dul- dern, die heutzutage im gebildeten Deutschland leben, wird die 4. Elegie TibuUs einfach für eine urnische ars amandi gehalten. Ein ,stilles' Trostbuch haben wir die Gedicht- sammlung genannt. Laut darf man sie als solches noch immer nicht bezeichnen, wenn man nicht eine Flut von Schmähungen über sich heraufbeschwören will. Noch immer, trotz Humanität, Aufklärung und Gewissensfreiheit, lastet ein sozialer und gesetzlicher Druck auf jenen Unglücklichen, die man jetzt wohl dem Namen nach kennt, deren Cha- rakterbild aber von der Parteien Hass noch immer ver- *) Vergl. „Die Tagebücher des Grafen August Ton Platen** Ans der Handscbrift des Dicbtors herausgegeben von 6. v. Lanb- mann und L. von Schelf 1er. I. Bd. Stuttgart bei Cotta 1896. 875 S. — 160 — zerrt erscheint. Da mag es nuu in Stunden schmerzhafter Entsagung oder in solchen, wo, durch den Wahn der Welt bethört, der in Deutschland lebende Homosexuale an sich selbst irre wird, für Diesen eine Erquickung und Beruhigung des Herzens werden, wenn er wahrnimmt^ wie die Gefühlie der eigenen Brust in den Tönen des römischen Lyrikers einen Widerhall finden. Aber auch ein deutscher Dichter vermag diese be- freiende Wirkung hervorzubringen, und um so höher ist deren Wert anzuschlagen, als in seinen Werken Zeit,Oertlich- keiten und Personen demgleichflihlenden Leser näher liegen. Adelig wie durch Geburt so durch Gesinnung hat der Graf von Platen stets die Wahrheit als sein Panier emporgehalten, und seine Gedichte sind der poetische Reflex eines Lebens geworden, das sonst von Andern ängstlich und lügnerisch verhüllt, von denen, die es ent- decken, aber mit der Lauge des Spottes und der Ver- achtung bespritzt wird. Noch gewissenhafter, man darf sagen, mit selbst- quälerischer Strenge, verfuhr der Dichter in seinen un- mittelbaren Bekenntnissen. August von Platen führte fast von seinen Knabenjahren an ein Tagebuch, in welchem er nicht nur seinen Bildungsgang, sondern auch seine innerste seelische Entwicklung Schritt für Schritt verfolgte und die gewonnenen Wahrnehmungen mit rück- sichtsloser Treue niederlegte. Dieses Tagebuch war offenbar zunächst nur für ihn selbst bestimmt; später aber, als er sah, dass es das volle Spiegelbild eines seltenen Menschenlebens wurde, betrachtete er es als ein Werk, das er den Nachgeborenen nicht vorenthalten dürfe. Oft gedenkt er in demselben des künftigen Lesers, rechtfertigt sich in dessen Augen, und — gleichsam in ahnungsvoller Voraussicht des Kommenden — gibt er der Ueberzeugung Ausdruck, dass es einmal in die Oeffent- lichkeit gelangen und dann von Segen werden könne. — 101 — Zu seinen Lebzeiten verstattete Platen Niemand einen Einblick in die Aufzeichnungen, einen einzigen, für ihn höchst betrübenden Fall ausgenommen. Als er in Würzburg den Studien oblag, hatte einer seiner Freunde, den er von München her noch kannte und der von seiner anormalen Veranlagung erfuhr, ihm dieselbe zum Vor^'urf gemacht und ihn im Kreise seiner Mitstudierenden auf das schimpflichste blossgestellt Platen wusste kein besseres Mittel zu seiner Rechtfertigung, als dass er dem indiskreten Gegner das Tagebuch mit seinen rückhaltlosen Einträgen vorlegte, ein Mittel, welches denn auch den gewünschten Erfolg nicht versagte. — Das Tagebuch war und blieb sein intimster Vertrauter und wurde es mit jedem Jahre mehr, insofern sein Haupt- thema war, „die Schwäche des menschlichen Herzens zu entfalten und eine fortlaufende Geschichte seiner Empfin- dungen zu sein". Platen setzte diese Aufzeichnungen noch in Italien fort, so dass nach und nach 17 — zum Teil starke — Bände daraus wurden. Als er im Jahre 1833 in Deutschland zum letzten Male weilte, übergab er die- selben, wie im Vorgefühl baldigen Scheidens seinem Freunde Dr. med. Pfeufer [dem spätem Chef des bayrischen Medizinalwesens]. Als dieser in Gemeinschaft mit dem Philosophen Schelling, der dem Dichter im Leben gleich- falls nahe gestanden, die Chatouille mit den Manuskripten öffnete und den Inhalt derselben kennen lernte, stand er angesichts der darin dokumentierten Männerliebe vor einem Rätsel und scheute sich vor einer Veröffentlichung. So entschied denn die überlebende Mutter des Dichters, dass die Tagebücher in die Hände des Grafen Friedrich Fugger gelangen sollten, der dem Verständnis ihres Sohnes, wie sie wusste, am nächsten gekommen war, und der die Aufzeichnungen nun zu einer Platen-Biographie benutzen möchte. Fugger aber starb kurze Zeit nach dem Dichter, imd die Tagebücher kehrten in die Hände Jahrbuch für bomosexiiellc Forschunj^en. H — 162 — Pfeufers zurück. Dieser beschloss eine Herausgabe der- selben, legte dabei aber eine v()llig unzureichende Be- arbeitung des Erlanger Theologen Engelhard zu Grunde, welche bloss Das aufgenommen wissen wollte, was „Platens Bildung zum Dichter erkläre." Die Enttäuschung über die im Jahre 1860 erfolgte Veröffentlichung war deshalb eine allgemeine, da gerade Das fehlte, was man am liebsten von des Dichters geheimnisvollem Lebensgange wissen wollte. Das Original der Tagebücher aber fand damals durch Pfeufer in den Käumen der k. Staatsbibliothek in München neben dem andern handschriftlichen Nachlasse des Dich- ters seine bleibende Stätte, ungekannt von der grossen Welt und bloss für die Augen solcher Menschen sicht- bar, die entweder durch Beruf oder Neigung sich hiezu ein Recht erworben hatten. Diese nun erblickten in den Bekenntnissen des Dichters nicht bloss ,6estalten des Wahnes*, der, wie Platen selbst sagte, ,nun einmal der Trost solcher Leute ist, wie ich es bin*, sondern Schöp- fungen der Poesie, in deren rein individuellem und deshalb oft geradezu erschütterndem Aus- druck der wahre Schlüssel zum Verständnis des Dichters gefunden wird. Schon äusserlich tragen die Blätter des Originals Spuren eines schmerzlich bewegten Menschendaseins an sich und versetzen den Be- schauer in eine wehmutsvolle Stimmung, wenn er die ausgestrichenen Namen geliebter Personen, die Lücken von herausgeschnittenen Stellen, welche selbst dem ver- trautesten Freunde nicht bekannt werden sollten, wenn er endlich die Flecken sieht, die durch bittere, auf das Buch hinabrollende Thränen entstanden sind! Als der Tag, welcher vor hundert Jahren den Dichter in eine unverstandene Welt gesetzt, im Jahre 1896 wiederkehrte, da wurde die verhältnismässig kleine Gemeinde von Platenverehrern mit dem ersten stattlichen Bande der im Druck erscheinenden Tagebücher überrascht. T^nd in keine — 163 — bessern Hände konnte die Ausführung dieser Ehren- aufgabe gelegt sein, als in die des Oberbibliothekars G. von Laubmann in München und des Dr. phil. L. von Scheffler in Weimar, welch Letzterer als feiner Kenner des dem Dichter congenialen Künstlers Michel Angelo gilt. Indem wir mit den Gefühlen der Dankbarkeit das lang verschlossene, von diesen beiden Gelehrten nicht ohne heroischen Mut eröffnete Gebiet in Platens Leben betreten, machen wir es uns zur Pflicht, ein Ziel zu ver- folgen, das gewiss nicht ganz ausserhalb der Absichten der Herausgeber lag, und das den Dichter auch den ihm bisher nicht Wohlgesinnten menschlich näher bringen dürfte. Wir wollen jenen Spuren folgen und gerade jene Seiten herauskehren, welche Platen in seinem Liebesleben zeigen, und damit den Beweis erbringen, dass man vom Pfeile des Eros getroffen sein und gleichwohl den Ruhm eines edlen Dichters und eines ebenso edlen Menschen beanspruchen kann. I. Selbst wenn die Tagebücher, die vollständigen wie die verkürzten, nicht vorhanden wären, so müsste man bei Platen auf homosexuelle Geschlechtsnatur schliessen. Seine , Gesammelten Werke", insbesondere die darin ent- haltenen Ghaselen und Sonette, sind Zeugen, welche hie- für laut genug sprechen. Diese Gedichte erregten schon zu seinen Lebzeiten mannigfaches Bedenken und zwar bereits damals, als sie bloss unter den vertrauten Freunden und Bekannten zirkulierten. Lisbesondere fühlten sich die Damen befremdet, wenn sie »gegen alles Herkommen" einmal auch die männliche Schönheit, die ja doch auch existiert, gefeiert sahen. Platens vertrautester Freund, Graf Friedrich Fugger, schrieb ihm einmal (10. Aug. 1821) nach T^rlangen: ,Wenn Du auf ein paar Stunden aus 11* — 104: — dein Orient — wo Du im Geiste weilst — zurüekkehrst, vergiss nicht einige Ghaselen zu dem Bueiie Hafis mit- zunehmen; Du brauclist sie ja nicht wieder der Julie liöb vor Augen zu bringen, sondern nur jenen Leuten, denen der Sänger und der Schenke lieb ist." — Deshalb wohl hielt Platen es für angezeigt, in einigen Liebes- gedichten statt des verblüffenden „Er" die konventionelle Form des „Sie* zu setzen, ein Verfahren das bei den eingeweihten Naturgenossen noch grösseres Erstaunen hervorrufen muss, als bei den fernerstehenden Normalen daa befremdende männliche Fünvort. Im grossen Pul>- likum aber machte das Ganze keine unerw^ünschte Wirkung, um so w^eniger als man durch Goethes Westöstlichen Divan gew^öhnt war, auch den Schenken in der Dichtung gefeiert zu sehen. Tiefersehende Hessen sich indes nicht irre machen; der Menschenkenner Heine ersah bekannt- lich, trotz Goethes Divan und trotz des veränderten Für- worts die wahre Triebfeder der Ghaselen und Sonette, und seine Ausfälle in den „Bädern von Lucca* sind bloss deshalb unberechtigt, w^eil es eben Ausfälle sind und zwar solche, die von grossem Misswollen und noch grösserer Unkenntnis in Dingen der Geschlechtspsyche zeugen. Platen besingt in der That nirgend und niemals die weib- liche Schönheit, feiert immer die schöne Männlichkeit. Freilich treten in den Gedichten die Erscheinungen der letztern bloss w*ie Schemen vor das geistige Auge des Lesers; freilich erblicken wir nirgends den Tiefgang seiner Gefühle, die heisse Leidenschaft, die sein Herz durchwühlt, den tötlichen W^iderspruch, in welchem er sich mit Welt und Menschen findet. In all diese Ver- hältnisse und Zustände lässt erst das unverkürzte Tage- buch, das wir nun vor uns Hegen haben, einen Einblick zu. Und selbst dieses wiederum brauchte nicht mit seiner rücksichtslosen Offenheit zu sprechen, es könnte sich über die rätselhafte Neigung des Mannes zum Manne, die der — 165 — Dicliter selbst nicht begriff, die iiber das Htiupthema der Bekenntnisse bildet, in ein begreifliches Schweigen hüllen, HO niüsste man immerhin aus andern Umständen, die darin besprochen sind, auf homosexuelle Geschlechts- natur folgern. Platen fühlt sich Männern gegenüber vollständig als Weib, und gibt damit jener Theorie der Forschungen recht, welche im Homosexualen eine von der Xatur verursachte Verkehr ung der Geschlechts- psyche annimmt. Ohne es zu wissen und zu wollen, manifestiert er diese absonderliche Seelenverfassung. Schon die Schilderungen seiner Kindheitsjahre verraten den weiblichen Zug. Platen erscheint als stiller, sanfter Knabe, der sich am liebsten an die Mutter anschliesst, mit Mädchen spielt und sich mit Beschäftigungen unter- hält, welche alle vom normalen Knaben weit hinter seine lärmenden Spiele gestellt werden. Den Seelenzustand seiner spätem, seiner ersten Jünglingsjahre, schildert der Verfasser des Tagebuchs zuweilen in einer Weise, welche die Tragik seines Loses auf Augenblicke vergessen lässt und selbst auf dem Gesichte des einsichtsvollen Natur- genossen ein Lächeln hervorrufen kann. So wenn Platen aus der Zeit, da er noch OfBzier und auf einem Feldzug gegen Frankreich begriffen war, treuherzig berichtet, dass er in einer elegischen Abendstunde sich mit dem Flechten eines — Blumenkranzes beschäftigt habe, wenn er später, in der Zeit des Zivilstandes meldet, dass er aus Trauer über den verlorenen Geliebten alle hellen Farben ablegen, oder wenn er sich gar, in einem Gedichte an einen er- sehnten Freund, mit Abälards „Heloise* Eines fühlt! Er glaubt an Träume, an Glückstage, besucht als Jüngling, also in einem Alter, wo Andere den Spuren der Geliebten folgen oder sich mit ihr im lustigen Reigen drehen, einsame Friedhöfe, Ruinen, Kirchen, und Kapellen und geht sogar, einig » Zeit mit dem Gedanken um, in ein Kloster einzutreten. Bezeichnend auch ist seine Ab- — 166 — neigung gegen dtxs Spiel, gegen lärmende Vergnügungen und Gesellschaften, insbesondere gegen Trinkgelage, an denen er sich bloss solange beteiligte, als es seine beruf- liche Stellung unbedingt erheischte. Wesentlich charakteristisch ist Platens geschlecht- liche Abneigung gegen die Frauenwelt. Lange wollte er sich diese nicht eingestehen, so sehr oder gerade weil er die innersten Fasern seines Herzens der Selbstkritik unterzog. Es war die einzige, allerdings sehr verzeih- liche Unehrlichkeit gegen sich Selbst, dass er sich glauben machte, er liebe das Weib wie der andere junge Mann, und er brauche bloss wollen zu dürfen, um hier auch können zu sollen. So machte er denn einmal eine ge- waltige Anstrengung, es den Andern gleichzuthun. Im Anfang des Jahres 1814 — Platen war kaum 18 Jahre alt — sah er als Page bei Hofe öfters die 20jährige Tochter der Marquise von Boisseson und zog Erkun- digungen über sie ein, mit denen er, wie er sich aus- drückte, zufrieden war. Er schreibt in seinen Aufzeich- nungen: „In diesem Zeitraum schien sich auch die Weiber- liebe in mein Herz einzuschleichen. Die Tochter der Marquise von B., einer emigrierten Französin, machte auf mich einen starken Eindruck." Aber er setzt schon diesen unsichern Worten gleich bei: „Doch vielleicht war dies bloss Bedürfnis zu lieben. Was die äussern Um- stände betrifft, war ich gerade nicht unglücklich, wie das Folgende [die späteren Aufzeichnungen im Tagebuch] lehrt; aber das Verhältnis war schon zu ungleich; die Hebenswürdige Franz()sin war mir an Jahren voran. Diese Neigung erlosch mit der Zeit ; denn wo keine rechte Hoffnung ist, da ist auch keine Liebe. Würde ich ihre Bekanntschaft nicht gemacht haben, so %väre ich vielleicht noch heute in sie verliebt." Jene äussern Um- stünde, die ihn «nicht unglücklich* machten, bestanden aber darin, dass er eine Visite im Hause der Marquise ab- — 16/ — stattete und bei der Mutter sein eben erlerntes Fran- zösisch anbrachte! Die Schhissbemerkungen seiner Auf- zeichnungen sind ganz eines Achtzehnjährigen würdig; eher kämen sie der Wahrheit nahe, wenn sie umgekehrt lauteten. In der That heisst es bald darauf im Tage- buch: ,,Meine vermeinte Liebe zu Euphrasie — ao hiess die junge Französin — zeigte sich als etwas schnell Ver- flogenes.* Was ihn angezogen hatte, war nur die fremd- ländische Geburt, der vornehme Adel und die eigene Eitelkeit, einem Nebenbuhler den Vorrang abzulaufen. Nichts hätte ihn, so wenig wie die andern früher im In- ternate Lebenden, jetzt, da er mit Damen verkehren durfte, hindern können, sich die Liebe zu diesen „an- zugewöhnen*; allein fortan blieb seine Liebe zum weib- lichen Geschlecht bloss Pietät; ausser der beispiellosen Liebe zu seiner Mutter wandte er eine solche in jener Zeit, dem Honigmonde des Lebens, bloss seiner Hausfrau und deren — Mutter zu. „Mit meinem Quartier," schreibt er, „war ich sehr zufrieden. Ich wohnte bei der Witwe eines Hofmusikus, Madame Schwarz. Es war die Schwester unseres Schreiblehrers bei den Pagen, Sekretär Mailer, durch den ich auch in dies Haus gekommen war. Madame Schwarz hatte noch ihre alte Mutter, Madame Mailer, bei sich. Ich lebte sehr gut mit beiden Frauen, war oft in ihrer Gesellschaft, ass auch später mit ihnen, und sie waren für mich besorgt wie für einen Sohn.* Diese W^orte sind nicht nur für Platens Verhältnis zu den Frauen sondern für die all seiner Naturgenossen be- zeichnend. So peinlich für den Homosexualen der Um- gang mit solchen Personen weiblichen Geschlechts ist^ welche Ansprüche an sein Herz erheben und zu diesem Zwecke ihre Reize zur Schau tragen, so wohlthuend ist ihm der Verkehr mit bloss freundschaftlich oder mütter- lich gesinnten Frauen, und hieran könnte man bemessen, wie es sich mit dem „Weiberfeinde* verhält, als welcher — 168 — der Homosexuale so gern vom Unverstand bezeichnet wird. Eine ähnliche Bewandtnis hat es mit dem noch be- liebteren Vorwurf der „Lasterhaftigkeit." Fast ergreifend wirkt, was wir über diesen für die Beurteilung eines Homosexualen so wichtigen Umstand vernehmen. An der Reinheit der Gesinnung, man darf sagen, geradezu an der Keuschheit, hielt Platen mit einer Standhaftigkeit fest, wie sich einer solchen wohl nur wenige. Normale wie Anormale, rühmen dürfen. Hieran könnte die Welt einmal sehen, wie es mit der Lasterhaftigkeit oder, wie der mil- dere Ausdruck lautet, mit der „Unsittlichkeit" der Homo- sexualen in der Regel bestellt ist. Gerade das Gegenteil dieser Anschauung ist zutreffend. Die Welt hat gar keine Ahnung von den Entsagungen und Ent- behrungen, die dem Homosexualen überhaupt auf- erlegt sind. Bei Platen, dem sich Gelegenheit zu Aus- schweifungen geboten hätte, sind bewunderungswert die fast tibermenschliche Kraft erheischenden Kämpfe, durch die er sich siegreich behauptete und unter denen er an seiner subtilen Auffassung von Sittlichkeit festhielt. Man hat schon oft daraufhingewiesen, dass das Zusammenleben junger Leute in einem Insitute schwere Gefahren für ihre Sitt- lichkeit mit sich bringe. Wenn auch die darauf bezüg- lichen Befürchtungen meistens übertrieben sind, und die normal Veranlagten, welche in Litematen leben, nur schwer und dann nur vorübergehend oder gar nicht einer Verführung unterliegen — wie andrerseits Jünglinge, auch ausserhalb der Listitute vor Bethätigung ihres Liebes- triebes nicht überhaupt bewahrt bleiben, — so hat doch der Aufenthalt junger Homosexualer in einem Institute in der That seine bedenkliche Seiten. Solche junge Leute in einem Internate kommen zu früh mit dem ,, andern Geschlecht" zusammen und leben zu anhaltend mit diesem unter Einem Dache. Diese Gefahren bestanden auch zu Platens — 11)9 — Zeiteu; die Vorgesetzten kannten sie und trafen insbe- sondere gegen die Selbstbefleckung ihre Massnahmen. Platen erzählt^ dass im Kadettenkorps kein Zögling zu einer Arreststrale verurteilt wurde, dem nicht eine dieses Laster unmöglich machende Vorrichtung an den Händen angebracht worden wäre ! Er selbst spricht von der hier in Rede stehenden Jugendsünde in einer Weise, die, nach allen Gesetzen der Logik und Er- fahrung, in dieser Hinsicht eine eigene Schuld aus- geschlossen sein läöst. Von einem Freunde, der eben den Eintritt in die Pubertät hinter sich hatte, und durch sein schlechtes Aussehen auffiel, bemerkt das Tage- buch, dass er sich dieses sowie die Schwächung seiner geistigen Kräfte durch „geheime Ausschweifung" zuge- zogen habe. Platen durfte so sprechen, da sein Verstand in jener Zeit ebenso stark sich entwickelt wie seine Arbeitslust eine unbeschränkte war. Seine sittliche Strenge verdient um so mehr Anerkennung und Bewunderung, da .sie auch später, im jungen Offiziere, fortdauerte, und da das Beisjnel, das dieser sah, kein unverlockendes war. Am 7. Mai 1814 klagt er seinem Tagebuche: „Was die Zu- friedenheit, die ich in mir fühle, vergällt, ist die zügel- lose Unsittlichkeit, die ich hier um mich sehe. Ich war, um mit dem Dichter zu reden, in strenger Pflicht aufge- wachsen, und glaube nun ein zweites Gomorrha zu finden. Alle Laster der Unzucht wurden bei unserm Stande rühmend zur Schau getragen*. Und im November de? gleichen Jahres heisst es: ,Nur ein Mensch von Bildung kann mich festhalten, und festgehalten bin ich gern. Wenn ich aber darüber nachdenke, so dünkt es mich fast unmöglich, so viel sich auch junge Offiziere meinesgleichen in diesen Mauern (der Stadt München) herumtunmieln, unter ihnen auch nur Einen zu finden, der mein Freund sein könnte. Die Motive, welche alle jene bewegen, diesen Stand zu ergreifen, sind weit verschieden von den — 170 — meiiiigen. Wir können nicht übereinstimmen. Genuss ist die Triebfeder ihrer Handlungen; Zoten sind meist die Würze ihrer Reden; die Zukunft ist's, worüber sie niemals nachdenken. Bordellschöne gelten ihnen mehr als die sinnigen Musen, die Würfel mehr als das Saitenspiel, das Bierglas mehr als Hypokrene. Ich will ihre Grundsätze nicht tadeln, aber ich fühle, dass sie nicht die meinen sind. Selbst Manche, die ich vormals von besserer Seite kannte, hat der Strudel mit fortgerissen**. Solche Wahr- nehmungen machte Platen auch ausserhalb seines Standes, und um so grösser wurde seine Widerwille gegen das Genussleben, für welches die Welt so reich ist an Ent- schuldigungen. „Meine ganze Laune ist mir verdorben; ich liebe niemand von Allen, die mich umgeben. JJie Menschen behagen mir immer weniger. Ich hasse ihre gemeinen Leidenschaften, ihre tierische Begierde, ihre zu- nehmende Verderbtheit. •* Freilich ist jenes Missbehagen wie dieser Abscheu ein ausserordentliches und wird nicht von allen Homo- siexualen in gleichem Umfang empfunden. Aber Platen war eben eine äusserst sensitive Natur und für den Schmerz der Entsagung ebenso empfänglich wie für die karg zugemessenen Wonnen der Liebe. Kein Wunder, wenn der allgemeine Lebenswiderspruch, in den der homosexuale Dichter versetzt wurde, ihm tiefer in die Seele schnitt als irgend einem andern seiner Naturgenossen. Die erste Aeusserung hierüber findet sich unterm 13. Februar 1815, die eben deshalb, als einzige Probe für viele, hier mitgeteilt werden soll: Des Abends waren Liebeskind und Perglas (zwei Offiziere) bei mir; aber das Gespräch, das sie führten, und das Liebeskind ver- anlasste, war äusserst peinlich. Dieser letztere war bald sentimental, bald wieder auf eine plumpe Art scherz- haft, bald wieder enthusiastisch, so dass ich zum ersten- mal fühlte, welche Qualen uns ein verkehrtes Gespräch — 171 — verursacht. . . . Sie redeten auch von der Freundschaft, und Liebeskmd bezog Perglas' Worte darüber auf mich, wodurch er mich in Verlegenheit setzte/ Hiemit sind wir auf jenen Umstand gekommen, welcher den Angelpunkt im Leben Platens bildet, und auf den wir raten müssten, wenn er nicht mit einer oft erschreckenden Offenheit im Tagebuch blossgelegt wäre. Die Freundschaft, die Platen zu Männern fühlte, war Liebe, glühende, heisse Liebe, die ihre Wurzeln in den unergründlichen Tiefen des Geschlechtslebens hat und die nichts anderes ist als der natürliche Drang der Er- gänzung : „0 gleichfühlende Seele, Komm hervor und zeige Dich mir! Eeiucn bedächtigen, Kalten, vernünftehiden Freund will ich finden; Ach, das kann Jeder mir werden! Was ich will, ist ein glühendes Herz, Das schlägt wie das meine, Das die Blicke versteht. Und die halbvoUendetcn Worte Durch die mächtige Sympathie ^ (14. Januar 1816.) IL So unterscheidet Platen selbst und zwar gleich im Anfang seines Gefühlslebens zwischen Freundschaft und Liebe. Und in der That findet sich dieser Unterschied bei all seinen Verhältnissen zu Personen des männlichen Geschlechtes ausgedrückt, ja es können sogar drei Kate- gorien: die der Kameradschaft, der Freundschaft und Liebe, aufgestellt werden. Infolge seines Aufenthalts unter den Kadetten und Pagen, ein Aufenthalt, der durch die besondere Erziehung bedingt war, blieb es — schon aus Gründen des Corps- — 172 — geistes — unvermeidlich, dass sich rein kameradschafl* liehe Verhältnisse bildeten, und zwar in grösserer An- zahl, als ihm selbst lieb war. Wir können von einer näheren Betrachtung derselben um so eher absehen, als sich diese Verhältnisse in nichts von jenen anderer jungen Leute unterscheiden. Wählerischer war Platen im Punkte der Freundschaft. Sein Wesen, von Natur aus zurück- haltend, verschlossen und stolz, trug — bei aller Warm- herzigkeit der Empfindung — äusserlich eine Kälte zur Schau, welche auf die meisten Menschen abstossend wirkte. Deshalb galten ihm, und gelten uns bei dieser Be- trachtung, als Freunde Platens nur solche, gegenüber wel- chen diese Charaktereigenschaften in ihm zurücktraten, und mit welchen eine Verbindung fortbestand, auch nachdem er die Erziehungshäuser verlassen. Nichtsdestoweniger und obwohl sie tiefer gingen als bei normalen Jünglingen, hatten diese Freundschaftsverhältnisse kein Ferment von Liebe an sich. Es handelte sich hiebei, unter den be- sonderen häuslichen Umständen, die als Druck empfunden wurden, bloss um das Bedürfnis des Vertrauens, das eben so gern gegeben wie empfangen wurde. Natürlich kamen deshalb die Landsleute, welche ebenfalls in den Instituten erzogen wurden, zunächvst in Betracht, in erster Linie der bereits erwähnte (Adalbert) Liebeskind, der in Ans- bach bereits ein Gespiele Platens gewesen war. Dem zarten Klang seines Namens wenig Ehre machend, liebte er den im Kadettenkorps herrschenden Drill, hatte des- halb wenig Verständnis für die beschauliche Natur Platens, und die Unterhaltungen bezogen sich lediglich auf die gemeinsame Heimat und die beiderseits aus der- selben bekannten Personen. Anders verhielt es sich mit dem Landsmann Friedrich Schnizlein. ^Mein erstes Ver- trauen," schreibt Platen, ^(wie auch mein spätestes) hatte Friedrich Schnizlein, der dieselbe Vaterstadt mit mir teilte und auch 1808 mit mir die Reise [von München — 173 — zu den FerienJ ins Ansbachische machte. Er ist von denen, welchen man gern vertraut, verschwiegen, treu, zuverlässig. Er war so ziemlich mit Allen bekannt, während ich meinen Umgang mehr auf eine geringe Zahl [der Kadetten] einschränkte. Meine früheren Arbeiten las er alle, und ich war gewöhnt, ihm sogar Manches in die Feder zu diktieren. Wir sind immer im gleichen Verhältnis zusammen gestanden, hatten uns immer gleich lieb und waren nie ernsthaft entzweit. Für das Senti- mentale in der Freundschaft war er nicht, und er erinnert an die Goethe'schen Worte: „Wem die Grazien fehlen Der kann wohl viel besitzen, vieles geben; Doch lässl sich nie an seinem Basen mh'n.** Die gegenseitigen Mitteilungen, besonders über literarische Dinge, dauerten fort, auch nachdem Schnizlein [bayrischer] Aitillerieoffizier geworden. Ihm das Geheimnis seiner Geschlechtsnatur anzu- vertrauen, wie er oft vorhatte, dazu konnte sich Platen lange nicht entschliessen. „Ich möchte mich gar zu gern Jemand anvertrauen,* schreibt er unterm 19. Januar 1816, , Schnizlein, der mich des Abends (ifter besucht, wäre derjenige, dem ich es noch am ehesten anvertrauen könnte, obgleich er für dergleichen Dinge kein Gefühl hat. Ich würde um die Hälfte leichter sein, wenn ich mein Herz aufschliessend in Worte giessen könnte." Endlich aber übermannte ihn die Wucht seiner Empfindungen für einen geliebten Offizier, und er vertraute sich Schnizlein an. 9 Mein Herz ist nun tausendfach leichter und lebensmutiger geworden: ich habe mich anvertraut. Ich that, was seit langer Zeit niemals geschehen, was nie geschah während meines ganzen Verhältnisses zu Federigo. Schnizlein weiss Alles in Hinsicht Wilhelms (Hauptmann Homstein). Schon früher liess ich ihn absichtlich manche Vermutungen fassen, heut machte ich ihn Alles erraten, und des Abends — 174 — als er bei mir war, verständigten wir ans vollends. Er rät mir zu einem festen Entschlüsse.* (13. März 1816.) Der Entschluss [zu einer AnnäherungJ wurde nie gefasst ; der Vertraute aber bewahrte treu das Geheimnis. Alle „Kameraden'' überragend, aber dem eben- genannten Vertrauten nicht gleiclistehend, genoss Platens ^freundschaftliche* Achtung schon frühe der Kadett Max von Gruber. Ursache hie von war dessen wissen- schaftliches Streben nnd seltene Offenherzigkeit. „Er würde Voltaire seinen Atheismus verzeihen, wenn der- selbe ihn nicht so oft widerrufen hätte, und tadelt kerne von Bonapartes schlimmsten Thaten, wenn sie nur nicht kleinlich waren, d. h. er liebt alles Grosse und Edle.* Als Beide in das berufliche Leben eingetreten, dauerte auch hier der freundschaftliche Verkehr fort, und Max von Gruber ist durch eine Epistel in Platens Werken („Einzug in Golpolis".) verewigt. Leider musste der Dichter die Offenherzigkeit dieses Freundes später von einer recht unfreundlichen Seite kennen lernen, indem er durch denselben wegen seiner Naturanlage, die ihm selbst Seelenpein genug einbrachte, auf bedenkliche Weise ins Gerede kam. Max von Gruber war es, der wie ein- gangs erwähnt, den Freund einmal blossstellte und durch das Tagebuch eines Bessern belehrt werden musste. Gleiches Streben, insbesondere gleiche Vorliebe für die stillen Freuden, welche die Beschäftigmig mit den Wissenschaften gewährt, brachte den jungen Schriftsteller auch dem Sohn des aus Norddeutschland stammenden, in München klassische Literatur lehrenden Professors Jakobs näher. Ueber Gustav Jakobs, der übrigens nicht bloss ein Freund von Büchern, sondern auch von fröhlicher Laune war, heisst es im Tagebuch: „Er erweckte in mir die I vorübergehend J erloschene Liebe zu den Musen tmd machte viel Wesens aus meinen poetischen Produktionen, da ich noch sehr jung war Nunmehr ist er Offizier — 175 — in sUchsisch-gotliaischen Diensten, hat, wie seine Briefe zeigen, die heitere Laune noch nicht abgelegt und lieht die Damen." Als Platen aus dem Feldzug nach Frank- reich, den er im Jahre 1815 mitmachte, zurückgekommen, in München weilte, hatte eben der Karneval seinen An- fang genommen, und Platens Abgeneigtheit gegen lärmende Lustbarkeiten in hohem Grade aufgewühlt. An Gustav Jakobs nun wendet er sich brieflich, um seinen welt- fremden Gefühlen Luft zu machen, und er schreibt jene Epistel mit den melodischen Terzinen, die in die ge- sammelten Werke aufgenommen wurde und mit dem warmgefühlten Verse schliesst, der als Motto unserm eigenen Aufsatze vorgesetzt ist. Wehmütig und stolz zugleich erklingen die Worte der Resignation: „Die Zeit cncbeint, wo mit dem lästigen Kranze Die Schläfe selbstvergessen Jeder zieret Und flattert in gedankenlosem Tanze Mich hat der Gott za anderm Tanz gofflhret, Za schweben auf dem edlen Hippogryphe, Der in den leichten Wolken sich verlieret; Und wenn ich näher jenes Leben prüfe, Das Vielen wie ein Wonnetaumel schwindet, Erscheint mir^s seelenlos und ohne Tiefe. Und nngekränkt von Allen kränV ichEeinenl Doch Manchem, der mich kennt nur von Gesichte, Mag ich ein trüber, kalter Mensch erscheinen; Du aber siehst mich in vertrauterm Lichte! Nathanael Schlichtegroll heisst der Freund, dem mit meistem Recht dieser Ehrentitel gebührt. Keiner wie er teilte mit Platen den hohen Flug der Ideen, die Begeisterung für die Wissenschaft und die Liebe für die schönen Künste; auch er vertauschte in der Folge das rauhe Kriegshandwerk mit dem Studium und zwar mit der Rechtswissenschaft. Schlichtegroll war der Sohn des Generalsekretärs bei der Akademie der Wissenschaften ~- 170 — Adolf Heinrich Friedrich Schlichtegroll, der selbst sich wissenschaftlich bethätigte, und der Sohn hatte seine Neigung zu friedlicher Beschäftigung vom Vater ererbt. Als Platen ihn im Mai des Jahres 1814 — durch einen von ihm geliebten jungen Mann kennen lernte — stand er noch bei der Artillerie als Leutnant und machte als solcher ebenfalls den Ausmarsch nach Frankreich mit, der ihn jedoch, so wenig wie Platen, die Sclirecken einer Schlacht kennen lernen Hess. Lange Zeit lag er damals mit seiner Truppe im malerischen Heidelberg, wohin ihm Platen von Jonchery bei Chaumont aus im Oktober 1815 jene bekannte Epistel ,An Nathanael Schlichtegroll' sandte, die, allerdings mit Veränderungen, ebenfalls in die Ge- sammelten Werke aufgenommen wurde. Nach einer poetischen Abschweifung, die ihn im Gedichte bis in das Reich des Hades führte, ruft der Dichter dem Freunde zu: „Jetzt bin ich wieder ganz bei Dir zarQcke, An Deiner Brust vom Fhantasus befreit, Und frage Dich nach Deinem LebensglQcke Und wünsche Dir Zufriedenheit. Und bist Dn wirklich an dem Neckar drüben Und h< mich ab kein andrer Machtbefehl, So eir ich zu Dir, wenn Da mir geschrieben: Ich komme dann, Nathanael! Doch sollt^ es sich auch also nicht begeben, DasB ich Dich sehe noch vor diesem grossen Streit, So möge Dich ein Genius umschwaben In dieser blat*gen Kriegeszeit. Doch selbst im raahen Kriege schwöre Noch za den Mäzen, Freund, mit sittig heiterm Sinn, Und immer denk* ich Deines Plato Lehre: Noch vor Ablauf des 'Jahres ging der kampflose Feldzug zu Ende, Schlichtegroll sass bereits, hinter den Pandekten, in Erlangen, als Platen in München ein- marschiert war. „Nathan ist leider, leider nicht hier; er hielt sich nur ein paar Tage hier auf und ging sodann — 177 — nach Erlangen, um dort seine Studien zu vollenden. Jedoch verlangt er seine Entlassung vom Militärstande nicht, um sich zweierlei Aussichten offen zu erhalten. Ich bin recht sehr böse, dass ich ihn nicht sprechen, nicht umarmen kann. Jetzt entbehre ich ihn mehr als jemals. Erst spät hat er mein Schreiben, das ich nach Heidelberg adressierte, erhalten, jene Epistel nämlich.* Am 10. Januar 1816 erst — man lebte im Zeitalter der Postpferde — traf die Antwort Schlichtegrolls, welche ebenfalls in gebundener Sprache erschien, bei Platen ein. Sie wurde eröfihet mit den Distichen: „Was ich begann, das will ich vollenden, so ziemt es dem Manne, Und in der Thomis Asyl, das ich schon lange gekannt, Trat ich mit frohem Mute zurück und crhöhctem Eifer, Um mich der Göttin Dienst, die ich vorehre, za weihen. So innig und herzlich die Beziehungen zu Schlichte- groll waren und so weit sie diejenigen zu anderen Freun- den hinter sich liessen, so wenig haben sie indes mit jenen Seclenverbindungen gemeinsam, bei denen die Liebe mitsprach und bei denen die äussere Erscheinung des Objektes einwirkte. ^Auch mit Schlichtegroll", bemerkt Platen später, „verbindet mich nur eine natürliche Aehnlichkeit der Gemütsstimmung, aber fast nichts, wo- durch wir wirkend selber beigetragen hätten.* Ebenso verhielt es sich in dieser Hinsicht mit dem Grafen Friedrich Fugger, dem aber August von Platen sein weitaus aufrichtigstes Vertrauen schenkte und dem er es bewahrte — bis an den Tod. Beide kannten sich schon von der Pagerie her, und Fugger war es, der später, nachdem sie in die Armee eingetreten, eine nähere Freondschaft anzuknüpfen suchte, indem er die Bekannt- schaft erneuerte. Platen hatte in dieser Zeitperiode wenig Interesse an ihm. „Ich weiss nicht", schreibt er ins Tagebuch, ^ warum Fugger meine Gesellschaft eigentlich sucht. Er gehört zwar zu dem Kreise meiner näheren Jahrbuch fQr homosexaelle Forsch angen. 12 — 178 — Bekannten^ ja derjenigen, die man gewöhnlich mit dem Namen Freunde zu umfassen pflegt^ aber so viel wir auch zusammen sprechen, nie ist ein herzliches Wort zwischen uns gewechselt worden/' Bald aber konnte er von ihm sagen: „Sein Umgang wird mir täglich lieber. Schade, dass er nicht lange mehr hier [in München] bleibt/ Was die Freunde anfangs zusammenführte, war die gemeinsame Liebe zur Dichtkunst. Auch Fugger machte Verse; — freilich keine Platen'schen; — er liebte die Dichter, — und zwar, s einer religiösen Ueberzeugung gemäss, die Romantiker — ; er war auch ausübender Künstler auf dem Gebiete der Musik, und manches Lied Platens wurde in der Folge von ihm in Töne übertragen. Zu jener Freundschaft aber, die Platen unter diesem Worte verstand, kam es auch später nie: „Fritz Fugger würde vielleicht derjenige sein, mit dem ich noch am meisten übereinstimme; doch war unsre Bekanntschaft so, dass das Herz fast niemals berührt wurde." Es war jene stille Macht der Freundschaft, welche lindernd auf das Gemüt wirkt und, wie Platen selbst sagt^ die schwärmer- ische Glut, die der Liebe innewohnt^ mehr und mehr vergessen macht. Fugger näherte sich mit seinen Ge- fühlen den Neigungen Platens unter den Freunden am meisten ; er teilte dessen Gleichgiltigkeit gegen die Frauen, obwohl er nicht das war, was man homosexuell nennt. ^Ich finde mich nach und nach immer mehr in Fugger,* verzeichnet Platen unterm 24. Januar 1817; »doch ist es immer misslich, dass Avir so wenig in einem herzlichen Verhältnis stehen. [Es war der Grund hievon wohl der Mangel des ausgesprochen psychosexuellen Gegensatzes.] Er erklärte sich mir heute als Weiberfeind, indem er sagte, dass die Weiber keinen Geist hätten, und nur als Werkzeuge, nicht als Menschen zu betrachten seien. Ob- gleich ich selbst die Männer mehr als die Weiber schätze''^ i'iigt Platen mit selbstlosem Wohlwollen bei, »so bin ich doch weit entfernt davon, seiner Meinung zu sein." — 179 — Jedenfalls war Fugger der Mann, welcher Sinn und Verständnis für Platens eigenartige Seelenverfassung be- sass. So ist es zu erklären, dass er dessen unbegrenztes Vertrauen erwarb und in alle Herzensgeheimnisse der folgenden Zeit eingeweiht wurde. Auch in literarischen Dingen ward er ihm unentbehrlich; Platen erholte sich seinen Rat und sein Urteil, und stets wurden diese gern und nach bestem Wissen gegeben. Fugger besorgte bei Herausgabe der Werke Druck und Korrektur, vermittelte zwischen Dichter und Verleger, sogar mit Cottas Faktor welcher bei der bekannten Akkuratesse des Dichters^ keine leichte Aufgabe hatte. Erschwert wurde das Ge- schäft durch die räumliche Entfernung — Platen weilte damals im südlichen Italien — und durch seine reizbare Launenhaftigkeit, die aber Fugger mit Gelassenheit trug, da er wusste, dass sie mit der Gemütsart des Freundes naturgemäss zusammenhing. Selbst in spätem Jahren sahen sich die Beiden noch einigemale. Platen kam öfter nach Deutschland, Fugger einmal nach dem fernen Süden. Ein reger Austausch von Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen entspann sich in einem Briefwechsel, der als ein ehrenvolles Denkmal seltener freundschaftlicher Treue und Opferwilligkeit gesammelt und [im Jahre 1852 von Minckwitz] herausgegeben wurde. Platen selbst aber setzte dem Freunde im Jahre 1835 ein Denkmal in dem herrlichen Festgesange „An den Grafen Friedrich Fugger", in jener Ode, welche beginnt: Wie der Herbst swar spftt in das flüchtige Jahr tritt, Das bereits tagmüde zam Ende sich neigt, Aber nicht kommt ohne Geschenk; Nein, im schöngeflochtenen £orb aafhäaft die erquicklichen Früchte: Also tritt meiR Festgesang Freand, vor Dich, mitfahrend hochgeschichteten reichen Ertrag. Bald darauf, nachdem dieser Gesang verrauscht war, fand der ruhelose Dichter im Garten des Grafen Landolina in Syrakus sein frühes Grab. Fugger stellte für die erste 12* — J80 — Gesamtausgabe der Werke Platens, die bei Cotta 1839 erschieuen, den Text her und begann, wie eingangs erwähnt, einen Wunsch der überlebenden Mutter erfüllend, die Biographie des Dichters zu schreiben, als auch ihn die Schatten des Todes umfingen |l(i. Sept. 1838J. War die Freudschaft mit Fugger eine tiefgehende, dauernde und ungetrübte, so erscheinen vor Entstehung derselben — und freilich nur auf kürzere Zeit — zwei Freundschaftsverhältnisse, die unter sich verschieden, im Zusammenhalt mit der zu Fugger, doch etwas Gleichartiges haben, und welche Beide ausserordentlich genannt werden müssen. Die Träger derselben waren der Kadett Joseph Xylander und der junge Freiherr von Perglas, Mitzögling der Pagerie; in beide Verhältnisse spielt be- reits ein Strahl von Liebe hinein. Auf Xvlander lenkt<3 sich die erste entkeimende Neigung Platens. Sein eigener Bericht im Tagebuch lautet: „Wir waren mehr als drei Jahre in einem Hause (dem des Kadettenkorps) zusammen, ehe wir uns näher kennen lernten. Erst im März 1810 (im darauffolgenden Herbst verliess ich das Institut be- reits) brachte uns ein gegenseitig sympathischer Zug plötzlich näher. Ich muss gestehen, dass eine kleine In- trigue [seinerseits?] dabei im Spiele war; doch darf ich kühn sagen, dass mich mein Freund so sehr liebte wie ich ihn. Wir waren einander Alles. Wir genossen Monate lang das reinste, höchste Glück, das die Freund- schaft zu gewähren im stände ist Nur war unser Bmid zu schwärmerisch und kam zu sehr der Liebe gleich. Wir vergassen so ziemlich alles Andere über uns selbst, sehnten uns beständig nacheinander und brachten sogar die wenigen Minuten des Stundenwechsels pünktlich bei einander zu. Auch B. [ein andrer Kadett] fühlte sich sehr zu Xylander hingezogen, konnte aber nie in ein innigeres Verhältnis mit ihm kommen. Er grollte jedoch nicht mir, sondern, wie mir einer seiner noch übrigen — ISl — Briefe sagt, SchnizleiD, der gleichfalls Ansprüche auf Xylanders Freundschaft zu machen schien, und dem er allerlei Intriguen schuld gab; denn wir bildeten in dieser Hinsicht eine kleine Welt. Aus jener Korrespondenz habe ich noch die sonderbare und für Psychologen viel- leicht merkwürdige Bemerkung gezogen, dass nämlich Xylander dem Kadetten (Bäumler] sein leidenschaftliches, schwärmerisches Wesen auf die vernünftigste Weise lächerlich vorstellte, während er doch zu gleicher Zeit gegen mich in denselben Enthusiasmus verfiel. ... So viel wir beisammen waren, so wenig redeten wir zu- sammen, riefen immer noch einen Dritten zur Unter- haltung herbei, der die Flamme des Gespräches schüren musste. ,Ich war zu voll,' schreibt auch Xylander in einem spätem Briefe, ,um mit Dir von gleichgiltigen Dingen zu sprechen, und zu schüchtern, um von Dem zu sprechen, was ich in so hohem Grade empfand/ — Platen fährt weiter: ^Der Zwang, den wir uns, wenn er mich besuchte, vor meinen neuen Kameraden [den Pagen] anthun mussten, artete auf meiner Seite in Kälte aus. . . Als ich späterhin die Pagerie verliess, um den Degen zu tragen, knüpfte Xylander wieder eine Korrespondenz an, mir Glück wünschend, nachdem mich mein übereilter Schritt längst gereut hatte. Wir lernten uns wechselseitig kennen und schätzen und werden immer Freunde bleiben." Und bei dieser Art Freundschaft blieb es auch. Das „sonderbare Verhältnis zu Xylander,* wie es von Platen selbst bezeichnet wurde und das den Kameraden, z. B. Schnizlein nicht unauffallend gewesen, erlosch bald, um noch sonderbareren Platz zu machen. Leidenschaftliche Schülerfreundschaften wie die ge- schilderten erinnern an die der einstigen Karlsschule in Stuttgart, welcher der junge Schiller angehörte und von welcher Kuno Fischer in dieser Hinsicht so merkwürdige Alitteilungen machte. Sie sind nicht nur an sich merk- — 18Li ~ würdig, sondern zugleich ein Beweis gegen den land- läufigen Wahn^dass die Internate Brutstätten des „Lasters* seien, und dass Jünglinge, welche einer glühenden Freund- schaft Tähig sind, für das Leben verdorben werden. Schiller wurde eben Schiller, und Xylander ein aus- gezeichneter Offizier. Hervorragender Militärschriftsteller und Sprachforscher, bekleidete er im spätem Alter das Amt eines Militärbevollmächtigten und Bundesgesandten Bayerns in Frankfurt a. M., wo er im Jahre 1854 starb. Von Perglas*) bemerkt Platenim Tagebuch, da wo er ilm zum erstenmale nennt^ er wolle an dieser Stelle nichts Ausführliches über ihn sagen, da er noch oft in seinen Aufzeichnungen ervi'ähnt werde. Und in der That zieht sich dieser Name durch das ganze Tagebuch hin und zwar wie eine Leidensgeschichte. Fast dämonisch wirkte die Persönlichkeit des jungen Perglas, in welcher eine starke Sinnlichkeit schlummerte, auf den Liebe- bedürftigen ein. Perglas selbst, der übrigens normal war, fühlt sich bereits in der Pagerie von dem sanft;en, träumerischen Wesen Platens angezogen und noch mehr zu einer Zeit, wo der Verkehr freier war. Platen aber, der immer, wenn er das heissersehnte Ziel der Gegenliebe zu erreichen schien, seine stolze Kälte hervorkehrte, stiess auch Perglas in einem solchen Falle von sich ab. So heisst es z. B. : Ich komme in immer grössere Annäherung mit Perglas; er hat auch den Tisch bei meiner Hausfrau, und wir sind den grössten Teil des Tages beisanmieu. £s scheint, dass er ein enges Freundschaftsbündnis zwischen uns wünscht; ja — dass er darauf hofft und es darauf anlegt. Ich liebe ihn zwar mit aufrichtiger Achtung; aber ich glaube, dass ich bei diesem Grade |si('J werde * Weder das Tagebacb noch die Herausgeber desselben bo- zeichnen den Vornamen. VermaUich war es Ludwig v. Perghit«, um jene Zeit k. b. Grenadierleutnant in Manchen, geb. 1798 als Sohn des hessischen Obersthofmarschalls Sigmund Freih. von Perglas. — 183 — stehen bleiben, und dass der letzte Schritt, der uns noch mangelt, nie wird gethan werden'^ Während Beide so nicht selten wie Feinde im Leben nebeneinander hergingen, blieben sie sich bewusst, dass sie doch einander angehörten. Bald liebend, bald hassend, immer aber mit einem Zug nach Versöhnung, berührten sich stets wieder die Peripherien ihres Daseins. Auch Perglas, der, nachdem er den Degen erhalten, sich wie Platen in den Schranken der Enthaltsamkeit be- wegte, fühlte eine Leere in seinem nach Ergänzung strebenden Herzen: ^Wir sprachen von Freundschaft'', schreibt der 19jährige Platen, „und er gestand mir, dass es äusserst schwierig sei, eine gleichgestimmte Seele zu finden. Zwischen ihm und Liebeskind hat ehmals ein enges Bündnis stattgefunden, von dem ich nichts wusste, das aber bald aus Mangel an Uebereinstimmung wieder gelöst wurde. Er sagte mir auch, dass ihm das Leben äusserst schal und Ueberdruss erregend vorkomme. Dies nahm er aus meiner Seele. Es fühlt also auch, dass ihm etwas fehlt; aber er weiss vielleicht nicht, was es ist." Einmal erhielt Platen aus Perglas' Munde das Geständnis, dass er sich keineswegs rühmen könne, Platens Freund zu sein, dass aber sein ganzes Streben darauf gehe, es zu werden. „Was sollte ich darauf antworten?* fügt der Angefreundete — anscheinend teilnahmslos — bei. Ein liöchst geringfügiger Umstand war es, der Platen veran- lasste, bald nach Empfang dieser Freundschaflsversiche- rung das Verhältnis abzubrechen. Aber ebenso rasch zog die Beue in ihm ein: „Was mich zuweilen sorgenvoll macht, ist mein Verhältnis zu Perglas; denn ich fürchte, dass ich nicht ganz recht habe . . . Wir waren Freunde vorher, und nun haben wir seit einem Vierteljahr kein Wort mehr zusammen geredet. Die Schuld daran ist je- doch nur halb an mir ; denn er machte gleichfalls keinen Versuch, mir Etwas zu sagen. Wer hätte vor 4 Monaten — 184 — geglaubt, dass wir also getrennt würden ? Ich erinnere mich sogar, dass Perglas einmal sagte : Nun sind wir auf einem Punkt« der Freundschafl, dass keine Misshelligkeit uns mehr scheiden kann. — Die englischen Briefe, die wir einander schrieben, waren voll von Versicherungen der Freundschaft. Es ist wahr, ich liebte ihn nie wie Nathan, Gustav [Jakobs] oder [Brandenstein,] aber des- wegen war er um so mehr betrogen, da er es vielleicht glaubte, und es ist gewiss, dass ich eine Stelle in seinem Herzen hatte. Er meint nun vielleicht, dass das meine verdorben sei. Ich war in dieser Sache zu widersetzlich, zu vertrauenermangelnd. " Gegenliebe vom gleichen Geschlechte war es übrigens nicht, was von Perglas als Mangel empfunden wurde. Im Gegenteil, er stürzte sich, bald nach jener Unterredung, in den Strudel der gewöhnlichen Vergnüg- ungen, und in seinem Umgang mit dem schönen Ge- schlechte beschränkte er sich keineswegs auf schmachtende Sehnsucht oder zwecklose Galanterien. Auf dem Feld- zug nach Frankreich im Oktober 1815 erfuhr Platen durch einen Offizier, einen ehemaligen Mitzögling, Folgen- des über Perglas: ^Wenn Du wieder in ein Verhältnis mit ihm trätest, würdest Du ihn nicht mehr erkennen. Denn er ist ein ganz anderer geworden. Zwei Nächte in Paris [wo er mit den siegreichen Verbündeten eingerückt war,] haben ihn umgestaltet; er hat seine Grundsätze völlig verändert, er, der mich ehemals vor Ausschweif- ungen warnte, thut es mir und Andern nun darin zuvor. Er erklärt, dass er vormals ein Narr gewesen; alles treiben, niur nicht im Uebermass, ist nun seine Maxime." Nunmehr wurde Platen, — der, trotzdem er homo- sexuell fühlte, ein Feind jeden Lasters und vom zar- testen Sittlichkeitsgefühl beseelt war, — mit Abscheu gegen Perglas erfüllt. Er ging ihm aus dem Wege, wo — 185 - er ihn traf. Und das Schicksal führte Beide gegen ihren Willen immer wieder in den Weg. Gleich nach dem Einmarsch in München wurden sie in einunddemselben Hause einquartiert; als Perglas bei der einst gemeinsamen Haus- frau den ersten Besuch machte, traf er Platen an. Dieser räumte zwar immer gleich das Feld. Aber noch vor Jahresfrist war er es, der den ersten Sehritt zur Wiedor- anknüpfung der Beziehungen machte. ^Er schrieb mir", heisst es Ende August 1816 im Tagebuch, ,dass es ihm unerträglich sei, länger von mir getrennt zu sein; dass er sich seiner vormaligen Fehler schäme und anderen Sinnes geworden sei. Er klagt sich scharf an und spricht dann von seiner Besserung u. s. w. Seine Aenderung beschreibt er folgendermassen: er sei durch Verhältnisse jetzt zu einem geräuschlosen Leben gekommen, habe meine Briefe wieder gelesen und die Seligkeit gefühlt, die nur gute Sitten gewähren. Er habe sich immer fester vorge- nommen, das Laster zu meiden. ,Ich betete >vieder mit Andacht,' heisst es im Briefe, unterhielt mich mit Wissen- schaften : ich fand endlich gar keine Lust mehr, nach sinnlichen Vergnügungen zu streben, da ich keine Lange- weile hatte. Ich konnte mir Hoffnung machen, wieder besser zu werden, mied die Gelegenheit zum Bösen und gelangte täglich zur reiferen Ueberzeugung, dass ich höchst unrecht gehandelt habe.' Am meisten sucht er sich gegen meinen erprobten Glauben an seine Veränder- lichkeit zu bewahren, worin [d. h. in Bezug auf seine Veränderlichkeit] er freilich recht hat. Er gelobte mir dass ihn meine freundschaftliche Warnung über alle Ver- führung der Welt erheben soll. Wie hätte ich daher die Erneuerung unseres Verhältnisses abschlagen können?** Platen nahm also die gebotene Hand an. Auch wir können nicht ohne Anteil bleiben angesichts jenes Be- kenntnisses, das doch auf ein im Grunde gutgeartetes Herz schliessen lässt. Die Seelenverfassung des jungen — 186 — Mannes muss eine ausserordentliche, man darf sagen, ver- hängnisvolle gewesen sein. Platens wiedergewonnene Freundschaft bewahrte denselben nicht vor neuem Leid. Eine fünf Monate nach der Versöhnung in München ein- tretende Katastrophe lässt ihn uns noch rätselhafter und ßogar unsres Mitleids würdig erscheinen. Eines Tages war Perglas plötzlich verschwunden; niemand, auch seine Vor- gesetzten wussten nicht, wohin. Er hatte, wie man später erfuhr, seine Wohnung in Zivilkleidern verlassen, nach- dem er den Tag vorher schweigsam und ohne etwas zu gemessen, umhergegangen. Auf dem Tisch seiner Stube fand man, , Werthers Leiden* aufgeschlagen. Die Ver- wandten und Kameraden vermuteten ein Duell; nur Platen glaubte nicht an ein solches, sondern an den Zwang einer andauernden Melancholie, eines Zustandes, der, wie er [im Tagebuch] sagte, ihn selbst oftmals be- fiel. Die Thatsachen gaben ihm Recht. Perglas kehrte plötzlich zurück, vor Hunger und Ermattung erschöpft, verdüstert und lebenssatt. Vor dem Selbstmord hatte ihn sein besseres Herz bewahrt. Platen aber stand ihm freundschaftlich treu zur Seite, suchte die gesellschaft- lichen Folgen des Fehltritts abzuwenden und lieh ihm seine moralische Unterstützung bei dem Plane, den Militär- dienst zu quittieren und sich den Studien auf einer UniversiIÄt zu widmen. In der Folge verliess Perglas auch wirklich die Armee und ging nach Göttingen, nicht ohne von Platen tiefbew^egt Abschied genommen imd die Versicherung fortdauernden Anteils empfangen zu haben. — Ludwig von Perglas starb frühzeitig [1820] in Würzburg. III. Pulsiert in all den Freundschaftsverhältnissen, wie sie hier skizziert wurden, ein regeres Leben als in sonstigen Verbindungen dieser Art, und zwar deshalb, weil der eine — 187 — oder andere Teil von einer anormalen, wenn auch latenten Veranlagung erscheint, so vertieft sich dieser Unterschied bei jenen Verhältnissen Platens, in denen das Herz zu seinem vollen Recht kommt, und die elementare Gewalt der Liebe unaufhaltsam durchbricht. Man ist in Ver- legenheit, diese Verhältnisse mit einem zutreffenden Namen zu bezeichnen. Sie erscheinen auf der Stufen- leiter der Neigungen nicht mehr als Freundschaften, weil der eine Teil bereits von Liebe entflammt ist; sie sind noch keine sog. Liebschaften, weil die andere Person kaum mehr Freundschaft empfindet. Leidenschaft würde das richtige Wort sein, wenn sich damit nicht der ge- wöhnliche Begriff eines freiwilligen, auf das Unerlaubte gerichteten Hanges verbände; soll aber damit gesagt sein, dass ein Mensch der Tragik eines unentrinnbaren Leides verfallen sei, und wird das Wort so in seinem ureigenen Sinne genommen, so ist diese Bezeichnung nicht nur er- schöpfend, sondern kann auf kein Verhältnis besser an- gewendet werden als auf das der imglücklichen homo- sexuellen Liebe im allgemeinen und insbesondere auf das des Grafen Platen. Verhältnismässig früh wurde dieser auf seine Eigennatur aufmerksam. Es ist dies ein Zeichen femer Beobachtung, aufrichtiger Beurteilung und treuer Wiedergabe seiner selbst. L^ngebildete oder mangelhaft begabte Homosexuale täuschen sich lange, die meisten ihr ganzes Leben hindurch über diese Naturanlage. Das gehässige Urteil der Welt, die durch Unkenntnis der Sachlage irregeführte öffentliche Meinung suggerieren oft auch dem anormalen Menschen die Meinung, dass seine Eigenart eine selbstverschuldete, und dass sein Wandel auch wenn er von den bittersten Entbehrungen begleitet ist^ ein lasterhafter sei. Anders bei Platen, der in seinem 2L Jahre — freilich nicht ohne einige für damals ent- schuldbare und begreifliche Irrtümer — von sich sagte: ,»Ich stehe in einem Alter, das Liebe fordert und sich — 188 — Dicht mehr mit Freundschaft begnügen kann. Warm und innig möchte ich mich an ein anderes Wesen an- schliessen. Nur dies allein, glaube ich, kann mich von dem Ueberdruss retten, den das gesellschaftliche Leben untrüg- lich aufs neue in mir hervorrufen wird. Ich kann meine Gefühle zwar durch ernste Beschäftigungen betäuben, aber nicht beschwichtigen. Aber, was mich am meisten zittern machen sollte, ist, dass meine Neigungen bei weitem mehr nach meinem eigenen Geschlechte gerichtet sind, als nach dem weiblichen. Kann ich ändern, was nicht mein Werk ist? Ich fühlte zuerst den Drang der Liebe zu einer Zeit, als ich mich einzig unter Knaben befand und nie ein Mädchen zu Gesicht bekam. [Was auch bei Andern der Fall gewesen war, über deren Sucht nach Weibern er sich in der Folge nicht genug zu beklagen wasste.] Wie konnte es anders sein, als dass mich die Neigung an einen Freund fesselte? Xylander war der erste Gegenstand dieser jugendlichen Empfindung. Wir waren glücklich, innig und unschuldig. Derselbe Trieb erwachte aufs neue im Pagenhause [in welches er wegen seines Adels im Jahre 1810 Aufnahme fand], nicht gegen einen Kameraden, sondern für den Grafen **. Vielleicht würden meine Neigungen, als ich in die Welt [der Gesellschaft] trat, eine andere Richtung bekommen haben, wäre mir nicht Federigos Bild [seiner ersten grossen Leidenschaft] ent- gegengetreten und hätte ich mich nicht Jahre laug der alten Thorheit wiedergegeben. [Platen ahnt nicht den Wieder- spruch, in den er zur Erklärung seiner abnormen Neigung gerät, und verbessert sich nur unfreiwillig selbst] Ich brauche nicht mehr zu erzählen, was mein Tagebuch aus- führlich genug enthält. Xylander hat durch die Gunst des Schicksals [sie] seine Liebe einem weiblichen Wesen geschenkt; er ist gerettet, für mich sehe ich keinen Aus- weg. Ich schätze die Weiber; ich würde mich je eher, je — 180 — lieber verheiraten, wenn es mir vergönnt wäre. Achtung und Freundschaft würden mich an ein Weib [sie!] ziehen und diese vielleicht die Liebe gebären." — In diesem , Vielleicht^ ist die ganze Tragik seines Loses enthalten. ,Achtung^ und ^Freundschaft^ hat noch nie die Liebe erzeugt; dafür flösste diese dem Liebenden für Personen oft eine Achtung ein, die sie nicht ver- dienten. Unbefangener urteilt bereits der 17- Jährige im Oktober des Jahres 1813. „Ich gewöhnte mich,* sagt er, „ meine Hoffnungen und Träume der Liebe an Per- sonen des eigenen Geschlechtes zu verschwenden und suchte in ihrer Freundschaft dasjenige Ziel zu erringen, das die Liebe in der Ehe sucht. Ich gewöhnte mich, die Frauen mehr zu verehren als zu lieben, die Männer mehr zu lieben als zu verehren. Ich bin schüchtern von Natur, aber am wenigsten bin ich's in ungemischter Ge- sellschaft von Weibern [!J, am meisten in ungemischter Männergesellschaft. Am meisten gefiel mir die Zartheit der Weiber, aber ich sah sie nicht als etwas Auswärtiges, sondern als etwas auch meinem Wesen Inne- wohnendes an. Ich glaubte, dass der beschränkte Geist einer Frau nicht fähig wäre, mich lange zu fesseln, und dass bei weitem der grösste Teil des schönen Geschlechts durch Affektation [sic!J verderbt sei. Ich glaubte, dass sich bei einem Gegenstande der Neigung meines eigenen Geschlechts treue Freundschaft und reine Liebe eng ver- einigen Hessen, während bei Weibern die Liebe immer mit Begierde gemischt sei." Wenn Platen im letzten Satze auch vergass, was er im ersten ausgesprochen, so bleibt doch die Entdeckung an sich bewunderungswürdig, dass das weibliche Element ein seinem Wesen Innewohnendes ist, eine Wahrnehmung, die wissenschaftlich einen hohen Wert besitzt. So überwiegt das bessere Bewusstsein schon frühe das falsche, von der Welt aufgedrängte Urteil, — 190 — und PlateDy welcher seine n Trieb im Tagebuch als Thorheit bezeichnet, lässt ihn anders erscheinen im eigenen Denken und Thun. Verfolgen wir seine Spur bis zu seinen ersten An- langen. Der junge Mann hatte eben das 16. Lebensjahr überschritten und war somit in das Alter der Pubertät eingetreten, als er schon mit Besorgnis die ungewöhnliche Liebesrichtung gewahr wurde. »Das Jahr 1813", sagt er, nachdem er seine frühere Jugend und die politischen Zeit- ereignisse geschildert) mit der ihm eigenen Offenherzig- keit in den Memorabilien, «das Jahr 1813 erregte auch mancherlei Stürme und Verändenmgen in meinem H erzen. Da ich von meiner äussern Umgebung so detailliert ge- sprochen, wie dürfte ich verschweigen, was in meinem Innern vorging? Es wird mir schwer, einer seltenen Thorheit zu gedenken, die mir so viel fruchtlosen Gram verursachte; aber die Aufrichtigkeit verbietet, sie zu umgehn.* «Auf einem Hofball am 10. Februar sah ich zuerst den jungen Grafen M. D. [Graf Mercy d' Argen teau, der bereits erwähnte Graf * *J, Bruder des * * [französischen] Gesandten an unserm Hofe. Noch begreife ich kaum, welche plötzlichen Eindrücke sein Bild in mir zurück* Hess.* Das war etwas ganz Anderes als Das, was er da- mals gleichzeitig für die Französin empfand. Er sagte jetzt selbst: ,Jch weiss nicht, ob ich es Liebe nennen soll, was ich für diese Französin empfinde. Zum wenigsten ist es das nicht mehr, was Mercy aus den Tiefen meiner Seele unwillkürlich hervorlockte. • Und später: „Mein ganzes Sein und Leben und Denken gehörte dem Grafen. Nur in ihm war ich meiner selbst bewusst. Die ganze Schöpfung lächelte mich blumenvoll an.* Sein Bild be- schreibt er also: „Er war nicht schön, auch nicht sehr gross, blond und schmächtig. In ihm hatte ich plötzlich — 191 — ein Ideal gefuDden, auf das ich die edelsten Eigenschaften der menschlichen Seele übertrug. Ich habe ihn nie ge- sprochen und nie etwas Von seinem Charakter erfahren. — Eine ähnliche, doch schwächere Anziehungskraft übte einige Monate später [nachdem der französische Graf die Residenz verlassen hatte] der Prinz von [Prinz Karl Anselm von Öttingen- Wallerstein, gleichaltrig mit Platen] aus, obgleich M(ercy) nichts weniger als ver- gessen war. Ich sah ihn in allem nur dreimal. Er er- reichte sein zwanzigstes Jahr nicht mehr.* [Prinz Öttingen fiel im Treffen bei Hanau.] Hier schon vereinigte sich die Liebe mit dem Leid. Platen konnte den Schmerz um den für immer Verlorenen nicht überwinden, und die Schatten seiner ihn nie mehr verlassenden Melancholie beginnen in sein Dasein zu fallen. Nicht ohne die der Jugend eigene Sentimentalität und im Stile der Zeit klagt er: ,Es ist nichts Bleibendes unter der Sonne; Blüten fallen, ohne Frucht zu hinterlassen; in jeder Freude verborgen liegt der Keim des Schmerzes. Der fackel- senkende Genius rast, einer Furie gleich, unter den Erd- geborenen, dass wieder Staub werde, was vom Staub genommen. W. [Wallerstein] ist nicht mehr unter den Lebenden. Gebrochen sind die sanften Augen, der schwarzen finstem !&de gehört der blühende Jüngling. Dahin sind meine Hoffnungen alle; die wilde Fackel des Krieges verzehrte das prangende Gebäude meiner Wünsche und Pläne. Ich war voll schöner Träume; eine glück- liche Zukunft lag, zum mindesten als Möglichkeit, vor mir, da [ruft er mit ,Thekla'' in Wallenstein aus]: Da kommt das Scliicksal. — Rauh nnd kalt Fasst es des Freundes z&rtliche Gestalt Und wirft Um nnter den Hofschlag seiner Pferde — Das ist das Los des Schönen anf der Erde. Der Liebende sucht sich dadurch zu befreien, dass er an die Mutter des Gefallenen einen Brief richtet und um — 11»2 — ein Andenken an den Toten bittet. Der Brief »war gerade in keinem schlechten Stil und gefühlvoll ge- schrieben, wie es in meiner damaligen Lage nicht anders sein konnte. Ich liebte meinen Toten, den ich nur drei- mal gesehen hatte. Was aas meinem Briefe geworden, weiss ich nicht; Antwort erhielt ich keine.* Im Ueber- mass der Empfindung drängt es ihn, seinem Schmerz durch Mitteilung Luft zu machen, und ohne irgend etw^as Tadelnswertes in seiner Neigung zu finden, weiht er einen Mitzögling [Massenbach] in das Geheimnis seines Schmerzes ein. Ueberhaupt ist es ihm nicht möglich, in seiner Liebe etwas Schlimmes zu entdecken. Platen betrachtete sie hogar als die Quelle alles Guten. „Sie ist die Liebe", schrieb er damals, »zu allem Schönen und Wahren und Vollkommenen; zu allem, was uns heisse Thränen der Rührung und Ausrufungen der Bewunderung ablockt. Sie ist eine ewige Mahnung zur Tugend, eine ewige Warnung vor Allem, was das Gute verdammt." Ver- trauensvoll legte der Jüngling in Augenblicken des Trostes das Schicksal seines Herzens in Gottes Hand. Dass die mannmännliche Neigung eine „Thorheit" oder „An- gewöhnung" sei, von dieser Anschauung kam Platen ohne- hin ab, als er, kaum 17 Jahre alt, das Pagenhaus verliess, und in die Welt und Gesellschaft trat. Hier war er nicht mehr ausschliesslich auf Personen seines eigenen Geschlechts angewiesen, im Gegenteil gehörte es für einen jungen Offizier, der er nun geworden, zum guten Ton, dem schönen Geschlecht in ausgiebigstem Masse die Cour zu machen. Allein weit entfernt, sich nun mit Muse den Damen zu widmen und sich seine Vorliebe für das männliche Geschlecht „abzugewöhnen,'* wurde diese nur immer tiefer und glühender. Au Stelle der beiden Verloi*enen traten in seinem Herzen neue Bilder, die er mit inniger Liebe anbetete. Insbesondere nahm ihn nun ein junger Mann, männlicher imd etwas älter als er selbst — 193 — ein, ein Bürgerlicher, der, um Kunststudien zu betreiben, sich in München aufhielt. [Es war derselbe der ihn auf Nathanael Schlichtegroll, den ihm später so nahestehenden Vertrauten, aufmerksam gemacht.] „Am 28. Mai 1814", schreibt Platen, lernte ich durch Liebeskind einen jungen Maler, namens Issel, kennen, den der Grossherzog von Darmstadt reisen lässt. Im Anfang glaubte ich nichts Besonderes an diesem Jüngling zu finden, aber bald sah ich mit enthusiastischer üeberschwenglichkeit eine grosse Vielseitigkeit, einen reinen Geschmack, ausserordentlichen Kunstsinn und bündige Sprache, dazu die grösste Liebens- würdigkeit im geselligen Umgange, ein friedlich zuvor- kommendes, ungezwungenes Wesen.* Sofort entstand ein reger Freundschaftsverkehr, und Issel schloss sich eben- so gern an Platen wie dieser sich an ihn an. „Ich be- greife nicht," heisst es im Tagebuch, wie sich ein so geistreicher Mensch für mich interessieren kann/ Als Platen erfuhr, dass Issel einige Haare von einer Locke Schillers besass, erhielt er dieselben zum Geschenke; er selbst gab ihm dagegen Gedichte, z. B. »Des Mädchens Nachruf* und , Abschied an den Geliebten* als Unter- pfand seiner Gefühle. Auf einer Dienstreise, die Platen au die Südgrenze des Königreichs unternehmen musste, begleitete ihn der Künstler; aber diese Reise fiel für beide Teile anders aus, als sie erwartet hatten. Es tritt hier zum erstenmale im Charakter des Liebenden ein Zug hervor, den wir schon in seinen Freundschaflsverhältnisseu un- geiii wahrgenommen haben, der aber zu seiner in intim- eren Beziehungen zu tage tretenden Liebessehnsucht noch weniger passen will. Kaum hatte nämlich Platen wahr- genommen, dass eine tiefere Neigung, wie in ihm so auch im Gegenstande seiner Freundschaft und Liebe Wurzel gefasst, so kehrte er seine Kälte hervor. Issel war fein- fühlend genug, dies zu bemerken und schon am zweiten Tage der Reise wurde er still und in sich gekehrt. Ein Jahrbach Ar homosexuelle Forschtingen. 13 — 194 — kleines Miss Verständnis, das hinzukam, führt mehrere Stunden später zur vollständigen Verstimmung. „Nun sprachen wir nicht mehr miteinander. Ich ging auf ein nahes Bergschloss, Falkenstein; im Hinaufgehen begegnete mir Issel; ich wich ihm aus, und er rief mir nach, dass er droben meinen Namen auf einen alten Stein graviert habe/ Es kam zur Trennung, und der Begleiter kehrte nach München zurück. Ehrlich gegen sich selbst fügt Platen dem Berichte bei: »Mir that es leid, Issel durch meine Launen dazu veranlasst zu haben. Wenn ich nicht auf diesen Eigensinn verzichte, so werde ich mich un- glücklich machen und mir viele Menschen entfremden.'' Dieser Eigensinn bildet ein Moment in Platens Persönlich- keit, das einer pathologischen Untersuchung würdig wsire. Zu einer Feindschaft oder völligen Entzweiung artete in- des der Zwischenfall mit Issel nicht aus. Dieser schrieb noch aus Italien, sandte Epheublätter vom Grabe Virgils und erbat sich die Silhouette des aufstrebenden Dichters. Bald nach der misslungenen Reise verdrängte ein Zustand jede peinliche wie erfreuliche Erinnerung, ein Zustand, der die ganze Seele Platens erfüllte und sie für lange Zeit in die heftigsten Aufwallungen versetzte. Es war die erste grosse Leidenschaft, die sich seiner be- mächtigte, die Leidenschaft für „Federigo." Am 12. No- vember 1814, in einer „heiss nach Liebe verlangenden Zeit" zog bei einem Konzerte, das ein vornehmer Klub, die Gesellschaft Harmonie, gab, ein junger Kavallerie- Offizier, Friedrich von Brandenstein, aus Nord- deutschland gebürtig, aber in einem bayrischen Regiment dienend, Platens Augenmerk auf sich. „Er ist nicht gross, aber hübsch gewachsen; seine Gesichtszüge sind regelmässig, sehr angenehm und enthalten etwas Stolzes, was mich besonders anzieht. Er ist blond wie der Graf * [Mercy). Seine Sprache gefällt mir; doch scheint er sehr monoton, und ich konnte nur ein paar Worte aus — 195 — ihm herausbringen. Ich hatte schon früherhin ein paar Worte mit ihm gewechselt; auf einem Konzert zu Nymphen- burg nämlich, als die russische Kaiserin [Elisabeth Alexiewna, geb. Prinzess. von Baden] hier war, wo er beim Souper an meiner Seite sass^^ — Platen findet es angezeigt, da wo er im Tagebuch das erstemal die Leiden- schaft zu Braudenstein erwähnt; sich über die moralische Seite seiner abnormen Neigung auszusprechen. „Ich hatte damals noch keine Idee, dass ein strafbares Verhältnis zwischen zwei Männern existieren könne; sonst würde mich dieser Gedanke vielleicht zurückgeschreckt haben. Einige Zeit später fand ich zwar in mehreren Schriften die Männerliebe erwähnt, und schenkte diesem Gegen- stande zuerst meine Aufmerksamkeit, da er mir in früheren Jahren bei Lesung Plutarchs entgangen war. [Also auch aus den Klassikern hatte Platen seine klassische Neigung nicht geholt.] Aber auch jetzt ignorierte ich noch, dass (sinnliche Wollust dabei im Spiele sein könnte; das un- selige Geheimnis wurde mir erst durch einige unzüchtige Bücher von Piron [Poesies badives] klar, die mir^ in Frankreich in die Hände fielen. Nie hat Begierde meine Neigung zu Federigo entweiht." Platen hat nach jenen beiden Gelegenheiten nie mehr ein Wort mit Brandenstein gesprochen. Dieser selbst hatte und erhielt nie eine Ahnung von dessen Gefühlen, und dem dennoch Liebenden verschloss eine übermächtige Leidenschaft den Mund. Wohin er ging, da „hoflFt« und fürchtete er ihn zu finden". Einigemale führte ihn der Zufall in dessen nächste Nähe. Es war im Klublokal der nämlichen „Harmonie^ wo er ihn einmal gesprochen hatte. Platen erzählt: „Ich war in eine Lektüre vertieft, als plötzlich die edle Ge- stalt vor mich hintrat. Y,r nahm eine Zeitung, die mir zur Seite lag. Wie war ich froh, ihn wieder zn sehen! Er sass ungefähr vier Stühle von mir cntfe nt. Ich ver- 13* — 19(5 — Hess meinen Sitz auf ein paar Augenblicke, um ein Journal zu holen; inzwischen gingen die Personen, die zwischen uns ihren Platz hatten, und £. setzte sich auf einen Sessel neben mich. Ich war berauscht durch diese Nachbarschaft. Ich nahm mich zusammen, lun ein ge- heimes Zittern zu verbergen, das mich ergriff, und ob- schon ich ganze Seiten in dem Journal gelesen hatte, so habe ich doch nicht einen Buchstaben behalten. Demunge- achtet war von Gegenständen der I^oesie die Rede, von Dingen, die mir sonst die interessantesten würden ge- schienen haben. Aber nun kam ich mir selbst vor, wie Don Carlos in der Kapelle, als die Kleider gewisser Damen hinter ihm rauschten; ich verlor mein Fassungs- vermögen. Ich hatte mich gegen 8 Uhr bereits zum Gehen fertig gemacht, als er gleichfalls aufstand. Ich ging rasch zur Thür hinaus, er folgte mir in ein paar Minuten. Wir kamen fast zugleich an die Thüre des Vor- saals; er öffnete sie und Hess sie mir offen. Er sprang die Treppe hinunter; ich ungefähr 10 Schritte hinter ihm. Wir gingen im Gange nebeneinander; am Thore machte er eine kleine Zögerung, so dass ich gezwungen war vorauszugehen. Er ging rechts gegen die Haupt- wache, ich links." — Dies war die einzige und wichtigste f!| Begegnung, die Platen noch mit Brandenstein hatte, und doch fügte er den Eintrag in rührender Selbsttäuschung bei: »Es scheint mir ein stummes Verhältnis zwischen uns zu walten.'* Je weniger sich eine Annäherung ermögUchte, desto glühender wurde das Verlangen, desto schmerzlicher die Enttäuschung. Platen zieht sich ganz auf sein Inneres zurück, hält Selbstgespräche, dichtet Dialoge mit dem Geliebten, die aber dieser nie zu Gesicht bekam. Eine düstere Stimmung bemächtigt sich seines Gemüta«), und in französischer und deutscher Sprache klagt er das Leid dem damals einzigen Vertrauten, dem stammen Tagebuch : — 1117 — «Wo ist das Lied, das mir verhallt In Freaden sonst und Schmerz: Der Winter ist so rauh und kalt, Doch kälter ist mein Herz Es hat noch nicht vier Lustren rein Mein Lebenslauf umfasst, Und, ach, mir ist mein junges Sein Schon eine alte Last! Dann aber gibt er sich dem süssen Wahne hhi, daes jede Liebe reciprok wirke, und dass er eben wegen seiner Liebe Gegenliebe finden müsse. In einem poetischen Dialoge mit Federigo heisst es: Es ging ein Märchen seit uralten Tagen Das noch bis jetzt in Mancher Mund besteht : Dass oft zwei Herzen für einander schlagen Durch einen wunderthätigen Magnet, Und Liebe wird von Sinn zu Sinn getragen. Aus treuen Zügen thut er sich uns kund, Durch heisse Sehnsucht weiss er uns zu quälen ; Er drängt die edlen, die verwandten Seelen Unwiderstehlich zu dem Brüderbund. Schade, dass dieser Wahn, der nicht allen l^ntergrundes entbehrt, nur zuweilen in der allgemeinen Liebe sich mit den Thatsachen deckt. Hier wirken die Gegensätze der Geschlechter ergänzend auf einander und ziehen sich an; in der homosexualen Liebe aber wird diese wohlthätige Wirkung durch das scheinbar gleiche, das ausser liehe, Geschlecht der Liebenden aufg ehoben, und es tritt sogar' lieben und weiblichen Geschlecht. Deutsch von Leo Salinger. Berlin 1889. Handl. Der Wilde-Prozess. In der ,Zeit* von Bahr. Wien 15. Juni 1895. Nr. 37. Hartmann, O. O. Das Problem der Homosexualität im Ijichte der Schopenhauerschen Philosophie. I^eipzig bei Max Spohr. '^'Heinse. Italiens Liebesleben. Berlin 18(>9. * — Begebenheiten des Encolp. Bonn 1770. Henne am Rhyn, Otto. Kulturgeschichte der Neuzeit. I. Auflage. Leipzig 1870. '^'Hermann, Hans. Die Schuld der Väter, oder: Ist die gleichgeschlechtliche Liebe eine Sünde? Homan. Leipzig. Verlag von Max Spohr. Hermant, Abel. Le disci])le aimc. Paris bei Ollen- dorf 1895. *Heyse, Paul. Hadrian, Tragödie. Hlrschfeld, M. § 175 des Reichs-Strafgesetz-Buches. Die homosexuelle Frage im Urteil der Zeitgenossen. Leipzig 1898. Verlag v. Max Spohr. Hoehe, A. Zur Frage der forensischen Beurteilung sexu- eller Vergehen. Neurolog. C'entralblatt. 16. Jahrg. Lpzg. 1896. Höck. Kreta. Höffd, Hugo. Die „Verkehrtheit* de^ Geschlechtstriebes im Strafrechte. Gerichtssaal 53. Bd. 1. und 2. Heft. Stuttgart 1836. — 225 — ^Hölderlin« Hyperion. HÖSSli, Heinrich. Der Eros der Griechen oder Forsch- ungen über Platonische Liebe. Ueber die Unzii- lässigkeit der äusseren Kennzeichen im Geschlechts- leben des Leibes und der Seele. Glarus 183(5. St. Gallen 1838. Neue verkleinerte Auflage. Münster i. Schw. 1896. HoJHtaianil. Paederastie. Real-Encyclopaedie der gcs. Heilkunde. Bd. X. 1882 und Heft 2. 1880. Hothiann, Eduard von. Lehrbuch der gerichtl. Medizin. 7. Aufl. Wien und Leipzig 1885. p. 52 und 104. .HomLoder, Alex. 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Symptom eines neu- ropathischen^ psychopathiechen Zustands. Archiv für Psychiatrie. Bd. II. p. 73. Berlin 1870. — Zur konträren Sexualempfindung. Archiv f. Psychiatrie. Bd. VI. p. 620. Berlin 1876. Wiegand, Wilh. Die wissenschaftliche Bedeutung der platonischen Liebe. Berlin 1877. ♦WUbpandt, Adolf. Fridolins heimliche Ehe. 2. Auflage. Wien 1882. Dramatisiert als „Reise nach Riva**. * Wilde, Oskar. Dorian Grey. Wilpert, James von. Das Recht des dritten Geschlechts. Leipzig 1898. Verlag von Max Spohr. Winkelmann, J. J. Abhandlungen über die Schönheit. Wolfart, Joh. Heinr. Tractatio juridica de sodomia vera et spuria Hermaphrodit!. 2. Ed. Frankf. a. M. 1742. z. Zachias, P. Quaestiones medico-legales. L. IV, I, II. Zschokke, Heinrich. Eros. Ein Ge.sj)räch über die Liebe. 1821. Zuccarelli, Angelo. Inversione congenita deir istinto sessuale in due donne. Neapel 1888. Petition an die gasetzgebanden Kürparsctiaften das daütscban Reiches behufs Abänderung des § 175 des B.-Str.-6.-B. und die sich daran anschliessenden Beichstags- Yerhandlungen. Die von Dr. med. Hirschfeld-Charlottenburg ver- fasste und vom wissenschafllich-humanitären Komit<»e in Umlauf gesetzte Eingabe hatte folgenden Wortlaut: An die gesetzgebenden Körperschaften des Deutschen Reiches. In Anbetracht, dass bereits im Jahre 1869 sowohl die österreichische, wie die deutsche oberste Sanitäts- behörde, welcher Männer wie Langenbeck und V i r c h o w angehörten, ihr eingefordertes Gutachten dahin abgaben, dass die Strafandrohungen des gleichgeschlechtlichen Verkehrs aufzuheben seien, mit der Begründung, die in Rede stehenden Handlungen unterschieden sich nicht von anderen bisher nirgends mit Strafe bedrohten Handlungen, die am eigenen Körper oder von Frauen imterein- ander oder zwischen Männern und Frauen vorge- nommen würden; In Erwägung, dass die Aufhebung ähnlicher Straf- bestimmungen in Frankreich, Italien, Holland luid zahlreichen anderen Ländern durchaus keine entsitt- lichenden oder sonst ungünstigen Folgen gezeitigt hat; — 240 — In Hinblick darauf, dass die wissenschaftliche Forschung, die sich namentlich auf deutschem, englischem und französischem Sprachgebiet innerhalb der letzten zwanzig Jahre sehr eingehend mit der Frage der Homosexualität (sinnlichen Liebe zu Personen des- selben Geschlechts) beschäftigte, ausnahmslos das bestätigt hat, was bereits die ersten Gelehrten, welche dem Gegenstande ihre Aufmerksamkeit zuwandten, aussprachen, dass es sich bei dieser örtlich und zeitlich so allgemein ausgebreiteten Erscheinung ihrem Wesen nach um den Ausfluss einer tief inner- lichen constitutionellen Anlage handeln müsse; Unter Betonung, dass es gegenwärtig als nahezu er- wiesen anzusehen ist, dass die Ursachen dieser auf den ersten Blick so rätselhaften Erscheinung in Entwickelungsverhältnissen belegen sind, welche mit der bisexuellen (zwittrigen) Ur anläge des Menschen zusammenhängen, woraus folgt, dass Nie- mandem eine sittliche Schuld an einer solchen Ge- fühlsanlage beizumessen ist; Mit Rücksicht darauf, dass diese gleichgeschlechtliche An- lage meist in ebenso hohem oft in noch höherem Masse, zur Bethätigung drängt, als die normale; In Anbetracht, dass nach den Angaben sämtlicher Sach- verständigen der coitus analis undoralis im conträr- sexuellen Verkehr verhältnismässig selten, jedenfalls nicht verbreiteter ist, als im normalge- schlechtlichen; In Erwägung, dass unter denjenigen, die von derartigen Gefühlen erfüllt waren, erwiesenermassen nicht nur im klassischen Altertum, sondern bis in imsere Zeiten Männer und Frauen von höchster geistiger Bedeutung gewesen sind; In Hinblick darauf, dass das bestehende Gresetz noch keinen Konträrsexuellen von seinem Triebe befreit. - ä4l - wohl abersehr viele brave, nützliche Menschen, die von der Natur mehr als genug benachteiUgt sind, ungerecht in Schande Verzweiflung, ja Irrsinn und Tod gejagt hat, selbst wenn nur ein Tag Gefängnis — im Deutschen Reich das niedrigste Strafmass für diese Handlung — festgesetzt oder selbst wenn nur eine Voruntersuchung eingeleitet wurde; Unter Berücksichtigung, dass diese Bestimmungen einem ausgedehnten Erpressertum (der Chantage) und einer höchst verwerflichen männlichen Prostitution grössten Vorschub geleistet haben, erklären untenstehende Männer, deren Name für den Krnst und die Lauterkeit ihrer Absichten bürgen, beseelt von dem Streben für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit die jetzige Fassung des § 175 d. R. Str. G. B. für unvereinbar mit der fortgeschrittenen wissenschatt- lichen Erkenntnis, und fordern daher die Gesetz- gebung auf, diesen i^aragraphen möglichst bald dahin abzuändern, dass, wie in den oben- genannten Ländern, sexuelle Akte zwischen Personen desselben Geschlechts, ebenso wie solche zwischen Personen ver- schiedenen Geschlechts (homosexuelle wie heterosexuelle) nur dann zu bestrafen sind, wenn sie unter Anwendung von Gewalt, wenn sie an Personen unter 16 Jahren, oder wenn sie in einer „öflentliches Aergernis" erregenden Weise (d. h. verstossend gegen den § 183 d. R. Str. G. B.) vollzogen werden. Jahrbuch ffir homosexuelle Forschungen. 16 — 242 — Za denen, die diese Eingabe nnterseicbneten, gehören: ArcHivrat Dr. Aander-Heyden, Bintein. Geh. JostizratDr. Frao« von Liest, o. Frofeesor der Straf rechts- wiseenechaft, Halle a. S. Professor f. Strafrechtswissenschafti Dr. jnr. Fei. Fr. Brack, Breslau. Prof. d. Strafrechtswissenschaft Dr. jnr Günther, Giessen. Prof. för Strafrechtswissenschaft, Dr. jnr. G. Kl ein fei 1er in Kiel. Prof. f. Strafrechtswissenschaft Dr. jnr. A 1 1 f e 1 d , Erlangen. Professor der Rechtswissenschaft, Landgerichtsrat Dr. H. Ortloff, Weimar. Erster Staatsanwalt a. D. Geh. Justizrat Black-Swinton, Breslau. Landgerichtsprftsident Strössenreuther in Fürth i. B. Landgerichtsdirektor Geh. Justizrat F. Jen seh, Bromberg. Geh. Justizrat H. Giffenig, Landgerichtsrat a. D., Rostock. Landgerichtsrat Dr. Tuchatsch, Zwickau. Landgerichtsrat Peters, Mühlhausen im Elsass. Justizrat Hacke, Rechtsanwalt beim Reichsgericht, Leipzig. Prof. d. Staatswissenschaften, Dr. jur. etphil. Jul. Pierstorff, Jena. Kgl. geiBÜ. Rat und Professor M. Vinc. Sattler, München. Dr. phil. Franz Görres, Kirohenhistoriker in Bonn. Dr. theoL M. Schwalb, Pastor emerit., geistl. Sohrifizteller, Heidelberg. Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Max Rubner, Direktor des hygiein. Instituts der kgl. Univemitftt Berlin. Geh. Medizinalrat Professor der Nervenkrankheiten Dr. Albert Eulen bürg, Berlin. Geh. Medizinalrat Dr. Neisser, Prof. für Haut- und Geschlechts- krankheiten, Breslau. Geh. Medizinalrat, Prof. Dr. J. Doutrelepont, Direktor der Hautklinik, Bonn. ^ Geh. Sanitäterat Dr.:A. Baer, OberarztamCkf&ngnis Plötzensee-Berlin. Geh. Med -Rat Dr. med. W. Sander, Dir. d. Berliner Irren- anstalt Dalidorf. Sanitfttsrat Dr. Leppmann, Kgl. Physikus, ArzÜ. Leiter der Be- obachtungsanstalt für geisteskranke Gefangene, Moabit-Berlin. Medizinalrat Dr. P. May s er, Dir. der herzogl. Heil- und Pflege- anstalt, Hildburghausen. Obermedizinalrat Dr. Sohuchardt, Professor für Nenren- und Geisteskrankheiten, Rostock. Geh. Medizinalrat Dr. Fr. Riegel, Prof. d. inneren Medizin, Giessen* — ä43 — Geh. Obennedicinalrat, Prof. der inncreo Medizin, Dr. TL Thier- Felder, Rostock. Geh. Medizinalrat Dr. Ernst Kflster, Prof. der Ohirorgie, Marburg. Professor Dr. Mikulicz , Direktor der chirurg. Klinik, Breslau. Prof. Dr. y. Bramann, Dir. der cbirurgischen Klinik, Halle a. S. Prof. der Chirurgie, Dr. W. Heinecke, Erlangen. Prof. Dr. Wilhelm Alex. Freund, Direktor der Frauenklinik an der Universit&t Strassbnrg i. E. Geh. Medizinalrat Dr. R Ritter y. Winkel, Prof. der Geburtshülfe, München. Geh. Medizinalrat Dr. Schatz, Professor der Frauenheilkunde, Rostock. Hofrat Dr. Friedrich Meyer, Professor der Heidelberger Uniyersit&t, kaiserlich russischer Kollegienrat Heidelberg. Geh. Medizinalrat Prof Dr. A. G raofe, firflher Halle, jetzt Weimar. Dr. med. Mendel, Prof. fiir Nenron- u. Geisteskrankheiten, Berlin. Dr. med. L. Hirt, Professor f. Nervenkrankheiten an der üniversit&t Breslau. Med.-Rat Prof. Dr. med. H. Unverricht, Dir. d. st&dt. Krankenh. Sndenbnrg-Magdeburg. Geh. Regiemngsrat, Obermedizinalrat Bernhard Schuchhardt, Gotha. Geh. Medizinalrat Dr H. Sattler, Professor der Augenheilkunde, Leipzig. Obermedizinalrat Dr. med. E. Gnssmann, Stuttgart. Obermedizinalrat Dr. von Burckhardt, Stuttgart Professor Dr. E. Harnack, Direktor des pharmakologischen In- stituts, Halle a. S. Prof. Dr. Wilh. Rouz, Dir. des anatomischen Instituts der kgl. Uniyersit&t, Halle a. S. Prof. d. gerichtl. Medizin Dr Lenbuscher, Jena. Hofrat Prof. Dr. G. Freiherr v. Lieb ig, München. K. K. Hofrat Dr. Freiherr R. y. Krafft-Ebing, o. Professor der Heilkunde in Wien. Geh. Hofrat Prof. JosephKürschner, Hohenhainstein ob Eisenach. Geh. Hofrat Dr. Rudolf yon Gottsohall, Leipzig. Geh. Legationsrat Dr. jur. Ernst v. Wildenbruch, Berlin. Hofr«t Hans Wache nhusen in Wiesbaden. Gerhardt Hauptmann, Schriftst, Schreiberhau. Geh. Regiemngsrat, Dr. J. Bergmann, Professor der Philosophie, Marburg. 16* — 244 — t'rofessor für Nationalökonomie und Statistik, Dr. jar. Max Haas- hof er, Manchen. TJnivenit&ts-Frofessor Dr. phil. Otto Seeck, Grcifswald. Oberbürgermeister Hegelmaier, Heilbronn. Geh. Regierungsrat Dr. F. Lippmann, Direktor der Kgl. Museen, Berlin. A. Frasch, Hoftheater-Intendant a. D., Dir. des Berliner Theaters, Berlin. Dt, Otto Brahm, Direktor des Deutschen ^Theaters, Berlin. Hofrat Dr. Max Burckhard, weiland Direktor d. k. k. Hofburg- theaters, Wien. Dr. Paul Schienther, Direkt, d. k. k. Hofburgtheaters, Wien. Dr Max Fohl, Kgl. Schauspieler, Viceprftsident d. Genossenschaft deutscher B&hnenangehöriger, Berlin. Hofrat Ludwig Barnay, Wiesbaden. A. Y. Sonnenihal, Hofschanspieler und Oberregisscur, Wien. Geheimrat Dr. Woldomar Frhr. von Biodermann in Dresden. H. von Kupfer, Ohefredakteur d. Berliner Lokalanzeigers, Berlin. Prof. E Hund rieser, Bildhauer, Gharlottcnburg. Prof. Hermann Volz, Bildhauer, Karlsruhe. Prof. Dr. R. Siemering, Bildhauer, Berlin. H. Gladenbeck, Hofbildgiesser, Friedrichshagen b. Berlin. Professor Hermann Kaulbaoh, Maler, München. Max Liebermann, Maler, Berlin. Professor H. Knack fuss, Maler, Kassel. Generalmusikdirektor Levi in München. Fei. Weingartner, Hofkapellmeister, München. Prof. K. Hoffacker, Architekt, Gharlottenburg. Banrat Griebel, Direktor d. allgemeinen deutschen Kleinbahngesell- schaft, Berlin. Gothein, Bergrat, Syndicus d. Handelskammer und Landtags- abgeordneter, Breslau-Kleinburg. N. Frhr. y. Thaemen, Dir. d. Magdeburger Hagelversioherungs- gesellsch., Magdeburg Alb. Freiherr von Oppenheim, königl. sftchs. Generalkonsul, Köln. K.Y. Tepper-Laski, Rittmeister a. D., Mönchsheim b. Hoppegarten. Dr. med. (h. c.) J. F. Holtz, kgl. Kommersienrat, Berlin-Eisenach. Dr. med. et phiL Georg Buschan, Anthropologe, Herausgeber des Zeotralblattcs f&r Anthropologie. Ethnologie und Urgeschichte in Stettin. Dr. Graf Schulenburg, Doc. ostanatischer Sprachen, München. Prof. Dr. G. Schwein furth, Forschungsreisender, Berlin. — 245 — Gob. Mcdizinalrat Dr. AI) egg, Danzig. Sanitätsrat Dr. med. A dickes , Kreispliysikas, Hannover. Rechtsanwalt H. Achnelt, Berlin. Oberstlieatenant a. D Alberti, Berlin. H. Albrecbt, Pfarrer und Schriftsteller in Lahr. Conrad Alberti, Schriftstellcri Berlin. Dr. jar. Friedrich Adler, Schriftsteller, Frag. Sanitätsrat Dr. Max Altmann, Berlin. Kammerrath M. Amster, Heraasgeber von „der Zirkel". V. J. Anders, Schriftsterer, Berlin. Richard Anger, Theaterdirektor, Berlin. Dr. jor. Antoine Feil), Rechtsanwalt, Hamburg. Dr. phil. Robert Fr. Arnold, Beamter d. k. k. Hofbibliothok in Wien. Dr. phil. Paul Arndt, Archäologe, München. Dr. phil. Leo Arons, Frivatdozent, Berlin. Dr. med. S. Ascanasy, Privatdosent, Königsberg i. P. Dr. med. Alezander Auerbach, Arzt, Berlin. Engen Berthold Aaerbach, Rechtsanwalt ^nnd Notar, Berlin. K. Aasfeld, Schriftsteller, Mühlhaasen. Ferd. Avenarius, Schriftsteller and Redaktear, Dresden- Blasewitz (Endforderang.) Dr. med. Baginsky, Frivatdozent, Berlin- Hermann Bahr, Heraasgeber der n^^it^, Wien. Fremierlieatenant a. D. Eginhard v. Barfas, Schriftsteller, München. Geh. San.-Rat Dr. med. M. Barschall, Berlin. Medizinalrat Frof. Dr med. Barth, M. d. Frov.-K., Danzig. Professor Dr. med. Barth, Leipzig. Baron Bathor, WQrzbarg. Hans von Basedow, Dessaa. Rittergutsbesitzer Dr. jar. Max Bauer, HeraoBgeber des „Rothen Kreuz," Berlin. Universitätsprof Dr. phiL G. Baumert, Halle a. S. Dr. phil. E. A. Bayer, Steglitz. Dr. Bechhold, Herausgeber der „Umschau", Frankfurt a. M. Dr. med Ben da, Spezialarzt für Nervenleidende, Berlin. Oscar Benda, Herzogl. Sachs. Hoflheater- Direktor, Coburg. Hermann Bender, Schriftsteller, München. Dr. August Benesch, Advokat, Kremsier. Leo Borg, Schriftstoller, Berlin. Dr. phiL Faul Bergemann, Anthropologe, Jena. — 246 — Geheimer Sanitätsnit Dr. Beyer, Kreisphysilnis, Lübben i. L. Dr. Cb. Bergboeffer, Bibliothekar der Erb. C» v. RotbBcbildscben öffentlicban Bibliothek, Frankfurt a. M. Dr. med. Berg er, KreisphyBikas, Neustadt Prov. HaDnover. Philipp Berges, Redakteur am Hamb. Fremdenblatt, Hamburg. Eduard Bertz, Schriftsteller, Potsdam. Prof. für Ohrenheilkunde, Dr. £. Berthold, Königsberg i. P. Dr. Bertheau-Yoelkel, Schriftsteller, Halle a S. Geheimer Sanit&tsrat Dr. Bertram, Berlin. Dr. jur. Anton Bottelheim, Schriftst., Wien. Prof. der gerichtlichen Medizin Dr. med. Beumer, Greifs wald. Prof. der Physiologie Dr.. W. Biedermann, Jena. Otto Julius Bierbaum, Schriftsteller, Schloss Englar i. Eppan. Professor Dr. 0. Biermann, Brunn. Sanitfttsrat Dr. med. Blankenstein, Dortmund. Dr. med. Blokusewski, Kreisphysikus, Dann, Beg.-Bez. Trier. Geh. San.-Rat Dr. med. Blumenthal, Berlin. Alfred Bock, Schriftsteller, Giesson. Dr. phil. Wilhelm Bode, Schriftst., Hildesheim. San.-Rat Dr. med. Borrmann, Berlin. Martin Böhm, Redakt. d. «Neuen Welt'', Berlin. Sanitätsrat Dr. Bohr, Lflbben. Dr. phil. Felix Bob, Schriftsteller, Dresden. Ho/rat und Bibliothekar Alfr. Börckol, Mainz. Dr. L. y. Bortkowitsch, Privatdozent f. Nationalökonomie, Strass- burg i. E. AdolfBrand, Schriftsteller und Redakteur, Berlin-Neurahnsdort Dr. jur. H. y. Brocken, Rechtsanwalt, Lübeck. Dr. HoinrichBraun, Herausgeber des Archiys für soziale Gesetz- gebung und Statistik, Berlin. Geh. Sanitätsiat Dr. Brauneck, Wiesbaden. Hofrat Dr. Branser, Regensburg. Dr. Emil Bremer, Kreisphysikus und Stabsarzt d. L. I., Berent. Brunswig, Rechtsanwalt und Notar, Neustrelitz. Burrncker, Oberstlieutenant a. D., Zoppot. Karl Buttenstedt, Schriftsteller, Rüdersdorf. Dr. med. Leop. Gasper, Priyatdozent, Berlin. Dr. M. G. Conrad, Schriftsteller, München. Geh. San.-Rat Dr. med. Conrady, Leibarzt L K. H. d. Frau Prinzess Luise y. Preussen, Wiesbaden. Professor der Hygieine Dr. Gramer, Heidelberg. Prof. der Augenheilkunde Dr. med. Hermann Cohn, Breslau. — 247 — E. Erciflpbysikas Dr. med. Gohn, Heydeknig. Dr. med. I. E. Golla,Leit. d. Nerv enheilaDst., Bnchheidc b. Finken walde i. Pommern. Dr. pbil. Otto Dammer, Chemiker, Fachredakt. y. Meyers Eon v.- Lex. Priedüiiaa. Dr. Udo Dammer, Enstos des kgl Botan. Gartens an Berlin- Liohterfeldo. Professor der Pathologie Dr med. D o h i o , Staatsrat, Dorpat. Dr. Riebard Dohmel, Schriftst, Berlin-Pankow. Egi. Bayr. Archivrat Ernst von Destonches, Chronist d. Stadt München, Vorstand des histor. Stadtmusenms, der Maillinger Sammlang etc., München. Chefredakteu* Richard Dietrich, Chemnitz. Hofrat Dinckelberg, Lieutenant p. D., Milit&rschriftsteller. Dr. jar. The od. Distel, kgl. s. StsLlsarchivar, Dresden. Sanitfttsrat Dr. Dittmar, Direktor der Loth. Bes.-Irrenanstalt bei Saargemünd. Max Dittrich, Herauageb. von ^ Lottes Wort im Hanse** etc, Dresden. Professor Carl Emil Doepler d. <., Maler, Berlin. Prof. Emil Doepler d. j., Historienmaler, Berlin. Dr. med. Otto Dornblüth, Nervenarzt Rostock. Eaiserl. Geh. Rechn-Rat A. Dreger, Potsdam. Anton Dressler, Lehrer an der kgl. Akademie der Tonkanst, München. Dr. med. O. Dreyer, Besitzer d. Eoranstalt f. Nervenkranke, Bad Harsbnrg. Charles Ed. Dnboc, Romansohriftst, Dresden. Prof. Dr. theol. Adalb. Dttning, Qaedlinbm'g. San -Rat Dr. med. Dürr, Mitglied d. württemb. ärztlichen Landes- ansschasses, Schw&b.-Hall. Dr. jm-. Friedrich Daschenes, Redakteur d österr. Rechts- lexikoDs, Prag. Dr. phil. et med. Eberlein, Dozent an d. Thieräritl. Hochschule, Berlin. Prof. Dr. med. Edinger,Spezialarztf Nervenleiden, Frankfurt a. M. Dr. jur. E Eggers, Senator a. D., Rostock. Professor Heinrich Ehrlich, Berlin Jnstizrat Eilftndor, Rechtsanwalt, Eöln. Dr. med. E. Eikenbusch, leit. Arzt d. stftdt. Erankenhanses zu Hamm i. W. Professor Dr. Eimer, Direktor des zoologischen Instituts, Tübingen. _ 248 ~ Dr. med. H. Engclken, dirig. Ant d. Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- and Geisteskranke in Rockwiokel b. Bremen. Dr. med. Erb kam, Krcispbysikns in Grflnberg i. Schles. Dr Paul Ernst, Schriftsteller, Gharlottenbarg Dr. phil. Josef Ettlinger, Red. des Frankfurter Generalanseigers, Berlin. Dr. med. S. E sohle, leit. Arzt d. Ercispfiegeanstalt Hub in Baden. Franz Evcrs, Schriftsteller, Berlin Dr. med. L. Ewer, Leiter dos Instituts für Heilgymnastik, Berlin. Prof. Dr. med. Falkenheim, Königsberg i. P. Dr. Falk Schupp, Zahnarzt, Soden. Professor der Staatsgewerbeschulo Ferdinand Ritter von Feldogg, Wien San.-Rat Dr. med. Fielitz, Kreisphysiku«, Hallo, a S. Alezander von Fielitz, Tonkilnsller, Rom. Med. Rat Dr. med. Feilerer, kgl. Bezirksarzt, Weilsheim (Bayern). Prof. Dr. Beruh. Fischer, Direktor d. hygiein. Instituts, Kiel. Dr L Flatow, Geh Sanit&tsrat, Berlin. Professor Dr. phil. Floercke, Kunsthistoriker, Rostock. Geh. Sau.-Rat v. Fol 1er, Kreisphysikus, Berlin. Superintendent em. Pfarrer C. August Forstner, Wien. Rechtsanwälte B. und 0. E. Freytag, Leipzig. August Fresenius, Schriftsteller, München. Alfred H. Fried, Redakteur der „Friedenskorrespondenz, ** Berlin. San.-Rat Dr. med. H. Friedlftnder, Kreisphysikus, Lublinitz. Eugen Friese, Hauptmann a. D., Schriftsteller, Dresden. Professor Richard Friese, Berlin. Oberstlieutenant a. D. Hermann Frobenius, Schriftsteller, Charlottenburg. Dr. med. A. Fromme, dirig. Arzt d. Heilanstalt f. Nenrenleidende, Stellingen b. Hamburg. Geh. San.-Rat Dr. med. B. Fromm, Badearzt in Heringsdorf. Prof. der Nervenkrankheiten Dr. med. Fuchs, Bonn. Rechtsanwalt Dr. Ludwig Fuld, Mainz. Carl Funk, Verf. ehem. Werke, Charlottenburg. Dr. jur Theodor Gaederti, erster Oberbeamter des Stadt- und Landamts Lübeck. Professor der Chirurgie Dr. med Garrä, Rostock. Henri Gartolmann, Lehrer und Schriftsteller, Bremen. Prof. Dr. med. A. G&rtner, Direktor des hygieinischcn Instituts der Univcrsit&t Jena. Justizrat Gn«» ^^'»''htsanwalt, Köln, — 249 — Johannes Gaalkc, Bildhauer, Berlin. Professor a. d. Univcrsit&t Dr. phil. E. Goinits, Rostock. Hugo Gerlach, Redakteur d. Saaleztg., Halle a. S. Reinh. Gerling, Schriftsteller and Redakteur, Berlin. Ernst Gersdorf, Rechtsanwalt und Notar, Guben. Sanit&tsrat Dr. med. et phil. Gers t er, fürstlich Solms'scher Leib- arzt, Herausgeber der Hygieia. Kurt E. Goucke, Schriftsteller, Berlin. Franz Giesebrecht, Schriftsteller, Berlin. Albert Gillwald, Lehrer und Schriftst., Osterode. Professor d. Frauenheilk. Dr. med. Glaevecke, Kiel. Dr. Adolf Glaser, Redakteur von „Westermanns Monatsheften", Berlin. Medidnalrat Dr. Glaser, Oberarzt L KL, Bad Kissingen. Geh. San.-Rat Dr. med. Gl atz e 1, Kreisphysikus a.D , Gharlottenburg. Nicolai v. Glehn, Burg-Hohcnhaupt. Dr. phil. Ernst Glinzer, ord. Lehrer d. Gewerbeschulen, Hamburg. Dr phil. Theodor Goering. München. Bolko Graf Goetzen, Berlin. Albert Goldberg, Oborregisseur am Stadttheater zu Leipzig. Arthur Goldschmidt, Schriftsteller, Berlin. Wilhelm Goldstein, Dir. d. Aktienbauvereins ^Passage" Berlin. Spiridion Gopcevic, Schriftsteller, Triest. Dr. med. Gottschalk, Frauenarzt, Berlin. San. -Rat Dr. med. Granier, Bezirksphysikus, Berlin. Dr. Rudolf Gr&tzer, Schriftsteller, Berlin. Eugen Gresser, Schriftsteller, München. Sanitfttsrat Dr. Greveler, dirig. Arzt d. Kuranstalt f. Nervenkr. in Bad Wihemshöhe b. Gassei. Jacques Groll, Schriftsteller und Redakteur, Berlin. San.-Rat Dr. med. Gröne, Vlotho i. Westfalen. Dr. med. A. Grotjahn, Arzt, Berlin. Geh. Medizinalrat Prof Dr. med. A. Gruenhagen, Königsberg. H. Grunwald, Journalist, Königsberg i. P. Stadtbaurat G rüder, Posen. Dr. med. Ernst Grünberg, Arzt, Magdeburg. Karl GrQndorf, Hauptredakteur, Wien XV. Dr. Karl Grunsky, Redakteur, Stuttgart Paul Theophil Grzybowski, Redakteur des „Beriuer Lokal- anzeiger **. Steglitz. Dr. med D. Guggenheim, prakt. Arzt, Konstanz. Dr. med. Karl Gumpertz, Arzt far Nervenkrankheiten, Berlin. — 250 — Dr. med. Gnmprecht, Privatdozent an der Universit&t Jena. Rechtsanwalt Gattmann, Wiesbaden Johannes Gnttieit, Lieutenant a. D., SohrifUteller, Berlin. San.-Rat Dr. med. Gatsmnths, KreiBphysikas in Genthin. Dr. med. 0. Günther, Privatdoz. f. Hygieine, Berlin. Jostizrat Haas, Rechtsanwalt u. Notar, München. Prof. Dr. med. A. Haber da, Jjandgerichtsarzt, Wien. JosefHafner, Schriftsteller, Wien. Königl. Kapellmeister Adolf Hagen, Dresden. Franoiskns Hfthnel (Georg v. Borry), Vors. der n^%* dtsch. litt. Ges.** in Bremen. Dr. phil. Frz. G. Hann, Director d. GeschichtsTereins f. Kärnten, Klagenfort. Dr. Max Halbe, Schriftsteller, München. Dr. jar. Halpert, Rechtsanwalt, Berlin. Professor Dr« J. Hansen, Archivar der Stadt Köln a. Rh. Dr. jur. Walter Harlan , Vorsitzender der Hit. Gesellschaft, Leipzig. Heinrich Hart, Heransg. der „Dcattchen Bühne", Gharlottenbnrg. Otto Erich Hartloben, Schriftsteller, Berlin. K. Kreisphys. Dr. W. Hassenstein, Greifenberg. Dr. med. J. Haupt, Leiter d. Heilanstalt f Nervenkranke, Tharandt. Hermann Heiberg, Schriftsteller, Schleswig. Wolfgang Heine, Rechtsanwalt, Berlin. Dr. jor. Eduard Hertz, Hamburg. Karl Henkeil, Schriftsteller, Zürich. Dr. Hans F. Heimelt, Redakteur im bibliogr. Institut, Leipzig. Sanit&tsrat Dr. Hennemeyer, Orteisburg. Dr. med. Carl Hennicko, Red. d. Omitbol. Monatsschrift, Gera, Reuss. Hans Hermann, Mitglied der kg]. Akademie der Künste in Berlin. Dr. med. Herya Kreisphysikus, Ottemdorf. Carl Heussenstamm genannt H&usser, kgl. bayr. Hofschan- spieler, München. R. H. HertzBch, Direktor, Halle a. S. Dr. med. S. Herzberg, Frauenarzt, Berlin. San.-Rat Dr. med. Fh. Herzberg, Berlin. Leo Herzberg-Frftnkel, Schriftsteller, Teplitz. Anton Hilgert, Schriftsteller und Redakteur. Geh. Reg^erungsrat a. D. Hielscher, Heidelberg. J. Herzog, Herausgeber der Montag^revuc, Wien. Heinrich Hink, Ohefredakt. des „Beri. Fremdenblatt«, Berlin. ObersUbsarzt Dr. A. Hill er, Privatdoz. an der üniversit&t Breslau. — 251 — Paul Hill er, Kansikritiker n. Redakt, Göln a. Rh Robort Hiller, Ebersbach in Sachsen. Dr. Hintzpeter, Arzt, Altena. Friedrich v. Hindersin, Amtsrichter, Pfirt i. £. Franz Himmelbaner, Schriftsteller, Wien. Georg Hirsch feld, Schriftsteller, Berlin. Dr. med. M. Hirschfeld, Arzt, Gharlottenbnrg. Paul Hirsch feld, Schriftsteller, Berlin. Dr. phil. Max Hirschfeld, Schrifsteller, Berlin. Dr. med. Jacob Hirschfeld, Arzt und Schriftsteller, Danzig. Herrn. Hirschfeld, Schrifbst., Frankfxirt a. M. Hugo H. Hitschmann, Heransg. d. landwirtschafbl. Zeitung, Wien. Prof. der Physiologie, Dr. Franz Hofmeister, Strassbnrg i. E. Heinrich Hoffmann, Direktor der Heidelberger Strassen- und Bergbahngesellschaft, Heidelberg Professor I. G. Y. Hoffmann, Heraapg d. Zeitschriil f. mathemat. und naturwissenschaftlichen Unterricht, Wien. Dr. phil. Otto Hoffmann, Lycealoberlehrer Archäologe, Longe- ville bei Metz. Justizrat Dr. PaulHoldheim, Rechtsanwalt u. Notar, Frankfurt a M. Da Felix Holl&nder, Schriftsteller u. Redakteur, Berlin. Dr. med. Arthur Hollmann, Polizeiarzt u. Privatdoz, Leipzig. Dr. ph. Ferd. Holzhausen, Professor an der Üniversitftt zu Gotenburg. Dr. phil. Ludwig Holzapfel, Privatgelehrter, Giessen. Theodor Hoppe, Schriftsteller, Gharlottenburg. Wilhelm Freiherr v. Hoxar, Hofschauspieler und Regisseur, Stuttgart. Dr. jur. Hübbe-Schleiden, Herausgeber der Sphinx, MQnchen. Geh Sanitätsrath Dr. Hüll mann, Halle a. S. Prof. Dr. E. Hürthle, Breslau. Jul. Isenbeck, Ghefredakt. d- allg. Reichskorrespondenz, Steglitz. Prof. Dr. med. James Israel, Berlin. Eugen Isolani, Schriftsteller, Dresden. Prof. Dr. S. Jadassohn, Musikdirektor, Leipzig. Wilhelm Jacob y, Schriftst. u. Yerlagsbuchh&ndler, Wiesbaden. Dr. Ludwig Jacobowski, Herausg. von „die Gesellschaft;*', Berlin. H. Ja eck, Buchh&ndler, Stuttgart. Dz. med. Gustav J&ger, Profo^'sor der Zoologie, Physiologie und Anthropologie, Stuttgart. Hermann Eduard Jahn, Schriftsteller, Berlin. — 252 — Direktor Alex. Jadassohn, Vcrlagsbachh. Redakt. Berlin W. iians von Janasckiewioz- Rein fei s, Vorsitzender der Ge- sellschaft Deutscher Dramatiker, Berlin. Amtsgerichtsrat Hermann Jastrow, Berlin. Dr. J. Jastrow, Privatdosent für Staatswissenschaftcii an der Univerait&t Berlin. Professor Dr. phil. W. Ihne, Heidelberg. Paul Jonas, Rechtsanwalt and Notar, Berlin. Albert Johanns en, Schriftsteller, Hnsam. Christoph Morris de Jonge, Schrifisteller, ScLönehorg. Professor der Chirorgie Dr. Jordan, Heidelberg. Dr. Theodor Jonrdan, Rechtsanwalt, Mainz. Dr. med. 0. Jalinsbnrger, Arzt der Heilanstalt Fichtenhof- Schlachtensee. Professor der Laryngolog^e Dr. med A. Jaracz, Heidelberg. Dr. Konrad W. Jnrisch, Dozent an der kgl. technischen Hoch- schule zu Berlin. Prof. Dr. y. Järgensen, Direktor der Univcr sitfttspoliklinik in Tabingen. Heinrich Jürs, Zahnarzt und Schriftsteller, Hamburg. San.-Rat Dr. med. Kahl bäum, Dir. ein. Nervenheilanstalt, Görlitz. Paul Kampfmeyer, Schriftsteller, Berlin. Otto ¥on Kapff, Kunstkritiker, Wien. Dr. phil. F. Karsch, Gustos bei dem Museum fiir Naturkunde in Berlin, Privatdozent f. Zoologie u. R. pr. Tit. Professor. A. Keferstein, Kunstmaler, Berlin.. Dr. phil. Martin Keibel, Eisenaoh. Max Klompner-Hochstftdt, t3r.-Lichterfelde-Berlin. RudolfKneisel, Schriftsteller, Pankow-Berlin. Conrad Kaufmann, Direktor und Eigent&mer des Stadttheaters in Stralsund. Dr Josef Kaufmann, Rom. Karl Kautsky, Redakt. d. Neuen Zeit, Stuttgart. Max Kegel, Redakteur, München. Professor Dr. H. C. Ke llner, Gymnasialoberlehrer, Zwickau Josef Keller er, Schriftsteller, Mtüichen. Karl Kempe, Fabrikbesitzer und Werkdirektor, Namberg. Gymnasiallehrer J. H. O. Kern, Rostock. Prof. an der Landwirtschaftsschule Dr. Kienitz-Gerloff, Weilburg. Otto Kircher, herzogl. Hofbuchdrucker und Verleger, Blanken- burg a. H. Medizinalrat UniversiULtsprof. Dr. £. Heinrich Kisch, Marienbad. — 263 — Willielm Kittler, VoraUzcnder des StadtverordDeten-KolIeginms, Liegniis. Prof. der Anatomie Dr. Hermann Klaatsoh, Heidelberg. A. OscarKlansmann, SchrifUt., Charlottenborg (Endfordemng). PanlA. Kirstein, Dramaturg, Berlin- Dr. phil. Clemens Klein, Dosent a. d. Hambold- Akademie, Berlin Dr. Adolf Klein, Chefredakteur des deatschen Fraaenblattes, <}ro88-Licliterfelde. Georg Kleinecko, Schriftsteller, Hannover. Dr. Hugo Kloist, Oberstabsarzt I. Kl. a. D, Berlin. Paul Kirsten, Schriftsteller, Dresden-Blase witz. Dr. phil. Gastav Kl it scher, Schriftst., Berlin. Dr. med, R. Klüpfel, Nervenarzt, Urach, Württemberg. Dr. med. V. Knips-Hasse, Spezialarzt f. Physiatrie, Berlin. Dr. E. Kny, Nervenarzt, dirig. Arzt d. Heilanstalt Godesberg. Dr. Koch von Berneok, Manchen. Professor Dr. phil. Albert Köster, Marburg. Dr. med. Koeppen, Prof. für Nervenkrankh., Berlin. Professor Dr. Arthur König, Herausgeber der Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Berlin. Dr. L. Königstoin, Privatdozent, Wien. E. Köhler'Haussen. Chefredakteur der Leipziger Hochschul- zeitung, Leipzig. Heinr. Kornfeld, Yerlagsbuchhändler (Fischers mediz. Buchhand lung) Berlin. Geh. San.-Rat Dr. med F. Körte Beriin. Dr. phil. Adolf Kohut, Schriftsteller, Berlin. Robert Kohl rausch, Schriftsteller, München. Amandus Korn, Schritlsteiler, Ludwigshafen a. Rh. Freiherr von Koslowski-Kosel. Dr. phil. Otto Krack, Schriftsteller, Berlin. Hans Krämer, Herausg. der „Reden des Fürsten Bismarck", Berlin. Ernst Kraus, Schriftsteller, Heilbronn a. N. Dr. ph. Rudolf Krause, kgl. Archivassessor, Stuttgart. Dr. Friedrich S. Krauss, Ethnologe, Wien. Maximilian Krauss, Redakteur der Münchener Neuesten Nach- richten, München. Gustav Johannes Krauss Schriftsteller, Gross- Lichterfelde. Emil Krause, Redakteur der Hartungschen Zeitung, Königs- berg L Pr. E. Krause, Konservat. a. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. H. Krause-Gör ner, Red. d. „Kleinen Journal", Dt. Wilmersdorf. — 254 — Prof. Dr. med. H. Krause, Laryngologe, Berlin. Dr. H. Krön, Nervenarzt, Berlin. Josticnit Timm Krögor, Rechtsanwalt and Notar, Kiel. Dr. med et. phil. Kretsohmar, Schriftst, Kolberg. Dr. med. Krön er, Privatdoxent, Breslau. Prof. d. Gebnrtshülfe Dr. H. Krnkonberg, Bonn. Prof. Dr. Kühn, Wiesbaden. Professor der Geschichte Dr. K agier, Tübingen. Aagast Kanert, Schriftsteller, Berlin. Dr. phil. 0. Kantzemüller, B,edaktear des Hannoverschen Ooariers, Hannover. Dr. Hans Karella, Nervenarzt, Redaktear des Oentralblattes für Nervenheilk. a. Psychiatrie, Breslau. Franz Xaver Karz, Redaktear, Wiesbaden. Sanit&tarat Dr. Konr. Küster, Berlin. Karl Laacke, Lehrer, Redakt. der Preass. Lehrerzeitang, Spandaa. Dr. phil. P. Lad ewig, Bibliothekar, Essen a. R. Dr. med- H. Lahm an n, Leiter and Besitzer des Sanatoriums Weisser Hirsch b. Dresden. San.-Rat Dr. Laabert, Kreisphysikas, Melsangon. Prof. der Fraaenhoilkande Dr. med. L. Land an, Berlin. Dr. phil. Alfons Langer, Chemiker and Schriftsteller, Berlin. Professor Dr. phil. K. Land mann, Darmstadt Dr. med. Karl Lange, Arzt, Berlin. Dr. phil. Adolf Langguth, Archivar der Kgl. Preass. Akademie der Wissenschaften, Gharlottenbarg. Dr. jar. Martin Langen, Schriftsteller, Beilin. Dr. phil. Paal Langenscheidt, 6r.-Lichterfelde. Friedrich Leber, Schriftsteller, Nürnberg. Wendelin Lederer, Redakteard. Boten aasd. Egerthal, Falkenaa. Professor Lehmann-Hohenberg, Heraasgeb. d. Volksanwalt, Kiel. Heinrich Lee-Land sberger, Schriftsteller, Berlin. Paal K. Lehnhardt, Schriftsteller, Berlin. Dr. J. Lehmann, Verleger der Breslaaer Zeitang, Berlin. Karl Lehmann, Rektor der St Marienschale, Breelaa. Walter Leistikow, Maler, Berlin. Rechtsanwalt Georg Leniberg, Hannover. Dr. med. Lembke, Kreisphysikas, Hankensbüttel. Fritz Lemmermeyer, Schriftsteller, Wien. Prof. der Ohirargie Dr. med. Leser, Halle a. S. Amtsrichter Dr. jar. Aag, Leverkühn, LflbecL — 255 — Dr. med. Lewald, dirig. Arzt d. Heil- n. Pflegeanetalt f. Nerven- n. GcmüUkr, Obemigk b. Breslau. Dr. Max Lewinski, Besitzer ein. bakteriologisch-chemischen In- stitnts, Berlin Jos. Lewinsky, Hofschanspieler und Regisseur, Wien. Edmnnd Liohtenstein, Redakteur, Berlin. Dr med. Lieb, Oberamtsarst n. Mitgl. d württemb änstl. Landes- ausschusses, Frcudeiistadt. Moriti Lilie, Schriftsteller und Redakteur der Dorfzeitung in Hildburghausen. Wilhelm Lilien thal, Schriftsteller, Berlin. Carl Lim p rocht, Redakteur, Elberfeld. Dr. phil. Hermann Arthur Lier, Bibliothekar, Dresden. Paul Linsemann, Schriftsteller, Berlin. Dr. phil. Herm. Liets, Licentiat d. Theologie, Schriftsteller, Berlin. Universit&tsprof. Dr. Berth. Litimann, Bonn Rudolf Liebisch, Red. d. Anhalt. Staatsanzeiger, Dessau. Paul Lietzow, Schriftsteller und Redakteur, Gharlottenbnrg. Detlev Freiherr von Lilien er on, Schriftsteller, Altena. A. V. d. Linden, Schriftsteller, Leipzig. Dr. med. Oskar Lindner, Stabsarzt a. D., Frankfurt a. M. Karl Lindau, Schriftsteller, Wien. Carl Limprecht, Red. d. Rheinland, Elberfeld. Dr. Oscar Linke, Schriftsteller, Berlin. Archivrat Dr. phil. Woldemar Lipport, Staatsarchivar am kgl. sftchs. Hauptstaatsarchiv, Dresden. Dr. jor. Franz Lipp, Redakteur, Heilbronn. San.-Rat Dr. med. Lissard, Frankenberg, (Hessen-Nassau.) Ludwig Looffler, Yerlagsbuchhftndler, Berlin. Dr jur. Loeper, Bankier, Berlin. Hans Lowe, Ohefredakteor, Berlin. Engen Löwen, Schriftsteller, Gharlottenburg. Ernst Loh wag, Schriftsteller, Wien. Professor Dr. jur. Ph. Lotmar, Bern. Dr. R. Löwenfeld, Dir. des Schillertheaters, Berlin. Dr. Eduard Löwen thal, Schriftsteller, Berlin. Dr. med. L. Löwen feld, Nervenarzt, München. Stabsarzt a. D. Dr. Löwen thal, Schriftsteller, Berlin. Gynmasialprofessor Dr. Heinrich Löwner in Aman. RegieruDgsrat Dr. Adolf Lorenz, Professor der Chirurgie, Wien. Prof. der path. Anatomie Dr. Lubarsch, Rostock. Dr. Jean Lulvös, Rom. — 256 — Dr. F. Latze, Apoihekcnbcs., kgl Hoflieferaut, Berlin. Dr. H. Lax, Ingeniear, Heraasgeber von ,, Matter Erde", Berlin- Wilmersdorf. Dr. med. Ferdinand Maack, Uoraasgober d Zeitschrift fför wissenschaftlichen Occaltismas, Hambarg. Martin Maack, Schriftsteller, LQbeck. Dr. med. W. Maas s, Nervenarzt, Privatdoz a d. Universitftt Freibarg. Dr. Karl Maas, Oberstabsarzt a. D, Berlin. Dr. jar. W. Madjera, Schtiftstellcr, Wien. Max Maier, Pfarrer in Scheafling b. Doggendorf. Dr. med. R. Mayer, grossherz. Dir. d. Landcshospilals, Hofheim. Prof Dr. med. H. Magnas, Aagenarzt, Breslau. Dr. jor. Ernst Mamroth, Bechtsanwalt, Breslau. San -Rat Dr. med. Marc, Xroisphysikas, Bad Wildungen. Max May, Schriftsteller, Heidelberg. Kurt Martens, Schriftsteller, Manchen. San.-Bat Dr. med. Marqaardt, Oberstabsarzt a. D. Berlin. Prof. d. Fraaenheilkande Dr. med. Martins in Rostock. Wilhelm Mannstftdt, Schriftst , Berlin-Steglitz. Richard Manz, Schauspieler und Schriftstullor, Manchen. Max Mandus, Redakteur u. Verlagsbuchh&ndlcr, Hamburg. John Henry Makay, Schriftsteller, Zürich. Gteh. Sanit&tsrat Dr. M. Marcuse, Berlin. Rechtsanwalt O. Marcuse, Breslau. Frans Matthes, 2. Vorsitzender des deutschen Lehrer-Schrift- stellerbundes. P. M. Martens, Lehrer d. Handelswissenschaften, Hamburg. Rolf Wolfgang Martens, Schriftst., Berlin. Sigmar Mehring, Schriftsteller, Berlin. Dr. med. Mendel söhn, Privatdozent, Redakteur d. „Zeitschrift f. Krankenpflege**, Berlin. Dr. Max Mendheim, Schriftsteller, Leipzig. Dr. med. Merzbach, Arzt, Berlin. Geh. Regierangsrat von Metternich. Landrat a. D., Hoexter. Professor Dr. Karl Mearer, Gymnasialoberlehrer in Köln. G. Mourer, Rom. Sanit&tsrat V. Meurors, kgl. Kreisphysikus, Wilhelmshaven. Oskar Meyer, akad. Maler und Schriftsteller, Elbing. Professor Dr. Oscar Meyer, Bibliothekar a. d. kais. Landesbiblio- thek, Strassborg i. E. Sanit&tsrat Dr. med. Ernst Albr. Meyner, Ghemnitz. Dr. med. Mensinga, Arzt und Schriftsteller, Flensburg. — Ö57 — Gastay Michels, Maler und Sohriflsi, Manchen. Franz Hermann Meissner, Knnstschriftsteller a. Direkt., Berlin. Karl Michler, Schriftstoller, Frankfurt a. M. Dr. jar. Wolfgang Mittormaier, Privatdozent, Heidelberg. Geh. Medizinalrat Dr. Micholsen, Regierangsrat a. D., Berlin. Prof. Dr. jor. G. Michelsen, Konsul d. Repablik Colombien, Hamburg. Otto Milrad, Bedakteor, Berlin. Prof. Dr. phil. M. Mob ins, Dozent a. Senckenberg'schen Institut, Frankfurt a. M. Eduard Moos, Verleger, Erfurt. Dr. med. K. Mook, Arzt u Schriftsteller, Laufach in Bayern. Dr. Albert Moll, Spezialarzt für Nervenkrankheiten, Berlin. Prof. d. inn. Medizin Dr. med. Moritz, München. He nri Mossdorf, Rechtsanwalt n. Notar, Erfurt. K. Strafanstalts-Oberarzt Dr. med. Mob ins, Waldheim. Carl Mönckeberg, Schriftsteller, Strassburg i. E. Max Möller, Schriftsteller, Leipzig. Dr. med. Moser, Redakteur df*r Zeitschrift ^Gesunde Kinder**, Karlsruhe. Dr. Leo Munk, Hofadvokat, Wien. Emil Muschik, Schriftsteller, Frankfurt a. M. Dr. med. Müller, Nervenarzt, München, Leibarzt weil. König Lud- wig II. von Bayern. Dr. Carl Müllor-Rastatt, Scbriftst, Halle a. S. Adolf Müller, köoigl. Oberföriter und Schriftsteller, Darmstadt. Wilhelm Müller, Redakteur, Dresden. Dr. med. Müller, Kreisphysikus, Herzberg (Elster). M. Frhr. v. Münchhausen, Rittergutsbes., z. Z. Berlin. Dr. phil. Oskar Münsterberg, Rciseschridsteller, Berlin. Dr. Bernhard Münz, Schriftsteller, Berlin. Adolf Myli US, Mitgl. d. Stadttheaters, Hamburg. Dr. med. P. Näckc, kgl. Oberarzt an d. Irrennstalt zu Hubertus- burg b. Leipzig. Dr. scient. mat. et. med. Willibald Nagel, Privatdozent der Physiologie, Freiburg. Dr. med. W. Nagel, Professor a. d. Univers. Betlin. Dr. med. G. Nagel, Arzt, Breslau. Prof. d. Philosophie Dr. Paul Natorp, Marburg Jos. Nassen, Oberlehrer und Schriftsteller, Jülich, Rheinland. Dr. phil. Julius Naue, Herausgeber der prähistorischen Blätter, München. Jahrbuch fBr homosexuelle Forschungen. 17 - 258 — I)r. med. Nanck, E>ei8pli78ikns, Hattingen-Rnhr. Victor Naumann, Schriftsteller, Manchen. Dr. M. Neefe, Dir. d. statist. Amts d. Stadt Breslau. Dr. A. Neisser, Kerrenarst, Berlin. Hans Nenert, Hofschanspieler n. Oberregissenr, München. Angelo Neu mann, Dir. des kgl. deutschen Landestheaters, Prag. Dr. phil. Carl E. 0. Neumann, Schriftsteller, Dresden. Paul Niti, Schriftsteller, Stettin. G. Nohascheck, Schriftsteller, Mainz. Dr. C. Nörrenberg, Bibliothekar der königl. UniTersitfttebiblio* thek, Kiel. Dr. med. Max Nordan, Schriftsteller, Paris. Dr. A. Yon Oechelhftuser, Prof. a. d. techn. Hochschule u. Kunstakademie Karlsruhe. Dr. med. G. Oestreicher, Irrenarzt, Niederschönhausen b. Berlin. Gr. A. Oehlke, Ghefredakt. d. Breslauer Zeitung, Breslau. Dr. med. et chir. Heinrich Obersteiner, ord. Üniversitftts- professor, Wien. Dr. phO. Max Oberbroyer, Schriftsteller, Leipzig. Dr. med. Oberdörffer, dirig. Arzt u. Bes. des Sanatoriums Godes- berg a. Rh. Professor Franz Olck, Oberlehrer, Königsberg. Dr. phil. Arthur Obst, Bodaktenr am Hamburger FVemdenblatt, Hamburg. Dr. A. Oliven, Nervenarzt, Dirig. Arzt der Heilanstalt Berolinum, Berlin-Steglitz. Dr. phil. Karl Oppel, Schriftst, Frankfurt a. M. Dr. med. H. Oppenheim, Professor ftlr Nervenkrankheiten, Beriin. Reinhold Ort mann, Romanschriftsteller, Berlin. Sanitfttsrat Dr. med. Ostrowicz, Bad Landeck. Professor Dr. Robort Otto, Geh. Hofrat u. Geh. Medizinalrat, Braunechweig. Lehrer Otto, Redakteu der Posener Lehrerzeitung, Posen. Victor Ottmann, Schiftstellsr, Manchen. Otto Osmarr, herzogt Regisseur, Meiningen. Dr. phil. Walter Paetow, Red. der Deutschen Rundschan, Berlin . Dr. med. J. Pagol, Arzt u. Schriftsteller, Berlin. Friedrich Pajoken, Schriftsteller, Hamburg. Professor J. Pape, Maler, Dresden. Dr. med. Parow, Arzt, Berlin. Dr. phiL Julius Pas ig, Radakteur, Berlin. Karl Pauli, Schriftsteller u. Schauspieleri Berlin- — 259 -- Dr. med. Franz Paalns, Arzt, Ganslatt. Kais. Sanitätsrat Dr. med. Pa wolleck, Kreisarzt, Bolchen i. Lothr. K. Fenka, Prof. f. arische Sprachen n. Alterluiusku nde, Wien. San.-Rat Dr. med. Pelizaens, Snderode a. H. Dr. Potermann, Besitzer d. Heilanstalt f. Lungenkranke, Schloss Röteln, Baden. Dr. Radolf Penzig, Dozent an der Humboldt- Akademie, Berlin. Arnold Perls, Redact., Mitglied d. Stadtverordneten-Kollegiums, Berlin. Dr. med. Georg Wilhelm Peters, Arzt, z. Z. Her'ngsdorf. Dr. jnr. Franz Pesserl, Graz. Ludwig Petzendorfor, Bibliothekar, Stuttgart. Justizrat Pfannenstiol, Rechtsanwalt, Kolmar im Eisass. Dr. M. Piza, Mitglied d. Medizinalkollegiums, Hamburg. Philo vom Walde, Schriftsteller, Neisse. Hermann v. Pfister-Schweighusen, Schriftsteller, Darmstadt. Professor Dr. med. E. Pflug, Giessen- Dr. med, vet. Pflug, ord. Professor an der Ünivcrsitftt Giessen, Direktor d. Veterin&ranstalt. Dr. med Plaozek, Nervenarzt, Berlin. Professor d. ü- Dr. phil. M. Planck, Berlin. Karl von Platen, Forschungsreisender, z. Z. Berlin. Dr. med. F. Plossnor, Nervenarzt, Wiesbaden. Dr. med. Pletzer, Privatdozent in Bonn. Dr. med. Alfred Ploetz, Arzt und Sohriflsteller, Berlin. Dr. med. W. P ichler, Badearzt in Karlsbad. San.-Rat Dr. med. Picht, Kreisphysikus, Nienburg a. d. W. Professor Friedrich Pietzker, Nordhausen. Dr. Otto Pniower, Schriftsteller, Berlin. weiland Hofrat B. Pollini, Direktor des Stadttheaters, Hamburg. Justizrat Dr. Jur. Ponfick, Rechtsanwalt, Ehrenvorsitzender des Geftegnisvereins in Frankfurt a. M. (Eodforderung.) Dr. med B. Ponorz, Arzt, z. Z. Trautenau. Prof. Dr. med. A. Poppert. Giessen. Dr. phil. Felix Popponberg, Schriftsteller, Oharlottenburg. Dr. S. E. Po ritz ky, Romanschriftsteller, Berlin. Professor Dr. Emil Pott, München. Dr. med. W. Prausnitz, Prof. d. Hygiene Graz. Berthold Prochownik, Dr. d. Staatswiss. Berlin. San.-Rat Dr. med. Praetorius, Inhaber e. Heilanstalt ftir Nerven- kranke, Katzenelnbogen in Nassau Botho V. Pressentin, Schriftsteller, Steglitz. 17* — 260 — Rudolph FreilieiT Proch&zka, Prag. Professor Lucian v. Pasch, Breslau. Dr. Paul Raohd, Redakteur d. Hamb. Fremdcnblattes, Hamburg. GenoralkoDsul Gerhard Ramberg, Wien. Prof. Dr. phil. Fr. Raimund Kai n dl, GzcrnowiU. Dr. jur. J. Redlich, Schriftsteller, Wien. Dr. Paul Rehme, Privatdozent der Rechte, Eiel. Eugen Reichel, Schriftsteller, Berlin. Ferdinand Reichenheim, Rentier, Berlin. W. V. Reichenau, Lieutenant a. D., Konservator d. naturhistortschcn Museums Mainz. Victor Freiherr von Reisner-Cepinsky, Schriftsteller, Gharlottenburg. Marzelliu Adalbert Reitler, Eisenbahndirektor, Baden-Wien. Prof. Dr. med. E. Remack, Nervenarzt, Berlin. Dr. phil. Paul Remer, Novellist, Berlin. LeonResemann, Dir. u. Eigentümer des Bellcvuethcaters, Stettin. Emil Reubke, Hofschauspieler, Dessau. Rechtsanwalt Reuscher, Gottbus. Theodor Reuss, Schriftsteller, Berlin. Dr. phil. Eugene Roy, Redakteur, Leipzig. Medizinalrath Dr. med. Richter, Dessau. Medizinalrat Prof. D. med. E. Richter, Breslau. Hugo Alphonse Revel, Chefredakteur dos n^i?^ life**, Berlin. Dr. med. Riegel, kgl. Landgerichtsarzt, Kempten Professor der Ghirurgie Dr. M. Riet sohl, Freiburg i. B. Hermann Riotte, Rezitator und Schriftsteller, z. Z. Bamberg. Dr. Ernst Rhet wisch, Schriftsteller, Berlin. Dr. jur. Anton Riehl, Advokat, Wiener-Neustadt. Professor Hermann Ritter, Würzburg. Rainer Marie Rilke, Schriftsteller, Schwarzendorf bei Berlin. Geh. Hofrat Professor Dr. Ludwig Ritter von Rockinger, Manchen. Dr. Wilhelm Rohmeder, Stadtschulrat, München. Alwin Römer, Schriftstel 1er, Magdeburg. Gymnasialprofüssor Ferd. Roese, Wismar. Dr. jur. Roeseler, Berlin. Dr. phil. Hermann ROsemeier, Berlin. Walter Rose, Schriftsteller u. Redakteur, Berlin. Prof. Dr. med. Ottomar Rosenbach, Berlin. Dr. med. Albert Rosenberg, Arzt, Berlin. Dr. med. Georg Rosen bäum, Nervenarzt, Berlin. — 261 — Dr. pLil. Rieb. Rosen bäum, k. k. Hofbargtheatersfkret&r, Wien, Dr. jnr. Rosonfeld, GericblBasscssor nnd Privatdozent, HaUe. (EodfordcruBg.) HaDs Rosenhagen, Heransg. d. ^Atelier'*, Berlin. Karl Rosner, Scbriflst eller, MOneben. Prof. Dr. med. Th. Rosenhoim, Berlin. Dr. Philipp Rochmann, Oberlehrer, Wiesbaden. Generalarzt a. D Dr. med. Rot he, Frankfurt a. 0. Oberstabsarzt I. Kl. a. D. Dr. med. Rot he, Rostock. Professor Dr. K. y. Rümker, Breslau. Dr. med. Fr. Rub insto in, Dozent a. d. Hnmboldtakademie, Berlin. Dr. Karl Russ, Herausgeber der „Gefiederten Welt**, Berlin. Dr. med. Ruth, kgl. Landgerichtsarzt, Passau. Dr. phil. Benno Rüttenauer, Schriftsteller, Mannheim. Walther Freiherr von Rummel, München. Stadtrat Leopold Sachs in Glogan. Dr. med. Martin Saalfeld, Arit, Berlin. Carl Sänger, Pfarrer in Frankfurt a. M. Dr. med. Salingrä, Arzt, Berlin. Dr. med. et phil. Karl Heinrich Schaible, Emerit. Professor d. Royal Military Akademie Woolwich und Examinator der Universit&t London, Heidelberg. Gebh. Schätzül-Perasini, Schriftsteller u. Dramaturg, Dresden. Cavaliere Uli Schanz, üniversitätsprof., Leipzig. Gg. Schaumberg, Schriftsteller, München. Jul. Schaumberger, Schriftsteller, München. Lic. theol. Dr phil- Schaumkell, Oberlehrer, Ludwigslust i. M. Dr. Ludwig von Schefflor, Herausgober der Tagebücher des Grafen Aug. v. Platen, Weimar. Prof. Dr. J. Scheiner, kgl. Astronom, Potsdam. Dr. med. Frani Schenk, Privatdozent für Physiologie, Wtlrzburg. Professor Carl Scherres, Gharlottenburg. Paul Schettler, Redakteur des „Magazins für Litteratur**, Berlin. Dr. phil. John Schikovski, Charlottenburg. Dr. med. Schiller, Kreisphysikus, Wehlau. Prof. der Augenheilkunde Dr. med. Schirmer in Greifswald. Prof. d. Geschichte Dr. phil. Friedr Schirrmacher, Rostock. Professor der Anatomie Dr. med. Schiefferdecker, Bonn- Johannes Schlaf, Schriftsteller, Magdeburg. G. F. von Schlichtegroll, Schriftsteller, Berlin. Dr. Hans Schmidkunz, Privatdozent, München. — 262 — Dr. phil. Lothar Schmidt, Herausgeber der „Meisterwerke der zeitgenössischen Novellistik*', Breslau. Dr. Gonr. Schmidt, Dramaturg, Gharlottenbnrg. Dr.med. S chmidt- Po ters en, Kreisphysikus.Bredstedt (Schleswig). Dr. phil Gustav Schmilinsky, Gymnasialoberlehrer, Hallo a. S. Dr. phil. P. Schmitz, Schriftst., Charlottenburg Dr. phil. Joseph Schmöler, Privatdozent fOr Nationalökonomie, Greifswald. Dr. Arthur Schnitzler, Schriftsteller, Wien. Dr. phil Alfred Schnerich, Kunstschriflsteller, Wien. Karl Scholl, Prediger, Heraiug. von „Es werde Licht**, Nürnberg. Professor Dr. Bein h. Schoener, Berichterstatter der Vossischen Zeitung, Born. Dr. phil. Gustav Schönermark, Schriftsteller, Gassei. Dr. Wilhelm von Scholz, Schriftst, München. Dr. med. Fr. Scholz, fr. Direktor der Kranken und Lrenanstalt Bremen. Dr. med. L. Scholz, dirig. Arztd. evang. Krankenh. f. Geisteskranke, Waldbröl. Max Sdh reiber, Rechtsanwalt, Breslau. HermannSchreiber, Direkt d. WarenEinkaufvereins zu Görlitz. Dr. Hugo Schramm-Macdonald, Schriftsteller, Dresden. Dr. phil. T. Schroeder, Jena. Dr. med. Schröder, Kreisphysikus, Birnbaum. Geh. San.-Rat Dr. med. Steinbrück, Berlin. Karl Schoenfeld, Oberregisseur und Dramaturg, Berlin. Dr.med. Freiherr vonSchrenck-Notzing, Nervenarzt, München (Endforderang). Prof. Dr. Karl Schuchardt, Direkt d. chirurg. Abt des stftdt. Krankenhauses zu Stettin. Karl Theodor Schulz, Schriftsteller, Königsberg i. Pr. Professor d. Biologie Dr. 0. Schnitze, Würzbur^.. Professor Dr. F. R Schulze, Dir der mediz Klinik, Bonn. Dr. Alwin Schulz, Professor d. Kunstgeschichte an der deutschen Universität, Prag. Dr. Ernst Schulze, Schriftsteller, Bonn. Conrad Schulze, Rechtsanwalt u. Notar, Elbing. P. Schultes, Schriftsteller, Hannover. Walther Schulte vom Brühl, Hauptredakteur des Wiesbadener TageblaU. Dr. Paul Schumann, Schriftsteller, Dresden-Blasewitz. Richard Schuster, Verlagsbuchhftndler, Berlin. — 263 — W. Schwaneri Herausgeber d. Vulkserziehors in Borlio. R. Schwoichely Schriftsteller, Schöneberg- Berlin. Jostisrat K. Sertürner, Rechtsanw., Hameln. Medisinairat Professor Dr. G. Seydel, Gerichtsphysikas, Königs- berg i. Pr. Dr. med. R. Seydoler, Oberstabsarzt I. Gl. a. D. in Berlin. Prof. der Geschichte Dr. G. F. Seybold, Tübingen. San.-Rat Dr. med. Simon, Berlin. W. Sichelkow, Genremaler, Berlin. Dr. med. Solbrig, Kreisphysikas, Tomplin. Sanit&tsrat Dr. Sorge, Bezirksarst, Ilmonaa. Dr. med. A. Smith, ding. Arzt d. Trinkerheilanstalt, Schloss Marbach a. Bodensee. Dr. med. Sommer, Direktor der Provinzial-Irren-Heil- and Pflege- Anstalt, Altenberg. Prof. Dr. med G. Sommer, Vorst d. path. anat. Institats, Innsbrack. Otto Sommerstorf, Schauspieler, Berlin. Dr. med. Sonnenberg, Poliseiarzt, Bremen. San.-Rat Dr. med. Speck, Kreisphysikus, Dillenburg. Dr. med. Arthur Sperling, Nenrenaict, Berlin. Advokat Dr. Gustav Spitz, Iglau. Max Spohr, Verlagsbuchhändler, Leipzig, Ludwig Stahl, Oberregisseur, Berlin. Ludw. Stark, Leiter der Rothonburger Festspiele, München. St auf V. d. March, Schriftsteller, Wien. Geh. San.-Rat Dr. med. Steinbrück, Berlin. Hofirat Dr. K. Stellwag von Garion, Professor, Wien. Otto von Stetten, Maler, Manchen. Professor d. Ghirurgie Dr. Stetter, Königsberg. Sanit&tsr. Dr. Stielau, Kreisphysikus, Pr. Holland. Dr. jur. Fr. Stier-Somlo, Grerichteassessor und Schriftst., Berlin. Prof. der Augenheilkunde Dr. med. J. Stilling, Strassburg i. E. Dr. med. Stockmayer, Oberamtsarzt u. Mitglied des ärzÜ. Landes- ausschusses, Heidenheim in Württemberg. Dr. phil. A. Stimming, Professor an der Universität Götibgen. Dr. med. Stoltenhoff, Director der Provinz- Lrenanstalt Kortau bei Alienstein. Dr. med. P. Strassmann, Privatdozent für Geburtshilfe und Gynäkologie, Berlin. Geh. Med.-Rat Dr. med. Strahler, Berlin. Professor Franz Stuck, Maler, München. Dr. jar. Th. Suse, Rechtsanwalt, Hamburg. — 264 — San .-Rat Dr. med. Sarminski, KreispliyBikus, Lyck. San.-Rat Dr. med. Süssbach, dirig. Arzt d. TanbstammenanBtalt, Liegnitz. Professor Dr. Adalbert Svoboda, Stuttgart. Faul T. Szczpaenski, Schriftsteller, Stuttgart.. Jostizrat A. Täschner, Rechtsanwalt, Freiberg i. S. Hauptmann Karl Tanera, Schriftsteller, Berlin. Hermann IVeiherr v. Taschenberg, Gross- Lichterfelde. Dr. med. Tenholt, Reg.- and Med -Rat a. D., Knappschafts- Oberant^ Bochum. Prof. d. Strafreohtswissenschaft Dr.jur. A. Teich mann, Basel. Dr. med. Ter gast, Kreisphysikus, Emden. Dr. F. Tetzner, Oberlehrer, Leipzig. Heinrich Tewelos, Dramaturg d. deutsch, Landestheaters, Prag. Dr. jnr. Thomsen, PriYaldozent d. Rechte, Kiel. Dr. med. T her ig, Arzt, Magdeburg. Oberbürgermeister The sing, Tilsit. Dr. phil. E. Tiessen, Schriftsteller, Friedenau bei Berlin. Geh. Sanitfttsrat Prof. Dr. med. Tobold, Berlin. Dr. phil. H. Th. Traut, Oberlehrer a. D, Leipzig. Geh. Hofrat Prof. Dr. Georg Treu, Direktor der kgl. Sculpturen- sammlung, Dresden. Dr. med. Otto Tross, prakt. Arzt, Karlsruhe. Julius Türk, Schriftsteller und Theaterdirektor, Berlin. Prof. Dr. phil. Ule, Giebichenstein bei Halle a. S. Dr. med. Urban, Arzt, Dresden. Dr. jur. K. Uschner, Amtsgerichtsrat a. D. in Oppeln. Professor der Strafrechtswissenschaft Dr. jur. J. Yargha, Graz. Prof. der Physiologie Dr. Max Yerworn, Jena (Endforderung). Dr. med. Fr. Viereck, Kreisphysikus, Ludwigslust i. M. Dr. phil. A. Yierkandt, Privatdozent an der techn. Hochschule, Braunschweig. Dr. med. Alex. Yillers, Dresden. Jostizrat Dr. Yohsen, Rechtsanwalt, Saargemünd. Rechtsanwalt Lothar Yolkmar, Berlin. Richard Yoss, Schriftsteller, Bcrchtesgaden-Frascati. Beruh. Yoss, Rechtsauw. u. Notar, Schwerin i. M. Franz Wallner, Schauspieldirektor, Dresden. Dr. med. Waldschmidt, dirig. Arzt d. Anstalt f. Gemütskranke, Westend b. Berlin. Dr. phil. Joh. Walther, Prof. d. Geologie, Jena. Med.-Rat Dr. med, Walt her, kgl. Landgerichtsarzt, Hof i. B. — 265 — Dr. med. R. Walter, ding. Arst der Nervenheilanstalt Deutsch-Lissa. Dr. med. Watten berg, dirig. Arzt der Staatsirrenanstalt in Lübeck. Hans Richard Weinköppel, Kapellmeister, München. Karl Weiser, Grossherz, sächs. Hofschanspieler, Regisseur and Schriftsteller, Weimar. Dr. med. Peter Wellenberg, gerichtl. Psychiater in Amsterdam. Prof. Dr. B. Wikerniewicz, San.-Rat, Direktor der Universitäts- Augenklinik, Erakau Sanitätsrat Dr. Wiedner, Kreisphysikus u. Strafanstaltsarzt, Gottbus. Sanitätsrat Dr. Wiodemann^ Kreisphysikus, NeuRuppin. Dr. med. Witte, Oberstabsarzt d. L., Frauenarzt, Berlin. Dr. med Th. Weyl, Privatdozent, Herausg. d. Handb. d. Hygiene, Berlin. Dr. med. H. Weyl, Arzt, Berlin. Geh. San.-R. Dr. med. Winckler, Luckau. Dr. Adolf Wilbrandt, Schriftsteller, Rostock. San.-Rat. Dr. med. Wilhelmi, Kreisphysikus, Schwerin i. M. Dr. L. Will, Prof. d. Zoologie, Rostock. Dr. Bruno Wille, Schriftsteller, Friedrichshagen bei Berlin. San.-Rat Dr. med. Jul. Wohl, Berlin. Geh. Medizinalrat Dr. von Wolltersdorff, Sondershausen. Ernst Freiherr Yon Wolzogen, Schriftsteller in München. Rechtsanwalt und Notar Ludw. Wreschner, Berlin. Dr. med. A. Würzburger, Arzt für Nerven- und Geisteskrank- heiten, Bayreuth. Prof. der Anatomie Dr. med. R. Zander, Königsberg. Dr. med. Ziegelroth, dirig. Arzt des Sanatoriums Birkenwerder bei Berlin. Dr. med. Ziegenspeck, Privatdozent d. Gynäkologie, München Dr. Theophil Zolling, Herausgeber der Gegenwart, Berlin. San.-Rat Dr. med. Zuelchaur, Stabsarzt a. D., Berlin. u. s. w. u. 8. w. Es sei bemerkt, dass eine Reihe von Männern, die den höheren Justiz- und Medizinalbehörden angehören, ihr vollstes P^inverständnis mit dem in der P^ingabe zum Ausdruck gebrachten Standpunkt erklärt haben und lediglich aus amtlichen Rücksichten von einer Unter- zeichnung ihres Namens Abstand zu nehmen sich ver- anla.sst sahen. — 260 — Ferner heben wir hervor, dass die Berliner Kriminal- polizei auf dem in Rede stehenden Gebiet, namentlich über das weitverbreitete Erpresserunwesen (die Chantage), zweifelsohne ein umfangreiches Material anzusammeln Ge- legenheit gehabt hat, das seitens der gesetzgebenden Körperschaften eingefordert werden müsste. Nachtrag. Weitere Gründe, die namentlich von juristischer Seite für die Abschaffung des § 175 geltend gemacht wurden und auch für Bayern, Frankreich etc. bei der Auf- hebung mit ausschlaggebend waren, sind: L Der Paragraph steht in Widerspruch mit den Grundsätzen des Rechtsstaates, der nur da strafen soll, wo Rechte verletzt werden. Wenn zwei Erwachsene, in gegenseitiger Uebereinstimmung im geheimen geschlechtliche Akte begehen, werden keines Dritten Rechte verletzt. Werden Rechte verletzt, so bestehen schon ander- weitige Bestimmungen. II. Die Nachforschungen veranlassen meist erst das Aergemis, dem man steuern will. Chauveau und Faustin H^lie, Theorie du code p^nal, Tome VI, S. 110 führen als ein Motiv der Beseitigung des Umingsparagraphen an: „Die Vermeidung der schmutzigen und skandalösen Unter- suchungen, welche so häufig das Familien- leben durchwühlen und erst recht Aergemis geben.* III. Femer sind die grossen Schwierigkeiten zu berücksichtigen, die sich der Vollstreck- ung des Paragraphen entgegenstellen. Es ist von vielen Kapacitäten mit Recht hervorgehoben, dass ein Gesetz keinen Wert mehr hat^ bei dem — 267 — nur ein so verschwindend geringer Bruchteil der vorkommenden Fälle vor den Strafrichter ge- langen. IV. Des weiteren ist in Betracht zu ziehen^ dass der § 175 so unklar gefasst ist, dass selbst unter den Juristen völlige Meinungsverschiedenheit besteht^ was unter ihn fällt. Nach reichsgerichtr lieber Entscheidung fallen in Deutschland unter ihn nicht etwa nur inmiissio in corpus, sondern auch blosse Umschlingungen und Friktionen der Körper; gegenseitige Onanie ist dagegen nicht Unzucht im Sinne des Gesetzes. «Diese unglückliche Rechtsübung", sagt v. KrafPit-Ebing (Der Konträrsexuelle vor dem Strafrichter, Leip- zig und Wien S. 16), »nötigt den Bichter zu den peinlichsten Feststellungen eines objektiven Thatbestandes, der sich darauf zuspitzt, ob Frik- tionen stattgefunden haben oder nicht^ wobei der einzige Zeuge der passive Teil zu sein pflegt, dazu ofl ein Chanteur, eine männliche Hetäre, ein Lump, dem es auf einen falschen Eid um- soweniger ankommt, als er sonst wegen Ver- leumdung belangt werden könnte." V. Vor allem aber ist darauf hinzuweisen, dass hier ein „error legislatoris'' vorliegt. Der Ge- setzgeber war, als er die betreffenden Hand- lungen mit Strafe bedrohte, in einem natur- wissenschaftlichem Irrtum befangen, welcher für ihn die wesentlichste Veranlassung zur Straf- androhung war. Es ist mit grösster Wahrschein- lichkeit anzimehmen, dass er diese Strafandroh- ung nicht ausgesprochen haben würde, wenn er die erst später erwiesenen Thatsachen der angeborenen konträren Sexualempfindung ge- kannt hätte. Ebenso beruhte auch das , Rechts- — 268 — bewitöstsein im Volke", welches bei der letzten Revision des Str. G. B. als einziges Motiv für die Beibehaltung des Paragraphen angegeben wurde, auf drei falschen Voraussetzungen. Ein- mal war dem Volke die Thatsache, das es Menschen giebt, die trotz aller gegenteiligen Bemühungen nur für dasselbe Geschlecht empfinden können unbekannt, femer glaubte es, dass es sich um immissio in anum und Ver- führimg unreifer Personen handelte, während in Wirklichkeit die Pädication und die Neigung zu imerwachsenen Individuen bei Conträrsexuellen ebenso selten vorkommt, wie bei Normalsexuellen. VI. Man hat auch nicht mit Unrecht, darauf hin- gewiesen, dass der Verkehr unter Männern und unter Frauen, weil er in der Hauptsache ohne Folgen bleibt, für die übrige Menschheit weit gleichgültiger sein kann, als der sittlich schliess- lich ebenso verwerfliche, vor dem Gesetz nicht strafbare aussereheliche Verkehr zwischen Mann und Weib (man denke z. B. an die Syphilis- gefahr, die unehelichen Geburten, das Dimen- wesen etc.). Verführern gegenüber kann der junge Mann sich ebensogut allein seiner Haut wehren, wie das junge Mädchen. Volenti non fit iniuria. VII. Der Paragraph 175 treibt Hunderte in Länder, wo der Urningsparagraph nicht mehr besteht, raubt diesen das Vaterland und dem Vaterlande viele geistige und materielle Mittel Der Ge- danke, von der Natur selbst, ohne die geringste £igenschuld zum Verbrecher gestempelt zu sein, macht die meisten Homosexuellen bodenlos elend und jagt viele von ihnen, die nie etwas die Menschheit Schädigendes gethan, nicht einmal — 269 — im Sinne des Paragraphen 175 gefehlt haben, in den freiwilligen Tod. (Selbstmorde aus un- bekannten Gründen.) VIII. Endlich muss betont werden, dass der Paragraph ausserordentlich die Bekämpfung der Homo- sexualität und die Behandlung der mit ihr Behafteten erschwert, da dieselben eine nur zu begreifliche Scheu hegen selbst dem Arzte gegenüber ein Leiden einzugestehen, das sie mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt bringt. Anhang. Christentnm und Homosexualität. In der Reichstagsverhandlung vom 19. Januar 1898 wurde von dem Reichstagsabgeordneten Herrn Pastor Schall gegen obige Eingabe al» einziger Einwand geltend gemacht, sie stände mit den Anschauungen des Christen- tums im Widerspruch. Mehrere hervorragende Unter- fertiger hatten dagegen vorher dieselbe „als echt mensch- lich und christlich** bezeichnet. p]in Geistlicher schrieb sogar: »Wer die heilige Schrift zur Befürwortung solcher Gesetze anzieht, der kennt sie nicht." Wer hat da Recht? Die richtigste Lösung der Frage, wie sich die Aufhebung des § 175 mit dem christlichen Standpunkt vereinigen lässt, scheint uns in folgenden Ausführungen eines hervor- ragenden Unterfertigers der Petition zu liegen: »Die Forderungen des Christentums sind Ideale, die, so wert- voll und unentbehrlich sie für unser privates und öflfent- liches sittliches Leben sind, doch zugestandenermassen nicht alle ohne weiteres wörtlich zu staatlichen Gesetzen gemacht werden können. Ich erinnere z. B. daran, wie das Alte Testament die Vorkehr gegen die Befruchtimg brandmarkt (1. Mos. 88,4) sowie an das, was Christus — 270 - über Beleidigung (Matth., 5, 22. , ... . wer zu seinem Bruder sagt: du Narr^ der ist des höllischen Feuers schuldig"), über den Ehebruch (Matth. 5, 32), über den Eid (Matth. 5, 37) sagt. Demgemäss sind auch eine Menge von geschlechtlichen Handlungen, die das Christen- tum als verwerflich bezeichnet und die allgemein als sittlich verwerflich anerkannt sind, vor dem Gesetz nicht strafbar. Es ist inkonsequent und unhaltbar, die strengen Forderungen des Christentums nur auf eine einzelne Art von geschlechtlichen Handlungen zu beziehen, während die gleichen Verhältnisse unter Weibern, die thatsächlich ebenso oft vorkommen und andere zum Teil viel schlimmere Dinge, welche nicht der Ausfluss konstitutioneller oder krankhafter Anlage sind z. B. die Weiber- pädikation u. a. straffrei bleiben.** Zudem geht aus dem Wortlaut der biblischen Stellen {ag>ivTsg tijv (pvcixfjv xqrfiiv rffi &rjX€iag) verlassen den natürlichen Gebrauch des Weibes) unwiderleglich hervor, dass die naturwissenschaftliche Erkenntnis der damaligen Zeit das Phenomen der urnischen Indi\ndualität noch nicht in seiner Wesenheit erfasst hatte. Wir fügen noch das Gutachten hinzu, welches ein ord. Professor der katholischen Theologie giebt Er sagt: «Das Christentum als solches fordert die Bestrafung homosexueller Handlungen nicht; die gesetzlichen Strafbestimmungen des Mittelalters waren der Ausfluss damaliger kultureller Verhältnisse. Wohl aber fordert das Christentum die Bekämpfung der betreffenden Gefühls- anlage seitens des Einzelnen, der damit behaftet ist, im Namen der Sittlichkeit, d.ren Normen absoluten Wert beanspruchen. Die Petition kann ich nur dann als echt menschlich und christlich anerkennen, wenn sie die Existenz einer objektiv absolut gültigen Sittlichkeit ausspricht und ihren Zweck nicht bloss in der Beseitigung von Verfolgungen — 271 — erblickt, sondern noch mehr darin, dass die beklagens- werte Erscheinung mit den richtigen Mitteln, d. h. mit phjsiologischen und psychologischen, individuellen und sozialen, religiösen und sittlichen Mitteln bekämpft werde." Mit diesen Anschauungen sind wir durchaus einverstanden. Der Rechtsgrund, welchen die Kirche des Mittel- alters für die Bestrafung homosexueller Handlimgen an- gab, dürfte schwerlich heute noch aufrecht zu erhalten sein. Ludwig der Fromme befahl in einem Kapitulare, die Urninge lebendig zu verbrennen, nachdem das sechste Pariser Konzil festgestellt habe, dass durch sie Hungers- not und Pestilenz entstanden seien (cfr. Acta concilii Paris sexti lib. 3 cap. 2 ;) und der hervorragende Jurist Carpzovius nennt noch 1709 als Motive der Umingbestrafung folgende sechs Plagen, die sie verursacht hätten: «Erdbeben, Hungersnot, Pest, Sarazenen, Ueberschwemmungen sowie sehr dicke und gefrässige Feldmäuse (Carpzovii practica novi rerum crim. 1709. II. g. 76. § 5.) Gelehrte der katholischen Kirche haben sich daher schon früher wieder- holt gegen die Bestrafung angeborener Homosexualität ausgesprochen. (Vgl. Numa Numantius: Ära spei S. 15 und ff.) Mögen doch die gesetzgebenden Körperschaften er- kennen, dass es sich in der obigen Petition nicht etwa um Propaganda für den Uranismus handelt, sondern einzig und allein um die Beendigungen von Verfolgungen, welche die Nachwelt zweifellos einst in jenes traurige Kapitel der Kultur- geschichte einreihen wird, in welchem die übrigen Verfolgungen andersgläubiger und andersgearteter Menschen verzeichnet stehen. — 272 - Diese Eingabe wurde in ihrem ersten Teil im Dezember 1897 den Mitgliedern des Reichstags imd Bundesrats überreicht. Am 13. Januar 1898 gelangte der Gegenstand gelegentlich der ersten Beratung der soge- nannten lex Heinze zum ersten Mal im Plenum des Hauses zur Sprache. Es war der Abgeordnete Bebel, der nach dem stenographischen Keichstagsbericht fol- gendes sprach: Vizepräsident Dr. Spahn: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Bebel. Bebel, Abgeordneter: Es begreift sich der Stand- punkt, dass diejenigen, die an gewissen unangenehmen Er- scheinungen unseres öffentlichen und sozialen Lebens mit Grund Anstoss nehmen, bestrebt sind, möglichst das Strafgesetzbuch zu Hilfe zu nehmen, um diesen Uebeln abzuhelfen und sie möglichst aus der Welt zu schaffen. Ich und meine Freunde sind auch bereit, einem ganzen Teil der Bestimmungen, welche die Herren Spahn und Genossen in dem uns vorliegenden Gesetzentwurf bean- tragt haben, unsere Zustimmung zu geben, aber bei weitem nicht allen. Auf der einen Seite geht mir dieser Gesetz- entwurf zu weit, auf der anderen niclit weit genug. Ins- besondere müsste, wenn einmal auf diesem Gebiet refor- miert werden sollte, auch geprüft werden, ob es nicht noch andere ähnliche Bestimmungen in unserem Straf- gesetz gäbe, die mindestens mit demselben Recht und derselben Notwendigkeit einer Revision unterzogen werden müssten wie die hier beantragten Paragraphen. Meine Herren, das Strafgesetzbuch ist dazu da, dass es gehalten wird, d. h., dass die Behörden, die in erster Linie über die Innehaltung und Respektierung dieser Gesetze zu wachen haben, auch ihre pilichtgemässe Auf- merksamkeit darauf richten und dementsprechend handeln. Es giebt aber Bestimmungen in unserem Strafgesetzbuch, und sie sind zum Teil mit in den Anträgen enthalten, — 273 — die uns hier vorliegen^ bei denen die Behörden^ obgleich ihnen aufs genaueste bekannt ist, dass diese Bestimmungen von einer erheblichen Zahl von Menschen, sowohl Männern als Frauen, systematisch verletzt werden, nur in den seltensten Fällen den Versuch machen, den Strafrichter zu Hilfe zu rufen. Ich habe hier insbesondere den Ein- gang der Bestimmungen des § 175 — er handelt von der widernatürlichen Unzucht — im Auge. Es wird notr wendig sein, wenn die Kommission gewählt wird — und ich stimme bei, dass eine solche gewählt wird, weil meines Erachtens dieser Gesetzentwurf ohne Kommissionsberatung nicht Gesetzeskraft erlangen kann — , dass alsdann ins- besondere die preussische Staatsregierung ersucht wird, ein gewisses Material, was der hiesigen Berliner Sitten- polizei zur Verfügung steht, uns vorzulegen, um auf Grund der Prüfung desselben uns zu fragen, ob wir die Bestimmung im § 175 Eingangs desselben aufrecht er- halten können und dürfen, und wenn sie aufrecht erhalten werden soll, ob wir sie dann nicht erweitem müssen. Mir ist aus bester Quelle bekannt, dass die hiesige Polizei die Namen von Männern, die das im § 175 mit Zuchthaus bedrohte Verbrechen begehen, nicht etwa, so- bald sie dieses in Erfahrung bringt, dem Staatsanwalt nennt) sondern die Namen der betreffenden Personen zu den übrigen Namen hinzuschreibt^ die aus dem gleichen Grunde bereits in ihren Registern enthalten sind. (Hört! hört! links.) Die Zahl dieser Personen ist aber so gross und greift so in alle Gesellschaftskreise, von den untersten bis zu den höchsten, ein, dass, wenn hier die Polizei pilichtmässig ihre Schuldigkeit thäte, der preussische Staat sofort ge- zwungen würde, allein, um das Verbrechen gegen § 175, soweit es in Berlin begangen wird, zu sühnen, zwei neue Gefängnisanstalten zu bauen. (Bewegung. Hörtt hört!) Jiihrbnch tlir homosexuelle For8chnngf>n. 18 — 274 — — Das ist keine I^ebertreibuDg; es handelt sich, Herr von Levetzow, um Tausende von Personen aus allen Ge- sellschaftskreisen. Es entsteht aber auch weiter die Frage, ob denn nicht auch die Bestimmung im Eingang des § 175 nicht bloss auf die Männer, sondern auch auf die Frauen auszudehnen sei, von deren Seite dasselbe Ver- brechen begangen wird. Was in dem einen Falle dem einen Geschlecht recht ist, ist dem andern billig. Aber, meine Herren, eins sage ich Ihnen: würde auf diesem Gebiete die Berliner Polizei — ich will zunächst einmal von dieser reden — ihre volle Pflicht und Schuldigkeit thun, dann gäbe es einen Skandal, wie noch niemals ein Skandal in der Welt gewesen ist, einen Skandal, gegen den der Panamaskandal, der Dreyfussskandal, der Lützow- Leckert- und der Tausch-Normann-Schumann-Skandal das reine Kinderspiel sind. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb mit so ausserordentlicher Laxheit seitens der Polizei gerade das Verbrechen, das dieser Paragraph bestraft^ behandelt wird. Meine Herren, der § 175 steht im Strafgesetz, und weil er darin steht, muss er gehand- habt werden. Kann das Strafgesetz aber aus irgend wel- chen Gründen in diesem Punkte nicht gehandhabt werden, wird es nur ausnahmsweise gehandhabt, dann entsteht die Frage, ob die Straf bestimmung aufrecht erhalten werden kann. Ich will hinzufügen, dass uns gerade in dieser Session — manche der Herren haben das vielleicht noch nicht berücksichtigt — eine gedruckte Petition vorliegt, unterzeichnet u. A. auch von meiner Person und von einer Anzahl Kollegen aus anderen Parteien, ferner aus Schriftsteller- und Gelehrtenkreisen, von Juristen mit Namen besten Klanges, Psycho- und Pathologen, von Sachverständigen ersten Ranges auf diesem Gebiete, die aus Gründen, die ich begreiflicherweise des nähern hier nicht auseinandersetzen will, die Meinung vertreten, dass eine Aenderung der Strafgesetzgebung auf diesem Ge- — 275 — biete iu dem Sinne einzutreten habe, dass die Beseitigung der betreflenden Bestimmung im § 175 herbeigeführt werden müsse. Die Presse gab Bebeis Aeusserungen irrtümlicher- weise vielfach dergestalt wieder, als habe der Kedner für schärfere Handhabung des § 175 plädiert, während er in Wirklichkeit für die Aufhebung der in Rede stehenden Strafbestimmungen eingetreten war, was schon aus der von ihm selbst erwähnten Thatsache hervorging, dass er zu den Unterzeichnern der Petition gehöre. Bei der Fortsetzung der Beratung am 19. Jan. 1898 äusserte zu demselben Gegenstand der Abgeordnete Pastor Schall laut Stenogramm: Der Abgeordnete Bebel ist neulich zuerst auf den § 175 des Strafgesetzbuchs gekommen, der von der wider- natürlichen Unzucht handelt; er hat gesagt: »die Polizei verfolgte die Praxis, die Namen der Männer, die dieses mit Zuchthaus bedrohte Verbrechen begehen, einfach zu registrieren, es gehörten dazu Tausende von Personen aus allen GeseDschaftskreisen". Ich gestehe, dass ich durch diese Mitteilung des Herrn Bebel geradezu erschreckt, in gewissem Sinne, kann ich sagen, konsterniert und aufs tie&te deprimiert worden bin. Ich habe auch die von Herrn Bebel mit angezogene Petition, die ja von Männern von berühmten Namen aus allen Berufsschichten unter- schrieben ist, und von der Herr Bebel sagt, er habe sie selbst mit unterschrieben, auch bekommen, die eine Auf- hebung dieses Paragraphen verlangt, und ich habe wie vor einem Rätsel gestanden, wie es überhaupt möglich ist, dass Männer von öffentlicher Stellung und sittlichem Urteil eine solche Petition einreichen können; denn, meine Herren, es handelt sich doch hier um ein Verbrechen, welches bereits der Apostel Paulus als eine der schlimmsten Versündigungen und Laster des alten Heidentums im Briefe an die Römer im ersten Kapitel hingestellt hat, 18* I — 276 — dessentwegen das alte Heidentum dem verdienten Unter- gange verfallen sei. Es ist ja hier nicht der Ort und die Aufgabe, auf diese Sache einzugehen. Ich glaube, es wird hier Sache der Kommission sein, die Herren Ver- treter der Regierung zu bitten, uns in dieses, mir wenigstens bisher vollständig verschlossene Gebiet einen Einblick zu verschaffen, damit, wenn wirklich solche Zustände dort vor- handen sind, wie sie von dem Herrn Abgeordneten Bebel ausgesagt wurden, wir alles thun, um auf dem Wege des Gesetzes diesen unnatürlichen Lastern, Vergehen und Verbrechen entgegenzutreten durch solche Strafen, welche der Natur dieser Verbrechen nach christlich sittlichen Grundsätzen entsprechen und zugleich ihre volle rück- sichtslose Durchführung in der Praxis der Polizei- und Rechtspflege ermöglichen und garantieren. Bebel entgegnete : Der Herr Abgeordnete Schall hat weiter die Richtig- keit der Angaben bezweifelt, die ich in Bezug auf die Verletzung des § 175 machte. Wenn meine Angaben unrichtig wären, könnten Sie versichert sein, dass von der Regierung eine Richtigstellung erfolgt wäre. Sie ist nicht erfolgt. Ich habe die Nachricht aus viel zu guter Quelle, um sie hier nicht mit der vollen Ueberzeugung von ihrer Richtigkeit vortragen zu können. Ich habe deshalb bei jener Gelegenheit bereits darauf hingewiesen, wie not- wendig es ist, die Vorlage in einer Kommission zu be- raten, damit bei diesem Paragraphen erörtert wird, was aus naheliegenden Gründen hier in der Oeffentlichkeit nicht erörtert werden kann. Es geht einfach m'cht, dass w^ir die Gründe, die speziell bei diesem Paragraphen in Frage kommen, hier zum Gegenstand öffentlicher Er- örterung machen. Die Eingabe wurde darauf von der Petitions-Kom- mission der lex Heinze-Kommission überwiesen, wo sie zu lebhaften eingehenden Erörterungen Anlass gab. — 277 — Ausser den ofüzielleD Regierungsvertreteru war auch der damalige Chef der Berliner Kriminalpolizei, Graf Pückler, zu den Verhandlungen hinzugezogen. Ausser Bebel war es vor allem der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Sanitätsrat Dr. med. Kruse-Norderney, der als Sach- verständiger die Petitionsforderung aufs lebhafteste be- fürwortete. Es war beschlossen worden, über den Inhalt der Beratungen, die ein negatives Resultat ergaben, nichts an die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen. Infolge der Petition und der Reichstagsverhandlungen wurde die homosexuelle Frage, die der Presse bis dahin als ein noli me tangere galt, in zahlreichen politischen, medizinischen und juristischen Zeitschriften behandelt und zwar überwiegend in wohlwollendem Sinn. Nach den Parlaments wählen 1898 wurde die Petition dann noch einmal unter hervorragenden Zeitgenossen, (nicht etwa in breiten Kreisen der Bevölkerung) verbreitet und zwar mit dem Erfolge, dass die Zahl der Unter- schriften sich vervierfachte. Die Zuschriften der Unter- fertiger waren zum Teil sehr interessant und wertvoll.*) In obiger Fassung ist dann die Petition dem neuen Reichstage übergeben worden. Wenn auch kaum anzu- nehmen ist, dass dieser die immerhin noch neue und wenig einladende Materie im Sinne der Petenten ohne Kampf und Widerspruch erledigen wird, so können wir angesichts der bisherigen Erfolge der Petition schon heute mit Zola ausrufen: la verit^ est en marche und hoffentlich wird es nicht gar zu lange währen, bis wir sagen dürfen: Die Wahrheit hat den Sieg errungen. W=H=C. *) Ein grosser Teil der Zuscliriften findet sich zusammengestellt in Dr. med. HirscLfeld: „§ 176 R.-Str.-G.-B." oder Die homosexuelle Frage im Urteil der Zeitgenossen bei M. Spohr, Leipzig. — 278 — Auch in der neuen Legislaturperiude wurde die Frage des § 175 sogleich in der ersten Lesung der lex Heinze wiederum berührt und zwar von konservativer, national- liberaler und sozialdemokratischer Seite. Der Abgeordnete Himburg sagte nach steno- graphischem Bericht: Meine Herren, ich möchte nun noch eine Angelegen- heit zur Sprache bringen, die mit dem, was uns beschäf- tigt, in gewisser Beziehung steht. Seit einigen Jahren schon sind uns in nicht zu kurzen Zwischenräumen Petitionen zugegangen, welche bezwecken, den § 175 auf- zuheben, der die widernatürliche Unzucht zwischen Per- sonen männlichen Geschlechts bestraft. Diese Petitionen sind vielfach von angesehenen Personen unterschrieben, und die Gründe sind in der Hauptsache die, dass man sagt: wenn derartige Vergehungen vorkommen, sind sie in der Regel auf krankhafte Veranlagung zurückzufuhren. Ka ist wohl ein Zug der Zeit, dass mit der krankhaften Veranlagung in der Justiz zu viel gearbeitet wird (sehr richtig! rechts), dass überhaupt bedenklich viele Freisprechungen auf Grund der Annahme erfolgen, dass da Geistesstörung vorgelegen hat. (Sehr wahr! rechts.) Es ist für mich nicht angezeigt, ein kompetentes Urteil abgeben zu wollen; aber ich spreche die eigene Meinung aus: es ist vielfach aufgefallen, dass, sobald irgend eine strafbare, namentlich eine schwer strafbare Handlung, ein Verbrechen, passiert ist, der Thäter für geisteskrank er- klärt wird. Dass es vorkommen kann, dass aus krank- hafter geistiger Störung Verbrechen — auch gegen § 175 — begangen werden, ist ja zweifellos. Aber dann muss es genügen, dass dies im einzelnen Falle festgestellt wird, und wenn es unbestritten erwiesen ist, Freisprechung er- folgt. Ich halte es aber für unangängig, daraufhin — 279 -^ generell diesen Paragraphen aufzubeben. Es wird viel- fach gesagt: es findet sieb kein rechter Grund für eine derartige Beschränkung über den eigenen Körper. Das mag möglich sein; aber ob Grund oder nicht — ich glaube, wollten wir diesen Paragraphen aufheben, so würde das Volk uns nicht verstehen. (Sehr richtig! rechts.) Dr. Endemann führte aus: Meine Herren, ich wende mich zuerst gegen den letzten Herrn Vorredner und seine Bemerkung über den Paragraphen, der die Homosexualität — um diesen Aus- druck zu gebrauchen — nicht ausser Strafe gesetzt wissen will. Darüber lässt sich ja streiten: ich gestehe offen: ich stehe da auch auf seinem Standpunkt. Endlich kam auch Bebel auf den Gegenstand und führte aus: Meine Herren, die hiesige Polizei, die in Tingel- tangeln und Theatern die grössten Schandstücke unge- hindert aufführen lässt (sehr richtig! links), diese Polizei, und das ist das Punctum saliens der ganzen Frage, hat ein Mass der Duldung gewissen Vorgängen gegenüber und dem, was auf Strassen und in gewissen Häusern sich abspielt, das weit über das Erlaubte hinausgeht. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn hier das Gesetz gehandhabt würde, wie es gehand- habt werden sollte, dann würden in Berlin allein zehn neue Zuchthäuser und Gefängnisse gebaut werden müssen. (Sehr richtig! links.) Da duldet und schweigt die Polizei, da hört und sieht sie nichts, wenn es sich um hohe Damen oder Herren und ihre Thaten handelt. Und um so mehr schweigt und duldet sie und drückt die Augen zu, je höher die Betreffenden stehen. (Sehr wahr! sehr richtig! links.) — 280 — Wir haben in der Kommission hierüber interessante Mit. teilungen gehabt. Weil ich die Beseitigung des § 175 beantragt hatte^ über den ich im Augenblicke nicht sprechen will, wurde auf ausdrückliches Verlangen der Kommission das Berliner Polizeipräsidium seitens der Regierung ersucht, seinen Dezernenten auf dem Glebiete der Sittenpolizei in die Kommission zu schicken. Dieser Herr hat sich in der Kommission allerdings für die Auf- rechterhaltung des § 175 ausgesprochen; aber die That- sachen, die ich angeführt, Thatsachen, Vorgänge, bei denen eine Reihe höchstgestellter Personen, darunter Prinzen und Fürsten beteiligt waren, konnte der Herr nicht widerlegen und hat sie nicht widerlegt. (Hört! hört! links.) IL Abrechnung.* ) Für den Fonds zur Befreiung der Homosexuellen gingen bei dem wissenschaftlich-bumanitären Comitö ein: 1898 Mk. Febr. 25. Cassa-Bestand 407.— März 2. Spende von S. M. 100 aus Essen a. R. 5. — , 21. „ „ J. R. Forster, Zürich. 5 Frcs. = 4.— , 30. „ j, Dorian Gray aus Monte Carlo 100 Frcs. = 80.— April 2. „ « P. S. in München . . 10. — „ 13. n „ X. Z. 2285 aus Berlin . 25.— „ 17. „ „ E. W. H. in L. . . . 5. — Mai 10. , , E. O. in H 1.70 ,19. , „ , Viribus unitis« 20 fl. = 34.— „ , Dorian Gray in Wien 30 fl. == 51.— , 29. „ aus Hamburg 50. — „ 21. „ von Anonymus durch Dr. H. 50. - Juni 3. j, I» A. A. in Genf .... 5. — , F. B. in M 300.— „ O. L. in M 200.— „ 20. „ , O. L. in M 100.— ,24. „ , C. in S 300.- , 27. „ , V. O. in M 20.— Juli 1. „ , Ungenannt aus Danzig 3.— , 26. „ , L. O. in M.-M. . . . 50.— August 3. „ „ E. W. H. in L. . . . 5. — , 22. „ , L. A. in N. P. ... 50.— Sept 3. , „ P. S. in München . . 10.— , , K. S. in München . . 5. — Transport 1770.70 *) I. Abreclinung befindet sich in Dr. Hirscbfeld's Buche „Die homosexucllo Frage im Urtheile der Zeitgenossen" . Transport 1770.70 Okt. 24. Spende von B. in M. durch Dr. G. 300.— ,26. / „ C. A. in E 11.23 ,30. „ ^ R. S. 128 durch Dr. H; 100.— Nov. 10. , , D. in S 100.— „ , ß. W. H. in Ij. ... 5. — ,28. , , einem Nicht-Uniing aus Meran 10 fl. = 16.80 1899. Jan. 7. n » Dorian Gray in Triest 80 fl. = 51.— Febr. 3. i» ». ein. platonisch. Uraniden in Hannover . . 3. — „ 13. ,f „ E. W. H. in L. 5. — , 24. „ , Pheronder in M. . . . 12.25 März 2. , , K. H. in E 20.— April 5. „ , P. S. in M 10.— ' „ 10. , , Dorian Gray in Wien 30 fl. = 51.— Sa. Mk. 2455.98 25/2 98—12/4 99. Ausgaben d. Geschäftsstellle in Leipzig für Druchsachen, Porti, Litteratur, Bucbbin- derkosten, Papier 2C. Mk. 1163.82 25/2 98—12/4 99. Ausgaben d. Geschäftsstelle in Berlin I f. Portospesen, Schreibgebühr., Papier und Propagandazwecke Mk. 1050. — 25/2 98—12/4 99. Ausgaben d, Geschäftsstelle Berlin 11 für Propaganda Mk. 150. — 25/2 98—12/4 99. Ausgaben d. Geschäftsstelle Hannover für Projiaganda- Zwecke Mk. 87.70 1899 April 12. ( 'assa-Uebertrag Mk. 4.46 Mk. 2455.98 1899 April 12. Cassa-Bestand- Vortrag Mk. 4.46 Das wissensehafUUeh^hDmanitära Gomitti. I. A.: Max Spohr, Verlagsbuchh. Leipzig. Es erschienen im Verlag ?on Max Spohr m Leipzig folgende Schriften über perverse Geschlechterichtung: Anrelins, Rubl. Novelle M. 3. — Carpenter, Eduard. Die homogfene Liebe und deren Bedeutung in der freien Gesellschaft. M. 1.20 Ein Weib? Psychologisch-biographische Studie über eine Konträrsexuelle. M. 4. — Frey, Ludwig. Der Epos und die Kunst. Ethische Studien. M. 6. — — Die Männer des Rätsels und der Paragraph 175 des deutschen Reichsstrafgesetzbuches. Ein Beitrag zur Lösung einer biennenden Frage. M. 4. — Grabowsky, Dr. med. Norbert. Die verkehrte Gesehleehts- empflndung^ oder die mannmännlirthe und weibweib- liche Liebe. Zweite verbesserte und vermehrte Aufl. M. 1.20 — Die mannweibliche Natur des Menschen mit Be- rücksichtigung des psychosexuellen Hermaphroditis- mus. M. 1. — Grobe, Dr. Melchior. Der Urning vor Gericht. Ein forensischer Dialog. M. — .50 Halm, M. Die Liebe des Uebermenschen. Ein neues Lebensgesetz. M. 1. — Hartmann, O. O. Das Problem der Homosexualität im Lichte der Schopenhauer^schen Philosophie. M. 1. Hermann, Hans. Die Schuld der Väter oder Ist die gleichgeschlechtliche Liebe eine Sünde? Roman. M. 2.— Hirschfeld, Dr. med. M. Die homosexuelle Frasre im Urteile der Zeitgenossen und der Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuchs. M. 1.50 Ist ,,freie Liebe" Sittenlosigkelt? Vom Verfasser des Buches „Der Konträrsexualismus inbezug auf Ehe und Frauenfrage ". M. 2. — de Jonx, Otto. Die Enterbten des Liebesglückes oder Das dritte Geschlecht. II. Aufl. M. 4. — — Die hellenische Liebe in der Gegrenwart. Psycho- logische Studien. Mit dem Portrait des Verfassers. M. 4.— Konträrsexualismus, Der^ InbezugraufEheundFrauen- fragre. M. —.80 Laurent, Dr. Emil^ früher Arzt im Hauptkrankenhause der Pariser Gefängnisse. Die krankhafte liebe. Eine psycho-pathologische Studie. M. 4. — liamien, Dr. med. Th. Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? M. 1. — Sero, Os. Der Fall Wilde und das Problem der Homo- sexualität. Ein Prozess und ein Interview. M. 1.50 Thal, Wilhelm^ Der Roman eines Konträrsexuellen. M. 1.80 ririclis, Karl Heinrich, (Numa Numantius). Vindex. Sozial-juristische Studien über mannmännliche Ge- schlechtsliebe. M. 1. — — Inclusa. Anthropologische Studien über mannmänn- liche Geschlechtsliebe. M. 1.50 — Vindicta. Kampf für Freiheit von Verfolgung. M. 1.— — Formatrix. Antropologische Studien über urnische Liebe. M. 1.50 — Ära spei. Moralphilosophische und sozialphilosophische Studien über urnische Liebe. AI. 2. — — Gladius fUrens. Das Naturrätsel der Umingsliebe und der Irrtum als Gesetzgel)er. M. 1. — Ulrichs, Karl Heinrich, (Nuraa Numantius). Memnon. Die Geschlechtsnatur des mannliebenden Urnings. Körperlich-seelischer Hermaphroditismus. M. 4. — — Incubus. Umingsliebe und Blutgier. M. 1.50 — Argronauticus. Zastrow und die Urninge des pietist- ischen, ultramontanen und freidenkenden Lagers. M. 2.— — Prometheus. Beiträge zur Erforschung des Natur- rätsels des Uranismus und zur Erörterung der sitt- lichen und gesellschaftlichen Interessen des Urning- tums. M. 1.50 — Araxes. Ruf nach Befreiung der Urningsnatur vom Strafgesetz. M. 1. — — Kritische Pfeile. Denkschrift über die Bestrafung der Umingsliebe. M. 2. — von Wilpert, Das Recht d. dritten Geschlechts. M. 1.— Durch die Verlagsbuchhandlung Hax Spohr in Leipzig sind ferner zu beziehen: von Erkelenz, Strafgresetz und widernatürliche Unzucht M. 1.— BafTaloYlch, Die Entwickelungr der Homosexualität M. 1.20 Hol], Die conträre Sexualempflndung UL Aufl. M. 10. — — Libido sexuaUs n Bände. L Band 6 M.K^ ,^ n. . 12 „ f^' 18-- Laurent, Zwitterbildungren M. 5. — Ellis & Symonds, Das conträre GeschlechtsgrefUhl M. 6.— Outtzeit, Naturreeht oder Verbrechen? M. 1.20 Krafltt-Ebing, Psychopathia sexualis. 10. Aufl. M. 9.— — Neue Forsehungren auf dem Gebiete der Psycho- pathia sexualis« U. Auflage. M. 3.60 — Der Konträrsexuale vor dem Strafrichter. M. 3.— Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen II. Jahrgang. Rosa Bonheup (nach der letzten Photographie), berühmte französische Tiermalerin, verstorben im Mtä 1899, seelisch und körperlich ausgesprochener TTpns einer sexuellen Zwischenstufe, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen mit besonderer BerUckslohtigrungr der Homosexualität. Herausgegeben unter MitAvirkung namhafter Autoren im Namen des wissenschaftlich-humanitären Comitöes von Dr. med. Magnus Hirschfeld, prakt. Arzt in Charlottenburg II. Jahrgang. Leipzig Yerlag von Max Spohr, 1900. Inhalts-Verzeiehnis. Die Behandlung der Homosexualität von Dr. Albert Moll-Berlin 1 Schützt § 175 RechtsgrilterV 30 Ein bisher ungedrucktes Kapitel Über Homosexualität aus der Entdeckung der Seele von Profi Dr. Gustav Jäger-Stuttgart 53 Päderastie und Tribadie bei den Tieren auf Grund der Literatur von Prof. Dr. Karsch-Berlin . . . 126 Säugetiere (Mammalia) 127 Vögel (Aves) 130 Lurche (Amphibia) 136 Insekten (Hexapoda) 136 Spinnentiere (Araohnoidea) 149 Literatur 155 Urteile römisch-katholischer Priester über die Stellung des Christentums zur staatlichen Bestrafung der gleich- geschlechtlichen Liebe. Erklärungen römisch- katholischer Priester 161 Welche Stellung hat die christliche Kirche zu der gleich- geschlechtlichen liebe und ihrer staatlichen Be- straAing einzunehmen? Von einem evange- lischen Theologen 204 Die Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen von Dr. phiL Arduin-Berlin 211 17 Fälle von Koinoidenz von Geistesanomalien mit Psendo- hennaphroditismus von Dr. Franz v. Neugebauer- Warschau 224 Michel Angelo*s Umingtum von Dr. jur. N. Prätorius . 254 Georges Eekhoud. (Vorwort.) 268 ^ n ^ tJn illustre uraniBte du XVIIe. siöole J^rdme Daquesiioy par G. Eeckhoud-Brüssel 277 David und der heilige Angustin, zwei Biaezuelle . 288 Ana dem Leben eines Homosexuellen, Selbstbiographie . . 295 Ein Fall von Effemination mit Fetisohismus .... d24 Die Bibliographie der Homosexualität .für das Jahr 1899, sowie Nachtrag zu der Bibliographie des ersten Jahrbuchs von Dr. jur. N. Prätorius . 945 Zeitungsausschnitte 446 Aufruf 475 Abrechnung 479 ie Behandlung der Homosexualität von Dr. Albert Moll (Berlin). Die Frage einer ärztlichen Behandlung des gleich- geschlechtlichen Triebes ist im Laufe der letzten Jahre oft erörtert worden. Die frühere Meinung, dass man von jeder Behandlung absehen solle, hat dabei immer mehr Anhänger verloren, ohne dass aber hinsichtlich aller ein- schlägigen Fragen eine Uebereinstimmung erzielt worden wäre. Die früher vielfach angenommene Unmöglichkeit den homosexuellen Trieb in einen heterosexuellen zu ver- wandeln, hat jedenfalls angesichts einer ganzen Reihe von Erfahrungen der letzten Jahre ihre Berechtigung verloren. Am meisten Abneigung gegen eine Behand- lung findet man wohl bei den Homosexuellen selbst. Wollte man eine Abstimmung in den Kreisen der Homo- sexuellen — sowohl der Männer als der Frauen — ver- anstalten, so würde sich eine überwiegende Majorität gegen die Behandlung aussprechen. Die meisten Homo- sexuellen sind weder geneigt, ihren Trieb als einen krimi- nellen oder unsittlichen noch als einen krankhaften hin- zustellen, und eine gewisse Anerkennung der pathologischen Natur ihres Triebes würde anscheinend in der Forderung ärztlicher Behandlung liegen. Vergessen wir aber nicht, dass bei den Homosexuellen dieselbe Erscheinung be- obachtet werden kann, die man so oft im Leben findet, dass nämlich jeder sich nach seinem individuellen Stand- Jahrbuch IT. \ _ 2 — punkt die Welt zurecht legt. Eine wirkliche Objektivi- tät ist eine seltene Erscheinung. Objektivität ist aber notwendig, um möglichst vielen gerecht zu werden. Selten ist jemand dazu geneigt, seine eigenen Handlungen für krankhaft oder verwerflich zu halten und ihre moralische oder gerichtliche Verurteilung als berechtigt anzusehen. Man sucht allerlei Gründe heraus, um zu beweisen, dass der eigene Standpunkt der richtige sei, und dies ist auch mit den Homosexuellen der Fall. Es werden von Homosexuellen Analogien hervor- gesucht, um zu beweisen, dass ihr Zustand nichts Krank- haftes sei. Man weist darauf hin, dass es auch bei den Thieren solche gebe, die unfruchtbar und doch nicht krank sind, beispielsweise unter den Bienen. Die Natur habe, so schliessen diese Leute, vielleicht einen bestimmten Zweck im Auge gehabt, indem sie den Homosexuellen ihren Trieb gab, ebenso, w*ie sie eine Absicht gehabt habe bei den sich nicht fortpflanzenden Bienen. Indessen darf man mit solchen Analogien nicht zu w^eit gehen. Was für die Tiere gilt, braucht nicht für den Menschen zu gelten. Der Umstand, da&s die Natur eine bestimmte Absicht gehabt habe bei der SchaiFung der Homosexuellen spräche an sich auch gar nicht gegen den Begriff der Krankhaftigkeit. Es ist gerade in der neueren Zeit viel* fach die Meinung geäussert worden, dass die Unfrucht- barkeit mitunter für einen bestimmten Zweck recht vor- teilhaft sei, trotzdem aber als krankhaft angesehen werden müsse. Das Studium der Entartung hat ergeben, dass sich bei den Nachkommen von Nervenkranken mitunter die Störungen der Vorfahren in erhöhtem Grade bemerk- bar machen, und dass schliesslich in der zweiten oder dritten Generation die Entartungserscheinungen so sehr zunehmen, dass damit auch eine Zeugungsunfähigkeit einhergeht. Eis stammt etwa von einer hysterischen Mutter eine Tochter, die in späteren Jahren geisteskrank — 3 — wird, und diese Tochter zeugt ein idiotisches Kind, bei dem eine Fortpflanzungsiuögliehkeit überhaupt nicht be- steht. Es wird angenommen, da^s die Natur in solchen Fällen gewissermassen eine Selbstkorrektur vornimmt, um pathologische Individuen an der Fortpflanzung und Weitervererbung ihrer für die Menschheit schädlichen Eigenschaften zu verhindern. Daraus geht schon hervor, dass etwas für die Allgemeinheit zweckmässig, trotzdem aber beim Individuum krankhaft sein kann. Wenn also auch die Natur bei den Homosexuellen ebenso eine Ab- sicht gehabt hat, wie bei der Schaffung nicht fortpflanzungs- fähiger Bienen, so folgt daraus noch gar nichts gegen die Krankhaftigkeit dieser Affektion. Auch der von psychiatrischer Seite gemachte Ein- wurf, dass die Homosexualität an sich gar nichts Krank- haftes sei, da sie sich bei vielen durchaus normalen Schülern fände, entspringt einer irrtümlichen Auffassung. Eine Erscheinung, die im Alter von IG, 17 Jahren nicht krankhaft zu sein braucht, kann bei einem dreissigj ährigen Manne krankhaft sein. Ein geistiges Niveau, das bei einem dreijährigen Kinde normal ist, werden wir als krankhaft ansehen müssen, wenn wir es bei einem zehn- jährigen finden, und ähnlich liegt es mit homosexuellen Erscheimmgen. In der Zeit der frühen Jugend, d. h. der des nicht differenzierten Geschlechtstriebes, über die ich noch sprechen werde, kann es in der That vorkommen, dass homosexuelle Erscheinungen auftreten, die man nicht als etwas Krankhaftes anzusehen braucht. Ich betrachte aber die ausgesprochene Homosexualität des erwachsenen Individimms als eine durchaus pathologische Erscheinung. In neuerer Zeit ist vielfach versucht worden, die Homosexualität mit der Hemiaphrodisie in Verbindung zu bringen, indem man darauf hinwies, dass die Rudi- mente weiblicher Geschlechtsorgane auch beim Manne, die Rudimente männlicher Geschlechtsorgane auch beim 1* — 4 — Weibe unter normalen Verhaltnissen vorhanden sind. Man hat nun, auf die Keinianlage zurückgehend^ hieraus weitere Schlüsse auch für die Homosexualität zu ziehen gesucht, indem man sie auf die abnorme Entwickelung einer Keimanlage zurückführte, die 'sonst latent bliebe. Nach dieser Theorie, wird angenommen, dass jeder Mann nicht nur die Keinianlage für weibliche und männliche Geschlechtsorgane habe, sondern auch für beide Arten des Triebes, das heisst für den zum Manne und den zum Weibe. Bei dem normalen Manne blieben aber die weiblichen Geschlechtsorgane nur rudimentär und ebenso entsprechend der auf den Mann gerichtete Trieb , bei dem homosexuellen Manne hingegen entwickele sich im Widerspruch mit der peripheren Ausbildung der Ge- schlechtsorgane der Trieb zum Manne, der normaliter nur latent sei. Umgekehrt läge die Sache beim Weibe, wo die männlichen Geschlechtsorgane als Rudiment vor- handen sind, während sich beim homosexuellen Weibe der Trieb zum Weibe abnormer Weise ausbilde. Wenn wir uns auf diesen Standpunkt stellen, werden wir die grosse Verwandtschaft, die die Homo- sexualität mit gewissen Miss bildun gen bietet, aner- kennen müssen. Ein Mensch, der an den Geschlechts- teilen äusserlich wie ein Weib gestaltet ist, aber dabei männliche Hoden hat, wird von uns nicht in dem gewöhnlichen Sinne als krank bezeichnet werden. Wohl aber fassen wir derartige Missbildungen unter dem viel weiteren Begriff des Krankhaften oder Pathologischen zusammeu, und wir werden gerade solchen Missbildungen die Homosexualität an die Seite stellen müssen. Die Disharmonie des Geschlechtstriebes und der (ieschlechtsorgane bietet die grösste Verwandtschaft mit den Missbildungen dar. Es ist auch bereits die Homo- sexualität aus diesem Grunde mit der Zwitterbildung vorglichen worden, ja von Eduard von Hartmann 5 ist sogar der Name Leibseelenzwitter für diese Erscheinung gebraucht worden. Der Begriff der Krankhaftigkeit wird mitunter da- von abhängig gemacht, ob etwas angeboren oder erworben ist, und gerade für das Geschlechtsleben wird hierauf besonderes Gewicht gelegt. Man will offenbar Zustände, die durch grobe Unsittlichkeit und Ausschweifungen ent- standen sind, nicht mit jenen, die auf einer angeborenen Disposition beruhen, auf eine Stufe stellen. Nehmen wir an, dass ein Manu nur Neigung zu unreifen Kindern hat, und dass ihn allerlei Ausschweifungen zu dieser Neigung geführt haben. Man ist in solchen Fällen nur zu leicht geneigt, den Betreffenden, wenn er sich an einem Kinde vergreift, als einen Lüstling, nicht aber als einen patho- logischen Menschen anzusehen. Indessen kann ich diese Auffassung nicht für ganz richtig halten. Wenn eine bestimmte Erscheinung da ist, so kann der Begriff der Krankhaftigkeit nicht davon abhängen, wie sie entstanden ist. Wenn ich einen Menschen habe, der blödsinnig ist, so ist es für die Zurechnung zum Krankhaften gleichgiltig, ob bei dem Betreffenden der Blödsinn angeboren oder sonstwie entstanden ist. Der Begriff des Erworbenen wird gern mit dem Begriff der Verschuldung zusammen- gebracht, und damit wird ein Moment in die ärztliche Wissenschaft hineingetragen, das eine moralische, vielleicht auch eine forensische, jedenfalls aber keine ärztliche Be- deutung hat. Es mag mir jemand, der eine angeborene Krankheit hat, sympathischer sein als ein mit einer er- worbenen Krankheit behafteter, weil er sie nicht selbst verschuldet hat. Die Krankhaftigkeit des Zustandes darf aber nicht nach einer derartigen Sympathie oder Anti- pathie beurteilt werden. Die Differenzen über die Frage ob die Homosexualität eine angeborene oder erworbene Erscheinung ist, haben also für die Frage ob sie krank- haft ist oder nicht, keine Bedeutung. — G — Ich sprach bereits früher von den Beziehungen der Homosexualität zu den Missbildungcn. Diese Erörterungen sind auch fiir die Frage der ärztlichen Behandlung von grosser Bedeutung. Denn selbst diejenigen Homosexuellen, die sich nicht als krank betrachten, werden dann in der Notwendigkeit einer ärztlichen Behandlung keineswegs etwas zu sehen brauchen, was ihre Krankheit bewiese. Man braucht sich dann darüber nicht erst langen Dis- kussionen hinzugeben, da ja auch Menschen, die nicht in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes krank sind, oft genug einer ärzlichen Behandlung l'cdürfen. Jemand, der eine angeborene Hasenscharte hat, ist nicht krank; aber die Hasenscharte ist als etwas Krankhaftes anzusehen, und jedenfalls sind die sozialen Schädigungen durch eine solche Missbildung derartig grosse, dass der Betreffende gern von seiner Missbildung befreit sein möchte. Wir können bei der Homosexualität etwas Aehnliches fest- stellen. Der Betreffende ist durch die Homosexualität oft ganz erheblich sozial geschädigt; ob mit Recht oder mit Unrecht, soll hier nicht untersucht werden, ebenso- wenig, wie es untersucht werden soll, ob jemand, der eine Hasenscharte hat, deshalb die Schädigung mit Recht erfährt. Jedenfalls besteht diese, ohne dass der Betreffende sie irgendwie verschuldet hätte. Wenn wir dies berücksichtigen, werden wir auch aus rein äusserlichen Gründen die Frage einer Behandlung der Homosexualität in Erwägung ziehen müssen, und zwar zunächst ganz unabhängig davon, ob diese krank- haft ist oder nicht. Thatsächlich ist der Homosexuelle heute zahlreichen Gefahren ausgesetzt. In den meisten Kreisen der Heterosexuellen wird schliesslich die Homo- sexualität oder vielmehr der homosexuelle Geschlechts- verkehr als etwas besonders Unsittliches angesehen. Der Betreifende ist in den meisten Kreisen, wenn sein Ver- kehr bekannt wird, sozial geächtet. Auch Männer, die — 7 — im heterosexuellen Verkehr die perversesten Handlungen fiir erlaubt halten und selbst ausführen, erblicken in dem homosexuellen Verkehr von Männern oder auch von Frauen etwas Verdammenswertes. Sogar in den Kreisen der prostituirten Frauen, wo die Homosexualität stark blüht, wird der homosexuelle Verkehr geächtet, und manche Prostituirte sucht ihn Anderen gegenüber zu verschweigen, bloss aus Furcht, sonst besonders vei achtet zu werden. Teilweise hat sich zwar in den Ki eisen gebildeter Männer der Abscheu gegen den homosexuellen Verkehr im Laufe dor letzten Jahre, und zwar auf Grund der wissenshaft- lichen Forschungen, etwas gemindert, aber bei der Masse des Volkes besteht er zweifellos nach wie vor. Wir haben ferner mit der Thatsache zu rechnen, dass mancher homosexuelle Verkehr immer noch unter Strafe gestellt ist, so dass hieraus für den Homosexuellen besondere Scliwierigkeiten hervorgehen. Von dieser Furcht vor Strafe oder gesellschaftlicher Aechtung leben eine ganze Anzahl Menschen, die die Angst der Homo- sexuellen zu allerlei Erpressungen benutzen. Mehrfach ist bereits ein vollständiger Vermögensverlust Homo- sexueller dadurch herbeigeführt worden. Diese fort- währenden Aufregungen, die die Furcht vor Erpressungen Strafen u. s. w. mit sich bringt, sind natürlich auch in gesundheitlicher Beziehung nicht gleichgiltig. Manche neurasthenische Erscheinung, die sich bei Homosexuellen findet, darf auf diese beständigen Erregungen zurückge- führt werden. Zwar gehen viele nervöse Symptome aus der allgemeinen neuropathischen und psychopathischen Konstitution einer grossen Zahl Homosexueller hervor; es ist aber nicht mit Unrecht darauf hingewiesen worden, dass diese fortwährende Angst vor Entdeckung auch einen Teil der Ursachen bildet. Endlich werden wir fest- stellen müssen, dass, selbst wenn die Vorurteilslosigkeit noch so gross wird, gewisse Formen der Homosexualität — 8 — doch stets unter Strafe gestellt bleiben werden^ nämlich der Verkehr mit Knaben. Es giebt aber eine Anzahl Homosexueller, die allerdings die Minorität bilden, bei denen die Neigung auf derartige uureife Individuen ge- richtet ist, ähnlich wie es Männer mit Neigung zu un- reifen Mädchen giebt Alle diese Momente lassen dem Homosexuellen ofl eine ärztliche Beeinflussung seines Triebes wünschens- wert erscheinen. Auch das Unvermögen zahlreicher Homosexueller, den Koitus mit dem Weibe auszuüben und der Wunsch, sich einen eigenen Hausstand zu gründen und Nach- kommenschaft zu zeugen, spielen weiter als Beweggründe zur ärztlichen Behandlung eine grosse Rolle. In einzelnen altadeligen Familien kann besonders das letztere Moment eine hohe Bedeutung gewinnen. Der Wunsch der Ange- hörigen des Homosexuellen oder der des letzteren selbst, den Stamm nicht erlöschen zu lassen, bringt das Ver- langen zur Ehe und zur Fortpflanzung hervor. Nun ist aber die Homosexualität oft mit einer Impotenz gegen- über dem weiblichen Geschlecht verbunden, und ganz besonders ist dies in den schwersten Fällen, wo eine voll- ständige Umkehrung des Gesclilechtstriebes vorliegt, ge- wöhnlich der Fall. Ein homosexueller Mann, der nur gegenüber dem erwachsenen reifen Manne sexuelle Em- pfindungen hat, zeigt häufig grossen Abscheu gegenüber der körperlichen Berührung durch das Weib. Die Ekel- gefühle wiegen dann so stark vor, dass selbst unter Zu- hilfenahme von allerlei Phantasievorstellungen und künst- lichen Erregungsmitteln eine Erektion, die Vorbedingung zum Koitus, nicht zu Stande kommt. Jedenfalls giebt es Fälle, wo die Impotenz gegenüber dem Weibe den Homosexuellen zum Arzt führt. Was übrigens den letzteren Fall betriflFt, wo sieh der Homosexuelle an den Arzt wendet, um Kinder zeugen zu — 9 — können, so muss hier eine besondere Erwägung stattfinden. Soll der Arzt sein Möglichstes thun, den Homosexuellen zur Fortpflanzung fähig zu machen oder nicht? Wir haben zu bedenken, dass die Homosexualität vielfach als ein Degenerationszeiohen, und zwar als ein schweres an- gesehen wird. Freilich bestreiten viele Homosexuelle die Berechtigung zu dieser Annahme, und man kann auch mitunter selbst bei eifrigem Nachforschen in der Familie keine erblich belastenden Momente finden. Andererseits aber bin ich auf Grund zahlreicher Erfahrungen zu der Ueberzeugung gekommen, dass in der Mehrzahl von Fällen, insbesondere bei einer Umkehning des Geschlechtstriebes, schwere belastende Aüektionen in der Familie festgestellt werden können: Geisteskrankheit der Eltern oder eines derselben, Geisteskrankheit der Geschwister, Selbstmorde? Zwangsvorstellungen, Hysterie, Epilepsie und das ganze Heer der übrigen erblichen belastenden Momente finden sich in mehr oder weniger grosser Zahl. Und wenn wir bedenken, dass durch die Fortpflanzung des Homosexuellen die weitere Vererbung, ja die Vermehrung der Belastung für die Nachkommenschaft zu befürchten ist, so werden wir uns immerhin die Frage vorzulegen haben, ob wir Aerzte dazu unsere Hilfe gewähren sollen. Eine kleine Abschweifung über den Beruf des Arztes mag hier ein- geschaltet werden. Hat der Arzt überhaupt die Aufgabe, für das Wohl der nächsten Generation, die noch gar nicht vorhanden ist, zu sorgen? Die Stellung des Arztes kann man im Grossen und Ganzen als ein rein persönliches Vertrags- verhältniss zwischen ihm und seinem Klienten betrachten. Der Arzt hat auf Grund dieser Beziehungen für die Ge- sundheit eines Patienten zu sorgen. Die praktischen Ver- hältnisse haben allerdings längst zu einer Erweiterung dieser Aufgabe geführt. Der Geburtshelfer hat die Pflicht, nicht nur für die Gesundheit der Gebärenden, sondern — 10 — auch für die des Kindes nach Möglichkeit Sorge zu tragen. Hier konnte man aber annehmen, dass die Pflicht, für das zu gebärende Kind zu sorgen, aus dem Vertragsver- hältniss hervorgeht, das zwischen dem Arzt und der Ge- bärenden besteht. Wenn aber das Kind überhaupt noch nicht gezeugt ist, so liegt die Sache anscheinend anders. Wir haben aber zu berücksichtigen, dass der Arzt ausser seiner unmittelbaren Berufspflicht gegenüber seinen Klienten auch andere Pflichten hat, und zwar hat er besondere Pflichten gegen den Staat, als Mensch auch allgemeine moralische Pflichten gegenüber der Gesellschaft. Die An- zeigepflicht bei Seuchen ist z. B. eine Pflicht, die dem Staate gegenüber erfällt wird. Als Mensch hat er für die Brauchbarkeit der kommenden Generation mit zu sorgen. Setzen wir einmal folgenden Fall, ohne zunächst zu berücksichtigen, ob er thatsächlich vorkommt oder nur theoretisch konstruirbar ist. Es ist bei einer Ehe mit Sicherheit die Zeugung idiotischer Kinder vorauszu- sehen; der Ehemann hat den ausgesprochenen Wunsch, Kinder zu zeugen, die Anwendung von Präservativmitteln ist also nicht zu erwarten. Es wird unter diesen Um- ständen gewiss niemand verlangen, dass der Arzt durch seine Ratschläge die Zeugung noch erleichtert. Minde- stens wird man den Arzt, der in solchem Falle die Be- handlung einer Impotenz ablehnt, einen Vorwurf kaum machen dürfen. Der Arzt sorgt dann allerdings nicht für die Gesundheit seines Klienten, weil er durch eine höhere Pflicht davon abgehalten wird. Er erfüllt eine allgemein menschliche Pflicht, wenn er in einem solchen Falle die Behandlung verweigert. Er lehnt es gewisser- massen ab, den gewünschten Vertrag mit seinem Klienten einzugehen. Nehmen wir nun den Fall an , dass ein Homo- sexueller die Behandlung wünscht, um Kinder zeugen zu kfWincn, der Arzt aber fest überzeugt ist, dass nur schwer — 11 — degenerierte Nachkommen gezeugt werden würden. Hat in diesem Falle der Arzt das Recht, die Behandlung ab- zulehnen, oder muss er dem Wunsche des Patienten nach- kommen? Ich habe keinen Zweifel, dass der Arzt sehr wohl berechtigt ist, die Behandlung abzulehnen; denn er hat sich weder durch seine Niederlassung, noch auch sonst irgendwie verpflichtet. Jeden bedingungslos zu be- handeln ; er wird vielmehr stets seine allgemeinen Beding- ungen für die Behandlung aufstellen dürfen, und wenn dies der Fall ist, ist der Arzt auch berechtigt, aus all- gemein menschlichen Motiven, z. B. wenn er glaubt, dass aus der Behandlung Unheil hervorgehen muss, diese ab- zulehnen. In Wirklichkeit wird natürlich kaum jemals mit Sicherheit vorausgesagt werden können, dass schwere Degeneration bei den Kindern auftreten wird. Es giebt aber Fälle, wo dies mit einer grossen Wahrscheinlichkeit vorausgesehen werden kann: wenn nämlich viele und schwere belastende Krankheiten in der Familie vorge- kommen sind und der betreffende Homosexuelle selbst schwere Degenerationszeichen darbietet. In solchen Fällen halte ich den Arzt für berechtigt, ja unter Umständen für verpflichtet, den W^unsch des Patienten abzuschlagen. Im Grossen und Ganzen wird dies aber kaum oft der Fall sein. Meistens sind diese oder jene Degenerations- zeichen in der Familie vorgekommen; aber nur selten kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Degene- ration der Nachkommen vorausgesagt werden. Daher wird der Arzt, wenn wir von den oben angedeuteten seltenen Ausnahmefällen absehen, vom ärztlichen und vom rein menschlichen Standpunkt aus, durchaus berechtigt sein, die Homosexualität des Patienten in Behandlung zu neh- men und den Versuch zu machen, ihn in einen Hetero- sexuellen zu verwandeln. — 12 — Mehrfach wurde vorgeschlagen, prophylaktische Maassregeln zu ergreifen, die die Entwickelung der Homo- sexualität hindern sollen. Sie lassen sich aber praktisch nicht so einfach durchführen, abgesehen davon, dass ihr Wert selbst teilweise noch recht problematisch ist. Es wird besonders auf eine gute psychische und moralische Erziehung, auf Vermeidung der Masturbation, auf Ver- hinderung eines zu ze'tigen Erwachens des Geschlechts- triebes hingewiesen. Auch der Verkehr mit Mädchen und besonders die gemeinsame Erziehung mit ihnen wird angeraten. Vorbeugungsmassregeln kann man nun gegen die Homosexualität in zweifacher Weise anwenden; erstens indem man alle Kinder prophylaktisch erzieht, damit sich eine Homosexualität nicht entwickelt, und zweitens indem man bei Kindern, die zur Homosexualität disponiert sind> in der angedeuteten Weise Massregeln ergreift. Was aber den letzteren Punkt betrifft, so ist gerade die Feststellung der Disposition zur Homosexualität nicht ganz leicht. Dies wird klarer werden, wenn wir uns über die ange- borene und erworbene Homosexualität aussprechen. Es werden gewöhnlich diese beiden Formen unterschieden* doch ist diese strenge Scheidung nicht ganz gerechtfertigt. Um uns aber zu verständigen, bemerke ich, dass das Wort „angeboren" nicht ganz genau ist und besser durch das W^ort , eingeboren" ersetzt wird; auch der normale Ge- schlechtstrieb ist nicht etwas Angeborenes, sondern höch- stens kann man sagen, dass die Disposition, die Anlage dazu angeboren ist. Angeboren kann nur das sein, was im Augenblicke der Geburt vorhanden ist, nicht aber das, was sich später entwickelt. So ist auch der Bart nicht angeboren, die Zähne sind nicht angeboren, sondern nur die Keime dazu. Diese Scheidung von Angeborenem und Eingeborenem ist nicht ganz gleichgiltig, weil sonst nur zu leicht Miss Verständnisse eintreten. Ich erwähnte — 13 — eben schon, dass auch der normale Geschlechtstrieb nicht etwas Angeborenes, sondern etwas Eingeborenes ist, da er sich ja erst Jahre nach der Geburt entwickelt. Wir haben zunächst zu untersuchen, ob sich nicht auch hei angeborener Disposition zum normalen Geschlechts- trieb ein homosexueller entwickeln kann. Zur Entwicke- lung des normalen Triebes sind auch bei angeborener An- lage zu demselben günstige Bedingungen notwendig, ebenso wie zur Entwicklung der normalen Zähne. Zähne, die die Neigung haben, gerade zu wachsen, können sich unter Umständen schief entwickeln, wenn man künstliche Wider- stände schafft, das heisst die normale Anlage kommt nur dann zur Entwickelung, wenn auch normale Bedingungen vorhanden sind, und ebenso können wir annehmen, dass auch der normale eingeborene Geschlechtstrieb nur dann zur Entwickelung kommt, wenn günstige Bedingungen vorhanden sind. Ist dies nicht der Fall, so könnte sehr wohl durch Einflüsse intra vitam eine Abänderung des Triebes eintreten. Ein dauerndes Zusammensein mit dem männlichen Geschlecht könnte bei solcher Disposition vielleicht dazu führen, dass sich die Heterosexualität nicht entwickelt. Würde aber nun hieraus etwa jemand den Schluss ziehen, dass mithin der homosexuelle Trieb etwas Erworbenes sei, so ist darauf zu erwidern, dass dieser Schluss gerade verkehrt ist. Denn beim normalen Knaben führt ein lange dauerndes Zusammensein mit männlichen Personen durchaus nicht zur Homosexualität. Wenn sich diese also doch entwickelt, darf eine angeborene Anlage zu ihr vermutet werden. Ausserdem sprechen zahlreiche Analogien dafür, dass man wenigstens in einer grossen Anzahl von Fällen eine angeborene Anlage für die Homosexualität annehmen muss. Die Richtung des Geschlechtstriebes gehört zu den sogenannten sekundären Geschlechtscharakteren, ähn- lich wie der Bart des Mannes, die Brustdrüse des Weibes, — 14 — die spezifisch mäDnliche und spezifisch weibliche Kehl- kopfbilduDg usw. usw. Ebenso aber, wie wir finden, dass auch von diesen körperlichen Geschlechtscharakteren oft genug der eine oder der andere auf das falsche Geschlecht übergeht, das heisst sich konträr entwickelt, ebenso können wir dies auf Grund der Analogie von dem Geschlechts- triebe a priori vermuten. Erkennen wir aber auch an, dass die Anlage zu der Homosexualität angeboren ist, so folgt daraus nicht, dass sich die Homosexualität entwickeln m u s s. Aehnlich vielmehr, wie wir beim normalen Triebe sahen, dass ausser der angeborenen Anlage günstige Bedingungen im Leben notwendig sind, um ihn zur Entwickelung kommen zu lassen, ebenso ist es denkbar, dass auch der homosexuelle Trieb durch günstige Massnahmen intra vitam an der Entwickelung gehemmt werden kann, selbst wenn die An- lage zu ihm vorhanden ist. Dasselbe folgt auch aus der ärztlichen Umwandlung des homosexuellen Triebes in den heterosexuellen. Es ist in neuerer Zeit mehrfach von Erfolgen in dieser Beziehung berichtet worden. Wenn aber hieraus bedingungslos auf das Erworbene des homo- sexuellen Triebes geschlossen wird, so ist dies insofern falsch, als auch eingeborene Eigenschaften zuweilen um- gewandelt werden können. Man wird daraus ersehen, wie schwierig es ist, die scharfe Trennung in eingeborene und erworbene Homosexualität aufrecht zu erhalten. Ohne eine angeborene Anlage wird sich schwerlich eine Homo- sexualität entwickeln. Es ist nun behauptet worden, dass sich durch ge- eignete prophylaktische Massregeln bei dem Individuum die Entwickelung der „erworbenen* Homosexualität ver- hindern lasse. Wir haben aber eben gesehen, dass man den Wert der prophylaktischen Massregeln für die er- worbene Form schon deshalb nicht überschätzen darf, weil die scharfe Trennung in erworbene und angeborene — 15 — Homosexualität nicht berechtigt ist. Daraus folgt natür- lich nicht, dass man keine prophylaktischen Alassregeln ergreifen soll. Denn wie ich bereits erwähnte, können angeborene Dispositionen durch geeignete Massregeln mit- unter beeinflusst werden, und in dieser Beziehung ist auch von anderer Seite vorgeschlagen worden, prophylaktische Massregeln bei Kindern zu ergreifen, die Neigung zur Homosexualität zeigen. Aber auch in dieser Hinsicht müssen wir deshalb vorsichtig sein, weil sich die ange- borene Disposition zur Homosexualität keineswegs so leicht feststellen lässt. Viele Männer und Frauen, die «sich später homo- sexuell entwickelt haben, geben an, dass sie stets in ihrer Kindheit nur für das gleiche Geschlecht Neigung hatten, dass sie bereits lange vor der Mannbarkeit derartige Neigungen gehabt hätten. Man könnte anscheinend hier- aus schliessen, dass alle Kinder, bei denen sich Neigung zum gleichen Gechlecht zeigt, als zur Homosexualität disponierte angesehen werden müssen. Ebenso geben viele später homosexuell gewordene Männer an, dass sie schon in der Kindheit das Wesen kleiner Mädchen hatten, sie hätten mit Puppen gespielt, die wilden Knabenspiele ver- abscheut, Handarbeiten und dergleichen seien ihre Lieb- lingsbeschäftigung gewesen. Man hat also hierin an- scheinend gewisse Anhaltepunkte, die homosexuellen Dis- positionen fest zu stellen. Was aber die gleichgeschlecht- lichen homosexuellen Neigungen in der Kindheit betrifft, so wollen wir nicht vergessen, dass die Kinder sie auf jede W^eise zu verheimlichen suchen, und es wird jeden- falls in zahlreichen Fallen gar nicht leicht sein, bei den leidenschafllichen Freundschaften zwischen Knaben oder auch den leidenschaftlichen Neigungen eines Knaben zu seinem Lehrer den sexuellen Hintergrund fest zu stellen. Hierzu kommt aber noch ganz besonders der Umstand, dass homosexuelle Neigungen in der Kindheit und mädchen- — 16 — hafte Neigungen von Knaben, knabenliafte von Mädchen keine homosexuelle Disposition für später verraten. Es wurde in neuerer Zeit, besonders von Max Dessoir, darauf hingewiesen, dass der Geschlechtstrieb zwei Perioden dar- bietet, eine, wo er undifferenziert ist, und eine andere, wo er differenziert ist. Vor der Pubertät, manchmal auch während der ersten Jahre derselben, zeigt sich der un- differenzierte Geschlechtstrieb. Die sexuelle Neigung des Betreffenden richtet sich dann auf irgend ein beliebiges Objekt, mag es ein Mann oder ein Weib, ein Knabe oder ein Mädchen sein; ja selbst Thiere sind nicht ausge- schlossen. Nur vom Zufall soll es abhängen, wohin sich der Trieb wendet Aus diesem undifferenzierten Ge- schlechtsgefühl entwickelt sich später das differenzierte, indem um die Zeit der Pubertät herum beim normalen Menschen die Neigung zum anderen Geschlecht mächtig hervorbricht Die früheren gleichgeschlechtlichen Neig- ungen des betreffenden Knaben haben also keine Be- deutung für die spätere Homosexualität; sie waren viel- leicht nur dem Zufalle zuzuschreiben. Würde man nun bei irgend welchen Knaben solche homosexuellen Leiden- schailen im Alter von 12, 13, 14, 15 Jahren finden, so geht daraus noch nicht hervor, da8s der Betreffende zur Homosexualität disponiert ist Wir haben fest zu halten, dass nicht der heterosexuelle Trieb als solcher, sondern nur die Anlage dazu angeboren ist, und die heterosexuelle Anlage zeigt sich gerade darin, dass zur Zeit der Pubertät der heterosexuelle Trieb mächtig durchbricht. Jedenfalls ersieht man daraus die grossen Schwierigkeiten, die eine Erkennung der homosexuellen Disposition bietet Hinzu- kommt mit Rücksicht auf die Häufigkeit, mit der Homo- sexuelle angeben, dass sie immer, auch vor der Pubertät homosexuell gefühlt hätten, ein anderes Moment, worauf gleichfalls hingewiesen werden muss. Jeder Mensch er- innert sich mit Vorliebe dessen, was ein besonderes In- — 17 — tcresse für ihn bietet. Homosexuelle Leidenschaften des Knaben bieten dem homosexuellen Jüngling und dem Manne viel mehr Interesse dar als die heterosexuellen Neigungen in der Kindheit; daher werden die letzteren viel leichter vergessen als die ersteren, und der BetreflTende, der immer davon spricht, er habe in der Kindheit homosexuell ge- fühlt, hat in Wirklichkeit oft das heterosexuelle Fühlen nur vergessen. Es ist eben zu betonen, dass auch bei angeborener Homosexualität der Geschlechtstrieb zunächst noch durchaus undifferenziert sein kann, dass vor der Pubertät noch allerlei Neigungen zum anderen Geschlecht bestehen können, während sich erst später die Neigung zum gleichen Geschlecht deutlich ausbildet, obwohl sie auf einer angeborenen Anlage beruht. Wir haben gesehen, dass man sehr schwer die ange- borene Disposition zur Homosexualität mit einiger Sicher- heit in der Kindheit zu erkennen vermag. Wenn man also die angedeuteten prophylaktischen Massregeln er- greifen will, so wird man dies gegenüber allen Kindern thun müssen. Mit dieser Auffassung harmoniert es natür- lich auch vollständig, dass man allerlei weibische Eigen- tümlichkeiten von Knaben, und ebenso männliche der Mädchen unterdrükt; denn man hat die Nichtentwickelung solcher Eigenschaften bei allen Kindern zu beachten. Wenn also Knaben sich gern mit weiblichen Toiletten- gegenständen beschäftigen, so hat man dies möglichst zu verhindern, und ebenso hat man auf andere derartige Vorkommnisse zu achten. Denn wenn auch solche Dinge vor der Mannbarkeit nicht als ein sicheres Zeichen für die Entwicklung der Homosexualität angesehen werden dürfen, so ist es doch möglich, dass hierin mit einer ge- wissenW ahrscheinlichkeit eine Disposition zur Homo- sexualität erblickt werden darf. Jedenfalls wird man schon auf Grund theoretischer Erwägimgen solche ver- kehrte Eigenschaften möglichst unterdrücken müssen. Jthrbuch II. ^ * ^ 2 — 18 — Ich habe früher verschiedene Motive erwähnt, die den Homosexuellen zur ärztlichen Behandlung fuhren. Wir haben hierin schon einen deutlichen Hinweis darauf, dass wir die Fälle nicht schablonenmässig in gleicher Weisse abthun dürfen. Während in dem einen Fall der Wunsch, den homosexuellen Trieb beseitigt oder doch gemildert zu sehen, den Homosexuellen zum Arzt fuhrt, ist es in dem anderen der Wunsch, heterosexuell ver- kehren zu können. Wenn wir nun an eine Umwandlung des homosexuellen Geschlechtstriebes denken, so werden wir selbstverständ- lich in erster Linie psychische Mittel in Anwendung ziehen müssen. Zwei Dinge sind es insbesonders, die hier in Be- tracht kommen : erstens die Selbsterziehung des Patienten, und zweitens die Suggestionsbehandlung. Es geht vielen Homosexuellen so wie manchen anderen Patienten, dass sie, wenn sie eine Umwandlung des perversen Triebes wünschen, dies ganz und gar ohne ihr eigenes Zuthun geschehen lassen möchten. Gewissennassen durch eine Fremdsuggestion soll die Umwandlung bewirkt werden. Diese Art der Umwandlung wäre allerdings sehr bequem; sie beruht aber oft auf einer Selbsttäuschung. Es ist unbedingt erforderlich, dass die Suggestionsbehandlung durch die Selbsterziehung des Patienten ergänzt werde und hierzu gehört, dass er sich nie willkürlich seinen perversen Gedanken hingiebt. Wenn wir uns das psychische sexuelle Leben der Menschen ansehen, so zeigt sich sowohl für die meisten Perversen wie für die meisten Normalen Folgendes. Es treten öfters sexuelle Gedanken auf, die dem Geschlechts- trieb des Betreffenden entsprechen. Es kann vorkommen, dass diese Gedanken mit einer solchen Macht auf die Person einstürmen, dass selbst der festeste Vorsatz sie nicht zu unterdrücken vermag; es kommt aber auch gar nicht so selten vor, dass sich der Betreffende, nur weil er ~ 19 — gerade Zeit und Lust hat, vielleicht weil er sich gerade langweilt, seinen sexuellen Gedanken hingiebt. Diesen Vorgang hat Hufeland als geistige Onanie bezeichnet. Bei dieser geistigen Onanie giebt sich nun Jeder selbst- verständlich den ihm persönlich sympathischsten Gedanken hin : der Heterosexuelle wird sich ein ihm sympathisches Weib vorstellen, der Homosexuelle einen ihm sympathi- schen Mann. Wenn es gelingen soll, die Verbindung zwischen organischem Geschlechtsleben und Vorstellung des Mannes zu beseitigen, so wird es natürlich notwendig sein, dass der Betreffende selbst nach dieser Richtung hin alles Mögliche thut. Es muss ihm eingeschärft werden, dass er sich niemals willkürlich homosexuellen Gedanken hingebe. Drängen diese unwillkürlich auf ihn ein, so kann er sich ihrer freilich nicht erwehren, und dies wird oft genug der Fall sein. Aber die willkürliche geistige Onanie mit den perversen Gedanken muss durchaus be* kämpft werden, wenn dies auch bisweilen nur unter Ueber- windung grosser Schwierigkeiten gelingt. Besonders werden diese Schwierigkeiten dann vor- handen sein, wenn der Betreffende eine innige Liebe zu einem Manne gefasst hat. Denn der Gedanke an den Geliebten wird ihm dann viel zu teuer sein, als dass er sich leichten Herzens entschlösse, ihn freiwillig aufzugeben. Die Vorstellung des Geliebten bietet für ihn, selbst wenn er keine Gegenliebe findet, so viel Keiz, dass er sich immer und immer wieder diesen Gedanken hingeben wird. Es ist allerdings auch nicht gerade wahrscheinlich, dass sich ein solcher Mann an den Arzt wendet, um von seiner Liebesleidenschaft geheilt zu sein. Wenigstens dürfte dieser Fall nur verhältnismässig selten vorkommen. Am ehesten ist es dann noch zu erwarten, wenn der Betreffende durch seine Vorstellungen von jeder ernsten Arbeit abgezogen wird, so dass er sich an jeder Thätig- kcit gehindert sieht. »}>i — 20 - lu neuerer Zeit ist zur Bekämpfung der sexuellen Perversionen die Suggestionsbehandlung und be- sonders die in der Hypnose vorgeschlagen worden. Sicherlich kann man in einer Reihe von Fällen gute Kesultate damit erzielen; nur wird man stets auf eine Gesamtbehandlung sein Augenmerk zu richten haben. Der Homosexuelle selbst wird sich sagen müssen, dass er bei der Suggestionsbehandhing nicht thun und lassen kann, was er will, sondern dass diese nur einen Teil der gesamten Therapie ausmacht. Unter solcher Voraus- setzung kann die hypnotische Behandlung mit gutem Erfolg angewendet werden. Dieser wird nicht selten von der Tiefe der Hypnose abhängig sein. Ein deutlicher Horror feminae wird sich nicht leicht in einer oberfläch- lichen Hypnose beseitigen lassen. Hingegen kann bei starker Empfänglichkeit sehr wohl ein Erfolg erzielt werden. Aber man stelle ihn sich nicht zu leicht vor, und glaube nicht etwa, dass man durch planloses Sugge- rieren zu wesentlichen Erfolgen kommen wird. Es wird von einzelnen Aerzten den Homosexuellen empfohlen, sexuellen Verkehr mit dem weib- lichen Geschlecht, natürlich ausserhalb der Ehe, zu suchen. Man erteilt ihnen den Bat, in Bordelle zu gehen, oder sonst heterosexuellen Verkehr zu suchen. Dies soll wesentlich zur Umwandlung des Geschlechts- triebes beitragen. Die sittliche Bedeutung dieser Frage will ich hier ausser Acht lassen, und zwar aus mehren Gründen. Ich müsste sonst zunächst eine Auseinandersetzung darüber machen, ob der sexuelle Verkehr eines Unverheirateten mit einer Puella publica, deren Gewerbe gewissermassen vom Staate sanktioniert ist, — er nimmt ja Steuern von ihr — sittlich überhaupt so sehr verurteilt werden kann. Ich müsste femer erörtern, ob die Ehe nicht sittlich mitunter tiefer steht (z. B. wenn es sich um eine reine — 21 — Geldheirat handelt), als der Geschlechtsverkehr zweier Unverheirateter, die einander lieben, aber aus irgend welchen Gründen eine Ehe nicht eingehen können. Wenn man aber auch selbst vom sittlichen Standpunkt aus jeden ausserehelichen Verkehr bekämpft, so wird sich daran doch noch die weitere Frage knüpfen, ob nicht eine sonst anfechtbare Handlung dadurch, dass sie einem hohen Zw#cke dient, gerechtfertigt werden kann, das heisst, ob in dem vorliegenden Falle ein ausserehelicher Verkehr seine Entschuldigung darin findet, dass er der Herstellung der Gesundheit dient. Wohl weiss ich, dass strenge Moraltheoretiker, ganz abgesehen von dem grossen Heer der Heuchler, diese Frage verneinen würde. Eine ausführliche Bgsprechung der Frage würde aber vom Thema zu sehr ablenken, und ich möchte deshalb diese rein ethischen Fragen hier möglichst unerörtert lassen und will mich lediglich auf den medizinischen Stand- punkt beschränken. In dieser Beziehung muss doch der planlos gegebene Rat, Bordelle zu besuchen, mit Misstrauen betrachtet werden. Berücksichtigen wir zunächst die Infektions- gefahr. Ich gebe ohne Weiteres zu, dass die Gefahren in Bordellen und bei der polizeilich überwachten Prosti- tution oft geringer sind als wenn ein sonstiger ausser- ehelicher Geschlechtsverkehr stattfindet; denn gerade in dem letzteren Falle ist die Infektionsgefahr mitunter be- sonders gross. Bei vielen polizeilich nicht überwachten weiblichen Personen ist eine Infektion vorhanden, die ofl Wochen, Monate und Jahre besteht, ohne dass die Be- treffende ihren Verkehr aufgiebt. Thatsächlich fällt hier jede Kontrolle weg. Die polizeilich kontrollierten Mädchen ergreifen auch mehr Vorsichtsmassregeln gegen eine In- fektion, die andere unterlassen. Aber eine gewisse Gefahr besteht nichtsdestoweniger auch bei ihnen. Ich muss gestehen, dass mir die Homo.sexualität immer nocli ein — 22 — geringeres Uebel zu sein sclieint als eine Infektion mit Syphilis. Ja selbst die Infektion mit einem Tripper ist keineswegs etwas so Harmloses, wie es gewöhnlich dar- gestellt wird. So kann der chronische Tripper zu schweren Belästigungen führen. Die Veränderungen, die der Tripper bei dem Fortschreiten in der Blase herbeiführt, können selbst Veranlassung zu lebensgefährlichen Zuständen werden. Man wird also fast in allen Fällen den. ausserehe- liehen Verkehr mit einer weiblichen Person als eine ge- wisse Gefahr betrachten müssen. Ganz abgesehen davon aber bin ich der Ansicht, dass der medizinische Nutzen ein viel geringerer ist, als einzelne Autoren es darstellen. Ernstlich zu glauben, dass sich ein Homosexueller durch einen gezwungenen sexuellen Verkehr mit einer weiblichen Person in einen Heterosexuellen ver\vandelt, verrät eine gewisse Naivetät der Anschauung. Der Betreffende ver- schafil sich irgendwie eine künstliche Erektion, sei es durch Friktionen seitens des Weibes, sei es durch Vor- stellung eines Mannes oder durch Alkohel. Er entleert den Samen in die Scheide des Weibes unter denselben Bedingungen, wie es der Onanist thut. Wenn die Er- regung, wie es in diesem Falle geschieht, künstlich her- vorgerufen wird, so kommt das zu Stande, was ein Per- verser einmal richtig als Onania per vaginam bezeichnete. Wie dabei eine Umwandlung des Triebes zu Stande kommen soll, ist und bleibt rätselhaft. Einzelne Fälle, die in dieser Weise gedeutet werden, vertragen keine ernste Kritik. Sie sind zum Teil in so oberflächlicher und unkritischer Weise zusammengestellt, dass es sich nicht lohnt, darauf einzugehen. Ebensowenig, wie ein normaler Heterosexueller dadurch in einen Homosexuellen verwandelt wird, dass er gelegentlich mit einem anderen Manne Masturbation treibt, ebensowenig wird bei einem Homosexuellen die entsprechende Umänderung in einen Ilctorosexuellen auf dem genannten Wege erfolgen. — 23 — Das Erste muss stets die Herstellung des hetero- sexuellen Triebes sein. Hinzukommt, dass der Be- treffende sich sonst nur all zu leicht bei den Koitus- versuchen als impotent erweist; und dass die hierbei ent- stehende Depression nicht gerade sehr heilsam auf seine Konstitution wirkt, braucht kaum erwähnt zu werden. Höchstens wäre die Frage zu erörtern, ob man, wenn sich irgend welche heterosexuelle Empfindungen geltend machen, den sexuellen Verkehr mit dem weiblichen Ge- schlecht gestatten soll. Wenn man diesen Rat giebt, so wird unter Umständen ein gewisser Vorteil, der aus dem Verkehr hervorgeht, nicht geleugnet werden können^ weil der Betreffende seine sexuellen organischen Gefühle immer mehr mit den normalen Vorstellungen assoziiert. Aber man denke auch in diesem Falle stets an das Risiko der Infektion. Ich würde nur in seltenen Fällen den entsprechenden Rat geben. Allenfalls könnte man bei sehr starkem Drang zur Ejakulation hierzu raten, aber auch nur dann, wenn die Infektionsgefahr möglichst aus- geschlossen werden kann. Ich bin der Ansicht, dass man den Homosexuellen von seinen fortwährenden homosexuellen Gedanken ab- lenken soll, aber nicht gerade dadurch, dass man ihm nun den heterosexuellen Verkehr mit Prostituierten empfiehlt, sondern dadurch, dass man ihn in anregende, anständige weibliche Gesellschaft bringt. Hierbei mögen auch ruhig sogenannte platonische Beziehungen zu weib- lichen Personen angeknüpft werden, und man w^ird dann die Freude haben, bei einer ganzen Reihe von Fällen ein gutes Resultat zu beobachten. Je mehr ich auf diesem Gebiete gesehen habe, um so mehr bin ich zu der An- sicht gekommen, dass ein durchaus , platonisches*^ Zu- sammensein mit Personen des anderen Geschlechts oft bessere Früchte zeitigt, als allerlei anbefohlene Koitus- versuche. — 24 — In manchen Fällen, wo eine Umwandlung des Triebes nicht gelingt oder aus verschiedenen Gründen nicht ge- wünscht oder vom Arzte nicht angeraten wird, kann es gut sein, den Patienten auf eine sexuelle Abstinenz hin zu behandeln. Ein Versuch nach dieser Richtung hin ist schon durch die grossen Gefahren berechtigt, denen der Homosexuelle in sozialer und rechtlicher Hin- sicht ausgesetzt ist. Aber man wird nur in einer ver- hältnismässig kleinen Zahl von Fällen Erfolg haben, und zwar dann, wenn entweder der Trieb selbst nicht sehr stark ist oder doch mit Leichtigkeit herabgesetzt werden kann. Ein Versuch nach dieser Kichtung wird jedenfalls in vielen Fällen lohnen. Man wird in solchen Fällen alle Mittel, die die Heilkunde in dieser Beziehung auch bei den Heterosexuellen kennt, anzuwenden haben: Sug- gestionsbehandlung, Brom, gewisse Wasserprozeduren etc. Ganz besonders aber wird auf eine geregelte geistige und körperliche Thätigkeit des Homosexuellen gesehen werden müssen. In einer ganzen Reihe von Fällen wird es wünschens- wert sein, das homosexuelle Empfinden zu veredeln und möglichst von allem sinnlich Niedrigen abzulenken. Es gelingt dies bei einzelnen Männern, die ja in dem von ihnen geliebten Manne nicht das Objekt der sinnlichen Begierde sehen, sondern sich gewissermassen nur seelisch an ihm befriedigen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn gleichzeitig der rein sinnliche Trieb an einer andern Person befriedigt werden kann. In diesem Falle gelingt es mitunter, das homosexuelle Empfinden der ein en Person gegenüber in den wünschenswerten Schranken zu halten. Dies ist für den Homosexuellen nicht ganz gleichgiltig^ weil er dann doch mit dem von ihm geliebten Manne Zusammensein kann, ohne durch stark sinnliche Gefühle ihm gegenüber aufdringlich zu sein. Eine viel bessere Prognose als die Homosexualität — 25 — als solche giebtoft dieHyperäthesiedesGeschlechts- triebes. Es ist aber auch deren Behandlung von grosser Bedeutung, da ja der Betreffende durch das fortwährende sexuelle Denken in seinem ganzen Arbeiten stark be- einträchtigt wird. Es liegt hier ähnlich wie bei der Hyperästhesie des normalen Geschlechtstriebes, nur mit dem Unterschiede, dass der letztere leichter befriedigt werden kann und — abgesehen von der Infektions- gefahr — weniger Gefahren bietet, als der erstere. Die Behandlung wird im Wesentlichen eine ganz ähnliche sein, wie bei der heterosexuellen Hyperästhesie. In vielen Fällen wird man wieder auf eine Aenderung des Geschlechtstriebes selbst verzichten. Trotzdem wird man aber den Homosexuellen in Behandlung nehmen müssen; denn, wie schon angedeutet, ist er oft genug auch sonst kein ganz gesunder Mensch, mag das durch die häufigen Erregungen, mag es durch die angeborene Disposition und durch die erbliche Belastung der Fall sein. Allerlei krankhafte Erscheinungen finden sich in einer grossen Anzahl von Fällen. Bald ist eine Neur- asthenie vorhanden, bald haben wir es mehr mit hysterischen Zuständen zu thun, bald — und dies ist gar nichts Seltenes — finden sich allerlei Abnormitäten auf psychischem Gebiete. Zwangsvorstellungen, melan- cholische Verstimmungen und dergleichen. Hiergegen ist natürlich der Rat eines erfahrenen Arztes einzuziehen, der oft unabhängig von der Behandlung des homo- sexuellen Triebes dem Perversen manchen Dienst wird leisten können. Es tritt in praxi oft die Frage auf, ob Homosexuelle zur Ehe schreiten dürfen. Hierbei haben wir sowohl den homosexuellen Mann wie das homosexuelle Weib zu be- rücksichtigen. Was diesen Punkt betrifil, so wird eine gleiche Antwort für alle Fälle nicht gegeben werden dürfen; man wird sich vielmehr nach den Verhältnissen — 2t) — richten müsseD. Zunächst wird es sich fragen, ob das homosexuelle Fühlen etwas Ausschliessliches ist, oder ob in mehr oder weniger stärkerem Grade auch das hetero- sexuelle Empfinden vorliegt. Ferner ist zu bedenken, dass der Mann immer noch eher vor der Ehe wird zurück- schrecken müssen als das Weib, weil eine aus dem homo- sexuellen Empfinden hervorgehende Impotenz gegenüber dem anderen Geschlecht eigentlich nur beim Manne zu befürchten ist, während ja das Weib allenfalls den Trieb zum Koitus entbehrt, ihn auch wohl ohne Befriedigung ausübt, aber am Koitus selbst nicht gehindert ist. Beim Manne kann das homosexuelle Empfinden so stark sein, jedes heterosexuelle Element so vollkommen fehlen, dass bei einer Annäherung an die weibliche Person jede Erektion ausbleibt, das heisst der Koitus unmöglich ist. Ganz abgesehen hiervon aber ist zu bedenken, dass die Homosexualität des einen Teils so viel Unzuträglich- keiten in der Ehe herbeiführt, dass noch andere Fragen mitspielen. Mir sind Fälle bekannt, wo homosexuelle Männer offenbar nur aus materiellen Gründen Ehen mit normalen Frauen eingegangen sind. Mir sind aber auch, wie ich der Gerechtigkeit halber hinzufüge, Fälle bekannt, wo heterosexuelle, durchaus normal empfindende Männer Ehen mit Frauen eingegangen sind, deren homosexuelles Fühlen ihnen bekannt war, die aber aus diesem oder jenem Grunde gern in die Ehe treten wollten. In beiden Fällen sind die schwersten Unzuträglichkeiten entstanden. Man berücksichtige, dass gerade homosexuelle Frauen oft dies oder jenes an sich haben, was den heterosexuell empfindenden Mann reizt, man berücksichtige femer, dass auch homosexuelle Männer nicht gerade selten das Ziel der I^iebe von Frauen werden, weil dies oder jenes ihnen am Manne besonders sympathisch ist. Aber die Differenzen bleiben dann in der Ehe doch nicht aus. Bei vorwiegen- vie der einzelnen zu Staat und Gesellschaft und umgekehrt. Wo Leben ist, da ist Kraft, die nach freier Bethätigung, nach ungehemmter Entfaltung und Gestaltung ringt. In unzählbaren Punkten berühren und durchschneiden sich die Willenskreise, greifen die Machtgebiete in einander über. Diesen Lebens- beziehungen entspringt das Interesse, welches der eine an dem für seine Bethätigung wichtigen Handeln und Nichthandeln des andern hat. Der Mieter w^ill die ihm vermietete Wohnung beziehen^ der Gläubiger das Dar- lehen vom Schuldner zurückerhalten; was ich durch meine Arbeit mir gewann, soll niemand mir nehmen oder be- schädigen, meinen guten Namen keiner antasten; der Staat verlangt Steuern und Heerdienst, der Bürger freie Meinungsäusserung in Wort und Schrift. Damit nicht der Krieg aller gegen alle entbrenne, bedarf es einer Friedensordnung, einer Abgrenzung der Machtkreise, des Schutzes dieser und der Zurückweisung jener Interessen. — 32 — Diese Aufgabe übernimmt der über den einzelnen stehende allgemeine Wille^ er löst sie in der Rechts- ordnung: in der Scheidung der berechtigten von den un- berechtigten Interessen. Die Rechtsordnung grenzt die Machtgebiete von einander ab; sie bestimmt, wie weit der Wille sich frei bethätigen, wie weit er insbesondere fordernd oder ver- sagend in die Willenskreise anderer Rechtssubjekte tiber- greifen darf; sie gewährleistet die Freiheit, das Wollen- Dürfen und verbietet die Willkür; sie erhebt die Lebens- beziehungen zu Rechtsbeziehungen, die Lebensinteressen zu Rechtsgütem; sie schafft. Rechte und Pflichten an bestimmte Voraussetzungen knüpfend, aus dem Lebens- verhältnis das Rechtsverhältnis. Gebietend und ver- bietend, ein bestimmtes Handeln oder Nicht -Handeln unter bestimmten Voraussetzungen vorzeichnend, sind die Normen der Rechtsordnung der Schutzwall der Rechtsgüter. Rechtsgut und Norm sind die beiden Grund- begriffe des Rechts. Dem Rechtsgut den notwendigen Schutz zu gewähren, dazu ist die Norm berufen. Normen- schutz ist der Schutz der Rechtsgtiter durch die Normen. Es ist der Rechtsschutz, den die Rechtsordnung den Lebensinteressen gewährt. Normen sind *) nach Binding Verbote oder Gebote von Handlungen. Sie sind so genannt worden, weil sie den handlungsfähigen Menschen als Richtschnur für ihr Verhalten und zwar als Schranke ihrer Freiheit dienen. Sie wollen ihnen sagen, was sie nicht dürfen und was sie müssen. Sie sind zu unterscheiden von den Ge- währungen d. h. von denjenigen Rechtssätzen, welche den Menschen sagen, was sie dürfen, die der mensch- lichen Freiheit das Feld ihrer zweckmässigen Bewegung auf dem Rechtsgebiete anweisen. Die Freiheit als das *) Binding: Handbuch des Strafrechts, Bd. I. S. 156. — 33 — ^Dürfen" ist dem Gesetzgeber als Mittel zu seinen Zwecken ebenso unentbehrlich, wie die Beschränkung der Freiheit, das ^Müssen* — das subjektive Recht ebenso wie die subjektive Pflicht. In dem richtigen Verhältnisse zwischen Gewährungen und Nonnen allein ruht die Gewähr für den Bestand der jeweiligen rechtlichen Ordnung. Die Normen sind zum Teil gesetzlich formuliert, wie in den Strafgesetzen, zum Teil nicht, weil sie als Erbschatz von Jahrtausenden jedermann geläufig sind und der Formulie- nmg nicht bedürfen. Die Strafgesetze knüpfen an die in ihren Thatbeständen enthaltenen Normen eine Straf- drohung. Ein Teil der Normen hat sich vom granen Altertum bis zur Gegenwart fast unverändert erhalten und ihre das Menschenleben zügelnde Kraft ist durch Jahrtausende hindurch unwandelbar dieselbe geblieben. Die zehn Gebote, welche noch heute den Grund- und Eckpfeiler unserer moralischen und rechtlichen Bildung ausmachen, sind nichts anderes als zehn Normen altjüdischen Volks- rechts. Ihre kurze imperative Form, die nichts birgt als Befehl (Du sollst nicht! Du sollst!), ist das Urbild aller Normen für alle Zeit geblieben. Die Norm muss nur enthüllen, wer befiehlt, was und wem befohlen wird — nichts mehr und nichts weniger. Ihre Kraft schöpft sie aus der Autorität ihres Urhebers und aus der Vemünftig- keit derer, denen sie gilt. Ist sie doch meist nichts anderes als der sichergestellte Wille aller Einzelnen, er- hoben über Willkür und Egoismus. Die Norm ist ein reiner Imperativ: »ihr sollt!* „ihr sollt nicht!" Nicht, ist der Norm wesentlich ein Hinweis auf die Folgen ihrer XJbertretung, eine Strafdrohung. Sie lautet nicht: »ihr sollt bei Strafe!* Das durch die Normen gesetzte Recht ist zunächst eine Friedensordnung. Der vernünftige Mensch wird darnach im eigenen und im wohlverstandenen Interesse jKhrfoach II. 3 — 34 — seiner Mitmenschen sein Handeln einrichten. Aber das Recht ist auch, und zwar seinem innersten Wesen nach, eine Kampfordnung (siehe v. liiszt a. a. O. S. 61). Um seinen Zweck zu erfüllen, bedarf es der Kraft, welche den widerstrebenden Einzelwillen niederbeugt. Hinter der Friedensordnung der Lebensbeziehungen steht die Staatsgewalt. Sie ist stark genug, ihren Normen Gehor- sam zu erzwingen, der logischen Verknüpfung von That- bestand und Ilechtsfolge, wo es Not thut, thatsächliche Herrschaft zu verschaffen. So tritt ein neues Moment in den Begriff des Rechts: der Zwang. In drei Haupt- formen erscheint er uns: 1. Als Erzwingung der Erfüllung (Zwangsvollstreckung); 2. als Wiederherstellung der ge- störten Ordnung oder Entschädigung in Geld; 3. als Be- strafung des Ungehorsamen. Die letztere Form des Zwanges, die Bestrafung des Übertreters staatlicher Normen, ist die einschneidenste und doch nur mittelbare Bewährung der Rechtsordnung. Hier angelangt, haben wir nunmehr die Stellung der Strafe im Rechtssystem und damit die eigenartige Be- deutung des Strafrechts etwas näher zu betrachten. Ist die Aufgabe des Rechts überhaupt der Schutz menschlicher Lebensinteressen, so ist die eigenartige Auf- gabe des Strafrechts der verstärkte Schutz be- sonders schutzwürdiger und besonders schutz- bedürftiger Interessen durch Androhung und Vollzug der Strafe als eines den Verbrecher treffenden Übels. Warnend und abschreckend tritt die Straf- drohung zu den Geboten und Verboten der Rechts- ordnung hinzu. Dem rechtlich gesinnten Bürger zeigt sie in eindringlichster Form, welchen Wert der Staat seinem Befehle beigelegt; weniger feinfühligen Naturen stellt sie als Folge ihres rechtswidrigen Verhaltens ein Übel in Aussicht, dessen Vorstellung als Gegengewicht — 35 — den verbrecherischen Hang niederhalten soll, (General- prävention). Der Staat droht das Straf übel an und scheut im Strafvollzuge nicht zurück vor den schwersten that- sächlichsten Eingriffen in Leben, Freiheit, Ehre, Ver- mögen der Kechtsgenossen, vor tief einschneidender, nicht nur nach Tagen, Wochen und Monaten, sondern, wenn es sein muss, nach Jahren und Jahrzehnten zählender Massregelung des Verbrechers. Der Strafvollzug soll wirken : 1. Auf die Gesammtheit der Rechtsgenossen, indem er einerseits durch seine abschreckende Kraft die ver- brecherischen Neigungen im Zaume hält und andererseits durch die Bewährung der Rechtsordnung die rechtliche Gesinnung der Staatsbürger stärkt und sichert (General- prävention); 2. Ebenso auf den Verletzten, dem er überdies die Genugthuung gewährt, dass der gegen ihn gerichtete rechtswidrige Übergrift* nicht ungeahndet bleibt; 3. Ganz besonders auf den Verbrecher selbst (Spezial- prävention). Je nach Inhalt und Umfang des Straf Übels kann das Schwergewicht der Wirkung, welche durch den Strafvollzug auf den Verbrecher ausgeübt wird, ver- schieden sein: a) Die Aufgabe der Strafe kann dahin gehen, den Verbrecher wieder zu einem brauchbaren Gliede der Gesellschaft zu machen (künstliche Anpassung, Adaption). Je nachdem es sich dabei in erster Linie um die Kräftig*- ung der erschütterten Hemmungsvorstellungen oder um die umgestaltende Einwirkung auf den Charakter des Thäters handelt, kann man Abschreckung oder Besserung als die angestrebte Wirkung der Strafe unterscheiden. b) Die Aufgabe der Strafe kann dahin gehen, dem für die Gesellschaft unbrauchbar gewordenen Verbrecher die physische Möglichkeit zur Begehung weiterer Ver- brechen auf immer oder auf Zeit zu entziehen, ihn aus 8* — 36 — der Gesellschaft auszuscheiden (künstliche Selektion). Man spricht hier von der Unschädlichmachung des Ver- brechers. Die Rechtfertigung (der Rechtsgrund) der Strafe liegt mithin in ihrer Notwendigkeit und Zweckmässigkeit für die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung und damit des Staates. Die Strafe ist gerecht^ wenn und soweit sie not- wendig und zweckmässig ist. Nachdem wir so uns über das Wesen der , Normen" näher unterrichtet und die Berechtigung der Strafdrohung im Allgemeinen betrachtet haben, liegt es uns nun ob, die Norm des § 175 '^) und die Strafdrohung darin nach ihrem Rechtsgrunde mit kritischem Auge zu prüfen. Schöpft die Norm ihre Kraft „aus der Autorität ihres Urhebers", so kann als Quelle der Kraft zunächst der Wille Gottes in Frage kommen, wie wir ihn in der Bibel dem Menschen geoifenbart finden. Das alte Testa- ment enthält bezügliche Stellen im 3. Buch Mose Kap. 18 V. 22, 29 und Kap. 20 V. 13. Die reine Norm enthält Vers 22: ,Du sollst nicht bei Knaben liegen, wie beim Weibe, denn es ist ein Greuel.* Vers 29 enthält die Strafdrohung: „Denn welche diese Greuel thun, deren Seelen sollen ausgerottet werden aus ihrem Volk.* Vers 13 wiederholt: «Wenn Jemand beim Knaben schläft, wie beim Weibe, die haben einen Greuel gethan und sollen beide des Todes sterben, ihr Blut sei auf ihnen.* Ein Verbot des geschlechtlichen Verkehrs zwischen erwachsenen Männern findet sich im alten Testa- mente nicht und es kann sich die Norm des § 175 hierauf nicht gründen. Den Verkehr mit Knaben verbieten heute *) Die Schrift: „Eros vor dem Keichsg^ericht. Ein Wort an .Juristen, Mediziner und gebildete Laien zur Aufklärung über die ^griechische Liebe'' von einem Richter." Verlag von Max Spohr, l^ipzig 1899. Mark L— erörtert die Kechtsprechimg des Ueichs- ^erichts aus diesem § eingehend. — 37 — andere §§ des Strafgesetzbuches (so § 174', 176*) und nur diese können mit Grund aus dem alten jüdischen Recht ihren Ursprung herleiten. Entgegengesetzter An- sicht ist Numa Prätorius in seinem vortrefflichen Auf- satz: «Die strafrechtlichen Bestimmungen gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr** in Band I. dieses Jahr- buchs S. 97 ff. Er meint, dass im mosaischen Recht auch der Verkehr von erwachsenen Männern mit einander bei Todesstrafe offenbar verboten war, weil schon die blosse Onanie verpönnt und Onan deshalb von Gott getötet worden sei. (1. Mose 38, V. 9, 10). Die Erzählung von Onan wird aber meines Erachtens falsch verstanden. Ich meine, dass davon in jener Bibelstelle nichts gesagt ist, dass Onan dem Laster gefröhnt habe, welches man nach ihm benannt hat. Seine Verfehlung bestand vielmehr darin, dass er entgegen altjiidischem Brauch die kinder- lose Witwe seines Bruders Ger nicht schwängern wollte, da die Kinder nicht als die Seinigen, sondern als die seines Bruders gegolten haben würden. Darum verübte er den coitus interruptus, „auf dass er seinem Bruder nicht Samen gäbe. Da gefiel dem Herrn übel, das er that, und tötete ihn auch**. Die Annahme des coitus interruptus erscheint mir viel natürlicher, wenn man er- wägt, dass dem Onan von seinem Vater Juda befohlen war, der Witwe des Bruders Kinder zu erzeugen, als dass Onan sich der Selbstbefleckung hingegeben haben sollte weil er dem Befehle seines Vaters nicht gehorchen wollte. An anderen Stellen ist, soweit mir bekannt, von jenem Laster im alten Testamente nicht die Rede und würde es darnach als strafbar nicht aneesehen worden sein Ausdrücklich verboten und mit Todesstrafe bedroht ist aber die Bestialität im 2. Buche Mose, Kap. 22, V. 19 und im 5. Buch Mose, Kap. 27, V. 21. Auch hieraus will Numa Prätorius einen Schluss ziehen auf die Straf- fälligkeit des Geschlechtsverkehrs unter erwachsenen — 38 — Männern in der mosaischen Zeit. Ich meine aber gerade daraus^ dass die Bestialität und der Verkehr mit Knaben ausdrücklich als normwidrig hingestellt und mit Strafe bedroht sind, folgern zu sollen, dass der Verkehr von Männern untereinander nicht als unerlaubt betrachtet worden ist Die Erzählung von Sodoms Untergang (1. Mose, Kap. 19) endlich spricht auch nicht für die Ansicht von Numa Prätorius. Sie ist für den Laien etwas dunkel- doch scheint mir soviel klar, dass Lot den Bewohnern von Sodom die beiden fremden Männer, die er unter seinem Dache beherbergte, nicht herausgeben wollte, weil sie das geheiligte Gastrecht bei ihm genossen. Es steht dies im 8. Verse. Dass Lot die Sodomie besonders ver- abscheut und darum die Herausgabe der Männer ver- weigert habe, weil die Sodomiter sie ^erkennen* wollten, ist nicht gesagt. Die Norm des § 175 — Verbot des Geschlechts- verkehrs mit Männern — entstammt also dem alten Testamente und dem darin geäusserten Willen Gottes nicht. Ich wiederhole hier, dass § 175 hauptsächlich nur den Verkehr unter Männern betrifllt. Den Verkehr mit Knaben unter 14 Jahren verbietet § 170,3 bei Zucht- hausstrafe. Personen über 14 Jahre werden als Er- wachsene angesehen. Ob die Altersstufe nicht höher hinaufzuschieben, ist eine Frage de lege ferenda. Vor ihren Vormündern, Lehrern und anderen Respektspersonen sind junge Männer bis zum vollendeten 21. Lebensjahre schon jetzt gegen geschlechtliche Angriffe geschützt (§ 174,1). Wenn also § 175 von „Personen männlichen Geschlechts* spricht, so sind damit die unerwachsenen männlichen Personen (unter 14 Jahren), also die Knaben, nicht mit gemeint, während die Jünglinge (über 14 Jahre) den Männern zuzurechnen sind. Finden wir nun im neuen Testament die Norm des § 175? Hier kommt zunächst eine Stelle im 1. Briefe — 39 — Pauli an die Korinther in Betracht, welche lautet: , Wisset ihr nicht, dass die Ungerechten werden das Reich Gottes nicht ererben? Lasst euch nicht verführen: weder die Hurer, noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die Trunkenbolde, noch die Lästerer, noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben.* (Kap. 6, V. 9, 10). Der Apostel Paulus ver- dammt alle Fleischeslust, erwähnt aber ausdrücklich hier nur die Knaben Schänder, also die eigentlichen Urninge nicht. Eine zweite bezügliche Stelle finden wir im 1. Briefe Pauli an die Römer (Kap. 1, V. 27), welche die Männer- liebe zu verurteilen scheint. Der Apostel geisselt hier die Sünder unter den Heiden und spricht dabei auch von den ,,Männern, welche den natürlichen Gebrauch des Weibes verlassen haben und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande ge- trieben, und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an ihnen selbst empfangen." Nach Gottes Gerechtig- keit seien sie des Todes würdig (Vers 32). Der Ver- fasser einer gediegenen und interessanten Schrift: , Laster oder Unglück?"*) meint, dass auch hier die wirklichen Urninge nicht gemeint seien (S. 25), da diese dem Weibe niemals beigewohnt hätten, es also auch nicht verlassen konnten. Die Stelle bezöge sich auf Kynäden und über- sättigte Lüstlinge. Ich möchte dieser Ansicht jedoch nicht ohne Weiteres beipflichten. Wo es auf die Wort- auslegung ankommt, dürfte theologische Forschung bei Beherrschung der Ursprache des Paulinischen Textes nur entscheiden können. Mag aber auch der Apostel Paulus *) „Laster oder Unglück V oder besteht der § 175 zu Recht? Eine Gewissengfrage an das deutsclie Volk von einem Freunde der Wahrheit.*' (117 S.) Leipzig 1899, Verlag von Max Spohr. Mk. 1.20. — 40 — die Männerliebe schlechtbin als sündhaft ansehen, so muss man, wenn man im neuen Testamente nach der Rechts- norm, dem Verbot der Männerliebe, forscht^ doch weiter fragen, ob Paulus diese seine Ansicht aus den Lehren Christi geschöpft hat? Dies dürfte nicht der Fall sein. „Christus hielt wahrlich nicht mit seinen Worten hinter dem Berge, er rügt^ wo er rügen will. Verhältnisse, wie sie die Lieblingminne mit sich bringt, hat er nie mit einem offenen Wort verurteilt. Es findet sich keine solche Stelle in sämtlichen Evangelien. Lag es nicht gerade im Orient nahe, davor zu warnen, wo diese Verhältnisse gang und gäbe sind, und gar in einer Zeit, da sich der griechische Geist so stark in Palästina verbreitet hatte. Wir erfahren nur eins inmier wieder, dass Christus einen Jünger hatte, den er vor allen liebte, obwohl es doch selbstverständlich war, dass er ihn als seinen Nächsten lieb hatte; aber es wird stets betont, dass er zu ihm in inniger, persönlicher Beziehung stand. Und die ganze christliche Kunst hat es nicht anders verstanden, als dass sie diesen Jünger Johannes als einen schönen Jüngling von zartem Gemüte darstellte. Ich ziehe deshalb noch keine übereilten Schlüsse." So sagt Elisar von Kupfer in seinem Aufsatz"^): «Die ethisch-politische Bedeutung der Lieblingminnen. Einleitung zu der denmächst er- scheinenden Sammlung : Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur (Adolf Brands Verlag Berlin-Neu- rahnsdorf)'. Auch ich will weitere Schlüsse nicht ziehen, so verlockend es auch ist, die göttliche Liebe Christi zu dem Jünger Johannes menschlich näher ahnungsvoll zu betrachten. Der gläubige Christ darf sich meines Er- achtens an diese Aufgabe nur wagen, wenn er sich durch gründliche theologische Forschungen dazu geschickt ge- *) Abgedruckt in Heft 6, 7 (Oktober 1899) des ^Eig^enen-, Herausgeber Adolf Brand, Berlln-Neurahnsdorf. Monatsheft 40 Pfg. — 41 — macht hat. Laienhafte Bibelforschung hat von jeher zeit- weilig die thörichtesten Kesultate gezeitigt. Ich kann mir aber nicht versagen, das folgende Gedicht aus Heft 4|5 (September 1899 des , Eigenen* S. 171) hier zur Anregung zum Abdruck zu bringen: Der Lieblingsjunger. Es war am See Genezareth . . . Zwei jnnge Männer warfen Netze Nach Fischen aus. Im blonden Haar des einen Jünglings Verfing die müde Sonne sich. Und Jesus Christus ging vorttber. „Willst Du mir folgen, Freund Jakobus? Und Du — Johannes?*" Der Jünger warf den weissen Mantel Um seine lichtgebräunten Glieder — Sah ihn begeistert an und — folgte . . . „Man führt Dich einst, wohin Du nicht willst. '^ So kündete er Simons böses Ende. Und Simon deutet auf den schönen Jüngling, Der Jesus an der Brust gelegen, Das Pochen seines Herzens fühlte: „Herr, Herr, was wird aus Diesem V** „Und wenn ich wollte, dass er ewig lebte. Was geht es Dich an, Simon Petrus V!" Und damit wandte sich der Heiland, (gefolgt von seinem Lieblingsjünger. Und zu den Anderen sagte Simon: „Uns ist er Freund, doch jenen liebt er." Hierzu sind die folgenden Bibelstellen nachzulesen: Evang. Matthäi Kap. 4 Vers 18 ff., Evang. Johannis Kap. 21 Vers 18 ff. und Kapitel 13 Vers 23. Auch soll hier noch auf Vers 21 des 10. Kapitels im Evang. Marci hingewiesen werden, wo vom , reichen Jüngling" erzählt wird. — 42 — KehreD wir vom Gebiete der Poesie zurück zur prosaischen Normentheorie, so kommen wir zu dem Resultat, dass die Norm des § 175 in der Lehre Christi ihren Grund nicht findet, wiewohl doch sonst die ge- waltigsten, alle menschlichen Lebensinteressen auf das Einschneidenste berührenden Normen der Lehre Christi entstammen. Ich erinnere emzig nur an das Gebot: Du sollst Gott über alles lieben und deinen Nächsten als dich selbst. Es ist dies Gebot auch im Rechtsleben wirk- sam geworden, indem es dem rücksichtslosen römischen Recht mit seinen starren Konsequenzen heilsame Grenzen zog. Das kanonische Recht basiert auf Christi Lehre ; seine Normen — natürlich nicht alle — schöpfen aus ihm ihre Kraft. Wenn nun die Norm des § 175 auf die Autorität der Bibel, d«n erklärten Willen Gottes, sich nicht stützen kann, so fragt es sich, ob sie etwa „der sicher gestellte Wille aller Einzelnen, erhoben über Willkür und Egois- mus,'* ist, getragen von der „Vernünftigkeit derer, denen sie gilt.** Auch diese Frage wird man nicht bejahen können. Nicht bei allen Völkern und nicht zu allen Zeiten ist die Männerliebe und der Geschlechtsverkehr unter Männern verboten gewesen oder auch nur als schimpf- lich angesehen worden. Ich nehme hier auf den bereits erwähnten Aufsatz: „Die strafrechtlichen Bestimmungen gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr" von Numa Prätorius im Band I dieses Jahrbuchs Seite 97 ff. Be- zug. Die anregend geschriebene, gründliche Arbeit sagt uns alles hier einschlägliche. Eins ist noch hervorzuheben. Wenn der Gesamt- wille als Träger einer Norm erscheinen soll, so dürfen demselben nicht . zu viele abweichende Einzelwillen ent- gegenstehen, sonst wäre er nicht mehr der Wille aller. Man wird zugeben müssen, dass der Norm des § 175 wohl der Wille einer grossen Majorität zu Grunde Hegt, — 43 — dass aber zu allen Zeiten und bei allen Völkern doch auch die Zahl derer nicht klein gewesen ist, die das Verbot nicht gewollt haben. Nachdem wir so den angeblichen Ursprung der Norm des § 175 erörtert haben, kommen wir nunmehr zur Forschung nach ihrem inneren Grunde. Die Norm wahrt Lebensinteressen, indem sie Rechtsgtitern zum Schutz dient, den Bestand der Rechtsordnung gewähr- leistet. Welches Rechtsgut ist es nun, welches, bedroht, von der Norm des § 175 geschützt werden soll? Ist dies Rechtsgut so schutzwürdig und schutzbedürftig, dass der durch Androhung von Strafe verstärkte Schutz not- wendig und gerechtfertigt ist? von Liszt sagt in seinem Lehrbuch des deutschen Strafrechts (S. 307 if.): Rechtsgut als Gegenstand des Recht Schutzes ist in letzter Linie stets das menschliche Dasein in seinen verschiedenen Ausgestaltungen. Dieses ist das Rechtsgut, d. h. der Kern aller rechtlich ge- schützten Interessen. Das menschliche Dasein aber er- scheint entweder als das Dasein des als Einzelwesen betrachteten Menschen oder als das Dasein des Einzelnen in der Gesamtheit der Rechtsgenossen. Alle durch das Verbrechen angegriifenen, durch das Strafrecht ge- schützten Interessen zerfallen demnach in Rechtsgüter des Einzelnen und in Rechtsgüter der Gesamtheit. Bei den Rechtsgütern der Gesamtheit lassen sich drei Gruppen unterscheiden: 1. Die Gesamtheit wird uns dargestellt durch den Staat als solchen — 2. Die Bethätigung, die Arbeit der Gesamtheit durch die schützende und fordernde Staatsverwaltung — C. Die Kraft, welche das Ganze zusammenhält und die einzelnen Glieder in Bewegung setzt, durch die Staatsgewalt als Abstraktum wie in ihren Organen. Alle drei bedürfen des rechtlichen Schutzes und es — 44 — zerfallen demnach die strafbaren Handlungen gegen die Gesamtheit in folgende Unterabteilungen: 1. V^erbrechen gegen den Staat: Hochverrat, Landes- verrat, Majestätsbeleidigung und andere; 2. Verbrechen gegen die Staatsverwaltung: strafbare Handlungen im Amte, die Eidesverbrechen, strafbare Handlungen gegen die Rechtspflege, die Verwaltung des Kriegswesens, die Handels- und Gewerbepolizei, das Ge- werbewesen, das Schiffahrtswesen, das Finanzwesen und andere; 3. Verbrechen gegen die Staatsgewalt: Aufruhr, Auf- lauf, Widerstand gegen Beamte, Gefangenenbefreiung, Arrejitbruch und andere. Ebenso bedürfen des Schutzes die Rechtsgüter des Einzelnen. Wenn das Dasein des Einzelwesens Gegenstand des Rechtsschutzes sein soll, so bedeutet das: Die Rechts- ordnung als Ji'riedensordnung gewährleistet dem Einzelnen die ungestörte Bethätigung seiner Eigenart. Das ist das oberste Rechtsinteresse des Einzelnen, das Rechtsgut desselben. Aus der verschiedenen Richtung dieser Betbätigung muss sich die Einteilung der Rechtsgüter des Einzelnen ergeben. Der Schutz ungestörter Bethätigung der Eigenart schlie.sst in sich erstens als die Voraussetzung aller menschlichen Bethätigung den Schutz des körperlichen Lebens, der leiblichen Unversehrtheit. Diese bildet demnach das erste und wichtigste aller Rechtsgüter des Einzelnen. Die strafbaren Handlungen gegen die körper- liche L^nversehrtheit sind: Tötung, Körperverletzung und sonstige Gefährdung von Leib und Leben (Aussetzung, Vergiftung, Raufhandel, Zweikampf^ Abtreibung). Der Schutz ungestörter Bethätigung der Eigenart 'Aiufasst weiter alle diejenigen Richtungen der Bethätigung, >*vlche als höchstpersönliche Aeusserurigen des Individiums — 45 — untrennbar mit diesen verbunden sind. Wir gewinnen damit eine zweite grosse Gruppe von Interessen, welche als unkörperliche (immaterielle) Kechtsgüter zusammengefasst werden können. Hierher gehören : 1. Die persönliche Geltung im Kreise der Rechtsgenossen (die Ehre); 2, die persönliche Freiheit; 3. die freie Verfügung über den eigenen l^eib im geschlechtlichen Verkehr (Geschlechtsehre) sowie die Wahrung des sittlichen Gefühls; 4. Die Familienehre; 5. die ungestörte Bethätigung des religiösen Lebens; 6. das freie Schalten und Walten in Haus und Hof (Haus- recht), sowie die Wahrung des persönlichen und geschäft- lichen Lebens vor unberufenem Eindringen (Brief- geh eimniss u. s. w.); 7. das Bewusstsein, in allen Rich- tungen der Bethätigung des Schutzes der Friedensordnung gewiss sein zu dürfen (Rechtsfrieden). Dessen Störimg durch Bedrohung mit der Begehung eines Verbrechens ist darum verpönt. Von den unkörperlichen Rechtsgütem hebt sich eine dritte, von ihnen in jeder Beziehung verschiedene Gruppe von Interessen des Einzelnen scharf ab : die der Vermögensrechte. Ihr Unterschied von jenen ist mit dem Hinweise gekennzeichnet, dass sie nicht höchst- persönliche, mit dem Einzelwesen untrennbar verbundene Interessen desselben sind: die in den Vermögensrechten stofflich gebundene Bethätigung des Einzelnen begründet für diesen eine Herrschaft über Sachen oder Personen, welche von ihm losgelöst, auf andere übertragen, in Geld abgeschätzt werden kann. Als strafbare Handlungen gegen Vermögensrechte stellen sich insbesondere dar: Diebstahl, Sachbeschädigung, unbefugtes Jagen, Untreue, Betrug, Erpressung, Wucher. Zwischen die rein unkörperlichen Rechtsgüter und die Vermögensrechte tritt nun aber, den Uebergang von den einen zu den andern vermittelnd, noch eine vierte — 46 — besondere Gruppe rechtlich geschützter Interessen, welche in sehr bezeichnender Weise „Individualrechte* ge- nannt worden sind. Der Schriftsteller, der Künstler, der Erfinder, der Gewerbsmann haben ein Interesse daran, den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Thätigkeit für sich zu verwerten. Das Recht gewährleistet ihnen dieses Interesse, indem es einerseits dem „Urheber* das ausschliessliche Recht einräumt, seine Schöpfung zu verwerten, anderer- seits den „unlauteren Wettbewerb,* der die Früchte fremder Thätigkeit sich anzueignen sucht, allgemein oder doch in bestimmten Erscheinungsformen unter Strafe stellt. Zu den strafbaren Handlungen gegen Individual- rechte gehören namentlich Nachdruck, Verletzungen des Urheberrechts an Werken der bildenden Kunst, an Photo- graphien, an Mustern und Modellen, Verletzungen des Patentrechtes, des Firmen- und Namenrechts, Verrat von Fabriks- und Geschäftsgeheimnissen. Zu einer fünften Gruppe endlich gehören die durch die Art, insbesondere durch das Mittel, nicht durch den Gegenstand des Angriffs gekennzeichneten Verbrechen: der Missbrauch staatlicher Einrich- tungen, sowie menschlicher Entdeckungen und Erfindungen zur Bekämpfung rechtlich geschützter Interessen. Indem der Staat diese Handlimgen mit Strafe bedroht und dadurch eine neue Gruppe eigenartiger Ver- gehungen schafil, stempelt er nicht etwa neue, bisher nicht vorhandene oder nicht geschützte Interessen zu neuen Rechtsgütem, sondern er vervollständigt die Rüst- kammer der Waffen zum Schutze längst vorhandener und längst, wenn auch ungenügend, geschützter Interessen. Hierher gehören die gemeingetährlichen Verbrechen als Brandstiftung und Ueberschwemmung, Gefährdung des Eisenbahn- und Telegraphenbetriebes, Verletzung der Anordnungen zur Verhütung ansteckender Krankheiten, Vergiftung von Brunnen, Nichterfüllung von Lieferungs- — 47 — vertragen, Verletzung der Kegeln der Baukunst, sowie der Missbrauch von Sprengstoffen einerseits, Waaren-, Geld- und Urkundenfälschung andererseits. Der von uns jetzt gewonnene Ueberblick über die gesamten Kechtsgüter, soweit sie vor normwidrigen Angriffen durch Strafdrohung geschützt werden, ermög- licht uns eine sichere und zutreffende Erkenntnis des , Rechtsguts*, des § 175, um das es sich für uns handelt ; wir haben seine Stelle im Strafrechtssystem gefunden und wird es nun unsere Aufgabe sein, diejenige Gruppe der Kechts- güter näher zu betrachten^ zu welchen es gehören soll. Fassen wir wiederum ins Auge, dass die strafbaren Handlungen sich richten gegen Kechtsgüter der Gesamt- heit und gegen Kechtsgüter des Einzelnen und die letzteren unter anderen gegen die körperliche Unversehrt- heit sowie gegen unköi*perliche Kechtsgüter. In die strafbaren Handlungen gegen unkörperliche Kechtsgüter waren einzureihen die Vergehen gegen geschlechtliche Freiheit und sittliches Gefühl. Wir wollen nim mit V. Liszt (a. a. O. S. 379 ff.) diese Vergehen näher betrachten, namentlich das hier geschützte Kechtsgut und Ge- schichtliches. Die geschlechtliche Sittlichkeit d. h. die Einhaltung der durch die jeweilige Sitte dem geschlecht- lichen Verkehr gezogenen Schranken, ist kein um seiner selbst willen geschütztes Kechtsgut der Gesamtheit, wenigstens nicht nach unserer heutigen Auffassung. Der christliche Staat hat in dem Kechtsinstitut der Ehe dem Geschlechtsleben seine Bahnen gewiesen und damit den mächtigsten aller Naturtriebe in den Dienst der gesell- schaftlichen Zwecke gestellt; dem ausserehelichen Ge- schlechtsleben widmet er seine Aufmerksamkeit nur, wenn und insoweit es in den Kechtskreis Einzelner ver- letzend oder gefährdend eingreift. Nach zwei Kichtungen hin kann dies der Fall sein; — 48 — 1. Zunächst verlangt die freie Selbstbestimmung über den geschlechtlichen Verkehr rechtlichen Schutz; ein eigenartiges, mit dem Rechtsgute der Frei- heit nahe verwandtes Interesse, welches aber wegen der sozialen Bedeutung des Geschlechtslebens auch mit der Ehre, wegen dessen physiologischer Wichtigkeit (ins- besondere für das Weib), auch mit der körperlichen Unversehrtheit in den nächsten Beziehungen steht. Den Uebergang von den Freiheits- zu den Sittlich- keitsverbrechen bildet die Entführung. Musterfall für die gewaltsame Verletzung der geschlechtlichen Freiheit ist die Notzucht. Der Gewalt aber steht der Miss- brauch des in besonderen Verhältnissen begründeten Einflusses, sowie die Benutzung des Irrtums oder der Unerfahrenheit des zu missbrauchenden Opfers (die Verführung) gleich. 2. Neben der geschlechtlichen Freiheit schützt der Gesetzgeber das sittliche Gefühl des Einzelnen, d. h. die gemütlich betonten sittlichen Vorstellungen, gegen Verletzung durch Aergemis erregende unzüchtige Hand- limgen Anderer. Die Anschauung über die Stellung der staatlichen Strafgewalt zu den Verletzungen der Sittlichkeit haben in verschiedenen Siciten und bei verschiedenen Völkern vielfache Wandlungen durchgemacht. Das römische Recht hat, von vereinzelten Be- stimmungen abgesehen, bis in das 8. Jahrhundert hinein der Stadt die Ahndung der Vergehen gegen die Sitt- lichkeit der Strafgewalt des Hausvaters sowie der cen- sorischen Rüge überlassen. Erst als die allenthalben im Gefolge von Ehelosigkeit und Kinderscheu eingerissene Verwilderung der Sitten die Grundlagen des Staates zu zerstören drohte, stellte die wesentlich im öffentlichen Interesse erlassene lex Julia de adulteris coercendis vom Jahre 736 a. n. c. (18 p. Chr. n.) — D. 48,5 C. 9,9 eine — 49 — Anzahl von SittUchkeitsvergehen, und zwar adulterium, lenocinium, stuprum, incestus unter öffentliche Strafe. Als stuprum wurde der nicht gewaltsame Beischlaf des Mannes mit einer virgo vel vidua honeste vivens, nicht aber der Konkubinat oder der Verkehr mit einer meretrix, erklärt. Dem frühem deutschen Mittelalter ist der öfientliche Gesichtspunkt bei Bestrafung der Sittlichkeits- vergehen im wesentlichen fremd. Das einfache stuprum wird als Eingriif* in die Mundschaft mit einer Busse an die Gewalthaber gesühnt; Todesstrafe dagegen trifft die freie Frau^ die bei ihrem Knechte schläft Auch die Aufiassimg des kanonischen Rechts^ welches die Unsittlichkeit als Sünde betrachtete imd bis zu den Ge- danken und Wünschen herab unter Strafe stellte, w^ar nicht im stände, den thatsächlichen Verhältnissen Rech- nung zu tragen und Klarheit über das rechtliche Wesen der Sittlichkeitsvergehen zu verbreiten. So erklären sich die Zustände des späteren Mittelalters mit seinen nicht blos geduldeten, sondern anerkannten und vielfach mit besonderen Rechten ausgestatteten städtischen Frauenhäusem. Die peinliche Gerichts-Ordnung Kaiser Karls V. (constitutio criminalis Carolina) von 1533 bedroht, der deutschrechtlich-kanonischen Auffassung folgend, unter den Sittlichkeitsverbrechen in den Artikeln 116 — 123 Sodomie, Blutschande, Entführung, Notzucht, Doppelehe und Kuppelei mit Strafe. Ergänzend griffen die Reichs- gesetze des 16. Jahrhunderts, besonders die Reichspolizei- ordnungen von 1530, 1548 und 1577 ein. Sie bestrafen stuprum voluntarium, fomicatio (cum meretrice), Konku- binat (zur Unehe besitzen). Halten von Bordellen usw. mit Geldstrafe oder Gefängnis; daneben war bis ins 18. Jahrhundert hinein öffentliche Kircheubusse für ge- fallene Mädchen üblich. Auch der geschlechtliche Verkehr Jahrbuch 11. 4 — 50 — zwischen Christen und Juden wurde, wie im späteren Mittelalter, noch zur Zeit des gemeinen Rechts hinter- pretative* als ein Fall der widernatürlichen Unzucht be- handelt, doch geriet die Todesstrafe für dieses Vergehen schon im 17. Jahrhundert in Vergessenheit Andererseits verhängt noch Toskana 1786 dafür harte Strafe. Die Landesgesetzgebung des 17. und 18. Jahrhunderts erschöpft sich in zahlreichen, meist vergeblichen Straf drohungen gegen Unsittlichkeit, während die Rechtsprechung die strengen Strafen der Peinlichen Gerichtsordnung durch weitgehende Einschränkungen des Thatbestandes zu mildem bestrebt ist. So wird zur Vollendung bei straf- barem Beischlaf immissio, bei anderen unzüchtigen Hand- lungen emissio seminis verlangt. Gegenüber der masslosen Enveiterung der staatlichen Straf drohungen trat ein Rückschlag im Laufe des 18. Jahr- hunderts unter dem Einflüsse der Aufklärungslitteratur ein, welche hauptsächlich vertreten von Voltaire, Hommel, Cella, Soden, Michaelis, aber unter dem Widerspruche von Gmelin, Filangieri u. a. für die Sittlichkeitsvergehen möglichst geringe Strafen verlangte, da durch sie niemand beleidigt und auch der Staat nicht in Gefahr gebracht werde; dabei machte sich vielfach die, allerdings er- fahrungsgemäss wenig zutreffende Ansicht geltend, dass die durch den ausserehelichen Geschlechtsverkehr erzielte Nachkommenschaft an körperlicher und geistiger Tüchtig- keit die im Ehebette erzeugten , blöden und diunmen Pflanzen* (Hommel) weit übertreffe. Erst allmählich und nur imter fortwährenden Schwank- ungen gelang es der Wissenschaft und Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts den richtigen, oben dargelegten Stand- punkt für Auffassung und Behandlung der Sittlichkeits- vergehen zu finden. Doch ist diese Bewegung noch keineswegs abgeschlossen und insbesondere die Behand- lung sowohl der widernatürlichen Unzucht als auch der V \ — 51 — Kuppelei in dem Strafgesetzbuch für das deutsche Reich sehr wenig befriedigend, (v. Liszt a. a. O. S. 382.) Aus allem Gesagten geht klar hervor^ dass die Norm des § 175 in dem System des Rechtsgüterschutzes eine Stelle nicht haben kann und dass ihr be- sonderer Schutz durch Strafdrohung völlig un- gerechtfertigt ist. Die Rechtsgüter, welche in Betracht kommen, sind die geschlechtliche Freiheit und das sittliche Gefühl. Die geschlechtliche Freiheit des Einzelnen wird in keiner Weise gestört, wenn erwachsene Personen männlichen Geschlechts in vollem Einverständnis mit einander geschlechtlich ver- kehren. Das sittliche Gefühl kann verletzt werden, wenn dritte die That sehen und Aergemis daran nehmen« Hier gewährt aber bereits § 183 des Strafgesetzbuches den nötigen Schutz. Die öffentliche Erregung eines Aerger- nisses durch eine unzüchtige Handlung ist darin mit Strafe bedroht (z. ß. auch die öffentliche Vollziehung des Beischlafs zwischen Ehegatten.) Es muss hier noch betont werden, dass der Einzelne in seinem sittlichen Gefühl als einem Rechtsgut nur in- soweit geschützt werden kann, als er vor unmittelbarer Wahrnehmung unzüchtiger Handlungen behütet zu werden vermag, durch Verbot und Straf drohung. Das sittliche Gefühl kann aber auch verletzt werden durch nach- trägliches Bekanntwerden unsittlicher sowie aller anderen strafbaren Handlungen (Mord, Diebstahl usw.). Es wird aber niemand dafür bestraft, dass er das sitt- liche Gefühl anderer verletzt hat, denen die von ihm begangene Strafbhat, nachträglich bekannt geworden ist. Soweit geht der Schutz des sittlichen Gefühls als eines Rechtsgutes nicht. Wenn also das sittliche Gefühl einzelner durch Wahrnehmung geschlechtlicher Akte zwischen Männern verletzt wird, so kommt die Strafvorschrift des § 183 ia 4* — 52 — Anwendung. Nachträgliches Bekanntwerden wird nicht bestraft. Das besondere Verbot des § 175 ist da- her insoweit überflüssig. .,Die gewerbsmässige männliche Unzucht, die einzige, welche Gefahren bietet, konnte durch eine geänderte Fassung des § 361 • des Str.-G.-B. unschädlich gemacht werden", sagt v. Liszt (a. a. O. S. 401). Er bezeichnet die Strafdrohung des § 175 als einen bedenklichen Uebergriff in ein dem Rechte fremdes Gebiet (S. 380). Die Norm des § 175 — Verbot des Geschlechts- verkehrs unter Männern — findet in dem heutigen Straf- rechtssystem, in der Lehre vom Rechtsgüterschutz, eine Stelle nicht. Dieser Verkehr verletzt kein zu schützendes Rechtsgut. Nach dem heutigen Stande der Kriminologie und Poenologie muss die Aufhebung des § 175 kategorisch gefordert werden. jäI«. Ein bisher ungedrucktes Kapitel über Homosexualität aus der „Entdecl(ung der Seele" von Professor Dr. med. Gustav Jäger in Stuttgart. Vor^vort. Bei Abfassung der zweiten Auflage meiner ,Ent- deckungderSeele* (Leipzig, E. Günther's Verlag, 1 879) gewann ich unerwartet einen Mitarbeiter auf dem Gebiete des Fortpflanzungstriebes, der mich mit so massenhaftem Beobachtungsmaterial überhäufte, dass schon die Menge verbot, alles in dem Buche unterzubringen. Ausserdem verbot sich das auch durch seinen Inhalt. Hätte das Buch alle diese teilweise ja naturgemäss obscönen Be- obachtungen aufgenommen, so hätte das den Anschein erweckt, als beabsichtige man eine Spekulation auf den Sinneskitzel und eine Sensationsm acherei, während das Buch ein wissenschaftliches sein und bleiben sollte. Anmerkung de» Herausgebers: Wir sind Herrn Prof. Jäger dankbar, dass er uns flir das Jahrbuch das obige Manuskript zur Vertilgung stellte. Seitdem dasselbe geschrieben, sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, sodass manches mittlerweile anderweitig ähnlich ausgeftihrt ist, doch bleibt noch eine Fiille neuen und be- merkenswerten Materials übrig. Was die theoretischen AulYassungen des geschätzten und berühmten Autors anlangt, so hielten wir es fiir unsere Pflicht, dieselben ungekürzt wiederzugeben, ohne da>» wir uns in allen Punkten mit denselben identifizieren möchten. — 54 — Andererseits hielt ich diese dem Leben entnommenen und mit to tiefem Verständnis gemachten Beobachtungen für so wichtig, dass ich damals sofort beschloss, alles aufzubewahren und später in einem geeigneten Zeitpunkt damit hervorzutreten. Diesen Zeitpunkt halte ich jetzt für gekommen. Durch die Petition an den Reichstag mit den daran sich anschliessenden Verhandlungen, durch die Herausgabe des vorliegenden Jahrbuches ist das Thema, welches in den Mitteilungen meines Correspon- denten den breitesten Raum einnahm und das Verfäng- lichste für die Veröffentlichung war, seines kitzlichen Charakters beraubt und der Aufklärung auch soweit näher gebracht, dass man sicher sein kann, für jede sach- liche Besprechung ernsthafte Aufmerksamkeit zu finden. Persönlich möchte ich bemerken : Mein Correspondent ist jetzt längst tot, und da er keine Angehörigen, die ihm näher standen, hinterliess, so könnte ich, ohne Vorwürfe befürchten zu müssen, seinen Namen nennen, allein ich glaube, es ist nicht nötig. Nötig ist es vielleicht, etwas über seine Behandlung der Sache zu sagen. Hierzu möchte ich mich einer Anekdote bedienen, die ich ein- mal — ich weiss nicht mehr wo — las. Eine Akademie schrieb einen Preis für die beste Arbeit über das Kamel aus. An dem Wettbewerb be- teiligten sich ein Deutscher, ein Franzose und ein Engländer. Der Erste suchte alle Werke aller Zeiten und aller Völker auf, in denen vom Kamel die Rede ist, und wurde damit bis an sein Lebensende nicht fertig. Der Franzose studierte seinen Builbn und betrachtete sich die Kamele im jardin des plantes. Der Engländer reiste in den Orient, kaufte sich ein Kamel und ritt darauf in der Wüste umher. Unser Verfasser war kein Engländer, aber er folgte bei seinem Studium dem Beispiel des Engländers und ritt mit dem Kamel in der Wüste. Nur so volle Griffe in — So- das Menschenleben, wie sie der Verfasser hier vorlegt, können die nötige Aufklärung bringen, und da das eben nicht jedermanns Sache ist, so darf man dem Autor dank- bar sein, dass er offen alles sagt, was er gefunden. Zum Schluss noch eine Bemerkung über die Form. Da ich anfangs alles, was ich von dem Verfasser erhielt, meinem Buch einverleiben wollte, so wurde alles gesetzt und als ich und der Verleger uns anders entschlossen, waren nur die zur Korrektur gefertigten Fahnen noch vorhanden. Diese wurden von mir aufbewahrt, und ich gebe sie, wie sie sind. Homosexualität Mit diesem Worte fasst mein Korrespondent, Dr. M., die sexuelle Anziehung zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts, also zwischen Mann und Mann oder Weib und Weib, zusammen. Ich werde Dr. M. hier fast aus- schliesslich das Wort lassen, indem ich aus dem massen- haften Material, welches er mir mit der Zuvorkommen- heit eines alten Gelehrten, der selbst längst aller Publi- zität entsagte, zur Disposition stellte, blos das auswähle, was mir in dieser Frage das Wichtigste schien. Meiner- seits habe ich nur wenige erklärende Beisätze zu machen. „Ich schreibe Ihnen so überwiegend viel gerade über die männlichen Homosexualen, weil ich denke, von Ihrem Standpunkte aus müsste Sie der Mann eben am meisten interessieren, besonders da die abnorme Seite seines Geschlechtslebens bis jetzt das grösste, von der Majorität der Flachköpfe kaum geahnte, selbst tiefen Menschenkennern — aus Mangel an eingehender Unter- suchung und Erfahnmg — nie klar gewordene Geheimnis ist; und zwar ein Geheimnis, welches durch die darüber in der allgemeinen Meinung existierenden Begriffe ein so — 56 — widerwärtiges zu sein scheint, dass es sogar die Fach- wissenschaft nie der Mühe wert fand, dies Rätsel auch nur fest ins Auge zu fassen, sondern blos stumm dem Strafrichter winkte, auf dass derselbe, ohne nähere Unter- suchung, gemäss den Traditionen Jahrtausende alter Bar- barismen, seines Amtes walte. Dagegen ist das Weib, auch bei abnormster Abweichung von den Gesetzen der Natur, für Niemanden ein Geheimnis, der es jemals be- reits genoss. Und will man spezielle Experimente mit dem Weibe anstellen, so braucht man ja nur die Hand auszustrecken, um ein Objekt hierzu zu erlangen, was gegenüber dem Manne nicht der Fall ist. Nicht minder kennt das Weib seine absolute Straflosigkeit innerhalb des Sexualismus, es leugnet daher im intimsten Umgange auch keines seiner Raffinements. Endlich ist der Mann anthropologisch in jeder Beziehung die Hauptsache, das Weib anthropologisch sekundär. Er ist das Urmodell der Menschheit, der Träger des Selbstzweckes, der Er- zeuger oder Verderber der Rasse. Von ihm hängt das Glück oder das Unglück der Völker ab. > The fir^t study of man is the manh sagt Pope, und hier bedeutet »manc nicht allein Mensch, sondern speziell Mann. Soll daher die Wissenschaft regenerativ in die Gesellschaft eingreifen, so muss vor Allem der Mann gründlicher als bisher studiert werden, — damit man kennen lerne, von woher eben die meiste Gefahr droht — «und dies Studium muss gerade vom Standpunkt Ihrer Seelentheorie ausgehen. ** «Ich denke nicht im entferntesten daran, dass Sie all' das, was ich Ihnen mitteile, ohne Weiteres in Ihre Seelenlehre hineinbringen werden und sollen. Wie es in der Beobachtung nichts Absolutes giebt, muss man sich jede Behauptung, jede allgemeine Schlussfolgerung aus Symptomen zweimal überlegen, bevor man sie acceptiert. \A glaube allerdings für Monosexuale wie Homosexuale absolut zutreffende Symptomatologie gefunden zu — 57 — haben, und ich täuschte mich selten, selbst auf den ersten Blick hin. Aber manchmal täuschte ich mich eben doch auch auf gröbste Weise, wo ich auf meine Vorannahme hätte schwören mögen — also es giebt nichts Absolutes! — Da mir aber in manchen Fällen hnoichdge zugleich auch power war, mir überdies vom wissenschaftlichen Standpunkte aus — und wenn auch nur zu meiner eigenen Aufklärung und Unterhaltung — jegliches Wissen stets Macht war, während halbes Wissen mich nie reizte, so habe ich mich auch um die Sexualitätsfragen nicht blos nach dem Hörensagen bekümmert, vielmehr 25 Jahre lang bei meinen vielen Reisen und vielseitigen Bezieh- ungen emsig danach umgethan, unter der Hand persönlich und intim mit allen jenen Leuten bekannt zu werden, die ich als Abnormsexuale zu erkennen glaubte oder die das Gerücht als solche bezeichnete. Oder aber ich be- mühte mich, Individuen in die Hand zu bekommen, die zuletzt vertraulich gestanden, dem oder jenem zum Ob- jekt seines Triebes gedient zu haben. Hierfür scheute ich keine Opfer an Zeit, Geld, Selbstüberwindung, selbst Dingen gegenüber, die mich anekelten. Jedoch von Jugend an auf jeglichem Gebiete der Naturforschung dis- zipliniert, theoretisch wie praktisch medizinische Studien durchmachend, und bei so vielen Reisen in drei Weltteilen 'scharfen Auges für Rasse-Fragen, für die Anthropologie überhaupt, wollte ich wenigstens mir selbst durchaus ein Rätsel lösen, das meinen gesunden Menschenverstand ver- höhnte und meinen eigenen Trieben so fem lag. Gilt es doch besonders von der Naturforschung, dass sie vor nichts — sei es noch so dbgoutant und schmierig — zurückschrecken darf, will man die Wahrheit suchen." «Auch in der Kunst ist es so. Der berühmte Colorist Prof. Karl Rahl sagte oft in meiner Gegenwart zu seinen Schülern: „Hören Sie, das zimperliche Herum- lecken an der Farbe, die Furcht, sich zu beschmutzen, — 53 — führt zu nichts; haben Sie nicht die Courage, Farben- schwein zu werden, knietief in die braune Sauce hinein zu waten, dann verlassen Sie mich und werden Sie Zeichner! Denn Kunst, Schöpfungskraft ist — Courage!" — Auch Horace Vernet rief: „Uart c'estia courage!^^ Und Kaulbach äusserte eines Tages zu mir: ,,Da8 ist's ja eben, warum ich kein Colorist wurde; mir ekelt vor den dreckigen Fingern!* Der Arzt, der Naturforscher dürfen sich vor nichts scheuen; aber, was die Haupt* Sache ist : sie müssen stets den Verstand, die Kritik mit- sprechen lassen; nicht blos experimentieren, sondern auch reflektieren." Diesen trefflichen Worten meines Korrespondenten möchte ich noch hinzufügen : Wissenschaft ist auch Courage, und zwar in dem Sinne: Wenn jemand zu feige ist, aus seinen Beobachtungen Positives zu sdiliessen, weil er allenfalls auf einem Fehlschluss ertappt werden könnte, und wenn er dann, um überhaupt von sich reden zu machen, blos einen Wust von unverdaulichen Thatsaehen aufhäuft, oder wenn er sich gar jenen traurigen Nihilisten beigesellt, die alles positive Wissen zersetzen und es glücklich dahin gebracht haben, dass ein guter Teil des medizinischen Nachwuchses den Glauben an sich und ihre Kunst verloren, resp. gar nie gcw^onnen hat, dann wäre es, wie Rahl sagte, auch besser, er bliebe — • Zeichner. — Doch zurück zum Thema: ,,Mit dem Obigen Avill ich nur gesagt haben, dass ich Ihnen nicht eine Silbe mitteile, für die ich nicht gut- stehe, deren Wahrheit ich nicht sicher erlangte." »Wie ich, der Normal sexuale, überhaupt auf die Spur der Existenz des Homosexualismus und seiner Sklaven geriet, von deren Vorhandensein ich bis dahin keine Ahnung hatte ? Leider sehr einfach, aber auch sehr, sehr traurig! — Ich hatte einen lieben, guten Jugendfreund, vor ^ abnormer Geschmacksrichtung ich mir im — 59 — Schlafe nichts träumen liess, der sich aber 1840, kaum 20 jährige erschoss und Tags vorher seiner Mutter einen ßrief an mich übergeben hatte. In diesem Schreiben ge- stand er mir seine, von Kindheit an ununterdrückbare Leidenschaft, durch die er plötzlich an einen , Preller* geraten war, der ihn pekuniär völlig auszog und, da er nicht mehr geben konnte, ihm drohte, ihn vor Gericht zu denunzieren, imd zwar jenes mit schwerer Strafe be- drohten „Lasters" wegen, bei dessen Verübung der Angeber doch selber Mitschuldiger war ! Genug, der ge- prellte Unglückliche zog es vor, sowohl sich selbst der Strafe und Entehrung als seine Familie der Schande zu entziehen, lieber ihr den tiefsten Kummer bereitend. Und in der That wurde der schöne, junge Mann auch einfach als , Selbstmörder aus unbekannten Gründen*^ begraben, und die Geschichte war aus. Mich aber betäubte der Vorfall so sehr und schmerzlich, dass ich einige Tage lang gar nicht verstand, von welchem „Laster* der Brief eigentlich spreche. Jedoch der Unglückliche bat mich in seinen Abschiedszellen, ein paar seiner Freunde, die „auch so wären" und deren Adresse ich kannte, aufzu- suchen, sie von dem Vorfall zu unterrichten und sie eben- falls zu warnen — vor dem Preller. Jene — mir bis dahin völlig femstehenden — jungen Herren — auch ein älterer war dabei — öffneten mir dann die Augen ver- blüffend aufrichtig. So erfuhr ich zuerst überhaupt von der Existenz einer solchen „Sekte", deren übrige Mit- glieder mir von da ab volles Vertrauen entgegenbrachten und mich , weiter empfahlen" — nebenbei bemerkt, schon an jenem Orte bis in sehr hohe Kreise. Ich sprach entschieden und ernst mein Wesen als Normalsexualer aus, gegen jede sofortige Zumutung kurz und trocken ein für alle mal protestierend; aber ebenso offen sprach sich meine tief- humane Weltanschauung aus und der mir angeborene Trieb, über jegliches Unrecht empört zu sein; da ich — 60 — aber damals eben Medizin zu studieren begann, so inter- essierte mich die abnorme Frage auch naturwissenschaft- lich. Damals erfuhr ich auch zuerst, dass noch in den meisten Ländern Europa's — Frankreich ausgenommen — das alles angeborene Naturrecht auf seinen eignen Körper verhöhnende Gesetz existiere, nach welchem derselbe sexuale Akt, geuau in derselben Form vollführt, zwischen Mann und Weib völlig straflos zwischen Weib und Weib gleich- falls straflos, aber zwischen Mann und Mann ein ungeheures Verbrechen sei, das mit Kerker, Entehrung, Zer- störung aller Lebensaussichten und des guten Rufes beider Verbrecher nebst deren Familien bestraft wird. Später dann wurde mir im Auslande noch der Nachweis, welch eine hübsche Zahl Normalsexualer in grossen Städten behaglich davon leben, dass sie zu solchen Akten provozieren, eben um durch Androhung von Denunziation Geld erpressen zu können, und das oft jahrelang, gleich regelmässiger Pension. Also das Gesetz gegen eingebil- dete Verbrechen erzeugt selber die wirklichen Verbrechen der Prellerei, des Einbruchs, des Diebstahls, sogar des Mords und der Herbeiführung unzählig vieler Selbst- morde.— Doch halten wir uns streng nur an die natur- wissenschaftliche Seite der Frage." , Im gewöhnlichen Leben hört man manchmal öffentlich oder privat von irgend einem selbstverständlich älteren ^verworfenen Individuum* sprechen das einen Knaben zu „widernatürlicher" Unzucht verführt haben soll, aber rasch gerechter Strafe überantwortet wurde. In der Ord- nung! sagt der Normalsexuale. Oder man vernimmt zu- fällig aus dem Volkeheraus unfläthige Witze über ,, warme Brüder". Oder aber ein „erfahrener Alter* erzählt halb- laut zu aller Grauen, er habe einmal „gehört", ein junger Mann sei grässlich gestorben, weil er sich „für ausser- ordentlich viel Geld* einem alten Wüstling ergeben habe. Man versteht noch immer nicht, von was eigentlich die — Gl — Rede sein mag. Man fragt seinen Hausarzt; der er- widert kühl^ es sei nicht seine Sache, sich um solche Fragen zu kümmern; man fragt vielleicht auch einen be- freundeten Strafrichter. Der runzelt sofort die Stirne und sagt, nach dem Muster des Dr. Klose, orakelhaft: „Laster und Verbrechen zugleich! Nachsichtslos strenge Bestrafung, um die Menschheit von diesem Schandfleck zu befreien" (!) Das ist starker Toback; und unwillkür- lich fragt man sich innerlichst, ob man denn in den 18 Jahrhunderten noch nicht genug Millionen Menschen ver- brannt und gerädert habe, angeklagt als Ketzer, Zauberer, Hexen! Und man entsinnt sich auch keines Uebels, von dem die Menschheit noch jemals durch Galgen und Kerker befreit worden wäre. Xun drängt es den Den- kenden erst recht, zu fragen, weshalb man denn von solchen Verhandlungen noch nie was öffentlich hörte, um sich über solcher Thaten Strafwürdigkeit selber ein Urteil bilden zu können! Da legt der Jurist den Finger auf den Mund und belehrt uns, solche Fälle können nur geheim rasch verurteilt werden, und — the rest is silence! Aber geheime Verurteilungen im 19. Jahrhundert ? Jetzt be- kommt man gar keine Antwort; und endlich vergisst man selber momentan aufgetauchte Zweifel. Plötzlich jedoch geschieht irgendwo in einer grossen Stadt ein, offenbar ungeheueres, Verbrechen mit einem kaum 7- bis 8jährigen Knäbchen; und noch dazu auf die verrückteste, durch Nebenumstände, welche mit Wollust gar nichts zu thun haben, unerklärliche Weise. Die That ist evident. Aber man findet nicht sofort einen Thäter, weil man ihn nicht auf Gebieten sucht, die man sich nicht schon im Voraus einbildete. Wer denkt denn z. B. an russische Skopzen, findet man ein Mädchen mit ausgeschnittener Brust ? Der Verdacht auf Wollust liegt näher als der auf Fanatismus, That eines Verrückten u.s.w. Plötzlich hört man von einem nicht mehr ganz jungen — G2 — Wüstling, der sogar mit Soldaten offenkundig in sträf- lichen Verhältnissen stand. Mit wem? Nun, mit 20- bis 25 jährigen Soldaten. Ja, aber hier ist von einem völlig unreifem Kinde die Rede, und noch dazu von einem Akte, der mehr auf sinnlose Verstümmelung ausging, als auf wirkliche Wollust. Hat er etwa auch schon Soldaten zerfleischt? ^Nein', sagten die Untersuchungsrichter selber unter vier Augen (historisch) und fügten hinzu: „da die Vorliebe für Beifheit evident und bei diesem Individuum seit längsther bekannt ist^ so lässt sich's schwer reimen, wie der Mann plötzlich auf Unreifheit, noch dazu mit Wut auf Blut, verfallen sein soll. Wir glauben es nicht.** Aber das mit Recht schon über die That selber empörte Publikum glaubt es, die Geschworenen oder ordentlichen Richter sprechen ihr Schuldig, und jeder ehrliche Staatsbürger hat nun kein Wort mehr zu sprechen. Der Verurteilte stirbt einige Jahre darnach im Kerker, noch auf dem Totenbette seine Unschuld ver- sichernd, oder auch reuig die That bekennend — aber von all dem erfährt das Publikum nichts mehr. Es hat blos von nun an die Vorstellung, dass es einige wenige teuflische Menschen sporadisch gebe, welche kleine Knaben zerfleischen, und für die daher kein Galgen zu hoch ist." ,,Aber welche Rolle spielte bei dieser Entscheidung die Wissenschaft überhaupt und insbesondere die Natur- wissenschaft, die Anthropologie, auf deren Ausspruch doch in solchen Fällen alles ankommt? Und wir haben es auch hier nur mit solchen Vertretern der biologischen Menschenkenntnis zu thun, nicht mit dem herrischen Ur- teil, das über naturwissenschafüicher Kritik steht. Nun, die gerichtliche Medizin und überhaupt die Anthropologie, sie kramten bei dieser Gelegenheit Anschauungen aus, welche noch weit hinter denen des Paul Zachias von 1674 zurückstanden, und sich, travestiert, in den Aus- spruch zusammenfassen liessen : „Die Naturgeschichte — 63 — weiss zwar, trotz ihrer angeblichen Naturgesetze, noch nichts davon, aber warum sollte es nicht doch einzelne abnorme PäUe geben können, in welchen ein Wiederkäuer mit Recht anzuklagen ist, ein Beefsteak verschlungen zu haben!* ,In Frankreich ist man, kommt auf solche Themata die Rede, noch rascher fertig mit dem Urteile; man lacht und sagt: das sei ja das allgemein bekannte Geheimnis, der Verbindungszweck und das intime Treiben der so mächtigen — „Franc-Maconnerie" (nämlich der wirklichen, vom Staate protegierten, und kann man diese Anschauung täglich in Paris, besonders im Volke hören) — daher denn auch dieses ,, unfranzösische' Gelüste der Maurer (die liiebe zur Frau nennt der Franzose „Vamour frangaise*^) in Frankreich längst straffrei sei. — Der Engländer macht sichs aber noch kürzer; er erklärt einfach legislativ, in England könnte das Verbrechen des „nameless crtitte" überhaupt gar nicht existieren, das sei nur auf dem Kon- tinent vorhanden. Er ist so glücklich, eine eiserne Stime zu besitzen. Und in Flagrantirällen — wie 1874 mit den zwei als Damen verkleideten jungen Männern, Bulton und Park — verliert sich die sensationelle Gerichts- verhandlung plötzlich — durch eine Hinterthüre. Die wohlhabenden jungen Herren sollen jetzt in Lissabon sich und andere amüsieren.* „Aber — fragt nun ganz ernsthaft der Naturforscher — von was ist denn eigentlich die Rede ? Und was ist in dem, was nun zur Sprache kommen soll, die volle nackte Wahrheit, sans phrase?* ,Jch muss gestehen, dass, als mich der Verblichene zwang, seine Geschmacksgenossen aufzusuchen, mich dies ein paar Tage Kampf kostete. Ich, meiner Natur nach Normalsexualer, und damals, kaum zwei Dezennien alt, leidenschaftlicher Weiberliebhaber, hatte mir noch nie Rechenschaft über die Reinlichkeit und Aesthetik eines — 64 — Akts gegeben, der ja Naturgesetz ist. Um so mehr Ab- scheu hatte ich vor Neigungen, die mir nicht nur inider- natürlich erschienen, die meiner Geschmacksrichtung auch namenlos unflätig vorkamen. Denn ich hegte völlig das Yolksurteil, es könne sich dabei nur um Imitation eines natürlichen Coitus handeln ; und überdies hielt ich jeden Männerkörper für entsetzlich ekelhaft, ohne daran zu denken, dass ich mich selbst eines Männerkörpers er- freute, und zwar eines schönen und gesunden, wobei ich überdies von meiner Geliebten verlangte, dass ilir dieser mein Körper ebenso göttlich erscheine, als mir der ihre. Wie aber sollte etwas dem eigenen Geschlechte ekelhaft sein, das Anspruch hat, vom andern Geschlechte gott- ähnliche Verehrung zu prätendieren, das andere Geschlecht wieder seinerseits als Götterwesen verehrend?* „Der erste Schritt, mit solchen Geschöpfen auch nur in gesellschaftlichen Rapport zu treten, war, wie gesagt» sehr schwer. Es sind seither 39 Jahre verflossen, die ich in Italien, Oesterreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden, England, Deutschland, den Donauf ürsten- tümem, der Türkei, der Levante und Griechenland, und zwar wiederholt am selben Orte, verbrachte. Dagegen kenne ich persönlich nicht: Skandinavien, den gesamten slavischen Norden, sowie Spanien und Portugal, das Innere von Asien und Afrika, sowie Amerika und Australien, habe aber über diese Länder das Meiste ge- lesen. Genug, sobald ich den ersten Schritt zur Bekannt- schaft mit dieser „Sekte* that — denn es ist gegen meine innerste Natur, ohne Prüfung ein Urteil zu fällen — bis heute, also während eines Menschenalters — lernte ich an 1000 „Homosexuale" in drei Weltteilen kennen. Sie haben bei näherer Bekanntschaft mit ihrem Wesen keines- wegs bei mir an Achtung gewonnen — die sogar wahr- haft grosse Männer in den Augen ihrer Kammerdiener verlieren. Aber ich bemitleide heute tiefstens diese un- - 05 — schuldigen Opfer des Spiels der Natur, diese gebundenen Sklaven eines angebornen Triebs, deren böseste Leiden- schaftlichkeit zehnmal harmloser, weil ohnmächtiger ist als die von nur Normalsexualen, und die endlich gleich- falls — wie die Monosexualen — der Menschheit nichtd nützen, die aber auch, gleich den Onanisten, in ihrer Ge- samtheit der Menschheit noch nicht so viel schaden, als ein Norraalsexualer, welcher die Syphilis ver- breitet!" «Das Resultat meiner Studien ist folgendes: , 1) Gut 90 ®/o aller Homosexualen sind nur M utuelle, d. h. gegenseitige Onanisten, haben im Geschlechtsverhält- nisse mit andern männlichen Individuen Genuss aus- schliesslich nur an deren Vorderseite, ekeln sich selber vor aller Aflerseite, oder diese reizt si^ nur ihrer Plastik wegen, wie ja auch der Normale am Weibe jenen Teil brünstig Hebt, welchen der Aesthetiker Vis eher als den «pfirsichartig geformten* bezeichnet, dessen Göttin die Venus Kallipygos ist. Also bei dieser Geschmacksrich- tung an sich fällt der Vorwui'f des Ekelhaften ganz weg. Denn es ist nicht abzusehen, weshalb männliche Formen, die dem Weibe göttlich erscheinen, ekelhaft sein sollen.' ,2) Allerdings giebt es auch in Europa Pygisten, und zwar aktive wie passive, welche vereint — wie es in der Gerichtssprache heisst: „den natürlichen Coitus, nur zwischen Mann und Weib möglich, widernatürlich imitieren*^. — Der Aktive muss unbedingt sehr jugend- kräftig sein, da stärkste Potenz Grundbedingnis. Es ist also geradezu Wahnsinn, bei älteren Personen schon eo ipso die Möglichkeit der That anzunehmen, lässt sich nicht direkte Potenz beweisen. Für Gerichtsärzte muss dies erstes Kriterium sein. Doch davon später, hier soll nur voraus bemerkt werden, dass Mutuelle und Pygisten sehr streng von einander zu scheiden seien. '^ ^3) In Europa wenigstens vergreifen sich sowohl Jahrbuch II. 5 — 60 — Mutuelle wie Pygisten fast nie (wenigstens kennt man keinen konkreten erwiesenen Fall) an unreifen Kindern, ja, es ist eigentlich ihrem Triebe innerlichst entgegen, da ja alles Weibartige — und das unreife Kind ist das doppelt — abstossend auf sie wirkt, entgegen- gesetzt das Männliche und das dem Männlichen sich Zu- neigende allein und unwiderstehlich auf sie seinen Zauber ausübt. Sogar die so viel genannte und so schlecht ver- standene „Knabenliebe* der einstigen Griechen — .ySanda paederastia" nannte sie J. M. Gesner 1779 in Bezug auf Sokrates — und die der heutigen Orientalen ist überhaupt nur denkbar in heissen Klimaten; im Westen, Osten, Norden Europas, ja sogar in unserem Siiden kommen nur Fälle mit schon ausgereiften, der Sexualität fähigen Knaben zwischen 15 bis 17 Jahren vor, überwiegend aber mit jungen Männern zwischen 20 bis 26 Jahren (Soldaten, Kellnern, Barbieren, Handwerkern, Dienern u. s. w.), wie der hierin berühmte Polizeirat Dr. Stieb er in seinen Erinnerungen an seine Strafgerichtspraxis eben so aus- führlich als eingehend beweist, nicht minder der Pariser Polizeibeamte Canl^r 1860, der Engländer Plint in seinem „Crime in Evglavd'^; die bedeutendsten ärztlichen Autoritäten, wie Dr. Reyd eilet schon 1810, der, hierin erste Autorität, Dr. J. L. Caspcr, weiland in Berlin, 1852—64; der Pariser Dr. Tardieu 1862 und auch Dr. Rosenbauer in Halle schon 1839 u. s. w. Also wir können mit Bezug auf unsere Kinder — sofern sie Knaben sind — ruhig schlafen; freilich, auch die kleinsten Mädchen sind immerhin der Möglichkeit einer Brutali- tät durch — Xormalsexuale ausgesetzt, wie so viele Notizen in der Tagespresse zu melden Anlass haben.* «Ihre eigene Leidenschaft nennen sie — sonderbar genug — »Vernunft"; sich selber und überhaupt Ein- geweihte „ Yemtinftige* ; also logisch die Nichteingeweihten münftige", die Normalsexualität „das Unverntinf- — 07 — . tige". So singt schon Graf Platen ebenso poetisch schön und keck, als völlig unverständlich und rätselhaft für , Uneingeweihte* : „Was Vernunft 'ge hoch verehren, Taugte Jedem, der's verstünde; Doch zu schwer sind ihre Lehren, Zu verborgen ihre Gründe. Sie (die Normalsexualen), die von der Tugend zehren, Ueberliessen uns (Homosexualen) die Sünde!" »Und Goethe's Schlussstrophen in dem allerdings höchst verdächtigen Gedicht ,An den Mond" : „Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Ueber mein Geschick. Ich besass es doch einmal. Was so köstlich ist! Dass man doch zu seiner Qual Nimmer es vergisst! S(4ig, wer sich vor der Welt Ohne Hass verschliesst, Einen Freund am Busen hält Und mit dem ge nies st, Was, von Menschen nicht gewusst Oder nicht bedacht, Durch das Labvrinth der Brust Wandelt in der Nacht." sind das Morgen- und Abendgebet jedes gebildeten «Ver- nünftigen*. Freilich, die „Unvernünftigen** haben bis jetzt geglaubt, das sei das Lied eines Mädchens an ihren Geliebten. Aber Meister Goethe scheint es geliebt zu haben — nach Shak espeare's Vorbild in den Sonetten — über das eigentliche Geschlecht seiner Sänger in Zweifel zu lassen, und im zweiten Teil seines Faust schildert er plastisch derlei Triebe; er muss sich's daher gefallen lassen, kommt er in Verdacht, dass er, der .grosse 7* . — 08 — Nachempfinder'^y Momente hatte, in denen er, künstlerisch objektiv, auch diese Sorte Liebe vorübergehend „nach- empfand". Shakespeare dagegen verrät sich — für den Eingeweihten — in jeder Zeile seiner Sonette." ,Von uns pflegen Vernünftige auch zu sagen: ,Er ist nicht so!" oder: „Das ist ja kein Wirklicher; er weiss aber alles. '^ „Unter sich nennen sie die Aktiven „Taschen", die Passiven „Tanten*. In einem Verhältnisse heisst der Aeltere „Onkel", der Jüngere „NefiPe". Von den vielen direkt lasziven, doch sehr harmlos klingenden Ausdrücken zur Bezeichnung von Reizen soll gar nicht gesprochen werden. „Jeder Walfisch hat seine Laus", singt Heine; und der Homosexualen Ungeziefer sind die „Preller* — von denen besonders gesprochen wird — die man in Paris ^Chanteurs'^f ihr Handwerk ^Chaniage^^ heisst, und den Jungen, den sie als „Lockvogel" ausstellen, nennen sie gar noch „fe Jesus !^ — In allen grösseren wie mittleren Städten haben die Homosexualen — wenn nicht direkt kostspielige, schwer zugängliche „Clubs", wieMirabeau seiner Zeit von den Pariser Prälaten und hohen Gerichts- personen dieser Geschmacksrichtung vor der Revolution erzählte — doch zahlreiche öffentliche Lokale, wo sie sich zusammenfinden, „Novizen" vorfinden, neue Bekannt- schaften machen, selber „Neulinge" mitbringen und be- sondere Stuben erhalten, um ungeniert zu sein, während meist die Kellner, oft auch der Wirt, zu den Eingeweihten gehören. In gesellschaftlichem Verkehre ist es ihre Hauptleidenschaft, in — Weiberkleidem zu erscheinen und sich die Cour machen zu lassen. Historisch findet man diese Manie schon am Hofe Henri's IH.; dann an dem James' L, von dem das Volk sagte: f,Rex fuü Elisabeth, nunc est regina Jacohus;'^ weiteres bei dem schweigsamen Wilhelm von Oranien in seinem Verhältnisse zum jungen Auux *lbermarle, davon die Herzogin von Orleans so — 69 — viel erzählt; und wie wütend war Louis XIV., als man ihm diese Maskeraden seines eigenen Sohnes Vermandois^ seines Bruders Orleans, des Prinzen Conti^ des Kardinals Boullon^ des grossen Cond^, des Vendöme, des Gramont^ des Erzbischofs Tellier etc. hinterbrachte^ ihre Gelüste verratend, und er ausrief: „La France devenue itcdiennel'^ Und dann die Komödie des Prinzen Heinrich zu Rheins- berg mit seinem Pagen; danach der Herzog August von Gotha, der Goethe soviel ärgerte, und der stets, als n Griechin" gekleidet, auf dem Sopha liegend, Audienzen erteilte — bis herauf zu den schon erwähnten Boulton und Park, die 1874 in Damenkleidern vor den Londoner Assisen standen, dann aber — verschwanden." »Und sobald man in den Kreis dieses Sexual-Frei- maurertums als Wissender tritt, welch ein Erstaunen er- greift einen, gelangt mau zu einer Uebersicht der Zahl. Ich sagte in meiner „Statistik*': auf eine Million Männer 20,000 Mutuelle und Pygisten. Ja, aber London, Paris, St. Petersburg, Berlin, Wien u.s. w. haben ja alle schon über oder nahe an eine Million Einwohner! Hier hat man denn einen Massstab! Und gar, was die Stände be- trifft! Aus der Nähe der Throne herab beginnend, in der hohen wie in der bürgerlichen Gesellschaft, im Kauf- mannsstande, beim Militär, im Klerus, in der Beamtenwelt bis herab zu den Handwerkern, dem ungeheuren Tross der Dienenden, sogar bis zu den Bauern; dann unter den Staatsmännern, den Gelehrten, den Künstlern, besonders beim Theater — überall Einzelne dieser Maurerei!" „Ohne den traurigen Vorfall 1840 hätte ich die ganze Welt zehnmal durchreisen, alle sonstigen Geheimnisse des Alls ergründen können, ohne auch nur je im Schlafe da- rauf zu geraten, dass es Homosexuale giebt. Die ge- wöhnliche Gesellschaft denkt sich überhaupt gar nie was, bis ein öffentlicher Skandal geschieht; die Gerichte — sie hängen wie in Nürnberg nur die, die sie bekommen; — 70 — und leider fallen ihnen hin und wieder nur höchst Un- glückliche^ Wehrlose, Unüberlegte, besonders aber Alte in die Hände, die sich durch ihr kindisch Wesen selbst verraten; und bestraft werden nur meist Mittellose, Ver- bindungslose, Unprotegierte; Leuten der ^besseren Stände* hilfl man gern durch, oder ihre Advokaten „hauen* sie durch, denn ^nackte Skandale" meidet auch die Themis gerne, lässt sich nur irgend eine Handhabe dazu finden, oder stösst man in den Akten gar auf eine „hohe Person*, die durch solchen Prozess, wenn auch nur nebenbei, kompromittiert werden könnte. Endlich in „guten Kreisen* spricht man ja überhaupt nicht von solchen ,Unfläthe- reien*, liegt aber ein bestimmter Fall als unausbleiblicher Gesprächsstoff vor, so sagen alle Humanen : „Nun, es wird sich wohl anders verhalten." Dazu reicht ihre Humanität aber nicht aus, auch nur zu denken: „Nun, und wenn doch; was weiter?" »Der Anthropologe, der Biologe, der Psychologe etc., sie mögen daher noch so vielseitig und auch praktisch gelehrt sein, sie ahnen von solchen Fragen nie etwas, so lange sie sich ausserhalb des Zauberkreises dieser Fragen bewegen. Doch triilt man zufällig auf den nächstbesten Ersten, der zu dieser Sekte gehört, und der irgend welchen Anlass hat, die streng gewahrte Maske vertrauensvoll zu lüften, so hat man sofort für alle Gesellschaftsstände der Welt den Schlüssel, um in derselben das ,Benjamitter- tum* — wie die witzigste Frau des XVII. Jahr- hunderts, die Herzogin von Orleans, diese Sekte nannte, von der sie am Hofe ihres weibersüchtigen Schwagers, Louis XIV., so dicht umgeben war, den eignen (iemahl dazu zählend — zu erblicken, für das man bis dahin kein Auge hatte. Und nun erst erschrickt man über Niegeahntes. Denn durchreist man alle Städte Europas, dringt man in welche Gesellschaftsschichten immer — vom höchsten Palast bis zur niedersten Hütte, inmitten — 71 — Millionen von glücklichen Normalsexualen — so genügt ein Blick aus der Schule der Vertrautheit, ein Wort, das Eingeweihtheit verrät — und man erlebt eine Zauber- szene. Leute, mit denen man gar nicht gewagt hätte zu sprechen, behandeln einen nun plötzlich als alte Bekannte, und entgegengesetzt: Leute, von denen man sichs wahr- lich nicht versieht, angesprochen zu werden, wagen dies plötzlich. Wie viele Hunderte erklärten mir später: „Als Sie mich so eigentümlich scharf ansahen, mit feuchtem Blick, wusste ich sogleich, wieviel's geschlagen hat" Und wie erstarrte ich, als einmal ein Lakai, der hinter seinem Herrn, einem Prinzen, einherschritt, mir im Vorbeigehen leise, mit vielsagender Miene zuflüsterte: „Wenn Euer Gnaden nähere Auskunft wünschen, bitte sich nur an mich zu wenden!" Wahrhaftig, das ist ja ein förmliches Freimaurertum, das — wie das echte, staatlich privilegierte — r durch ganz Europa, durch alle Gesellschaftskreise geht, von dessen Existenz aber nur die Eingeweihten wissen. Ja, einstmals setzte ich sogar irgendwo bei einem Minister eine Zivilsache durch, indem ich ein Wort fallen Hess, dass mir einen scharfen Blick zuzog; aber das bisher Verweigerte wurde sofort bewilligt. Und so könnte ich Ihnen noch ein paar hundert Geschichtchen erzählen. Anfangs wusste ich mir die Ursache dieses Zaubers selber nicht zu erklären, bis ich die Natur dieser Leute studierte. Sie haben alle eine angeborene Meisterschaft, sich in nichts vor der Welt zu verraten, und geradezu ins Gesicht gefragt, antworten sie mit eiserner Stime, und man schwört darauf, sie ver- stehen gar nicht mal, um was man sie fragt. Aber sie haben insgesamt die Schwäche, dass, sobald jemand nur durch ein Wort ihrer Geheimsprache zu erkennen giebt, auch er sei ein „Eingeweihter", sie sofort vom höchsten, vorsichtigsten Misstrauen ins grenzenloseste, oft albernste Vertrauen überschlagen. Von diesem Jargon ^ — 72 — wird sogleich die Rede sein. Dies plötzliche Vertrauen ist dann aber ein um so aufrichtigeres, jemehr sie im weiteren Gespräche merken, daes ihr neuer Freund zwar völlig eingeweiht, aber „nicht selber so sei", d. h. nicht auch gleicher Leidenschaft Sklave, jedoch tolerant, daher ehrenwert nnd zuverlässig sei. Denn — und hier das dritte Wunder — ihre ganze Phantasie ist zwar ge- schwängert von Vorstellungen ihrer geheimen Lüstern- heit, und sind sie unter ihres Gleichen, so schwatzen sie nur von diesem Thema — aber tiefst geheim fohlen sich die Meisten höchst unglücklich über das Spiel der Natur, verdammt zu sein als ^anima mulicbris in corpore mas- culino", wie sie ihr Hauptverteidiger bezeichnete, sie .Urninge' nennend — über ihre Zwitterstellung auf den Rangstufen der Natur, über ihre Abnormität, die sie ver- heimlichen müssen wie einen Mord. Welch Labsal daher für sie, können sie endlich einmal, und wenn nur für eine Sekunde, die Maske lüften und ihr Herz vor einem Uoparteüschen ausschütten, von dem sie nicht« zu fürchten haben, vielmehr mit ihrer zeitweiligen Sentimentalität gar noch auf Teilnahme, Mitleid rechnen können, das ich solch' Unglücklichen nie verweigerte, besonders nicht, da ich in 39 Jahren beinahe an 100 Selbstmorde erlebte, bei denen ich, direkt oder indirekt, die eigentlichen Motive kannte — gerade, indem ich diese Zeilen schreibe, liegt mir ein eben empfangener Brief vor, der vertrauliche Mit- teilung über solch einen Vorfall macht" ,Älso für gewöhnlich genügen sich die Homosexu- alen unl«r sich selbst, wenn auch die Ueberzahl fast täg- iiili mit ihii.li Geliebten und Liebhabern wechselt, oder eigentlich alk- xasammen gleich lieb hat, nur dass sie eben mit dem sich begnügen, der an jedem Tage zu- fällig unterkommt." „Jedocli das hauptsächlichste Wild aller beiden Sorten von Homo.'texualen sind die — Normalsexualen. — 73 — »Wie," werden Sie sagen, »das ist ja gar nicht möglich! Das ist schon an sich ein Widerspruch im Wesen beider Triebe, und überdies ein Widerspruch gegenüber bisher Gesagtem.** — Diese beiden scheinbaren Widersprüche werden sehr leicht durch das, was nun zu sagen kommt, gelöst sein." »Es versteht sich von selbst, dass ein Homosexualer nicht um die »Liebe" eines Normalsexualen werben, noch sich der Hoffnung hingeben kann, dieser werde sich ihm wirklich uneigennützig, in wirklicher Sympathie, und wirklich blos „pour les beaux yeuaf^ hingeben. Ja, ist der Homosexuale auch noch so schön, liebenswürdig, bezaubernd, und der Normalsexuale ihm noch so sehr freundschaftlich zugethan, dass er, aus blosser Neigung für den Freund sich etwa auch einmal zur Befriedigung von dessen ab- sonderlicher Passion hergiebt, er thut's gewiss nicht wieder, wenigstens freiwillig, uneigennützig nicht wieder; denn einenteils befriedigt den Normalsexualen weder der aktuelle, noch gar der passive oder aktive pygistische Akt, und derselbe Akt auch mit dem unbegehrenswertesten Weibe ist ihm hundertmal lieber, und zweitens, mag er auch alle Freundschaft für seinen Freund haben, er hat keine Sympathie für dessen Körper und mag dieser noch so schön sein; ein Weiberkörper allein reizt sexuell den Normalen. Das hab' ich oft genug Homosexualen, die mir sonst ganz lieb waren, entschieden ins Gesicht gesagt, merkte ich, das blos die Idee in ihnen auftauchte, etwa mir selbst Zumutungen zu machen. Und wir blieben ganz gute Freunde. Besuchten sie mich, so fanden sie meine »Meine" vor, die ich in alles eingeweiht, die vor solchen Zeugen zu küssen, ich mich also gar nicht scheute, und die es auch ungefährlich fand, sich vor solchen Freunden nicht zu genieren. Besuchte ich aber Homosexuale — so genierten sich diese gleichfalls nicht, waren eben Geliebte von ihnen anwesend. Der Kompromiss ergab — 74 — sich ohne Schiedsrichter. Aber völlig anders ist der Homosexualen instinktives Verhalten in der Gesellschaft. Es giebt ja auch .Mädchen und Frauen, die entweder in alle hübschen Männer oder blos in einen sterblichst ver- liebt sind, deren ganze Phantasie von diesem Idol erfüllt ist, die im Traume murmeln: «Ach, könnte ich diesen Halbgott nur einmal in den Armen haben!'' die sich aber wohl hüten, auch nur durch eine Miene, einen Blick oder gar ein Wort diese geheime Glut zu verraten. Noch weitaus vorsichtiger und zurückhaltender muss sich der Homosexuale in auch nur halb guter Gesellschaft von Normalsexualen verhalten, denn er riskiert nicht nur kälteste Abweisung, niederschmetternde Verachtung, ja von Brutalen schmerzlichste und entehrendste Thätlich- keiten, er riskiert, sogar schon beim blossen Verdachte seines eigentlichen Wesens, für immer Verlust seines guten Rufes, Ausschliessung aus jeder besseren Gesell- schaft — auch wenn er Prinz ist. Er wird zur Zielscheibe des infamsten Witzes, Gerüchte verbreiten sich über ihn, als litte er an einer Seuche. Darunter leidet sogar sein bürgerliches Fortkommen, sein Geschäftsverhältnis, und endlich erfährt den Ruf auch die Behörde. Und unver- sehens kann's ihm passieren, dass man ihn bei einem Falle zur Verantwortung zieht, ja blind verurteilt, der ihn ganz und gar nichts angeht, an dem er absolut un- schuldig ist, — jedoch seinem Rufe nach traut man ihm eben alles zu. Das ist der Schlüssel zu dem Geheim- nisse, dass manche, besonders höhere Gesellschaft oft direkt durchspickt ist von Homosexualen, ohne dass die Gesellschaft selber das Geringste davon ahnen würde. Ein sehr scharfer Beobachter vermag die feine Bemerkung zu machen, dass oft in Mänuerkreisen, in denen laszive Weibergeschichten erzählt werden, sich Einzelne vorfinden, welche dabei ein Gesicht machen, wie Hunde, zu denen man spricht und die nicht sonderlich Witziges an solchen — u> — Geschichten finden. Dann weiss man aber freilich noch nicht, ob solche „Kühle ** Monosexuale oder Homosexuale sind. Aber unter sich erkennen sich Homosexuale leicht auch in buntester Gesellschaft, und ohne sich persönlich zu kennen. Und im Kreise der Homosexualen kennt man tausendmal mehr, als es eine geheime Polizei könnte, die Namen fast aller andern Homosexualen derselben Stadt, desselben Landes, ohne die Mehrzahl derselben je zu Gesicht bekommen zu haben. ^ , Wenn nun in einer Grossstadt auch nur 1000 Mutuelle und Pygisten sich befinden, die sich doch wenigstens mit — wie wir weiter sehen werden — 2000 Personen sexuell was zu schaffen machen, während doch das Jahr über kaum 3—4 Fälle in einer Stadt zu gerichtlicher Verhandlung kommen, diese Fälle aber fast immer nur arme Teufel, alte Leute oder höchst Unvorsichtige be- treffen, die sich öffentlich oder durch bösen Zufall er- tappen lassen oder die Opfer von Denunziationen durch „Preller* sind — wenn wir all das bedenken, so können wir uns die juridischen, sozialen, moralischen, psycholo- gischen Schlussfolgerungen von selber machen. Es scheinen also offenbar keine schreienden, ununterdrück- bare Untersuchungen notwendig nach sich ziehenden, Skandal erregenden Folgen vorzukommen — wenigstens nicht der Oeffentlichkeit bekannt werdende, — während man doch fast wöchentlich in den Journalen was liest von Gewaltakten mit unreifen Mädchen, Notzucht u. d., verübt von Normalsexualen. — Der österreichische Reichstagsabgeordnete Otto Hausner versendet soeben durch den Buchhandel das Programm eines grossen statistischen Werkes »Das menschliche Elend*, in dem er auch den statistischen Ausweis geben will von: „Not- zucht, Unzucht mit Minderjährigen und schreckliche Ver- mehrung derselben in den letzten Jahren, Sodomie, Blut- schande, Abtreibung der Leibesfrucht, Ehebruch und Un- — 76 — zulänglichkeit desselben für die Statistik, Kuppelei, Pro- stitution und ihre Regelung, Syphilis, übertriebene Strenge der älteren Strafgesetzgebung und deren Folgen/ Man sieht also, der Wortlaut der Gesetze ist noch heute schärfer als die Praxis; zugleich aber auch, wie sehr sich diese geheimen Triebe und ihre Befriedigung der Auf- merksamkeit der Gerichte, der Gesellschaft, überhaupt der Oeffentlichkeit — und schon durch ihre Natur — entziehen, noch mehr, indem sie keine so äusserlich wahrnehmbaren Folgen wie z. B. die Syphilis nach sich ziehen, welch letztere — nach einem andern statist- ischen Ausweise — in blos 60 Spitälern während eines Jahres durch 32,215 Kranke vertreten war, indess geringst gerechnet, mehr als 1 Million Personen sich privatärztr lieh behandeln lassen und zwar unter 16 Millionen Ein- wohnern. Kein Wunder daher, dass auch die Natur- forschung bisher kaum was weiss vom Vorhandensein des verhältnismässig so zahlreichen Abnormalsexualismus unter Männern; und die Gerichtsmedizin weiss von gar nichts als blos von jenen Aiiswurfsf allen, die ihr so spo- radisch zur Beurteilung vorgeführt werden. Unsere Aerzte denken aber gar nicht einmal daran, bei den ver- schiedenen Krankheiten und Kranken zugleich auch nach dem geheimen roten Faden zu suchen, der in manchen Fällen bis in die Kinderjahre als sexuale Wurzel zurück- reicht.* «Aber mit was nähren diese Mutuellen und Pygisten ihren Trieb? Suchen sie, und ausschliesslich, Befriedigung ihres Triebs nur unter Ihresgleichen, den Homosexualen, oder greifen sie auch hinüber in die ungeheure Mehrheit der Normal sexualen? Leider! Besonders unter den Mutuellen — sporadisch sogar unter den Pygisten — giebt es in der That Verhältnisse zwischen zwei Homosexualen, die Jahre hindurch andauern, von so merkwürdiger Zärtlichkeit wie fast zwischen Manu — 77 — und Weib, ja wo das Gemüt mit ins Spiel kommt imd wo — wie in der Ehe — nachdem die Leidenschaft schon längst erloschen, noch gegenseitige Zärtlichkeit, Gewohn- heit der Zusammengehörigkeit, sogar gleiche Vermögens- rechte bis ins höhere Alter, bis zum Absterben des Einen, fortverbleiben. Freilich kommen solche dauernden Ver- hältnisse, die beiderseitig auf gutes Gemüt hinweisen, auch bei Normalsexualen nicht in absoluter Regel vor, auch nicht innerhalb legitimer Ehe — man weiss ja, wie entsetzlich viele schlechte Ehen weiter geschleppt, wie viele Ehescheidungen jährlich verlangt werden. Und unter der grossen Zahl unverehelichter Normalsexualer giebt es gar Wenige, welche ihr lebelang derselben Geliebten treu bleiben; die allergrösste Mehrzahl liebt, ob nun Normal- oder Homosexuale — die Abwechslung.* „Die kulturhistorische Seite all dieser Fragen kann hier nicht besprochen werden. Es sind hier nur so kurz als möglich faktische Thatsachen zu geben, damit der Natur- forschung überhaupt bisher übersehene Stofife für ihre Schlussfolgerungen geboten werden. Hoffentlich werden nachfolgende Bemerkungen nicht ausserhalb der Forscher- kreise missverstanden werden. Man darf es schon wagen zu sagen, dass sogar einzelne Könige z. B. den Pocken er- lagen, ohne damit gesagt haben zu wollen, dass alle Könige der Welt zu Pocken inklinieren." „Bei unseren modernen Verhältnissen hat sich unter andern auch jener Stand vermehrt, dessen weibliche wie männliche Mitglieder sich als freie Menschen unter gegen- seitigen Bedingungen auf Zeit vermieten, um den Mietern alle möglichen Dienste zu leisten. Kurz, es ist von der dienenden Klasse die Rede. Was die weiblichen Per- sonen dieser Kategorie betrifil, so kann nur ein Dumm- kopf oder ein Mucker zweifeln wollen, dass man bei zahlreichen — gemerkt nicht bei allen — Köchinnen, Stubenmädchen, Dienerinnen u. s. f. durch „kleine Ge- — 78 — schenke", wenn nicht glattweg durch Geld ebenso leicht zu Genusszielen gelangt, als bei der ausgesprochenen Prostitution. Ebenso verhält es sich unter den Männern. Die Homosexualen suchen sich zumeist , Willfährige" (Concedcntes) in dem überaus zahlreichen Stande der Bedienten, Kellner, Hausknechte, Laufburschen^ Friseure, Barbiere etc., wie jener Handwerker, welche unmittelbar mit Kunden zu thun haben, wie Schneider, Schuster, Tischler — bei all diesen Jugend bis zu 25 Jahren vorausgesetzt. — Dann kommt die zweite Gruppe junger Handelsbeflissener, einzelner Studenten, junger Be- amten. Endlich — wie schon Geheimrat Dr. Stieber in seinem Buche betonte, nicht minder Dr. Casper — bietet bei der ungeheuren Steigerung der Kriegsmacht aller europäischen Staaten der Soldatenstand die reichlichste und leichteste Auswahl für Leute, welche ge- neigt sind, „einem jungen Freunde* nicht nur das Taschen- geld zu verbessern, sondern auch sonst bescheidenen Wünschen desselben zu entsprechen, bei Dienern durch gutes Trinkgeld, bei jungen Leuten höherer Ansprüche durch gute Diners und Soupers und durch Einführung in fröhliche Kreise. Von all diesen Leuten verlangt die bürgerliche Gesellschaft ganz trocken und nüchtern für bares Geld, für meist kärglichen liohn die schwersten, oft schmutzigsten , emiedrigendsten, gesundheitsschäd- lichsten oder aufreibendsten mechanischen Arbeiten, ohne Rücksicht auf etwaigen Bildungsgrad, und nennt alle diese Arbeiten und mit Recht „ehrenwerte*, erfüllt der Dienende seine Pflicht. Denn es ist in der That ehrenwerter, sogar wenn man seinen Leib verkauft, oder ihn als Strassen- reiniger, Gossenreiniger, zuletzt sogar als Henker ver- mietet, als man wird Vagabund, Betrüger, Dieb, zuletzt etwa auch Mörder. Also eine Gesellschaft, welche be- rechtigt solche Grundsätze aufstellt, in allen Fällen, wo ihr ein Dienst geleistet wird, darf nicht verurteilen, wenq - 79 — einer ihrer Diener mit freiem Verfügungsrecht seinen Körper hin und wieder auch an die Lust verkauft, ohne seinen andern Pflichten gegen die Gesellschaft untreu zu werden, und ohne für die Gesellschaft so böse Folgen hervorzubringen, als ihr vielfach der gefällige Teil der weiblichen Dienerschär zufügt.* „Unter jenen jungen Leuten, welche sich die intime Freundschaft eines, oft auch noch sehr jungen „Onkels* gefallen lassen, entpuppen sich in solchen Verhältnissen gar viele als selber zum Homosexualismus gehörend. Aber die grösste Ueberzahl sind reine „unentvvegbare* Normalsexuale. Sie geben geduldig ihre Reize preis, geschieht ihnen doch nichts Schmerzerregendes, im Gegen- teile: sie fühlen ja selber, wenigstens halben Gcnuss da- bei. Aber ihre volle Brunst, ihre sexuale Sympathie ge- hört ausschliesslich dem Weibe. Sobald sie daher nach solchem „Gefälligkeitsdienst" sich nur wieder potent fühlen, verwenden sie die erhaltenen Mittel dazu, sich voll am weiblichen Busen zu entschädigen. Sie selber verhehlen das nie, und ihre Liebhaber können ihnen das nicht übel nehmen; im Gegenteile, gar viele dieser Willigen bekommen von ihrem „Freunde" mit der Zeit sogar noch Aussteuer, um sich sorglos verehelichen zu können; und dann ist nicht mehr die Rede vom alten Verhältnisse. Der junge Mann hütet sich wohl, seiner Frau Geständnisse in dieser Richtung zu machen, und stellt den einstigen Freund objektiv als den alten Wohl- thäter vor." „Dagegen jene Sorte von Burschen, denen wüster Charakter schon angeboren, sie geben sich zwar für Geld ebenso gleichgültig einem alten geilen Weibe, wie einem Homosexualen preis. Aber sobald die That voll- führt ist, werden sie zu Vampyren, treten mit unersättlichen Ansprüchen auf, und wenn sie auch noch so befriedigt werden, sie kommen immer wieder, stets unverschämter, -so- mit Denunziation drohend — obgleich sie wissen, dass solchen Falles sie selber die gleiche Strafe mit träfe! — und sich als arme Verführte erklärend. Genau dasselbe Manoeuvre, das Jemand erlebt, dem man eine Vaterschaft aufdisputieren will. Aber gar oft verbinden sich mehrere solche Willige, oder auch ein Williger mit einem nächst- besten Spekulanten, und nun geht man mit ., vereinten Kräften'* dem Opfer zu Leibe, ja. schliesslich auch ganz unschuldigen Familienvätern, denen man droht, auch sie solcher Dinge anzuklagen, wenn sie nicht blechen, was diese Esel meist auch thun, in Todesangst, nur nicht vor Gericht und in so abscheulichen Ruf zu kommen. So bilden sich denn — besonders in Paris und in Berlin — ganze Banden von handwerksmässigen Prellem oder Chanteurs heraus, die formlich reichliche Pensionen be- ziehen. Dr. Tardieu erzählt einen Fall mit einem be- rühmten französischen Gelehrten, der nicht den Mut hatte, sofort zu Gericht zu gehen, sondern 30 Jahre hindurch seinen halben Gehalt opferte, bis es zuletzt herauskam, dass der ursprüngliche Willige längst nicht mehr lebte, aber sein Erpressungsrecht an andere völlig Indifferente als ^Clientel* verkauft hatte, die es als , Geschäft* weiter fort ausbeuteten. Ein berühmter Diplomat musste zwei- mal auf andern Posten versetzt werden, um diesem Un- geziefer zu entgehen. Der Mörder des Erzbischofe von Paris, Sibour, Namens Berger, war seinerseits überwiesen ein Will- fähriger; wie in Genf der junge Maurica Elcy, der mit seiner Chanteurbande jahrelang die ganze Republik tyrannisierte, bis er zuletzt den Uhrmacher ermordete. Und eben wird wieder ein ähnlicher Mord aus Oesterreich gemeldet Und all diese waren Normal sexuale, die sich für Geld Homo sexualen ergaben.* „So erzeugt das Gesetz gegen ein eingebildetes Ver- brechen wirkliche Verbrechen!* »AU das bisher Gesagte beweist uns, die wir aus- — 81 — schliesslich auf dem Standpunkte der Naturforschung stehen, eben noch >veiter nichts, als dass es in unserer europäischen Gesellschaft und besonders in der Gegen- wart, eine verhältnismässig grosse Anzahl von Männern aller Stände, bis zu den höchsten und niedersten giebt, welche, wie es scheint, eigentlich nur aus RafBnementj aus Blasiertheit oder angeborenem schlechten Geschmack sich sexual vom Weibe abwenden und unter sich selbst Unflätereien vollbringen, welche ebenso zwecklos sind, als sie die körperliche wie geistige Gesundheit schädigen. — Es fragt sich nun, ob das eine Willkür ist, eben so frech als sinnlos, wie ja alle Moden, welche die Mensch- heit schon so oft seuchenartig ergriffen, aber nach kurzer toller Wirtschaft plötzlich \\neder, gleich einem Nichts, verschwanden, — oder ob dies ein pathologischer Zustand einzelner Individuen ist, die, indem sie sich von Jugend an durch Selbstbefleckung schwächten, — und das ist die Anschauung der meisten Untersuchungsgerichte — , des Weibes nicht mehr fähig und zu feig sind, zu versuchen, Weibern gegenüber den Mann zu spielen, daher sie zu dem elenden Surrogat onanistischen Genusses halten oder gar zur widernatürlichen Imitation des Coitus greifen?* »Oder aber, drittens, ist es ein angeborener un- unterdriickbarer einseitiger Trieb, den gewissen Indivi- duen einzuimpfen die Natur sich das herzlose Spiel er- laubte, indem sie ja bekanntlich innerhalb ihrer strengen und schönen Gesetze sich die Rücksichtslosigkeit ge- stattet, ihrer eigenen Ordnung Hohn zu sprechen und auch Abnormitäten Existenz zu verleihen? Nur in diesem Falle hat die Naturwissenschaft ein Interesse, ein Recht und eine Pflicht, sich auch noch um solche Fragen, ebenso gewissenhaft als frei von aller Prüderie, zu kümmern^ welche bisher noch keinen anständigen Menschen ver- lockten, sie in die Reihe der prüfenswerten Fragen zu stellen.** Jahrbuch II. () — b2 — ^Aber wer kann das Angeborensein eines Triebes beweisen, und mit welchen Argumenten?** , Sehen Sie, Verehrtester, diese Frage stellte ich mir selber schon tausendmal seit den 39 Jahren, in welchen ich dies Phänomen und so vielseitig beobachtete. Sie können mir bezeugen, wie leicht es mir fiel, Ihnen die vielseitigsten Beobachtungen über das sexuale Wesen des Weibes mitzuteilen; und welche Fülle ich Ihnen hierüber zur Disposition stellte, wähnend, ich allein wäre auf jene scharfsinnige Entdeekimg verfallen, es war doch kaum Eine Observation darunter, die Sie nicht schon längst selber gefunden, und deren Ursachen Sie nicht schon weit gründlicher wussten, als ich. Wir normalen Männer kennen eben das Weib durch und durch schon aus Instinkt. — Nicht viel mehr Schwierigkeiten fand es dann, meine Anschauungen über den Monosexualismus beim Manne und beim Weibe begreiflich zu machen und mich klar darüber auszudrücken. Aber über den Homo- sexualismus habe ich Ihnen nun schon private ein dickes Manuskript zusammengeschrieben, jedoch noch nicht einmal die Hälfte von den Daten und Schluss- folgerungen mitgeteilt, die sich mir während 39 Jahre lauger Beobachtungen in drei Weltteilen aufdrängten, mir im Gedächtnis haften blieben, ohne dass ich den Schlüssel zu diesem Rätsel gefunden, welches schon dadurch dop- peltes Rätsel ist, weil man es seit Jahrhunderten noch nicht der Mühe wert fand, es mit dem vollen Ernst der Wissenschaft, also frei von jeglichem Vorurteil und von individueller Antipathie oder Sympathie anzusehen.^ 9 Sie müssen aber ja nicht glauben, dass noch Niemand über dies Rätsel geschrieben. Im Gegenteil, allein schon aus der Literatur der Griechen Hesse sich eine ganze Bibliothek zusammenstellen. Dann wieder eine Bibliothek für sich machen seit christlicher Aera jene Humanisten und Philologen aus, welche sich bestrebten - 83 — das Helenentum bis ins geringste Detail zu verherrlicheü, die aber, sobald sie von Schritt zu Schritt auf die Rätsel stiessen, in zimperlicher Vorsicht zur Schönfärberei griffen und sich abmühten, die hinkendsten Beweise zu liefern, wir missverstünden die Frage, denn es habe sich nie um etwas anderes gehandelt, als um reinsten Piatonismus so edler Art, den zu verstehen wir heute gar nicht fähig sind (hat man doch auch schon hunderte übergelehrte Kommentare geschrieben, um zu beweisen, Shakespeare habe in seinen Sonetten nicht einen schönen jungen Freund verherrlichen wollen, sondern in ihnen — sich selbst, seinen unsterblichen Geist besungen!!) — Endlich übersende ich Ihnen anbei eine — nicht entfernt komplete — Bibliographie — nachweisend die meisten Werke, welche — vom Standpunkte der Philosophie, der Rechts- geschichte, der gerichtlichen Medizin, der Gesetzgebung aller Länder, der Prostitutionsgeschichte u. s. w., — über Homosexualismus beider Geschlechte handeln, sowie eine reiche Liste von Memoiren, Geschichtswerken, Reise- schilderungen, biographischen Lexiken u. dgl., in denen Sie jede Angabe uon mir historisch nachgewiesen finden. Es sind 173 Titel, und daneben fehlt noch mehr als die Hälfte der schon früher notiert gewesenen. Aber ich er- schöpfte auch möglichst alle literarischen Quellen über diese Frage. Was ist das Resultat dieser Forschung?** ^a) Soweit unsere Geschichtskenntnis zurückreicht, finden wir Daten über Homosexualismus. Nicht nur bei Homer und in der Bibel, auch in allen indischen Quellen.** „b) Griechenlands Kultur blühte etwa 1500 Jahre, die Weltherrschaft Roms gut 2000 Jahre, und es durch- sickerte in beiden Kulturepochen der Homosexualismus kontinuirlich, die hervorragendste Rolle spielend; die Majorität des Griechen- und Römertums pflanzte sich ebenso kontinuirlich stets reichlich fort, und dieser Welt- 6* — 84 — Staaten endlicher Verfall ist in allen andern Ursachen, nur nicht ausschliesslich in sexualer Entartung zu suchen.* „c) Für ganz Asien nimmt man 700 Millionen Be- wohner an, \md ihre Geschichte kennen wir seit 5000 Jahren. Es gab nun nie und giebt heute noch keinen Asiaten, welchen Volksstamms immer, der nicht Homosexualis- mus, passiv und dann aktiv, erduldete und verübte. Aber so sehr auch die einzelnen Völker in ihrem Da- sein wechseln — ganz Asien ist seit 5000 Jahren nicht entvölkert.* ,dj Aber wahrscheinlich, sagt man, war und ist M Onosexualität immer nur Giftblüte allerhöchster Kultur, des Raffinements, und das gesunde Volk muss erst dazu angesteckt werden. Nun wir haben aus dem 15. — 17. Jahrh. die zahlreichen Reisewerke gleich nach Entdeckung Amerikas von Gomora, Ramusio, Garzia über die Indianer, von Gacilasso über die Inkas, von Flacourt über Madagaskar, von Rochefort, vonHeanepin über Louisiana, von Garlevoix über Paraguay, von De la Potherie, Lafiteau, Paur, Virey über's übrige Südamerika: liberall, von Urzeit an, war Homosexualisnius eingewurzelt. Stell er fand ihn bei den Kamtschadalen, Reineggs überall im Kaukasus. Xeugriechenland und Italien gehören ihm ganz, und seine Herrschaft in Portugal schilderte schon Byron, der selbst zu diesem Kultus zählte. Man trifft auf seine „Willigen" bei allen „Büeblen" der Schweizer Alpen, wie bei den Bauerburschen der Steyermark, im einsamsten Hochschottland und auf den ameri- kanischen Prärien oder ungarischen Puszten. Serben und Rumänen sehen dies Amüsement als ein National- recht an, das sie sich nicht antasten lassen. Den jungen Zigeuner braucht man gar nicht zu fragen, man be- fiehlt ihm. BertholdSeemann erzählte lustige homo- Hoxuale Geschichten von den Fidschi-Inseln, Kapt. — 85 - Morris von Kalifornien, Dr, Coniba von Brasilien. Wo man hinsieht, in allen 5 Weltteilen, überall auch Homosexualismus neben Normalsexualismus; und zwar von Urzeiten her, instinktiv." ,e) Die Kirche erklärte diesen Trieb für ^Todsünde, Laster und Verbrechen", und ganze Bögen reichten nicht aus, air die Päpste, Kardinäle herzuzählen, welche die Sache offen betrieben, und jeglicher Klerus stand von jeher unter dieser Anklage; und die Jesuiten Benedicti, Sanchez, Beroalde im 16. Jahrhundert erwarben sich durch ihre Schriften den Namen als ^Klassiker der Sodomie".*' „f) Schlagen wir endlich — die Griechen und Römer gar nicht beachtend — die Blätter der Geschichte der letzten 18 Jahrhunderte auf, und wir finden den Hohen- staufen Friedrich I., die Templer, Juan II, Cosimo V. Medici, Papst Giulio III., Charles IX., Henri III., James L, Wilhelm von Orani en, Peter den Grossen, Friedrich den Grossen, Karl XII., Karl von Lucca; oder Macchiavelli, Consalvez de Cordova, Con- fadio, Shakespeare, Moliere, Jodella, Palla- viani, Lully, Vendome, Cond<5, Corregio, Michel Angelo; oder den Schöpfer des französischen Code, Cambac^res, Winkelmann, Johannes von Müller, A. W. Schlegel, Byron, Custine, E. Sue; oder Jffland, Wurm, Kunst, Hendrichs, v. Stemberg, Graf Platen — um nur Einige aus tausenden altbe- rühmter Namen zu nennen — angeklagt des Homo- sexualismus und meist auch mit solchen Belegen und Dokumenten, die schwer anzufechten sind uud deren viele sogar in Meyers Konv.-Lexikon übergingen.* «Wahrlich: .,Le diablc lucwpofte! ils so)d tous fous; ou sHls ne Ic sont pas: misericordCy mon DicVj t'eat moi qui le siiisV^ «Also die Geschichte lehrt uns, dass dieser Trieb des — 8i) — Hoinosexualisiuus — wie in einzelnen Fällen auch der des Monosexualismus — ein angeborener sein muss. Soweit unsere historische Kenntuisse zurückreichen — siehe : Ed. Sellon's Schriften über dasalte Indien, London 1863 — 65, — bei allen vrilden, bei allen primitiven, wie bei allen hoch- kultivierten Völkern finden wir seit Jahrtausenden und bis heute diesen Trieb, der noch dazu, auch wo er am freiesten sich ausbreiten konnte, insofern seine Gegner hatte, dass man ihn nie dem Norroalsexualismus völlig gleich stellte. Aber schon das Altertum bestrebte sich wiederholt, diesen Trieb entweder zu Kulturzwecken aus- zunützen, oder noch mehr, ihn für Staatsvorteile zu dis- ziplinieren. Die Lehre Christi hat auch kein Wort gegen diesen Trieb, erklärt vielmehr: eher wird 10 solchen Leuten vergeben werden, als auch nur einem Pharisäer. Erst das historische Christentum — von jener unheil- vollen, naturwidrigen Verachtung alles Irdischen, Körper- lichen ausgehend — erklärte Wollust für teuflisch, diese aber insbesonders ; es verfluchte sie und verfolgte sie mit Feuer und Schwert. Doch jedes Volk, das sich dem historischen Christentum anschloss, brachte das ^Laster" mit — wie Tacitus, noch weitmehr aber Engiritus von den alten Germanen erzählt. — So entstand der Begriff des Ketzertums, wobei unter Atheismus Unzucht, unter Unzuclit Atheismus verstanden wurde." (? Jaeger.) ^Und nun der zweite, noch viel stärkere Beweis des Angeborenseins. Seit 19 Jahrhunderten sind sogar V^atermord und frechster Raub nicht so verachtet, ge- hasst, lange sogar mit Feuertod, dann doch noch mit schwersten Strafen, mit Entehrung, Brotlosmachung, Zer- reissung aller Verwandtschaftsbande etc. noch heute be- droht wie der Homosexualismus, ja, der blosse Kuf, demselben zuzuneigen. Und siehe da — von antiker Welt gar nicht zu sprechen — die Geschichte aus dem modernen Zeitalter weist uns evident eine Reihe von — 87 — berühmten Männern nach, welche die Welt mit ihren edlen Ideen erfüllten, als Menschen und als Bürger gleich gut waren und gut wirkten, und die sich doch nicht so weit beherrschen konnten, ihre geheime Leidenschaft nicht zu verraten. Und dort: Fürsten, Mächtige und Reiche, die sich willkürlichst ganze Weiberharems hätten halten oder sich zu willigsten Sklaven von Maitressen hätten machen können, bei freiester Wahl unter allen Schönen der Welt — aber auch sie ergaben sich dieser sie brandmarkenden Leidenschaft. Kann man sich ein schlagenderes Argument für das Angeborensein denken?" „Jedoch, bevor ich auf ein weiteres Argument über- gehe, das ich aus eigener Erfahrung schöpfte, will ich die zwei Hauptcharakteristiken dieser unglücklichen In- guinität (ich weiss nicht, ob ich das rechte Wort v/ähle) scharf hervorheben." .,a) Kein geborener Homosexualist ergab sich jemals, auch nicht in frühester Jugend, der sogenannten ein- samen Onanie, denn sobald in ihm der Trieb erwachte, suchte er stets schon Kameraden, mit denen er den Akt verübte — also der diametrale Gegensatz zum M 0 n o s e X u a 1 e n. Es lässt sich daher kein ärgerer Fehl- schluss denken, als der gewisser Richter und Verteidiger, die Homosexualität sei die Folge zu übertriebener ein- samen Onanie, die zum Genuss des Weibes unfähig mache.* „b) Ich glaube die Beobachtung gemacht zu haben, dass die meisten Homosexualen — wenigstens unter denen, die ich studierte, — fast immer die Letzten ihrer, oft 6ogar Jahrhunderte hindurch überfruchtbaren Familien, oder doch jenes Zweiges derselben waren, der, selbst- verständlich, mit ihnen ausstarb. Ich bitte, mich ja nicht misszuverstehen, und nicht an jenen hübschen Witz junger Mediziner zu denken, dass sich manchmal die Unfrucht- barkeit von der Mutter auf die Tochter vererbe. Wer je Genealogie studierte, besonders die so wenig gekannte Holii Moni SelU bei &\ kultivi bis hl freiestf hatte, ■ gleich . wiederhi zuiiiitjjun, ziplinierei diese u Tr: Leuten vei Erat (las hi vollen, natuii liclieu ausgeln aber insbesomii Feuer und S- historisohen (1 mit — wie 'J" von dfn alUii BegritI' des K- unter L'nzuclii .Und mm Angeboren-, Vateroiord ijn hasst, lange - scliwersten Sn reiäsiiDg allür hnisch frug, ob etwa der After nicht auch übel rieche. — 101 — ja noch viel übler? so bekaai ich stets dieselbe Antwort: >0, das ist was ganz anderes! Der After bei der Jugend ist meist geradezu verblüffend rein und trocken -7 nur der älterer und nicht besonders propre sich haltender Männer ist vielfach schmierig und feucht^ so übel wie ein Weiberschooss. Aber ein Junge von 15 — 25 Jahren ist von Natur aus, und sei's ein Strassenjunge, gerade an jenen Stellen reiner als eine Jungfrau. Der Junge, der sich schon selber mit seinen Genitalien zu schaffen machte und nicht als Phimosist geboren wurde, ist am Glied ebenso rein und trocken wie am After und wie wohl nie ein Weib!" — Wenn ich topographisch-ana- tomisch diese Behauptungen überdachte, so konnte ich im Punkte der natürlichen Reinlichkeit des Afters nicht gut widersprechen, denn derselbe ist ja durch seine Konstruktion und Funktion selbstverständlich reiner als der weibliche Schooss, wird letzterer nicht ganz besonders gepflegt. Der After stösst ja mit Muskelkraft alles aus, was zwischen dem drei Zoll langen Kanal vom sphiticter ani internus bis zum sphincter extemus sich ablagert und schliesst dann so fest, dass keine Gährungfermente in ihn eindringen, wie dies so leicht beim Schooss des Weibes stattfindet, dass, um nicht noch stärkere Ausdrücke zu gebrauchen, die Vagina »verflucht pikant« duftet und, wie schon gesagt, gerade bei anständigen Frauen, — das ist auch ein merkwürdiger Beweis, wie der Instinkt alles auf die Duftstoffe Bezügliche ganz unbewusst herausbringt. Denn, wie ich Ihnen schon früher schrieb, die Lustdirnen waschen sich sorgfältig — schon aus Sanitätsrücksichten — und eben durch diese Geruchlosigkeit verrät sich die Dirne im Vergleiche mit dem anständigen weiblichen Wesen." So weit Dr. M. Also die Eine Seite beim aktiven Pygisten ist nicht etwa — wie doch beim kotliebenden Normalsexualen — , — 102 — -dass ihm der Afterduft — der doch immerhin, wenn auch sehr gering, vorhanden sein muss — das positiv Sym- pathische am Passiven wäre; er gesteht blos zu, dass der After ihm kein Greuel ist, dagegen aber das ganze Weib. Gerade deshalb wählt aber auch der Aktive den After des jungen Mannes imd nicht den des Weibes. Es giebt zahlreiche Weiber — besonders in Serbien — , welche ganz besondere Lust daran finden, sich in den After koitieren zu lassen, und andere, z. B. in Italien, die es verlangen, um sicher vor Befruchtung zu sein. Endlich jede Lustdirne lässt, gegen gute Bezahlung, mit sich machen, was mit ihr vorgenommen wird. Und — unglaublich, aber wahr — nie war ein solcher Afterakt, verübt vom Normalsexualen am Weibe — strafbar, nicht einmal in der Carolina. Wäre es also dem aktiven Pygisten nur darum zu thun, rein mechanisch in eine engere Oelfnung zu koitieren, als gewöhnlich die Vagina ist — nun, er könnte ja bei Weibern spielend leicht dies Gelüst befriedigen, straflos, mühlos, folgenlos und ohne Angst und Zittern. Aber ihm ist eben die ganze Atmo- sphäre des Weibes antipathisch, die des Jungen sym- pathisch. Schon Martial lässt einen Ehemann, der aber aktiver Pygist ist, seiner Frau höhnisch antworten, die sich selber ihm als Ganymed antrug, um ihn von Knaben abzuhalten: »Das verstehst du nicht! Weiber haben gar keinen Anus — blos zwei Vaginen*. »Der aktive Pygist — im Gegensatze zu allen an- dern Homosexualen — fühlt sich — gleich dem Normal- sexualen — als Mann; er ist eine durchaus aktive Natur. Er ist nie — weder in seinem Aussehen (oft sogar schon mit Vollbart!) noch in seinen Manieren und in all seinen Geschmacksrichtungen „weibisch", — was doch alle andern Homosexualen — auch die aktiven Mutuellen — sind. Solch ein aktiver Pygist ist in der — 108 — Mehrzahl ein — zwischen 20—30 Jahre alter, richtiger gesagt junger Mensch, so völlig ungeniert, wie jeder Normalsexuale, Damen gegenüber zwar kühl, aber sehr weltgewandt, oft auch liebenswürdig ohne Sinnlichkeit, jungen Leuten gegenüber aber so offenherzig keck heraus- fordernd, direkt zugreifend, dass sein Opfer eher an über- sprudelnden Jugendübermut glaubt als an überlegte Ver- führung und direkt homosexuale Absicht. Hören Sie nur folgende kurze Schilderung eines wahren Monstrums von aktivem Pygisten, der in einer Weltstadt vor 14 Monaten starb, volle 55 Jahre alt, aber von jedermann für einen Dreissiger gehalten, so gesund, natürlich jugend- lich (nicht gefärbt) sah er aus, und er starb am Auf- bruch alter Kniewunden, die er sich 1848 als Offizier im Gefecht geholt hatte, und man begrub ihn, ohne dass er noch ein graues Haar hatte. Er hiess Valerian Schober; Früh verwaist, nahm den Knaben Schober ein Pfarrer (ein aktiver Mutueller) zu sich, der ihn erzog und verzog, bis der Junge 20 Jahre alt geworden. Er wurde ein blendend schöner Bursche; zuletzt Erbe seines Wohlthäters, trat er in bester Gesellschaft auf und hatte rasch einen Kreis junger Kavaliere und reicher Bügerssöhne um sich. Bis dahin passiver Mutueller des Priesters, entwickelte er nun plötzlich seine Leidenschaft als aktiver Pygist. Alle seine Kameraden verfielen ihm, und von da ab volle 35 Jahre hindurch verging keine Woche, in der er nicht ein- bis zweimal wenigstens sein Gelüste stillte^ am liebsten mit jungen Handwerkern, sowie mit Soldaten, die bei ihm schliefen, ihn aber andern Tags nie mehr fanden, da er stets sein Nachtlager wechselte und 6 Wohnungen hatte. Trafen sie mit ihm später zufällig öffentlich zusammen, so be- nahm er sich höchst ungeniert, war grossmütig oder kurz angebunden, oder nahm seinen Liebling wieder für eine Nacht in ein andres seiner Quartiere mit. Stets trug er — 10t — ein Flacou feinetes Oel mit sich, um beim Akte alle Ver- letzungen zu vermeiden. Schober war stets sehr ge- schmackvoll, doch vornehm bescheiden gekleidet, blühend jung, gesund und schön, von unwiderstehlichem Humor,, in allen besten Gesellschaften, nicht reich, doch unab- hängig wohlhabend, glücklicher Börsenbesucher, bei dem man über alle Geschäfte sich Rats erholte, wie so viele Familienväter ihn über ihre Söhne und Töchter zu Rate zogen — und waren die Söhne hübsch, so waren sie ihm rasch verfallen, und ihm dann treu anhänglich. Und so ahnte denn 35 Jahre niemand etwas von dieses sehr strammen Mannes geheimer Leidenschaft, im Gegenteil man hatte ihn als furchtbaren Weiber-Don Juan im Ver- dacht. Ein paar Mal hatte er Fatalitäten mit Normal- sexualen — und nur solche suchte er sich aus, nie passive Pygisten — die darnach mit Anzeige drohten. Da ergriff er aber gleich selber die Initiative, lief keck und mutig zur Polizei, beschwerte sich energisch wegen solcher Zumutung, und man gab ihm lächelnd Recht^ denn sein Aeusseres schon und sein Benehmen Hess keinerlei Verdacht aufkommen, um so weniger, als er 1848 tapfer für die Ordnung gekämpft hatte und ver- wundet worden war, und zuletzt war er ganz sicher, als er heiratete. Das that er aber freilich nur in Aussicht auf eine Erbschaft, der zu Liebe er auch wirklich seine Frau befriedigte. Doch wie er selbst öfter erzählte, er hielt es nur ein Jahr neben der schönen Frau aus, dann war ihm alles Weibertum so sehr zum .Ekel* geworden, dass er sogar die Aussicht auf die Erbschaft aufgab, sich von seiner Frau trennte und sich um so leidenschaftlicher dem alten Gelüste ergab. Er starb zuletzt, ohne dass seine Verwandten oder das Publikum je was ahnten, noch jetzt ahnen. Und so könnte ich Ihnen noch ein paar hundert junger Leute herzählen — lieferte Ihnen auch schon Dutzende solcher Charakteristiken — welche — 105 — zwischen ihren 20. — 40. Jahren leidenschaftliche aktive- Pygisten waren, ohne dass jemals jemand das von ihnen ahnte. Schober war nur hierin die einzige, phänomenale Ausnahme, dass seine Potenz wie sein jugendliches Aus- sehen bis in das ziemlich hohe Alter von 55 Jahren aus- hielt, und dass er dazwischen faktisch auch des Weibes fähig war, freilich nur durch grosse Selbstbeherrschung und unter beständigem Ekel. Es ist daher nichts lächerlicher, als die so allgemein, verbreitete Ansicht, Päderasten seien nur alte gebrech- liche, gegen jeden andern Sinnenkitzel schon abgestumpfte,, impotente Leute. Man giebt sich gar nicht die Mühe nachzudenken, denn dann müsste man von selber zu dem Schluss geraten, welche volle Jugendkraft und Potenz, zur Verübung solch' eines Akts gehört! Nur Geheirarat Dr. Stieb er erkannte bisher das klar und riet noch da- zu der Polizei, bei solchen Fällen lieber ein Auge zuzu- drücken, oder alle beide, „denn ein Beweis sei äusserst selten herzustellen und die Thäter meist vornehme junge Herren, ja oft sehr hohe Persönlichkeiten, und übergrosser- Eifer führe nur zu Verdriesslichkeiten." Hieran knüpfe ich (Jaeger) Folgendes: Wenn ich das mir übersandte Portrait des Schober mit den Portraits- passiver Pygisten, die mir Dr. M. schickte, vergleiche, so ist klar: Schober ist in jeder Linie ein Mann, in des- Wortes verwegenster Bedeutung, die Passiven haben weibische weichliche Physiognomien. Solche aktive Pygisten sind ^superviril'^ , sie sind dem gewöhnlichen Mann ebenso überlegen, wie dieser dem Weibe „durch Duftwirkung*, daher die dominierende Stellung Schobers. Das Weib steht einem solchen etwa so fem, wie uns Normalsexualen ein Backfisch. Die Supervirilität Schobers spricht sich auch darin aus, dass er nicht die- weibischen passiven Homosexualen, sondern gerade Normal- — 106 - sexuale auswählte. Ueber den Unterschied des aktiven Pygisten vom Mutuellen sei noch Folgendes gesagt. Die aktiven Pygisten sind herrische^ leidenschaftliche Menschen, die auch beim Geschlechtsgenuss ein sich ihnen völlig unterwerfendes passives Objekt brauchen, wenn ihr Trieb gestillt werden soll, während die Mutualität als ein viel zu passiver zahmer Akt sie absolut unbe- friedigt lässt. Man wird also sagen, das sei somit doch bewusstes Raffinement, und das Instinktive sei nur die Abneigung gegen das Weib, während ihr Unterschied vom Mutuellen andere Gründe haben müsse. Das halte ich für falsch, und ich will die Erklärung etwas ausführlicher geben, weil sie ein schlagender Beweis für meine ganze Seelenlehre ist und stets zum richtigen Verständnis der- selben beiträgt. Wie ich bei dem normalsexualen Wollustaffekt aus- führlich schilderte, funktionieren bei der Begattung mehrere Organe als Dufbquelle, nämlich ausser den Generationsdrüsen erstens das Begattungsglied, der Schwellkörper, zweitens die Muskulatur. Von dem Grad der Zersetzbarkeit des Eiweisses hängt es nun ab, ob die Duflstoffentbindung leicht oder schwer vor sich geht JDie aktiven Pygisten sind nun meines Dafür- haltens Leute mit schwer z ersetzbarem Eiweiss: der Schwellkörper braucht eine starke Friktion, bis es zum Friktionsaffekt kommt, und die Muskeln müssen stärker angestrengt werden, um den Muskelaffekt zu ent- binden. Das ist nun bei der Mutualität nicht möglich, hier sind die Reize zu schwach, und deshalb greift der aktive Pygist zum After, welcher die höchste Aktivität verlangt, denn der Wollustaffekt ist eben nicht perfekt, wenn sich nicht der Schwellkörper- und Muskelaffekt dazu gesellen. Zu dieser schwereren Zersetzbarkeit des Eiweisses stimmt das ganze übrige Bild des kräftigen, kecken, aktiven Pygisten im Gegensatz zu dem weibischen — 107 — Mutuellen und passiven Pygisten: der Unterschied zwischen Mann und Weib ist aber hauptsächlich der^ dass das Eiweiss des ersteren schwerer zersetzbar ist als das des letzteren. Warum nicht der After des Weibes gewählt wird, ist klar: das Weib ist ihm antipathisch, ekelhaft. Ueber die passiven Pvgisten schreibt mir mein €orrespondent: . ^In der That, es ist geradezu verblüffend, wenn man bedenkt, dass sich jemand, und wenn für noch so viel Oeld und schöne Worte, fi*eiwillig dazu hergiebt, einen Akt an sich vollziehen zu lassen, der nach gemeinem Menschenverstand entsetzlich schmerzen muss, dem Er- clulder selbst keine Wollust zu gewähren scheint, im Gegenteil von den übelsten Folgen bedroht ist. Aber noch verblüffender ist es, wenn man weiss, dass es zahl- reiche schöne, junge Männer giebt, Männer, welchen die halbe Frauenwelt zu Gebot stünde und die doch sich nicht etwa blos freiwillig gebrauchen lassen, sondern geradezu dafür noch bezahlen und die Sache Jahre lang, selbst weit ins reife Alter hinein treiben." „Nachdem ich mich endlich durch die ausführlichste Beobachtung und Befragung vollständig überzeugt hatte, dass die Schmerzhaftigkeit des Aktes nicht blos nicht existiere, sondern im Gegenteil beim Passiven wegen der Reizung der am Mastdarm anliegcuden Samenbläschen ein höchst intensiver Wollustaffekt, sogar mit mehr- maliger Ejakulation erfolge, verfiel ich in die entgegen- gesetzte Vermutung, ich dachte: die äusserst angenehme Erfahrung einer erstmaligen Erduldung des Aktes werde zur bcwussten Ursache einer jetzt unwiderstehlichen Leidenschaft. Allein auch davon musste ich zurück- kommen, als ich passive Pygisten kennen lernte, von castani eine bedeutende Vertiefung an derjenigen Stelle, -an welcher die weiblichen Geschlechtsteile hätten liegen müssen; und schon glaubte Kelch, ein wirkliches Weib- chen mit abnormen (männlichen) Fühlern vor sich zu haben, wurde jedoch eines besseren durch Zebe belehrt, welcher aus der erwähnten Vertiefung die vollständigen jnännlichen Gesohlechtsteile herauszog. Hier hatte dem- .nach, meint Kelch, das Melolontha vulgaris Männchen als der grössere und stärkere Teil das M. hippocastani Männchen als den kleineren und schwächeren Teil be- zwingend, diesen ermüdet und nur durch seine Ueber- legenheit vergewaltigt. Dieses Falles gedenkt später Ha gen unter der Rubrik „Insekten-Bastarde* — (1. Fall). Im Sommer 1847 entdeckte Heer bei Zürich zwei Stück in Begattung befindliche Melolontha vulgaris, welche in ihrer Fühlerbildung vollständig übereinstimmten, wäli- — 139 — rend sonst die Fühler der beiden Geschlechter sehr ver- schieden sind; er hielt das passive Stück, etwas grösser und dicker als das aktive, ohne Untersuchung für ein Weibchen mit abnormer (männlicher) Fühlerbildung; sie hingen so fest zusammen, dass sie nur schwer zu trennen 'waren; von einer Täuschung konnte nicht die Rede sein. He er 's Auffassung bestätigte bald darauf Gemminger; dieser traf im Mai 1848 im Garten der Münchener Ana- tomie dasselbe Phänomen an; „beide Geschlechter in voll- Jcommener Begattung^ schüttelte er von einer Esche; das rangebliche Weibchen unterschied sich auch hier nur durch die korpulentere licibesform von dem schlankeren Männ- chen. Heer's und Gemminger 's Angaben erregten jedoch den entschiedensten Widerspruch Doebner's, nach dessen Ansicht die angeblichen Weibchen Heer's und Gemminger's mit männlichen Fühlern keine Weib- chen, sondern echte Männchen gewesen seien; die Er- scheinung, dass ein Maikäfermännchen von anderen Männ- chen in deren blindem Begattungstriebe verkannt und in der Art überwunden wäre, dass man einen wirklichen Begattungsakt zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern mit gleich gebildeten Fühlern vor sich zu haben glaube, stehe nicht vereinzelt da; ein eifriger Sammler in Aschaffen- burg habe dieselbe Beobachtung gemacht, ohne dass weiter •darauf geachtet worden sei. Do ebner beschreibt dann selbst einen weiteren ihm vorliegenden Fall: Zwei Melo- lontha vulgaris mit vollkommen gleicher männlicher Fühler- bildung befinden sich scheinbar im vollkommensten Be- gattungsakte; in diesem Zustande wurden sie getötet, ohne dass eine Trennung erfolgte. Das eine (passive) Exemplar war etwas grösser und seine Hinterleibsspitze steckte, wie gewöhnlich beim Weibchen, zwischen der oberen und unteren Platte des letzten Hinterleibsringes des etwas kleineren anderen (aktiven) Exemplares, während des Jetzteren Hinterleibsspitze, wie dieses gewöhnlich beim -- uo — Männchen der Fall ist^ frei lag; sein GescblechtsorgaD aber war in den Hinterleib des anderen eingeführt. Die Grössenverhältnisse waren bei diesen Exemplaren genau dieselben, wie bei den von Heer und Gemminger be- obachteten beiden Paaren, nur mit dem Unterschiede, dass bei dem Doebner'schen Paare das grössere, in der Lage des Weibchens befindliche Exemplar einen vollkommen entwickelten, frei und weit nach aussen hervorragenden männlichen Geschlechtsapparat zeigte, welcher augen- scheinlich durch das Einbringen der Penisscheide des kleineren Exemplars in den Afler des grösseren war herausgetrieben worden. Doebner hatte es also mit zwei wirklichen Männchen zu thun und es unterlag für ihn auch keinem Zweifel mehr, dass bei den Maikäfern Fälle vorkommen, wo Männchen zur Befriedigung ihres ungestümen Begattungstriehes sich anderer Männchen be- dienen, welche sie in ihrer blinden Wut wahrscheinlich für Weibchen halten und überwinden. Er hält daher auch die in den beiden Fällen Heer und Gemminger für Weibchen angesprochenen Exemplare für echte Männ- chen, bei denen, abweichend von dem durch ihn studierten und analog dem Kelch'schen Falle, die Geschlechtsteile in den Hinterleib hineingetrieben waren; wenigstens bleibt für ihn die Existenz von Weibchen mit männlichen Füh- lern mindestens noch so lange zweifelhaft, bis von solchen fraglichen Weibchen die weiblichen Geschlechtsorgane unzweifelhaft nachgewiesen werden — (2., 3. und 4. Fall). Einen weiteren Fall von copula inter mares bei Melolontha vulgaris legte in ausführlicher Weise 1859 Laboulbene dar. Dieser französische Gelehrte erhielt von Puton zwei durch Hitze getötete Melolontha vul- garis in copula aus der Normandie zugesandt; in der Umgebung von Dieppe hatte Puton selbst sie in copula gefunden; besondereR Interesse, schrieb Puton, konnte das Paar nicht bieten, trügen nicht beide Teile die äusseren — 141 — Kennzeichen des männlichen Geschlechts; er wünsche von Laboulb^ne za erfahren, ob es sich bei beiden Stücken um wirkliche Männchen handele oder ob etwa •der eine der beiden Käfer ein Weibchen mit männlichei* Pühlerbildung sei. Laboulbene stellte nun fest^ dass 1) beide Exemplare ihrem äusseren Baue nach einen irgend erheblichen Unterschied von einander oder von Pariser Männchen nicht aufwiesen; dass 2) die Lage der beiden in copula verbliebenen Exemplare ganz die ge- wöhnliche Stellung der beiden kopulierenden Geschlechter von Melolontha vulgaris sei: das Weibchen schreitend ■oder stillstehend und vom Männchen besprungen — dieses mit an den Leib angezogenen Beinen nach hinten zurück- gebogen, eine Lage, in welcher es „scheinbar schlafend'' vom stärkeren Weibchen umhergeschleppt wird; die äusse- ren Geschlechtsorgane des aktiven Männchens steckten im Leibe des passiven, in der gewöhnlichen Lage des Weibchens sich befindenden, männlichen Exemplares; S) die Zergliederung (nach Aufweichung in kaltem und ■alsdann kochendem Wasser) ergab ausschliesslich männ- liche innere Organe bei beiden Individuen, keine Spur weiblicher Organe, auch nicht bei dem passiven Indivi- duum; die hornige Penisscheide des aktiven Männchens war nicht in die Afteröfinung, sondern in die unter die- ser liegende äassere Geschlechtsöfihung gedrungen und zeigte an ihrem distalen Ende die häutige Rute ; die hor- nige Scheide des passiven Männchens befand sich dagegen in umgekehrter Lage in den Körper desselben zurück- gedrängt und liess nichts von der Rute erkennen. Laboulbene hält den Fall für den einzigen bekannten, •dem ein zweiter authentischer nicht zur Seite stehe, und iindet die Thatsache sehr eigentümlich, ohne irgend theo- retische Betrachtungen an sie anzuknüpfen — (5. Fall). Unter vielen kopulierenden Paaren der Melolontha vulgaris bemerkte im Frühjahre 1879 v. d. Osten Sacken — 142 — bei Heidelberg auch ein kopulierendes Paar von Männchen: die hornige Penisscheide des aktiven Männchens war wie im Doebner'schcn Falle zwischen die Dorsal- und Ven- tralplatte des letzten Hinterleibssegmentes des passiven Männchens eingeschoben; ebenso^ im Gegensatze zum Doebn er 'sehen Falle, der Aftergriffel; diese Stellung konnte nur mit Gewalt erzielt worden sein, da die hornige Penisscheide des passiven Männchens, aus ihrem natür- lichen Zusammenhange mit dem Körper herausgerissen, nur an einem Hautläppchen hängend, ausserhalb des Hinter- leibes geschleppt wurde; dabei war aber das passive Männchen grösser und dicker als das aktive. Am folgen- Tage war das aktive Männchen tot, das passive trotz seiner schweren Verletzung noch munter — ((5. Fall). V. d. Osten Sacken hebt zur Beurteilung der einzelnen, von ihm kurz geschilderten 6 Fälle hervor, dass mit blosser Gewalt des aktiven Teiles ohne Entgegen- kommen des passiven Teiles das mechanische Zustande- kommen des Geschlechtsaktes zwischen zwei Männchen des Maikäfers sich nicht begreifen lasse; besonders in- struktiv sei diesbezüglich der Fall Doebner, bei welchem das passive Männchen, ganz wie es das Weibchen zu thun pflegt, den Ailergriffel zwischen die Abdominalsegmente des aktiven Männchens eingeschoben trug, was nur frei- willig habe erreicht werden können; die Sinnlichkeit müsse daher eine gegenseitige gewesen sein; bei auschlieaslieher Gewaltanwendung des aktiven Teiles hätte das grössere und stärkere Männehen die aktive Rolle spielen müssen, während thatsächlich, wenigstens soweit das Grössen- verhältnis festgestellt wurde — mit Ausnahme des Falles Kelch — , das kleinere Exemplar die aktive Rolle tiber- nahm; ferner glaubt v. d. Osten Sacken, das aktive Individuum für das hitzigere annehmen zu dürfen, welches in den Fällen 2, 3, 4 und 0 jedesmal das kleinere war; endlich lieferte ihm seine Beobachtung, bei welcher das - 143 — passive Männchen der Penisscheide fast verlustig ging,, einen neuen Beleg von der Gefühllosigkeit der Insekten gegen körperliche Verletzungen, da die hier vorliegenden schweren Beschädigungen nicht einmal die Befriedigung der Sinnlichkeit verhinderten; andere sich aufdrängende Betrachtungen überlässt er dem geneigten Leser. Einen ferneren Fall von zwei in copula gefangenen^ Männchen der Melolontha vulgaris legte Fokker 1881 der niederländischen entomologischen Gesellschaft im Haag vor, bei welcher Gelegenheit Ritsema auf v. d. Osten Sacken's Abhandlung aufmerksam machte; dieser Fall blieb unbearbeitet — (7. Fall). Auch vor den Mitgliedern der 22. Versammlung der- Delegierten gelehrter Gesellschaften in der Sorbonne wurde in der Sitzung vom 17. April 1884 ein gleicher Fall diu'ch Abb^ Maze zur Spirache gebracht; Maze- hielt anfangs das passive Männchen noch für ein Weibchen — (8. Fall). Nach Lombroso bewahrt das Museum in Turin zwei in copula befindliche Männchen von Melolontha vulgaris (F^r^, S. 498) — (9. Fall). Mehrere Einzelfälle endlich von copula inter mares bei Melolontha vulgaris hatte Noel, Leiter des Landes- Laboratoriums für landwirtschaftliche Entomologie in^ Ronen, im April 1895 zu beobachten Gelegenheit, als er- Maikäfer zum Zwecke der Feststellung der Einwirkung zerstörender Pilze auf ihren Organismus in grosser Menge und in beiden Geschlechtem gefangen hielt. Unter den- vielen Paaren befanden sich auch etliche ausschliesslich männliche Paare, von denen Noel einige de Kerville zum Geschenke machte; sie waren in Spiritus getötet und im Tode ungetrennt geblieben, de Kerville legte diese Paare in der Sitzung vom 26. Februar 1896 der französischen entomologischen Gesellschaft in Paris vor und führte aus, dass diese ausschliesslich männlichen. — 144 — I^aare ungeachtet der Anwesenheit zahlreicher Weibchen sich zusammenfanden und daher zu dem Schlüsse be- rechtigten, dass wenigstens die vorliegenden aktiven Männchen anderen Männchen vor Weibchen den Vorzug gegeben hätten; er unterscheide demnach bei Päderastie treibenden Käfermänuchen Päderasten durch Not (p^d^- rastes par necessit^}, d. h. solche bei fehlenden Weibchen, und Päderasten durch Wahlbevorzugung (p^^d^rastes par goüt). Für die in Rede stehenden, der letzteren Kategorie angehörenden Paare wird festgestellt, dass die Penis- scheide je des aktiven Männchens in der „Kloake" (es ist wohl der After gemeint, da eine Kloake, wie die Yögel sie haben, bei Insekten nicht vorkommt) des passiven Männchens steckte, dessen eigene Penisscheide, wie im Ruhezustande, vollständig zurückgezogen im Leibe lag. -de Kerville hält für wahrscheinlich, dass in der Ge- fangenschaft der Prozentsatz der päderastischen Akte grösser sei als in der Freiheit, also durch den Verlust der vollen Freiheit eine Steigerung erfahre, und er glaubt, die beiden von ihm geltend gemachten Arten der Päderastie seien auch auf die höheren Tiere anwendbar. Mit seinen durchaus ernst und sachlich gemeinten Darlegungen scheint de Kerville vielfach Anstoss erregt zu haben und entschiedenem Widerspruche begegnet zu sein; denn er hat es für nötig erachtet^ mündlichen und schriftlichen Einwürfen gegen seine Auffassung in einer kleinen, in demselben Jahre (1896) veröffentlichten Broschüre (Ob- servations etc.) entgegenzutreten; er sucht darin die Be- zeichnung „Päderastie* als für die Geschlechtsakte zwischen männlichm Käfern anwendbar, unter Verweisung auf Moll, zu rechtfertigen und erklärt das Vorkommen der «Päderastie durch Nof in der Tierwelt für ebenso sicher ausgemacht, wie beim Menschen, giebt aber zu, -dass die Annahme der „Päderastie durch Wahlbevorzu- gung* für die Tiere zur Zeit nur den Wert einer Hypo- these habe — (10. Fall). — U5 — J u n i k ä f e r ( Rhizotrogus solstitialis). Eine Anzahl männlicher Rhizotrogus solstitialis, welche der Begattungs- trieb veranlasst habe, den eigenen Samenleiter in den eines anderen Männchens einzudrängen und so dieses an der Befruchtung des als dritte Person anwesenden Weib- chens zu verhindern, legte Kolbe der zoologischen Sektion des westfälischen Provinzial- Vereins für Wissenschaft und Kunst zu Münster in Westfalen in der Sitzung vom 12. Juli 1877 vor. Die Paare stammten von einem Rasen- platze am Ufer der Ems, auf dem Wege von Greven nach Schöneflieth und es wird (S. 21) angegeben, dass der Junikäfer bei Münster selbst nicht vorkomme. Weichkäfer (Malacodermata). Auf den Citroneu- feldem im Osten und Westen der Stadt Menton fand Peragallo in den Jahren 1862 und 1863 im Ganzen 12 kopulierende Paare von Männchen zweier Weichkäfer- arten, als deren aktiver Teil stets die Thelephoride Rha- gonycha melanura, als deren passiver Teil ebenso regel- mässig die Lampyride Luciola lusitanica sich erwies; diese Paare wurden bald am Boden, bald auf niederen Pflanzen und zwar an verschiedenen Orten und Tagen, gegen 10 Uhr abends, nur selten früher gesehen; ihr Koitus wird als dermassen innig und als so voller Hingebung bezeichnet, dass Peragallo solchen Paaren mehrere Stunden lang zu- schauen konnte, ohne eine Ort^veränderung der Tiere wahrzunehmen; eine solche Unbeweglichkeit sei aber im höchsten Grade erstaunlich für ein so munteres Wesen wie die Rhagonycha; und wie Peragallo positiv gewiss sei über das Geschlecht der beiden Insekten und zwar, dass dieses Geschlecht bei beiden ein und dasselbe sei, so könne er den Vorgang nur durch aktive Unsittlichkeit von Seiten der Rhagonycha und eine sträfliche Gefällig- keit von Seiten der Luciola seinem Verständnisse nahe bringen. Peragallo betont, er habe niemals die Männ- chen dieser beiden Arten mit einem Weibchen je der Jahibach U. 10 — 146 — anderen Art in Begattung betroffen und er findet die beobachteten Akte ungeheuerlich („monstrueux"). Er- wähnt sei hier, dass der damalige Berichterstatter über die \yi8senschaftlichen Leistungen im Gebiete der Ento- mologie, Gerstaecker, ein sonst vielseitiger und sehr gelehrter Mann, bei Besprechung der Arbeit Peragallo's die Bemerkung nicht unterdrücken konnte: ,,dass hier beide Individuen, wie Verf. anführt, Männchen gewesen seien, ist kaum glaublich.* v. d. OstenSacken dagegen bemerkt, Rhagonycha scheine überhaupt von hitziger Natur zu sein, da ein Rhagonycha melanura Männchen in Begattung mit einem Schnellkäfer (Elater niger) und ei» Rhagonycha rufa Weibchen in gleichzeitiger Begattung mit zwei Männchen ihrer Art betroffen worden sind. Schmettern nge (Lepidoptera) : Spinnerartige Nachtfalter (Bombycoidea). Familie Seidenspinner (ßombycidae). In den Seidenraupereien des jardin d^acclimatation im bois de Bologne zu Paris wurden nach Boisduval und Gut'rin- Mdneville öfters männliche Paare in Vereinigung ge- sehen, „Männchen am Männchen aufgehängt und eine Be- gattung erheuchelnd* (Ulrichs, S. ül). Familie Nachtpfauenaugen (Saturniidae). Seitz (S. 836j hat einmal Päderastie beim >la gel fleck (Aglia tau) festgestellt. Er setzte behufs Prüfung der Fühlerfunktion ein frisch entwickeltes Weibchen des Nagelflecks in einer isolierten Waldparzelle aus, in wel- cher Männchen derselben Art zahlreich vorhanden waren. Während nun Seitz Exstirpationsversuche bei einge- fangenen Männchen vornahm, stellte ein intaktes Männchen hartnäckige Versuche an, den verlegten Zugang zu dem Versuchsweibchen zu erlangen, ruhete aber schliesslich zwei Zentimeter vom Lockweibchen entfernt ermüdet aus. Plötzlich stürmte ein zweites Männchen heran und kopu- — 147 — lierte mit dem ausruhenden Männchen ; der zur Kontrole vorgenommenen Trennung des Paares wurde von beiden Beteiligten starker mechanischer Widerstand geleistet. Seitz giebt ausdrücklich an, er sei nicht einen Augen- blick in Zweifel gewesen darüber, dass das Zusammen- treffen der beiden Arome, des vom nahen Weibchen ausgehenden Geschlechtsgeruches und des vom aus- ruhenden Männchen stammenden spezifischen tau-Geruches, das neu hinzugekommene aktiv-päderastische Männchen „glauben machte, es befinde sich am Ziel seiner Wünsche." V. Aigner-Abafi findet (was mir unverständlich ist) diese Erklärung der merkwürdigen Erscheinung zutreffend und weist die abweichende Auffassung de Kerville's von der Päderastie bei den Insekten und den Tieren überhaupt (vergk S. 144) als völlig ungenügend zurück. Familie Glucken (Lasiocampidae). Um ein gewöhn- liches Weibchen des Quitten Spinners (Lasiocampa quercus) durch ein alpines Männchen befruchten zu lassen, hatte G. L. Schulz in den Alpen an der Simplonstrasse ein solches Weibchen in einem Gazebeutel ausgesetzt. Nach einiger Zeit sah er den Holzstoss, an welchem der Beutel hing, und auch den Beutel selbst von zahlreichen Männchen umschwärmt und besetzt. Beim V^erscheuchen dieser Schwärme entdeckte der Beobachter drei männliche Paare in Begattung. Auch bei einem Tagfalter aus der Familie der Ritter (Papilionidae) soll ein Fall von Päderastie vor- gekommen sein, dessen Mitteilung alsdann von v. A i gner- Abafi kritiklos übernommen wurde. Ans Turkestan hatte nämlich Thiele ein Männchen eines Parnassiers, des Parnassius Charltonius princeps, erhalten, das am Hinter- leibseude eine Legetasche trug, während eine solche sonst allein dem nicht mehr jungfräulichen Weibchen zukommt. In Thiele 's kurzer Bekanntmachung des seltenen Fundes nun heisst es: „Da die Legetaschen von den Männchen — 148 — abgesondert werden^ so ist hier also von einem Männchen die Kopulation mit einem anderen Männchen versucht worden.** Direkte Beobachtung einer Kopulation des in Kede stehenden Männchens mit einem anderen Männchen liegt demnach hier nicht vor, es wird nur wegen An- wesenheit der Legetasche auf eine solche geschlossen. Dieser Schluss entbehrt aber jeglicher Denkfolgerichtig- keit; denn wenn das Männchen die Legetasche ab- sondert, so ist durchaus nicht zu verstehen, warum zum Behufe der Absonderung derselben gerade in diesem Falle die Kopulation mit einem anderen Männchen erforder- lich gewesen sein soll; es könnte sich ja alsdann um die von ihm selbst beim normalen Koitus mit einem Weibchen abgesonderte Legetasche handeln, welche, statt am Leibe des befruchteten Weibchens, ausnahmsweise einmal am Leibe des Männchens haften geblieben wäre. Aber auch die Prämisse stellt sich als eine unerwiesene und höchst unglaubwürdige Voraussetzung dar. Thomson meldete zwar bei Elwes (1886) von einer zurückziehbaren Membran des Männchens, durch deren Hervor- stülpung die For m der während des Koitus entstehenden und sich ausbildenden Legetasche des Weibchens bedingt werde; jedoch den Beweis der Urheberschaft dieser Tasche durch das Männchen ist er schuldig geblieben. Und eine einfache Ueberlegung unter Berücksichtigung des Baues der Geschlechtsorgane bei den Schmetterlingen führt ungezwungen zu der Annahme, das einzig das Weibchen das Material zu seiner Legetasche liefern kann. Der weibliche Schmetterling besitzt am freien, distalen Hinterleibsende unterhalb des Afters zweiGeschlechts- Öffnungen, von denen die eine in die Begattungs- tasche führt und lediglich zum Einbringen des Penis bestimmt ist, wogegen die andere dem Austreten der Eier dient; findet nun eine normale Begattung statt, so hat das Männchen, mit seinem Penis in der Begattungs- — 149 — tasche des Weibchens steckend, ausser seiner Afteriiffnung keine andere Oeffnuug mehr disponibel, aus welcher es eine durch Erhärtung zur Legetasche werdende Flüssig- keit könnte hervortreten lassen; das Weibchen dagegen verfügt in der gleichen Lage noch über die freie Aus- führungsöffnung seines Eileiters, in dessen Lumen verschiedene Drüsen ihre Sekrete ergiessen. Im Eileiter des Weibchens muss demnach theoretisch der Ursprung des Materials der Legetasche zu suchen sein. Thiel e's hochinteressante Beobachtung gehört demnach nicht in das Kapitel RLderastie. Thiele selbst, von mir um ge- fällige Aufklärung gebeten, lehnte jede Verantwortung für die oben in , * gesetzte Deutung seiner Mitteilung ab und übertrug sie auf den Redakteur der Sitzungsberichte W. Do nitz. Zweiflügler (Diptera). Den einzigen mir bekannt gewordenen Fall eines uranischen Fliegenraännchens bringt Stein. Derselbe beobachtete im Sommer 1893 ein männ- liches Exemplar der gemeinen (grösseren) Stubenfliege (Musca domestica, aus der Familie Muscidae), welches fünfmal hintereinander ein am Fenster sitzendes Männ- chen der kleinen Stubenfliege (Homalomyia canicularis, aus der Familie Anthomyidae) zu begatten suchte; letzteres habe sich mit ofi*enbarem Behagen die wiederholt an- gestellten Kopulationsversuche gefallen lassen. Spinnentiere (Arachnoidea) Uranische Akte sind in dieser Tierklasse nur bei den echten Spinnen (Araneina) und auch nur ein einziges Mal erwähnt worden, von van H assel t bei Linyphia clathrata. Zwei männliche PaaredieserNetzspinnc traf van Hasselt friedlich in einem Gewebe zusammenlebend an; sie trieben mit den Tastern (ihren Begattungswerkzeugen) und den Beinen wiederholt Vorspiele der Begattung, ohne doch den Koitus zu vollziehen. — 150 — Wenn besondere Umstände oder Einzelheiten eines Falles von Päderastie oder Tribadie bei Tieren mir be- langreich genug erschienen^ habe ich in der hier ge- gebenen Kasuistik darauf Gewicht gelegt, diese Verhält- nisse so ausführlich wie möglich wieder zu geben, damit ein fester Boden für eine allgemeine Beurteilung der ungleichwertigen Thatsachen gewonnen werden könne; denn wissenschaftlicher Wert darf nur einer solchen Kasuistik zugestanden werden, welche durch Ausscheidung des rein Accidentellen das Wesentliche desto deutlicher hervortreten lässt. Dieser Zweck erklärt zur Genüge die so sehr ungleiche Behandlung der zahlreichen Einzelfälle. Es liegen zur Zeit nur zwei Arbeiten vor, deren aus- gesprochener Hauptzweck es war, die zahlreichen bei Tieren zur Beobachtung gekommenen päderastischen und tribadischen Geschlechtsakte von einem ganz allgemeinen Standpunkte aus zu deuten, um den Weg zu zeigen, den die Forschung mit Aussicht auf Erfolg in Zukunft ein- schlagen muss, nämlich die kurze, auf siexuelle Perver- sionen unter Tieren beschränkte Abhandlung von F^r^ und das sehr umfangreiche, die libido sexualis überhaupt behandelnde Werk von Moll. Beiden Autoren kommt es zu Statten, dass ihnen die Erscheinungen der Päderastie und Tribadie dureh eigene anthropologische Forschungen und Erfahrungen bereits hinlänglich bekannt waren, bevor sie die analogen Vorgänge in der Tierwelt in den Bereich ihrer Studien einbezogen. Um so interessanter ist es, dass F^r^ und Moll demungeachtet nicht in allen wesent- lichen Fragen auf demselben Standpunkte stehen. Für F^r^ giebt es einen auf das gleiche Geschlecht gerichteten Geschlechtstrieb, eine angeborene gleichgeschlechtliche Liebe, deren Vorkommen für den Menschen von ihm als Thatsache zugestanden wird, beim Tiere nicht; die tierischen sexuellen Anomalien sind für ihn ausschliesslich zufällig und angenommen, weil sie Ij nur beim Fehlen dos anderen Geschlechtes dauernd zu Stande kommen — 151 — und anomale Geschlechtsakte bei einem Tiere normale Akte nicht ausschliessen; 2) weil bei Ausübung z. B. der Päderastie bei Tieren die Geschlechtsorgane des passiven Männchens nicht mit im Spiele sind, es vielmehr ledig- lich um Befriedigung eines ungestümen blinden Kopu- lationstriebes sich handelt. Von allen den zahlreichen hier aufgeführten Fällen sexueller Beziehungen zwischen gleich- geschlechtigen Tieren ist nun in der That nicht ein ein- ziger geeignet, gegen F^rd's Auffassung geltend gemacht zu werden. Indessen ist zu bemerken, dass die Forschungen über sexuelle Akte bei Tieren sich fast auf eine blosse Statistik beschränken, dass in allen beobachteten Fällen rein päderastischer oder rein tribadischer Natur die fort- gesetzte Beobachtung, ob eine ausschliessliche oder vor- wiegende individuelle Neigung zu bestimmten Akten vor- liegen könne, niemals angestellt wurde und das Experiment auf diesem Gebiete noch völlig ausgeschlossen blieb. Seinem Standpunkte entsprechend will F^r^ deKer- ville's scharfe Unterscheidung einer Päderastie durch Not und einer solchen durch Wahlbevorzugung bei Tieren durchaus nicht gelten lassen; es schienen zwar bei ober- flächlicher Betrachtung Männchen, welche im Beisein von Weibchen sich mit Männchen kopulierten, eine Wahl zu treffen, allein es fehle gänzlich der Nachweis dafür, dass hier wirklich eine Wahl getroffen werde ; gerade bei In- sekten sei dieses im höchsten Grade unwahrscheinlich; man wisse, dass die Geschlechtsgerüche der Insekten von anderen Individuen aus weiter Entfernung wahrgenommen würden und dass wahrscheinlich eben diese Gerüche den stärksten Reiz bei der geschlechtlichen Erregung der In- sekten hervorriefen; habe nun z. B. ein Maikäfermänn- chen eben eine Begattung mit einem Weibchen vollzogen, so hafte ihm von der innigen Gemeinschaft mit diesem notwendigerweise noch so viel weiblichen Geschlechts- geruches an, dass dieses vollkommen genüge, ein anderes Männchen zur Begattung anzulocken; andererseits sei es — 152 — von dem vollzogenen Koitus halbtot vor Entkräftung und unfähige dem Ungestüm eines zudringlichen Männ- chens Widerstand entgegenzusetzen; es lasse sich, so zu sagen, den Irrtum gefallen und verhalte sich '| wie ein durch einen Parasiten geschwächtes männliches Tier, das aller Männlichkeit verlustig ging. Auch beweise die von Laboulb^ne vorgenommene Sektion eines im Koitus passiven Maikäfermännchens, es hätte bei diesem Falle nicht eigentlich Päderastie vorgelegen, da das aktive Männchen sein Begattungsglied nicht in den After des passiven Männ- chens, sondern in die durch Zurückziehung von dessen Glied frei gewordene Höhle der Penisscheide seines Opfers eingeführt habe. F^r^ findet auch die Logik de Ker- ville^s höchst sonderbar, nach welcher Pera gallo den Nachweis der Päderastie durch Wahlbevorzugung bei den Männchen von Rhagonycha und Luciola zwar schuldig blieb, dieser Nachweis aber gleichwohl wenigstens für Rhagonycha nach seiner Darstellung leicht zu erbringen sei, indem nämlich die aktive männliche Rhagonycha, wenn auch vielleicht nicht Weibchen ihrer eigenen Art, so doch solche derjenigen Art, mit welcher sie Päderastie getrieben, an ihren Aufenthaltsorten im Ueberflusse zur Verfügung hatte. Fdr4 gelangt nun zu dem Schlüsse, dass, angenommen, es ^be wirklich einmal ein Tier mit angeboren gleichgeschlecht- lichem Begattungstriebe, dieses doch von seinen Art- genossen völlig isoliert und befehdet werden würde, und dass es seine Geschlechtsnatur nicht würde vererben können, da kein Motiv es zu veranlassen vermöchte, diesen ihm angeborenen Trieb zu unterdrücken und eine seiner Natur widerstrebende normale Begattung zu versuchen; da femer bei vorliegenden funktionellen Anomalien auch gleichzeitiges Vorkommen anatomischer Anomalien ange- nommen werden müsse und diese erblich wären und sich durch Vererbung steigerten, so sei allen sexuell pervers Geborenen zu raten, sich des Fortpflanzungsgeschäftes völlig zu enthalten. — 153 — Es mag hier bemerkt werden, dass de KervilleV Vorstellung sich vollkommen mit der von U Irichs deckte welcher (S. 91) aber nicht allein das aktive Maikäfer- männchen für einen Urning erklärte, sondern auch das passive; er sagt, in völliger Uebereinstimmung mit den Thatsachen, der weibliche Maikäfer sei grösser und dicker als der männliche; und da auf Grund von vier überein- stimmenden Fällen das aktive Männchen männlich, das passive Männchen aber weibähnlich gebaut war, so fasst er die passiven Männchen als vermutliche Weiblinge, die aktiven als Mannlinge auf und sieht die ganze Erscheinung als auf reinem Urningtum (p^ddrastie par goüt) beruhend an. In scharfem Gegensatze zu F^r^ zeigt sich Moll einer von Fall zu Fall verschiedenen Beurteilung der einschlägigen Erscheinungen geneigt. Er trennt homo- sexuelle Akte scharf von Homosexualität; von ersteren. würde danach die p^d^rastie par necessit^, von letzterer die pdd^rastie par goüt einen Bestandteil bilden. Moll nimmt an, die für die Fortpflanzung notwendigen Organe und Funktionen entwickelten sich gewöhnlich in Har- monie mit den Keimdrüsen, derart, dass mit den Hoden die männlichen äusseren Begattungsorgane und der Trieb zum weiblichen Geschlechte, mit den Eierstöcken auch die weiblichen äusseren Geschlechtsorgane und der Trieb zum männlichen Geschlechte sich ausbilden; er nennt diesen Vorgang nach Josef Müller , Vinkulierung" passender Geschlechtscharaktere. Diese Vinkulierung kann, vollkommen oder aber mangelhafl ausfallen; in beiden. Fällen ist das Endergebnis nach Moll vererbbar. Voraus- gesetzt, es käme die beim Menschen nachgewiesene an- geborene gleichgeschlechtliche Liebe auch bei Tieren vor,, so besteht doch bei Mensch und Tier bezüglich der Ver- erbungswahrscheinlichkeit nach Moll ein sehr erheblicher Unterschied: beim Menschen liegt die Gefahr der Ver- erbung dieses Triebes beständig vor, indem männli^-lie- und weibliche Uranier aus vielfachen Ursachen, ans Un- — 154 — kenntnis, aus egoistischen oder (bei den Chinesen) religi- ^ösen oder anderen Motiven für Nachkommenschaft Sorge tragen; bei den Tieren dagegen ist sie fast oder völlig Ausgeschlossen. In letzterem Umstände findet Moll eine Erklärung des bei Tieren seltenen Vorkommens der nach ihm nicht unwahrscheinlichen, von F^t6 gänzlich ge- leugneten, angeborenen Homosexualität Moll's Werk, die Lebensarbeit eines praktischen Arztes, bildet den Ausgangspunkt für eine neue Wissen- jschaft, an welche von den berufenen Gelehrten, den Professoren der verwandten Forschungszweige, den Anthro- pologen, den Physiologen und den Psychologen nicht gerne gerührt wird; es ist bequemer, auch in einer Zeit, der mit vollen Backen die Herrschaft der Wissenschaft nachgerühmt zu werden pflegt, eigener oder fremder Un- kenntnis und den Vorurteilen und der Prüderie der Menge, zum Schaden des Fortschritts, die Auffassung aller heiklen Dinge anzupassen. Scheitlin (II, S. 292) hat es schon verstanden, den Inhalt dieser neuen Wissenschaft mit allen ihren noch ungehobenen Schätzen an Erkenntnis mit wenigen Worten zu charakteriöieren: „Alle Männer, die «twas Weibliches, Weibartiges, Mädchenhaftes an ihrem Körper haben, haben auch etwas dieser Art in ihrer Seele und umgekehrt/ Diese Arbeit aber, von deren Un Vollkommenheit, nach jeder Richtung hin, ich überzeugt bin, glaube ich nicht besser beschliessen zu können, als mit dem Aus- spruche Benkert's (Das Genieinschädliche des § 143 des preussischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851 und daher seine notwendige Tilgung als § 152 im Ent- würfe eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund, Leipzig, Serbe, 1869,8.19) „ . . . der auf eigenen Füssen stehende Sexualogist muss noch erst geboren werden!" Literatur, Y. Aigner-Abafiy L., Paederastia rovarokndl (Päderastie bei Käfern) in: Rovartani Lapok (ungarische ento- mologische Monatschrift), 6. Band, 1899, p. 202—205, mit 1 Textfigur (2 Männchen des Maikäfers in Ko- pulation) und „Auszug", p. 19. Altum, Bemard, Der Vogel und sein Leben. 5. ver- mehrte Aufl. Münster, W. Niemann. 1875. Aristoteles» '^lavoqCat tibqI ^(liwv, Citiert nach H. Aubert und iPr. Wimmer, Aristoteles Tierkunde. 2 Bände. Leipzig, W. Engelmann. 1868. Boisduval et Guörin-Hönevllle» certains faits relatifs k des [accouplements anormaux chez les insectes, in Annales de la Soci^t^ entomologique de France, 3- s^rie, Tome 5, 1857, Bulletin p. XLU. de Buffon, George Louis Leclerc, Histoire naturelle, g^n^- rale et particuli^re, avec la description du Cabinet du Roi. Theorie de la Terre. — Histoire naturelle de V Homme et des Quadrupfedes. 15 Vol. Paris 1749 — 1767. Citiert nach der deutschen Ausgabe: Herrn von Buffons Naturgeschichte der vierfüssigen Tiere. 1. Band. Mit k. k. Hofzensurfreiheit. Troppau. J. G. Trassier. 1785. 12. Band. Brunn, Trassier, 1789. de Buffon, George Louis Leclerc, Histoire naturelle, g^n^rale et particulifere, avec la description du Cabinet du Roi. Oiseaux. 9 Vol. Paris 1770—1783. Citiert nach der deutschen Ausgabe: Herrn von Buifons Natur- geschichte der Vögel. 1. Band, Brunn, J. G. Trassier. 1786. 4. Band, ebenda. 1787. 6. Bd. ebenda. 1788. Casper, Johann Ludwig, Klinische Novellen zur gericht- lichen Medizin. Nach eigenen Erfahrungen. Berlin« — 15(5 — Aug. Hirsch wald. 18(33. (Zweite Novelle. Zur Lehre von der Päderastie. Seite 33 — 52.) Devllle, H. Sainte-Claire, De Pintemat et son influence sur l'^ducation. in: Compte-rendu de l'Acad^mie des Sciences morales et politiques. Paris 1871. Tome XCVI, p. 103 — 109. — Revue des cours scientifiques,. 2. Serie, tome 1, 1871, p. 219. Doebner, E. Ph., Ueber scheinbar abnorme Antennenform bei Melolontha vulgaris, in: Entomologische Zeitung^ Stettin, 11. Band, 1850, p. 327—328. 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Um die Beantwortung dieser Fragen, w^elche der Gewissenhaftigkeit, womit das Komitee die Angelegenheit betreibt, sieher das ehrenvollste Zeugnis ausstellen, wird inständigst ersucht. Schon für ein blosses „Ja* oder 9 Nein* ad I. II. und III. würden wir ausserordentlich dankbar sein. Denn wenn wir auch beim katholischen Priester mit Rücksicht auf seinen Beruf und die hohe Bedeutung des Gegenstandes Gleichgiltigkeit dieser Frage gegenüber nicht voraussetzen wollen und dürfen und eine Nichtbeantwortung daher wohl nur als Bejahung auffassen können, so würde eine ausdrückliche Erklärung doch einen ungleich höheren Wert für uns besitzen, als eine bloss stillschweigende Beistimmung. Wir ermangeln nicht, den hochwürdigen Clerus auf die Petition an die l^s- lativen Körperschaften des Deutschen Reichs hinzuweisen, welche von ca. 1000 hervorragenden Vertretern der — 165 — Wissenschaft und Kunst, darunter zahlreichen Juristen, Geistlichen und Aerzten unterzeichnet wurde, sowie auf die grosse einschlägige Litteratur, von deren neueren Er- scheinungen wir ein Verzeichnis beifügen. Indem wir Euer Hoch würden die strengste Dis- kretion zusichern, wekhe wir in diesem Gebiet ja so viel auszuüben haben, zeichnet im Namen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees mit grösster Wertschätzung Dr. med. Hirschfeld. Was die eingelaufenen Antworten anlangt, so teilten sich die Herren in vier Klassen. Der erste Teil empfing irriger Weise den Eindruck, unser Komitee wolle nicht blos § 175 des R.-Str.-G.-B. sondern auch § 6 des Dekalogs abgeschafil weissen. In- folgedessen sprachen diese Herren über unsere Bestreb- ungen ihre Missbilligung aas und bedienten sich dabei mitunter äusserst leidenschaftlicher Formen und nicht wiederzugebender Ausdrücke. Wir möchten bei dieser Gelegenheit betonen, dass sich das wissenschaftlich- humanitäre Komitee mit den verschiedenen Über die homo- sexuelle Frage erschienenen Schriften nur insoweit identifiziert, als dieselben den Charakter objektiver naturwissensch af t lieber Darlegung tragen, nicht aber, insoweit sie darüber hinausgehen. Denn wir kennen nur das eine Ziel : Klarheit zu schaffen über den Homosexualis- mus als Naturerscheinung und auf dem Gebiete der Gesetzgebung die praktischen Konsequenzen un- zweifelhafter Forschungsergebnisse anzustreben. Ein zweiter und zwar der grösste Teil schwieg oder antwortete ausweichend. Er konnte offenbar nicht ver- neinen und mochte auch nicht bejahen, weil er vermutlich zu Unrecht Konsequenzen irgend welcher Art fürchtete. — 166 - Ein dritter Teil jging auf die gestellten Fragen ein, zeigte jedoch, dass ihm die wissenschaftliche Seite der Materie völlig unbekannt war. Eine vierte ansehnliche Gruppe endlich bestätigte auf Grund ihrer pastoralen Erfahrungen, teils roit blossem Ja" oder „affirmative'*, zum Teil in äusserst wertvoller und denkwürdiger Weise, was von naturwissenschaftlicher Seite über die Homosexualität fest- gestellt ist. Wir lassen eine Auswahl dieser Zuschriften folgen: Erklärungen römisch-katholischer Priester. I. Insofern vorausgesetzt werden darf, dass die Aktion des wissenschaftlich-humanitären Komitees in keiner Weise der Unsittlichkeit Vorschub leisten, sondern ausschliesslich nur ein vorhandenes Unrecht beseitigen will, bin ich gern bereit, der an mich ergangenen Einladung zu folgen und auf Grund meiner konfessionalen Erfahrungen die mir unterbreiteten Fragen zu beantworten. Ob ich als Beichtvater die Existenz des Homo- bexualismus als einer objektiv gegebenen Thatsache bestätigen könne? Das kann ich allerdings. Ich habe tausende von Beichten entgegengenommen, h^Eibe Männern und Frauen, Greisen und Jünglingen, Landleuten und Städtern, Menschen der obersten und der untersten Stände ins Gewissen geschaut, so tief ins Gewissen geschaut, dass ihr innerstes Leben, ihre innersten Empfindungen, Kämpfe und Gefühle oifen vor meinen Blicken lagon, und ich muss den Satz unterschreiben: „Es ist eine Er- scheinung, mit der wir ims, als einmal gegeben, abfinden müssen, dass die flci:»ehUchc Liebe nicht exklusiv an das entgegengesetzte Geschlecht gebunden ist. Wenn wir nuch die Gründe el und Wissen- schaft*.) Aehnlich Kaulen, Schanz und die meisten nam- hafteren Theologen der neueren Zeit. Die Lösung der Schwierigkeit lautet darum sehr einfach: Insofern die in Rede befindliche Stelle eine Bestätigung des christ- lichen Sittencanons bildet und Antwort giebt auf die Frage nach der Sündhaftigkeit homosexueller Akte, trägt sie selbstverständlich den Charakter einer dogmatisch verbindlichen Norm. Insofern jedoch in ihr — 168 — eine naturwisseDSchaftliche Doktrin zum j^us- druck gelangt, gilt von ihr das soeben erwähnte Axiom: Sie darf zum Beweis nicht herangezogen werden.* Da- mit ist der Einwand erledigt und muss er erledigt sein. Denn was wären im entgegengesetzten Fall die Kon- sequenzen? Keine andern, als dass sich tausende von Menschen vor die Alternative gestellt sähen, entweder sich selbst oder das Christentiun zu verneinen! Eine solche Auffassung charakterisiert sich aber doch wohl deutlich genug als falsch und irrig. In welchen Kreisen die meisten Homosexuellen an- zutreffen seien? Das muss ich dahingestellt sein lassen. Ich habe zwischen Hoch und Niedrig, zwischen Reich und Arm, zwischen Landleuten und Städtern, zwischen Gebildeten und Ungebildeten in dieser Beziehung einen nennenswerten Unterschied nicht wahrzunehmen vermocht. Ob ich vielleicht bestätigen könne, dass die gleich- geschlechtliche Anlage meist in ebenso hohem und ofl in noch höherem Masse zur Bethätigung dränge als die des gewöhnlichen Menschen? Ich muss leider bejahen und will zum Beweis etliche Beispiele anführen, die mir, wie bemerkt werden mag, zu veröffentlichen ausdrücklich gestattet worden ist. Ein etwa zwanzigjähriger Bursche kommt zur Beicht. Er bekennt, dass er ^Unkeuschheit getrieben*. — Mit wem? »Mit einem Mann*. — Einmal oder öfters? «Oefters.* — Schlafen Sie mit diesem Mann in einem Zimmer? — ,Nein. Aber er ist im gleichen Haus und kommt nachts * in meine Kammer.'* — Geschieht das schon lange? »Seit drei, vier Jahren." — Können Sie das Haus nicht verlassen? „Nein.* — Diesem traurigen Verhältnis müssen Sie ein Ende machen, junger Freund. Sie müssen die sündhaften Zumutungen abweisen. Und Sie müssen standhaft bleiben. Haben Sie es denn bisher noch gar nicht versucht, Widerstand zu leisten? ,Hie — 1G9 — und da, besonders zuerst, liab' ich es schon versuchte Aber er giebt nicht nach. Er sagt, wenn man ihiit köpfen oder hängen würde, könnte er's nicht lassen; er hat mich schon mit aufgehobenen. Händen gebeten * Der zweite Fall bezieht sich auf einen älteren Bauers- mann. Er ist verheiratet, Vater mehrerer erwachsenen« Kinder, der in Rede befindlichen Leidenschaft ergeben und auch etwas zum Trunk geneigt, sonst aber durchaus bieder und rechtschaffen. Krank geworden, lässt er mich rufen, um zu beichten. Er legt sein Bekenntnis ab und« bemerkt im Verlauf desselben, dass er so viel von bösel^ Begierden geplagt sei. , Wissen Sie," fährt er fort, „ich habe eine ,umgekehrte Natur^ und die peinigt mich Tag und Nacht. Sie glauben es nicht, was ich alter Mann noch für Kämpfe durchmachen rauss ..." — Seid Ihr- der Leidenschaft zum eigenen Geschlecht unterworfen? ^Ja, geistlicher Herr, und das ist eine böse Sucht,-: die kann aus dem Menschen einen Märtyrer machen." — Verursacht Euch das weibliche Geschlecht keine Versuchungen? „Gar keine. Davon weiss icb nichts und hab' ich mein Lebtag nichts gewusst.* — Dass Ihr aber dann doch geheiratet habt? „Das ist co iu einer Art Verzweiflung geschehen. Ich hab' zu mir selber gesagt: ,Mach's wie die anderen Leute, dann wirst du auch sein wie die anderen Leute. Wirf dich inV Wasser, dann wirst du wohl schwimmen lernen.* Und so hab' ich geheiratet. Ausserdem hat mir das Weib ein schönes Stück Geld ins Haus gebracht; ich bin aur diese Weise ein reicher Bauer geworden. Aber an und für sich war* mir's nicht im Traum eingefallen, zu heiraten. Ich hab' im Gegenteil vor der ganzen Sache einen inner- lichen Ekel gehabt.* — Wie kommt es dann, dass Ihr tri)tzdem Vater geworden seid? „Da haben, geistlicher Herr, die Gedanken mitgeholfen. Und viel mehr Kinder — 170 — ^öunten ohnedies gar nicht da sein.^ — Habt Ihr mit Mannsbildern viel gesündigt? „Viel^ geistlicher Herr, .sehr viel, von den jungen Jahren an bis in meine alten Tage herauf. Seit meiner letzten Beicht ist allerdings Jcein böses Werk mehr vorgekommen. Ich bin seither die meiste Zeit im Bett gewesen. Aber die Begierden jp\ agen mich, dass ich'Ta'g und Nacht gepeinigt bin. Schauen Sie, ich möchte gern dort am Fenster liegen, aber wenn die jungen Burschen in die Fabrik -oder von der Fabrik nach Hause gehen, würde ich sie gerade vor Augen haben und da finge mir mein altes Blut zu sieden an, dass ich es fast nicht aushalten Jcönnte; darum hab' ich mir das Bett daherüber stellen lassen. O, geistlicher Herr, Sie glauben nicht, was ein solcher Mensch für ein Fegfeuer •durchmachen muss '^ Der dritte Fall betriffl einen jüngeren Amtsbruder, gegenwärtig Pfarrer, vcm Allen, die ihn kennen, geliebt und verehrt. Sein reiches, ungewöhnliches Talent, sein seltener Idealismus, seine ausgezeichnete Bildung, der Adel seines ganzen Wesens Hessen ihn als Ausnahms- menschen im besten Sinn des Wortes erscheinen; er zählt zu den vornehmsten Charakteren und edelsten Naturen, mit denen mich mein Lebensweg bis heute zu- sammengeführt «hat.. Als ich eines Tages seine Beicht entgegennahm, sprach er mir von den furchtbaren Kämpfen, die er mit sich selber zu bestehen habe. Er war homo- sexuell. »Der Gedanke an ein Weib,* sagte er, ^ist mir vollkommen fremd. Ich weiss davon nichts. Aber die Leidenschaft, für mein eigenes Geschlecht, die mir schon in den Studienjahren schwere Stunden bereitete, maciitiBir'Seit längerer Zeit das Leben zu einem völligen Martyrium. Ich ^glaube mir das Zeugnis ausstellen zu -dürfen, dass ich die Sorge für mein Seelenheil nichts -Avoniger als leicht nehme und dass mir namentlich tin — 171 - eifriger Gebrauch der religiöscu Gnadenmittel zum geistigea Bedürfnis geworden ist. Trotzdem bin ich zuweilen fast rati 08. Es giebt Stunden, wo sich die Leidenschaft zum wilden, stürmischen Drang gestaltet und wo mich aller Mut verlassen will. Ob ich in meinem Kampf siegen oder unterliegen werde, weiss Gott; aber es will mir oft scheinen, als ob ein Verhängnis über mir schwebte und als ob ich einem Unglück entgegenginge.*^ Ich •suchte sein geschwundenes Selbstvertrauen wieder zu be- leben, ermunterte ihn zu doppelt intensiver Benützung der religiösen Adjumente und gab ihm auch den Kat, sich aller geistigen Getränke sowie aller Gewürze zu enthalten, nicht mehr als notwendig allein zu bleiben und jeden Tag angestrengte Bewegung zu machen. Mein Rat wurde, soweit es die Verhältnisse gestatteten, aufs Gewissenhafteste befolgt. Und der geplagte Mann ging sogar noch weiter: Er erlaubte sich, namentlich am Abend, fast niemals mehr eine volle Sättigung und legte sich auch sonst die verschiedensten Opfer auf. Allein es zeigten sich keine nennenswerten Wirkungen ; der sexuelle Trieb wurde im Gegenteil allmählich nur noch heftiger. Der Arme musste sich, wie er mir mitteilte, im Bette oft völlig winden und krümmen. Wenn er sass, fiihlte er den Drang, die Beine krampfhaft an einander zu pressen, wenn er kniete oder stand, den Unterleib wie im Schmerz hin und her zu wiegen. Der Anblick eines hübschen Burschen brachte seine ganze Natur aus dem Gleichgewicht und verursachte ihm wahre Folterqualen. Unter diesen Umständen glaubte ich ihn an den Arzt weisen zu sollen und so begab er sich, wenngleich nur ungern und mit sehr geringem Vertrauen, zu einer Konsultation in die nahe gelegene Stadt. Allein mit dem Bescheid, den er hier bekam, war so gut wie nichts ge- wonnen; er kehrte mit dem Bewusstsein, einen unnützen Gang gemacht zu haben, wieder heim. — 172 — Zur Düailichen Zeit wurde ihm der Antrag gestellt,, die Chefredaktion eines katholischen Tageblattes zu über- nehmen. Mit Rücksicht auf seine ebenso gefälirlichen als qualvollen Verhältnisse lehnte er unverzüglich ab und reiste kurz darauf nach H.^ wo er sich mit einem in weitem Kreisen bekannten^ durch Erfahrung und Gelehr- samkeit ausgezeichneten Jesuiten besprach. Dieser empfahl ihm zunächst einen energischen Gebrauch gewisser reli- giöser Mittel, fand sich aber bald veranlasst, ihm einen anderen Vorschlag zu machen. Er erklärte dem Be- dauernswerten, dass ihn nach seiner Ansicht nur ein operativer Eingriff den grossen Gefahren,, worin er unablässig schwebe, entziehen und von den fortgesetzten, für die Dauer unerträg- lichen Plagen befreien könne. Der herbeigerufene Hausarzt, der offenbar schon verständigt war, äusserte sich im nämlichen Sinn und betonte, dass es sich um keine Kastration, sondern um einen operativen Eingriff" anderer Art handle. Allein der junge Mann schrak da- vor zurück und bat sich Bedenkzeit aus. Er besprach sich über die Angelegenheit mit zwei angesehenen Aerztcn des Ortes, und beide rieten ihm entschieden davon^ ab; die Folge war, dass die Operation unterblieb. Nun empfahl ihm der hochwürdige Jesuitenpater,, sich säkularisieren zu lassen, und nachdem dies geschehen, einen Beruf zu ergreifen, der seine ganze Auf- merksamkeit und sein ganzes Interesse absorbierte, ihn unausgesetzt in Thätigkeit erhielte und so zu sagen nicht mehr an sich selber denken liesse. Er schrieb als Beicht- vater sofort ein Gesuch und leitete dasselbe — tecto- nomine — an die römische Pönitentiarie. Diese aber entschied: „Neminem tentari posse supra vires* und ver- weigerte die Dispens. Nun war guter Rat teuer. Der geplagte Mann wendete sich, ohne lang zu überlege» und in der Stimmung desjenigen, der doch nicht mehr — 173 — viel verlieren zu können glaubt, an einen durch sein -weites Gewissen nicht eben vorteilhaft bekannten Arzt. „Befreien Sie mich von meiner Plage,* sagte er ihm, viu^g es auch gehen, wie es Avill. Ich heisse schon im Voraus gut, was Sie mit mir beginnen. Wenden Sie an, was Sie für wirksam halten". J^r wurde nun äusserlich und innerlich behandelt, mit dem Erfolg, dass sich der übermächtige Drang wirklich verlor, aber auch mit dem Erfolg, dass er seine Gesund- heit einbüsste. Er behauptet, namentlich geistig schwer gelitten zu haben, und wird an den Folgen wohl sein Lebtag tragen müssen. — Die Adresse des hoch- Avürdigen Jesuitenpaters, der auf Wunsch kleiner SiegelpfHcht entbunden wird, steht zur Verfügung. Diese drei Beispiele mögen genügen. Ob ich endlich bestätigen könne, dass die homo- sexuelle Empfindung als solche keinen Schluss gestatte auf den sittlichen Wert oder Unwert eines Menschen? Das kann und muss ich bestätigen. Ja, ich muss sogar bemerken, dass gerade auffällig ideal und vornehm ange- legte Naturen sehr gern mit der in Rede befindlichen Geschlechtsrichtung behaft^et sind. So viel zur Antwort auf die Fragen des wissen- schaftlich-humanitären Komitees. II. In Erledigung der Anfragen des wissenschaftlich- humanitären Komitees beehre ich mich mitzuteilen, dass die Aktion zur Beseitigung des § 175 als durchaus be- rechtigt anerkannt werden muss. Ich stehe seit Jahren in der Seelsorge und kann bezeugen, dass es nicht wenig Menschen giebt, denen von Natur aus die Leidenschaft zum eigenen Geschlecht, und nur zum eigenen Geschlecht, — 171 — eingepflanzt ist. Desgleichen kann ich bezeugen, dass^ eine noch grössere Zahl von Menschen, Männern sowohl als Frauen, mannigfach abgestufte bisexuelle Anlagen aufweist. Diese homogene Empfindung triflil man in allen Ständen, in den obersten wie in den niedrigsten,, am meisten vielleicht unter dem Klerus. Die Heftigkeit, mit welcher sie zur Bethätigung drängt, ist selbstverständ- lich verschieden. Sie kann gemässigt und in schwächeren Formen auftreten, sie kann aber auch den Charakter eines elementaren Dranges annehmen. Einen Schluss auf den sittlichen Wert des Menschen gestattet sie nicht. Angesichts dessen itiögen es sich die christlichen. Parteien des Reichstags wohl überlegen, den § 175 noch weiter aufrecht zu erhalten! Namentlich mögen sie es wohl überlegen, diesen Paragraphen auf- recht zu erhalten unter Berufung auf Religion, und Christenthum! Der Homosexuelle ist für die Gefühlsanlage, welche- ihm der Schöpfer verliehen hat, ebenso wenig verant- wortlich als ein anderer Mensch für die seine. Er hat sich den Trieb zum eigenen Geschlecht nicht gegeben und kann ihn sich auch nicht nehmen. Die Heftigkeit, mit welcher seine Natur Befriedigung- heischt^ geht oft weit über das gewöhnliche Mass und verursacht ihm zuweilen völlige Qualen. Selten oder nie hört er ein Wort liebevoller Mahnung^ Warnung und Ermunterung, das seiner individuellen Eigenart^ seinen moralischen Bedürfnissen, seinen Ge- fahren und Versuchungen angepasst wäre. Rings um sich sieht er Tag für Tag, wie alle Welt dem Götzen des Fleisches huldigt und «Lieben* mit „Leben* identifiziert. Eine Aussicht endlich, sich jemals rechtmässig be^ friedigen zu können, giebt es für ihn nicht. — . 175 - Mau erwäge die sittliche Tragik einer solcheD LageT Man erwäge, wie notwendig ein solcher Mensch besonderer- Liebe, besonderer Rücksicht, Geduld und Milde bedarf, wenn er, nachdem ihn seine Schwäche zum Fall gebracht,, sich innerlich wieder erheben, wenn er neues Vertrauen fassen, wenn er nicht schliesslich, entmutigt und verbittert zugleich, erst recht verwahrlosen soll! Unter diesen* Umständen nun den Heterosexuellen, wie masslos und wie cynisch er auch der Unzucht fröhnen mag, vollkommen straflos lassen, den Homosexuellen dagegen schon um eines einzigen Fehltritts willen als Verbrecher behandeln, ihn vor Gericht schleppen und ins Zuchthaus sperren, ihn der- Schande preisgeben und gesellschaillich zu Grunde richten, das wird man doch wohl als eine Verirrung der- Justiz bezeichnen müasen. Um so mehr als damit, yne bereits angedeutet, auch für die Sittlichkeit nichts gewonnen ist. Der Sittlichkeit dienen wir dann, wenn wir uns bemühen, die Menschheit mit den ewigen Wahrheiten des Glaubens zu durch- dringen, sie mit dem Geist der Gottesfurcht zu erfüllen und ihr echte, lebendige Religiosität einzupflanzen; aber- nicht mit Strafgesetzen, wie § 175 eines ist! Dadurch kann man unter Umständen weit eher entgegengesetzte Wirkungen erzielen: Verzweiflung an der menschlichen* Gerechtigkeit, Erbitterung gegen staatliche und kirchliche Ordnung,antireligiöse und antimoralische Umsturzgedanken. Wer nicht aus Gewissensgründen entsagt und verzichtet,. wird einen solchen Trieb niemals unbefriedigt lassen, um so weniger, als er Gelegenheiten im Durchschnitt zur- Genüge findet und von hunderttausend Fällen vielleicht einer vor den Strafrichter gelangt. Freilich, wenn man glaubt, die homosexuelle Empfindung eines Menschen führe sich auf dessen freien Willen zurück, dann mag man solche Mittel für wirksam halten! Wenn man von den realen Verhältnissen keine Kenntnis^ — 176 — -benitst! Dann ja. Allein am wirklichen Stand der Dinge ist damit nichts geändert Man erwäge ferner wohl, ob es klug und ratsam sei, eine Agitation zu veranlassen, wie sie der längere Bestand •des § 175 ganz notwendig zur Folge haben muss. Die Anstrengungen zur Befreiung der Homosexuellen werden sich bis zur äussersten Intensität steigern, die Literatur «e durch das richtige Erkennen und Mit- fühlen schon Manchen vor Verzagtheit und anderen schlimmen Folgen bewahrt. Diese jungen Menschen waren auch stets sehr dankbar für die Teilnahme. VIL Die Bedeutung der Frage, welche Ihr Komite in die Oeffentlichkeit hineingeworfen hat, verkenne ich nicht. Es handelt sich um eine Anzahl von Menschen, welche sich ohne Zweifel in einer bedauerlichen Lage befinden, einerseits, weil viele von ihnen fast beständig in occasione proxima leben müssen und weil nur selten Jemand für ihre sittlichen Nöten Verständnis hat, andererseits, weil sie unaufhörlich die Thore des Zuchthauses hinter sich knarren hören. Dass hier der Gerechtigkeit, der Seel- sorge und der christlichen Liebe noch eine grosse, bisher ungelöste Aufgabe wartet, kann ich nach all den Er- fahrungen, die ich diesbezüglich gemacht habe, nicht in Abrede stellen. Es wäre ganz gewiss besser, wenn man, statt hinter diesen Menschen stets mit den Ketten des Kerkermeisters zu rasseln, ruhig und besonnen die Frage erörtern wollte, wie man denn ihnen ihre exceptionell — 181 — schwierige Lage erleichtern, wie man sie sittlich heben, wie man sie den ärgsten Gefahren entreissen und wirk- sam schützen könnte. Denn dass ihr Trieb ebenso der Natur entspringt wie der des gewöhnlichen Menschen, darüber ist gar kein Zweifel möglich; was mich betrifit, glaube ich es nicht bloss, sondern ich weiss es. VlII. Ich berichte auf Ihre Anfragen, dass es wirklich Naturen gibt, und zwar nicht selten, welche weniger vom andern als vom eigenen Geschlecht sexuell angezogen werden; diese Beobachtung wird wohl jeder Beichtvater schon gemacht haben. Auch trifit man Menschen, die von einer Neigung zum andern Geschlecht überhaupt gar nichts wissen. Das kann ich auf Grund meiner Erfahr- ungen bestätigen. IX. Was Ihre Fragen anbelangt, bemerke ich zur Ant- wort, dass die bisherige Auffassung von sexuellen Akten zwischen Personen desselben Geschlechts wirklich mit grossen Irrtümern verbunden ist. Sie sind, ich will nicht sagen, immer, aber doch in sehr vielen, ja zweifellos in den allermeisten Fällen ebensosehr das Ergebnis eines heftigen Naturtriebs, wie die sexuellen Akte zwischen Mann und Weib. Diese Thatsache sollte mau nicht länger leugnen wollen; für die Dauer wird es ohnedies unmöglich sein. Auch ist es doch ein fürchterliches Be- wusstsein für einen solchen , homosexuellen • Menschen, mit dem Stigma einer Verbrechematur durchs Leben gehen zu müssen, selbst wenn ihm sein Gewissen das Zeugnis eines unbescholtenen, reinen und ehrbaren Wandels ausstellt. Ich selbst habe mein Lebtag niemals auch nur — 182 — die leiseste Spur einer Empfindung für das andere Ge- schlecht in mir wahrgenommen, und trotzdem sind mir harte Kämpfe und schwere Versuchungen nicht erspart geblieben. Soll ich deswegen vor mir selbst als über- sättigter Wüstling und verkommener Mensch charak- terisiert sein? Ich glaube, dass es auch hier heissen muss: Wahrheit und Gerechtigkeit über Alles! X. Auf Ihre geschätzte Zuschrift, die Homosexualitiit betreffend, beehre ich mich, gestützt auf meine wissen- schaftlichen Studien und 30jährige pastorale Erfahrungen, Folgendes zu antworten: I. Es giebt einen, allerdings sehr geringen Prozent- satz von Menschen, denen kein anderer, als ein gleich- geschlechtlicher Trieb innewohnt; weit grösser aber ist die Zahl derer, die zwar auch vom anderen Geschlecht, in höherem Masse aber vom eigenen sich angezogen fühlen. IL Insofern die Homosexualität einen patholo- gischen Zustand darstellt, steht dieselbe in keinem Zu- sammenhange mit dem sittlichen Wert oder Unwert des Menschen. III. Da die konträre Geschlechtsempfindung auf Krankheit der Psyche beruht, so kämpft der Homo- sexuelle wohl meist einen noch härteren Kampf, als der Heterosexuelle. XI. Affirmative ad. I, II und III. Die Sache, auf welche sich die drei Fragen Ihres Zirkulars beziehen, ist mir sehr wohl bekannt, und ich glaube sogar, dass Männer der bezeichiH'ten Richtung keineswegs selten sind. — 183 — XII. Sie wollen wissen, ob es nach meinen Erfahrungen , homosexuelle*' Mensehen gibt. Darauf muss ich aller- dings mit „ja* antworten; auch die beiden anderen Fragen muss ich bejahen. Doch kann, ich die Bemerkung nicht unterlassen, dass deswegen die sittlichen Forder- ungen des Christentums nach wie vor aufrecht erhalten bleiben müssen. XIII. Auf die drei Fragen Ihres Komitees diene zur Ant- wort, dass Menschen, deren Concupiscenz von Natur aus auf das eigene Geschlecht, und oft nur auf dieses, ge- richtet ist, gar nicht selten anzutreffen sind. Sie haben mit sich eben so schwer zu kämpfen wie andere und dürfen der blossen Anlage wegen keineswegs als sittlich inferior bezeichnet werden. Um jedoch nicht missverstanden zu werden, mass ich betonen, dass ich selbstverständlich jeden Angriff auf die Normen der christlichen Sittenlehre energisch und feierlich zurückweise. XIV. Wenn das w.-h. Komitee weiter nichts will, als dass Unsittlichkeiten zwischen erwachsenen Personen männ- lichen Geschlechts künftig nicht mehr in die Oeffentlich- keit gezerrt, sondern, wie andere Unsittlichkeiten auch, einzig vor das Tribunal der Religion und des Gewissens verwiesen werden sollen, so habe ich gegen seine Be- strebungen durchaus nichts einzuwenden. Dass es Men- schen giebt, die sich ihrer konstitutionellen Beschaffenheit gemäss nur vom eigenen Geschlecht angezogen fühlen, kann nicht bestritten werden. Ich habe sehr religiös ge- sinnte und brave Personen kennen gelernt, welche mit — 184 — dieser Leidenschaft; einen schweren Kampf zu bestehe» hatten. Darum ist § 175 objektiv zweifellos eine Un- gerechtigkeit. Ausserdem macht er ganz den Eindruck einer ofBciellen Beschönigung der gewöhnlichen Unzucht* Und endlich bestärkt er die öffentliche Meinung in ihrem verderblichen Irrtum, dass Rücksichten der Scham nur im gegenseitigen Verkehr der beiden Geschlechter^ nicht aber darüber hinaus, in Betracht kommen könnten. Der katholische Schriftsteller Lucas hat sich ent^ rüstet über die Schamlosigkeit, womit unsere Jünglinge unters Mass gestellt werden. Und er hätte sich mit dem- selben Recht auch über verschiedene Kasemenbräuche, namentlich über die Art und Weise, wie gewisse Unter- suchungen vorgenommen werden, entrüsten dürfen. Zahl- reiche Seelsorger ereifern sich femer gegen die Unsitten,, wie sie zur Sommerszeit auf den freien Badeplätzen an unserer männlichen Jugend in Erscheinung treten, warne» vor den Doppelbetten, mahnen in der Schule, sich nie- mals, also auch unter Geschlechtsgenossen nicht, nackt oder halbnackt sehen zu lassen und dergleichen mehr. Für all das giebt es aber eigentlich keine Begründung,, wenn jene Auftassung des sexuellen Lebens, aus welcher der § 175 hervorgegangen ist, der Wahrheit und den wirklichen Verhältnissen entspricht. Denn in diesem Falle gilt: Entartete Individuen wollen keine solchen Rücksichten gegen sich geübt sehen und andere bedürfen derselben nicht. Die Thatsache leugnen, dass es gleich- geschlechtlich organisierte Naturen giebt, heisst 8omit> eine Schädigung des öffentlichen Schamgefühls und darum auch eine Schädigung der Sittlichkeit veranlassen, gleich- viel, ob nun diese Leugnung in legislativer oder in sons- tiger Form geschehe. Deswegen habe ich gegen die Be- strebungen des w.-h. Komitees, wie gesagt, nichts einzu- wenden, sofern dieselben nur auf Beseitigung des § 17& abzielen. — 185 — XV. Erwidere ad I. Scheint richtig zu sein ; indes kommt Derartiges^- meine ich, doch nur ganz ausnahmsweise vor. ad U. Glaube selbst, dass man da mehr von Krank- haftigkeit als von eigentlicher Schlechtigkeit reden muss. ad III. Finde ich nicht gerade unwahrscheinlich,, namentlich wenn erbliche Belastung vorhanden . . . XVI. In Erledigung Ihrer vor ein paar Tagen eingelaufeneuN Fragen erwidere ich mit nachfolgenden Bemerkungen: 1. Der katholische Priester darf die Kenntnis von. Dingen, welche er nur im Bussgericht inne geworden hat und nicht zugleich auch anderswoher weiss, unter allen Umständen verneinen. Ich erkläre daher als Seelsorger- nichts bestätigen zu können. 2. Will bemerken, dass in der Nachbarschaft vor etlichen Jahren ein Mann wegen ^homosexuellen* Ver- gehens verurteilt wurde, von dem ich überzeugt bin, dass man ihn schlecht nicht heissen konnte. Es wird also ge- schehen können, dass auch sonst rechtschaffene und gut- gesinnte Menschen, von einer unglücklichen Leidenschaft fortgerissen, einen solchen Fehltritt machen können. 3. Und demgemäss wird auch die dritte Frage be- jaht werden dürfen. XVII. Ueber den Gegenstand Ihres jüngst versendeten» Fragebogens habe ich schon oft nachgedacht, weil mir wiederholt zum Bewusstsein gekommen ist, dass auf die- sem Gebiet Theorie imd Wirklichkeit nicht im Einklang stehen. So weiss ich von einem mir befreundeten Amts- bruder, dass seine sexuelle Neigung ganz dem eigenen Geschlecht zugewendet steht, und zwar mit einer solchem- — 186 — Heftigkeit, dass sie für ihn buchstäblich ein Kreuz bil- det. Wie diese Erscheinung aufzufassen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Der erwähnte Herr leidet etwas an Nervosität, erfreut sich aber sonst, leiblich sowohl als geistig, der vorzüglichsten Gesundheit. Jedenfalls gibt es hier noch manches Dunkel aufzuhellen und wäre es un- zweifelhaft zu wünschen, dass man an den berufenen Stellen daran gehen möchte, diese Frage einmal ruhig und leidenschaftslos zu studieren. Denn Wahrheit und Klar- heit wären gewiss auch auf diesem Gebiet besser als das Gegenteil. XVIII. Dass es Fälle giebt, wo ein Mensch, obwohl sonst vielleicht vollkommen normal, nur für sein eigenes Ge- schlecht fleischliche Leidenschaft empfindet, ist mir be- kannt. Auch mag es sein, dass solche Fälle öfter vor- kommen, als man anzunehmen geneigt ist . . XIX. Nachfolgendes zur Antwort auf die Anfragen des verehrten w.-h. Komitees:' Zur ersten Frage. Ich kann bestätigen, dass derlei Menschen vorkommen. Man trifft sie ziemlich häufig in der Stadt und, vielleicht etwas seltener, auch auf dem Lande. Da ich schon frühzeitig von diesen Dingen Kennt- nis erhielt, habe ich im Beichtstuhl immer darauf ein- gerichtete Ergänzungsfragen gestellt. Ich frage jedesmal, wenn von Sünden gegen das 6. Gebot die Rede geht: Ist es mit Jemand vom andern oder mit Jemand vom eigenen Geschlecht geschehen? Und dabei bediene ich mich eines Tones, aus dem der Pönitent entnehmen kann, huldigen die Betreffenden dem Grundsatz: Der Zweck heiligt die Mittel. Darum meine ich: Der Homosexualismus soll christ- licherseits nicht geleugnet, sondern es soll mit ihm ver- nünftig gerechnet werden. Wer das nicht will, mag sich mit einer Interpellation an den Schöpfer wenden. — denn das ist die richtige Adresse — und mag bean- tragen, dass solche «Aergemisse'^ künftig unterbleiben sollen. Wenn der Schöpfer darauf eingeht, gut. Wenn er aber nicht darauf eingeht, so wäre es gewiss am Platz,., den Zorn dafür nicht mehr länger an armen Menschen, auszulassen. — 192 — Endlich noch die Ausführungen eines auch in her- vorragender Weise literarisch thätigen Geistlichen, der .sich in seinem beigefügten Brief selbst als homosexuell -empfindend bekennt: XXV. Ich erblicke in dem Umstand, dass Sie mit dieser Angelegenheit an den kathol. Klerus herantreten, einen Beweis für die Lauterkeit Ihrer Absichten, und halte mich in Würdigung der sittlichen, wissenschaftlichen und ■allgemein menschlichen Bedeutung des Gegenstandes ver- pflichtet, mich zur Sache zu äussern. Ich antworte: ad I. affirmative. Schon lange in der Seelsorge thätig, namentlich viel mit Männerseelsorge beschäftiget, kann ich die Existenz sothan gearteter Naturen ganz •decidiert bestätigen. Ich lernte von Homosexuellen kennen: Einen Fabriksarbeiter, einen Gesellen — Senior -eines kathoL Gesellenvereins — y einen Banemknecht, -einen Professor, eine Sprachenlehrerin u. a. m. Ge- schlechtszwitter fand ich noch öfter. Darüber sind nun freilich die meisten erstaunt. Aber streng genommen haben wir dazu eigentlich gar keinen <3rund, so lange wir vom Wesen des Geschlechts- triebes nicht mehr wissen als heute. ad II. affirmative. Die landläufige Beurteilung der Homosexuellen beruht, wie Sie ganz richtig sagen, auf -einem fundamentalen Irrtum. Man wirft sie zusammen mit jenen Individuen, die trotz normaler oder fast nor- maler Anlagen auf eingeschlechtliche Befriedigung aus- gehen, Individuen, die zwar zum Glück nur selten, aber -doch immerhin dann und wann anzutrefl*en sind. Der Urning kann nicht anders fühlen, als er fühlt, und alle diejenigen, welche ihn jetzt mit tie&ter Verachtung be- Jiandeln zu müssen glauben, würden ganz genau wie er — 193 — empfinden^ wenn sie vom Schöpfer eine gleiche Natur erhalten hätten. Es giebt keinen Grad von Intelligenz und keinen Grad sittlicher Tüchtigkeit^ durch den eine homosexuelle Gefühlsrichtung ausge- schlossen wäre. ad III. affirmative. Der Kampf ist oft schwer genug und im Durchschnitt ganz gewiss nicht mit weniger Opfern verbunden als derjenige des Heterosexuellen. Die Beseitigung, beziehungsweise eine Abänderung des § 175 darf daher mit vollstem Recht gefordert werden. Nun verweist man aber auf die Bibel und sagt: «Nach christlichen Begriffen sind das doch ganz besonders schreckliche Sünden, Sünden, die zum Himmel schreien und wider die Natur gehen. So steht es deutlich aus- gesprochen in der heiligen Schrift.^' Was ist darauf zu antworten? Darauf ist zu antworten, dass dies in der heiligen Schrift weder deutlich noch undeut- lich ausgesprochen steht, sondern dass für eine solche Auffassung in Wahrheit so gut wie keine biblischen Unterlagen vorhanden sind. Eine kritische Erwägung liefert den Beweis. Die ersten Stellen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben, sind enthalten im 3. Buch Mosis (20, 13 und 18, 22). Sie lauten: „Wenn jemand bei einem Manne schläft als wie bei einem Weib, die haben beide einen Greuel ge- than, sie sollen des Todes sterben ; ihr Blut sei auf ihnen.' Und: ,Du sollst nicht mit einem Manne dich vermischen wie mit einem Weib, weil das ein Greuel ist.* Was geht nun aus diesen Stellen hervor? Aus diesen Stellen geht hervor, dass ein- geschlechtliche Akte immer sündhaft und un- sittlich bleiben, durchaus aber nicht, dass sie für jedermann widernatürlich und in allen Jahrbuch 11 13 — 194 — Füllen HÜndbafter sind als unzüchtige Werke swisehen Manu und Weib. Inwiefern? Zum Ersten bleibt es einmal an und für sich voll- kommen sweifelhafty ob hier von jeder sexuellen Be- thHtigung Ewischen männlichen Personen die Rede geht oder aber nur von derjenigen, die ganz analog dem nor- malen Coitus geschieht. „Qui dormierit cum masculo ooitu fem ine o" . . . . „Cum masculo non commiscearis ooitu femineo'^ heisst es im lateinischen Text. Zum Zweiten bietet der Ausdruck , Greuel" über- haupt keinen Grund, auf eine mehr als gewöhnliche Sündhaftigkeit zu schliessen. Denn ein Greuel ist vor Gott eine jede Todsünde, nach biblischer Ausdrucks- weise sowohl als nach allgemein christlicher Auffassung. Als Todsünde aber lehrt uns die Religion alle Un- kcuschheit betrachten, auch die Unkeuschheit zwischen Mann und Weib. Ueberdies vergleiche man folgende Stellen: «Ich, die Weisheit, wohne bei dem Rat . . . . Hoffart und Stolz sind mir ein Greuel.* (Spr. 8, 13) — »Ein zwei- züngiger Mund ist mir ein Greuel." (Spr. 8 13.) — „Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel." (Spr. 12, 22.) — «Du sollst dem Herrn, deinem Gott, kein Schaf und kein Rind opfern, daran ein Fehl ist oder irgend ein Mangel; denn es ist ein Greuel dem Herrn, deinem Gotf (Mosis V. 17, 1.) — »Ein Weib soll nicht Mannskleider anthun und ein Mann soll nicht Weibskleider anziehen; denn ein Greuel ist vor Gott, wer Solches thut." (Mosis V., 22, 5.) — „Was hoch ist vor den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott.* (Luc. 16, 15. j — „Ein Greuel sind dem Herrn böse G edanken.* (Spr. 15, 26.) — »Ein Greuel für den Herrn ist je^r HoffUrtigc.* (Spr. 16, 5.) Und ähnlich auch anderwärts. — 195 — Zum Dritten wäre^ selbst wenn es sich umgekehrt verhielte, deswegen doch mindestens noch nichts für eine absolute WidernatUrlichkeit bewiesen. Denn «besonders sündhaft' und , widernatürlich*^ sind zwei Begriffe, von denen niemand behaupten wird, dass sie sich gegenseitig decken. Viel Widernatürliches ist nicht besonders sünd- haft und viel besonders Sündhaftes ist durchaus nicht widernatürlich. Die beiden Begriffe stehen gewaltig weit von einander ab. Zum Vierten endlich erklärt die heilige Schrift ein- geschlechtliche Akte nicht bloss keineswegs für schwerer sündhaft als unzüchtige Werke zwischen Mann und Weib sondern sie stellt vielmehr die erstem und die letztern einander gleich. «Si quis dormicrit cum nuru sua*', heisst es III. Mos. 20, «uterque moriatur, quia scelus operati sunt: sanguis eorum sit super eos.* — «Qui supra uxorem filiam duxerit matrem ejus, scelus operatus est: vivus ardebit cum eis, nee permanebit tantum nefas in medio vestri.* — Qui dormierit cum roasculo coitu feraineo, uterque operatus est nefas, morte moriantur: sit sanguis eorum super eos." Und im 18. Kapitel lesen wir: «Turpitudinem sororis patris tui non discooperies, quia caro est patris tui." — «Turpitudinem sororis matris tuae non revelabis, eo quod caro sit matris tuae.* — „Turpitudinem nurus tuae non revelabis, quia uxor filii tui est." — »Turpitudinem uxoris fratris tui non reve- labis, quia turpitudo fratris tui est." — «Sororem uxoris tuae in pellicatuni illius r.on accipies, nee revelabis tur- pitudinem ejus adhuc illa vivente." — „Cum uxore proximi tui non coibis nee seminis commixtione macula- beris.* — «Cum masculo non commiscearis coitu femineo, quia abominatio esf — „Custodite legitima raea atque judicia et non faciatis ex omnibus abominationibus istis, tarn indigena quam colonus. Omnes enim «xecrationes istas fecerunt accolue terrae, qui fuerunt — 196 — ante vos, et polluenint eam. Omnis anima, quae fecerit de abominationibus his quippiam, peribit de medio populi sui.* Und schliesslich noch Mosis V, 22, 13, 20, 21 sowie Job 31, 9, 10,11: ,Si duxerit vir uxorem, . . et non est in puella inventa virginitas, ejicient eam extra« fores domus pairis sui et lapidibus obruent viri civitatis illius, et morietur: quoniam fecit nefas in Israel, ut fomicaretur in domo patris sui.* - „Si decep- tum est cor meum super muliere, soortum alterius sit uxor mea et super illam incurventur alii: Hoc eniro nefas est et iniquitas maxiroa.' Wie man sieht, sind hier beide Arten von Unkeusch- heit ganz mit den nämlichen Ausdrücken und durch die nämlichen Strafen charakterisiert. Die Haltlosigkeit der hergebrachten Exegese liegtsomit unwidersprechlich am Tag. Die zweite Bibelstelle, worauf man sich beruft, ist enthalten im 1. Buch Mosis und bezieht sich auf den Untergang von Sodom und Gomorrha. Sie lautet: ,Und die zwei Engel kamen gen Sodoma abends, da Lot im Thore der Stadt sass . . . Und da drang er gar sehr in sie, dass sie einkehrten bei ihm; und er machte, nachdem sie eingekehrt in sein Haus, ein Mahl und bück ungesäuerte Kuchen. Und sie assen. Aber ehe sie sich legten, umgaben die Männer der Stadt das Haus, vom Knaben bis zum Greis, das ganze Volk zusammen. Und sie riefen den Lot und sprachen zu ihm: Wo sind die Männer, so zu dir gekommen diese Nacht? Führe sie heraus, dass wir sie erkennen. Und Lot ging hinaus zu ihnen, schloss die Thür hinter sich und sprach: O meine Brüder, ich bitte, thuet doch dieses Uebel nicht! Ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt; ich will sie herausführen zu*each, und misd- — 197 — brauchet sie, wie es euch gut dünkt. Nur diesen Männern füget kein Leid zu, denn sie sind eingegangen unter den Schatten meines Daches. Und sie drangen auf Lot sehr heftig ein, und schon war es nahe, dass sie die Thür erbrachen. Und siehe, die Männer streckten ihre Hand heraus und zogen Lot zu sich hinein und verschlossen die Thüre« Und die, welche draussen waren, schlugen sie mit Blindheit vom Kleinsten bis zum Grössten, so dass sie die Thür nicht finden konnten. Zu Lot aber sagten sie : Wir wollen diesen Ort ver- tilgen, weil sein Geschrei ist gross geworden vor dem Herrn, der uns gesandt hat, sie zu verderben.* (19, 1 — 13.) ,Und der Herr regnete über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer vom Himmel herab und kehrte diese Städte um, und die ganze Umgegend, alle Bewohner der Städte und alles, was grünte auf Erden'" (19, 24, 25.) Wir wissen somit, dass Sodom und Gomorrha der göttlichen Strafgerechtigkeit zum Opfer fielen, und wenn wir noch die Stelle heranziehen: »Sicut Sodoma et Gomorrha et finitimae civitates simili modo exfornicatae et abeuntes post carnem alteram, factae sunt exeraplum, ignis aeterni poenam sustinentes'' ( Jud. 7), so ergiebt sich, dass die Zerstörung der genannten Städte speziell auch mit den eingeschlechtlichen Sünden zusammenhing, denen ein Teil ihrer Bewohner ergeben war. Was folgt nun daraus? Folgt daraus, dass jede sexuelle Bethätigung, die zwischen Personen des näm- lichen Geschlechtes stattfindet, als ein Frevel wider die Natur und als ein völliges Verbrechen angesehen werden rauss? Die Antwort lautet: Nicht im mindesten. Zum Ersten, weil niemand sagen kann, ob die Strafe nicht mehr dem „Wie" als dem „Was", nicht mehr — 198 — der monströsen Schamlosigkeit, dem raffinierten^ cynischen Modus, der Gewaltthätigkeit und Masslosigkeit, womit in Sodoma diese Sünden be- gangen worden zu sein scheinen, als den Sünden selber gegolten hat. Oder weiss das jemand? Zum Zweiten, weil sich unmöglich nachweisen lässt| dass die Bestrafung Sodoms nicht auch um noch anderer Ursachen willen erfolgte, oder vielmehr, weil die heilige Schrift ausdrücklich erklärt, dass dieses Strafgericht auch auf andere Ursachen, und in erster Linie auf andere Ursachen zurückzuführen ist ,Haec fuit*, spricht Gott durch den Mund Ezechiels, ^ii^i- quitas Sodomae: Superbia, saturitas panis et abundantia, otium ipsius et filiarum ejus, et manum egeno et pauperi non porrigebant. Et elevatae sunt et fecerunt abominationes eoram me, et abstuli eas, sicut vidisti.* (Ezechiel 16, 49 — 50.) Und im Buche Sirach lesen wir: ^Et nou pepercit (Dens) peregrinationi Lot et execratus est eos prae superbia verbi illorum.* (16,9) Angesichts dessen sind wir ausserstande, zu konstatieren, was für einen Anteil die ein- geschlechtlichen Sünden an dem Untergang Sodomas gehabt haben mögen, und darum auch ausserstande, von der Strafe auf den Grad der moralischen Schuld zu schliessen, ganz abge- sehen davon, dass Dies schon an und für sich nicht möglieh wäre. Denn ein zeitlich Bestrafter, beziehungsweise ein zeitlich schwer Bestrafter kann sich viel geringerer Sünden schuldig ge- macht haben, als ein zeitlich nicht, beziehungs- weise ein zeitlich nur wenig Bestrafter. Zum Dritten, weil die Unzucht zwischen Mann und Weib nicht minder ihre Strafe findet und weil sie dieselbe nach dem Bericht der — 199 — Bibel wiederholt ganz sichtlich und auffällig gefunden hat. Die Zeitgenossen Noahs ergaben sich der Wollust mit den „Töchtern der Menschen* und wurden dafür gestraft. (Mosis I, 6^ 1, 2, 3). Die Israeliten versündigten sich mit Weibern und wurden dafür gestraft;^ «Lasset uns nicht Hurerei treiben*, sagt der Völker- apostel im 1. Brief an die Korinther, «wie einige von unsem Vätern Hurerei trieben und (von denen) an einem Tag dreiuudzwanzig tausend umkamen.^ (10; 8.) Andere vergingen sich in ähnlicher Weise und wurden dafür gestraft;. So begegnen wir der göttlichen Züchtigung eben so gut auch hier. „Als die Menschen', heisst es im 6. Kapitel der Genesis, „anfingen, sich zu mehren auf Erden, und Töchter zeugten, da sahen die Kinder Gottes die Töchter der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen sich zu Weibern aus allen, wie sie nur wollten. Und Gott sprach: Mein Geist soll nicht ewig- lich im Menschen bleiben; denn er ist Fleisch, und es sollen seine Tage hundertundzwanzig Jahre sein. (Das heisst: Er ist fleischlich gesinnt, und es soll über ihn nach Ablauf von 120 Jahren, wenn er sich bis dahin nicht bekehrt, die Strafe hereinbrechen. Cf. ^Die heilige Schrift" von AUioli.) Und es wurde vertilgt alles Fleisch, das sich auf der Erde regte; die Vögel, die Tiere, das Vieh und alles Gewürm, das auf der Erde kriecht, alle Menschen und alles starb, worin Odem des Lebens war auf Erden. Also vertilgte Gott jegliches Wesen, das auf der Erde war, vom Menschen bis zum Vieh, das Kriechende sowohl als das Geflügel des Himmels, und es wurde vertilgt von der Erde; nur Noe blieb übrig und die mit ihm in der Arche waren." (Mosis I. 7) — 200 — Das furchtbarste Gottesgericht, das jemals über die Welt gekommeD, hat somit wesentlich der heterosexuellen Fleischeslust gegolten. Endlich noch zum Vierten, weil wir durchaus kein Recht haben, die eingeschlechtlichen Sünden der Sodomiter ohneweiteres zu identificieren mit den eingeschlechtlichen Sünden überhaupt. Der Grund liegt darin, dass solche Acte, wenngleich sie in der Regel einer unabänderlichen Eigen- art physischen Lebens entspringen, ausnahms- weise doch auch als Folge sexuellen Mutwillens und moralischer (Korruption vorkommen können. Sind sie im ersteren Fall subjektiv natürlich, so sind sie im letzteren subjektiv widernatürlich und müssen darum wesentlich verschieden beurteilt werden. Was es mit den ein- geschlechtlichen Sünden der Sodomiter für ein näheres Bewandtnis hatte, darüber spricht sich die Bibel nicht aus. Nun aber entgegnet man vielleicht: Hat denn nicht Lot gesagt: „O meine Brüder, ich bitte, thuet doch dieses Uebel nicht! Ich will meine zwei Töchter herausführen zu euch; nur diesen Männern füget kein Leid zu!*^? Und hat er damit nicht klar und deutlich zu erkennen gegeben, dass er solche Sünden für ungleich schwerer halte, als irgendwelche unzüchtigen Werke zwischen Mann und Weib? Die Antwort lautet: Nein. Denn Lot wehrte den Sodomitem nicht, weil sie sich an Männern, sondern weil sie sich an seinen Gast fr eun den vergreifen wollten, die er den morgenländischen Traditionen gemäss um jeden Preis schützen zu müssen glaubte. Das geht offenkundig aus den Worten hervor, womit er den Vor^ schlag, seine Töchter zur Verfügung zu stellen, begründete : „Nur diesen Männern füget kein Leid zu, denn sie sind eingegangen unter den Schatten meines Daches.* Das — 201 — Uebely von dem er die Sodomiter abzustehei> bat, war somit nicht der sexuelle Gebrauch von Männern, sondern der rohe, frevelhafte Ein- griff in die heiligen Rechte der Gastfreund- schaft, welcher dem Morgenländer bekannt- lieh noch heute als eines der grössten Ver- brechen erscheint. Indessen selbst wenn es sich anders verhalten hätte > was folgte daraus? Es folgte selbstverständlich nichts. Denn wie wir die eingeschlechtlichen Sund en der Sodomiter nicht ohneweiteres identificieren dürfen mit den eingeschlechtlichen Sünden über- haupt, so dürfen wir auch ein Urteil über die erstem nicht ohne weiteres identificieren mit einem Urteil über die letztern. Und davon noch völlig abgesehen: War denn Lot ein Organ gött- licher Offenbarung? Oder bürgt vielleicht die Inspiration der heiligen Schrift für die Rich- tigkeit aller in ihr mitgeteilten subjektiven Anschauungen, also beispielsweise auch für die Richtigkeit der Anschauung, dass ein Vater,, uro junge Männer zu schützen, seine Töchter preisgeben und sogar positiv zur Def 1 oration. derselben mitwirken dürfe?! Das wird hoffentlich niemand behaupten wollen. Für eine besonders schwere, mehr als ge- wöhnliche Sündhaftigkeit ist somit nichts be- wiesen, nichts durch die Katastrophe, von der das 19. K apitel der Genesis berichtet, und nicht» durch das Benehmen Lots. Aber gesetzt noch den Fall, eine solche Sündhaftig- keit wäre bewiesen, wäre es dann deswegen auch schon die absolute Widernatürlichkeit? Die Antwort haben wir bereits vernommen: Nein. Denn viel Wider- natürliches ist nicht besonders sündhaft und viel beson-^ — 202 — • sie die fihe bricht; und wer eine Abgeschiedene freiet,, der bricht die Ehe* (Matth. 5,32), die Frage der Homo- sexualität auch nicht mit einem Worte. Um so mehr macht aber der feurige Paulus dieselbe zu einem Gegenstand seiner Betrachtung und zwar, was bei ihm, dem schriftgelehrten jüdischen Theologen, der zu den Füssen des grossen Gamaliel gesessen (Act. 22,3) und ein Eiferer ^über die Massen gewesen um das väterliche Ge- setz'' (GaL 1,4), nicht verwundern kann, in rein alt- testamentlichem Sinne. Gleichgeschlechtlicher Verkehr von Männern oder Frauen unter sich erscheint ihm als ein Nachgeben , schändlicher Lüste*' (Rom. 1,20), als eine Verwendung des natürlichen Gebrauchs in den unnatür- lichen (Rom. 1,26), mit dem alles Ungerechte, Schalkheit, Geiz, Bosheit, Hass, Mord, Hader, List, Verleumdung,, Frevel, Hoffart, Unberechenherzigkeit etc. (Rom. 1,29—31) Hand in Hand geht, und daher in ganz gleicher Weise- wie die Automasturbation (Rom. 1,24) als ein Strafgericht,, das Gott über die Heiden verhängt hat, weil sie Götzen- dienerei getrieben, „die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild verwandelt haben" (Rom. 1,23). Der sittliche Standpunkt Pauli ist also insofern ein im Ver- hältniss zu dem alttestamentlichen vertiefter, als nach — 207 — ihm Sodomie an und für sich schon eine — göttliche — Strafe ist, wenn dieselbe freilich auch nach Paulus wieder- um eine neue — göttliche und menschliche — Strafe^ nämlich den Tod verdient. (Rom. 1,32) „Die Gottes Gerechtigkeit wissen, dass, die solches thun, des Todes würdig sind.* Dies der biblische Standpunkt. Nun aber die weitere Frage: wie ist dieser Biblizismus theologisch und kirchlich zu werten? Und da kommen wir ja aller- dings zu einer Grundlehre, über die nicht nur die christ- lichen Konfessionen, sondern auch die einzelnen Partei- richtungen innerhalb der Konfessionen selbst in heftiger Fehde liegen. Ich meine natürlich die Lehre von der Inspiration. Es kann hier nicht Aufgabe des Verfassers sein, die Grundsätze und Spezialfolgereihen bezüglich unseres Gegenstandes für jede einzelne Richtung dar- zulegen: eine derartige Auseinandersetzung würde den, Rahmen des vorliegenden Aufsatzes weit überschreiten und sich in ein rein fachwissenschaftliches, für den Laien interesseloses Gebiet verlieren. Ich muss mich vielmehr - damit begnügen, hier meinen eigenen Standpunkt wieder- zugeben, der allerdings zugleich der Standpunkt der Kirchenregierung imd eines grossen Teiles der deutschen evangelischen Geistlichkeit ist. Der Verfasser ist näm- lich ein Anhänger des strengsten Orthodoxismus und hält als solcher an der Inspiration derjenigen biblischen Stellen, welche sich auf den Glauben an die . christlichen Heils- wahrheiten beziehen, unverbrüchlich fest. Andei'seits aber unterscheidet er sehr wohl zwischen dem, was göttlich, und dem, was menschlichen Urspiungs in der Bibel ist. Als menschlich und unverbindlich gelten ihm in erster Reihe diejenigen Begebenheiten und Aeusserungen, die lediglich im Rahmen ihrer Zeit uns den Sitten und An- schauungen ihrer Zeitgenossen entsprechend von natur- wissenschaftlichen und überhaupt dogmatisch und sittlich — 208 — gleicligültigeD Dingen handeln^ wie z. B. dem Seclistage- werk der Schöpfung, der Drehung der Sonne um die Erde, der Dämonenannahme des Herrn Jesus etc., denn unser Herr und Heiland ist nicht in die Welt gekommen, um allerhand Künste und Wissenschaften zu lehren^ sondern um Seelen zu retten. Aber zum Teil gilt diese Unverbindlichkeit auch für die sittlichen Anschauungen. So in hervorragender, vielleicht einziger Weise, von der Frage, die uns in dieser Arbeit beschäftigt^ der Frage des Konträrsexualismus. Da nach den wissenschaftlichen Forschungen der neueren und neusten Zeit, auch ganz abgesehen von den Selbsterfahrungen der dabei persön- lich Beteiligten, von jedem, der sich nicht mit Recht den Vorwurf einer groben Unwissenheit auf diesem Gebiete zuziehen vrill, schlechthin nicht bestritten werden kann, dass es Tausende von Menschen beiderlei Geschlechtes giebt, welche nicht normal, sondern nur konträr ge- schlechtlich fühlen, so kann eine konträrsezuale Handlung dieser auch schlechthin nicht mehr als eine ,, widernatür- liche*', sondern sie muss als eine eben diesen Menschen «natürliche*' gewertet werden. Hiermit aber fallen die Grundvoraussetzungen der oben dargelegten biblischen Anschauungen. Das ganze Gebiet entfällt der religiösen Beurteilung und geht in das der naturwissenschaftlichen über, in ähnlicher Weise, wie die Annahme der Zauberei — nach Ex. 22, 18 sollen die Zauberinnen nicht am Leben gelassen werden — schon seit langer Zeit fallen gelassen ist, wie die christliche Kirche z. B. die sittliche Wertschätzung der Vielweiberei bei den Erzvätern, welche als ein durchaus tadelloses Institut in der alttestament- lichen Anschauungsweise erscheint, nicht teilen kann, und wie niemand den Untergang eines Volkes heute auf einen gleichgeschlechtlichen Verkehr zurückführen wird, da letzterer nachweislich örtlich und zeitlich unbeschitokt bei sämtlichen bekannten Völkern sowohl zur Zeit ihrer — 209 — Blüte als zur Zeit ihres Untergangs geübt worden ist. Selbstverständlich wird hierdurch an dem Worte der Bibel auch nicht ein Haar gemindert. Die Bibel bleibt für uns in gleicher Weise göttliche Offenbarung wie vor- her, aber eben Offenbarung nicht über ' normales und konträres Fühlen, über Perversionen oder Perversitäten, sondern über den Glauben an Gott den Vater, an seinen eingebornen Sohn Jesum Christum, an die Wunderkrafl des Heiligen Geistes, über die Frage: „Was muss ich thun, dass ich selig werde?*, über die leibhaftige Auf- erstehung des Herrn. Eine ganz andere Frage ist es endlich, wie sich die christliche Kirche, nachdem die unwahren Vor- aussetzungen, die der Homosexualität in der Bibel zu Grunde liegen, als solche rückhaltlos anerkannt sind, zu der staatlichen Bestrafung und zu der sitt- lichen W^ertung freiwilliger gleichgeschlecht- licher Handlungen unter Erwachsenen über- haupt zu stellen hat. Ueber die Frage der Bestrafung dürfte bei Anerkennung der „Natürlichkeit* solcher Handlungen kaum ein nennenswerter Disput entstehen da eine solche, wie sie nur auf Grund jener unrichtigen Motive gesetzlich fixiert wurde, selbstverständlich un- berechtigt ist. Jedenfalls nicht berechtigter als eine Be- strafung der Onanie oder jeder sonstigen ausserehelichen sexuellen Handlung, auch wohl kaum berechtigter als z. B. die bereits oben erwähnte biblisch fixierte und staatlich lange geübte Bestrafung der Zauberei. Vom Standpunkt der reinen Sittlichkeit jedoch — und eine solche hat natürlich jede evangelisch-christliche Kirche in hervorragender Weise zu betonen, so sehr sie auch mit Becht die Dogmatik als das Primäre auffassen mag — muss der homosexuelle Verkehr von Homosexualen genau so gewertet werden, wie der heterosexuelle Ver- kehr von Heterosexualen. Wie daher jeder normal- Jahibach II. 14 — 210 — geschlechtliche Verkehr ausser der Ehe als sittlich schlechthin verwerflich betrachtet werden muss, so auch der gleichgeschlechtliche Verkehr der Venus vulgivaga, selbst wenn derselbe auf einer noch so starken Hyper- ästhesie des Geschlechtstriebes beruht. Ein homosexualer Verkehr wird daher von der Kirche nur dann als ein sittlicher anerkannt werden können, dann aber auch bei vorurteilsloser Beurteilung anerkannt werden müssen, wenn derselbe auf einer tief eingewurzelten Neigung zu einer andern Person des gleichen Geschlechts beruht. Jeden homosexualen Verkehr wird die Kirche, wenn sie anders der Wahrheit die Ehre geben wiU, auf die Dauer als schlechthin unsittlich nicht errachten können, wenn es natürlich auch ihre Pflicht bleibt, vne beim hetero- sexuellen so beim' homosexuellen Triebe zu einer Be- schränkung und Mässigung, ja, wenn möglich, völliger Enthaltung zu mahnen, und auf Keuschheit innerhalb wie ausserhalb der Familien durch ihre Organe hinzuvrirken« Diese drei Punkte also, die rückhaltslose Anerkennung des naturwissenschaftlichen Irrtums der Bibel, als gäbe es keinen angeborenen Konträrsexualismus, die hierauf begründete Verwerfung einer staatlichen Bestrafung gleich- geschlechtlicher Handlungen, aber zugleich die sittliche Läuterung der Homosexualen, sie sind das Fundament der Zukunft^ auf welchem in Bezug auf die Frage des Uranismus die Kirche weiter zu bauen hat. -«<^|p>^ Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen. Von Dr. phiL ArdiÜD. Soviel auch schon über die Frauenfirage geschrieben und diskutiert yrorden ist, so verschiedenartige und zum Teil einander direkt widersprechende Meinungen darüber sich geltend zu machen versucht haben: ein Gesichts- punkt ist meines Wissens noch nicht zur Erörterung ge- langt, der gerade geeignet ist, die tiefe physiolo^sche und psychologische Bedeutung der Frage klarzustellen, und von dem aus es erst gelingen wird, eine gerechte Ent- scheidung in dem Kampfe der Geister um sie herbei- zuführen. Aus dem Für und Wider, dem bunten Durcheinander, das auf dem Kampfplatze herrscht, ragen zwei Auf- fassungen der Frauenfrage besonders hervor, die in einem gewissen prinzipiellen Gegensatze zu einander stehen, in praktischer Beziehung aber vielfach Hand in Hand mit einander gehen. Die eine von ihnen entspringt aus der allgemeineren Ansicht, dass alle Menschen ursprjing- lich gleich veranlagt sind, dass ein wesentlicher imd unauf hebbarer Unterschied zwischen den beiden Ge- schlechtem in ihrer körperlichen und geistigen Leistungs- fähigkeit nicht vorhanden ist; dass vielmehr die Unter- schiede, die wir zur Zeit und in den Kultur gebieten 14* — 212 — der Erde beobachten, nur eine Folge der ungleichen sozialen Erziehung sind, die Mann und Weib seit Jahr- tausenden genossen haben. Nach dieser Anschauimg wird es der Frau, wenn sie künftighin gleiche Erziehung, gleiche Ausbildung ihrer Kräfte mit dem Manne erhält, gelingen, ihm völlig gleichwertig hinsichtlich ihrer Leistungen gegentiberzutreten. — Diese Auffassung wird beispiels- weise von Bebel in seinem Buche „Die Frau und der Sozialismus*' verfochten. Auf völlig anderer Grundlage erhebt sich die zweite der Anschauungen, die ich oben im Sinne hatte. Sie lässt es zum mindesten unentschieden, ob oder inwieweit die Frau als dem Manne ebenbürtig zu erachten ist. Sie knüpft vielmehr, von vornherein an der theoretischen Erörterung des im Vorigen gekennzeichneten grundsätz- lichen Problems vorübergehend, an die unleugbare That- Sache an, dass tausende und abertausen'de von Mit- gliedern des weiblichen Geschlechts in einen schweren Existenzkampf gestellt werden, indem sie entweder un- verheiratet bleiben oder in derartige Eheverhältnisse ein- treten, dass sie gezwungen sind, zum Lebensunterhalt der Familie wesentlich mit beizutragen. Um sie nun nicht schutzlos und ungewappnet diesem Existenzkampf preiszugeben, fordern die Vertreter der zweiten Anschau- ung eine mehr oder weniger weitgehende Gleichberech- tigung der Frauen mit den Männern — ähnlich, wie sie auch, jedoch in der Hauptsache aus anderen Gründen, von den Anhängern der ersten Auffassung verlangt wird. Im Sinne der zweiten Anschauung ist die Frauen- fraga lediglich ein Teil der sozialen Frage, und sie würde beantwortet und erledigt sein, wenn diese ihre Lösung gefunden hätte. Nach der ersten Auffassung dagegen reicht die Bedeutung der Frauenfrage, die nach ihrer praktischen Seite auch für sie sozialer Natur ist, weiter und entspringt aus tieferem Grunde. Hat diese — 213 — Auffassung damit recht? Ist es thatsächlich dem Weibe von Natur gegeben, sich in derselben Art wie der Mann zu bethätigen? Konmit es ihm sowohl in geistiger wie in körperlicher Beziehung an Stärke gleich? — Ich war früher der Ansicht (und habe sie auch ge- legentlich öffentlich vertreten), dass diese Fragen schlecht- hin verneint zu werden verdienen, und zwar aus folgenden drei Hauptgründen, die gegen sie sprechen: 1) ist es in der Geschichte der Menschheit eine ein- fache Thatsache der Erfahrung, dass fast in allen Gegenden der Erde der Mann die Herrschaft über das Weib erlangt hat. Wie war das möglich? — Es giebt wohl keine andere Antwort darauf, als dass ihm über das Weib eine gewisse, unbestreitbare üeberlegenheit, sei es in körperlicher oder in geistiger Beziehung oder in beiden, wirklich zu Gebote gestanden hat und ihm bis zur Gegen- wart verblieben ist. Eine derartige Üeberlegenheit aber — bei allen Völkern und zu allen Zeiten — kann nicht anders denn als eine dem Manne angeborene, zu seinem Wiesen, seiner Natur gehörige Eigenschaft angesehen werden. — Selbstverständlich ist es dabei, dass dies nur im Ganzen oder im Durchschnitt gilt, so dass einzelne Männer sehr wohl hinter dem «mittleren Weibe" zurückstehen, einzelne f^rauen den «mittleren Mann" übertreffen können. 2 ) Die Frau ist auf Grund ihrer natürlichen organisch- physiologischen Beschaffenheit zu Zeiten der vollen Be- thätigung ihrer nicht ins sexuelle Gebiet gehörigen Kräile entzogen. Wenn es in dieser Hinsicht nun auch viel- fache, graduelle Unterschiede giebt und bei manchen wilden Völkern sowie innerhalb des Arbeiterstandes bei den Kulturvölkern dieser Einschränkung teilweise sehr enge Grenzen gezogen sind, so ist doch der Unterschied überhaupt, der hierdurch zwischen Mann und Weib hergestellt ist, nicht zu leugnen. _ 214 — 8) Weil dem Weibe die vorstehend angedeuteten, organisch-physiologischen Funktionen obliegen, während der Mann gänzlich frei davon ist, so erscheint es ohne weiteres klar, dass der Mann seine J^benskräfte ander- weitig besser und vollkommener als das Weib entwickeln konnte. In der That zeigt ja doch die unbefangene Be- obachtung, dass die Frau viel mehr ans sexuelle Leben gefesselt und von ihm umfangen ist, viel mehr in der sexuellen Sphäre lebt als der Mann, sofern man zu den sexuellen Organen, wie billig, nicht nur die Geschlechts- teile im engeren Sinne, sondern auch die Milch gebenden Brüste und das für den Gebärakt passend eingerichtete, unschöne Becken, und zu den sexuellen Funktionen ausser dem eigentlichen Geschlechtsakt und der Menstruation auch das Kindergebären, das Säugen und die Pflege des Kindes in der ersten Lebenszeit rechnet Kurz gesagt, ist die Frau in höherem Grade Geschlechtswesen als der Mann. Und demgemäss konnte eben der Mann, vom Sexuellen bei weitem weniger absorbiert, seine Fähig- keiten auf den nicht-sexuellen Gebieten mehr entwickeln ; er konnte insbesondere grössere körperliche Kraft (zu- gleich notwendig, um das seinen Mutterpflichten nach- gehende Weib zu ernähren und zu schützen) und hervor- ragendere geistige Begabung erwerben. Fast scheint es, als hätte mit dieser Darlegung die Frauenfrage auf einfache Art ihre prinzipiell-theoretische Erledigung gefunden und als bliebe sie nur noch nach der praktischen Seite — als Teil der sozialen Frage, wie zuvor erörtert — offen. Lidessen empfindet auch der- jenige, der unsere obigen Ausführungen unterschreiben kann, dass hinter den Argumenten der Gegner, welche die Gleichheit beider Geschlechter proklamieren, etwas schlummert, was ihnen eine gewisse Berechtigung giebt. Diese Empfindung gewinnt an Deutlichkeit und wird schliesslich zur klaren Erkenntnis, Mcnn man sich einer — 215 — unter die gewöhnliche Oberfläche hinabtauchenden, ob- jektiven Beobachtung der beiden Geschlechter und ihrer Eigenart befleissigt. Es offenbart sich alsdann, dass 1) einem gewissen Prozentsatz der Mitglieder des männlichen Geschlechts die Bezeichnung «Mann*^ nicht mit vollem Rechte und bedingungslos zukommt. Ich sage das nicht im Sinne des Vorwurfs, indem ich keineswegs auf diejenigen Männer exemplifizieren möchte, die durch servile Gesinnung ihre Manneswürde mit Füssen treten, um Lebensstellungen zu erlangen oder sonstige äussere Erfolge zu erringen, durch die ihre Selbstsucht oder ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Sondern ich gedenke der- jenigen Personen männlichen Geschlechts, die bei durch- schnittlich tadellosem Charakter, gewinnenden Manieren und liebenswürdigem ^esen so wenig von der kräftigen, bestimmten, selbständigen Eigenart des Mannes, von seiner körperlichen Stärke und seiner geistigen Veranlagung aufweisen, dass sie viel mehr einen mädchenhaften oder weiblichen, bisweilen weibischen Eindruck hervorrufen, und die sich in ihrem Liebesverlangen, auch innerhalb des rein sexuellen Verkehrs, nicht zum Weibe, sondern zu ihnen — irgendwie und bis zu einem gewissen Grade — imponierenden, Respekt und Bewunderung einflössenden Männern hingezogen fühlen. Es sind dies die Angehörigen der einen Klasse der homosexuellen Personen männlichen Geschlechts; 2) giebt es demgegenüber einen gewissen Prozentsatz der Mitglieder des weiblichen Geschlechts, die keine rechten, keine Voll- Weiber sind. Sie besitzen eine mehr männlich (als bei den letzteren) geartete äussere Erscheinung; zeigen mehr männliche als weibliche Neig- ungen; haben weder den Wunsch, die Rolle des Weibes im Ehebett zu spielen, noch den, jemals Mutter zu werden, der doch sonst in jedem echten Frauenherzen lebt; wollen sich endlich nach Männerart ausleben und bethätigen. — 216 — Unter ihnen befinden sich nicht wenige Lehrerinnen, Er- zieherinnen, Buchhalterinnen, Nonnen — insbesondere Aebtissinnen — , Krankenpflegerinnen, vor allem aber ge- hören zu ihnen, wie schon der Augenschein lehrt, zweifellos viele der Führerinnen innerhalb der modernen Frauen- bewegung. Sie bilden die eine Klasse der homo- sexuellen Personen weiblichen Geschlechts. Von ihnen wird sogleich des Näheren die Rede sein, denn es ist klar, dass, wenn sie vorhanden sind — und daran kann für den, der sehen wiU, kein Zweifel sein — sie im Hinblick auf die Frauenfrage eine ausser- ordentliche Rolle spielen und für deren prinzipielle Seite von entscheidender Bedeutung sind. Zuvor aber möchte ich mit wenigen Worten auf einen anderen wichtigen Punkt im Gesamtgebiet der homosexuellen Erscheinungen eingehen, der im Vor- stehenden berührt worden ist und der um so mehr eine gründliche Erledigung finden muss, weil ihm mehrfach eine falsche Behandlung zuteil wird. Er betriiit die Klassifikation der homosexuell veranlagten Menschen. In der That giebt es unter ihnen mehr Hauptarten, als von mancher schriftstellerischen Seite angegeben und besprochen werden, so dass infolgedessen Eigentümlich- keiten, die an einer Klasse der Homosexuellen vor- handen sind, eine mehr oder minder weitgehende, unzu- treffende Verallgemeinerung erfahren. Den Thatsachen entspricht es, wenn wir vi er Haupt- arten homosexuell veranlagter Personen unterscheiden: 1) die homosexuellen Männer, die sich als Mann fühlen und deren Liebe sich daher auf Männer mit weiblichem Wesen, vor allem auf Jünglinge oder doch jüngere Männer erstreckt; 2) die homosexuellen Männer, die sieh in der Rolle des Weibes fühlen und die deswegen nach geistig und körperlich kraftvoll, d. h. thatsächlich ganz oder vorwiegend männlich entwickelten Männern Verlangen — 217 — tragen ; 3) die homosexuellen Weiber, die sich in der Rolle des- Mannes fühlen und demgemäss zarte^ völlig weibliche Naturen innerhalb des weiblichen Geschlechtes an sich ziehen möchten; und 4) die homosexuellen Weiber, die sich auch wahrhaft als Weib fühlen und darum zu männlich ange- legten Individuen des weiblichen Geschlechtes Neigung haben. Kurz gesagt: es giebt unter den Homosexuellen virile Männer und feminine Männer, virile Weiber und feminine Weiber. Zum richtigen Verständnis der Natur der homosexuell Empfindenden innerhalb aller dieser Klassen verdient hervorgehoben zu werden, dass 1) in jedem Menschen männliche und weibliche Elemente vorhanden sind*), nur — der Geschlechts- zugehörigkeit entsprechend — die einen unverhältnis- mässig stärker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle Personen handelt; und dass 2) der Hauptunterschied der Homosexuellen von den« Heterosexuellen darin zu suchen ist, dass in den Homo- sexuellen Männliches und Weibliches mehr ausgeglichen ist, so dass wir unter ihnen, wenn noch eine hohe ab- solute Entwicklung aller Anlagen hinzukommt (wozu allerdings gehört, dass die Betreffenden homosexuelle Männer — viriler Abart — sind), die vollkommensten Blüten der Menschheit antreffen, wie es die Beispiele eines Plato, Michel- Angelo, Shakespeare, Winkelmann,. Friedrich des Grossen und mancher anderen zeigen. Gerade der Umstand nun, dass zwischen Männlichem und Weiblichem im homosexuellen Menschen eine grössere Gleichheit herrscht als im heterosexuellen, hat zur Folge, dass jener zur Ergänzung seines Wesens des eigenen Ge- schlechtes bedarf statt des entgegengesetzten, da dieses *) Vergl. dieses Jahrbuch, Bd. I, 1899: „Die ob jektive Diagnose der HomosexuaUtät** von Dr. M. Hirschfeld, S. 8—9 u. f. — 218 — von den Geschlechts-Elcmenten einer Art zu viel, von denen der anderen zu wenig besitzt. Hierbei bleibt zu- nächst noch eine Frage offen. Denn aus unserer theo- retischen Betrachtung wird bisher nur klar, weshalb z. B. ein homosexueller Mann sich mit keinem heterosexuellen Weibe verbinden kann. Es ist noch zu erörtern, ob bczw. warum er sich auch keinem homosexuellen Weibe zu- wenden kann, das doch ebenfalls (gleich ihm selbst) eine' grössere Ausgeglichenheit der Geschlechts-Charaktere auf- zuweisen hat, so dass beide am Ende eine harmonische Einheit zu bilden vermöchten. Angesichts dieser Frage ist vor allem zu bedenken, dass, wie es innerhalb der meisten Gruppen von Natur- erscheinungen der Fall ist^ auch unter den homosexuellen Personen tausendfache Abstufungen sich finden. Sodann ist hervorzuheben, dass 1) dem virilen homosexuellen Manne, dessen homo- sexuelle Eigenart stark entwickelt ist, auch das (virile) homosexuelle Weib einesteils noch zu sehr Weib ist, während sich andemteils das männliche Element desselben, gleichsam nach Anerkennung schreiend, zu sehr hervor- drängt, statt sich mehr abwartend dem Liebeswerbenden gegenüber zu verhalten, sich ihm jüngerhaft anzuschliessen — eine Art in gewissen Widersprüchen hin- und her» wogenden Kampfes, wie er indessen in der Welt des psychologischen Geschehens nicht zu den Unmöglichkeiten, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehört. Der femi- nine homosexuelle Mann dagegen verlangt so stark nach dem durch Männlichkeit führenden und henvchenden Wesen, dass ihm gleichfalls — im Falle entschiedener Ausprägung seines homosexuellen Charakters — das homosexuelle Weib nicht zur Ergänzung seiner Persön- lichkeit genügt. — Aehnliches lässt sich vom homo- sexuellen Weibe sagen. 2) aber ist es eine nicht seltene Thatsache, dass — 219 — homosexuelle Männer, wenn ihre homosexuelle Anlage weniger stark entwickelt ist oder wenn sie dieselbe über- winden wollen, sich mit Frauen ehelich verbinden, die dann selbst mehr oder minder homosexuell veranlagt sind — und umgekehrt. In derartige Ehen treten von den homosexuellen Männern besonders die femininen ein, die dann die Erscheinung der Bisexualität, d. h. der doppelten Neigung: sowohl zum Manne als auch zum Weibe, dar- bieten — wenn man nicht überhaupt die bisexuellen Per- sonen als eigene Gruppe von den im engeren und strengeren Sinne homosexuellen scheiden will. . Von denjenigen, welche die vorstehend entwickelte Klassifizierung der Homosexuellen ausser Acht lassen, werden vielfach die homosexuellen Männer kurzer Hand als verweiblichte Männer = den femininen Homosexuellen männlichen Geschlechts und die homosexuellen Weiber schlechthin als männlich geartete Weiber = den virilen homosexuellen Weibern angesehen und dargestellt, und es werden demgemäss z. B. die homosexuellen Männer als oberflächlich, unzuverlässig, kokett, unbeständig, ver- gnügungssüchtig, rachsüchtig u. dgl. m. geschildert. M i t Unrecht! Denn wenn es schon einseitig ist, alle fe- mininen homosexuellen Männer, unter denen es sehr zarte, feinsinnige, ästhetisch hochbegabte Individuen giebt^ derartig zu charakterisieren, so trifil diese Kennzeichnung auf die virilen homosexuellen Männer, unter denen es nach früher Gesagtem, um mit Prof. Gustav Jäger zu reden| die Erscheinung der , Supervirilen* giebt, ganz und gar nicht zu. — Doch wir wollen uns nicht weiter mit einer Erörter- ung der verschiedenen Arten der Homosexuellen be- schäfligen, wollen insbesondere die Betrachtung der Homo- sexuellen unter den Männern, so besonders anziehend und förderlich sie auch ist, verlassen, um — unseres Themas eingedenk — derjenigen Klasse der homo- — 220 — aexuellen Weiber uns zuzuwenden, die hinsichtlich der Frauen frage unsere besondere Aufmerksamkeit verdient. Es ist dies, wie oben gesagt, die Klasse der virilen homosexuellen Weiber. In ihnen ist das männliche Element so stark ent- wickelt, dass es nach einer Bethätigung und Befriedigung verlangt, wie sie den Männern selbst zuteil wird oder doch offensteht. Die Neigungen derartiger Personen des weiblichen Geschlechts sind nicht auf die Dienste ge- richtet, die sonst das Weib dem Manne leistet; die virile Homosexuelle führt nicht dann ein vollkommenes Leben^ wenn sie am Manne sich erheben und emporranken, wenn sie ihm Kinder gebären und diese aufpäppeln und er- ziehen kann; sondern sie will produktiv sein wie der Mann selbst, sei es nun — je nach ihrer Veranlagung und ihrem Bildungsstandpunkt — körperlich oder geistig. Zeigt sich somit in ihr das Bedürfnis, männlichen Be- rufsarten obzuliegen, so ist es eine Ungerechtigkeit, ihr den Zugang zu denselben zu versperren. Was sie kann,, insbesondere, ob sie dasselbe oder nahezu Gleiches zu leisten vermag ^v^e der wirkliche Mann — das mag, das wird sich zeigen. Jedenfalls darf ihr die Möglichkeit nicht genommen werden, sich ihren An- lagen und Neigungen gemäss zu entwickeln. Dass dies eine unbedingte Forderung der menschlichen Gerechtig- keit ist, wird jeder zugeben müssen, der erkannt hat^ dass es Weiber giebt, die eben nicht reine Weiber sind, sondern in die Sphäre des Männlichen hineinragen, an ihr partizipieren. Die Frauenfrage stellt sich hiernach unter einem eigenen Gesichtswmkel dar. Es handelt sich bei ihr nicht nur, ja nicht einmal hauptsächlich um die Versorgung der eigentlichen Weiber, d. h., um im Sinne der oben vorgeschlagenen Terminologie genau zu reden : der hetero- sexuellen Weiber, welche sich dem Manne gegenüber — 221 — zurückgesetzt fühlen (was bei ihnen im allgemeinen gar nicht der Fall ist) oder in sozialer Beziehung schlecht gestellt sind (was allerdings auf alle Fälle zu berück- sichtigen ist)^ sondern es handelt sich — in prinzipieller Hinsicht — um d i e (viril homosexuell veranlagten) weib- lichen Personen, die von dem inneren Drang erfüllt ^ind, es in ihrem Wirken^ in der Entfaltung ihrer Kräfte und Fähigkeiten dem Manne gleichzuthun. Weil es aber derartige Frauen und ein derartiges Verlangen in ihnen giebt, darum ist mit sozialer Fürsorge die Frauenfrage und Frauennot nicht zu beseitigen, darum offenbart sich in ihr ein so gewaltiger, tiefer Zug nach freiheitlicher Entwicklung. Noch einmal sei es gesagt^ dass diese frei- heitliche Entwicklung nicht die eigentlichen, echten {heterosexuellen) Frauen verlangen, sondern jene im Vor- stehenden gekennzeichneten Wesen, die, in der Maske des weiblichen Geschlechts erscheinend, doch eine so stark ausgebildete Männlichkeit besitzen, dass es nicht fort- dauernd gebilligt werden kann, ihnen diejenigen Gebiete zu verschliessen, in denen allein sie sich auszuleben im- stande sind« «Sich ausleben* — frei und rein, der natürlichen Anlage gemäss, das ist ja das Zauberwort einer neuen Zeit, deren Morgenröte uns entgegenlacht. Giebt es Weiber mit nicht zu unterdrückendem männlichem Be- thätigungsdrang — und die unbefangene und vorurteils- lose Beobachtung lehrt es — so sei ihnen der Weg frei- gegeben, auf den sie dieser Drang verweist. Da sich nun aber durch kein roh-äusserliches Son- -dierungs-Verfahren^ durch kein Examenssieb oder dergl. die echten Weiber von der in Betracht kommenden Klasse der virilen homosexuellen Weiber unterscheiden lassen^ so müssen allgemein den Frauen die Berufe der Männer eröffnet werden. Freilich dürften die Frauen nicht — entsprechend etwa dem allgemeinen Schulzwange oder — 222 — sonstwie — in dieselben noch überhaupt in die männliche Bildungssphäre hineingedrängt wer- den, weil wir sonst — unter den wirklichen Weibern — der Natur nicht konforme Missbildungen züchten könnten, wie sie teilweise schon jetzt die «höheren Töch- ter* repräsentieren; nur das muss den Frauen gewähr- leistet werden, dass diejenigen, die berufen, fähig und gewillt sind, sich in der Bildongssphäre des Mannes zu bewegen und zurechtzufinden, nicht von ihr au ä ge- schlossen werden. Wer von ihnen sich in sie ver- irrt, wird sich herausstellen. Prüfungen bezw. die Ur- teile der Lehrer müssen — wie beim männlichen Ge- schlecht — darüber entscheiden. Dass dabei trotz allem Existenzen verunglücken können und verunglücken werden, darf die Kulturmenschheit nicht abhalten, der Unter- drückung ein Ende zu machen, unter der ein Teil ihrer Mitglieder so lange geseufzt hat. Es liegt übrigens nicht die von ängstlichen Gemütern befürchtete Gefahr vor, dass die eigentlichen Frauen, die ihrem ganzen Wesen nach dazu ausersehen sind, Haus- frauen und Mütter zu werden, ihrem natürlichen Berufe werden entzogen werden, wenn nur Freiheit waltet. Zwang und Schematisierung ausgeschlossen bleiben. Die Natur, die mächtige Gestalterin, wird jeden dahin drängen, wohin er seiner Beschaffenheit und seinen Trieben nach gehört. Wir können nunmehr unsere Betrachtungen über die Frauenfrage mit folgendem, wie ich glaube, ebenso er- schöpfenden wie befriedigenden Endergebnis schliessen: Es handelt sich bei der Frauenfrage um zweierlei, und zwar deshalb, weil der Begriff „Frau* (ebenso wie der Begriff «Mann*') kein schlechthin einheitlicher ist Hat man das weibliche Geschlecht im allgemeinen, vorzugsweise also das Gros desselben: die Masse der eigentlichen — heterosexueUen — Frauen im Sinne, so — 223 — ist die Frauenfrage nichts als ein Teil der grossen sozialen Frage. Physiologisch und psychologisch vertieft dagegen wird sie und an Schwergewicht gewinnt sie, wenn man nur einen beschränkten Teil des weiblichen Geschlechts: die Klasse der virilen homosexuellen Weiber in Betracht zieht Dann rechtfertigen sich die weitergehenden, all- gemeinen Forderungen, die von vielen Führern und Führerinnen im Kampf um die Frauenrechte erhoben werden. Möge die Zeit nicht fern sein, wo alle Welt die rechte physiologische und psychologische Einsicht in das Wesen der menschlichen Geschlechter erlangt und daher ein verständiges und gerechtes Urteil über die dadurch bedingten Probleme gewinnt! gsss rl7 Fälle von Koincidenz von Geistesanomalien mit Pseudohermaphroditismus, zusammengestellt aus einer Gesamtkasuistik von 713 Beobachtungen von Scheinzwittertum von Franz Neugrebauer, Vorstand der Gynaekologischen Klinik des Evang^elischen Hospitals in Warschan. Im Jahre 1896 war mir vom Gericht die Untersuchung eines jungen Mädchens wegen zweifelhaften Geschlech- tes übertragen worden, gleichzeitig die gerichtlich medi- zinische Expertise bezüglich des Geisteszustandes dieses jungen Mädchens. Es war eine Anklage wegen Giftmordes gegen dasselbe erhoben worden. Das Mädchen^ 18 Jahre alt, einer Familie aus den besten Kreisen angehörig, war angeklagt Mutter und Bruder mit Strychnin vergiftet zu haben, wobei der 9-jährige Bruder dem Gifte erlag, die Mutter aber dank rechtzeitig erteilter Hilfe gerettet wurde. Die Angeklagte hatte sofort nach der Katastrophe an- gegeben, sie habe nur sich selbst vergiften wollen, indem sie das Gift in ihren Suppenteller geschüttet^ dass aber ein Teil des Giftes in die Suppenterrine gelangt sei, sei ein Zufall gewesen und habe keineswegs in ihrer Absicht gelegen! Das Mädchen gestand also die Absicht eines Selbstmordes zu I Die nächste Frage war, warum sie sich habe vergiften wollen? Es handelte sich um einen Selbst- .mordversuch aus Verzweiflung. Die Ursache zu dieser — 225 — Verzweiflung war die, dass das Mädchen einer „erreur de sexe* zum Opfer gefallen war. Man hatte irrtümlich einen männlichen Scheinzwitter als Mädchen erzogen. Ich kann hier nicht die detaillierte Beschreibung dieser Beobachtung geben aus von mir unabhängigen Gründen (siehe: F. Neugebauer: Ein junges Mädchen von männ- lichem Geschlecht, verhängnisvolle Folgen einer irr- tümlichen Geschlechtsbestimmung. Internationale photo- graph. Monatsschrift für Medizin und Naturwissenschaft, III. Jahrgang, 189G). Die irrtümliche Geschlechts- bestimmung hatte zu einem Zerwürfnis zwischen Mutter und' Tochter geführt, zu einer Reihe endloser seelischen Qualen für das junge Mädchen, das sich als Mann fühlte und auf eigene Faust hin sich einer ärztlichen Unter- suchung unterzog, von den beteiligten Aerzten aber den Bescheid erhalten hatte, es liege weibliches Geschlecht vor, während doch die unglückliche Person Beweise ihrer männlichen Natur gefühlt und gesehen hatte. Das Haupt- moment, welches die tragische Katastrophe herbeigeführt hatte, war nichts Anderes, als der Fehler, den die von dem Mädchen konsultierten Aerzte begangen hatten, zu erklären, es liege bestimmt weibliches Geschlecht vor, statt wenigstens vorsichtiger handelnd das Geschlecht für zweifelhaft zu erklären und einen in diesen Fragen erfahreneren Kollegen zu Rate zu ziehen. Nachdem ich nach eingehender Untersuchung und Konstatierung von normalem Sperma das männliche Geschlecht unzweifelhaft festgestellt hatte, wurde gerichtlicherseits der Zivilstand der Angeklagten geändert Sie erhielt männliche Kleider und männliche Rechte. In den Gerichtsverhandlungen, die nun weiter folgten, wurden uns drei Experten vom Gericht folgende drei Fragen vorgelegt: 1) Konnte die Entwicklungsanomalie der Geschlechts- teile des Angeklagten einen Einfluss haben auf seinen seelischen Zustand, auf seine psy- Jahrbuch II. 25 - 226 — chische Sphäre? 2) Lag hier eine angeborene psychische Anomalie, psychische Minder- wertigkeit vor oder war dieselbe erst später entstanden und zur Entwickelung gelangt? — 3) War sich die angeklagte Person im Moment ihres verbrecherischen Handelns der Gesetz- widrigkeit ihres Handlung sowie des Charak- ters dieser Handlung bewusst oder hatte sie die That be'gangen im Zustande momentaner Umnachtung ihres Verstandes, momentaner teilweiser oder gänzlicher Sinnverwirrung, Unzurechnungsfähigkeit? Meine Antwort auf diese Fragen lautete folgender- massen: ad I: Der £ntwickelungsfehler der Geschlechtsteile hatte eine irrtümliche Geschlechtsbestimmung zur Folge gehabt: das Kind, ein Knabe, wurde als Mädchen ge- tauft und erzogen. In den ersten Kinderjahren konnte dieser Irrtum für den psychischen Zustand des Kindes irrelevant bleiben, sobald aber der Charakter des Kindes sich zu bilden begann und die Geschlechtsreife erreicht war, so begann der Einfluss dieser fehlerhaften sozialen Lage sich zu zeigen. Die junge Person begann als Mann geschlechtlich zu empfinden, verriet stets nur Neigung zu männlicher Beschäftigung, Selbständigkeit und hatte sehr stark ausgesprochene erotische Gefühle auf das weibliche Geschlecht hin gerichtet. Der Geschlechts- trieb war vorzeitig erwacht und äusserte sich ungewöhn- lich stark, wie das oft namentlich bei wie hier vor- liegendem Kryptorchismus beobachtet wird (siehe: „Etudes sur la Monorchidie et la Cryptorchidie chez ITiomme* par Ernest Godard. Paris 1857). Die nächste Folge war Masturbation vom 16. Jahre an. In einer Mädchenschule plaziert, verliebte sich die junge Person bald in die eine bald in die andere ihrer Mit* — 227 — Schülerinnen oder Lehrerinnen, es kam zu heissen Ge- fühlsergüseen. Es folgten in rascher Folge mehrere Liebesverhältnisse, die mehr oder weniger weit gingen, zu allerhand Geklatsch die Veranlassung gaben, endlich zu allerhand Chantage-Affären mit Androhung der Ver- öffentlichung gewisser Thatsachen, falls nicht die und die Summe bezahlt werde etc. Je mehr die Mutter dieses Verhaltens ihrer Tochter gewahr wurde, desto strenger wurde die Tochter beaufsichtigt, durfle oiicht allein aus- gehen, bekam die bittersten Vorwürfe zu hören, oft auch harte Strafen. Die Folge davon war ein absolutes Zer- würfnis mit der Mutter, ja ein Hass gegen dieselbe. Dazu kam der vergebliche Kampf mit dem Laster der Masturbation, die Angst vor etwaigen für das Gedächtnis deletären Folgen dieses Lasters, worüber das Mädchen Manches gelesen hatte. Später las die junge Person be- unruhigt durch ihre körperliche Beschaffenheit und ihre nicht weiblichen Gefühle, Ausbleiben der längst erwar- teten Periode etc. in verschiedenen Büchern nach, verfiel auf den Verdacht, ob sie nicht ein Hermaphrodit sei, worüber sie in dem Konversationslexikon gelesen hatte. Die junge Person sehnte sich nach einem männlichen Berufe, schwärmte für das Universitätsstudium, das ihr ver.«chlossen bleiben musste als einem Mädchen. Der Kampf mit der Masturbation, die Angst vor deren Folgen, die Angst vor Schande infolge der immer häufiger ihr drohenden Chantagebriefe, das Zerwürfnis mit der Mutter, das eigene Bewusstsein männlicher Natur, mit dem Zwange zeitlebens als Weib leben zu müssen^ die heisse Liebe zu einem Mädchen, wobei die Möglich- keit einer ehelichen Vereinigung ausgeschlossen war, alles das zusammen war die Quelle einer stetig zunehmenden geistigen Aufregung und unaussprechlicher seelischer Qualen. Endlich fasste die junge Person einen Entschluss. Ihre letzte Hoffnung war darauf gesetzt, wenn ein Arzt 15» — 228 — sie untersuche, werde mau ihr männliche Rechte zu- sprechen. Mit Ueberwindung ihres Schamgefühles unter- zog sie sich ohne Wissen der Mutter einer ärztlichen Untersuchung. Der von den Aerzten gefällte Entscheid^ sie sei ein Weib, weil sie eine Scheide besitze, hatte eine erschütternde Wirkung! Nun war Alles aus! die let^ste Hoffnung vernichtet aus dieser verhassten falschen sozialen Lage herauszukommen! Die junge Person beschloss diesem verfehlten Leben, welches ihr nichts als seelische Qualen bot, ein Ende zu machen! Bis hierher war ihr Handeln logisch gewesen und ergab sich ein Gedanke als die Folge des aiideren. Mit voller Ueberlegung traf sie die An- stalten zu dem beabsichtigten Selbstmorde, sie verschaffte sich von einem befreundeten Arzte ein Rezept für Strychnin unter dem Vorwande, die Mutter brauche Strychnin zur Vergiftung der Wölfe auf ihren Gütern, sie versuchte, ob das Strychnin sich besser in heissem oder kaltem Wasser löse etc. Nun aber beginnen Wider- sprüche in ihrem weiteren Handeln. Sie trug den Betrag für das gekaufte Strychnin in das Kassabuch ihrer Mutter ein, damit es so aussehe, als habe die Mutter das Strychnin gekauft, *sie entnahm der Flasche einen Teil des Pulvers, die Flasche selbst aber mit der Au&chrift , Strychnin" stellte sie in die Kommodenschublade ihrer Mutter. (Wozu ? um den Verdacht zu wecken, die eigene Mutter habe sie vergiftet?) Nach allen Vorbereitungen kommt der Moment der That: die junge Person in der Blüte ihrer Lenzjahre stehend sieht den baldigen Tod vor sich! Nachdem sie Strychnin auf ihren Teller geschüttet hat, giesst sie mit der Kelle Suppe auf den Teller, den sie an die Suppenterrine stützte — in diesem Momente tritt die Mutter in das Zimmer ein, um am Mittagstische Platz zu nehmen. Die Hand zittert, etwas von dem Inhalt des Tellers schwappt in die Suppenterrine über. Wenn die junge Person nur sich selbst umbringen wollte, wie konnte — 229 — sie es mit anseheD^ dass die Mutter und der Bruder von der vergifteten Suppe assen? Hier ist das gesamte Handeln voller Widersprüohe ! Alles spricht dafür, dass das junge Mädchen im Moment der schrecklichen That unzurechnungsfähig war. Den grausigen baldigen Tod vor Augen, gab es sich keine Rechenschaft mehr von seinem Handeln! Es muss der Seelenzustand dieser jungen Person, welcher bis zum Tentamen suicidii führte und im Momente dieser That bis zur Unzurechnungsrähigkeit, als die Folge der falschen sozialen Lage der Person be- trachtet werden, letztere aber als die Folge der irrtüm- lichen Geschlechtsbestimmung! Es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen dem seelischen Zustande des Angeklagten und der anomalen Beschaffenheit der Ge- schlechtsteile resp. — der irrtümlichen Geschlechtsbe- stimmung. Die Literatur verfügt über drei analoge Fälle, wo eine ^erreur de sexe* zum Selbstmorde führte, den ersten Fall hat Tardieu in extenso beschrieben, indem er die Autobiographie der Person hinzufügte: Alexina B., deren Geschlecht als männlich erkannt worden war, nach- dem sie 22 Jahre lang als Mädchen gelebt hatte, machte ihrem seelischen Leiden durch den freiwilligen Tod ein Ende! (Siehe Tardieu: ,,(^uestion mMico-lnnen, denn als Mädchen. Viola wurde dann für drei — 233 — Jahre in einer männlichen Schule untergebracht^ wo ihre Lage eine sehr unangenehme war^ weil sie von den Mit- schülern wegen ihres mädchenhaften Aussehens ständig ausgelacht und geneckt wurde und den Spitznamen f^sissy** sich gefallen lassen musste. Sogar die Passanten auf der Strasse hielten den Knaben für ein verkleidetes Mädchen. Vom 14. Jahre an trat jeden Monat eine Mastdarm- blutung von 4 — 5 lägiger Dauer auf, welche bis jetzt bis zu dem 23. Jahre sich regelmässig wiederholt. Ab und zu entleert sich das Blut aus der Harnröhre statt aus dem Mastdarm. Zu jener Zeit empfindet Angela starke Schmerzen, welche von den Aerzten erfolgreich bekämpft wurden mit antidysmenorrhoischen Mitteln. Schon ein Jahr vor dem Auftreten dieser Blutungen litt Viola an Bleichsucht, Kopfschmerzen, häufigen Ohnmächten und starkem Husten, in den letzten drei Monaten hatte sie vor jeder kommenden Blutung starke Leibschmerzen. Der Harn soll stets sowohl durch die in dem penis ge- legene Hamröhrenöfinung als auch durch den Mastdarm abgeflossen sein. Viola hatte niemals eine Erektion oder Pollution und empfand nur geschlechtlichen Trieb zu Männern, d. h. sie empfand als Frau. Viola oder An gell, wie er jetzt genannt wurde, hatte mehrere Male den Beischlaf mit Männern ausgeübt, zu einem Bei- schlaf mit Frauen empfand er niemals die Lust. Da Angell durchaus keine Neigung zu männlicher Beschäf- tigung empfand und überhaupt ihm das Leben als Mann im höchsten Grade zuwider war, so kleidete er sich auf eigene Faust hin wieder weiblieh und entfloh aus dem Eltemhause, nahm eine Stellung als Dienstmädchen an, später aber bat er um Aufnahme in das vorgenannte „Asyl für moralisch gefallene Frauen*. Körpergewicht 150 Pfund, Körperhöhe 5 Fuss und 10 Zoll. Das Ge- sicht verrät den Goethe'schen Typus, die Haare jedoch sind infolge Brennens geringelt. Die Barthaare sind — 234 — oifenbar ausgerissen^ Gesichtsausdruck weiblich. Sopran- stimme; die rechte Brust war grösser als die linke, ein Fuss und eine Hand sollen männlich, die anderen weib- lich gebildet sein (? N.), Becken männlich. Charakter und Neigungen absolut weiblich. Hysterie; Intellekt sehr beschränkt^ Hang zur Musik und Poesie. In dem Hoden- sacke liegen die auf Druck sehr empfindlichen Geschlechts- drüsen^ der Cremasterreflex fehlt vollkommen. An gell behauptet bei der Aufnahme, alle vier Wochen Blutungen aus dem Mastdarm und der Harnröhre zu haben. Damm sehr lang, Mastdarmöfihung breit und klaffend von fleischigen Erhabenheiten umgeben, ähnlich den Hymenai- resten. (? N.) Aus der Mastdarmöfihung tropfl noch Blut (nach Angabe des An gell soll dies der letzte Rest der letzten Monatsblutung sein). Der sphincter ani iternus ist dick — enges Mastdarmlumen — , erinnert an eine portio vaginalis uteri. (? N.) Es gelang nicht, eine Kommunikation zwischen Harnblase und Mastdarm nach- zuweisen. Man fand auch keine Spur von weiblichen Geschlechtsorganen vor. Man hatte nur wenige Tage lang die Gelegenheit, An gell zu beobachten, da er Angst bekam, man werde ihn wieder in die ihm verhasste männliche Kleidung stecken und eines schönen Tages wieder die Flucht ergrifi: Er hinterliess nur einen Brief, in dem er schrieb, er werde gutwillig männliche Kleider anlegen und sich „so oder so*^ einrichten! Eigentümlich ist es und schwer zu verstehen, weshalb die Eltern das Kind, als es zur Welt kam, als Mädchen tauften, da ge- sagt ist, man habe später keine Spur weiblicher (ie- schlechtsorgane gefunden, zweitens giebt die allmonatliche typische Blutung ein Rätsel auf, sofern diese Angabe auf Wahrheit beruht, drittens frappiert der Umstand, dass das allgemeine Aussehen dieser Person so weiblich war, dass selbst die Passanten auf der Strasse den schon als Jungen gekleideten An gell doch für ein verkleidetes — 235 — Mädchen hielten^ ferner das absolut homosexuale ge- schlechtliche Empfinden. Die erweiterte Analöfihung und die Angaben des nur mit Männern^ niemals mit Frauen ausgeübten Beischlafes weisen auf Päderastie hin, wobei An gell die passive Rolle übernahm. Allen betont die geringe Intelligenz des Individuums. Leider fehlen jeg- liche Angaben über die Antecedentien des Vaters und der Mutter, vom Vater ist nur gesagt, er hatte einen »teuf- lischen Charakter*^ aber nicht, ob hier Lues hereditaria vorlag, ob der Vater ein'iTrinker war etc. [Leider konnte ich mir die Originalbeschreibung von Allen nicht ver- schaffen, sondern war auf Referate in dem Journal: „Wracz* und FrommeTs Jahresbericht angewiesen.] 2) J. C. Carson und Hrdliczka: „An interesting case of pseudohermaphroditismus masculinus extermus.*^ (Albany Medical Annais. Vol. XVIH. Nr. 10. 1897. — Referat: Centralblatt für Gynäkologie 1898. Nr. 13 pg. 341.) In einer Anstalt für idiotische Kinder wurde eine weiblich gekleidete, als Mädchen erzogene 27jährige Person untergebracht. Mons Veneris behaart, unterhalb eine Schamspalte, aus der in der oberen Partie eine penis- artige Clitoris hervorragt, die so aussieht, wie der penis eines mosaischen Knaben von 4 — 5 Jahren. Eichel und Vorhaut existieren; dieses Glied ist aber nicht von einer Harnröhre durchbohrt. Es finden sich grosse Scham- lippen, die unten etwas breiter sind als oben, die kleinen Schamlippen fehlen. Die Harnröhrenöffnung liegt in der Tiefe einer trichterartigen Grube, unterhalb dieser Harn- röhrenöfinung liegt die von einem Hymen umgebene Oeff- nung der Vagina. Die Scheide ist eng, lässt aber den Finger auf 7 cm Tiefe ein. Weder Ovarien noch Uterus wurden getastet. Die Scheide gleicht einer solchen nach vaginaler Hysterektomie. In jeder grossen Schamlefze wurde ein Gebilde von der Gestalt eines Hodens ge- tastet. Es scheint sich also um einen Mann zu handeln f — 230 — mit Hypospadiasis peniscrotalis und ziemlich langer Scheide. Ueber dos Wesen der Geistesaaomalie ist nichts Spezielleres aogegeben, als dass das Individuum in die Idiotenanstalt aufgenommen wurde. 3) Georges Dailliez; [.Lee sujets du sexe dou- teux etc. Thtse de Paris. Lille 1893] giebt 1. c. Seite S9 die Biographie der Marie L^onie Antoinette, des einzigen Kindes vermögender Eltern. Das Kind wurde als Mädchen erzogen, lebte vorherrschend in weiblicher Umgebung. Im 14. Lebensjahre zeigte sich ein Anflug von Schnurrbart, Kinnbehaarung und die Stimme ^vurde männlich. Ebenso änderte sich zusehends der Charakter des Kindes. Endlich traten solche Erscheinungen auf, welche die Eltern veranlassten, einen Arzt zu konsultieren. Die Professoren Pelletan, Dubois und Boyer kon- statierten, dass das Mädchen ein männlicher Schein- zwitter sei mit Kryptorchismus behaftet. Man fand sogar die Prostata und stellte fest, dass das Kind nicht nur ein Ma par un ombilic saillant qui sc trouve k 20 centimMres de 1' appendice xiphoide. L' ossature du bassin est tont k fait masculine. La distance entre V ombilic et le m^at urinaire est de quatre centim^tres et demi. Le Systeme pileux de la r^gion gdnitoanale est nomialemeut d^velopp<^/ „Les organes g^nitaux sont ceux d'un dpispade com- plet avec monorchidie. Les penis est aplati et relev^ contre Fabdomen au quel il est en quelque sorte accol^, /.« ^.,j ug permettrait pas le coit, l'intromission n'^tant — 251 — gu^re possible et le sperme en cas d'^jaculation ne pouvant ^tre proj^t^ que sur l'abdomen. II mesure 5lj milimetres de longueur et 35 de largeur h la naissance et 46 an niveau du gland. La paroi sap^rieure est constitu^ par l'arbtre ^tal^e, pr^sentant ses d^tails anatomiquea normaux, et se continuant dans la vessie par une cr^te divisant en deux un m^at v^sical, dont les dimensions sont de 15 millim^tres horizontalement, et verticalement sur la ligne mediane de deux mi Uimfetres seulement. La face inf(§rieure du pdnis nous montre un gland ^tal^ uni par un frein tres court k un pr^puc e sans adh^rences, qui se continue par les faces laterales avec 1 'ur^tre pr^c^demment d^crite. Le scrotum lisse, sans poils, ne präsente pas de cicatrices; il est normalement retractile, le raphe est bien marqu^. On y trouve h, droite un testicule de volume peu ijif^rieur ä la normale, de sensibilite tr^s exag^r^e, de consistance assez molle, coiflPß d'un ^pididyme nettement perceptible. Les canaux d^ferents semblent normaux des deux c6t^s. Le gauche se continue avec une petite masse moUe, nodu- leuse, de volume d'une grosse lentille. Pas de testicule de ce c6t^. L'anus large dilat^ permet facilement le toucher rectal qui fait sentir une prostate atrophi^e.* Nach Konstatierung des männlichen Geschlechts wurde D. in die für Männer bestimmte Abteilung ge- bracht. Es gefiel ihm dort keineswegs und schien er sehr geniert zu sein durch die männliche Kleidung. Er verstand es aber sehr bald, sich dem Zwange der männ- lichen Kleidung zu entziehen, indem er sich die Hosen am Damme zerriss, um in der Weise harnen zu können wie früher. Diese Beobachtung ist um so interessanter, als trotzdem schon im zweiten Lebensjahre das männliche Geschlecht festgestellt worden war, dennoch dieses Indi- viduum 70 Jahre lang als Frau weiter lebte, sich selbst zeitlebens für eine Frau hielt und auch von seiner Um- gebung für eine Frau gehalten wurde. »L'erreur men^e — 252 — jusqu' ä un asyle d'ali^n^s par l'ommission de l'envoi d'un extrait de naissance aurait peut-etre dur^ jusqu' ä sa mort si ud examen des organes g^nitaux ne l'eüt fait rev^ler." Die Autoren verlangen, man solle jeden geistes- kranken Patienten bei seiner Aufnahme unbedingt auch auf sein Geschlecht hin untersuchen, da nur so etwaigem Unheil vorgebeugt werden könne. Im gegebenen Falle war freilich jede Sorge dieser Art ausgeschlossen, da D, überhaupt nicht fähig war zur Vollziehung oder auch nur zu dem Versuche eines geschlechtlichen Aktes. 17) White: „A Hermaphrodite in insane Asylum* (Daniels Texas M. J. Austin 1890—1891 Vol. VII. pg. 190). Leider war mir nicht einmal ein Referat dieser Beobachtung zugänglich, geschweige denn die Original- arbeit White's. 18) Comstock (^Alice Mitchell of Memphis a case of sexual perversion of Urning* New- York Medical Times 1892—1893 Vol. XX pg. 170) beschreibt folgende Beobachtung: Zwei Fräulein verliebten sich in einander und gaben sich der Lesbischen Liebe hin. Als die eine von ihnen sich später mit einem Manne verlobte, so ent- brannte die verlassene Freimdin in einer solchen Eifer- sucht, dass sie die frühere Lesbos-Gefährtin ermordete, indem sie erklärte, sie könne ohne dieselbe nicht leben. In der Gerichtsverhandlung wurde die Frage erhoben nach der .pervertits sexuality* und dem krankhaften Geisteszustände dieser Person. Ich konnte leider nicht in Erfahrung bringen, ob dsm Gericht im gegebenen Falle bei seinem Entscheide eine sexuelle Perversion berücksichtigte oder nicht? War diese Person, welcher der unerfüllte Geschlechtstrieb eine Mordwaffe in die Hand zwängte, nicht einfach ein männ- licher Scheinzwitter? Diese Angelegenheit soll erörtert worden sein.: The Medical Reeord, 1892 Vol. XVI. pg. 104: ,»Lesbian Low and Murder*. Es wäre er- — 253 — wünscht^ die Originalbeschreibung dieses Falles zu kennen. Es ist Sache des Psychopathologen, die einzelnen Fälle kritisch zu beurteilen. Sehr eingehend erörtert die Frage nach dem Zusammenhange zwischen Missbildungen der Geschlechtsteile und der Entwickelung von Geistes- anomalien Raffe geau in seiner Th^se: ^Du röle des anomalies cong^niales des organes g^nitaux dans le d^veloppement de la folie chez Phomme* Paris 1874. Die interessanten Schilderungen Raffe g e a u's machen es leicht verständlich^ wie namentlich Kryptor- chismuSy Pseudohermaphroditismus nur allzuleicht zu Melancholie, Verfolgungswahnen führen können. Ebenso interessant ist auch der Aufsatz von Poppe sco: ,De l'hermaphrodisme au point de vue m^dicol^gal'' Th^se, Paris 1874, der Aufsatz von Legrand du Saulle: «Les signes physiques des folies raisonnantes'* Annales m^dico-psychologiques, Paris 1877, und sei das Studium dieser Aufsätze Jedem empfohlen, der sich für die Koincidenz geistiger Anomalien mit Scheinzwittertum interessiert. Michel Angelo's Urningtum. Von Dr. juF. Numa Praetorius. Eine grosse Anzahl berühmter Männer ist der Homo- sexualität verdächtigt worden. Bei Vielen mag es zweifelhaft sein, ob dieser Ver- dacht begründet ist und überhaupt schwer sein, die völlige Wahrheit zu erfahren, bei Keinem jedoch tritt die umische Natur so unzweideutig zu Tage, vde gerade bei Michel Angelo.*) Deshalb begreift man es nichts wie immer noch die meisten Gelehrten den Gefühlen des grossen Meisters verständnislos gegenüber stehn. Auch der letzte Herausgeber der Dichtungen M. A.'s**) kann sich die Liebesgefühle des Künstlers nicht erklären und spricht in seinen kritischen Anmerkungen von dem zur Zeit des Dichters herrschenden Freundschaftskultus, von dem Geschmacke des damaligen Zeitalters für eine über- schwengliche Lyrik u. dgl. Aehnlich drückt sich auch der Verfasser eines im September 1898 in den «Grenzboten'' erschienenen, die *) Z. vgl. auch MolU in der dritten Auflage seiner ^Conträren Sexualempfindong'^ (Berlin 1899) S. 118: „Man möge es nar gan7> unverblümt aussprechen, dass manches Michel Angelo betreffende Rätsel, insbesondere seine Gedichte, am ehesten erklärbar sind, wenn man die umische Natur des Künstlers annimmt.'* Femer Carpenter: „Die homogene Liebe" (Leipzig, Spohr) S. 8 und 9. ♦♦) Karl Frey: Die Dichtimgen von Michel Angelo-Buonarrotti, Beriin 1897. — 255 — nene Herausgabe Frey's bespreclienden Artikels aus. Es berührt wirklich eigentümlich, wenn heute uoch trotz der Forschungen über Urningtum gelehrte Philologen in Michel Angelo's Seelenleben ein Rätsel erblicken, während doch des grossen Künstlers Schriftwerke beredt uns künden, dass er ein Konträrsexualer war. Wenn man nicht annehmen will, was kaum glaublich erscheint, dass gebildete Litteraten die Forschungen über mannmännliche Liebe nicht kennen, so bleibt nur die eine Erklänmg übrig, dass sie beim Studium von Michel Angelo seine konträre Sexualempfindung einfach ver- schweigen, aus Furcht, das Ansehen des berühmten Mannes könne danmter leiden. Desshalb ist es doppelt angezeigt, auf Grund der über Michel Angelo bekannten Thatsachen und insbesondere seinen veröffentlichten Sonetten und bekannt gewordenen Briefe seine Homosexualität nachzuweisen. Dieser Nachweis wird uns besonders erleichtert durch das schon im Jahre 1892 erschienene Buch von Scheffler: ,,Michel Angelo eine Renaissancestudie* (Altenburg, Ver- lag von Geibel). Scheffler, von den obigen Vorwürfen frei, hat uns den wahren Michel Angelo erst erschlossen. Scheffler hat die Entstehung der Gedichte und Briefe, sowie die Verhältnisse und Erlebnisse, aus denen sie herausgewachsen sind, in überzeugendster Weise ge- schildert und den Mut gehabt, unbekümmert, ob seine Feststellungen opportun erscheinen mögen oder nicht, den eigenartigen Eros Michel Angelo's darzulegen. Allerdings erwähnt auch Scheffler nicht, dass es sich bei Michel Angelo um konträre Sexualempfindung handelt und versäumt es, des Künstlers Gefühle mit ihrem wahren Namen als homosexuelle zu bezeichnen, daher haftet auch seinen Schlussfolgerungen und Ausführungen eine gewisse Unklarheit und Unsicherheit an. Nur dann, wenn man Michel Angcflo vom Gesichts- punkt der Homosexualität aus betrachtet, nur dann kann man ein völlig klares Bild seiner ganzen Persönlichkeit und ein rechtes Verständnis seiner Dichtungen erhalten. Die Veröffentlichung und Erklärung der Schriftwerke Michel Angelo's hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, über die uns Scheffler eingehend berichtet. Schon zu Lebzeiten M. A.'s veranstaltet ein Zeit- genosse, Varchi, Vorlesungen über die Sonetten des be- rühmten Künstlers. Varchi verschweigt nicht, dass eine Anzahl von Sonetten an den intimen Freund M. A.'s, den jungen Tommaso de Cavalieri, gerichtet sind, und bezeichnet auch des Dichters Liebe zu seinem Freund als eine socratische, voll platonischer Gedanken. Nach Varchi kommt, wie Scheffler sich ausdrückt, das System der Verdunkelung der Thatsachen auf. Zunächst Condivi — noch bei Lebzeiten M. A.'s — und dann später im 17. Jahrhundert ein Grossneffe M. A.'s suchen die wahren Gefühle des grossen Künsters zu vertuschen. Während Condivi M. A.'s freundschaftliches Verhältnis zu einer älteren Dichterin, der Marquese Vittoria Colonna, als Liebesleidenschaft darstellt, revidiert der Grossneffe einfach den Text der Sonette nach seiner Willkür. Er lässt aus, was ihm nicht passt und allzu deutlich M. A.'s Liebe zu Jünglingen zum Ausdrucke bringt, deshalb ändert er an manchen Stellen einfach das ^Signier" in eine „Donna*. Erst in unserem Jahrhundert wurde der fromme Betrug des Grossneffen entdeckt; erst in unserem Jahr- hundert sind auch die Briefe M. A.'s herausgegeben worden, welche ein neues Licht auf seine Gefühlswelt werfen.*) *) Ein grosser Teil der an M. A. gerichteten Briefe sind noch nicht veröffentlicht. Wahrscheinlich liegt der Gniud dieser Säumnis in dem allzu deutlichen Charakter dieser Korrespondenz. — 257 — Die Thatsaclie; das zahlreiche Briefe und Gedichte LiebesleideDSchafl atmen und trotzdem an Jünglinge ge- richtet sind, kann man nunmehr kaum noch leugnen. Die einen (so z. B. der Italiener Guasti) wollen M. A/s Ausdrucksweise aus dem herrschenden Zeitgeschmack erklären, ein anderer (so Lange in ,M. A. als Dichter 1861) fasst den Inhalt der Sonette symbolistisch auf. Die Liebe M. A.'s sei sein künstlerisches Ideal, unter dem geliebten Gegenstand sei die Idee der Schönheit zu ver- stehen; in einigen Gedichten sei unter symbolischem Ge- wände seine Vaterstadt Florenz besungen, ja sogar seine politischen Schmerzen habe der Dichter in die Form von Liebessonetten eingekleidet. Bei Langes Erklärungen weiss man nichts ob man sich mehr über dessen Naivetät oder seine vielleicht mehr oder weniger bewusste Selbsttäuschung wundem soll. Aehnliche seltsame Deutungen müssen sich auch M. A.'s Briefe gefallen lassen. Gotti (Vita di M. A. Firenze 1875) ist zwar genötigt, ihren erotischen Inhalt zuzugeben, er meint aber, die an Männer gerichteten Liebesbriefe seien thatsftchlich für die Marquese Vittoria Colonna be- stimmt gewesen, die Adressaten seien nur als Mittels- personen aufzufassen! Scheffler verwirft alle diese gesuchten und phan- tastischen Erklärungsversuche und stellt die wahren Thatsachen auf Grund des Quellenmaterials, soweit es ihm zugänglich war, fest. Er weisst nach, dass die einzige Frau, welche in M. A.'s Leben eine grössere Rolle gespielt hat und auf die sich eine Anzahl von Gedichten bezieht, die Marquese Vittoria Colonna, nur in freundschaftlichem Verhältnis zum grossen Künstler gestanden habe und dass nur Freund- schaft, aber keine Liebe beide verband. «Siebenundfünfzig Jahre muss der Künstler erst werden,^' bemerkt Scheffler treffend, «um von dem „kalten platonischen Lächeln*^ JahrbDch H. 17 - 258 — einer frommeD Matrone in Liebesglut entzündet zu werden? Tote, stumme Zeit im Herzen, die dieser verspäteten Episode vorhergeht, Kälte des Alters, die ihrem Ablauf folgt?! Das wäre an einer abnormen Natur überhaupt schon schwer zu begreifen. Bei Michel Angelo's feurigem Künstlertemperamente ist diese Vorstellung geradezu eine Unmöglichkeit, eine Aufhebung seines sonstigen Seins." (Scheffler S. 155.) Mit Eecht stellt Scheffler fest^ dass die der Colonna gewidmeten Gedichte im Gegensatz zu den Sonetten an Cavelieri einer echten Liebesleidenschafl entbehren und nur die an Jünglinge gerichteten Dichtungen wirkliche echt empfundene erotische Gefühle wiederspiegeln. Scheffler zögert auch nicht, es offen auszusprechen, dass nicht blosse Freundschaft den Meister beseelt, son- dern wahre Liebe mit sinnlicher Grundlage, «der in der Glut wahrer Leidenschaft sich offenbarende Eros. * ( Varchi). Bei der Erklärung von Michel Angelos Erotik betont Scheffler besonders, dass Piatos Werke und Gedanken und sodann das ästhetische Gefühl die Liebesrichtung des grossen Meisters beeinfiusst hätten. Für Michel Angelo sei der schöne Mensch ein Kunst- werk gewesen. Das reine ästhetische Gefühl habe zu Freundschaft und Liebe geführt. In dem schönen Körper habe er ebenso wie Plato nur das Abbild der seelischen Schönheit, das Urbild der himmlischen Liebe gesucht Die Bedeutung beider Einflüsse ist nicht in Abrede zu stellen. Michel Angelo selber spricht sich sehr oft gerade in Bezug auf die Liebe ähnlich wie Plato aus, z. B. in folgendem Sonett (Scheffler S. 89): „Die Liebe, die ich für dich, für die Schönheit, hege, stammt im Grunde gar nicht aus dem Herzen, (das auch wttrdige Gedanken hegt) sondern das gesunde Auge erfasst sie nur In deinen Augen lebt der Abglanz des Paradieses, wo ich früher weilte. Wie das Feuer mit der Wärme, ist meine Liebe mit diesem Ewig- schönen verbunden. Um dorthin also zurückzukehren, wo ich Dich — 259 — friiher (im Paradiese) liebte, stürze ich erglühend imte.- Deine Augenbrauen." Die Ursachen dieser Liebe liegen aber tiefer, nämlich in der eigenartigen konstitationellen Anlage Michel Angelo's. Denn warum erblickt er das Schönheitsideal in dem jungen Mann und nicht in dem schönen Mädchen? Warum liebt er glühend Jünglinge, die, wie ScheflFler richtig be- merkt, weder ihrem Alter noch ihrer unreifen Bildung nach die tiefe Seelenliebe des Meisters zu rechtfertigen vermögen? Warum ist ihm Plato und nicht der viel näher liegende Petrarca vorbildlich geworden? Weil Michel Angelo in Plato dem verwandten Geist begegnet und in seinen Lehren Entschuldigung und Rechtfertigung seiner eigenen Liebesrichtung findet; weil er eben ein Urning, ein Konträrsexualer ist, dessen Natur ihn zwingt, Jünglinge und nicht Mädchen zu lieben. Michel Angelo selber hebt die Notwendigkeit und Natürlichkeit seiner Liebe an einigen Stellen hervor: „Und weiterhin handle ich in meiner Liebe ja auch unter einem Naturzwange, der mich entschuldigt." Femer: „Wenn ich im Anblick Deiner göttlichen Schönheit erglühe, ist das nur Trost, dass ich demgegenüber nicht anders kann.'' (Scheffler S. 91.^ Das wichtigste Liebesverhältnis im Leben Michel Angelo's ist dasjenige mit dem jungen Cavalieri. Ungefähr im Jahre 1532 lernt ihn der Künstler gelegentlich eines vorübergehenden Aufenthalts in Rom kennen. Während des Jahres 1533 entwickelt sich dann eine von Michel Angelo ausgehende Korrespondenz zwischen beiden^ in welcher der Meister den gewaltigen Eindruck, den Cavalieri auf ihn gemacht hat, und die Sehnsucht, ihn wiederzusehen, offen zum Ausdruck bringt. Ein Passus eines auf der Rückseite eines Briefes be- findlichen Madrigales, das die damaligen Gefühle Michel Angelo's wiederspiegelt, mag hier angeführt werden: „Die Liebe nimmt so mich ein und will es auch nicht, das» ich 17* — 260 — Anderes begehre, als was Dir gleiche. Und da von Deinen Augen- brauen allein Tugend, £hre, Leben, Heil abhängen, kann auch meine Seele — von den Sinnen beschwert — nur durch Dich klar er- fassen, was die Natur mir verbirgt und der Himmel mir verhtlllt.'' (Scheffler S. 46.) Aus demselben Jahr entstammt wohl auch folgendes Sonett: „Ich sehe mit Euren schönen Augen ein süsses Licht, das ich nicht mit den eigenen blinden erblicken kann. Mit Euren Füssen vermag ich auf meinen Schultern ein Gewicht zu tragen, das zu be- wältigen mir nicht gegeben ist mit meinen lahmen Fflssen. Mit Euren Flügeln schwinge ich mich auf, selbst fliigelarm. Mit Eurem Geist fühle ich mich stets zum Himmel erhoben. Nach Eurem Gefallen werde ich bleich und heiss, bin in der Sonne kalt und fühle mich erwarmen im starken Frost. Mein Wille ist in dem Euren beschlossen, meine Gedanken entstehen in Euren Herzen, imd meine Worte leben in Eurem Atem. So scheint es, ich bin wie der Mond, der für sich aUein nicht leuchtet, da unsere Augen ihn nicht am Himmel zu sehen vermögen, ausser wenn die Sonne ihm Glanz giebt."" (Scheffler, S. 49—50.) Im Dezember 1533 kann Michel Angelo endlich Florenz verlassen und begiebt sich nach Rom. Von dieser Zeit an dauert nun das feste Freundschaftsverhält- nis zwischen ihm und Cavalieri 32 Jahre lang bis zum Tode des Meisters. Cavalieri Mrird Michel Angelo's Schüler^ er gewinnt einen Einfluss auf ihn wie Niemand jemals vorher; er^darf seiner unvergleichlichen Schönheit wegen der Einzige sein, dessen Porträt Michel Angelo malt, er bekommt eine Reihe von Zeichnungen des Künstlers von diesem geschenkt; auf seinen Antrieb hin verfertigt Michel Angelo das Modell für die Kuppel zur Peterskiche. Während der letzten Krankheit des Meisters verlässt Cavalieri nicht das Bett des Freundes, er trifit die letzten Maasnahmen vor Ankunft des Erben ans Florenz. Von dem Erbvollstrecker erhält er die schon zu Lebzeiten des grossen Künstlers für ihn bestimmten Cartons mit Zeichnungen Michel Angelo's zugeteilt (Scheflrier, S. 55). . — 261 — Einen deutlichen Einblick in Michel Angelo's Ge- fühle für Cavalieri gewähren uns die an diesen gerichteten zahlreichen Gedichte, von denen noch einige hier Platz finden mögen: (Wir entnehmen die folgenden, ebenso wie die später zitierten, aus derUebersetzung von Walter Robert-Tomow; Ausgabe von Georg Thouret, Berlin, Haude u. Spener'sche Buchhandlung 1896.) Nr. 34: Ich spiegle mich in Dir und ans der Ferne Erfleh ich, heim zum Himmel zu gelangen; (gleichwie ein fisch am Haken wird gefangen, Also geködert, komm' zu Dir ich gerne! Und weil ein schwankend Herz nur dürstig schlägt, Hab ungeteilt ich mein's Dir hingegeben, Dass ich (Du kennst mich ja!) fast brach zusammen, Und weil die Seele gern das Beste hegt, Muss ewig ich dich lieben, will ich leben .... Ich bin nur Holz, und Du bist Holz in Flammen! Nr. 48: Wenn in den Augen wir die Seele sehen, Sind meine meiner (fluten klarstes Zeichen; Um Deine Gunst, mein Liebling, zu erreichen, (xenttge dies ! Du wirst mich nun verstehen. Siehst Du in keuscher (xlut mich fast vergehen, Wird sich vielleicht Dein Sinn ftlr mich erweichen, Mir glaublich kaum, vertrauend ohne Gleichen, Wie Huld D i e überströmt, die sie erflehen. 0 sel'ger Tag, der einst Gewissheit bringt! Erbarmt Euch, Zeit und Stunde, Tag und Sonne: Steht plötzlich still in Eurem ew'gen Gange; Dass mir's auch ohne mein Verdienst gelingt. Zu schliessen in die Anne voller Wonne Den holden Freimd, nach dem ich längst verlange! Nr. 50: Ich weine, mich verzehrt der Liebe Brand Und nährt mein Herz! 0 süsses Schicksal Du! Wer neigt sich, sterbend nur, dem Leben zu. Wie ich, dem Trübsal ward zum Lebensband ? — 2G2 — Grausamer Schütz, die Hand ist Dir bekannt, Wo uns're kurzen Qualgedanken Du Mit starker Hand versenkst in Seelenruh! Nie stirbt ja, wer durch Tod sein Leben fand ! Als Michel Angelo Cavalieri's Bekanntschaft machte^ war er schon in den Sechszigern. Cavalieri ist aber weder der erste noch der einzige Jüngling, der Michel Angelo's Liebe entfacht hat. Schon lange vor Cavalieri's Begegnung haben ihn Jünglinge gefesselt; so sagt Michel Angelo selber in einem Brief an seinen Freund Kiccio: er vermöge sich nicht gegen den Liebeseindruck zu waffnen «da ein Tag die Gewohnheit langer Jahre nicht tilgt* (Scheffler S. 167.) Dass auch andere Jünglinge als Cavalieri ihm Liebe eingeflösst haben, zeigt z. B. folgendes Gedicht an Febo die Poggio: Vor Deiner Augen Pracht Sinkt jeder Blick, der Trotz ist überwunden! Wenn einer je den Freudentod gefimden, Geschieht's in solchen Stunden, Wo Schönheit unterliegt der Liebe Macht. Ich sank in Todesnacht, Wenn sich mein Herz im Feuer nicht bewährte, Durch deinen vielversprechend ersten Blick, Vor dem ich nie zurück Mein Auge hielt, das sehnend mich verzehrte. Wenn Schwäche mich zerstörte. Wärst du nicht Schuld; ich dürfte gar nicht klagen! Du Huld und Schönheit, die Du niemals endest. Zu Grabe mehr Du sendest Je mehr Du Gnade spendest; Bewundrer musst Du ja mit Blindheit schlagen ! Michel Angelo's Liebe zu Jünglingen tritt uns sodann gerade in seiner Korrespondenz mit dem schon erwähnten Kiccio entgegen. Sein Verhältnis zu letzterem ist ein eigentümliches. Riccio ist nämlich ebenso geartet wie — 263 — der grosse Künstler selber, auch er schwärrat für schöne Jünglinge und besonders für einen, den frühzeitig — im 17. Lebensjahr — verstorbenen Cecchino Bracci. Siccio, dem Gleichgesinnten, gegenüber, thut sich Michel Angelo keinen Zwang an, dem verständnisvollen Vertrauten braucht er seine Gefühle nicht zu verbergen. In den Briefen an Biccio findet sich deshalb manche Stelle, wo Michel Angelo unverhohlen seine Liebe zu Jünglingen verrät. Als der Liebling von Kiccio, der junge Bracci, stirbt, da dichtet Michel Angelo eine Reihe von Epitaphien über ihn. Wie Riccio Michel Angelo's Gefühle versteht, so war auch Michel Angelo wie kein Anderer befähigt^ den Schmerz und die Liebe Riccio's dichterisch wiederzugeben. Einige dieser Verse lauten: (Der Dichter lässt den Toten z. B. wie folgt sprechen): Nr. 14: Zu friih muss ich hier ruh'n; nicht tot, am Leben Noch bin ich ; meine Seele zog nur aus Und fand im Freund, der mich beweint, ihr Haus. Sollt' es kein Aufgehn ineinander geben V Nr. 17: Mein staubge wordenes Fleisch und mein Gebein, Der Augenpraoht und holder Reize baar, Bezeugen ihm, dem einst ich Wonne war. Wie hier die Seele wohnt in Kerkerpein. Nr. 24 : Ich lebte ! ... Gut ! .... Im Tode leb' ich fort, Vom Freund geliebt noch, dem ich nun entrissen! Tod ist ein GlUck, Verklärung durch's Vermissen, Liebt er mich mehr, als er es einst vermocht. (Der Sarkophag spricht zu Riccio): Nr. 84 : Dein Leben war die Lichtgestalt des Knaben, Der tot hier liegt. Verlustlos leben Die Und friedlich, die Cecchino gesehen nie. Lebendig tot, die ihn gesehen haben. Schon den Zeitgenossen des Dichters muss sein Ver- hältnis zu den Jünglingen aufgefallen sein, denn ein — 264 — schmäbsüchtiger Schriftsteller, Aretino, hat ähnlich wie Heine gegenüber Platen, den Umgang Michel Angelo's mit Jünglingen verdächtigt und in einem Schmähbrief seinen Verkehr mit seinen Lieblingen nur auf grobsinnliche Triebe zurückführen wollen. ^Man müsse ein Gherardo oder Tommaso sein,* sagt Aretino, ,um Etwas von Michel Angelo zu erlangen/ Michel Angelo selber suchte seine Gefühle mehr oder weniger vor der Welt zu verbergen, so z. B. gerät er in grosse Aufregung, als er erföhrt, dass durch Riccio's Schuld einige seiner Sonetten dritten Personen bekannt geworden sind, und droht auch Riccio, dessen Sachen (die dieser auch nicht veröffentlicht wünschte) weiter zu verbreiten ; femer hat er die Vorsicht, in manchen Sonetten das im Urtext befindliche Masculinum bei den in die Hände Dritter gelangenden Exemplaren in ein Femininum zu verwandeln. Michel Angelo lebte gerade in einem Zeitalter, wo auch namentlich an den sittenlosen Höfen der Päpste und der Medicäer grobsinnliche Männerliebe nichts un- gewöhnliches war, andererseits Kenntnis der Umingsliebe fehlte. Michel Angelo war daher gezwungen, seine Ge- fühle nicht allzu offen kundzugeben, wollte er nicht be- fürchten, sie Missdeutungen ausgesetzt zu sehen. An manchen Stellen seiner Gedichte verwahrt sich der Dichter selber gegen eine niedrige Anschauung seiner Liebe : Z. B. in Sonett Nr. 65: Was ich, Gebieter, schau* in Deinem hehren Gesicht, ich kann es kaum hienieden sagen: Die Seele, noch in Fleischeslost und -plagen, Sie diurfte schonend so zu Gott oft kehren. Und kann man's auch den Schuften nicht verwehren, Uns ihrer eignen Stlnden anzuklagen, So gUt doch noch ein Wille ohne Zagen Und so auch Lieb' und Treu' und keusch' Begehren. — 265 — Am besten wird der Weise doch vergleichen Die Reize alle, die uns hier erfreuen, Dem Gnadenqnell, ans dem wir Menschen fliessen. Sonst ward uns keine Spende und kein Zeichen Vom Himmel hier, und wer Dich liebt in Treuen Steigt auf zu Gott, wird sich den Tod versüssen. Sonett Nr. 66: Nur Himmelsfriede habe ich erblickt In Deiner Augen Glanz, kein Erdenstreben; In Ihrer reinen Tiefe sah ich leben. Was liebevoll mein liebend' Herz berilckt. Es würde nur, was unser Aug' entzückt Die Seele wünschen, war' ihr nicht gegeben (iottähnlichkeit ! Sie weiss sich zu erheben Zur Urfonn, weil sie FlUchtges nicht beglückt. Mir scheint, dass Sterbliches in uns nicht stille Die Sehnsucht nach dem Ew'gen, die uns zwingt, Bald zu vertauschen unser Erdenkleid. Die Sinnlichkeit ist zUgellosser Wille, Ein Seelenmord; nur edle Glut beschwingt Uns hier mehr noch in der Ewigkeit. So viel ist gewiss: Dies spricht aus jeder seiner Zeilen, dies verkündet auch das Zeugnis seiner Bekannten und dafür bürgt seiner erhabener Geist: Michel Angelos Liebe darf nicht mit dem nur grobsinnliche Wollust erstrebenden Eros verwechselt werden, wahre edle Liebes- leidenschafl hat ihn erfüllt, die wenn auch diurch sinn- liche Reize angefacht, eine tiefere seelische Anziehung sucht und mit geistigem Band Liebhaber und Liebling umschlingt. Desshalb wird man aber nicht jede sinnliche Be- friedigung bei Michel Angelo für ausgeschlossen halten dürfen. Psychologisch und physiologisch scheint es wohl kaum möglich, dass ein Mann wie Michel Angelo, der mit der — 2GG — ganzen Glut eines der gewaltigsten Künstlertemperamente, welche die Kunstgeschichte kennt, mit der sein tiefstes Innerstes aufwühlenden Leidenschaft des heissblütigen Italieners Jünglinge und nur Jünglinge liebte, lebens- länglich jedem sinnlichen Begehren entsagend, in reiner platonischer Liebe sich verzehrt hat. Jedenfalls weist auch manches gegen Ende seines Lebens verfasste Gedicht — als er bald den Tod erwartet und die Religion immer mehr sein Gemüt beherrscht — darauf hin, dass gerade die sinnliche Seite in seinem Leben eine grössere Rolle gespielt hat, als man gewöhn- lich glaubt. Fortwährend kehren die Gedanken von begangener Sünde und von Schuld, von Reue und sündhaftem Hang wieder. So z. B. in Sonett Nr. 286: Ob ich auch mein Gesicht Verändre für den Schluss der Lebenszeit Kann ich doch ändern nicht verjährten Hang, Der fester mich von Tag zn Tag nmrankt. Amor, ich berg es nicht: Wer tot ist, weckt mir Neid! So tief verzagt und krank Bin ich, dass meine Seele hangt und bangt u. s. w. Oder in Sonett Nr. 299: Bedrückt- vom Alter und der Sünde Schwere, Mit eingewurzelt starkem, argem Hang Bin ich vor zwiefach dräu'ndem Tode bang, Und bis er naht, ich doch vom (Hfl nur zehre. Mir fehlt*s an eigner Kraft, die fähig wäre, Zu ändern, Was ich trieb mein Leben lang, Wenn Du*) nicht Ziel und Halt giebst meinen Gang, Nicht Dein Geleit mir giebst, das leuchtend-hehre! Bei der damaligen Auffassung der mannmännliehen «) nämUch Gott. — 267 — Liebe, in einem Zeitalter^ wo das Wesen der Urnings- liebe der Wissenschaft völlig fremd ist und Wissenschaft, Keligion und allgemeine Anschauung in ihrem blinden Verdammungsurteil einig sind, ist es nicht zu verwundern, wenn den greisen Dichter — mochte er noch so sehr von der Berechtigung und Natürlichkeit seiner Liebe durch- drungen sein — Gefühle der Sündhaftigkeit seiner Liebes- richtung befallen, wenn er mit zunehmenden Alter an sich selbst irre wird und Gewissensbisse seinen Lebens- abend trüben. Heute aber, wo wissenschaftliche Erkenntnis anfängt, die jahrhundertjährigen Vorurteile zu zerstreuen und in das verborgene Dunkel der menschlichen Psyche heller hineinzuleuchten, wird man den gequälten Dichter getrost zurufen können: Deine Liebe war nicht sündhafter als die Liebe des Normalmannes zum Weib. Dein Kuhm wird nicht verdunkelt, die Lauterkeit Deines Charakters und Deiner Gesinnung nicht befleckt, weil Du den Jüngling liebtest. Auf alleZeiten wirst Du bleiben das strahl- ende Beispiel eines Urnings, der mit der ihm eingeborenen Liebe,Seelenadel,Künstlergrös8e und Genie vereinigte. Georges Eekhoud. Ein Vorwort von Dr. jur. Numa Praetorius. Georges Eekhoud — ein Bahnbrecher in der künst- lerischen Darstellung der Homosexualität^ ein Pfadweiser für die poetische Auffassung der Umingsliebe — in diesen Sätzen lässt sich die Bedeutung des belgischen Dichters, soweit sie für dieses Jahrbuch in Betracht kommt, zusammenfassen. Kunst und Wissenschaft ergänzen sich gegenseitig: Während die Wissenschaft durch genaues Studium und durch die wissenschaftliche Methode die Wirklichkeit zu erforschen strebt, dringt der Dichter kraft der Macht seiner Phantasie in das Wesen der Er- scheinungen und weiss oft vermöge seines Seherblicks dunkle Gebiete wie mit einem Lichtstrahl zu erhellen und ungeahnte Perspektiven zu eröffnen. Diese Erkenntnis der Homosexualität durch künst- lerische Dichtung, dieses Eindringen in den Kern der ur- nischen Liebe macht gerade Eekhouds Werke wertvoll und für jeden, der sich mit der Frage des konträren Ge- schlechtsgefühles befasst, unentbehrlich. Wir ergreifen daher mit Freuden die Gelegenheit^ der schönen historischen Stu(Ue, welche Eekhoud dem Jahr- buch gewidmet hat, einige Worte über den Dichter und seine Werke, soweit sie für die Homosexualität von Bedeutung sind,'^) voranzuschicken. *) Nur diese Seite in den Werken Eekhoud's soll hier näher besprochen werden. — 269 — Georges Eekhoud ist geboren 1854 zu Antwerpen von Eltern, die beide aus Antwerpen stammten, von seinem Grossvater mütterlicher Seite bat er deutsches (hessisches) Blut in den Adern. Nach frühzeitigem Verlust seiner Eltern wurde er in ein Pensionat der französischen Schweiz geschickt, wo er eine spezifisch französische Erziehung genoss. Im 17. Lebensjahr musste er auf Wunsch seines Vor- mundes die Militärschule zu Brüssel besuchen, um sich der militärischen Laufbahn zu widmen. Aber mit Gewalt zog es ihn zur Litteratur hin und schon damals vertiefte er sich neben selbständiger pro- duktiver litterarischer Thätigkeit in das Studium der englischen und deutschen Meisterwerke, die er im Urtext lesen konnte. Seine Neigung für die Litteratur nahm immer mehr zu und eines Tages verliess er plötzlich die Militärschule. Mit seiner Familie wegen dieses Schrittes verfeindet, war Eekhoud gezwungen, eine Zeit lang in Antwerpen eine dürftige Stelle bei einer Zeitung anzunehmen. Nach einer etwas stürmischen Jugend führte Eekhoud mit dem von seiner Grossmutter ererbten Vermögen das freie ungebundene Leben des wohlhabenden Landedelmannes. 1881 siedelte dann Eekhoud nach Brüssel über, wo er jetzt noch wohnt. Im Jahre 1893 erhielt er für seinen Koman: ,»La Nouvelle Carthage" den alle fünf Jahre ausgeteilten Preis für französische Litteratur, den sog. Preis des «Königs*. Seine Verehrer veranstalteten bei dieser Gelegenheit ein grosses Fest, an dem ausser einem Teil der höchsten Behörden Minister, Bürgermeister, Abgeordnete, nahezu an dreihundert Künstler und Schriftsteller teilnahmen. Eekhoud ist heute Kunstkritiker an der Zeitung „La R^forme" und Professor an der , Uni versitz Nouvelle* in Brüssel. Er liefert ausserdem den Monatsbericht für Belgien in dem Pariser «Mercure de France". — 270 — Eekhouds Hauptwerke sind ausser dem erwähnten Roman ,La Nouvelle Carthage", aus früherer Zeit: iKees Doorik», cKermesses», cLes Milices de Saint Fran9ois>y f Nouvelles Kermesses» ; ferner cLes Fnsilles de Malines», sodann aus den Jahren 1896 und 1897 die zwei Novellen- sammlungen: cLeCyclePatibulaire» und «MesCommunions» und aus dem Jahre 1898 ein weiterer Roman: cEscal Vigor». Zu nennen sind auch noch dieUebersetzungen der englischen Dramen: Philaster von Beaumont und Fletscher, Duchesse de Malii von Webster und des echt homosexuellen Stückes Eduard II. von Marlow, femer Studien über die englische Litteratur und die Zeit Shakespeares. Eekhoud, einer der bedeutendsten Roman- und Novellenschriftsteller Belgiens, kann geradezu als der Führer der jnngbelgi sehen Litteraturschule bezeichnet werden. Schon Eekhoud's Sprache verrät eine eigenartige Persönlichkeit. Vor keiner Neuerung und Kühnheit der Wortbildung zurückschreckend, wenn sie zum charakter- istischen Ausdruck des Gedankens dient, macht er sich die Erwerbungen der jüngsten Richtung nutzbar, ihre Uebertreibungen aber vermeidend, verleiht er seinem Styl durch Wärme und Schwimg persönliches Gepräche. Alles, was Eekhoud schreibt^ erglänzt in echt künsterischem Gewand, zielt auf ästhetische Wirkung und poetische Gestaltung hin. Und doch huldigt Eekhoud nicht bedingungslos dem Satz: »L'art pour Tart,* sucht nicht den Selbstzweck in prunkenden Formen und Farbenbildungen, will nicht des Absonderlichen wegen nach seltsamen Gefühlen und Stimmungen haschen; aber ebensowenig verliert er sich in die trockene Wirklichkeitsphotographie und den Kleinig- keitskram eines trüben Naturalismus, obgleich er sozial verpönte Leidenschaftien und gesellschaftlich niedrig stehende Menschen gerade mit Vorliebe malt. UeberaU — 271 — durchbebt der warme Hauch lebhafter Sympathie der Pulsschlag eigenen Mitempfindens und Mitgefühls die Gestaltungen des Dichters. Der ausgesprochene Schönheitssinn Eekhoud's, sein Bestreben allen Erscheinungen die ästhetische Seite ab- zugewinnen, erklärt seine Bewunderung für die mensch- lichen Formen, da wo die Schönheit am reinsten erstrahlt, in dem männlichen jugendlichen Körper; giebt den Schlüssel zu seiner oft enthusiastischen Schilderung frischer Naturburschen und kraftstrotzender harmonisch gebildeter Volkstypen. In vielen Stellen seiner Werke tritt dieses sinnlich gefärbte Wohlgefallen an männlicher Schönheit, Grazie und Anmut, diese Verherrlichung jugendlicher Kraft, Tüchtigkeit und Selbstbewusstsein hervor, ohne dass das homosexuelle Moment direkt betont würde, so namentlich in seinem ersten Roman: ,La nouvelle Carthage*, wo ins- besondere die Schlusskapitel „Le Moulin de pierre**, „Les Runners*^, ^Contumace", „Le Camaval", ^La Cartoucherie" schwärmerische Begeisterung für die Plastik und Schön- heit ländlicher Arbeiter, herrlich geformter Piraten und unerschrockener flämischer „Runners*^ atmen. Aber Eekhoud ist weiter gegangen. Die Verstossenen und Parias der Gesellschaft, Ausnahmemenschen aller Art, nach Freiheit dürstende Seelen, Feinde des Alltags- lebens und der gesellschaftlich geheiligten Form und Konvention wählt er zu seinen Lieblingshelden. Und so führt ihn seine Zuneigung zu den Sozial- geächteten und -missachteten in Verbindung mit seiner Bewunderung für männlicher Schönheit dazu, die Anar- chisten der Liebe, die Gefühlsrebellen, die Homo- sexuellen künsterisch zu verwerten und befähigt ihn das schwere Problem wie kein Anderer, zu verstehen. Die Novellensammlung: LeCyclepatibulaire(Mercure de France Paris 1896 (Der Zyklus der Leidenden) ent- — 272 — hält an deutlich homosexuelleu Novellen: Zunächst ,Aux bords de la Durme * und „Suicide par amour." Beide die Macht der Einbildung und Phantasie; gleich- sam die Projizierung des inneren Gefühls auf ein durch die Einbildungskraft und die Sehnsucht nach Verwirk- lichung des Schönheitsideals verklärtes Objekt darstellend. Ferner: ,Le tribunal au Chauffoir*: Die er- greifende Lebens- Liebes- und Leidensgeschichte des homosexuell Geborenen, der jahrelang seine glühende Leidenschaft unterdrückt^ bis er bei der Yerlobungsanseige des Geliebten die langverhaltene Glut nicht mehr be- meistemd dem Freund seine wahren Gefühle gesteht^ von diesem aber auf immer Verstössen wird. Im Sinnen- taumel sucht der Urning Vergessenheit und Beruhigung aber vergeblich. Haltlos vom Strudel der sinnlichen Lust hingerissen ereilt ihn sein Verhängnis — das Ge- fängnis, wo er seine Leidensgeschichte erzählt und selbst bei den Verbrechern Teilnahme und Mitleid findet Sodane: „Le Tatouage*^: Die Eifersucht des Mannes gegenüber dem Jüngling, der ihm angehörte, und der Heroismus des Jünglings, der, als das Zeichen seines firüheren Liebesverhältnisses — die auf seinem Arm täto- wierten Liebesworte — im Streite mit dem fiüheren ge- liebten Mann den Blicken der Anwesenden sichtbar wird, mit glühendem Eisen den verräterischen Spruch ausbrennt. Endh'ch: ^Le Quadrille du Lancier*^: Der ganze Unverstand und die Grausamkeit der boshaften Menge gegenüber den Homosexuellen und der Sieg der Schön- heit und der selbstbewussten Ueberlegenheit des un- schuldig Verfolgten trotz seines Unterganges. Der wegen homosexuellen Vergehens aus dem Regiment verstossene OftvaUerist wird nach dem schmach- und schmerzvollen Spiessrutenlaufen zwischen den Reihen seiner Kameraden ^ einem öffentlichen Tanzlokal von den Weibern erkannt 10^ langsam hingemartert. Vergeblich suchen die er- — 273 — bitterten Frauen den Weiberfeind zu bekehren und ihm ein Gefühl für ihre Reize einzuflösen. Durch die Ruhe, Schönheit und das Selbstbewusstsein des Märtyrers werden wie durch eine magnetische Kraft selbst die zuschauenden Männer umgestimmt. Sie gebieten zwar der Wut der Frauen keinen Einhalt, aber nichtsdestoweniger geht der Gefolterte mit der tröstenden Gewissheit zu Grunde, dass er in den Blicken der Männer Sympathie und Berech- tigung seiner Liebe gelesen hat In dem Novellenband : ^Mes Communions*' (^^ercure de France Paris 1897) behandelt Eekhoud das homosexuelle Problem in: «Apoll et Brouscard", „Une mauvaise ren- contre", ,Le sublime escarpe» und .Une partie sur Vem\ Apoll et Brouscard bringt zum Ausdruck die gegenseitige leidenschaftliche Zuneigung zweier Vaga- bunden, ihr inniger Liebesbund, der sie durch alle Aben- teuer ihres Verbrecherlebens hindurch zusammenhält, bis eines Tages Brouscard von einer vorübergehenden sinn- lichen Begierde für ein wollüstiges Weib ergriffen, mit dem eifersüchtigen Apoll in Streit gerät und in einem Augenblick sinnverwirrender Wut dem geliebten Freund einen tötlichen Messerstich versetzt. Sofort aber ernüchtert und überwältigt vor Schmerz und Reue wirft sich Brous- card, Verzeihung erflehend, dem Sterbenden in die Arme, während er mit einer mechanischen Bewegung seines Messers nach rückwärts das buhlerische Weib tot nieder- streckt imd gelassen die gerichtliche Sühne erwartet. „Une mauvaise rencontre". Die seelische Ge- meinschaft zwischen Prinz und Vagabund, der veredelnde Einfluss des Prinzen auf den Verkommenen und die Macht seiner Liebe, welche dem Verbrecher die schon bereite Mordwaffe entwindet und den Hass und die Hab- sucht in Reue und Anhänglichkeit für einen Mann um- wandelt, der nie geahnte Worte der Güte und Milde zu ihm gesprochen, der als Freund und Wohlthäter sich erwiesen. Jahiboch II. 28 — 274 — Zugleich aber weist die Novelle hin auf die Ver- bildung and Perversion edler Eigenschaflen durch Schuld der Gesellschaft, welche durch ihre Härte und Lieblosig- keit den liebebedürfligen sozialen Paria zum anarchist- ischen Verbrecher werden lässt „Le sublime escarpe*: Der Weltkampf an Edel- mut und Grossmut zwischen Zanardelli, dem Rechtsanwalt und seinem Geliebten Teodato, dem Bettler und Dieb; die Aufopferungsrähigkeit wahrhaft Liebender. Der wegen Mordes unschuldig verhaftete Teodato weigert sich trotz aller Bitten Zanardellis, sein Alibi nachzuweisen und dem Richter zu verraten, dass er die Nacht dos Mordes bei dem Rechtsanwalt zugebracht, da er dadurch seineu Ge- liebten sozial vernichten würde. Dieser ist entschlossen, in der Hauptverhandlung selbst die Wahrheit zu sagen, aber Teodato erhängt sich inzwischen, um Zanardelli vor Schaden zu bewahren. «Une partie sur l'eau*: Die Spazierfahrt auf der See zweier Männer mit zwei Matrosen als Ruderer, mehr ein Gedicht in Prosa als eine Novelle schildert Die Freude der Spazierfahrer an der Schönheit und dem Seelenreiz der Naturburschen, ihre Wonne, fem von der gewohnten Umgebung mit diesen jugendfrischen Menschen einige Stunden verleben zu können, den poetischen und sinnlichen Reiz dieser Fahrt in der Vertrautheit und der Gemeinschaft mit diesen blühenden Söhnen des Volkes. Li dem „Mercure de France", Augustheft 1897, be- findet sich eine Novelle Eekhouds: »Tremeloo', ein poetisches Stinmiungsbild , in welchem die seelische Harmonie des Dichters mit einer verödeten traurigen Gegend und ihren sozial geächteten Einwohnern, seine mit- ftHüende Sympathie, in dem ergreifenden Eindruck eines hübschen plastischen Jünglings ihren Höhepunkt erreicht. Das letzte Werk Eekhouds: I^e comte de la Digue* ^iQOQ im , Mercure de tVance" erschienen) im Buchhandel: — 275 — ^Escal-Vigor", vielleicht der schönste, echt künstlerische Umingsroman, der auch, w&s Aufbau, Geschick der Dar- stellung , psychologisches Verständnis und lyrischen Schwung anbelangt, als vortrefflich bezeichnet werden muss, behandelt die Liebe eines jungen mit allen Vor- zügen des Geistes und Körpers ausgestatteten Grafen zu Gidon, dem einfachen Bauemburschen, dessen Erziehung der Graf unternimmt^ den er zu sich emporhebt und in dem er das Ideal von Jugendschönheit und Charakter- güte findet. Der Roman gewährt zugleich einen Einblick in die Seelenkämpfe und -Qualen, die ein Homosexueller durch- zumachen hat, bis er sich zur Erkenntnis seiner Natur und der Berechtigung seiner Liebe hindurch gerungen hat; er schildert sodann nicht nur die Entwicklung der Leidenschaft des Grafen zu Gidon, sondern auch den Eindruck dieser Leidenschaft auf die Umgebung und den Ansturm der Vorurteile gegen sie. Ueberall begegnet der Graf dem Misstrauen, der Verleumdung, der Bos- heit und dem Hass; nur eine Frau, die ihn hoffnungs- los liebt, vermag ihm Mitleid und Verständnis entgegen zu bringen. In einer grandiosen Schlussszene pracht- vollen Colorits wird der tragische Untergang des Ge- liebten dargestellt, der an einem Tage allgemeiner Volks- belustigung, wo die entfesselte Sinnlichkeit des Volkes wahre Orgien feiert^ durch wütende Frauen — wahre Mänaden — getötet wird. Die trockene Inhaltsangabe kann nur ein schwaches Bild von dem Gedankenreichtum, poetischen Glanz, der Tiefe und Feinheit dieser Erzählungen gewähren. Eekhoud stellt nicht das rein geschlechtliche Moment in aufdringlicher Weise in den Vordergrund, er fasst nicht die urnische Liebe von ihrer brutal sinnlichen Seite auf. Er schildert die gegenseitige, seelische Anziehung, 18» — 276 — welche die Scbönkeit der Charaktere, die Affinität des Empfindens, der Beiz edler Eigenschaften ausübt Aber auch das spezifisch Eigentümliche gerade der umischen Liebe kommt zum Ausdruck. Die in der Wirk« lichkeit häufig zu beobachtende Anziehungskraft der sozial Niederstehenden, der Naturburschen auf gebildete, sozial höher stehende Urninge, sodann die in Folge dieser Ge- meinschaft zwischen Vertretern extremer sozialer Klassen nivellierende Gewalt dieser Liebe, ihre soziale Gegensätze überbrückende Macht, welche Rechtsanwalt und Bettler, Prinz und Vagabund in Freundschaft verbindet. Damit wird dann auch der Gedanke in Verbindung gebracht^ dass der oft gute und edle Charakter des sozial Geächteten nur durch die Gesellschaft verdorben war und die Macht der homosexuellen Leidenschaft gezeigt^ wie sie selbst den Verkommenen und Gesunkenen zu ver- edeln und über sein Niveau emporzuheben vermag. Eekhouds Novellen reichen also weit über die indi- viduell-geschlechtliche Seite hinaus, Anklänge an Rousseau und wiederum an Nietzsche finden sich vor, aber nirgends drängen sich moralisierende Tendenzen oder philosoph- ierende Reflexionen auf, überall bleibt der Charakter des dichterischen Kunstwerkes gewahrt. Eekhoud ist der erste Schriftsteller, Dichter und Denker zugleich, der eine 1 wirkliche künstlerische Darstellung des Homosexuellen | gegeben hat, der die Gefühle des Urnings mit dem | Schimmer der Poesie verklärt und die mannmännliche Liebe nicht als Vorwand pikant lasciver Schilderungen oder geistreichelnder ironischer Satiren oder moralischer Entrüstungspredigten benützt, sondern die urnische Leiden- schaft als das erkannt und demgemäss geschildert hat, was sie in Wirklichkeit ist, als die der normalen Liebe parallelen Minne, die wie jene einer poetischen und idealen Auffassung fähig, auch würdig ist vom Dichter besungen zu werden. — 277 — Mit vollem Recht sagt daher ein bedeutender und ernster Philosoph und Moralist, Eugene de Roberty, in seinem Buch: L'Ethique (Les Fondements de FEthique) (Felix Alcan id. Paris 1899) Kap. IV: «Der um die in der Entwicklung der Gesellschaft möglichen Ueberraschungen bekümmerte Soziologe und Moralist wird die kraftvollen und gesunden Werke dieses herrlichen Schriftstellers, Georges Ekskhoud, (ich habe be- sonders seinen prächtigen ,|Cycle Patibulaire*^ im Auge)*) mit Vorteil befragen.* Un illustre uraniste du XYII"" siede Jeröme Duquesnoy. Sculpteur Flamand. par Georges Eekhoud. Jeröme Duqnesnoy n^ a Bnixelles en 1602 et mort k Gand le 28 septembre 1654 dans des circontances par- ticulierement atroces, ftit un des plus grands sculpteurs du XVIP siecle, et l'^gal, sinon le sup^rieur de son fi'fere Fran^ois Duquesnoy que les critiques vnlgaires et d'esprit ^troitement puritain dont nos temps sont encore afBig^s^ feignent de lui pr^fferer parce que lui, Jeröme, se rendit coupable du soi disant crime ayant entratn^ la destruction des Sodome et Gomorrhe. Comme Fran9ois, son aiu^, Jerome fut Peleve de leur pere, Jeröme Dusquesnoy le Vieux. A peine äg6 de dix neuf ans (1621) il rejoignit son frhre Fran^ois k Rome oü celui-ci ^tudiait avec enthousiasme et ferveur les grands mattres de la Renaissance, et y acquerrait cette ^l^gance *) Roberty kannte wohl noch nicht: „Mes Commnr.ions" und da8 Meisterwerk Eekhonds: „Escal-Vio^or". — 278 — et cette harmonie de formes qui devaient complfeter ses dons de robuste et cordial Braban9on. Jusquä ce moment le fr^re cadet n'avait ^t^ qiie simple apprenti en Tatelier patemel, mais dou^ d'une äme intr^pide et d'tin temp^ra- ment aventureux il partit plein d'ardeur avec la volonte de se perfectionner dans la profession qu'il avait ^lue et oü Tun des siens avait excell^, oti un autre promettait de s'illustrer ä son tour. Guid^ par les conseils de son fr^re 11 coinmen9a par faire des copies des chefs d'oeuvre de l'Antiquit^ et de la Renaissance. Mais bientdt il se trouva de force k s'essayer, lui aussi, a la cr^ation; et dans la taille du bois, de l'ivoire et du marbre, dans le modelt des chairs, dans le jeu des museles et des attaches, dans le bonheur des mouvements, dans l'expression de la beaut^ feminine, mais surtout dans l'^panouissement ing^nu et la gaucherie potel^e des figures enfantines il devait Egaler et m^me surpasser son fröre Fran9ois, Pauteur du d^licieux Manneken Pis de Bruxelles, h teile enseigne qu'on a souvent confondu leurs enfants J^sus, leurs petits Saint Jean Baptiste, leurs anges et leurs cupidons. Autant ils se ressemblaient par les aptitudes et les goüts artistiques, meme par la coneeption et la faeture de leurs Oeuvres, autant ils diff^Sraient, paraft-il, d'humeur et de caractöre. De fr^quentes querelies se seraient ^lev^es entre eux. Daprös certains biographes, un peu suspects de partialit^ pour des motifs dont je touchais un mot en commen^ant, Jer6me aurait eu un caractöre ombrageux, empörte, envieux et cupide. La legende veut mdme que son frbre finit par le chasser, r^volt^ par ses mauvaises moeurs, et que plus tard, pour se venger et aussi pour lui voler son bien, le cadet aurait empoisonn^ son afnd. Mais il n existe aucune preuve de cette haine et de ce crime. Quoiqu'il en soit les deux Duquesnoy se s^parferent quel([ue temps apri'8 le sejour que fit a Rome le c^ltbre — 279 — peintre anversois Antoine Van Dyck. Le disciple favori de Rubens s'^tait lid aussi bien avec J^röme qu'avec Fran9ois. Leur souci de gräce et de v^rit^ dtait fait pour lui plaire et il devait priser leur talent k tous deux. Les particularit^s de leurs relations aroicales eussent ^t^ faites pour nous int^resser, malheureusement on ignore presque tout du s^jour de Van Dyck h Rome. On prd- tend qu'il se häta de quitter la ville ^temelle choqu^ par la trivialit^ et la crapule de la eolonie artistique flamande. Tout nous porte k supposer, h commencer par la noblesse de leur art m^me, sans parier de l'estinie de Van Dyck, que comme le futur portraitiste d'une aristocratie supreme, les Duquesnoy faisaient exception dans ce monde d'ivrognes, de tape-dur et de bas mystificateurs. Van Dyck peignit meme ses deux amis: il montre Fran9oi8 Duquesnoy tenant ä la main une t^te de faune antique, tandis qu'ä J^r6me il donne pour attribut un buste de bei enfant contemporain. La m§me lacune qui se produit ici dans la biographie de Van Dyck existe ä ce moment dans ce qui nous est parvenu sur la vie du plus jeune des Duquesnoy. Tandis que l'atn^ demeure k Rome oü il se lie avec Nicolas Poussin et Algardi, et partage m§me leur maison, nous perdons la trace du cadet jusqu'au moment oü nous le trouvons en Espagne oü il a ^t^ appel^ par Philipe IV qui lui accorde sa faveur et le comble de commandes. Mais, de nouveau, nous ignorons les ^v^nements de sa vie durant cette p^riode espagnole. Notre sculpteur ^tait revenu de Madrid vers 1641 et il logeait depuis neuf mois h Florence, chez un cora- patriote, l'orft^vre bruxellois Andr^ Ghysels, quand lui parvint en 1642, la nouvelle de la grave maladie de Fran^'ois, demeur^ h Rome. J^röme se häte de se rendre aupr^ de son atn^ et les m<^'decins ayant recommand^ pour le malade un climat — 280 — plus temp^r^ que celui de fi/Ome, les deux fir^res partent ensemble et remontent vers le Nord^ mais arriv^ ä Li- voome ils sont forc^s de s'arr^er : le malade a une rechate, les fi^vres le reprennent avec une nouvelle violence, le mal empire^ et trois semaines apres^ Francesco il Fiammingo succombe entre les bras de son cadet et de leur ami Andr^ Ghysels. II tardait k J^rörae de regagner sa patrie^ surtout ä präsent qu'il avait perdu celui qui la lui repri^sentait et la lui incamait le mieux. II s'empresse donc de r^unir toutes les oeuvres et les objets de valeur du d^funt et de partir pour les Pays Bas en traversant la France. II se fixe k Bruxelles, sa bonne viUe natale, et apr^s s'^tre d^battu quelque temps contre d'autres h^ritiers de son frfere dans des proc^s oü il obtient gain de cause, — tous les cartons, dessins, moulages, pi^ces d'ivoire, de marbre et de bois poli, coUections de Fran9ois lui <^tant attribu^s comme „materiel de sa profession" — il se remet r^- solument au travail et d^ploie non seulement une activit^ prodigieusemaisaussi un talent primesautier etincomparable. £n son fr^re, J^rome Dusquesnoy avait perdu son seul rival. II ^tait consider^ d^sormais comme le plus habile statuaire des Pays Bas. Artiste complet, ressemblant sous ce rapport k ses mattres, les Italiens de la belle ^poque^il^taitnon seulement sculpteur mais encore statuaire, graveur de m^dailles, ciseleur, orf^vre et architecte; bref une Sorte de Cellini flamand. Accabl^ de commandes, il ne cessait de produire mais cela sans se rel&cher, sans se contenter d'improvi- sations et d'^bauches. Ce n'est pas ici la place pour dresser un catalogue de ses oeuvres. Bomons nous k en citer quelques unes: les quatre grandes statues des S S ap6tres Paul, Thomas, Barth elemy et Mathieu, dans la enef de la coll^giale Sainte Gudule k Bruxelles; le christ an croix taill^ dans un seul bloc d'ivoire, du Grand — 281 — B^guinage de Malines; les statues de saints command^es par l'Abbaye de Saint Michel d'Anvers, enfin ce fameux Ganymede et Paigle de Jupiter offert par J^röme k soD confr^re, le 8culpt«ur Luc Faid'herbe de Malines et qui fut cause d'un accident bien singulier^ surtout si Pon songe au sujet de ce groupe ainsi qu'ä la manvaise r^putation de Duquesnoy et k sa fin tragique et infamante : Luc Faid'herbe avait l^gu^ le Ganymede de Duques- noy k son fils. Or la chute de ce groupe causa en 1704 la mort du jeune Faid'herbe. Des esprits superstitieux ou enclins ä la merveillositö trouveraient en ce fait as- sur^ment peu ordinaire, une sorte de correspondance k la Swedenborg. Ils attribueraient k ce Ganymede, chef d'oeuvre du genial uraniste^ une vertu mal^fique et ex- piatoire. L'infortun^ J^röme avait il pr^t^ une äme oü tout au moins une mission^ une destin^e ä son oeuvre? £ut-il par la suite k se plaindre de Faid'herbe ? Celui-ci ne prit-il pas assez ^nergiquement sa defense lors du douloureux proc<^s ? Ou la statue du mignon de Jupiter, devenue une idole consciente, vengeait-elle sur un fils de chr^tien, sur le premier venu, le traitement abominable inlSig^ k un paien ^gar<^ dans nos si^cles d'intoldrance, et coupable d'avoir imit^ le maitre des dieux dans sa passion pour de plastiques <^ph^bes? . . . Cependant J^röme Duquesnoy, vers ces temps, k l'apog^e du talent ^tait aussi parvenu au fatte des honneurs. L'archiduc Lipoid Guillaume d'Autriche, alors gouvemeur g^n^ral des Pays Bab pour le roi d'£spagne Philippe IV l'avait nomm^ statuaire et sculpteur de la Cour. Son style pur et correct, mais oü l'^l^gance et la gräce ne contrariaient point le mouvement et le frisson naturel; mSme un rien d'abiable morbidesse et de vague sensualit^ qui se d^gage de ses productions les plus vant^es, avaient fait appeler J^röme Duquesnoy l'Albane de la sculpture. C'est l'^poque oü il cr^ait ses snaves et — 282 — mutius enfants ä la ch^vre et ses non moins gentils Enfants et le Jeune Faune. II allait s'^lever encore en ex^cutant un chef d'oeuvre: le mausol^e d'ÄDtoine Triest, ^vÄque de Gand, ^rig^ en 1654; du vivant m^me de ce pr^lat^ dans le choeur de la cath^drale Saint Bavon. La stätue du v^n^rable chef dioc^sain, grandeur nature, ä demi eoucböe sur un sarco- phage de marbre noir^ ölfeve ses regards suprSmes vers le Christ qui lui montre sa eroix. En face du R^'dempteur apparait la Yierge Marie. Six petits anges ou g^nies d^licatement trait^s, tenant des flambeaux ou des clepsydres, soutiennent ou encadrent le monument. > J^röme Duquesnoy arriva k Gand le 6 juillet 1654«, dit M. Edmond de Busscher un des biographes les plus int^ressants et les plus unpartiaux du grand sculpteur bruxellois'*') til s'installa avec ses aides dans une chapelle de la cath^drale pour y dresser et achever les pi^ces de ce tombeau admirable qui aurait pu §tre pour le maftre le premier fleuron d'une nouvelle couronne sculpturale s'il n'y avait trouvd une malheureuse fin. Dans les demiers jours du mois d'aout une ^T'trange rumeur circula dans la ville de Gand: le sculpteur Jdröme Duquesnoy dtait incarc^re au Chfttelet accuse d'avoir mesuse de deux jeunes gar9ons dans la chapelle oü il travaillait.« Brien n'etait plus vrai que cet emprisonnement et cette accusation, la plus sinistre qui füt en ces temps oü des penalites sanglantes et feroces consacraient la puissance d'un inique prejuge. Cette accusation etait-elle justifiee et jusqu^Jl quel point? Y avait-il eu violence et abus d'autorite? S'agissait-il vraiment d'actes de Sodomie, d'un attentat brutal sur des enfants? Les procfes verbaux de cette lamentable cause, r^diges en flanand consignes aux archives communales de Gand et signees Hieronimus *) Voir le toraell des Bibliograph ies Nationales pub- lik (»s pnr rAcademic de Belgique. — 283 — QuesDoy, gardent sur ces pointa d^licats maia essentiels un silence reprobateur et scandalise. Et cependant il nou8 importerait d'^tre fixes sur l'etendue du pretendu abus ^rotique pour lequel od etrangla un grand iioninic! II parait etabli que l'accus^ n'avait' commis aucun acte sadique et eontre la cbarite. Kien ne dous garantit, au surplus^ qu'il ne fut pas la victime d'une lache vengeance^ d'uD guet-apens^ d^me machination des ennemis et des envieux qu'il s'etait fait par son independance de caractere, sa vie ä part et non conforme, et surtout son genie et sagloire. Autant de points d'interrogation ou mieux autant de probabilit^s. Dans ses deux premiers interrogatoires, les 31 aoüt et premier septembre^ il nia energiquement les trans- gressions qu'on lui imputait, malgre les aveux de ses complices. Ceux-ci auraient ete deux de ses jeunes elc^ves ou apprentis, non des enfants mais des adolescents. Duquesnoy prdtendait ne les avoir re^us dans son atelier que pour faire une dtude au cravon de leurs bras et de leur poitrine. Le pauvre diable n'osa m^me parier de leurs hanclies et de leurs jambes! Et cependant celles- ci n'eussent-elles point soUicit^ au m^me titre que le reste, ses yeux et son admiration d'artiste pour ne point parier d'une autre ferveur? Un troublant mystfere continue h planer sur ces deux jeunes creati. Qui sait si les figures juveniles ornant le niausol^e de l'^v^que ne nous pr^servent pas les traits et le galbe des deux <^nigniatiques modMes ? Ne parvenant point Ji lui arracher d'antre confession, pour son troisifenie interrogatoire, le 3 septerabre, les juges (il s'agit de juges civils, d'un tribunal ordinaire et non d'in(iuisiteurs) recoururent k la torture et, naturellement, les questionnaires firent consentir sa parole ou mieux ses cris de d'ouleur, a tout ce dont ils avaient besoin pour l'envoyer a la mort. — 284 — Cependant, d^s le 2 septembre, l'artiste avait adress^ une requ^te au roi d'Espagne en son conseil priv^ des Pays Bas pr^sid^ par le gouverneur g^n^ral. Dans cette requ^te J^röme Duquesnoy^ entretenant, ä bon droit aurait-on peu croire^ plus de confiance en la clairvoyance et en la sagesse d'un tribunal d'^lite qu'en la comp^tence et l'^quit^ d'un ar^opage de bourgeois born^ et vulgaires, d<^clinait la juridietion ^chevinale de Grand sous les auspices de laquelle on Pavait appr^hend^ et poursuivi. Mais ces bourgeois encrass^s dont Pinfortun^ avait toutes les raisons de se d^fier, n'entendaient pas läcfaer l'audacieux adorateur de la beaut^ masculine, et le 10 septembre, le Grand Bailli et les ^chevins de Gand, en- voyferent au Conseil priv^, un avis d^favorable aux pr^ tentions de leur prisonnier^ accompagn^ des pifeces du dossier et de la demande de pouvoir prononcer la sentence. IVautre part les parents, les amis et les admirateurs du statuaire ne l'abandonnaient point dans sa d^tresse et adressaient directement une supplique, en latin^ ä rarefaiduo Leopold Guillaume, dans laquelle ils invoquaient le scan* dale qu'entrainerait la condamnation du malheureux artiste en ce sens que de cette mani^re seraient divulgu^s les faits honteux mis h sa cbarge; ils faisaient aussi entrer en considdration l'honneur de la famille jusque Ik imma- cul^y ils d^ploraient la tache qui rejaillirait sur un nom illustre par d^autres encore que par ce grand coupable, mais ils insistaient principalement et avec plus de raison , sur la haute valeur artistique de J^röme Duquesuoy et sur la perte que la sculpture ^prouverait dans la personne de cet artiste de moeurs exceptionnelles mais de g^nie tout aussi rare, si on l'abandonnait ä la merci des bonnetes mais fort communs magistrats gantois. En cons^uence ils suppliaient le prince de faire extraire JdrAme de sa prison de G«nd pour le faire conduire sous bonne escorte ä Bruxelles et Vy faire comparattre devant le Conseil — 285 — Priv^. Eniin ils conjuraient l'arcbiduc d'user en dernier ressort de 8on pouvoir absolu pour commuer le cas ^cb^ant la peine de mort en une d^tention a perp^tuit^. De cette fagon concluaient les p^titionnaires tout en ex- piant sa faute le sculpteur pourrait continuer ä produire des cbe& d'oeuvre. Contre l'attente de J^röme et de ses amis les grands seigneurs du Conseil Priv^ se montri^rent aussi prüdes et aussi implacables que les marebands ignares et rassis du banc ^cbevinal gantois. Ils n'attendirent m^me pas pour se prononcer que le pr^venu eüt ^t^ amen^ d^vant euxy mais, ayant pris connaissance du dossier envoye de Gand^ ils s'empress^rent de rejeter les consid^rations des signataires de la requ^te k Farcbiduc ,et dans une „eon- sulte*^ k celui-ci ils approuvferent les conclusions des pre- miers juges en demandant qu'il lui plüt de laisser la justice suivre son cours. Le Conseil priv^ d^clarait opiner contre le recours du requ^rant et de ses amis parce que cquand meme l'artiste aurait le droit de d^cliner la judicature du magi- strat de Gand, il y aurait mati^re sufißsante en terme de justice de l'en d^clarer d^cbu et indigne.» cEnsuite, ^tait<-il dit plus loin^ comme il convient de n^cessit^ d'en faire un ebastoy exemplaire afin de couper s'il se pouvait par sa racine ce mal qui se vat glissant et serpeute permy le monde, il nous a sembl^ que Votre. Altesse pourrait estre servde de refuser la grdce requise et, pour le surplus, en laisser convenir le Magistrat de Gand, lä oü le crime et l'esclandre ont 6t6 commis et le proc^s instruitt Cet avis impitoyable fut apostill^ par le prince et approuve en ces termes p^remptoires: me conformo in tutto. H^las, J^röme Duquesnoy nVtait plus sous le ciel dement et radieux, conseiller de tolerance, secourable h toute passion, de la genoreuse Italic! — 286 — Puis les temps etaient loin d4jä de ces princes et de ces papes, philosophes et artistes, m^cfenes absolus, fa^t^rodoxes ou mieux largement ^vangeliques absolvateura et m^me eomplices des amants ^perdus de touteBeaut^! Pass^ et fini le sibcle des L^n X et des Jules II! L' Europe ^tait redevenue orthodoxe et aust^re et sur- tout cette Flandre k la fois espagnolis^e et protestantis^e, S0U8 le gouvemement d'un prince cagot et bom^ dont les grandes admirations artistiqaes allaient aux magots d'un Teuiers le Jeune! Pourtant il convient de dire ä la gloire des vrais cbr^tiens de ce temps et h, la honte des magistrats com- munaux pr^tendus garants de la libert^^ que le v^n^rable ^v^que Triest s'^tait mis du c6t^ de son artiste et avait sign^ en t£te de la supplique adress^e au gouverneur! On a vu que rien n'y fit. La masse, le pr^jug^, le voeu du plus grand nombre, Pemportferent. A la suite de l'approbation souveraine, en sa s^ance du 22 septembre le Conseil priv^ formula en d^cret cette r^solution definitive avec confiscation de biens au profit du Roi. Pour commencer on inventoria tout ce que poss^ait Duquesnoy en sa somptueuse demeure de la Place des Walions k Bruxelles. Un orf^vre bruxellois se rendit ro^me le 26 septembre, au Chätelet de Grand, avec une dek'gation du mar^chal de la cour pour r^clamer au pri- sonnier le moule d'une image de Notre Dame quil avait h. couler en argent pour son Altesse S^r^nissime. Enfin le 28 septembre 1654 la sentence de mort fut prononcee en assembl^e speciale dans la salle de justice de Gand. Elle condamnait Jeröme Duquesnoy, convaincu de Sodomie, k Hre attachd ä un poteau, ^trangl^ et son Corps r^duit en cendres sur le march^ aux Grains de ladite ville. L'ex^cution eut lieu le m^me jour avec Pappareil — 287 — usit^. Le bailli de Gand, deux ^chevins d^I^gu^s et l'amman äcbeval y pr^sidaient aceompagn^s du conseiller criminell du clerc de sang, des gens de justice et des secr^taires communaux. L'officier des hautes oeuvres G^rard Van Wassenburgh fonctionnait avec ses aides sons la protection des hallebardiers du bailli. L'historien gantois Dierickx pr^t^od que la gräce de J^röme Duquesnoy arriva le lendemaiu de son supp- lice, de sorte qu'on ne proc^da point h la confiscation de ses biens. Mais Dierickx fait erreur. Des documents prouvent que les b^ritiers plaid^rent bien lougtemps apr^s pour rentrer en la possession desdits biens et toucher les arri^r^s dus ä leur malheureux parent pour le mausol^e de l'^vßque Triest. Un Portrait de J^röme Duquesnoy d'apr^s Van Dyck, grav^ k la mani^re noire en 1779, par Richard Brooks- haw, artiste anglais^ porte celle inscription: Hie ille est quondam fratri vit dispar in arte, Felix! In felix altamen igne perit. Non perisse, abiss^ scias; sua foma celebris arte, manet: redit; nam redivimus adest! En effet la gloire de Partiste supplici^ et fl^tri ray- onne de plus en plus pure en d^pit des r^ticences, des b^gueuleries et des conspirations pharisiennes. Les temps sont proches oti loin de consid^rer comme Oeuvre infame et une cause d'anath^me les actes pour les- quels il fut men^ au supplice, nous serons tent^ d'y voir une preuve de cet esth^tisme absolu qui, sous un Magi- strat de bourgeois pro&nes comrae celui des Pays Bas du XVn« si^cle, aurait valu le bücher aux plus nobles ar- tistes de la Renaissance h. commencer par le Sodoma, le Vinci et Michel-Ange. David und der heilige Augustin, zwei Bisexuelle. £& kann keinem Zweifel unterliegen^ dass auch David, der „Streiter Gottes*, der Hagiograph und Prophet^ der Bibelheros, ein Liebhaber seines eigenen Geschlechtes war. Desgleichen Jonathas, sein Freund. Das Verhältnis zwischen beiden weist mit aller Deutlichkeit auf ihre homosexuelle Ader. ^ Als David den Philister erschlagen hatte und zurück kam, da nahm ihn Abner und brachte ihn vor Saul, da er das Haupt des Philisters in seiner Hand hielt. Und Saul sprach zu ihm: Von welchem Geschlecht bis Du, o Jüngling? Und David sagte: Ich bin der Sohn Deines Knechtes Isai, des Bethlehemiters. Und es geschah, als er mit Saul zu reden aufge- hört, da verband sich die Seele Jonathas mit der Seele Davids und es liebte ihn Jonathas wie sich selbst. — Und David und Jonathas' schlössen einen Bund, denn er liebte ihn wie sich selbst. Und Jonathas zog seinen Hock aus und gab ihn dem David, und auch seine übrigen Kleider, sogar sein Schwert^ seinen Bogen und seinen Gürtel." (I. Buch der Könige, 17, 57 und 58. — 18, 1, 3 und 4.) Ist das die Art, wie Freundschaften entstehen? Nein, mit solcher Schnellig- keit zündet nur der Strahl sexueller Liebe! Sehr beachtenswert ist sodann L Buch der Könige, 20, 27^-41. — Der erzürnte Saul spricht zu Jonathas, seinem Sohn: „Du Sohn eines mannsüchtigen Weibes! Weiss ich nicht, dass Du den Sohn Isais liebet, Dir selbst und Deiner schamlosen Mutter zur — 289 — Schande!* (30.) Das ist eine ganz klassische Stelle. Was soll das anders heissen als: „Weiss ich nicht^ dass Du, von einer männertollen Mutter geboren, selbst Männer liebst, dass Du mit David in einem ^schändlichen' Ver- hältnis stehst?*^ — «Und sie küssten einander und weinten zusammen.' (41.) David, an dem kein Fimke von Sentimentalität wahrzunehmen ist, der kriegslustige, oft zur Härte geneigte Jüngling, wie hätte er küssen können, wo er nicht in Liebe entbrannt war! Und endlich : Als Jonathas in der Schlacht gefallen war, spricht David: „Wie sind doch die Helden gefallen im Streit! Jonathas ist erschlagen auf deinen Höhen, o Israel! Leid ist mir um dich, mein Bruder Jonathas! Ueberaus schön warst Du und lieblicher als Frauenminne! Wie eine Mutter liebt ihren einzigen Sohn, also habe ich dich geliebt.'' (II. Buch d.Eön. 1. 25. 26.) — Da ist ein Zweifel wohl ausgeschlossen. — «Als ich', schreibt der heilige Augustin in seinen autobiographischen ,BekenQtnissen', „in meiner Vaterstadt Unterricht zu erteilen begann, hatte die Uebereinstimm«- ung der Neigungen mich durch innige Freundschaft mit einem juugen Mann verbunden, der in meinem Alter und wie ich in der Blüte der Jahre stand. Er war mit mir aufgewachsen. Wir hatten dieselben Schulen besucht, dieselben Spiele geteilt. Damals aber war er mir noch keineswegs in diesem Sinne Freund ge- wesen, obgleich es auch nicht einmal zu jener Zeit die rechte Freundschaft war. («Sed nondum sie erat amicus, quamquam ne tunc quidem sicuti est vera amicitia.") Denn eine solche ist nur diejenige, welche du selbst — o Gott — zwischen den Seelen befestigest, durch das Band der Liebe, die in unseren Herzen aus- gegossen ist vom heiligen Geist, der uns ge- geben worden'. Allein sie war überaus wonnig, unsere Jahrbuch U. 19 — 290 - Freundschaft, geschlossen durch die Glut der gleicken Neigungen * , Meine Seele konnte ohne ihn nicht mehr leben. Aber, q mein Gott, du Gott der Rache und Quelle aller Erbarmungen zugleich, du, dessen Arm ausgestreckt ist über deinen flüchtigen Sklaven, und der du sie auf wunder- baren Wegen 2U dir zurückführst, siehe, plötslich nahmst ()u mir diesen Menschen aus der Welt, nachdem ich seine Freundschaft kaum ein Jahr genossen gehabt hatte, sie, die mir süss war über alle Süssigkeiten meines damaligen Lebens. Was thatest du damals, o Gott ! Wie undurch- dringlich ist der Abgrund deiner Gerichte! Dieser junge Mann ward von einem hitzigen Fieber ergriflfeii und lag lange ohne Bewusstsein im Todesschweiss ... .Er starb in meiner Abwesenheit.*^ ,0 welch düsterer Schmer^ erfüllte da meine Seele! Alles, was ich sah, zeigte mir das Bild des Todes. Der Aufenthalt in mainer Vaterstadt wurde mir zur Marter und das väterliche Haus zu eineni furchtbar unglücklichen Ort. Betrachtete ich ohne ihn die Gegensti&nde, deren Genuas wir geteilt hatten, so zerrissen sie meine Seele durch unausqjirechliohe Quialen. Ueberall suchten ihn meine Augen und ich fand ihn nicht mehr. Alles war mir verhasst, weil er nicht da war, und weil nichts mehr wie zur Zeit seines Lebens mir sagen konnte: l^ke, er kommt wieder. Ich war mir selbst ein imaufli^sliches Rätsel geworden. Ich fragte meine Seele nach der Ur- sache ihrer Traurigkeit und warum sie sich so sehr be- trübe. Und sie konnte mir nichts antworten *^ «Jetzt, Herr, ist das alles vorüber, und die Zeit hat meine Wunde geheilt. Darf ich nun das Ohr meines Herzens deinem Munde näher bringen und von dir er- fahren, warum die Thrä^en für die Unglücklichen so süss sind ? Wie, bist Du nichl^ obwohl überall gegenwärtig, unendlich entfernt von uiiserem Elend? Wüi4e — 291 — die Stimme unserer Thränen nicht zu Deinem Ohr auf- steigen, so würde uns keine Hofihung mehr in unserem Unglück bleiben. Warum also ist es so süss, diese Früchte unserer Bitterkeiten zu pflücken, zu weinen und zu seu&en, zu ächzen und zu klagen? Kommt diese Süssigkeit etwa von der Hoffnung, dass Du uns erhören werdest? Das ist wahr von den Thränen, welche wir im Gebet vergiessen, weil es ihre Absicht ist, sich zu Dir zu erheben. Das war aber nicht der Fall, als meine Seele beweinte, was sie verloren hatte und in düsterer Qual versenkt blieb. Denn ich ho£%e nicht, ihn wieder aufleben zu sehen und meine Thränen flössen nicht, um ihn zurückzuerlangen. Ich seufzte, ich weinte bloss, weil ich unglücklich war und verloren hatte, was meine Freude bildete " ^Ja, ich war elend. Und giebt es ein Herz, das es nicht ist, sobald es sich von der Liebe zum Vergänglichen hinreissen lässt, und welches sich nicht zerrissen fühlt, wenn es dasselbe verliert? Das ist der Zustand, in dem ich mich damals befand. Ich vergoss die bittersten Thränen und fand Linderung nur in ihrer Bitterkeit. O wie unglücklich war ich! Und doch war mir dieses so elende Leben noch lieber als selbst mein Freund. Wohl hätte ichs ändern mögen, aber doch war es mir lieber, ihn verloren zu haben als das Leben. Ich weiss nicht einmal, ob ich eingewilligt hätte, es zu ver- lieren, um ihn zu retten, wie die Geschichte oder Fabel von Orestes und Pylades erzählt, welche für einander oder wenigstens mit einander zu sterben wünschten, weil ihnen der Gedanke, ohne einander leben zu müssen, schrecklicher war als der Tod. Meiner Seele bemächtigte sich eine gewissermaseen ganz entgegengesetzte Empfin- dung. Der Grund liegt ohne Zweifel darin, dass mir, je mehr ich ihn geliebt hatte, der Tod, welcher mir ihn entrissen, um so verhasster erschien, und ich ihn als den unversöhnlichsten Feind um so mehr fürchtete. lc)i 19* — 292 — glaubte sogar, er werde, da er mir ihn entreissen konnte^ augeoblicklich alle Menschen dahinraffen. Das war da- mals der Zustand meiner Seele, und die Erinnerung daran ist meinem Gedächtnis tief eingeprägt. Siehe da mein Herz, o Gott, erforsche es und siehe, dass diese Erinner- ungen mich nicht täuschen, o Du, meine einzige Hoffnung, der Du mich von dem Schmutz solcher Neig- ungen reinigest» meine Blicke auf Dich richtest und meine Füsse vom Fallstrick befreiest. Ich wun- derte mich, dass die übrigen Menschen noch lebten, nach- dem ich den hatte sterben sehen, den ich liebte, wie wenn er ewig hätte leben sollen. Weit mehr aber wun- derte ich mich, dass ich noch lebte, nach dem Tode dessen, der mein zweites Ich war Ich fühlte, dass seine Seele und meine nur eine Seele in zwei Leibern gewesen waren. Darum wurde mir das Leben zum Ekel, weil ich mich sträubte, nur halb zu leben. Und darum vielleicht fürchtete ich mich auch zu sterben, weil durch meinen Tod derjenige ganz gestorben wäre, den ich so heiss geliebt hatte!'* , Welch ein Wahnsinn, die Leiden der mensch- lichen Natur so ungeduldig zu ertragen, wie ich damals that! Ich seufzte, ich weinte, mein Herz war voll Ver- ¥rirrung und Zerrüttung. Ich war ohne Ruhe und ohne Rat Meine zerrissene und blutende Seele ertrug es un- geduldig, in mir zu bleiben. Es war eine schwere Lasty von der ich nicht wusste, wo ich sie ablegen sollte. Nichts konnte mich zerstreuen, nicht liebliche Haine, nicht die Freuden des Spiels und des Gesanges, nicht di^ besten Wohlgerüche und die herrlichsten Mahlzeiten, nicht die Berauschungen der Wollust noch die Reize der Lektüre und Poesie. Alles war mir unerträglich, selbst das Licht des Tages. Was nicht der war, den iöh verloren hatte, erschien mir verhasst und stiess mich ab. Nur nicht die Seufzer und die Thränen, die allein mir einige Lin- — 293 — derung verschaflten. Wenn ich sie manchmal miter- forechen musste, dann sank ich zerschmettert unter der Last meines Schmerzes zusammen. . . . Ich blieb allein in mir selbst^ wie in einem wüsten Lande, wo ich nicht wohnen konnte, und aus dem ich doch nicht hinauszugehen vermochte. Ach, wohin hätte mein Herz vor meinem Herzen fliehen können? Wie hätte ich mich selbst fliehen oder aufhören können, mich immer zu begleiten? Doch ich floh aus meiner Vaterstadt. Denn seltener suchten meine Augen ihn da, wo sie ihn doch nicht mehr zu sehen gewohnt waren. Ich verliess Tagaste, mn nach Ohartago zurückzukehren.*^ Nachdem Augustin sodann erwähnt, dass unter dem Einfluss der heilenden Zeit und namentlich unter dem Einfluss des Reizes, den andere Freunde auf ihn ausübten, die Wunde allmählich doch zu vernarben begann, schliesst er an dieses ergreifende Kapitel seiner Herzensgeschichte folgende Betrachtungen an: „ Glücklich, o mein Gott, ist der Mensch, der dich Hebt !* nHerr, Gott der Heerschaaren, bekehre uns zu dir! Zeige uns dein Angesicht und wir sind gerettet! Denn wohin das Herz des Menschen sich wendet, überall wird es durch den Schmerz gefesselt, wenn es nicht dir anhängt. Und das, obgleich es der Schönheit nachgeht, wie sie ausserhalb seiner selbst und ausserhalb deiner zu finden ist. Diese Schönheit wäre nicht, wenn sie nicht deine Hand geschaifen hätte. Sie entsteht nur, um zu vergehen. Indem sie entsteht, beginnt sie zu sein, indem sie wächst, vervoUkommt sie sich, und hat sie dieses Ziel erreicht, so verwelkt sie und kehrt wieder ins Nichts zurück. Ja, Alles verwelkt. Alles stirbt hienieden Meine Seele preise dich wegen all dieser Dinge, o mein Gott, der du sie erschaffen hast. Aber sie hänge nicht an ihnen mit den Banden einer fleischlichen Liebe! O meine Seele, lass dich nicht von den Eitelkeitni — 294 — ▼ erführen! .... In Gott wirst du eine unveränderliche Ruhe finden, in der man den Gegenstand seiner Liebe nicht verlieren kann, wenn man ihn nicht anders selbst veriisst O meine Seele, wenn dir die Leiber durch ihre Schönheit gefallen, so seien sie dir ein Anlass, Grott lu preisen und es erhebe sich deine Liebe auf diese Weise zu dem, der sie geschaffen hat, damit du nicht; wenn du dabei stehen bleibst, was sie Liebenswürdiges haben, ihrem Schöpfer missfallest! .... Lasset uns Gott lieben und nur ihn!" (Confessiones. IV. cap. 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12.) So äussert sich Augustin, nachdem er sich zum Katholizismus bekehrt, nachdem er ein strenger Ascet und Bischof geworden war, über diese , Freund- schaft*^. Die Sprache ist, wie Jeder sieht, ausserordent- lich klar, für Denjenigen mindestens, der die Beschreibung und die angeknüpften Betrachtungen unbefangen liest. Anderswo in seinen Bekenntnissen heisst es von dem nämlichen Lebensabschnitt: ,,Venam amicitiae coin- quinabam sordibus concupiscentiae candoremque eins obnubilabam tartarea libidine." Denn: ,,Amare et amari dulce mihi erat magis, si etiam amantis corpore fruerer.*^ Ob er dabei Freundschaft mit Jünglingen oder Mädchen meint, ist an und für sich nicht ersichtlich. Doch dürfte der strenge Ascct schwerlich vom „candor* der Freund- schaft eines jungen Mannes mit jungen Mädchen gesprochen haben. (Liber III. caput. L) Auch das „amantis* im 2. Satz ist beachtenswert. Er dürfte sich wohl gescheut haben, ,amati'* zu setzen. Das Passiv erwartet man doch. Und vom Verkehr mit Weibern spricht Augustin immer ganz offen. Aus dem Leben eines Homssexuellen. Von Dr. phil. Max Kfttte. £in eigenartiges Gefühl der Wehmut beschleicht mich, wenn ich es in den nachfolgenden Zeilen unternehme, in vergangene Tage meines Lebens zurücktauchend, vor einem grösseren Publikum eine Anzahl von Bildern aus demselben zu entrollen. Fast möcht' ich, indem ich da- mit beginne, wieder davon abstehen ; denn was ich durch- lebt und was ich hier schildern will, es ist so eigenartig und so intim, dass ich mich scheue, es der Oeffentlich- keit preiszugeben. Wird sie es, wird sie mich nicht missverstehen? Und werden infolgedessen nicht neue Schmerzen meine wunde Seele heimsuchen? — Und doch — es gilt, indem ich mich selbst der Welt offenbare, eine Lanze zu brechen für eine ganze Klasse im Grunde unglücklicher, weil verkannter und verfolgter, Menschen- kinder. Meinen Brüdern gilt mein Kampf; darum nehm' ich ihn auf. Zeigen will ich euch allen, die ihr euch so sicher und frei und erhaben fühlt im Besitze einer „normal*- sexuellen Veranlagung', dass es auch unter 'uns aüs- gestossenen „Abnoi'msexuellen* dieselbe Grösse und Tiefe des Empfindens, dieselbe Gewalt der Gefühle und dieselbe Zartheit der Seele giebt, wie sie eure Dichter schildern^ eure, die so vielfach die Unsern sind, wie ein Shake* — 296 — epeare, ein Grillparzer, ein Platen, oder die doch volles Verständnis und Mitfühlen für uns besitzen, wie — der Grösste unter allen — Goethe!*) Es gilt ja noch immer — trotz Plato und der Alten des römischen Reichs und trotz aller neueren und neuesten Bestrebungen — es gilt noch immer: aufzuklären! So lange ein Mensch eine Sache ihrem Wesen nach über- haupt niclit kennt, kann er sie auch nicht beurteilen, geschweige denn richtig und gerecht beurteilen. Wie aber kennen und erkennen wir etwas? — Als Natur- wissenschaftler antworte ich : auf dem Wege der Induktion, durch Beobachtung, auf Grund deren wir Schlüsse machen, Folgerungen ziehen, geistige Kombinationen schaffen. Die Beobachtung aber geht vom einzelnen Falle aus. So biete ich denn allen denen, die ehrlich und innerlich frei genug sind, Dingen näher zu treten, die ihnen fremd oder gar persönlich unsympathisch sind und von der — so oft- mals wechselnden — Meinung der Welt verworfen werden : ich biete ihnen einen Fall der Beobachtung, dessen Objekt ich selber bin und der um so verbürgter ist, als ich nichts besser kenne und beobachtet und kritisch sondiert habe als — eben mich selbst. Ich biete mich als Objekt der Beobachtung oder, um den Mund voller zu nehmen: der Forschung dar, bitte aber, unbefangen und ohne Vorurteil zu bedenken und zu prüfen, was ich über mich sage. Dann wird — weniger mir, als der Gesamtheit meiner Leidensgefährten *) Man vergl. betreffs Goethe s seinen „ErlkOnig" («Wulst, feiner Knabe, du mit mir gehn?" — „Ich lieV dich, mich reizt deine schöne Gestalt*'), das Schenkenbnch im „West-Östlichen Divan** sowie seine Mitteilungen über seine (zweifellos homosexuelle) Schwester in „Dichtung und Wahrüeit**, 4. Teil, 18. Buch, endlich auch die Figur der Mignon im „WUhelm Meister" und das Verhalten des letzteren zu ihr, besonders im Anfange der Bekanntschaft. ~ 297 — in gewissem Grade gedient sein, jener gleichsam heimatr- losen Klasse der homosexuellen Menschen, der ich — leider und Gott sei Dank — angehöre. Leider — das wird aus der folgenden Darstellung klar werden, indem sie die Kämpfe, Entsagungen und scheusslichen Erlebnisse enthüllt, denen ich preisgegeben war. Aber auch: Gott sei Dank; denn ich bekenne es offen — und es wird mir frei ums Herz, wenn ich das sagen darf: Wenn heutigen Tages jemand käme und mir verspräche, mich frei zu machen von meiner homosexuellen Anlage und Neigung und mir die Liebe zum Weibe ein- zugeben (was ihm nach mehr als SOjähriger Erfahrung meinerseits sicher niemals gelingen würde), so würde ich ihm für seine Gesinnung danken, sein Anerbieten aber unbedingt zurückweisen, weil — die eigenartigste, hehrste, wunderbarste Liebe(mir)doch die homosexuelle ist. — Doch ich beginne, hinabzutauchen in die Flut ver- gangener Tage. Meine Kindheit seh' ich wieder; sehe mich als kleinen, frischen und gesunden Knaben, der unter liebe- voll sorgenden Elternhänden emporwuchs. Vater und Mütterchen sind jetzt tot, seit Jahren schon; sie haben nie erfahren, wie's um mich bestellt war. Und doch war es in sexueller Beziehung nie anders um mich bestellt als heute. Ich habemich n iemals, in meinem ganzen^38jährigen Leben nicht , geschlechtlich zum Weibe hiugezogen gefühlt. Ich hebe dies ausdrücklich — als eine Thatsache der Erfahrung — hervor, gegenüber den Behauptupgen solcher, welche meinen, das Liebesverlangen sei in jüngeren Individuen (bis zu 14 und 15^ ja 17 und: 18 Jahren) geschlechtlich indifferent. Das mag für manche Mensehen zutreffen, für alle sicherlich nicht. Mein eigenes Bei- spiel spricht dagegen. Ich war nie halb, nie zweifelhaft. Ich liebte nie etwas anderes als jüngere oder, ungefähr gleichaltrige Mitglieder des eigenen — . männlicheDf — — 298 — Geschlechts; ich liebte sie, mit der gaDcen Glut einer innig empfindenden, tiefer veranlagten Seele. Das ^ar bereits so, als ich im Alter von ungefähr 8 Jahren in die Schule ging. Dort war ein kleiner Knabe, etwa im gleichen Alter wie ich, mit lieblichen Gesichtszügen und von holder Figur; in reisendem, grauem Anzüge, mit langen und sehr weiten Hosen (wegen deren er von mehreren Mitschülern geneckt wurde), seh' ich ihn noch heute vor mir. Ich erwärmte mich dermassen für ihn, dass ich mich, wenn er, der leider nur ein mittelmässiger Schüler war, vom Lehrer — mit dem Lineal auf die Hände «^ Schläge bekommen sollte, zum Sterben wund und weh im Herzen fühlte und am liebsten vorgestürzt wäre, um den Lehrer zu bitten, mich statt «seiner'^ zu züchtigen. Aber ich th a t es n i c h t, denn ich war ein folgsamer Schüler und, wenn auch lebhaft, so doch in gewissem Grade schüchtern. Demgemäas wagte ich auch nie, mich dem Kleinen zu nähern, um mit ihm zu verkehren oder ihm gar meine Empfindungen innigster, wonnigster Liebe zu offenbaren. ^ Später verlor ich ihn aus dem Gesichtskreis. — Andere Erscheinungen traten mir entgegen und fesselten mich. So, als ich ungefähr 9 — 10 Jahre alt war, ein munterer, hübscher Junge aus einer OfBsiersfamilie, der um weniges jünger war als ich und in demselben Hause wie ich wohnte. Zwar berauschte er mich nicht so wie jener Ersterwähnte; aber ich hatte ihn von Herzen gern, und noch heute ist mir eins in süsser Erinner» ung, das mir an ihm besonders sympathisch war: der von ihm ausgehende, ihn umschwebende holde Duft, den ich, wenn ich ihn genauer charakterisieren soll, als chokoladen- artig bezeichnen muss. Es gab damals noch keine Jäger'ache Seelentheorie, und wenn sie schon voriianden gewesen wäre, hätte ich sie nicht gekannt; ich machte mir auch keine Gedanken darüber, woher jener Duft stammte und wie er zu erklären wäre, sondern lehnte — 299 — mir oft meinen Kopf an meines Spielgefährten Brust und genoss halb anbewusst und unwissend das Lebensagens eines Menschen, der mir seelisch nahestand. Betonen möchte ich dabei, dass in diesem wie in jenem ersten Falle von eigentlich geschlechtlicher Empfindung oder gar irgend welchem sexuellen Verkehr nicht die Rede war. — Auch dieser zweite Freund (M, K. mit Namen) entschwand mir nach einiger Zeit, und zwar auf eine Weise, die mir, freilich erst lange nachher, die Ueber- zeugung eingab, dass auch er (gleich mir) homosexuell veranlagt war. Er wohnte, wie ich schon erwähnt habe, im selben Hause wie ich, aber nicht bei seinen Eltern, sondern bei einem Lehrer, bei dem er sich in Pension befand. Eines Tages war sein Erzieher in grosser Auf- regung und begab sich, wie ich ängstlich klopfenden Herzens vom Fenster meiner Wohnung aus beobachtete, in Begleitung meines kleinen Freundes zu Leuten, die gleichfalls in demselben Hause wohnten und einen Sohn besassen^ der noch jünger war als M. K.; mit diesen führte der Lehrer eine grosse Verhandlung, über deren Inhalt ich nur dunkle Andeutungen vernahm; soviel aber ging aus denselben, auch mir verständlich, hervor, dass sich M. K. mit jenem Knaben sexuell eingelassen hatte. Kurz darauf verliess mein Freund die Pension des Lehrers. Ich snh ihn niemals wieder. Wohl aber traf ich mit seinem Erzieher vor einigen Jahren auf der Reise zusammen. Ich erkundigte mich bei ihm bald nach dem Schicksal von M. K.; aber er wusste auch nichts von ihm, erwähnte vielmehr nur, dass M. K. damals, als er von ihm ging, einen , schweren sittlichen Fall" gethan habe. Ich war I2V2 Jahre alt und Tertianer geworden, als ich für einen Mitschüler von mir, E. V. mit Namen, innige Sympathie zu empfinden begann. An ihn waren die ersten Verse gerichtet, die ich im Alter von 147« Jahren machte — einfache und noch unbeholfene, aber — 300 — trotzdem Innigkeit atmende Liebesgedichte. — Meinem Vs Jfthr jüngeren Freunde schien die Zuneigung, die ich ihm entgegenbrachte, zu gefallen; als ich ihn aber einst fragte, ob er mich liebte, meine Liebe zu ihm er- widern könnte, erhielt ich eine verneinende Antwort Bald musste ich dann eine betrübende Lebenserfahrung machen, die nämlich, dass die Menschen, wie es so viel- fach der Fall ist, viel eher geneigt sind, sich auf niedrige Dinge, die dem Augenblicksgenusse dienen, einzulassen als auf ideales .Fühlen und Thun, das freilich Schwung der Seele erfordert: E. V., der mich nicht lieben wollte (und, ich erkenne es an: nicht lieben konnte, da er anderer Natur war als ich), trat gleichwohl in einen ge- wissen geschlechtlichen Verkebr mit mir, der sich aller- dings auf blosse Berührung beschränkte. Mein Gefühl der Zuneigung aber bewahrte ich ihm bis über die Schul- zeit hinaus, als wir bereits längst wieder alle Vertrau- lichkeiten aufgegeben hatten. Die Glut einstiger Tage freilich lebte nicht mehr in mir, denn E. V. war aus einem herzigen und zum Teil sinnigen Jungen ein junger Mann von der üblichen Durchschnitts-Auffassung des Lebens und ohne tieferes geistiges Streben geworden. Aber trotzdem trug ich ihm noch einmal — ungefähr 19 Jahre alt — in einer Nachtstunde, als wir aus einem Verein ehemaliger Schüler (der von uns vordem be- suchten Schule) nach Hause gingen, meine Freundschaft an und bat ihn um die seine; ja, ich offenbarte ihm — von gereifterem Standpunkt aus als.einst — , dass ich ihn über alles lieb hätte. Er lehnte ab; und ich konnte mich, wenn mir das Herz auch schwer ward, nicht darüber be- klagen. ^ Von gereifterem Standpunkt aus," sagte ich. — In der That: es war mir im Laufe der Jahre, im Laufe meiner Entwicklung und der Erfahrungen, die ich aus air meiner Umgebung sammeln konnte, immer klarer zum — 301 — Bewusstsein gekommen, dass mein absoluter Mangel an Neigung zum weiblichen Geschlecht, den ich von jeher erkannt hatte, sowie mein inniges und oftmals stürmisches Empfinden für gewisse jugendliche männliche Personen nicht auf übermässige Keuschheit einerseits und ein stark entwickeltes blosses Freundschaflsverlangen andererseits zurückzuführen war, sondern dass der Grund für jene Erscheinung in meiner ganzen Natur, meiner sexuellen Veranlagung liegen musste. Ich fühlte eben physisch und psychisch anders als, soviel mir bekannt war, alle meine Freunde und Bekannten. Und schon damals hätte ich, wie heute, bekennen müssen: Wenn die Heterosexuellen unsere Neigung zum gleichen Geschlecht als unnatürlich oder widernatürlich bezeichnen und die Aeusserung thun, sie begriffen gar nicht, wie man als Mann überhaupt einen Mann oder Jüngling lieben könne, lieben wie etwa ein Romeo seine Julie, ein Faust sein Gretchen u. s. w., so kann ich nicht anders als erwidern: „ich begreife es nicht — ans meinem Innern, meinem Fühlen heraus — wie ein Mann ein Weib lieben kann; ich sehe zwar, dass dies geschieht, und nehme es somit, naturwissen- schaftlich gebildet und naturwissenschaftlich denkend, als eine Thatsache der Erfahrung hin, die ich nicht leugnen kann, mache mir auch klar, dass es aus naturwissen- schaftlichen Gründen notwendig ist, dass es einen Sinn hat, der sich im Rahmen einer Betrachtung des Natur- ganzen erkennen lässt — aber alles dies könnte mich (so wenig wie irgend einen andern) dazu bestimmen, mich nun meinerseits faktisch mit einem Weibe geschlechtlich einzulassen; denn nicht aus wissenschaftlichen noch aus religiösen*) Rücksichten wird der Geschlechtsakt zwischen *) Etwa weil (xott im alten Testninent befohlen habe: Seid fruchtbar und mehret euch, waa er — das Gebot w Ortlich genommen — gaf: nicht jiJütig hafte w^gen des Triebes, den er dem Menschen ins Innere gab. ' . . — 302 — den Menschen vollführt, sondern weil ein ihnen ein- geborener Trieb sie dazu veranlasst, ja zwingt. Piesen Trieb aber — in Bezug auf's andere Ge- schlecht — liab' ich noch nie in mir gespürt ; und darum ist der geschlechtliche Verkehr oder auch nur die ge- schlechtlich beeinflüsste Zuneigung zwischen Mann und Weib von meinem Empfinden aus allgemein, nichtnur für mich, sogar etwas Unnatürliches, in demselben Masse wenigstens, wie es für den Heterosexuellen die gleichgeschlechtliche Liebe ist.* Auch auf eine andere Vorhaltung, die den Homo- sexuellen oftmals von den Heterosexuellen gemacht wird, möchte ich hier in Kürze eingehen, da sie an einen im Vorstehenden schon erwähnten Umstand anknüpft. Man weist darauf hin, dass die Ehe oder genauer: der — durch die Ehe sanktionierte — geschlechtliche Verkehr zwischen Mann und Weib einen thatsächlichen Zweck habe, da er der Erhaltung des Menschengeschlechts diene^ mögen die an dem Verkehr Beteiligten auch in den wenigsten Fällen diesen Zweck unmittelbar vor Augen haben. Beim homosexuellen Verkehr fällt dieser Zweck natürlich fort, nnd es findet nur das sinnliche Verlangen seine Befriedigung. Damit würde der homosexuelle Ge- schlechtsakt niedriger einzuschätzen sein als der hetero- sexuelle. Hierauf ist zu erwidern, dass, wenü man zunächst dta einzelnen Akt als solchen, nicht als den, blossen Teil einer Gesamtheit des Geschehens und Veriialtens ins Auge fiisst, der heterosexuelle Akt aus dem Grunde weder moralisch noch ästhetisch höher einzuschätzen ist als der homosexuelle Akt, weil der genann^te Zweck für die grösste Anzahl aller heterosexuellen Akte nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv nicht in Betracht kommt, da zuliebe des Zweckes Mann und Weib, knapp gerechnet, nur alle zehn Monate — 308 — einmal den Geschlechteakt zu vollziehea hätten. Alle übrigen Male^ ioßbesondere in den Fällen^ wo Vorsiohts- massvegelft angewendet werden, um dem Kinder- ^^Segen*^ vorzubeugen^ ist auch zwischen Mann und Weib, in keinem anderen Masse als beim .homosexuellen Verkehr, die Sinnlichkeit das Bestimmende. Sagt man aber : die Natur streut den Geschlechtstrieb allgemein aus und schafft dadurch in verschwenderischer Weise eine Fülle von Gelegenheit zur Schafiung von Leben, während sie es doch nur vereinzelt zur wirklichen Erzeugung lebensfähiger jKeioie kommen lässt, so^ steht den Homosexuellen das Recht au, auch die Anerkennung der Ansicht zu verlangen, dass die Natur so überreich ihre treibenden Kräfte gespendet hat, dass sie selbst da sich regen, wo -^ wie auch bei unfruchtbaren Hetero- sexuellen — niemals auf die Erreichung des ange* deuteten Zieles zu rechnen ist Ein anderes Ziiel kann aber wohl errungen werden, et» Ziel> das den homo- sexuell Verkehrenden, wenn sie auf höherer sittlicher Stufe stehen, ebenso gut vorschwebt ¥rie den gemeinsam lebenden Heterosexuellen unter der angegebenen Be- dingung — - das Ziel, sich gegenseitig seelisch zu beglücken, im. Kampfe des Lebens, spiele er sich nun auf materiellem oder geistigem Gebiete ab, zu stützen und zu fördern, einander zu helfen in Not, zu trösten im Leid, gemeinsam zu fühlen, in derselben Sphäre des Emf^ndens zu atmen. Dies Ziel ist für die HomosexueUen in gleicher Weise wie für die Heterosexuellen erreiehbar, wenn der Vei^ehr unter jenen wie diesen kein äussetlicher, rein sianlicher bleibt ; und es wird andererseits, wenn letztere Bedingung nicht er- füllt wird, für die Heterosexuellen ebensowohl wie für die Homosexuellen in ewig weiter Feme, ja vielleicht verhüllt oder seitab liegen bleiben. Es kommt eben in dieser Beziehung lediglich auf die Mensch an an, auf die Menschen als sittliche Wesen, auf die Stärke und — 304 — Feinheit ihres moralischeB' EmpfindeDs, auf die Fülle und Tiefe ihres Grefühls, nicht auf ihre geschlechtliche Ar- tung, die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Klasse der Sexualität. Wie zaUreiche, staatlich anerkannte und kirch- lich geheiligte Ehen sind nicht derart zustande gekommen und werden derart geführt, dass man sie nicht höher schätzen kann als ein Konkubinat, ja manchmal das sogar noch nicht! Doch ich kehre zu dem Faden meiner Erzählung zurück. — Ich war — wegen einiger Examina etwas spät, nämlich im Alter von 24 Vs Jahren — Soldat ge- worden. Ein halbes Jahr nach mir trat in unsere Kom- pagnie, als Einjährig-Freiwilliger vde ich, ein junger Mediziner ein, der, frisch aus der Provinz gekommen und ausserdem leichtfertig veranlagt, vom Grossstadtleben gewaltig angezogen wurde. Der Strudel desselben er- fasste ihn. In Weiberkneipen wurde er sein Geld los, und er kam in Not. Ich merkte das, wenn er mir auch zunächst nichts offenbarte, bald; und da wir uns an ein-^ ander geschlossen hatten, er in Freundschaft, ich in Liebe, weil er ein hübscher, treuherzig scheinender Mensch war, half ich ihm, fast über meine Kräfte hinaus. Noch heute, wo er längst verheiratet ist, einen kleinen Sohn hat und als praktischer Arzt und mehr noch, weil er eine „gute Partie" gemacht hat, in günstigen finanziellen Verhält- nissen lebt^ schuldet er mir mehrere Hundert Mark; ans Bezahlen fireilich denkt er nichts und ich bin zu stolz und stand ihm zu nahe, als dass ich das Geld von ihm fordern möchte. Dass er aber zu einem ordentlichen Menschen geworden ist (sein Vater, den ich wie seine ganze Familie kennen lernte, war schon entschlossen, ihn nach Amerika zu schicken), hat er, wie ich glaube, zu einem kleinen Teile auch mir zu verdanken. Aber ich förderte ihn gern ; mein Herz jubelte bei jedem kleineren oder grösseren Siege, den er über seinen Leichtsinn und seinen un- — 305 — ordentlichen Lebenswandel davontrug. Als er — in Geld- not befindlich — eine ihm von Kameraden anvertraute nicht unbeträchtliche Summe unterschlagen hatte, sagte ich mich nicht, wie andere, von ihm los, sondern trat für ihn ein und bewirkte es durch meine Vermittlung, dass er weder aus einer Burschenschaft, deren Mitglied er war, schimpflich ausgestossen noch etwa von der Universität, die er inzwischen (nach Ablauf seiner militärischen Dienst- zeit) bezogen hatte, relegiert wurde; er konnte seine Carrifere weiter verfolgen und that es mit grösserem Eifer als bisher und in engem Anschluss an mich, der daran arbeitete, ihn zu ernstem Streben zu ermuntern sowie überhaupt sein Inneres zu vertiefen und ihm im Gegen- satze zu seinem bisherigen sinnlosen Verhalten eine ver- nünftige Lebensauffassung beizubringen. Mit seiner und seines Vaters Uebereinstimmung verwaltete ich sein Geld und zahlte ihm dasselbe bei beiderseitiger genauester Buchführung seinen Bedürfnissen entsprechend aus. Zu diesen Bedürfnissen gehörte nun aber auch der Verkehr mit dem Weibe. Wir sprachen darüber offen und ernst — er als angehender Mediziner, ich als Naturforscher, der das Studium hinter sich hatte. Ich musste mich wenn ich nicht unvernünftig handeln wollte, dazu be- quemen, ihm gelegentlich zu diesem Zwecke 3 Mark ein- zuhändigen. Mit welchen Gefühlen aber ich dies that, kann ein heterosexuell Veranlagter nur dann verstehen, wenn er sich vorstellt^ er habe eine heiss und innig ge- liebte Braut, die er einem Bou^ in die Arme legt, während er selbst voll Entsagung sich zurückzieht, nachdem er vorher noch mit einem Geldbetrage geii^issermassen sich losgekauft hat. Ich gedenke noch lebhaft und schmerz- lich eines Abends, als mein Freund in traulichem Ge- plauder bei mir und meinen Eltern (bei denen ich wohnte, solange sie lebten) geweilt hatte und mich auf dem Heim- weg, auf dem ich ihn ein Stück begleitete, um die be- Jahrbuch II. 20 — 306 — wusste Summe bat. Ich gab sie ihm, ^urde aber, vorher 60 froh bewegt und freundlich mit ihm sprechend, plötz- lich stilly und ein Gefühl unbeschreiblicher Wehmut ging mir durchs Herz. Die Strassenecke, wo wir Abschied zu nehmen pflegten, war erreicht; er stieg auf die Pferde- bahn, und ich kehrte um. Noch einmal blickte ich ihm nach, tiefe Trauer, wilde Zerrissenheit im Innern, aber voll innigen Empfindens für ihn, den ich trotz allem Sf Hg liebte. Dann taumelte ich nach Hause, sank, in der Wohnung angekommen, auf die Kniee und weinte. — Nachdem mein Freund einen grossen Teil seines Studiums hinter sich hatte, fiel ihm meine Beeinflussung^ der Zwang, den er einst freiwillig auf sich genommen hatte, lästig. Er glaubte nun selber seinen Weg finden zu können; unser Verhältnis wurde gelockert, und, als er mit anderen Freunden und Bekannten, die eine der seinen ähnlichere Lebensauffassung hatten, häufiger und intimer verkehrte, kamen wir völlig auseinander, wenn wir uns auch gegenseitig eine freundliche Gesinnung be-> wahrten. Jahre waren vergangen, da lernte ich eine Familie kennen, deren einer, jugendlicher Sohn mir durch ^em Aussehen und Verhalten den Eindruck eines femininen Homosexuellen machte. Zwar sagte mir seine und seiner Familie Art nicht völlig zu, auch genügte er meinen An- forderungen im Punkte der Schönheit nicht, aber trotz- dem zeigte ich mich, vom Gedanken an die Möglichkeit einer endlichen Erfüllung meiner geheimsten Wünsche und Liebesträume bewegt, erst freundlich, dann zärtlich gegen ihn, und als ich es wagte, den ersten flüchtig- scheuen Kuss auf seine Lippen zu drücken, und ihn dann fragte^ ob er mir böse sei deswegen, sprach er hold und leise, auf meinem Schosse sitzend: ,Nein". Ich begann nun, mich in ihn zu verlieben. Wir küssten uns oflb und innig; in geschlechtlicher Hinsicht waren wir lange Zeit — 307 — zurückhaltend. Die Differenzen in der seelischen Yer- anlagungy die ohne Zweifel zwischen ihm und mir vor- handen waren, glaubte ich durch die Glut meiner Liebe überwinden zu können und^ wenn er mich nur wieder- liebte, über diesen und jenen Mangel an ihm hinwegsehen zu sollen. Wenn ich schon an G. St., den zuvor er- wähnten Mediziner, eine Reihe von Gedichten verfasst hatte, begann nun, wo ich nicht wie damals unglück- lich liebte, das Saitenspiel des Herzens noch voller zu erklingen. Eins der an ihn (K. V.) gerichteten Gedichte (aus dem Mai 1804) setze ich hierher: Du bist mein Lenz, der mir mit Blütenpraoht, Mit Sonnenlicht und süssem Vo^elsang Erstanden ist nach lang^er Wintersnacht Und dessen Friedensreigen mir erklang. Du bist mein Lenz; dein Auge ist die Sonne, Die lachend durch das Gran des Himmels bricht, Die lachend in mir zündet sel'ge Wonne Und mich umkost als holdes I^ebenslicht. Du bist mein Lenz; die Rosenlippen blühen, Sie öffnen sich, zum Kusse froh-bereit — Wohlan! ich folge meines Herzens (xlühen Und still' an ihrem Dufte all' mein L^id. Von deinen Armen lass' ich mich umschmeicheln, Derweil' ich trinke deines Odems Kraft; Mit meiner Hand will ich das Haar dir streicheln, Dich herzen, Lieb*, voll trauter Leidenschaft. — Und wie in Busch und Feld, in HOh'n und Tiefen Zur Frithlingszeit ein neuer Geist sich regt. So sei auch du, ob alle Geister s c h 1 i e f e n , V^om Geist der Liebe jubelnd froh-bewegt. Aus deiner Seele soll der Lenz mir scheinen, Si e spreche heiss zu mir in jedem Kuss; Und unsre Herzen sollen sich vereinen, AVenn lockend naht das Bliitenkind Genuas. — Leider sollte unsere Beziehung, die für mich so 20* — 308 — freundlich und licht begonnen hatte, nicht von langer Dauer sein. Auf einer ca. dreiwöchentlichen Sommerreise, die ich mit K. Y. zusammen machte, wurde es mir bei dem tagtäglichen Zusammensein und Umgang immer klarer, dass er nicht zu mir passte. Seine Rechthaberei und ein gewisser Eigensinn, die sich durch keine Nach- sieht) durch keinen liebevollen Zuspruch besänftigen liessen, schnürten mir das erst so freudig offene Herz zu- sammen und bewirkten, dass ich mich, durch ihn inner- lich abgestossen, leise in mich selbst zurückzog. Ich zweifelte daran, dass er mich überhaupt je geliebt hatte, geliebt, wie ich ihn liebte und wie es mein Herz von ihm verlangte. Von der Reise heimgekehrt, wurde ich sparsamer mit meinen Zärtlichkeiten, und wir kamen sel- tener zusammen. Eine Trübung war in unser Verhältnis gekommen, und obgleich er mir — spät genug freilich, aber vielleicht, weil er selbst nicht eher völlige Klarheit über sich besass — seine feminine Homosexualität offen- barte, kam es zu einem endgiltigen, wenn auch freund- lichen Auseinandergehen. Ich will über die folgenden Ereignisse in meinem Liebesleben schnell hinweggehen. Arge Enttäuschungen wurden mir zu teil. Ich hatte mich in idealer Schwärmerei der Hoffnung hingegeben, einen Menschen, der der (männ- lichen) Prostitution verfallen war, durch die sieghafte Macht der Liebe in reinere Sphären emporziehen zu können. Die Liebe hätte dies in der That vermocht^ aber sie durfte keine einseitige, nur von mir heiss empfun- dene sein; er, den es zu retten galt, hätte mich wieder lieben, an mir hängen, nach mir sich sehnen, mir willig folgen müssen. Nachdem ich ein halbes Jahr lang Geld Zeit und die ganze Fülle meines Herzens dahingegeben hatte, nachdem ich zwischen Hoffnung und Zweifel, Glück und Schmerzen hin- und hergeworfen worden war, musste ich die bittere Erfahrung machen, dass die Welle, die den — 309 — von mir so innig Geliebten emporgetragen hatte, ihn wieder verschlang. Ich war innerlich gebrochen^ und oftmals, wenn ich mit einem Freunde, der über alles, was mich betrifft, Bescheid weiss und, obgleich selbst hetero- sexuell, doch tiefes Verständnis meinem Wesen entgegen- bringt, zusammenweilte, überliess ich mich unter heissen Thränen meinem Schmerz und fand, vom Freunde auch in diesem Fall begriffen und getröstet, Linderung. Mochte die Welt auch über Menschen meiner Art, mit meiner seelischen und geschlechtlichen Veranlagung die -Achseln zucken und zu allem eigenen Jammer noch das Urteil der Verachtung fällen; hier war eine Seele, die auch in mir den göttlichen Funken erkannte und das Geschöpf Gottes auch dann achtete und mit treuer Freundesliebe beschenkte, wenn es, ohne schlecht zu sein, von der sonstigen Menschen-Norm abwich. „Ohne schlecht zu sein!-* — Es hatte ja eine Zeit gegeben, wo ich mir eingebildet hatte, von Gott Verstössen zu sein, da ich Neigungen in mir trug, die — so rein sie auch mir selbst erschienen — doch von der grossen Masse verworfen oder zum mindesten verspottet wurden. Es war in jener Zeit hinzugekommen, dass mir, der ich mich mangels der Erfahrung bei der Annäherung an einen jungen Mann ungeschickt benommen hatte, wie ich un- begründeter Weise fürchtete, Gefahr drohte. Diese Um- stände gaben von einer Seite den Anstoss dazu, dass ich mich mit meinem ganzen Herzen dem höchsten Helfer in der Not: Gott wieder zuwandte, nachdem ich durch meine natur^vissenschafblichen Studien aus einem einst gläubigen Knaben ein materialistisch denkender Student geworden war. Andererseits war es aber tieferes wissenschaftliches Nachdenken selbst, vor allem die Beschäftigung mit der Erkenntnistheorie und das Eindringen in die Geschichte der Wissenschaften, in den W^echsel und die Umwälzung der Anschauungen und Ideen, die sie darbietet, was mieli — 310 — urieder zum Gottesglauben, ja sogar zur öffentlichen Agitation für denselben bestimmte. — Diese Wandlungen lagen hinter mir, als jener Schlag mich traf. Und so fand ich denn noch anderen als nur menschlichen Trost; die heilende Hand Gottes, der mich — ich fühlte es — nicht verwarf, sondern vielleicht durch Nacht zum Lichte führen wollte, legte sich auf mein zer* rissenes Herz, und es begann zu genesen. Völlig gesund, ja froh aber fühlte es sich erst^ als neue Liebe es erfüllte. Aus der Zeit und den Ereig- nissen, die nun folgten, will ich nur zweierlei heraus- greifen : . ein Gedieht und einen Brief, die besser als die ausführlichste Darstellung zeigen werden, wie es um das Herz eines, wie man vielfach so unschön und unrichtig sagt, pervers Empfindenden bestellt sein kann. Auf der Flucht. (Pliantasie an Herraann.) Der Mond scheint hell, und es saust der Wind; I^ss uns ja^en, süss' Lieb, greschwind, geschwind Durch die Nacht — llbers Feld — in die Weite! Entfliehen lass uns der lauernden Welt, Die mit Neid und Bosheit uns feindlich nmstellt Und sich rilsten möchte zum Streite. Ja, könnte ich kämpfen mit offnem Visier Und frei aller Fesseln — ich bliebe hier Und wollte im Kampfe mich messen. So aber sind ungleich die Kräfte verteilt; Drum lass uns von hinnen ziebn unverweilt Und der Feinde, der Welt vergessen. Die Stunde ist giinstig und alles bereit — Nur fort! eh' der Liebe That dich gereut — Vergiss mir auch Vater und Brtlder! Du gehst ja mit mir, dem dein Leben gehört, Der um dich in Wonne und Leid sich verzehrt — Kine Heimat findest du wieder. — Sil — Drum koflhn, m^ia Liöblidg, und reich' imr die Hand! Gen Osten ist früblich mein Auge gewandt; Komm! 8ich\ wie die Nebel dort brauen! Sie liUllen uns ein, dass uns niemand sieht; Und wenn ihr Schleier die Thäler flieht, Wirst die Sonne der Freiheit du schauen. Der Brief aber hatte folgenden Inhalt: „Es ist fast ein Vierteljahr vergangen, seit wir auf die freundlichste und innigste Art mit einander verkehren. Wir haben uns mit jedem Tage des Zusammenseins und bei jedem Austausch unserer Gedanken und Empfindungen in unserer Eigenart mehr und mehr kennen gelernt; aber ob wir** einander bis auf den tiefsten Grund der Seele erkannt haben? ob wir neben übereinstimmenden Eigen- schaften, die unsere Charaktere zeigen, und neben den guten Anlagen, Neigungen und Regungen in uns auch das Trennende und Unvollkommene gesehen haben? und ob wir imstande sind, dies mit den Augen der Liebe anzusehen ? der Liebe, die alles entschuldigt, alles duldet und auch die Fehler des andern voll Milde, voll Mit- gefühl, voll versöhnlichen und sich innig hingebenden Sinnes umfasst? Sind wir diejenigen, die immer treu, ergeben und aufopferungsfsüiig zu einander halten können, auch dann, wenn trennende und drohende Gewalten sich zwischen uns stellen? Sind wir von der Art, dass wir beide — Du, mein H , und ich — eine Ehe bilden können, die so ist wie die, von denen man sagt, dass sie im Himmel geschlossen sind? Ist unsere Ehe im Himmel geschlossen? Ist sie eine wahre Ehe, in der die Liebe waltet, nichts als sie: die grosse, warme, sonnige Liebe des Herzens? «Du glaubst freilich an den Himmel nicht, glaubst nicht an den, der selbst Geist und Liebe ist, aus dem wir mit unserm Geist und unserm Lieben geschaffen sind. Und doch frage ich Dich, wenn Du sein Dasein auch nicht verstehen noch einsehen kannst: Fühlst Du — 312 — nicht den wunderbaren Hauch, der auftaucht in unserm Innern und uns umfängt, als stamme er nicht aus uns — so gross, so schön, so edel ist, was er wirkt; so gut macht er unser Fühlen, unser Wollen, unser Sinnen und unser Thun — und der dann doch wieder in uns wohnt, als sei er da — in unserm Innern — ganz zu Hause? «Fühlst Du diesen Hauch der Liebe nicht, der aus ewiger Quelle steigt? — Und es ist mehr als ein Hauch : es ist ein rauschender Strom, der uns kosend umspült, wonnig durchwogt. — Ach, mehr als je fühP ich heute mein Herz voll von diesem Strom, mehr als je fühl' ich, dass er wahres Leben giebt. Mein Herz wird so weich und so weit, so milde und so stark, dass ich vor aller Welt es öffnen möchte und den Glanz, der darin aufge- gangen ist, hinausströmen lassen möchte über alle Welt, dass sie erwacht aus ihrer Selbstsucht, ans ihrem Neiden und Hassen, aus ihrem Richten und Verfolgen, aus ihrem kalten Geschäftssinn und ihrer Unversöhnlichkeit. «Liebe, du herrliches Wunder wort, an dir richte ich mich auf. Liebe, du starkes, wonnig-süsses Gefühl, in dir will ich gesunden und gedeihen, in dir sollen alle meine Schmerzen sich lösen, alle meine Wunden heilen. Ich ströme dich hinaus, zaubrische Lebenskraft, ich giesse dich aus über die Lande — aber mannichfache Aufnahme wird dir zuteil gleich dem Samen, der auf mancherlei Acker fällt Und es sucht meine Liebessehnsucht einen Fleck im Weltenall, wo sie Nahrung findet, Nahrung an einem, ach einem blühenden Menschenherzen nur, an einem Herzen, das mich in all' meiner alltagsfremden Schwärmerei versteht; das mitempfindet, was mich be- wegt, und mir, was ich ihm biete, wiedergiebt H , H , was auch kommen mag: lass Dein Gefühl zu mir — dies holde, innige, grosse Wesen, das niemand sieht und das doch so beglückend und so lebenspendend ist — lass es blühen und wachsen und hinüberströmen — 313 — zu mir, dass es mich umrauscht und durchströmt und ich in ihm atme, in Ewigkeits-Ahnungen getaucht, die mehr sind, als die Welt, die unsern Sinnen sich erschliesst, uns bieten kann. «Und wenn Du tausendmal aus Gründen des Denkens nicht glauben kannst: wenn Du solche Liebe in Dir trägst zu mir, wie ich zu Dir, und wenn Du diese Liebe verstehst und sie Dich beseligt, dann trittst Du hinaus über den Standpunkt, der mit der Woge, die wir Men- schenleben nennen, abgeschlossen ist. Du greifst dann ahnend hinüber mit Armen des Geistes aufs weite, weite Meer und in den luftigen, sonnenscheindurchwogten Aether und ein neues Reich umfangt Dich, und wir beide, eng umschlossen, innig verknüpft, schwimmen und schweben in ihm, und über uns leuchtet ein Angesicht, freundlich und schön, hehr und milde, liebreich und gross — das Angesicht dessen, der einst auf Erden wandelte und für nichts anderes sterben musste — da die grobe, ver- steinerte Alltagswelt ihn nicht verstand — als weil er Liebe predigte und Liebe lebte. Mit Feuerzungen möchte auch ich das alte Evangelium von der Liebe als neue frohe Botschaft der versunkenen Welt (versunken in Eigennutz und Härte), den Staaten und den Kirchen, den Ständen und den Einzelnen, verkünden. Dazu aber brauche ich selber Liebe, dazu brauche ich, dass das, wovon ich reden will, nicht verkümmert in mir. Ich hab's in mir, wenn man's auch draussen, wo ein rauher Wind über hartes Erdreich weht, oft nicht verstehen will. Verstehe mich Du, fühle und ahne! Nähre und pflege mit vergebendem Sinn, mit liebreichem Herzen dies Liebesgef tihl ! Es wird, wenn Du solches thust. Dich zufrieden machen, Dir das Bewusstsein geben, das ein Mensch hat, der eine gute That vollbringt. Halte zu mir und bleibe mir treu! Ein Nackender bittet Dich; ein Nackender, welcher friert, wenn Du ihn nicht ein- — 314 — hüllst, ihn, der Dich liebt, in wärmende Liebe. In Ge- danken bei Dir — Dein . . . .• Der, an den diese Zeilen gerichtet waren, verstand mich nicht. Geistig und seelisch konnte er mir — auf die Dauer — nicht genügen. Es kam hinzu, dass auch sein Charakter Mängel aufwies — er zeigte sich unwahr gegen mich und ofienbarte zu wiederholten Malen einen abstossenden Eigensinn — Mängel, die als weiteres trennendes Moment sich zwischen uns drängten. Nach zwei Jahren des Verkehrs gingen wir daher auseinander; und dass die Schuld nicht an mir lag, geht u. a. vielleicht daraus hervor, dass die eigene Familie meines LiebUngs, wie sie es schon vorher gethan hatte und später noch nachdrücklicher that, sich gegen ihn erklärte. — Ich war wieder verwaist. Und nach allen Enttäusch- ungen, die ich erlebt hatte, verlangte mein Herz immer inbrünstiger nach wahrer, selbstlos sich hingebender Liebe eines edlen Menschen, der mich in meinem seelischen Empfinden wie meinem geistigen Streben wahrhaft ver- stand. Aber ehe ich solche Liebe fand, sollte ich eine noch schlimmere Erfahrung machen als bisher. Ich fiel einem Preller in die Hände, wie ich ihn noch nicht kennen gelernt hatte und wie er abscheulicher und gefährlicher kaum gedacht werden kann. Bei Gelegenheit einer Festlichkeit in dem schon ein- mal erwähnten Verein, bei der eine Theater- Auff ührung stattfand, lernte ich einen daselbst beschäfligten jungen Friseurgehilfen kennen, mit dem ich eine Zusammenkunft für den nächsten Tag verabredete. Ich räume ein, dass das unrecht war, denn der junge Mann war nicht so sympathisch, dass ich mich etwa vom Fleck weg in ihn verliebt hätte; indessen: was thun andere, heterosexuelle Männer? Knüpfen nicht auch sie oftmals Bekanntschaften mit jungen Mädchen an, mit denen sie zu verkehren ge- denken, ohne sie heiraten zu wollen? Es kam hinzu, — 315 — daäs mein Inneres seit Monaten leer und verödet war und daher schon Befriedigung empfand, statt der ersehnten Liebe selbst ein geniessbares Surrogat derselben zu finden. Es konnte ja auch sein, dass der junge Mann sich von Charakter so erwies, dass eine grössere, seelische An- näherung möglich wurde. Zum Schluss aber hebe ich her- vor, dass die animierte Stimmung, in die mich der Fest- abend versetzt hatte, nicht wenig dazu beitrug, dass ich kühn wurde und meinem sonst ernsten und innerlichen Wesen selber einen Streich spielte. — Er sollte mir schlecht bekommen. Als wir am nächsten Tage zusammen waren, erkannte ich aus allen Aeusserungen meines Gefährten, dass er nicht zu mir passte. Er war leichtsinnig und gewissen- los, was u. a. aus seinem von ihm selbst erzählten Verhalten gegenüber seinem Schueider hervorging. Wir verabredeten zwar zunächst noch eine weitere Zusammenkunft, aber ich schrieb ab. Nun suchte der Friseur meinen Namen, Stand und Wohnung, die ich ihm nicht genannt hatte, zu erforschen, was ihm auch bei dem Vorsitzenden des oben erwähnten Vereins gelang. Hiemach kam er in Begleitung eines anderen jungen Mannes, den er, die Unwahrheit sagend, als seinen Bruder vorstellte, in meine Wohnung und verlangte von mir, dass ich ihn, da er stellungslos sei, unterstützte. Ich erwiderte, dass ich das nicht könnte. Da berief er sich auf unser Zusammensein mit dem Bemerken, so liessie er sich nicht abspeisen. Weil in diesem Augeublick meine Aufwartefrau kam, die Wohnung zu reinigen, war mir die weitere Verhand- lung im Hause unangenehm, und unter dem Verwände, dass ich fort müsste, verliess ich mit den beiden Genann- ten meine Wohnung und wanderte mit ihnen durch ver- schiedene Strassen. Ich fragte nun noch einmal nach dem Begehr des — 316 — Friseurs^ und als ich unter Darlegung meiner Verhält- nisse eine Unterstützung ablehnte, drohte er, mich ge- sellschaftlich blosszustellen und bei der Polizei anzuzeigen, wenn ich seinem Wunsche nicht nachkäme. Ich verlangte jetzt, dass der Begleiter des Friseurs, der bisher nicht von unserer Seite gewichen war, sich behufs weiterer Erörterungen entfernte, da ich mit ihm nichts zu thun gehabt hätte und ihn überhaupt nicht kannte. Derselbe blieb denn auch einige Male zurück, kam aber immer bald wieder an uns heran. Der Friseur that dann einmal die Aeusserung, dass er, wenn ich ihm kein Geld gäbe, auf der Strasse „ein Theater machen* würde. Schliesslich trennte sich auf meine wiederholte Aufforderung der Be- gleiter des Friseurs endgiltig von uns, und nun bemerkte ich letzterem gegenüber, dass er kein Recht hätte, Geld von mir zu verlangen und dass sein Vorgehen Erpressimg wäre. Er entgegnete, dass, wenn er auch bestraft würde, ihm dies egal wäre; ich würde aber auch bestraft oder, da ich einwarf, dass ich nichts Strafbares begangen hätte, zum mindesten blamiert, und übrigens würde er die Sache schon «schieben.*^ Auf sein weiteres Drängen gab ich ihm, um ihn los zu werden, 5 Mark. Er verlangte, dass ich noch etwas zulegte, und folgte mir dabei, als ich schnell weitergehen wollte, bis ich ihm nach einander noch 1 Mark, 50 Pfennige und abermals oO Pfennige ein- gehändigt hatte. Dann verliess er mich. Mit welchen Empfindungen ich nun nach Hause ging, lässt sich denken. Es war nicht der Verlust des Geldes, der mich schmerzte, sondern das Bewusstsein, in die Hände eines schamlosen und verworfenen Menschen ge- raten zu sein und mit diesem Menschen, wenn auch nur ein Mal, mich gemein gemacht zu haben (wir hatten mutuelle Onanie getrieben). Trübe Ahnungen und Be- fürchtungen durchwogten meine Seele, und wochenlang ging ich gedrückt und scheu diurch die Strassen, stets — 317 — fürchtend, dass ich ihm wieder begegnen würde. Und in der That Hess er sich nach nicht ganz zwei Monaten wieder sehen. Diesmal kam er in Begleitung eines anderen Gefährten, der mit beispielloser Dreistigkeit und Gemein- heit auftrat. Seinem Dialekt nach war dieser ein Kölner, ich will daher diese Bezeichnung wählen, um von ihm zu reden. Als beide an meiner Wohnungsthür geklingelt hatten und ich öfinete, drängten sie sich — der Kölner voran — sogleich an mir vorbei hinein. Auf meine Frage nach ihrem Begehr sagte der Friseur, er wolle Geld. Auf meine Entgegnung, dass ich, wie ich ihm schon früher erklärt hätte, nicht in der Lage dazu wäre, fiel mir der Kölner ins Wort, indem er sagte: „Ach, das ist ja quatsch'* und eine gemeine Beschuldigung gegen mich erhob. Als ich dieselbe ernst und ruhig zurückwies, behauptete der Friseur, dass sie dennoch wahr wäre. Und nun stellte mir der Kölner, der von da ab fast ausschliesslich das Wort führte, vor, dass es für mich besser wäre, wenn ich mich nicht ablehnend verhielte; der Friseur wolle nach Köln, um dort Arbeit zu suchen; ich solle ihm das Reisegeld geben, dann würde ich ihn los. Als ich mich weigerte, drohte er, dass mich der Friseur anzeigen und der öffentlichen Schande preisgeben würde. Ich wies darauf hin, dass beide Erpressung gegen mich auszuüben versuchten, worauf der Kölner dies zugab mit dem Bemerken, dass freilich im Falle einer Anzeige der Friseur ins Gefängnis kommen, ich aber die Blamage haben würde. Ich sollte doch klug und vernünftig sein und eine einmalige Zahlung leisten (das Reisegeld im Betrage von 27,50 Mark), dann wollten sich beide schrifl- lieh verpflichten, mich nicht wieder zu belästigen. Schliess- lich ging ich, um beide loszuwerden, darauf ein. Die erwähnte schriftliche Erklärung sollte ausgefertigt werden. Da verlangte der Kölner statt der 27,50 Mark, damit der Friseur auch zu leben hätte, 50 Mark. Auch darin — 318 — willigte ich ein. Gegen Entgegennahme der Erklärung, die sich aber der Kölner zu unterschreiben weigerte, zahlte ich die verlangte Summe. Nun aber forderte der Kölner auch für sich 20 Mark, da er nicht umsonst mit- gekommen sein wolle. Ich antwortete, dass ich ihn nicht herbestellt hätte, worauf er disse Bemerkung als Quatsch bezeichnete und Skandal zu machen drohte, wenn ich das Geld nicht hergäbe. Ich bequemte mich, um einen hässlichen Auftritt im Hause zu verhüten, auch zur Er- füllung dieser Forderung. Als ich aber, das Portemonnaie in der Hand, dem Kölner die 20 Mark hinreichte, wollte er einen Blick in das Portemonnaie thuu, um zu sehen, wieviel noch darin wäre, wobei er mir sein „Ehrenwort* gab, nichts herausnehmen zu wollen. Ich weigerte mich selbstverständlich, er aber griff danach, während ich es festhielt. Zorn überkam mich, und ich rang mit dem Entschlüsse, der ganzen schimpflichen und mich bis ins Innerste erschütternden Situation durch Gewalt ein Ende zu machen. Aber noch zögerte ich; die Furcht, mich öffentlich blossgestellt zu sehen, hielt mich zurück. Schon begann das Portemonnaie einzureissen, und auf die noch- malige Versicheruiirg des Kölners, sich am Inhalt desselben nicht zu vergreifen, der ich allerdings keinen Glauben schenkte, liess ich los. Und nun entnahm der Kölner dem Portemonnaie den ganzen Rest an grösserem Gelde, im Betrage von 40 Mark. (Ich hatte mir am Mittag desselben Tages 100 Mark von der Bank geholt, um da- von zu leben; zu Hause lasse ich, da ich allein wohne, gar kein Geld.) Ich liess auch dieses letzte geschehen. Hierauf entfernten sich beide. Der Kölner versicherte noch, dass sie nicht mehr wiederkommen und mich be- lästigen wollten, während er andererseits drohte, dass ich wenn ich nach „oben* „pfeifen" würde, «noch 'was er- fahren* sollte. Als sie fort waren, brach ich auf einem Stuhl zu- — 319 — eammen and weinte. Mit derartigen Menschen^ so niedrig und verworfen, m^sste ich zu thun haben, den noch jetzt wie in hoffnnngsfroher Jugendzeit Ideale durchglühten, dessen Brust von dem Streben nach dem Höchsten er- füllt war, was den Geist befriedigen und das Herz be- glücken kann, der sich berührt fühlte von dem Hauch jener grossen Menschenliebe, die in Christus einst rein und vollkommen verkörpert war. — Ich rafite mich auf und eilte, das Innere von Verzweiflung zerrissen, zu meinem — vorher schon erwähnten (heterosexuellen) — Freunde, damit er . meinen Schmerz teilte und ich Be- ruhigung fände. Von anderer Seite aber, der ich mich später gleichfalls anvertraute, wurde mir der Hat, bei abermaliger Bedrängung durch die beiden Preller die Hilfe der Polizei und des Gerichts anzurufen, da ich sonst ein dauerndes Opfer der Erpressung sein würde. Dies that ich denn auch, als nach nicht ganz zwei Monaten der Kölner, diesmal allein, mich abermals in meiner Wohnung aufsuchte. Ich hatte, bevor ich auf sein Klingeln die Thür öffnete, die Sicherheitskette vorgelegt. Er aber setzte den Fuss in die Thürspalte, sodass es mir nicht gelang, die Thür zu schUeas^en, als ich ihn erkannt hatte. Indem er sich nun mit Gewalt gegen die Thür warf, suchte er sie aufzusprengen, was ihm aber nicht gelang, da ich von innen mich ebenfalls gegen sie legte. Ich forderte ihn, auf grund des Hausrechtes, dreimal auf, sich zurücka(uziehen; er aber wich nicht, schlug sogar, als ich ihn mit der Hand zurückzudrängen suchte, mit seinem Spazierstock nach mir, wobei er mich auf die Backe traf, und stiess die gemeinsten Beschuldigungen und wieder- holte Drohungen aus. Als ich ihn mit dem Bemerken warnte, die Polizei rufen zu wollen, erwiderte er, dass er lieber verrecken als weichen wolle. Da entfernte ich mich schnell von der Thür, holte einen mir zur Hand liegenden Pflanzenstecher und fuhr mit diesem durch die — 320 — Thürspalte ihm unter das (lesicht. Er erschrak, sprang zurück, und ich konnte die Thür schliessen. Weit ent- fernt aber, sich nun fortzubegeben, warf er sich zu wiederholten Malen gegen die Thür, so dass ich mich gezwungen sah, ihr durch dauernden Gegendruck Halt zu geben. Dann wiederum klingelte er, verlangte Ein- lass, beschimpfte mich in gemeinen Ausdrücken u. dgl. m. Schliesslich, als er sah, dass er keinerlei Erfolg hatte» verlangte er 1 Mark von mir, um nach Hause fahren zu können. Wenn ich ihm nicht zum mindesten diese gäbe, würde er mir auflauem und mir körperlichen Schaden sowie öffentliche Blamage zufügen. Um der mir,- wie sich denken lässt, äusserst peinlichen Szene auf dem Treppenflur ein Ende zu machen, warf ich die verlangte Mark durch den in der Thür befindlichen Briefeinwurf, und der Kölner ging davon. Was blieb mir nun zu thun? -^ Sollte ich ernstliche Schritte, wie sie mir angeraten worden waren, auch jetzt noch unterlassen, um mich weiteren Verfolgungen preis- gegeben zu sehen ? Würde ich, von Geldverlusten abge- sehen, das moralisch Niederschmetternde, das seelisch Zerrüttende derselben aushalten können? — Oder sollte ich Anzeige machen und mich einer peinvoUen Gerichts- verhandlung aussetzen? O könnten doch die glücklichen Heterosexuellen einsehen, wollten sie wenigstens esglauben, dass auch in der Seele eines homosexuell veranlagten Menschen Schamhaftigkeit, Innerlichkeit und Edelsinn existieren können! Möchten sie begreifen, wie mein Inneres nach den geschilderten Ereignissen verödet aus- sah und wie es aus tausend Wunden blutete. Ich lief zu meinem Freunde, ich rief Gott um Hilfe an — kein Trost; ich fragte mich, ob ich wirklich so verworfen wäre, dass ich dies verdiente. Selbstmordgedanken keimten in meinem Innern. Fort aus der Welt, die mich nicht ver- stehen, meine Eigenart nicht anerkennen wollte! Aber — 321 — ich habe noch für einen Bruder zu sorgen — mich hielt die Pflicht In der That: nuch wir HoniOBezuelien haben Pflichtgefühl ; auch in uns lebt die Uebe eu den Unsern. Und was war, was ist überhaupt mein ganzes Verbrechen? Gehört es nicht gerade ihrem, dem Lebenskreise der Liebe an? Will ich den Menschen denn Böses zu- fügen? Bewegt mich Habsucht, Neid und Bosheit, treibt mich sittliche Verkommenheit, wenn ich sehn- suchtsvoll meine Arme ausstrecke, um einen Menschen liebend zu umfangen? Wie gerne möcht' ich mit all' meinem Fühlen und Können, mit Sorge und Förderung einem nahestehn und angehören, der mich ganz versteht und der auch mir in voller Liebe sich ei^ebt, in einer Liebe, wie sie inniger und edler auch beterosexaelle Dichter nicht schildern können! Und daas dieser eine Mensch, der als Ideal meinem geistigen Auge vorschwebt männlichen G«6cti1ecbts ist — was kann ich dafUr? Hat die Albnutter Natur, die tausend Mannichfaltigkeiten, tausend Uebergänge schafift, die so reich und vielseitig ist, dass sie all' unserer starren Systeme und Klassi- fikationen spottet, hat sie mich nicht (und wie ich meine: bewusst, denn der Geist Gottes lebt in ihr) in den Kreis der Schöpfung gestellt, damit auch ich mich ausleben und ein Glück genieasea kann, das niemandem schadet?! Denn, wenn der andere, den ich liebe, ge- artet ist wie ich, wenn auch er nur durch eine Liebe glücklich wird, die ein Angehöriger des gleichen Ge- schlechts ihm entgegenbringt — warum will man iin» trennen? warum störend zwischen uns trelen".' — — — Ich nehme den Faden meiner Erzäbluug wieder auf. Von meinen Selbstmordgedanken, von denen gepeinigt ich Tage lang wie im wüsten, schmerzlichen Traume um- herging, erlöst, fasste ich den Entscblua^ — niciii weil ich Rache üben, sondern weil ich Notwehr ;;e(' Gefahren gebrauchen wollte — meine hSssl' / — 322 — nisse zur Anzeige zu bringen. — Der Friseur und der Kölner wurden verhaftet, und Sftch längerer Untersuch- ungshaft der beiden kam es zur Verhandlung, bei der die Oeffentlichkeit ausgescUossen wurde. Die Anklage lautete auf Erpressung, Ebrasfriedensbruch, Bedrohung und Dieb- stahl. Nachdem der Staatsanwalt gegen den Friseur 3 Monate, g^gen den Kölner 1^2 Jahre Gefängnis beantragt hatle, zog sich der Gerichtshof zu einer eingehenden Be- ratung zurück, deren Resultat ein Urteil war, das auf ein erheblich höheres Strafmass lautete: Der Friseur erhielt 6 Monate, der Kölner 2 Jahre Gefängnis unter Nichtan- rechnung der Untersuchungshaft. — - Ich nehme von den vorstehend gezeichneten trüben Bildern Abschied und wende mich zum Schlüsse wieder einem erfreulichen zu. Es glückte mir, die Bekanntschaft eines jungen Mannes zu machen, dessen Herzens- und Verstandeseigenschaften mich bestimmten, in innigen Ver- kehr mit ihm zu treten. Aber unter dem Eindrucke alles dessen, was ich erlebt hatte, und nach all' den Er- fahrungen, die mir zu teil geworden waren, konnte ich nicht sogleich jugendft'oh aufjubeln und schwärmerisch mich ihm zu Füssen legen. So gab denn eins der ersten Gedichte, das ich an ihn richtete, wehmutsvollen Fragen, scheuen ' Zweifeln Raum, denen gegenüber ich hoffen möchte, dass jene stets zu bejahen, diese immerdar grund* los seien. Ich setze das Gedicht zum Schlüsse hierher: Gestanden hat dein stisser Mnnd In Worten zart, in sel'gen Küssen, Was bebend ich verlangt* zu wissen In meiner Seele tiefstem Grnnd: Du hast mich lieb! Du willst im Sonnenland Gemeinsam mit mir wandeln Hand in Hand. Und doch — ist eine Frage mir geblieben: Wirst dn mich immer, immer also lieben V Wenn nun ein andrer, jugendschön, Sich drängt in deines Lebens Kreise, — 323 — Wenn in gewinnenderer Weise Er sich dir naht mit lieissem Fleh'n Und fem dann meiner Augen Strahlen sind Und meiner Stimme Klang verweht der Wind: Ist dir auch dann mein Bild ins Herz geschrieben? Wirst du auch dann mich unverbrüchlich lieben ? Und wenn sich eine äussere Macht, Der fremd ist unser tiefstes Wesen, Ereifert, dich von mir zu lösen, Und deine Seele hüllt in Nacht; Wenn uns der Trennung bittrer Schmerz dann droht Und dunkel über uns sich neigt der Tod, Wenn deiner Hoffnung Kraft fast aufgerieben: Willst du voll Treu* mich standhaft weiter lieben? Nimm an, es weicht von mir das Glück, Und Not und Sorge mich umgeben — Zur Qual wird mancher Tag im Leben Und trüb des Herzens Zukunftsblick; Ich aber hab*, seh' ich dein Auge offen. Noch seFgen Trost, noch himmlisch süsses Hoffen — Wird mir alsdann, wenn nichts mir sonst geblieben. Noch voll zuteil dein innig trautes Lieben? Und stehe ich im Kampf der Welt Mit Vorurteilen und Gebresten, Befehdet rings von sichren Festen, Einsam ich selbst auf ödem Feld, Den Sehnsuchtsblick gelenkt zur HimmelshÖh', Das Herz bewegt vom tiefsten Erdenweh' Und, ach, vielleicht von Ort zu Ort getrieben: Kannst du, vertrauend, dann, auch dann mich lieben? o\y/M/^j ^ 21' Ein Fall von EfTemination mit Fetischismus. Mitgeteilt von Lehrer J. 6. F. Mit Abbildung. „Es gehört gewiss ein hoher Grad von Roheit und niedriger Gesinnung dazu'' — sagt Otto de Joux in seinem Buche »Die Enterbten des Liebesglückes" — »ein Indi- viduum wegen einer körperlichen Anomalie, einen Un* glücklichen wegen eines auffälligen, unharmonischen Ge- brechens zu verspotten.* Kein vernünftiger Mensch wird das thun. Bei seelisch Abnormen ist diese Schonung keineswegs allgemein. So merkwürdig es ist^ dass bei den vielen gemachten Entdeckungen, Forschungen und Fortschritten in der Wissenschaft man bis vor gar nicht langer Zeit keine genauere Kenntnis über das Wesen des »dritten Geschlechts" hatte, ebenso erfreulich ist es aber auch, dass die Wissenschaft sich jetzt nicht mehr weigern kann, von den sexuellen Zwischenstufen Kenntnis zu nehmen, dass sich edeldenkende Männer zusammengethan haben, dafür zu sorgen, dass durch Aufhebung von ge- setzlichen Bestimmungen diesen Bedauernswerten ein besseres Dasein ermöglicht werde. Das noch fast uner- schlossene Gebiet der psychosexuellen Anomalien bedarf freilich zum grossen Teil noch der Aufklärung und Er- forschung, was aber besonders erschwert wird, da wohl die meisten psychosexualen Hermaphroditen, die sich — 325 — selbst^ was ihren Charakter anbetrifft, für eine geistige Missgebart halten, über ihren Zustand zu täuschen wissen and selten aus ihrer Reserve treten. Es soll heute nicht meine Aufgabe sein, allgemeine Mitteilungen über die Seelenzwitter zu machen, sondern ich habe die Absicht, das Bild eines mir nahestehenden Urnings zu zeichnen, welcher zu der Gruppe der ausgeprägtesten Effeminierten gehört Wenn Westphal die Bezeichnung konträre Sexual- empfindung eingeführt hat, so will er damit sagen, ,dass es sich hierbei nicht immer gleichzeitig um den Ge- schlechtstrieb als solchen handelt, der eine verkehrte Richtung gewinnt, sondern dass es sich um eine Empfin- dung handelt, dem ganzen Wesen nach dem eignen Ge- schlechte entfremdet zu sein." Es ist in der That auf- fallend, wie mächtig sich bei manchen Homosexualen das weibische Benehmen zeigt. Wie die Neigung, das Weibische anzunehmen und besonders weibliche Toilette zu tragen, den eigentlichen Geschlechtstrieb oft übertrifll, soll nach- stehender Fall, der mir genau bekannt ist, illustrieren. Es handelt sich um einen Mann, der wie Süsskiud Blank und Elise Edwards die Neigung hat, sich so oft er kann, als Weib zu verkleiden und sich nur in weiblicher Toilette wohl fühlt. Dieser Urning ist 41 Jahre alt. Er hat noch eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder. Die Eltern, sowie Geschwister, sind durchaus normal. Es kann nicht mehr festgestellt werden, ob sich in der frühesten Jugend schon Erscheinungen von Homo- sexualität bemerkbar machten. Da er als Knabe öfters krank war, so wurde bei ihm in der Erziehung viel Nachsicht geübt. Mit dem 5. Jahre begann sein Schul- besuch. Infolge guter Begabung waren die Fortschritte erfreulich. Im Alter von etwa 12 Jahren verspürte er in sich den starken Drang, Mädchenkleider anzuziehen. Sobald die Eltern und Geschwister, welche sich mit Acker- — 326 — bau beschäftigten, zu Felde waren — er wusste es stets 80 einzurichten, dass ihm die Beaufsichtigung des Hauses übertragen wurde — verschloss er alle Hausthüren, ging in die Kammer zum Kleiderschrank und zog das schönste Kleid der Schwester an. Entzückt betrachtete er sich dann lange Zeit im Spiegel und wünschte, doch auch ein Mädchen geworden zu sein, damit er immer solche schöne Kleider tragen könne. Sein ganzes Bestreben war, weibisch zu erscheinen und seine Leidenschaft, in Frauenkleidem und mit zusammengeschnürter Taille einherzugehen, war sehr gross. Für Mädchenspiele hat er sich scheinbar nicht interessiert. Bei Knabenspielen, die oft in Wild- heit und Zügellosigkeit ausarteten, trat er gewöhnlich zurück und war lieber Zuschauer als Mitspielender. Be- stellungen auszurichten nach benachbarten Ortschaften, that er nicht gern; am liebsten war ihm der Aufenthalt im Hause. Abgesehen vom Kochen, zeigte er keine be- sondere Neigung für weibliche Beschäftigungen. Da der Gesundheitszustand sich bedeutend gebessert hatte, so bestimmten ihn die Eltern, welche sehr religiös waren, für den Lehrerberuf Er war hierin auch nicht abgeneigt und bekam deshalb zunächst Privatstunden. Wenn er in der Geschichtsstunde hörte, dass einst Euklid, dessen Vaterstadt mit Athen in Streit geriet, sich in Weibei^ kleidung abends heimlich zu Sokrates schlich, so regten ihn solche Stellen gewaltig auf, sovrie Mitteilungen über den Dienst des Herkules bei Omphale und darüber, wie Achilles eine Zeit lang als Mädchen unter Mädchen lebte. Wiederholt hat er solche Stellen im Geschichtsbuche wieder aufgesucht und gelesen. Er machte in seiner Präparandenzeit so gute Fortschritte, dass er noch vor dem 17. Jahre in das Seminar zu H. aufgenommen werden konnte. Da die Arbeit in einer solchen Anstalt so gross und mannigfaltig ist, so fand er kaum Zeit, seine Ge- danken auf andere Dinge zu lenken. Das Intematleben — 327 — war ihm höchst aoan^enehDi^ er hätte lieber allein ge* wohnt; Einsamkeit war ihm das liebste. Nach Beendi* gang des Studiums und nach bestandenem Examen wurde er Lehrer in O. Im Zeugnis hatte er im Betragen: «Sehr gut'^ Nach einem halben Jahre wurde er auf seinen Wunsch nach E. versetzt. Hier traten seine Neigungen^ welche bislang scheinbar geruht hatten, mit grosser Stärke wieder auf. In dem Hause eines Land- schaftsrats, in welchem er Privatstunden gab, sah er auf dem Tische eine Modenzeitung und darin ein Damen- kostüm abgebildet^ das ihn so gewaltig erregte, dass er sich bei einer Buchhandlung die „grosse Modenwelf be- stellte und sich nachher manche Stunde hierin vertiefte. Die «Preussische Lehrerzeitung* gab damals als Beilage «Die Moden für unsere Damen'' heraus. Alle Nnmmem wurden von ihm sorgfältig gesammelt und eingebunden. Modejournale zu studieren ist seine liebste Beschäftigung. Lose Blätter dieser Zeitungen, die dann und wann auf der Strasse liegen, werden aufgehoben und aufbewahrt. Ein Modenbild aus dem Kataloge von Rudolf Herzog in Berlin, enthaltend Abbildungen von Damenkleidem, das er im Strassenschmutze fand, wurde von ihm sauber abgewaschen, wieder getrocknet und seiner Sammlung einverleibt. Dasselbe geschah mit einer Nummer der „Deutschen Zeitung*^ (München), welche zwei Bilder, « Herbst toiletten für Damen*, brachte. Von dem Brust- bilde seiner Photographie hat unser Urning den Kopf abgetrennt und verdeckt damit die Damenköpfe in den Modenzeitungen, so dass er sich dann für den Träger oder für die Trägerin der hübschen Damentoiletten an- sieht. Vergnügen macht es ihm auch, aus illustrierten Journalen die Köpfe von Jünglingen und Männern heraus- zuschneiden und dieselben auf Damenbilder zu kleben, so dass es scheint, als wären es Männer in Damentracht; sein ganzer Sinn ist also auf das Weibischmachen — 328 — gerichtet. Alle möglichen ZeitungsDummern, in denen von als Damen verkleideten Männern berichtet ist, hat er seit vielen Jahren gesammelt und thut es noch bis auf den* heutigen Tag. Ich will hier eine Auslese von den von ihm gesammelten Zeitungsberichten, teils wört- lich, teils kurz zusammengefasst, wiedergeben. Bericht in der Preuss. Lehrerzeitung v. 11. Juli 1879: Eine seltsame Dame. Vor dem Polizei-Richter erschien am 9. d. M. in feinem schwarzen Schleppkleide, dunkelem wollenen Umschlagtuch, mit kokett auf den Kopf ge- stülptem schwarzen Strohhütchen, sehr sauberen weissen Unterkleidern mit Kanten und in untadeligen Lackstiefel- ohen eine Dame, die schon seit Wochen den Tiergarten dadurch unsicher machte, dass sie sich in schamloser Weise Herren aufdrängte. 6ei Feststellung ihres Nationales ergab sich, dass sie der 31jährige Kellner P. sei. . . . Berl. Morgenzeitung vom 26. März 1892. Es wird hierin von der Umingshochzeit des Amerikaners Withney berichtet (vergl. Moll, Das kontr. Sexualgefühl, 8. 192). Preuss. Lehrerzeitung vom 1. Juni 1888.* Es wird mitgeteilt, dass in Berlin die Sittenpolizei 4799 Männer in ihren Listen führt, welche im Verdacht stehen, sich in Weiberrollen zu gefallen oder die thatsächlich schon in weiblichen Kostümen ergriffen worden sind. Preuss. Lehrerzeitung vom 28. Juni 1879. Die Ver- haftung einer höchst elegant gekleideten Dame erregte am 25. d. M. vormittags nicht geringes Aufsehen, zumal die Verhaftete, welche dicht verschleiert war, auch noch durch ihre aussergewöhnliche Grösse die allgemeine Auf- merksamkeit auf sich lenkte. Diese Dame, welche eine schwere seidene Robe mit langer Schleppe, feinem Hut mit weissem Schleier, eleganten Sonnenschirm usw. mit vielem Chic zu tragen wusste, entpuppte sich auf der nächsten Polizeiwache als der Kellner ... Li der ele- — 329 — ganten Toilette wurde die falsche Dame später nach dem Molkenmarkt befördert. Pr. Lehrerztg. v. 2. Juni lö83. In Arnstadt (in Thüringen) starb am Freitag die bisherige Einsammlerin für das dortige Jakobsstifl^ eine 69jährige Person. Erst durch den Tod stellte sich heraus, dass dieselbe von Kind- heit an als Mann in Frauenkleidem gelebt hat. Musste dies Geheimnis bei dem Tod der Verstorbenen wohl ein- mal zu Tage treten, so wird doch voraussichtlich das andere über die Beweggründe, welche die Angehörigen der Heimgegangenen zu diesem von der Geburt derselben an datierten Betrüge bestimmten, wohl für immer in mystisches Dunkel gehüllt bleiben. Berliner Abendpost v. 23. Juli 1890. Es werden hierin Mitteilungen gemacht über die ungarische Tri bade Gräfin Sandor-Vay, deren Bruder der Vater in Frauenkleidern aufwachsen liess. Berl. Morgenztg, v. 7. Nov. 1891. Es wird über eine Hamburger Köchin berichtet, die sich im Krankenhause als Mann entpuppte und seit Kindheit weibliche Kleidung getragen hat. Pr. Lehrerztg. v. 24. Nov. 1893. Es wird hierin mit- geteilt, dass die Vorsteherin des Kinderheims in Kopen- hagen sich als Mann erwiesen hat. Berl. Morgenztg. v. 27. Mai 1891. Gegenüber dem Hause Waterloo-Ufer 17 wurde aus dem Landwehrkanal ein Mann in Frauenkleidern aufgefischt. Berl. Morgenztg. v. 15. April 1892. Zwei , Damen" wurden gestern in der Nähe des Potsdamer Bahnhofes in Lichterfelde von einem Kriminalbeamten beobachtet. Als der Letztere sich der einen, welche in den hinter dem Bahnhofe befindlichen Anlagen einen Herrn ansprach, näherte, ergriff dieselbe die Flucht, wurde aber fest- genommen und in das Amtsgefängnis zu Steglitz gebracht. — 330 — Dort entpuppte sich die Dame als ein in Berlin wohnen- der Handelsmann. Nach seiner Aussage war das andere Frauenzimmer ebenfalls ein Mann und zwar der £ellner M. Beide sind auch in Berlin schon wiederholt in Frauen- kleidern abgefasst worden. Berl. Morgenztg. v. 4. Mai 1892. Durch die Polizei geschlossen wurde am Montag um die Mittagszeit das Schanklokal von Wiebusch, Schützenstr. 55, «der kleine Salvator" genannt. Es verkehrten dort zumeist der Pro- stitution ergebene Männer, von denen viele Frauenkleider zu tragen pflegten. Beiblatt der Berl. Morgenztg. v. 17. Dez. 1893. Mr. James Robbins, Kommandeur der Militärstation in Coopers Mills, Missouri, trägt in seiner eigenen Behausung nur weibliche Bekleidung, und setzt er seinen ganzen Stolz darin, dass seine Kleider bis in das geringste Detail genau der letzten Mode entsprechend und makellos sind. Bock und Taille müssen auf das Perfekteste sitzen und trägt der würdige Kommandeur sogar einen Damenhut! Keine der Frauen in ganz Coopers Mills, sogar die der andern Offiziere, haben eine solche Auswahl an Kleidern, wie er sie besitzt; alle seine Kleider sind vom feinsten Material. £r kauft nur das Beste. Seine weisse Wäsche ist vom feinsten Leinen, mit Plissdes, Einsätzen und feinen Spitzen besetzt. Berl. Morgenztg. v. 28. Febr. 1896: In einem Dorfe Niederbayerns starb dieser Tage eine 83jährige Person, die von Jugend auf als Frauensperson galt, als solche auch gekleidet war und diente. Wie die Donauzeitung nun mitteilt, entpuppte sich die Person jetzt nach dem Tode als Mann. Berl. Morgenztg. v. 24. Oktober 1897. Die Ver- haftung einer elegant gekleideten Dame erregte in der Nähe des Bahnhofes Brandenburg nicht geringes Auf- sehen. Zur Wache gebracht, entpuppte sich die mit — 831 — PItischkleid, seidener Pelerine, Federhut und Schieier be- kleidete Dame ald ein etwa 22 jähriger Mann, der sich als der Handelsmann J. K. vorstellte. Berl. Morgenztg. v. 22. Januar 1898. Ein Mann in Frauenkleidern ist in der Nacht zum Donnerstag zwischen 12 und 1 Uhr in der Nähe des Lehrter Bahnhofes ab- gefasst worden. Einem patrouillierenden Schutzmann fiel die Person namentlich durch ihre Bewegungen auf; er sagte ihr seinen Verdacht auf den Kopf zu und führte sie trotz hartnäckigen Leugnens ab. Die Untersuchung ergab, dass der Beamte B>echt hatte. Hiermit mag es genug sein. Die Sammlung derartiger Berichte unseres Urnings ist sehr umfangreich. Ich will hierbei noch auf eins hinweisen. Unser Seelenhermaphrodit trug sich längere Zeit mit der Absicht herum, nach Missouri zu dem Kommandeur James Robbins, von dem die Berliner Morgenzeitung vom 17. Dezember 1893 berichtet, und welcher jedenfalls auch ein Urning sein muss, zu reisen, um bei demselben in irgend ein Dienstverhältnis zu treten, und um dann auch in Damenkleidem einherzugehen, was jener hoffentlich mit grösster Freude gestattet haben würde. Anfang der 80er Jahre trat unser Urning zu der Tochter eines Nachbars, namens Luise B., in nähere Be- ziehung. Es bildete sich zwischen beiden ein „Liebes- verhältnis**, das einzige, welches er bislang gehabt hat. Vielleicht hatte seine Neigung zu diesem Mädchen darin grösstenteils ihren Grund, dass die Nachbarin ihm zur Vervollkommnung seiner Damenkleidung behilflich war. Schon öfters bei den Zusammenkünften hatte er ihr seinen Wunsch, dass er gerade so wie sie gekleidet sein möge, ausgesprochen, was sie anfangs als Scherz auffasste; auch hatte er ihren Hut wiederholt aufgesetzt und ihren Kleider- rock ausgezogen. — 332 — Wir wollen ihn jetzt selbst erzählen lassen: „Im Herbst 1883 liess ich mir in einem Berliner Damenkleider-Atelier ein brannrotes Kaschmirkleid an- fertigen^ zu etwa 45 Mk. Als ich dasselbe zum erstenmal anzog, hatte ich ein himmlisches Gefühl. Meiner Luise machte ich nach einiger Zeit Mitteilung von meinem neuen Besitz, welche aber ungläubig aufgenommen wurde. Darauf beschloss ich, mich ihr im Damenkleide zu präsen- tieren, und hatte ich dazu in einem benachbarten Gehölze ein Rendezvous bestellt. Der Gedanke an diesen Gang im Frauenkleide regte mich den Tag ungemein auf, und konnte ich den Abend, an dem es recht dunkel wurde, kaum erwarten. Zur bestimmten Zeit schlich ich mich als Mädchen zu dem verabredeten Ort und dachte, was Luise wohl sagen wird, wenn sie dich in diesem Kostüm triffi;. Durch bekannte flötenartige Töne hatten wir uns bei der grossen Dunkelheit bald gefunden und schon zweimal einen Waldweg auf und ab promeniert, als sie stehen blieb, mich genau befühlte und dann verwundert rief: Was hast Du an? Mein Gott, hast Du ein Kleid an? Ein Streichholz wurde angezündet, worauf sie mich dann noch bewunderte. Im abgeschlossenen Zimmer habe ich dasselbe Kleid unzählige Mal angehabt. Beim Mittags- schlafe hatte ich es fast immer an; hing es auch wohl an die Wand, so dass ich mich des Morgens beim Er- wachen an dem Anblick ergötzen konnte. Vom Versand- geschäfl Mey & Edlich-Leipzig liess ich mir einen Unterrock, eine Schürze und Rüschen kommen, welch' letztere ich selbst annähte. Luise schenkte mir nach und nach ein Damenbeinkleid, ein Paar Damenstrümpfe, ein wollenes, blaues Tuch und eine Damenmütze. Da Luise mich öfters auf meinem Zimmer besuchte, so legte ich diese Sachen, wenn mir ihre Ankunft gewiss war, stets an; bin auch mehrmals des Abends mit ihr in Damen- kleidern spazieren gegangen. Bei Geburtstagen beschenkten — 333 — wir uns reichlich. Ich schenkte ihr fast immer ein Kleid und Schmucksachen. Falls sie sich vorher nach meinen Wünschen erkundigte^ so bat ich immer um Damen- kleidungsstücke. Von einem Yersandgeschäft in Wien liess ich mir ein grosses Umschlagtuch senden. Am 15. Februar 1885 reisten wir beiden, Luise und ich, nach Osnabrück zum Photographen, woselbst ich mich in dem mitgenommenen Damenkleide in 4 verschiedenen Stellungen photographieren liess. Luise war mir bei meiner Meta- morphose behilflich. Ihr gehäkeltes, wollenes Tuch legte sie mir um die Schulter, und zum Schluss setzte sie mir ihren Hut auf. Der Photograph sprach seine Verwun- derung darüber aus, dass ich mich ja wie eine wirkliche Dame in den Kleidern bewege, welches Kompliment ich sehr gerne hOrte. Während meiner Aufnahme war Luise in meinen Herrenanzug geschlüpft und liess sich als Herr photographieren. Nach etwa einem halben Jahre kam Luise nacheinander in H., L. und J. in Kondition. Es wurde aber ein reger Briefverkehr unterhalten, wobei ich denn auch jedesmal irgend eine Mitteilung von meiner Neigung erwähnte. Wenn ich einen Brief schrieb, so war ich immer vorher erst in mein Damenkostüm ge- schlüpft, und beschrieb dann auch, wie ich die einzelnen Kleidungsstücke eins nach dem andern angelegt hatte und jetzt als voUständig gekleidete Dame am Schreibtisch sässe und mit entzückendem Gefühl meine Gedanken zu Papier brächte. Bei der Unterschrift meiner Briefe be- diente ich mich gewöhnlich des weiblichen Vornamens Luise; z. B.: Mit herzlichem Grusse verbleibe ich Deine Luise. Bekam ich von ihr Briefe, so wurden dieselben erst dann gelesen, wenn ich wieder im Mädchenkleide steckte. Mein Genuss war gross, wenn sie in den Briefen, was sie oft that, etwas von meiner Neigung schrieb und mir in dieser Beziehung ihren Beifall zollte. So schrieb sie mir — 334 - einst^ dass ich sie doch mal besuchen möchte und be- merkte: ,Wenn es Dir keine Umstände macht, so bitte ich Dich sehr, Deine Damengarderobe mitzubringen. Ich möchte Dich zu gern mal wieder darin sehen. Ja schade ist es, das wir nicht von einer Grösse sind, Du könntest dann gut von meinen Kleidern welche anziehen, und ¥nirden wir dann als ein Schwesternpaar einhergehen." Ein andermal schrieb sie: „Dein Kleid sitzt Dir, wie ange- gossen. Wenn Du Dir noch ein anderes machen zu lassen gedenkst, so nimmst Du gerade so eins, wie meins, und stelle ich Dir zu dem Zwecke mein Kleid zur Verfügung. Du willst auch gern wissen, wie ich über Deine Vorliebe zu Frauenkleidem denke. Ja was soll ich darüber sagen ; bleib' Du aber nur dabei.* Von Lüneburg aus sandte sie mir zum Geschenk ein Korsett; doch habe ich mir später noch ein zweites, eleganteres dazu gekauft. Als sie später in H. war, fragte sie einst kurz vor Weihnachten brieflich an, ob sie den Weihnachtsmann zu mir schicken sollte mit einem Unterrock; das regte mich, da es mir sehr willkommen war, gewaltig auf, und kurze Zeit darauf er- hielt ich ein Packet, in welchem ein gestreifter Unterrock, eine Tändelschürze und eine Küchenschürze enthalten waren. Schon früher hatte sie mir geschrieben, wie ich die Damenkleider anzulegen hätte: ^Die Röcke knöpfst oder bindest Du entweder unter oder über das Korsett>y gerade wie es Dir am bequemsten sitzt. Schade, dass ich nicht herüber kommen kann; wie gern würde ich Dir alles zeigen. Im Jahre 1886 wurde ich nach einem etwa 4 Kilometer entfernten Orte versetzt Da Luise auch bald wieder zu Haus kam, so fanden unsere Zusammen- künftie wieder statt. Waren die Tage kurz, so dass es früh dunkel wurde, so trafen wir uns im Felde, des Sommers im nahen Gehölze. Nicht selten kam ich im Damenanzuge, so dass Luise ausrief: « Schon wieder im Kostüm? Ich ahnte es, dass Du so kommen würdest" — 335 — Einst schrieb sie mir auch: „Sieh zu, liebes Herz, ob es Dir nicht möglich ist^ im Kleide heute Abend zu er- scheinen." Als ich als Mädchen sie eines Abends wieder nach Hause begleitet hatte, schrieb sie mir kurz darauf: , Hoffentlich bist Du gut wieder zu Haus gekommen. Noch immer denke ich daran, wie stolz Du in den Frauen- kleidem einhergehen und Dich wie ein richtiges Frauen- zimmer darin bewegen konntest. Ich finde auch, dass Du, wenn Du nicht ganz so gross wärst^ wohl immer ein solches Kleid tragen könntest*^ Falls es des Abends noch zu belebt auf der Strasse war, habe ich wiederholt die Kleidei zusammengepackt, unter den Arm genommen und mich erst im freien Felde in eine Dame verwandelt. Nicht selten habe ich auch als Dame des Abends allein meine Spaziergänge im Felde gemacht^ wobei ich mich dann wohl auf einen im Acker stehenden Pflug setzte, mich von oben bis unten befühlte und an der faltigen und weichen Gewandung ergötzte. Von Luise, welche wusste, wie sehr sie mich dadurch erfreute, erhielt ich nach und nach ein «CuP^, ein rotes Kleid mit schwarzem PlUschbesatz, eine Jacke, einen Spitzenkragen, eine Damenperrücke, einen resedafarbenen Damenhut mit weissem Schleier, einen schwarzen Schleier und ein wundervolles rotes, geblümtes Kleid mit rotem Sammeteinsatz und mit rotem seidenen Band garniert (vergl. Abbildung). An dem letzten E^leidungsstücke hat sie selbst unter Leitung der Schneiderin mit gearbeitet, und zwar ist das Kleid ganz nach meinen eigenen An- gaben gemacht. Die meisten Sachen habe ich bezahlt. Einiges wollte Luise absolut bezahlen. Rot ist meine Lieblingsfarbe. Gar oft schliesse ich des Tages die Haus- thüren zu, um dann die Kleidungsstücke eins nach dem andern anzulegen. Habe ich dann das rote Kleid an und zuletzt den Hut mit heruntergelassenem Schleier aufge- setzt und eine weisse Batistschürze mit Spitzen vorgebunden, Photograpble eines Urnings. (vgL Seite 335) — 337 — 80 trete ich vor den Spiegel und betrachte mich mit Ent- zücken. Ein so seliges Gefühl, himmlisches möchte ich es nennen, kommt dann über mich, wie ich es nicht zu beschreiben vermag und was mir auch kein Mensch nach- fühlen kann. Ich schwelge in Seligkeit und wünsche nichts mehr auf der Welt. Mit Bedauern, nicht ein Mädchen zu sein, und in dieser Tracht auf der Strasse mich zeigen zu dürfen, lege ich die Sachen dann wieder ab. Für meine Damengarderobe habe ich extra einen Kleiderschrank. Wie manches Mal bin ich doch des Abends, wenn alle Leute hier schon zur Ruhe waren, in die Frauenkleider geschlüpft und habe bis Mittemacht darin gesessen oder an Sommerabenden spät im Grarten spaziert! Lese ich mitunter mal in den Zeitungen, wie Körperhermaphroditen ursprünglich nicht zu dem richtigen Geschlecht, zu dem sie gehörten, gerechnet sind, so dass sie später ihre Tracht wechseln mussten, so wünsche ich, dass man sich auch in mir geirrt hätte und ich jetzt für ein Frauenzimmer erklärt würde; wie wollte ich mich doch schnell in meine neue Lage und Tracht fügen. Wie wollte ich mich freuen, wenn die Behörde z. B. er- klärte: Der N. N. wird hiermit aufgefordert^ da sich herausgestellt hat, dass er weiblichen Geschlechts ist, von jetzt an Damenkleider anzulegen und sich fortan der weiblichen Kleidung zu bedienen. Vor einigen Jahren kaufte ich mir einen photo- graphischen Apparat. Vor das Objektiv machte ich ein Fallbret, welches ich mittelst eines Bindfadens beliebig auf- und niederlassen und so mich selbst photographieren kann. Dies geschieht in der Schulklasse. Vor das Wand- tafelgestell wird mit der Kehrseite nach vorne eine Wand- karte gehängt, so dass ich dadurch den erforderlichen Hintergrund bekomme. Und was wird gemacht? Damen- bilder und[ abermals Damenbilder! Alle möglichen Stell- ungen, sitzend, stehend, von vorne, von seitwärts u. s» w. Jahrbuch IJ 22 — 338 — wurden fixiert Meine 8 Kleider und die andern Sachen genüget mir nicht mehr. Luise lieh mir von ihren Sachen ein grünes, carirtes und ein graues Kleid, dazu ihren Hut; ihr rotgestreiftes Schultertuch, sowie ihre Ohrringe und Brosche. Da mir die Taillen zu klein waren, so zog ich nur die Röcke an, setzte den Hut auf, schmückte mich mit Ohrringen und Brosche und nahm das Tuch um meinen Oberkörper. So wurde ich in Luisens Hülle von mir selbst photographiert. Bei unsem Zusammenkünften nahm ich die Bilder dann wohl mit, um sie zu zeigen. Vor 17« Jahre hatte unser Verkehr ein Ende, weil Luise auswanderte. Ich habe dies nur insofern bedauert, dass ich nun nicht mehr Jemand hatte, die meine Neigung kannte und die mir mit Anschaffung von Damenkleidungs- stücken behilflich war. Die Frauenzimmer reizten mich ja an und für sich durchaus nicht, sondern nur ihre Hülle. Sei es bei Festlichkeiten als Konzerten, Bällen, Volksfesten oder komme ich in eine Stadt, so ist mein Sinn nur auf schöne Damenkleider gerichtet, die ich un- aufhörlich betrachte und manche Trägerin beneide, weil ich es ihr nicht gleich thun kann; ich suche auch wohl die Kleider zu berühren. Die grösseren Damen vergleiche ich im nahen Vorbeigehen wohl mit meiner Grösse und denke, ob mir ihre Kleider auch wohl passen würden. Vor Schaufenstern mit «Damenkleiderstoffen bleibe ich gewöhnlich lange stehen ; noch mehr ziehen mich fertige Damensachen, als Kostüme, Jackets, Unterröcke, Schürzen u. s. M'., an. Beim Beschauen ausgestellter fertiger Damen- hüte habe ich ein unbeschreibliches Gefühl, und wäre es Hochgenuss für mich, wenn ich diesen oder jenen Hut mal aufsetzen könnte. In W., wo ich Anfang dieses Monats (Oktober 1899) mit mehreren Kollegen zur Pro- vinziallehrerversammlung war, regte mich in einem Schau- fenster mit Damenhüten ein grauer Hut mit Federn ge- waltig auf. Jedesmal, wenn wir an dem Laden vorbei* - 339 — kamen, blieb ich einige Schritte zurück, um mich an dem Anblick einige Augenblicke zu erfreuen. Falls ich allein gewesen wäre, so hätte ich mir denselben gekauft. Vorigen Sommer kaufte ich mir in O. einen Schleier und mehrere Kleiderrüschen. Auf einer Keise in die Rheinprovinz sah ich in C. in einem Schaufenster einen prächtigen Unterrock liegen, den ich auch gekauft hätte, wenn er mir nicht zu klein gewesen wäre. Am Tage vorher war ieh in R. und fand auf der Strasse ein Blatt aus einer Modenzeitung, welches das Bild von einem wundervollen Damenkostüm brachte; natürlich ist das Blatt meiner Sammlung einverleibt. Ausserdem besitze ich eine ganze Kollektion von Damenkleiderstoffen in allen Farben. Als ich eine Zeitlang eine Wirtschafterin zur Führung des Haushalts hatte, zog ich mir sehr oft;, sobald sie auf einige Stunden nicht zu Hause war, deren schönste Kleider an und photographierte mich in denselben. Mein Drang zu Frauenkleidem ist mitunter nicht mehr zu ertragen und scheint immer grösser zu werden. Im Sommer 1898 habe ich mir noch folgende Sachen angeschaift. Ein grünes Kleid mit grünem Sammeteinsatz^ ein schwarzes Kleid mit schwarzer Perlstickerei, ein braunes Kleid, ein blaues Kleid mit gelben Brusteinsatz und gelber Schleife am Gürtel und ein graues Kleid mit rotem Tuch- und Sammeteinsatz; ausser diesen Strassen- kleidern noch ein braunes, meliertes Hauskleid, ein helles mit rotem Sammetkragen und ein carirtes mit grünem Sammetkragen, femer ein Damenjacket von schwarzem Krimmer, einen Schulterkragen, zwei Unterröcke und einen Hut Meine ganze Damengarderobe umfasst jetzt: 11 Kleider 4 Unterröcke, 2 Jackets, 1 Schulterkragen, 4 Schürzen 2 Umschlagtücher, 2 Hüte, 1 Paar Strümpfe, 1 Mütze, 4 Schleier, 2 Paar Ohrringe, 2 Korsetts, 1 Damenperrücke, 3 Broschen, 1 Halskette und 1 Medaillon. 22* — 340 — Meine nächste Sorge war stets die, mich in den neu angeschaffenen Sachen zu photographieren. Alle mög- lichen Ankleidungen wurden nun ersonnen und zunächst auf dem Papier vermerkt JDa hiess es z. B. Aufnahme im roteuy blauen^ grClnen Kleide, von vorne, von der Seite, sitzend, stehend; schwarzes Kleid mit Schärpe, rotes Kleid mit Jacket oder mit Schulterkragen, mit Hut und Schleier u. s. w. Ich habe auf diese Weise eine grosse Sammlung von Bildern bekommen, die mich als Dame in den ver- schiedensten Anzügen darstellen. Auch kaufte ich mir einen Kasten mit 24 verschiedenen photographischen £i- weis-Lasurfarben. Mit diesen Farben koloriere ich die Bilder dann, so dass ich mich in Kostümen mit natür- lichen Farben sehe. Mein Album, welches ich mir für diese Bilder extra anschafile, enthält über 200 Porträts. Ich vergleiche dann wohl, ob mir ein rotes, blaues, grünes oder schwarzes Kleid am besten steht In einem andern grossen Buche habe ich Damen- kostümbilder eingeklebt, die ich namentlich aus Katalogen über Damenkonfektion geschnitten habe und die ich, gleich wie die photographischen Bilder, mit den schönsten Farben koloriere. Ein von mir gekauftes Buch: ,Chic, oder Ratgeber für Damen in allen Toilettenangelegen- heiten mit besonderer Berücksichtigung der Farbenwahl", kommt mir bei dieser mir so reizenden Beschäfiagung zu Hilfe. In gleicher Weise, wie vorhin angegeben, ver- wende ich die Farben in einem kürzlich erworbenen Jahr- gange der „grossen Modenwelt ''. Diese Arbeit gewährt mir ein allerliebstes Vergnügen, so dass ich dann ganz mit mir zufrieden bin. Habe ich die Damentracht angelegt, so bekomme ich starke Erektion, die erst dann verschwindet, wenn ich durch Masturbieren Ejakulation veranlasste. Onanie habeich etwa von meinem 25. Jahre an getrieben. Mit der Ejakulation lässt auch der Drang nach den Frauenkleidern etwas — 341 — nach^ so dass ich dieselben gewöhnlich dann nicht so un- gern wieder ablege. Dieser Zustand dauert aber nur kurze Zeit^ worauf dann die alte Neigung wieder auftritt Es geht mir mit der Manneskleidung wie der ungarischen Tribade Sandor Vay es mit den Weiberkleidem ging; ich habe eine unaussprechliche Indiosynkrasie dagegen. Am liebsten verkehre ich in Frauenkleideni mit Damen. Gehe ich über eine schmutzige Stelle der Strasse, so denke ich: Wenn Du jetzt ein Damenkleid anhättest, so müsstest Du dasselbe aufheben und habe wiederholt die Bewegung mit der Hand gemacht^ wie Damen es an solchen Stellen zu thun pflegen." Soweit die Autobiographie unsers Urnings, der in dem Punkte seiner Toilettenkünste ziemlich offen ist. Er wurde das erst, als ich ihm verriet, dass mir sein Zu- stand wohl bekannt sei und dass er nicht allein auf der Welt solche weibliche Eigentümlichkeiten besässe. Ueber letztere Mitteilung war er sichtlich erfreut, worauf ich ihm einige Aufklärung über Homosexualität insonderheit von der Effemination, gab. Als ich ihm gelegentlich das Bekenntnis eines Urnings über seine Neigung zu weib- licher Kleidung vorlas, wie es auf Seite 161 in «Moll, konträre Sexualempfindung'' angegeben ist mit den Worten: «Ich fühle mich in den weiblichen Kleidern so wohl und so glücklich, so ganz h mon aise, wie sonst nie; ich würde, könnte ich solche immer tragen, auf Geschlechtsgenuss immer verzichten u. s. w.*, da wurde er ganz erregt, weil das beschriebene Gefühl ganz mit dem seinigen überein- stimme, und hat er mir hierauf alles, was in diesem Be- richte angegeben ist, selbst mitgeteilt Unser Urning hat seinen Schnurrbart — einen Vollbart trägt er überhaupt nicht — wiederholt abrasieren lassen, ihn doch aber wieder stehen lassen, weil seine Freunde ihn dann den Kaplan nannten. Er tiiLgt denselben jedoch äusserst kurz, wie ein Jüngling, bei dem sich der erste Flaum auf der Ober- — 342 — lippe zeigt. DepilatorieD hat er häufig angewandt^ ja ein- mal 80 stark, dass die behandelte Gesichtspartie wund wurde und er einige Zeit Vollbart, welcher jedoch nicht stark wurde, wachsen lassen musste. Die Kopfhaare hat er stets in der Mitte gescheitelt In seiner Kleidung ist er nachlässig und keineswegs elegant, wohl aus dem .Grunde, weil ihm die Manneskleidung nicht zusagt. Seine Fertigkeit in weiblichen Handarbeiten ist massig, doch hat er eine nicht zu verachtende Stick- und Häckelarbeit fertig gemacht. In Zubereitung der Speisen ist er ge- schickt Kaffee ist sein Lieblingsgetränk, wohingegen er alle Spirituosen meidet Süssigkeiten, als Kuchen, Torten, Pudding u. s. w. isst er sehr gem. Wie er es schon immer gethan hat, so kauft er sich auch noch jetzt Bon- bons, so dass seine Bekannten ihn oft neckisch fragen, ob er wieder am Bollchenlutschen wäre. Seine Stimme besitzt nicht die männliche Tiefe; er singt einen schönen Tenor. Pfeifen kann er gerade so gut, als normalfühlende Männer. Unser Seelenandrogyne ist keineswegs intellektuell schwach; ich möchte ihn fast geistig und körperlich kräftig nennen. Wenn sein Gedächtnis ihm auch nicht mehr so treu ist, als in früheren Jahren, so erinnert er sich doch noch genau seiner Kindheit Memorierstoffe aus seiner Schulzeit sind ihm grösstenteils noch gegenwärtig. Zwar sind seine geistigen Kräfte nicht gleiehmässig ausgebildet, was wohl in der anormalen Beschaffenheit begründet sein mag. Für Mathematik z. B. hat er sich nie besonders begeistert. Für Dichtkunst besitzt er Interesse, hat, wie er selbst gesteht, auch schon Gedichte gemacht, die er jedoch nicht zeigen noch hören lassen will. In Dameu- gesellschafl ist er gerne gesehen, und es ist fast außlillig, wie gern die Damen sich mit ihm in ein Gespräcli ein- lassen. Für Geflügel- und Blumenzucht hat er grosse Vorliebe. Früher war er selbst Geflügelzüchter und war — 343 — sein Name uuter den Facbgenossen gut bekannt. Bei Geflügelausstellungen hat er. mehrmals als Preisrichter iungiert Er selbst hat auch für ausgestelltes Geflügel wiederholt Prämien bekonmien. Vier Diplome hat er eingerahmt in seinem Zimmer hängen. Praktisches Geschick ist ihm in hohem Maasse eigen. Geiilt- Schäften zur Vogelzucht, als z. B. Vogelkäfige hat er sich selbst angefertigt Eine Taschenuhr kann er, nachdem er sie vorher angesehen, auseinandernehmen und richtig wieder zusammensetzen. Auch in der Anfertigung von Lehrmitteln für die Schule ist er geschickt So hat er z. B. eine kleine elektromagnetische Maschine ange- fertigt, welche sehr gut geht Leitungsdrähte hierzu hat er selbst besponnen, obwohl man solche ja billig kaufen kann. Ordnungsliebe und Pünktlichkeit sind ihm nicht abzusprechen. Unser Urning neigt leicht zum Zorn. Eine ihm zu- gefügte Beleidigung vergisst er nicht Ein Geheimnis darf man ihm nicht anvertrauen, da er es nicht für sich behalten kann. Er hat mitunter Anfälle von Schwermut; ist verstimmt, unlustig und missmutig; Tängt leicht an zu weinen. Auch bei geringen Gemütsaffekten, beim Lesen einer edlen That oder eines Zugs rührender Liebe treten ihm sogleich Thränen in die Augen. Es zeigt sich auch hierin sein fast ausschliesslich weibliches Fühlen, sowie sein ganzes Benehmen ein süss- liches genannt werden kann. Er ist mit seinem Zustande im Allgemeinen nicht unzufrieden; er bedauert nur, dass er seiner Neigung ent- sprechend nicht ausserhalb der Wohnung auftreten kann. Sein grösster Wunsch ist nach seiner eigenen Aussage der, wenn er in eleganten Damenkleidem als Gesell- schafterin bei einer einzelnen Dame sein und sich mit dieser über Damentoiletten unterhalten und mit Anfertigung derselben beschäftigen könnte. — 344 — Es ist in der That aufifallend^ wie mächtig sich bei manchen Homosexuellen das weibische Benehmen zeigt und sie trotz der vollständig ausgebildeten Grenitalien dennoch ihr feminines Wesen nicht unterdrücken können. Ich habe, versucht^ das Bild dieses ausgeprägtesten Effeminierten zu zeichnen^ glaube auch, dass es derartige FSÜBj wie hier mitgeteilt^ mehr giebt^ als man annimmt. Da die mit den psychosexuellen Anomalien Behafteten aus gewissen Oründen eine grosse Zurückhaltung über ihren Zustand beobachten, so ist es nicht möglich, eine auch nur der Wahrscheinlichkeit nahe kommende Statistik aufstellen zu können. Auch dem hier geschilderten Lehrer ist es gelungen, seine so ausgesprochene Veranlagung zu ver- bei^n. Nur der erwähnten Luise, seiner Wirtschafterin und dem Schreiber dieser Zeilen hat er Mitteilungen ge- macht Selbst seine Eltern wissen nichts davon. Der bekannte Orientreisende Otto E. Ehlers, welcher in seinem Reisewerke: „Im Sattel durch Indo-China* auch von Konträrsexuellen der Laosstaaten berichtet^ sagt^ dass gerade im Orient sehr häufig Konträrsexuelle anzutreffen sind, 9 und dies wohl nur deswegen, weil man dort wenig oder gar kein Hehl aus dieser Beanlagung machte während in den „Kulturstaaten'', Deutschland obenan, die armen Unglücklichen zu stetigem Versteckspiel verurteilt sind, denn die Bethätigung ihrer Empfindungen wird als Ver- brechen mit öffentlicher Verachtung und schweren Ge- fUnguisstrafen gesühnt. Früher legte man Irrsinnige in Ketten und heute — versucht man krankhaft« Natur- triebe im Gefängnisse zu bessern. O sancta simplicitas!*' Die Bibliographie der Homosexualität fUr das Jahr 1899, sowie Naclitng zu der Blbllegrapliie des ersten Jalirbuciis von Dr. jar. Nrnna Praetoriiis. Einleitung. Die im ersten Jahrbuch von philologischer Seite zum ersten Male aufgestellte, verdienstvolle Bibliographie der Homosexualität konnte bei der ungeheueren Masse des Materials und den grossen Schwierigkeiten eines ersten Versuchs unmöglich auf eine Besprechung der einzelnen Werke sich einlassen. Da die folgende Bibliographie nur die während des Jahres 1899 erschienenen,'*') sowie die in der voijährigen Bibliographie übersehenen, dem Verfasser bekannt ge- wordenen Schriften aus früheren Jahren umfasst, war ein £iugehen auf den Inhalt durchführbar und angezeigt. Die Schriften des Jahres 1899 sollen genau besprochen, diejenigen aus früherer Zeit, soweit möglich, wenigstens kurz charakterisiert werden.**) Die gewählte Einteilung namentlich in Schriften von Medizinern und Nicht-Medizinern mag vielleicht gewissen Bedenken unterliegen imd wäre wohl bei einer ab- schliessenden Gesamtbibliographie nicht angezeigt. Für den Zweck dieser Teilbibliographie schien sie jedoch am sichersten eine feste Klassifizierung zu ermöglichen. *) Einiffe erst seit Beginn des Jahres 1900 erschienene Sohriflen chi sind auch schon besprochen. *•) Verfasser bittet lüle Personen, den möglichst genanen In- halt aller ihnen bekannten Schriften oder Stellen Über Homosexualität, die weder in dieser noch in der vorjährigen BibUographie erwähnt sind, Herrn Dr. Hirschfeld oder dem Verleger Herrn Spohr gefälligHt mitzateUen, damit die Bibliographie in den nächsten JahrbÜche n fortgeführt und vervollständigt werden kann. Inhaltsangabe. . I. Abschnitt. Die Schriften des Jahres \899. Kapitel 1: Wissenschaftliches. § 1: Schriften der Mediziner. Fuchs : „Therapie der anomalen vita sexaalis bei Männern mit spezieller Berücksichtigung der Saggestivbehand- lung." (Stuttgart: Enke.) Kautzner: ^Homosexualität*' in Heft 3 Archiv für Kriminalanthropologie von Gross. Bd. II. Moll: „Die konträre Sexualempfindung**, 3. Aufl. (Fischers Medizin. Buchhandlung, Berlin 1899). Moll: »Die widernatürliche Unzucht im Strafgesetzbuch in der „Gesellschaft" von Conrad und Jacobowski. I. Aprilheft 1899. Näcke: «Kritisches zum Kapitel der normalen und patho- logischen Sexualität* im Archiv für Psychiatrie und Neurologie. Heft 2, Bd. 32. Neugfebauer: «50 Missehen wegen Homosexualität der Gatten und einige Ehescheidungen wegen .Erreur de sexe* im Zentralblatt für Gynäkologie (Heraus- geber Pritsche) Nr. 8, G. Mai 1899. Schaefer: ^Die forensische Bedeutung der konträren Sexualempfindung'' in der Vierteljahrsschrift für ge- richtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen. Dritte Folge Heft 2, Bd. 7, 2. Heft. Scholta: «Zur Frage der konträren Sexualempfindungen* in der «Neuen Gesundheitswarte'* Nr. 9 und 10. — 347 — Schrenk-NotziAj^ : , Beiträge zur forensischen Beurteilung von Sittlichkeitsvergehen mit besonderer Berück- sichtigung der Pathogenese psychosexueller Anomalien *^ im Archiv für Kriminalanthropologie von Gross. Hefte 1 und 2, Bd. I. Schrenk-Notzing': «Zur suggestiven Behandlung der kon- trären Oeschlechtsempfindung*' im Zentralblatt für Nervenheilkundc und Psychiatrie von Sommer und Kurella. Mai- und Juliheft 1899, Nr. 112 und 114. Wollenberg: „Ueber die Grenzen der strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit bei psychischen Krankheits- zuständen". Vortrag, mitgeteilt im Neurologischen Zentralblatt von Mendel 1. Mai 1899, Nr. 9. § 2: Schriften der Nicht-Mediziner. (Juristen, Etliiker, Philosophen etc.) Anonym (ein höherer Richter): „Eros und das Brcichs- gericht". (Verlag: Spohr, Leipzig.) Anonym: «Die homosexuelle Frage vom Standpunkt der Humanität und Gerechtigkeit aus betrachtet*^. (In Belgien als Manuskript gedruckt.) Anonym: Laster oder Unglück? oder Besteht der§ 175 des deutschen Reichsstrafgesetz- buches zu Recht? Eine Gewissensfrage an das deutsche Volk von einem Freunde der Wahrheit. (Verlag: Spohr, Leipzig.) Anonym: Soll § 175 R. Str.-G.-B. bestehen bleiben? (Leipzig, Druck von Emil Freter.) Anonym: Widerlegung der Gegenpetition zwecks Aufrechterhaltung des § 175 Str.-G.-B. Asmus, Martha: , Homosexuell* in »Magazin für Literatur des In- und Auslandes*, 2. Dezember 1899. Fuld, Ludwig: , Welche Mittel sind zur Repression der Er- pressung anzuempfehlen". (Als Manuskript gedruckt.) — 348 — Gaulke, Johannes: „Das homosexuelle Problem* in Magazin für Literatur des In- und Auslandes, 14. Oktober 1899. Gerllng^ Keinhold: Die verkehrte Geschlechtsempfindung und das dritte Geschlecht. (Verlag: Wilh. Möller, Berlin 1900.) Gross, Hans: Besprechung von MoUs konträrer Sexnal- empfindung in Archiv für Kriminalanthropologie von Gross, Heft 2, Bd. IL Gross, Hans:. Besprechung des L Jahrbuchs im gleichen Archiv, Heft 4, Bd. H. Günther, Reinhold: „Kulturgeschichte der Liebe*. (Ver- lag: Carl Düncker, Berlin 1900.) Jentsch, Karl: , Sexualethik, Sexualjustiz und Sexual- polizei*. (Verlag: .Die Zeit*, Wien 1900:) von KupffQr, Elisar: „Die ethisch-politische Bedeutung der Lieblingsminne* in der Zeitschrift von Brand „Der Eigene*, 1. und 2. Oktoberheft 1899, Nr. 7. Studie über die Sakalaven auf Madagaskar in «Annales d' hygifene et de m^decine coloniale"* (Letzte Nummer des Jahrgangs 1899 oder erste des Jahrgangs 1900.) Thal, Wilhelm: „Der Roman eines Konträr-Sexuellen* mit einer Einleitung von Raffalowioh, Marc-Andr^: „Der Uranismus*. (Verlag: Spohr, Leipzig.) von Wächter, Theodor: .Ein Problem der Ethik*, ,Die Liebe als körperlich -seelische Kraftübertragung". (Verlag: Spohr, Leipzig.) — 349 - Kapitel 2: Belletristisches und Varia.*) Brand, Adolph: „Der Eigene", Zeitschrift (Berlin-Neu- rahnsdorf) sämtliche Nummern. de Gourmont, Remy: «Le SoDge d'une Femme*, Roman im ,Mercure de France", Oktober- und November- heft 1899. d'Herdy, Luis: .Monsieur Antinous et Madame Sappho*, Boman (Verlag: Girard, Paris). d'Herdy, Luis: „UHomme-Sirfene", Boman (Verlag: Girard, Paris). Pierron, Sander: .Le mauvais chemin du bonneur**, Novelle in „Mercure de France*, Juliheft 1899. von Platen, Graf August: Tagebücher, Bd. II. Heraus- geber Laubmann und Scheffler (Verlag: Cotta, Stuttgart). Rebell , Hugues : ,La Bataille pour un Mort* seines Bomaines: Novelle in „Mercure de France*, November- heft 1899. Rebell, Hugues: «La Cftlineuse", Boman (Verlag: Bevue blanche, Paris 1900). U. Abschnitt. Vor dem Jahre 1899 erschienene, in der vorjährigen Bibliographie nichterwähnteSchriften. Kapitel 1: Wissenschaftliches. § 1: Schriften der Mediziner. § 2: Schriften der Nicht-Mediziner. Kapitel 2: Belletristisches. *) Varia bezieht sioh auf Platens Tagebücher, die nicht zur Belletristik zu zählen sind, ebenso wenig aber unter Kapitel 1 § 1 aufgenommen werden konnten. I. Abschnitt Die Schriften des Jahres 1899. Kapitel 1: Wissenschaftliches. § 1: Schriften der Mediziner. 1) Dr. Fuchs : Arzt am Sanatorium Purkersdorf (Wien) — offenbar Schüler von Kraffib-Ebing — veröffentlicht «Therapie der anomalen vita sezualis bei Männern mit spezieller Berücksichtigung der Suggestivbehandlung* (Stuttgart^ Enke, 1899) — die einzige im Jahre 1899 in Buchform erschienene rein medizinische für die Homosexualität bedeutsame Schrift. Das Buch beschäftigt sich, wie der Titel besagt^ nicht ausschliesslich mit der konträren Sexualempfindung. In der Einleitung verlangt Fuchs für die Sexual- Perversen, welche strafbare Handlungen begehen (er meint wohl andere Delikte als die des § 175) Intemierung in besondere Anstalten zwecks Behandlung und Heilung. Der Beginn des «allgemeinen Teiles* enthält einige all- gemeine Bemerkungen über sexuelle Perversionen, aus welchen besonders das Anerkenntnis von Fuchs hervor- zuheben ist, dass konträre Sexualempfindung meist ererbt sei, sowie dass oft ein anomaler Körperbau bei Urningen vorkomme. Er sagt wörtlich: «Kann man auch z. B. bei den psychischen Anomalien der Androgjnen über Erbe oder Erwerbung streiten, so kann man dies doch nicht — 351 — bei dem Körperbau' dieser „koDträren xdi sSoxr^v.'^ Es beweisen solche PhänomeDe ferner^ dass die konträre Sexaalempfindung als psychische Qualität keine Bildung darstellt, welche ausserhalb des Planes und der Möglichkeit der schaffenden Natur liegen würde.* Kapitel 1 behandelt dann die Therapie der Mastur- bation, Kapitel 2 die bei abnorm gesteigerter Anspruchs- fähigkeit des Ejakulationszentrums. Die Regelung der Lebensweise, des Essens, Trinkens, der Arbeit u. s. w., sowie die Anordnung von Wasserprozeduren und Medi- kamenten werden genau besprochen. In Kapitel 3 folgen Angaben über die hypnotische Methode und ihre Anwendung, femer über die nach ge- lungenem Heilverfahren einzuschlagenden Massnahmen (Verehelichung, Begelung des Gesohlechtsverkehres). Im zweiten Teil giebt Fuchs 30 Krankengeschichten von Patienten, die hypnotisiert wurden. Darunter befinden sich 4 Fälle psychischer Hermaphrodisie und 12 von konträrer Sexualempfindung, wovon 1 bezw. 3 zugleich mit Sadismus kompliziert. Darunter sollen gebessert worden sein: 2 Fälle psychischer Hermaphrodisie und 5 von angeborener kon- trärer Sexualempfindung, geheilt: 2 Fälle psychischer Hermaphrodisie, 2 von angeborener und 1 von erworbener konträrer Sexualempfindung. Die 4 übrigen Fälle, sämt- lich angeborener konträrer Sexualempfindung, seien un- geheilt geblieben. 2) Dr. Kautzner (Graz) : »Homosexualität" inHeft 3 des 2. Bandes des ,, Archivs für Kriminalanthropologie** von Gross, welches unter Andern namentlich auch den Fragen der Homosexualität gewidmet sein soll. Zunächst ein Bericht über den Fall eines öffentlich in flagranti bei Begehung homosexueller Handlungen mit einem Arbeiter ertappten Landarztes. An die Angaben — 352 — Über das aDgebliche Vorleben des ÄDgeklagten schliesst sich ein Gutachten über dessen Geisteszustand, in welchem Kautzner sich auch ganz allgemein über die Homosexualität ausspricht. Nach Kautzner sei der Gerichtsarzt am besten in der Lage, über die Homosexualität sich zu äussern, da er meist gesunde Homosexuelle zu untersuchen habe. Kaptzner neigt der Auffassung Cramers zu (vgl. Berliner Klinische Wochenschrift 1897, Nr. 43 und 44), wonach die Homosexualität keine pathologische Erschei- nung, sondern meist ein Laster sei. Viele Homosexuelle seien es erst geworden durch Verführung. In der Verführung junger, scheuer, unerfahrener Burschen, deren Triebe in falsche Bahnen gelenkt würden, läge die Gefahr der Straflosigkeit homosexueller Hand- lungen. Allerdings dürfe es der Gerechtigkeit entsprechen, nur Verführung Minderjähriger und solche Handlungen, die mit Gewalt oder öffentlich begangen seien, zu be- strafen. Nach Ausscheiden der wahren Geisteskranken, der typischen Degenerierten und der ausgesprochenen Wüst- lingen fände sich eine Klasse Homosexueller mit gewissen gemeinsamen Eigentümlichkeiten, so dass Manches für die biogenetische Auffassung der Homosexualität zu sprechen scheine. Jedoch sei auch bei dieser Klasse anzunehmen, dass Erziehung, Umgang, Verführung, äussere und innere Umstände erst die Anomalie hervorgebracht hätten. Die Homosexualität sei weder angeboren noch organisch bedingt noch auch unbezähmbar. Ebenso gut als viele Normale ihre Triebe unter- drücken müssten, ebenso gut sei dies von den Urningen zu verlangen. Sie sollten &dch von ihren Trieben eman- zipieren. Auch in den Spezialfall des Angeklagten spräche nichts für eine Un¥riderstehlichkeit des Triebes. — 333 — Das Gutachten geht ganz oberflächlich über die Ent- stehungsursachen der Homosexualität und ihre organischen Bedingungen hinweg und ermangelt jedes tieferen Ein- dringens und Erfassens des Problems. 3) Dr.Holl,Albert: Die konträre Sexualempfind- ung. (Berlin 1899). Fischers Medizinische Buchha|idlung. 3. teilweise umgearbeitete und vermehrte Auflage. Da es sich nicht um ein neues Werk handelt, so ist eine eingehende Inhaltsangabe dieses im Jahre 1891 zum ersten Male veröffentlichten, mustergiltigen Buches hier nicht am Platz. Bei der hohen Bedeutung dieses als das wichtigste Ereignis des Jahres 1899 in der Litera- tur über die Homosexualität zu betrachtenden Werkes und seiner wesentlichen Umarbeitung und Vergrösserung (1. Aufl. 266 S. 3. Aufl. 583 S.), darf aber eine wenigstens allgemeine Besprechung dieses Buches an dieser Stelle nicht fehlen. MoUs „konträre Sexualempfindung*' bildet immer noch und gerade in der neuen Oestaltung den Gipfel- punkt des Studiums der Homosexualität und stellt eine völlige Encjclopädie Alles dessen dar, was bis zum Spät-- jahr 1898 über das betreffende Gebiet geschrieben und erforscht worden ist. (Seit der Drucklegung von Moll's Buch ist allerdings wiederum manches Interessante er- schienen, was Moll nicht mehr verwerten konnte.) Moll hat wohl die gesammte wissenschaftliche Literatur vollständig berücksichtigt und ein erstaunliches Quellen- material gesammelt; (nur die belletristische Literatur ist — dem Charakter des Werkes gemäss — ein wenig spär- lich vertreten.) Die reiche, persönliche Erfahrung Molls befähigt ihn, nicht nur wie kein Anderer das gesamte bunte Material in selbständiger Weise zu verarbeiten und Alles in das richtige Licht zu stellen, sondern überhaupt das Jahrbueh n. 23 ^ — 354 — fehlem der Homoseziulität seiner d^nitiven i scbaftlichen Lösang entgegen za ftihren. Medizinisches, Juristisches, Psychologisches, Soxiales, Geschichtliches, Alles ist mit gleicher Sorgfalt and gleichem Verständnis besprochen. Wemn anch der medizinische Standpunkt eelbstverständlich etwas . schärfer hervortritt, herrscht doch überal) eine geradezu bewundemogswürdige, manchem anderen Gelehrten anzuempfehlende Objektivi- iät des Urteils, welche die verschiedensten Seiten einer Frage nach allen Richtungen hin erörtert und das ge- samte Für und Wider der schwierigeu Materie in echt wiasenscbaftlichem Geiste prüft. Wie die 2. Auflage, so enthält auch die 3. Auflage Autobiographien, — und xvrar ziemlich zahlreiche — die in der 1. Auflage fehlten. Die Ergebnisse der .Libido sexualis" von Moll, werden verwertet: Die Einteilung des Geschlechtstriebes in Detumescenz- und Kontrektationstrieb; das Eingeboren- sein der normalen und anormalen Reaktionsfähigkeit. Die Theorie von der in der bisexuellen Anlage des Foetus zu erblickenden Ursache der Homosexualität, wird für wahrscheinlich gehalten.*) Das Kapitel über tlie psychische Hermapbrodisie ist — seinem häufigen Vorkommen in der Wirklichkeit ent- sprechend — vermehrt; ganz bedeutend erweitert ist der Abschnitt über die Homosexualität beim Weibe. (1. Aufl. 19 S. 3. Aufl. 81 S.) Erheblichen Zuwachs haben die Erörterungen tlber die Homosexualität in der Geschichte erfahren; femer >ind eine weit grössere Anzahl historischer Urning«, teil- *) Seithrr hftt insbesondere auch Dr. Hirechfeld In dem J. Jahr- liiLcl): in seiner Objektiven Diairnose der UomosexnalitiU diese Auf- I jiasuD^ entirirlcett, die llirsohft'ld llbrigens schon 18% in seiner nnter rJi'U] PseiidoDym Dr. Kuiuien im Verlag Spolir erKhieaeoea SofarUt .Sfl|ipho nnd Socrates' vertreU^o hatte. \ — 355 — weise ziemlich eingehend besprochen, so namentlich Friedrich der Grosse, auch einige sehr interessante poetr ische Citate finden sich vor so z. B. aus Göthes Faust und west-östlichem Divan, aus Piron u. s. w. Bei der Prüfung der Homosexualität gewisser grosser Männer geht Moll in seiner Objektivität fast zu weit und legt sich fast allzu grosse Zurückhaltung in seinen Schlüssen auf, so z. B. kann bei Platen seit Erscheinen seines un^ gekürzten Tagebuches (wovon Moll allerdings vielleicht nur die Einleitung von Scheffler im Jahre 1898 kannte) kein Zweifel über seine Homosexualität mehr bestehen. Dem Werke MoUs ist noch ein Anhang beigefügt : Ein von den Sittlichkeitsvereinen eingefordertes Gut- achten «über den Wert der Keuschheit für den Mann/* ein Muster gesunden Blickes und praktischen Sinnes welches eine Reihe dem modernen Bewusstsein ent- sprechenden^ von Selbsttäuschung^ Lüge und Heuchelei freien^ echt mororalische Anschauungen enthält. Wenn trotzdem die Sittlichkeitsvereine sich geweigert haben^ dies Gutachten ohne Aenderungen zu veröflPentlichen, so haben sie auch hier wiederum, ebenso wie in der Frage der Homosexualitöt'*') nur ihren voreingenommenen, das Licht der Wissenschaft scheuenden Geist bewiesen. 4) Dp. Moll, (Berlin): Die widernatürliche Un- zucht im Strafgesetzbuch. Unter diesem Titel bringt Moll in der Halbmonatszeitschrift »Die Gesell- schaft* von Conrad und Jacobowski L Aprilheft 1899 einen gemeinverständlichen, für den gebildeten Laien ge- schriebenen Aufsatz. Von der Wandelbarkeit der Sitten und Gesetzen je nach Zeiten und Orten ausgehend weisst Moll zunächst *) Z. vergl. die Gegenpetition ; ferner in dem wissenschaftlichen Fachorgan der deutschen Sittlichkeitavereine Römer in Heft 1, Ho ff mann in Heft 4 (Berlin 1892) mit ihrem die vorgefasste Meinung verratenden, unwissenschaftlichen Ton. — 356 — auf die Anschauungen der alten Griechen über gleich- geschlechtliche Liebe hin, welche gerade diese Liebe in jeder nur denkbaren Weise gepriesen hätten. Nach kurzer Erläuterung des Wesens der konträren Sexualempfindung als eines wirklichen auf den Mann statt auf das Weib gerichteten Triebes und Besprechung der bestehenden Gesetzgebungen über widernatürliche Un- zucht^ wird Aufhebung oder wenigstens Abänderung des § 175 für wünschenswert gehalten. Die Frage nach der Entstehung des homosexuellen Empfindens wird gestreift und eine eingeborene Dis- position in einer Reihe von Fällen als erwiesen angenommen. Entartungszeichen kämen öfters bei Homosexuellen vor, bei Manchen sei dagegen keinerlei Krankheitssymptom zu finden; trotzdem sei die konträre Sexualempfindung schon an und für sich als etwas Krankhaft;es zu betrachten. Die angeblichen Gründe für Beibehaltung des § 175 werden sodann widerlegt und namentlich das absolut Un- logische des Paragraphen betont; die Züchtung des Er- pressertums in Folge des § 175 wird hervorgehoben. § 175 sei au&uheben oder aber man müsse auch alle andern unnatürliche Befriedigungsakte, namentlich die zwischen Mann und Weib, bestrafen. 5) Dr. Näcke, (Hubertusburg): „Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen Sexualität*^ in dem Archiv für Psychiatrie und Neurologie, Bd. 32, Heft 2. Bedeutsamer Aufsatz. Mit Recht stellt Näcke an die Spitze seiner Aus- führungen die Forderung, dass vor Allem die Entstehung des normalen Geschlechtstriebes studiert werden müsse und weisst auf die Untersuchungen Molb in dieser Richtung hin, dessen Einteilung in Detumescens- und Contrectationstrieb er billigt Nach eingehenden Aus- lassungen über die hier nicht näher interessierenden Polhitionen, Onanie unddie selten vorkommenden Fälle von — 357 — Tagträumen uud Narcismus wendet sich Näcke zur Homo- sexualität. Hoches'*') Auffassung von der Häufigkeit gleich- geschlechtlicher Akte in Pensionaten wird als stark über- trieben bezeichnet Im Gegensatz zu Hoche erkennt Näcke die Wichtig- keit der wahren Homosexualität an. Ihre Entstehung auf der Grundlage der bisexuellen Anlage hält Näcke für durchaus möglich. Die zweifellos vorhandene ursprüngliche physiologische Bisexualität mache auch ein psychisches bisexuelles Zen- trum wahrscheinlich. Durch Vererbung oder Störung in der Fötalentwicklung könne die bisexuelle Anlage be- stehen bleiben oder nur die dem eigenen Geschlecht ent- sprechende zur Entwicklung kommen. Vererbt sei aber stets (wie dies auch Moll betont) nur die homo- oder heterosexuelle Reaktionsfähigkeit^ nicht der anatomisch- physiologische Vorgang. Die Homosexualität könne aber auch^ wie Schrenk- NotzingundF^r^ für alle Fälle annehmen, auf psychischem Weg entstehen in Folge Association, diese Entstehungsart setze aber auch, wie dies Schrenk-Notzing selbst zugäbe, krankhafte Disposition voraus; deshalb sei der Unter- schied zwischen der Theorie der angeborenen Reaktions- fähigkeit und der anomalen Association nicht sehr bedeutend. Neben der frühzeitigen Homosexualität gäbe es eine später eintretende, die meist Laster sei. Zur Erforschung der wahren Natur der Sexualität und der Entstehung der Homosexualität sei die sicherste Diagonostik aus dem Traumleben zu ziehen. *) Z. vgl. Hoche: Zur Frage der forensischen Beurteilung sexueller Vergehen in Mendels Neurologischem Zentralblatt 15. Jan. 1896 tmd die anonyme Entgegnung von D. M. (Numa Prätorius in Friedreichs Blättern fllr gerichtliche Medizin. 1896. Heft VI.) _ 358 — Bezüglich des Verhältnisses der Degeneration zur Homosexualität äussert sich Näcke mit Vorsicht. Unter den Homosexuellen seien wirklich Degenerierte im gewöhnlichen Sinne des Wortes nur Wenige zu finden. Bei Denjenigen aber, die infolge krankhafter Disposition frühzeitig eine primär zwingende Association in der Rich- tung des eigenen Geschlechts erwürben, dürften auch sonstige Stigmata anzutreffen sein. Aber es gäbe auch Viele, welche die ursprüngliche Schwäche des Geistes und des Körpers überwunden hätten und bei denen nur noch der anomale Trieb übrig geblieben sei. In der anatomisch bedingten Homosexualität sei jedenfalls nur eine Variation des Geschlechtstriebes zu er- blicken, Annahme von Atavismus müsse abgelehnt werden. Zum Schluss wird auf die Homosexualität in Griechen- land hingewiesen und als zweifelhaft hingestellt, ob sie mehr erworben oder mehr angeboren, ob sie häufiger als heute gewesen ist; endlich wird die Aufwendung des §175 unter allen Umständen gefordert: teleologische, teologische, ästetische Rücksichten seien nicht massgebend. Homo- und Heterosexualität seien gleich zu behandeln. Diese Inhaltsangabe dürfte die Bedeutung des Auf- satzes erkennen lassen. Die anatomische Basis und das Angeborensein der Homosexualität, die geringe Bedeutung zwischen Associationstheorie und Theorie des Angeboren- seins, die häufige Ueberschätzung der Degeneration bei der Homosexualität, die Homosexualität oft nur eine Variation des Geschlechtstriebs, endlich die Forderung der gleichen Behandlung der Hetero- und Homosexualität sind Sätze, welche von einen so kritischen und vorsichtigen Psychiater wie Näcke aufgestellt, auch auf die meist mit dem Studium der Homosexualität wenig vertrauten Gegüer Eindruck machen und zu einer allgemeinen richtigen Würdigung der Homosexualität beitragen dürften. — 359 — 6) Dr. Neugebauer (Warschau) bringt unter der Ueberschrift: „50 Missehen wegen Homosexualität der Gatten und einige Ehescheidungen wegen «Erreur de sexe" in dem Zentralblatt für Gy- näkologie (herausgegeben von Fritsch^. Bonn) Nr. 18, 6. Mai 1899, eine Casuistik von 50 Fällen physischen Zwittertums^ darunter 46 männlichen, 3 weiblichen Schein* zwittertums. Es handelt sich in allen Fällen nichts wie der Titel besagt, um eigentliche Homosexualität d. h. um das auf das eigene Geschlecht gerichtete Geschlechtsgefiihl bei völlig einseitig entwickelten Geschlechtsorganen, son- dern um zweifelhafte physische Geschlechtsorgane. Doch zeigt die Casuistik deutlich, wie in der Natur eine Kette allmäliger Uebergänge des Physischen zum Psychischen und umgekehrt existiert 7) Dr. Schaefer (Longerich) ,Die forensische Be- deutung der konträren Sexualempfindung* in der , Vieteljahrschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen*^ von Schmidt- mann und Strassmann (Berlin: Hirschwald) dritte Folge 7 Bd. 2. Heft 1S99 2. Heft. Auch Schaefer geht von der Petition aus; er be- kämpft zunächst die von Gramer in der Berliner klinischen Wochenschrift 1899 Nr. 43 und 44 niedergelegte Auf- fassung als ob die konträre Sexualempfindung meist auf Laster zurückzuführen sei. Schaefer teilt bezüglich der Entstehung der Homosexualität zwar nicht den Stand- punkt der Petition, wonach dieselbe mit der bisexuellen Embryonalanlage zusammenhänge; er nimmt blos eine reizbare Schwäche des Zentrums an und eine früh in Thätigkeit tretende Erregung, zu welcher frühzeitig Ein- drücke von Personen des gleichen Geschlechts hinzu- kämen, vorher existire nur eine degenerative Weichheit des Gehirns und eine krankhafte Erregbarkeit. Trotzdem betont aber Schaefer, dass ein weit schärferer — 360 — Unterschied, als Gramer es thäte, zwischen Laster und voräbergehender Neigang einer- und zwischen dauerndem, tiefeingewurzeltem, auf krankhafter Anlage ruhendem Trieb andererseits zu machen sei. Nach Schaefer bildet wirkliche konträre Sexual- empfindung einen Strafausschliessungsgrund. Die echte Homosexualitöt sei eine pathologische Abweichung und wirke mit grosser Ejraft bestimmend und Widerstände überwindend auf die Willensäusserung; auch wenn sie als alleiniges Symptom nachweisbar sei, müsse ihr die Kraft zugeschrieben werden, die freie vWiUensbestimmung auf- zuheben. Wegen der Schwierigkeiten, die Frage der Zu- rechnungsföhigkeit der Urninge in foro zu entscheiden, empfiehlt auch Schaefer die Aufhebung des § 175. Der AuftSEussung von Schaefer, dass die Homosexualität Unzurechnungsfähigkeit bedinge, können wir nicht bei- treten. Sie würde dazu führen, auch Heterosexuelle für Handlungen, die aus dem Geschlechtstrieb entspringen, als unverantwortlich zu betrachten. Zur Straflosigkeit sollte viel eher die Erwägung drängen, dass der Homosexuelle gar keine widernatürliche Unzucht begeht^ und dass der Gesetzgeber die konträre Sexualempfindung gar nicht kannte und deshalb auch gar nicht treffen wollte. £ine solche Auslegung lassen aber die Juristen nicht zu; da- her ist nur Eins am Platze: Aufhebung des § 175. 8) Scholta: „Zur Frage der konträren Sexual- empfindungen* in der „Neuen Gesundheitswarte* Nr. 9 und 10 (1. und 15. August 1899) giebt ungefähr den vor etwa 30 Jahren landläufigen Standpunkt wieder. Homosexualität sei fast stets gleichbedeutend mit Laster, Folgen des Weibermangels oder der Onanie, nur selten angeborene Anlage und dann nichts als Degeneration. Der letzten Kategorie wegen dürfe man die Strafe nicht aufheben, bei vorhandener Unzurechnungsfähigkeit trete ja Straflosigkeit ein. — 861 — Der eigentliche Grund für die Begehung homosexueller Handlungen sei "Willenschwäche. Erzeugung von Willens- stärke sei das beste Vorbeugungs- und Heilmittel. Man müsse fortfahren, homosexuelle Handlungen als entehrend zu betrachten. Die in dem Au&atz niedergelegte, von keiner tieferen Kenntnis der Wirklichkeit getrübte Auflassung bedarf keiner Widerlegung. Der Geist und Ton des Artikels charakterisiert sich am besten dadurch, dass der Ver- fasser einmal sogar von der homosexuellen Schw spricht 9) Dr.vonSchrenk-Notzing: , Bei träge zur foren- sischen Beurteilung von Sittlichkeitsvergehen mit besonderer Berücksichtigung der Patho- genese psychosexueller Anomalien" in den Heften 1 und 2 des „Archivs für Kriminalanthropologie'' von Gross, Bd. L In Kapitel I bespricht der bekannte Münchner Arzt und Verfasser der „Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes mit besonderer Be- rücksichtigung der konträren Sexualempfindung* die straf- rechtliche Beurteilung sexueller Delikte. Von der Petition ausgehend bekämpft er die Auffassung derselben über die Entstehung der konträren Sexualempfindung aus der Embryonalanlage. Die Reformbedürftigkeit des § 175 erkennt er jedoch aus andern Gründen an. Im Gegensatz zu Cramer und Hoche fasst Schrenk- Notzing die konträre Sexualempfindung als eine meist krankhafte Erscheinung auf. Das Missverhältnis zwischen Bestrafung, zwischen herbeigeführter Schande und Familienunglück einer- und der That andererseits, die Schwierigkeiten in der Hand- habung des § 175, die widerspruchsvolle Rechtsprechung werden als Gründe für die Abänderung des Gesetzes — 362 — iangef ührt. Freisprecliuug habe allerdings jetzt schon auf Grund § LI des 8t.*6.-B.. manchmal einzutreten, bei einer zur Aufhebung der Willensfreiheit führenden Heftigkeit des Triebes, regelmässig sei aber nur verminderte Zu- rechnungsfähigkeit anzunehmen. Im Kapitel II folgen Ausführungen über die Patho- genese perverser Richtung des Geschlechtstriebes. Die bekannte Theorie Schrenk-Notzing's über die Entstehung der konträren Sexualempfindung wird entwickelt Konträre Sexualempfindung sei stets blos erworben. Angeboren sei öfters bei erblich Belasteten nur eine psycho- und neuropathische Disposition; pathogene, occa- sionelle Einflüsse führten bei solchen Personen leicht zu krankhaften Trieben. Die erste geschlechtliche Erregung werde zufällig unter lustbetonenden Sinneseindrücken in Verbindung mit einem Mann gebracht. EKe Ideenver- knüpfung wurzele sich ein und bringe konträre Sexual- empfindung hervor, ebenso wie im Falle anderartig sich aufdrängender Ideenassociation Sadismus, Fetischismus etc. entstehen könne. Affekte, gesteigerte Vorstellungsthätig- keit, lebhafte Organempfindungen u. s. w., ferner Eigen- tümlichkeiten des Charakters, ein ungünstiges Milieu, Lektüre, Spiel u. s. w. begünstigten solche ungewohnten Ideenverknüpfungen. Die Auffassung Krafft-Ebings und Moll's von dem Angeborensein der konträren Sexualempfindung sei nicht etwas undenkbares, aber solange nicht zu teilen, als eine Erklärung durch den Einfluss occasioneller Momente und des Milieus hinreiche. Die Schlüsse dieser Autoren ans dem ftiihzeitigen Erwachen sexueller Dränge auf das Angeborensein seien ungerechtfertigt, da eine quantitative Störung, die auch bei Heterosexuellen vorkomme, für die qualitative nichts l)eweise. Sodann bringt Schrenk-Notzing 6 Geschichten von — 363 — Patienten, wovon 3 Homosexuelle betreffend, die mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gerieten; die bei Gericht er- statteten Gutachten und der gerichtliche Verlauf der Sache werden mitgeteilt In einem Nachtrag empfiehlt Schrenk-? Notzing die Errichtung besonderer Detentionsanstalten für vermindert Zurechnungsfähige. Die Theorie von Schrenk-Notzing über die Entstehung der konträren Sexualempfindung können wir nicht billigen. Wenn der Trieb zum Manne nicht angeboren ist, so ist nicht einzusehen, warum der Trieb zum Weibe es sein sollte. Ebenso gut kann man annehmen, daiss der Trieb zum Weib entsteht, wenn bei der ersten geschlechtlichen Erregung das Weib zufällig in Verbindung mit dem Wollustgefühl gebracht wird. Dass in der Kegel der Trieb sich auf das Weib richtet, würde sich daraus er- klären, dass Alles: Moral, Sitte, allgemeine Anschauung, Umgebung, Beispiel auf das Weib hinweist und nur das Weib als Gegenstand geschlechtlichen Sehnens aufdrängt. Solange man diese Konsequenz nicht zieht, hat man auch kein Recht auf solche Erwerbungsart die Homo- sexualität zurückzuführen. Der Einwand, bei Annahme des Angeborenseins der Homosexualität müsse dasselbe auch bezüglich der übrigen sexuellen Anomalien mit gleichem Rechte gelten, wider^ legt sich dadurch, dass Homosexualität und Hetero- sexualität bei der beiden, gemeinsamen bisexuellen Em- bryonalanlage gleich zu behandeln sind, nicht aber Homosexualität und sonstige von der Homosexualität wie von der Heterosexualität gleich verschiedene Anomalien, wesshalb aus der Entstehung und Natur der Homo- sexualität nicht ohne Weiteres Schlüsse auf die sonstigen Anomalien zu ziehen sind. lOjSchrenk-Notzingr: ,,Zur suggestiven Behand- lung der konträren Geschlechtsempfindung*^ im Zentralblatt für «Nervenheilkunde und Psy- — 864 — c h i at r i e" von Sommer und Kurella, Mai- und Juliheft 1899, Nr. 112 und 114. Schrenk-Notzing entwickelt abermals seinen Standpunkt über die Entstehung der konträren Sexualempfindung im Anschluss an eine Polemik gegen Bechterew. Letzterer hatte geäussert^ dass ihm zum ersten Male die Heilung der konträren Sexualempfindung durch Hypnose gelungen sei. Hierauf Antwort von Schrenk-Notzing, dass Heilungen Konträrer längst be- kannt seien. Auf Erwidenmg von Bechterew replizierte Schrenk-Notzing noch einmal. Die Polemik geht darauf hinaus und interessiert hier nur insoweit^ dass, während Bechterew eine angeborene Homosexualität anerkennt und bei degenerativer Form, die ererbt sei, die Möglichkeit einer wirklichen Heilung leugnet, Schrenk-Notzing be- streitet, dass der Nachweis für das Ererbtseiu der kon- trären Sexualempfindung erbracht sei, die angeborenen Fälle für erworbene erklärt und eine Möglichkeit der Heilung auch eingewurzelter und schwerer Fälle für nicht prinzipiell ausgeschlossen hält. 11) Dr. Wollenberg; ^Ueber die Grenzen der strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit bei psy- chischen Krankheitszuständen*'. Vortrag, gehalten auf der Jahresversammlung des Vereins der deutschen Irrenärzte in Halle a. d. S. ,am 21. und 22. April 1899. Der Inhalt des Vortrages ist im , Neurologischen Zentralblatt'' von Mendel 1. Mai 1899 Nr. 9 mitgeteilt Echte Homosexualität sei stets das Zeichen einer krankhaften Veranlagung, die sich auch in andern Ano- malien, namentlich in Degenerationszeichen ausdrücke, sie verdiene daher in forensischer Beziehung eine mildere Beurteilung. Die Anzahl der echten Homosexuellen werde sehr überschätzt^ die Perversität trete oft bei Nor* malen unter dem Einfluss bestimmter Verhältmsse in Alumnaten, Gefängnissen etc. ein, meist sei sie jedoch das F.nr1nrA Marc-Andr^: Der Uranismus. (Verlag Spohr 1899). Dieser ,,Roman eines Conträr- Sexuellen* ist nichts weiter als die Uebersetzung einer in den ^Archiyes d'anthropologie criminelle" von Dr. A. Lacassage und in dem Werk von Laupts: Perversion etperversitd sexuelles veröffentlichten, an Zola von einem Urning tibersandten Autobiographie und zwar die Autobiographie eines typischen Effeminierten^ der sicherlich nicht zu den edleren und höhereu Homosexuellen gerechnet werden kann. Ob ein Bedürfnis bestand, gerade diese Autobiographie zu übersetzen und unter dem Titel ,,Roman eines ContrfU^ Sexuellen" zu veröffentlichen, möchten wir bezweifeln. Wertvoller ist die Einleitung von Eaffalowich, welche ebenfalls eine Uebersetzung aus dem Französischen dar- stellt und auch schon deutsch als selbständige Broschüre imter dem Titel »Die Entwickelung der Homosexualität*' (Berlin, Fischers Mediz. Buchhandlung 1895) herausge- geben worden war, weshalb eine eingehendere Besprech- ung dieser sehr bedeutsamen, psychologisch tief gehenden Einleitung in dem Rahmen dieser Bibliographie des Jahres 1899 nicht am Platz wäre. — 390 — 17) Wächter^Theodor von: stellt in seinem Buche: «Ein Problem der Ethik* die Liebe als körper- lich-seelische Kraftübertragung; „Eine psycho- logisch-ethische Studie* (Spohr 1899) (200 S.) eigen- artige und neue Gesichtspunkte für die Beurteilung der Homosexualität und des Geschlechtstriebes überhaupt au£ Verfasser sieht das Wesen der Liebe nicht imFort- pflanzungstrieb; sondern im Trieb nach Ergänzung, nach Gemeinschaft, nach gegenseitiger Erfrischung und Be- lebung; die Fortpflanzung sei nur eine mit diesem Er- gänzungstrieb verbundene mögliche Folge. Die Auffassung der Liebe, ihre Regelung und Aus- gestaltung in den verschiedenen Zeiten und Völkern hänge von der jeweiligen sozialökonomischen Grundlage der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften ab. Die noch heute allgemein herrschende Auffassung der Liebe lediglich als Fortpflanzungstrieb sei auf das Judentum, im Gegensatz zum Christentum zurückzuführen. Bei dem kleinen, schwachen, in dem feindlichen, er- oberten Kanaan zu steten Kampf ums Dasein gezwungenen Judenvolk habe das Christentum möglichste Vermehrung der Volkszahl erfordert. Daher die Beurteilung einer jeden nicht Fortpflanzung bezweckenden Liebesbethätig- ung als Sünde, daher der besondere Abscheu gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr. Den Griechen, bei denen ein solches Interesse an möglichster Vermehrung nicht bestanden habe, sei Hauptzweck der Liebe gewesen, die freie Hingabe an die erwärmende belebende Macht der menschlichen Jugendschönheit und zwar — da der Zweck der Kinderzeugung nicht massgebend gewesen — an die Jugendschönheit beiderlei Geschlechts. Trotz des Sieges der jüdischen Auffassung habe doch bei vielen grossen Männern das griechische Ideal die Oberhand gewonnen. Folgt sodann Erörterung des Wesens der Liebe im Sinne des Verfassers: Nicht in der Be- friedigung geschlechtlicher Erregung sei das Wesen der — 891 — Liebe zu suchen, sondern im Trieb nach Gemeinschaft, in der Anziehung nicht nur der physischen, sondern be- sonders der seelischen Reize der geliebten Person. Aus dem Zusammensein mit der geliebten Person ströme eine Belebung, Erwärmung, Erfrischung des ganzen Menschen. Die erwärmende, belebende, verjlingende Kraft der Liebe, sei das Wesentliche aller wahren Liebe. Zum Beleg für seine Auffassung der Liebe als physisch- psychische Kraftübertragung verweist Verfasser auf zwei Schrifi;en, die er des Näheren bespricht. Die von Exul (1890): »Die psychische Kraftübertragung* welche mehr die psychische und die von Buttenstedt: »Die Ueber- tragung der Nervenkraft", welche mehr die physische Kraftübertragung behandelt, (Buttenstedt schreibt dem menschlichen, gesunden Körper die Fähigkeit zu, ins- besondere durch enges Zusammenliegen mit einem andern Organismus auf diesen seine gesunden Kräfte zu über- tragen und überströmen zu lassen.) Verfasser geht dann des Näheren auf das Verhältnis des Liebestriebes zum Fortpflanzungstriebe ein. Der Zweck der Fortpflanzung spiele bewusstermasen fast nie eine Rolle. Für seine Auffassung der Liebe beruft sich Wächter auf Carpenter, den er ausführlich zitiert; dagegen pole- misiert er gegen Moll, der lediglich wegen der Unmög- lichkeit der Zeugung die gleichgeschlechtliche Liebe für krankhaft halte. Die Zuneigung zum gleichen Geschlecht sei keine Krankheit, sie fände sich gerade bei vielen geistig Hoch- stehenden. Sie bezwecke nicht Zeugung von körperlichen Nachkommen, sondern diene dazu, diesen geistig Hoch^ stehenden frische körperliche Kraft zur Belebung und Kräftigung ihres geistigen Lebens zuzuführen und so sie fruchtbar zu machen zur Zeugung geistiger Güter. Schon im Mittelalter und in der kapitalistischen Neu- zeit, wo die Gesellschaft sich in Herrn imd Knechte teile, habe man den wahren Herrn, den Fürsten, Kunst- — 392 — lerO; Genies^ eine audcrc Liebe»ethik^ als dem Volke eingeräumt; denn das Interesse der Gesellschaft erfordere möglichste Vermehrong der Knechte, nicht aber der Herren, die hauptsächlich zur Bereicherung des Kultur- lebens beigetragen hätten. In der sozialistischen Gesellschaft würde die mög- lichste Vermehrung nicht mehr Hauptzweck der Gesell- schaft sein, sondern das Erringen kultureller, geistiger Güter, daher würde auch nicht mehr vor Allem möglichst grosse Volksvermehrung verlangt werden. Verfasser breitet sich des Weiteren dann über das Verhältnis der geistigen zur sinnlichen Liebe ans. Nach der platonisch-christlichen Weltanschauung, der Anschau- ung des Gegensatzes zwischen Körper und Geist sei höchstes Ideal, völlige Enthaltung von aller Hingabe an irdisch-sinnliche Erregung. Die Möglichkeit solcher völligen Abstinenz sei nicht zu leugnen, auch bei den Homosexuellen fänden sich Vertreter dieser Anschauung, welche sie thatsächlich zu verwirklichen suchten. Ver- fasser führt einige Briefe solcher abstinenten Homosexu- ellen an. Diesem Ideal sei aber nicht Jeder gewachsen, wer aber diesem Ideal nicht folge, sei ganz gleich zu beurteilen, ob homo- oder heterosexuell Die Hauptsache sei, dass echte Liebe seelische und geistige Anziehung neben der physischen er- strebe ; eine rein sinnliche geschlechtliche Erregung ohne seelische Hingabe sei verwerflich. In „Zusätzen*^ fügt der Verfasser noch eine Anzahl historischer und literarischer Bemerkungen und weiterer Auslassungen seinen früheren Ansführungen hinzn. Mit einem idealen Appell an den Jüngling seiner Träume, in dem er Freundschaft und Liebe vereint fände, schliesst Verfasser. Wächters Buch verdient besondere Beachtung wegen seines wohlthuenden Idealismus und seiner anregenden Gedanken. — 893 — Kapitel 2: Belletristisches und Varia. 1) Brand, Adolf: , Der Eigene*. Der junge Ver- leger und Schriftsteller Adolf Brand zu Neurahnsdorf hatte im Jahre 1898 die Herausgabe einer künstlerischen Zeitschrift mit Randzeichnungen und Bildschmuck ver- sucht, welche ganz besonders der künstlerischen Dar- stellung der Homosexualität gewidmet sein sollte. Im Jahre 1898 ersehieiien auch zwei Nummern mit ausgesucht schöner äusserer Ausstattung. Sie brachten an homo- sexuellen Sachen: Brand: „Prolog", eine Einleitung von wirklicher Klangschönheit, die in ihrer S}rmbolistisch- poetischen Form dem unverstandenen Schmerz und dem unnennbaren Sehnen aller nach Ideal dürstenden Seelen beredten Ausdruck verleihen wollte. Brand: ^Du und ich** und , Spielmannslos*, zwei Gedichte. Nobert Langner: „Echte Liebe*', eine gefühl- volle Novelle. Numa Praetorius (unter Dr. G.): Eine Be- sprechung der Tagebücher des Grafen Platen. Nr. 2: Brand: „Morituri*. Gedicht. Lord Byron: Ein im Nachlass des Dichters vor- gefundenes homosexuelles Liebesgedicht (über- setzt von Albert König). Mangels genügender Unterstützung musste die Zeit- schrift eingehen. Im Juli 1899 hat Brand nochmals die Herausgabe einer nunmehr aller 14 Tage erscheinenden Zeitschrift in verkleinertem Format, aber in nicht minder geschmackvoller und künstlerischer Ausstattung zu sehr billigem Preis (nui* 4,50 Mk. pro Jahr!) unternommen. — 394 — Erschienen sind bisher drei einfache und drei Doppel- hefte. Homosexuellen Inhalt weisen auf: in Nr. 1: Brand: ^Lenzfahrt". Gedicht, impressionistisches Momentbild. Joseph Kitir: „Eros im Bordell*. Gedicht: Gegensatz zwischen der. poetischen Urningsliebe und der gemeinen heterosexuellen Venus. Nr. 2: Hans Heinz Evers: „Armer Junge". Novelle: tiefempfundene Schilderung der unglücklichen Liebe eines ideal und monogam liebenden Urnings, der sich tödtet, weil der Geliebte ihn nicht ver- stehen und seine Gefühle nicht erwidern kann. Brand: „Verwirkt". Gedicht, voll Naturfiische. Nr. 8: Brand: „Nach dem Gewitter*. Gedicht, poetisch- sentimentales Natur- und Stimmungsbild. Louis Franche: „Liebeslied*. Gedicht Nr. 4 u. 5: Paul K Lehnhard: „Mein Antinous*. Novelle, ein in etwas kühnen Farben gemaltes Liebesabenteuer. Brand: „Waldfrei*. Gedicht, nicht ohne Schwung und Feuer. Elisar von Kupffer: „Der Lieblingsjünger* Gedicht, feine und zarte Andeutung des Ver- hältnisses zwischen Jesu und Johannes. Louis Franche: Besprechung des Romans eines Konträrsexuellen und des Vorworts dazu von Raffalowich. Nr. 6 u. 7: Elisar von Kupffer:' Die ethisch-politische Bedeutung der Lieblingsminne (siehe oben S. 385), Brand und Freiherz: „Aus der Harfe des Todes*. Gedichte, symbolistisch gehalten, düster- dämonisches Gefühl in klangvoller Sprache. Peter Hamecher: Besprechung des L Jahrbuchs. Kühnes freimütiges Bekenntnis der eigenen Homo« — 895 — Sexualität des Kritikers. Auch Hamecher pole- misiert leider gegen das wissenechafüiche Studium der Homosexualität; für ihn gilt dasselbe^ was wir oben über die gleiche Tendenz von Kupffer sagten. Nr. 8 u. 9: November- und Dezemberheft; ei^st am 18. März 1900 erschienen. Peter Hamecher: , Heinrich voi| Kleist*, eine interessante Studie, in welcher die in Kleist an- geblich latente, von ihm selbst verkannte Homo- sexualität erörtert wird. Brand: „Immer Lustig* und „Liebling von der Gasse", zwei Gedichte, ersteres sehr gewagt. Brand: „% 175 und seine richtige Auslegung." Die gleichgeschlechtlichen Akte zwischen Homo- sexueUen seien keine widernatürliche Unzucht.'*') 2) Gourmont, Remy de: Le Songe d'uhe Femme (im Mercure de France**), wohl der bedeutendsten Zeitschrift der neueren Richtung in Frankreich, Oktober- und No- vemberheft 1899). Ein psychologischer, in Briefform geschriebener Roman. Drei Briefe berühren die Homo- *) Die in diesem letzten Heft enthaltene teUweise recht alLt- lose „Extrapost" muss ausdrücklich gerügt werden. Derartiges wie z. B. die Schlussstelle „Ewald Maskenbald^ passt nicht in eine Kunstzeitschrift. Auch der Name von Ntuna Praetorios ist ohne mein Wissen imd ohne meinen Willen in dieser „Extrapost'' auf- genommen worden, wogegen ich hiermit ausdrücklich Verwahrung einlege. N. P. **) In dem ^Mercure de France" sind überhaupt in den letzten Jahren verschiedene Romane mit umischem Inhalt oder wenigstens einzelne die Homosexualität streifenden Stellen erschienen, nament- lich Pierre Louys: L'Esclavage, im Buchhandel Aphrodite 1895. Hngues Rebell: La Nichina 1896. Rachilde: Les Factices, im Buchhandel Les Hors-Natures 1897. Georges Eekhoud: Le comte de la Digue, im Buchhandel Escal-Vigor 1898. Albert Delaconr: le Roy 1898. — 396 — Sexualität und' zwar die weibliche. Briefe von Claude de la Tour an Anna des Loges vom 6. und 12; September und von Annfi an Claude vom 14. September. Claude, kühl gegen jede Mäunerliebe kann die Liebesleidenschafl nur für ihre Freundin Anna empfinden, Sie bittet sie, zu. ihr zu kommen und die frühere im Pensionat ent- standene Intimität wieder aufzunehmen. Anna besucht Claude, vertreibt durch ihre Gegen- wart eine hübsche Gesellschaftsdame, die Claude sich auserwählt hätte, will aber die „Kindereien" des Pen- sionates nicht mehr erneuern. Anna liebt nur den Mann, mitleidig' schaut sie auf ihre Freundin herab: Gleich- geschlechtliche Liebe sei Liebeskampf ohne Gegner; langweilige Siege ohne Besiegte. Die psychologischen und sentimentalen mit L*onie vermengten Feinheiten der Briefe lassen sich schwer in wenig Worten auch nur andeuten. 3) d'Herdy, Luis: „Monsieur Antinoüs et Madame. Sappho" (Girard Paris 1899): ein echter Roman der Homosexualität. Der nicht gerade geschmackvolle und reklamesüchtige Titel kennzeichnet genügend die beiden Hauptträger der Erzählung. Beide sind Invertierte: Er liebt nur den Mann, sie pur die Frau. Beide aus reichen und vornehmen Kreisen stammend, heiraten sich ohne Kenntnis ihrer Gefühle und leben dann völlig getrennt von einander. S i e reist mit einem geliebten Mädchen, welches mitten in ihrem Liebes- glück stirbt. E r wird sich seines Zustandes erst allmälig klar; nach der ersten Bekanntschaft mit einem Urning, flieht er auf das Land, da er sich nach wahrer und tieferer Leidenschaft sehnt. Ein Jugendfreund, ein ein- facher Matrose, ist sein Ideal, aber er wagt nicht das Geständnis seiner Liebe; der Matrone geht auf die See und stirbt. Nun wirft sich Antinoüs in den Strudel des Pariser — 897 — homosexuellen Lebens. YjS folgt die Schilderung seiner Exzentrizitäten in Kleidung^ LuxuS; Festen u. s. w., die an die ähnlichen Darstellungen dekadenter Männer von Hysmans in „A Rebours** und von Wilde in „Dorian Grey* erinnern. Auf einem umischen Maskenball lernt Antinous als Prinzessin verkleidet einen schönen Pagen kennen. Er führt ihn in ein entlegenes Heim und entdeckt^ dass der Page seine eigene Frau ist^ welche ihrerseits die maskierte Prinzessin für ein Weib gehalten. Wie zwei gute Be- kannte bringen beide in vertrautem Gespräch die Nacht zu und erzählen sich ihre bisherigen Erlebnisse. Der Roman entbehrt des wahren künstlerischen Ernstes und tieferer Psychologie; er ist auf den Effekt berechnet Doch liest er sich angenehm und enthält hübsche Stellen. Der Held als typischer Vertreter einer Klasse von Urningen, den Effeminierten und RafSnierten, die das Bestreben in sich fühlen, ihre gesamte Lebens- führung eigenartig und seltsam einzurichten, ist nicht schlecht getroffen. 4) d'Herdy, Luis: L'Homme-Sir^ne (Paris, Girard 1899). Edouard, von Jugend auf konträr, hat auf dem Lyceum sich die Freundschafl des normalgeborenen, männlich er- zogenen Georges d'Athis errungen. Trotz seiner Normali- tät hat Georges in überschäumender, zurückgedrängter Jugendglut den schwachen weiblichen Edouard zärtlich geliebt. Nach Verlassen des Lyceum hat er aber bald die ^Spielereien" des Alumnates vergessen und sich. nur dem Weibe zugewendet Edouard dagegen sieht in Georges sein Ideal und die früheren Gefühle haben sich zu unzerstörbarer Liebesleidenschaft für den Freund entr wickelt. Er sucht den mit dem geliebten Weib glücklich verheirateten Georges auf und verbringt einige Zeit auf dem Scbloss der Eheleute« Edouard will Georges wieder — 398 — gewinDen und thatsächlich gelingt es dem weichen^ weiblichen Androgynen die wieder erneuerte zärtliche Freundschaft von Georges in Liebe umzuwandeln. Ijange sträubt sich Georges dagegen^ die Natur seiner Gefühle zu erkennen und als er mit Schrecken sieht, dass er von leidenschaftlicher Liebe zu Edouard ergriffen ist, schwört er sich, doch niemals dieser Leidenschaft zu unterliegen und will seinen Freund veranlassen, abzureisen. Als Edouard die Gewissheit erlangt hat, dass Georges niemals ihm nachgeben wird, will er wenigstens gemeinsam mit dem Freunde sterben. Während einer gemeinsamen Kahn- fahrt reisst er Georges mit sich ins Wasser. Exiouard ertrinkt, während Georges sich retten kann. Der Roman bedeutet einen wesentlichen Fortschritt gegenüber dem ,|Monsieur Antinous und Madame Sappho.* Der seelische Kampf beider Männer ist mit psycholog- ischem Verständnis und der Einiluss eines echten Andro- gynen, der körperlich und geistig dem Weibe ähnlich, die Freundschaft eines Normalen bei gegenseitiger andauern- der seelischer Sympathie in Tiiebesleidenschaft umzu- wandeln vermag, in interessanter, glaubhafter Weise geschildert. Auch in diesem Roman ist der Androgyne mit allen typischen Eigentümlichkeiten und der Sucht nach überfeinerten Lebensgestaltung des effeminierten Urning^ gezeichnet. Von warm empfundenem Gefühl zeugt ^ie Szene, wo Edouard seine Liebe dem Freund gesteht und seinen Empörungsruf gegen die Vorurteile ausstösst, die jede Liebe gestatten, nur die seine ver- dammen. 5) v.Platen, Graf August: Tagebücher. Heraas- gegeben von G. von Laubmann und L. von Scheffler. (Verlag J. G. Cotta, Stuttgart.) IL Band. Fast noch deutlicher als im ersten Band tritt in diesem zweiten Band die Homosexualität Platens hervor. Seine Liebe steht immer noch an Lmigkeit^ Feinheit und — 399 — edlem Kern der Liebe zwischen Mann und Frau nicht nach, übertrifil sie noch hie und da an Triebkraft ge- richtet auf Veredelung des Geliebten. (S. 65 v. 9.6. 1818: „Ich kann mich nur an die anschliessend die Liebe zur Wissenschaft^ Begeisterung zu etwas höherem belebt; 8. 78 V. 4./7. 1818, S. 82 v. 14./7. 1818, S. 91 v. 31./7. 1818, S. 133 V. 16./11. 1818: „Ich hasse die Alltagsmenschen*; S. 162 V. 20.12. 1818: »Dein Anblick zog mich vom Ab- grund*.) S. 181 V. 6./1. 1819, wo Platens feinfühlige, der Rohheit abgeneigte Natur besonders deutlich zur Sprache kommt. S. 213: Ich kann mir doch nachsagen, dass diese Liebe vollkommen edel war. S. 242 v. 4./4. 1819: „Unsere Verbindung würde die reinste und schönste aller Jüng- linge werden.* S. 346 Grubers Brief, worin Gruber Platen einen Mann von hohen Ideen nennt S. 361 v. 31./1. 1820: „Wir küssten, wir umarmten uns oft, aber gewiss mit einem edlen Giefühl der Freundschaft, der Neigung, der Sympathie." Die Tiefe, Innigkeit der Neigung spricht sich in folgenden Stellen, oft rührend, aus: S. 67 v. 14./6. 1818: „Mein ganzes Wesen bedarf der Liebe*; S. 86 v. 21./7. 1818: .ach nur einen Funken Liebe*; S..87 v.'24./7. 1818, S. 92 V. 3./8. 1818, S. 134 v. 19./11. 1818: „mit welcher Wärme ich ihn liebe*; S. 139 das Gedicht; S. 156 V. 10yi2. 1818: „Wenn ich aufstehe des Morgens, so hat mich dein Bild erweckt, wenn ich mich schlafen lege, so wiegt auch dein Bild mich in Träume" ; S, 156, S. 167 V. 27./12. 1818; S. 178 v. 3./1. 1819, wo er das Gedicht Gretchens aus Faust auf sich anwendet^ und dann später, „dass es Süssigkeit sein müsse, von seiner Hand zu sterben«; 8. 247 v. ll,/4. 1819, S. 251 v. 15./4.' 1818, S. 254 V. 18./4. 1819 : „Du bist mir die ganze Welt«; 8. 269 V« 4./5. 1819: ^Je sentais un vif sentiment de contentement, — 400 — de me trouver aupr^s d'Edouard apr^ de si loDgues doiileurs". S. 320 V. 17./9. 1819 der Vers am Ende; S. :S23 v. 1./10. 1819, 8. 361 V. 30. 1. 1820, 8. 367 v. 26./2. 1820. Das Glück der Liebe war Platen uur sehr karg zu- gemessen und es waren nur wenig Sympathiebeweise, die ihm das Glück erwiderter Liebe ersetzen mussten. Aber wie wohlthuend schon diese kleinen Kundgebuiügen auf Platen wirkten, zeigt sich auf S. 288 v. 2^.6. 1819, 2S9 und vorher: „Ma sant4 m^me se trouve r^tablie''; S. 31 V. 26., 8. 1819, wo das Liebesleid ihm wieder sein körper- liches Leid zurückführt. £r hat dieses Leid bis auf die Hefe auskosten müssen, wie alle tiefempfindenden Männer seiner Art. Besonders ergreifend ist die Anrede an den Leser S. 158. Dann folgen andere Stellen, z. B. S. 191 v. 21.1. 1819, S. 204 V. 7./2. 1819, S. 240 Brief an Adrast, 8. 296 v. 14./7. 1819, S. 302 V. 26./7. 1819: Oh pourquoi, pourquoi la Providence m'a ainsi form^, S. 561 v. 26./10. 1821 „bal- diger Tod", S. 567 V. 1./12. 1822, 8. 577 v. 5.;4. 1823: „Die Natur hat mich bestimmt, ewig unglücklich zu sein." Li seinem herzzerreisenden Gram ist ihm seine einzige Hilfe die Religion. S. 234 v. 25.,3. 1819: „Nur die Religion, nnr der Gedanke an Gott und seine Vorschrtfl kann mich aufrecht erhalten." Deutlicher als im ersten Band erkennt Platen all- mählich selber die Natur seiner Gefühle als das was sie sind: als leidenschaftliche Liebes- keine blossen schwär- merischen Freundschaflgefühle. S. 284 v. 9.6. 1819: „C'est la passion". S. 285 v. 13. 6. 1819 Ah, Tamour . . est invincible. S. 113 v. 29./9. 1818, wo er merkt^ dassihm die Weiberliebe versagt ist: „Ich weiss die weibliche Süsse so wenig zu schätzen". S. 302 v. 26./7. 1819: „Pourquoi m'est-il impossible d'aimer les femmes?" Allerdings über den sinnlichen Untergrund seiner — 401 — Liebe wird er sich noch nicht recht klar, er drückt sogar meinen Abscheu vor jeder sinnlichen Begierde aus (S. 67 V. 15.6. 1818, S. 80 V. 7. 7. 1818). Nichts desto weniger ist es gerade das Aeussere der Erscheinungen der von ihm geliebten Männer, das ihn fesselt und anzieht (Schmidtlein, v. Rotenhan, v. Liebig, v. Bülow 8. 283 v. 8./6. 1819, S. 307 v. 15./8. 1819, S. 350 v. 4./1. 1820, S. 546 V. 29./4. 1822, S. 582 v. 26./5. 1823 der Student Heinz, S. 598 v. 24./12. 1923 Freiherr von Egloffstein, S. 607 V. 29./2. 1824 v. Schachelhausen). Dem geliebten Freund Eduard Schmidtleui gegen- über, den Platen Adrast nannte, kommt das Sinnliche seiner Liebe bei aller ihrer Idealität sogar direkt zum Duchbruch: Als die Freunde sich trennen mussten, wuchs Platens Liebe unter dem Drange der Sehnsucht. Er teilt S. 324 mit, dass er mehrere Lieder gedichtet habe; auf derselben Seite bemerkt der Herausgeber, dass Platen hier drei beschriebene Blätter herausgerissen habe. S. 325 erwähnt Platen, dass er wieder mehrere „chansons^^ ge- dichtet habe und drückt Unruhe darüber aus, dass Schmidt- lein seine Verse nicht beantwortet habe. Dann folgt ein Tag später die wörtliche Wiedergabe eines Briefes Schmidt- leins, worin dieser sagt, dass er „das schimpfliche Schreiben" Platens erhalten habe, ihm die tiefste Ver- achtung ausdrückt und ihm ankündigt, „er werde ihn als ein pestartiges Uebel meiden." Da88 der in den damaligen Vorurteilen aufgewachsene und mit dem Wesen der konträren Sexualempfindung völlig unbekannte Schmidtlein die Gedichte Platens, welche wahrscheinlich in etwas glühendem Tone seiner Liebes- sehnsucht Ausdruck verliehen, mit Entrüstung zurück- wies, lässt sich begreifen. Dagegen ist nicht recht ver- ständlich, warum die Herausgeber der Tagebücher Platen wegen seiner an Schmidtlein gesandten Verse verteidigen und ihn von „Schuld" und „Verdorbenheit" reinzuwaschen Johrbucli II. 26 — 402 — glauben müsse:D. Die Liebesglut Plateus hat ebenso wie die Liebesempfindungen eines heterosexuellen Dichters mit der Lauterbarkeit des Charakters nichts zu thun. Der edle Sinn Platens erleidet sicherlich deshalb keinen Makel, weil seine Natur ihn zwang, den Mann statt das Weib zu lieben. 6) PierrOD, Sander: ,,Le ma^uvais chemin du bonteur" im „Mercure de France", Julihefl 1899: Eine feine Novelle von nur wenigen Seiten, aber voll poetischen Dufts. Es ist die Erzählung der poetischen und schwär- merischen Empfindung, die einen Mann gelegentlich eines Spaziergangs auf das Land beim Anblick eines schönen sechszehnjährigen Bauemburschen befällt. Der von dem Liebreiz und der Anmut des Jünglings Hingerissene will nach einem längeren Gespräch mit dem Jungen ihm einen Kuss auf die Lippen drücken, als er durch die Zwischen- kunft des Bruders gestört wird. Seit dieser Zeit kann der Städter die Erinnerung an diesen stimmungsvollen Augenblick nicht mehr bannen, eine Erinnerung, die ihn oftmals mit Wehmut erfüllt. 7) Rebell, Hugues: „LaBataille pour unMort* seltnes Romaines (im ^Mercure de France* November- heft 1899). Der reiche Scdvinus weilt in seiner üppigen Villa in Bajä mit seiner Geliebten, der Freigelassenen Cadicia und einer Anzahl Gäste und Schmarotzer aller Art. Vatinius, der Parasit, fürchtet, dass Cadicia ihn aus dem Hause treiben werde und vorbeugend will er sie verjagen. Er bringt es dazu, dass Cadicia ihre Freundschaft mit einer früheren Geliebten, Statilia, wieder erneuert and dass Scdvinus beide in seiner eigenen Villa während des sinnlichen Liebe^aktes ertappt. Die crhofile Wirkung auf Scevinus bleibt aber aus, nur ein gleichgültiges Lächeln gleitet bei dem ungewohnten Anblick über seine Lippen. Unterdessen hatte Vatinius in der Absicht, die, wie er — 403 — glaubt^ freiwerdende Stelle der Cadicia auszufüllen^ einen hübschen Prostituierten, Quiriualis, — um den gerade zwei vornehme junge Römer sich stritten — herbeigeholt Noch hofil Vatinius, beim Gastmahl Sc^vinus Blicke auf Quirinalis zu lenken und durch dessen Schönheit einen Wechsel in der Stimmung des Hausherrn gegenüber Cadicia zu erreichen. Alle Kombinationen des Parasiten werden aber zu Nichte gemacht durch den plötzlichen Tod von Sc^vinus, der sich die Pulsader im Bade öffnet, um einer ihm ge- meldeten, auf Grund falscher Anzeige wegen Komplottes gegen den Kaiser bevorstehenden Verhaftung zu entgehen. Wütend wegen seines verlorenen Abends entfernt sich Quirinalis; kurz darauf werden die Insassen der Villa mit Ausnahme von Cadicia verhaftet. Die Novelle bildet in ihrem kurzen Rahmen ein treffendes Sittenbild römischer Zustände der Kaiserzeit. Die gleichgeschlechtliche Liebe fügt sich in das Ganze als etwas den damaligen Sitten Entsprechendes und ist mit derselben lächelnden Ironie, Selbstverständlichkeit, feiner Skepsis und objektivem Behagen an den Erschei- nungen frisch pulsierenden Lebens behandelt wie die ganze Novelle und wie ähnliche Szenen aus der Renaissance- zeit in Rebells hübschem in der vorjährigen Bibliographie erwähnten früheren Roman ,La Nichina". 8)InRebell'S Hugues „La Calineuse^', Roman (Ed Revue blanche, Paris 1900) kommt eine homosexuelle Nebenperson vor, der Dichter und Romanschreiber Pierre Chaperon. Rebell hat ihn mit den etwas affektierten Gesten, der äusseren Eleganz, dem von Pose und Selbötgerällig- keit nicht freien Benehmen, dem Witz und geistreichen Gespräch des vornelmien, gebildeten, weltmännischen homosexuellen Parisers gezeichnet. Auch die durch die Gewissheit, gegen weibliche Reize 20* — 404 — gefeit zu sein^ erlangte Ueberlegenheit des Homosexi gegenüber den Frauen^ die Kälte und Gleichgültt gegenüber dem weiblichen Geschlecht, welche mal aller zuvorkommenden Höflichkeit, Ldebenswürdigkel Galanterie hindurchfühlt, sind gut getroffen. An der homosexuellen Natur von Chaperon^ Bebell keinen Zweifel übrig, denn in Neapel wii^ Pariser Arm in Arm mit einem hübschen, gelockteil] ling in einem entlegenen Stadtteil von Bekannten (pg. 154). In dem Boman wird auch der Neapol Kuppler erwähnt^ der den Fremden sogar Bischöfen" anbietet (pg. 159). äi m 1 1 ^^^rschienene, ^^^■e nicht erwähnte ^^^^^^^^Us mentales. ^^^^^^Kn Sexiial- ^^^^^^^K rapport ^^^^^^^ir et le MoU's: .Ulf kontr^^^^H l.ittiTHtiirforscIifr, ^^^| ^^^^^^^^^^HLd k i ^^^^ ^^^^^^^ _ 406 — Cohn, HermaDD. Was kann die Schule gegen die Masturbation der Kinder thun? Keferat dem achten internationalen hygienischen Kongress zu Budapest erstattet. (Berlin 1894.) Angaben über mutuelle Onanie fS. 4 — 9) und eingehende Ratschläge zu ihrer Bekämpfung. (8. 28 flgd.)*^ Cristiani, Andrea: Autopederastia in un alienato, affeto da follia periodica. Archivio delle psico- patie sessuali. Vol 1 pasc. 13 und 15, 1 — 15. (Luglio 1896.) Der besprochene Fall dürfte wohl nur als ein Fall einfacher Onanie, per rectum, der an sich mit der Homosexualität nichts zu thun hat, aufzu- fassen sein. Dag'Onet,H.Trait<^desmaladies mentales Parisl894) avec la coUaboration de J Dagonet et G. Duhamel. S. 104 und 769. Ausführungen über konträre Sexualempfindungen. Debierre, Ch.Hermaphrodisme: Structure, fonctions, ^tat psychologique et mental. Etat civil et mariage. Dangers et remedes. (Paris 1891.) Behandelt den körperlichen Hermaphrodismus; beim seltenen wahren Hermaphrodismus bestehe Neu- tralität in psychosexueller Beziehung, ähnlich wie bei Castration! (S. 135.) Delbrück, Anton: Gerichtliche Psychopathologie. Ein kurzes Lehrbuch für Studirende, Aerzte und Juristen. (Leipzig 1897.) S. 187 Er\vähnung der Homosexualität. Despine, Prosper: Psychologie naturelle. Etüde sur les faculti^s intellectuelles et morales dans leur ^tat normal et dans leur manifestations anomales chez les alienes et chez les criminels Tome III (Paris 1868.) — 407 — S. 223 Aogaben über gleichgeschlechtlichen Ver- kehr zwischen Prostituierten. Domblüth» Otto: Compendium der Psychiatrie für Studierende und Aerzte. (Leipzig 1894.) S. 36 Erwähnung des Homosexualität. Duval, Jacques: Trait^ des Hermaphrodites: R^imprimd sur P^dition unique (Rouen 1612) Paris 1880. Rechnet homosexuelle Frauen mitunter zu den körperlichen Hermaphroditen, S. 68 flgd. Ellis, Havelock: Sexual Inversion in man. Repr. from the AHenist and Neurologist April 1896. Ellis, äavelock: A note an the Treatment of sexual Inversion. Repr. from the Alienist and Neurologist. Juli 1396. Ellis^ Havelock: Nota suUe facolta artistische degli invertitiin Archivio delle psicopatie sessuali Vol. 1 fasc. 17 u. 18 1—15 Settem. 96. Förö, Charles: La pr^^disposition et les agents provocateurs dans l'etiologie des perver- sions sexuelles. Revue de mddecine 1898. F6r6, Charles: Contribution h l'^tude de lades- cendance des invertis. Archives de Neurologie 1898. F6r6, Charles: Contribution h l'dtude des dqui- voques des caractferes sexuels accessoires. Revue de M(^dicine 1893. Eingehende Untersuchung über die FäUe^ wo bei Frauen eine mehr männliche Körperbildung (Mas- culismus); bei Männern eine mehr weibliche Körper- bildung (Feminismus) stattgefunden hat. Nicht immer, aber oft seien perverse geschlechtliche Neigungen vorhanden. Forel, August: Zwei kriminal-psychologische Fälle. Ein Beitrag zur Kenntnis der Uebergangszu- — 408 — stände zwischen Verbrechen und Irrsinn, in Zeitschrift für Schweizer Strafrecht 2. Jahrg. 1. Hefl, Bern 1889. Frantz, Adolf: Ein Fall von Paranoia mit kon- trärer Sexualempfindung. Doktordissertation. Berlin 1895. Frigrerio: Anomalie sessuali, Autopederastia e Pseudoonanismo in Archiviodi Psychiatria, Scienze penali ed Antropologia criminale 181*3 fasc 4—5. Behandelt die an sich mit der Homosexualität nicht zusammenhängende Onanie per rectum sog. Autopederastie. Froriep, Robert: Beschreibung eines Zwitters nebst Abbildung der Geschlechtsteile des- selben. Wochenschrift für die gesamte Heilkunde, herausg. von J. L. Casper, 1833, 1. Bd. Fall eines längere Zeit für ein Mädchen gehaltenen Mannes, eines Pseudo-Hermaphroditen mit Zuneigung zu Männern. Gauster, Moritz: Handbuch der gerichtlichen Medizin. Herausg. von J. Maschka. 4. d.B Tübingen 1882. S. 423 wird die Homosexualität erörtert. Geill, Christian: La psychopathie sexuelle et son influence sur la m^decine legale. Uge- Schrift for Laeger, V. 27, S. 403. Nach Geill sei die sexuelle Perversion niemals als Geisteskrankheit zu betrachten und hebe nicht die Zurechnungsfähigkeit auf. y. Gyurkoveehky» Victor: Pathologie und Therapie der männlichen Impotenz. (Wien u.Lpzg.l 889.) S. 80 Mitteilung eines Falles von Sadismus bei einem homosexuellen Eiiaben. S. 97 Erklärung der Homosexualität aus einem im höheren Mannesalter oftmals eintretenden verderbten Geschmack! (eine zweifellos völlig irrige Auftassung). — 409 — Halban, L.: Conträre Sexuulempfindung: In der Bealencyclopädie der gesamten Heilkunde von Eulen- burg (Wien u. Leipzig 1895). Hayes: LeP^d^rastie (Biblioth^que d'faygiene des deux sexes) (Paris, Pigeon 1893). Kleine populär geschriebene Schrift: Die üblichen geschichtlichen Angaben; die landläufige frühere vor- urteilsvolle AufTassung (schändliches Laster etc.) und die schwarz gemalten angeblichen gesundheitsschäd- lichen Folgen. Hirseh» William: Genie und Entartung. Eine psychologische Studie. (Berlin u. Leipzig 1894,) S. 17, 136 Erwähnung der Homosexualität Hoffmann, Albrecht: Die Sittlichkeit, eine For- derung der Gesundheitspflege. Streitfragen. Wissenschaftliches Fachorgan der deutschen Sittlich- keitsvereine. 4. Heft. (Berlin 1892.) Auffassung der Homosexualität, als eines Lasters, trotzdem doch wieder die Krankhaftigkeit der Ge- schlechts- und Geistesrichtung hervorgehoben wird. Howard, William Lee: Sexual perversion: The Alienist and Xeurologist N. I vol. 17; Jan. 1896. Der Fall eines homosexuellen Musikers, der stiehlt um sich Geld zur Befriedigung seiner Leidenschaft zu verschaffen. Howard, William Lee: Psychical Hermaphro- ditism. A Few Notes of Sexual Perversion, with two Clinical Gases of sexual Inversion. Repr. from the Alienist and Neurologist April 1897. Howard, William Lee: Pederasty and Prostitution, a few historie notes. Repr. from the Journal of the American Medical Association 15. Mai 1897. Hughes: in The Alienist and Neurologist 1893 Oktober bespricht die Homosexualität. Referat darüber von — 410 — Victor Paraut in den Annales m^dico-psychologiques 7. s^rie 20. torae. Paris 1894. pg. 467. Ireland, William: Herrschermacht und Geistes- krankheit. Stuttgart 1887. Besprechung der kon- trären Sexualempfindung von Ludwig II. Ireland, William W.: Throngh the Ivory Gate: Studies in psychology and history Edinburgh 1889. S. 150 Besprechung des berühmten ärztlichen Gut- achtens über Ludwig II. von Bayern. Ireland^ William W.: The Journal of mental science Vol. 37 Januar 1891. S. 120: Bei den Homosexuellen handele es sich nicht um „iutellectually insane'^, sondern mehr um einen „verdorbenen Geschmack*' „depraved taste". Jeannel: De la prostitution publique (deutsch übersetzt von F. W. Müller, Erlangen 1869) mit An- gaben über männliche Prostitution. Kelp: Ueber den Geisteszustand der Ehefrau Katharina Margaretha L — r Conträre Sexualempfindung. Zeitschrift für Psychiatrie 36. Bd. S. 716 flgd. Kim: (f Professor zu Freiburg) „Ueber verminderte Zurechnungsfähigkeit''. In der Vierteljahrs- schrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sani- tätswesen von Schmidtmann und Strassmann. Bd XVI, Heft 2, 1898, 4. Heft. Mitteilungen einiger Fälle von konträrer Sexual- empfindung, die zu gerichtlicher Verfolgung Anlass gaben und die Verfasser als Fälle , verminderter Zu- rechnungsfähigkeit* betrachtet. Vorschlag, letzteren Begriff in das Gesetzbuch einzuführen und spezielle Anstalten zwecks Internierung und Heilungsversuche zu gründen. Insoweit die Homosexuellen lediglich wegen Be- gehung gleichgeschlechtlicher Handlungen in spezielle — 411 — Anstalten — halb Gefängnis, halb Irrenhaus — ge- bracht werden sollen, ist Eirns Vorschlag ebenso ungerechtfertigt) als die bisherige Bestrafung. Kölle, Theodor: Geri chtlich-psychiatrisclie Gut- achten aus der Klinik des Herrn Professors Dr. Forel in Zürich. Für Aerzte und Juristen heraus- gegeben Stuttgart 1896. S. 163—181 Erwähnung der Homosexualität. Kraus, August: Die Psychologie desVerbrechens. (Tübingen 1884.) Angaben über gleichgeschlechtliche Handlungen in Gefängnissen. Geschichtliche Notizen über Homo- sexualität. Kurella, Hans: Osservazione sul significato bio- logico della bisessualitä. Archivio di psychi- atria 1890. Ladame: Inversion sexuelle chez un d^g^n^rd, traitde avantageuseraent par la Suggestion hypnotique. Communication faite au congres inter- national de mddecine mentale dans la s(5ance du mardi toüt 1889: Revue de l'Hypnotisme et de la psychologie physiologique. September 1889. S. 67 — 71. Laupts: ,,ß^trachtungen über die Umkehrung des Geschlechtstriebes*' in Heft IV und V der von dem Pseudodoktor Wenge während des Jahres 1897 herausgegebenen, nur ein Jahr lang erschienenen ^Zeitschrift für Ciiminal-Anthropologie, Gefängnis- wissenschaft und Prostitutionswesen*. (Berlin, Priber und Lammers. 1897.) Wiedergabe in sehr gekürzter Form des Haupt- inhaltes des Buches von I^aupts : Perversion et perversit^ sexuelles*. (Paris, Carr<$ 1896); Unterscheidung von 8 Hauptklassen Homosexueller : 1. Der Homosexuelle mit körperlichen Abnormitäten und weiblichen Formen ; angeborene zufällige Missbildung der Natur. — 412 — 2. Der Homosexuelle mit cerebraler sexuell konträrer Hiruanlage, aber ohne sonstigen Difibrmitäten, sowie der lediglich zur Homosexualität prädisponierte^ erst durch ungünstige Umstände Invertirte. Ursache: Ererbung durch Abstammung von blos zeitweise Homosexuellen. 3. Der blos gelegentlich Homosexuelle, je nach dem Einfluss des Milieu bald hetero- bald homosexuell, der aus Weibermangel, Modesucht oder sonstigen Gründen sich der Homosexualität zuwende. Besonderes Gewicht legt Laupts auf den Einflnss äusserer Umstände für die Entstehung der Homosexualität. Nähere Exemplificierung bei Gründung von Colonien und Städten. Unterscheidung zwischen schwachem und starken Teil unter den Homosexuellen, wonach auch die spezielle Ge- schmacksrichtung sich bestimme, z. B. Liebe des Andro- gynen zum normalen Mann u. s. w. Zum Schluss: Aus- führungen über die Homosexualität im Mittelalter und Altertum nebst Citaten aus der antiken Literatur. In Laupts 9 Betrachtungen* wäre gar Manches auszusetzen: Viel unrichtiges ist in geistreicher Weise mit Richtigem vermischt. Laurent, Emile: Les habitu^s des prisons de Paris avec pr^face du Dr. Lacassagne. (Paris soci^t^ d'^ditions scientifiques.) Lewin: Ueber perverse und konträre Sexual- empfindung im Neurologischen Centralblatt, 15. September 1891. Betonung der Gefahr; man könnte durch die neueren Arbeiten über den Geschlechtstrieb zur Lehre von der Monomanie zurückkehren. Libermann, H.: Les fumeurs d'opium en Chine. Etüde medicale (Paris 1862). S. 04 flgd. Angabe über die Homosexualität, ins- besondere die männliche Prostitution in China. Die — 413 — Ursache der grossen Verbreitung der Päderastie iu China wird in dem Opiuragebrauch und seinem Ein- fluss auf den Geist gesehen. Lloyd-Tuekey, C: Psycho-Therapeutics, orTreat- ment bv Hypnotism and Suggestion. Third Ed. London 1891. (S. 268.) Lloyd-Tuekey, C: Quelques cas d'inversion sexuelle trait^s par la Suggestion. Revue de Phypnotisme et de la psychologie physiologique, Mai 1896, (S. 345 fl.) Lombroso, Cesare: Kerkerpalimpseste. Das Werk enthält homosexuelle Inschriften, Liebes- erklärungen, Tätowirungen urnischer Verbrecher, die in italienischen Gefängnissen auf den Zellenmauem oder am Rande der den Gefangenen geliehenen Bücher gefunden wurden. Lombroso, Cesare: Archivio di Psichiatria, soienze penali cd anthropologia criminale. Vol. XI. Fase. III— IV. Torino 1890. Verfasser rechnet Virgil zu den Homosexuellen. Lombroso, Cesare: L'amore nel suicidio e uel delitto: Conferenze Torinesi Torino 1881. «S. 34 f. Erwähnung der Homosexualität". Löwenfeld, L.: Jahrbuch der gesamten Psycho- therapie. Mit einer einleitenden Darstellung der Hauptthatsachen der medizinischen Psychologie.) Wies- baden 1897). S. 241 hypnotische Behandlung der Homosexualität. Martini, J.: Ein männlicher Zwitter als ver- pflichtete Hebamme. Vierteljahrschrift für ge- richtliche und öffentliche Medizin. Herausgegeben von Casper. (Berlin 1861). Bd. 19, S. 303. Moll: „Problem der Homosexualität'' in Heft 2 der genannten Zeitschrift für Kriminalanthropologie, Gefängniswissenschaft und Prostitutionswesen von Wenge. — 414 — Quintessenz der in dem bekannten Werke von Moll: «Die konträre Sexualempfindung '^ niedergelegten Haupte gedanken: Angaben über das von den Homosexuellen bevorzugte Alter ihrer Geliebten. Das Vorkommen von Zuständen blos vorübergehender Homosexualität in der Pubertätszeit und in einem Stadium undifferenziertem Geschlechtstriebes wird betont und ein scharfer Unter- schied gemacht zwischen der wenn auch nur vorüber- gehend unter gewissen Einflüssen auftretenden Homo- sexualität und blossen gleichgeschlechtlichen ohne psychische Zuneigung und nur zur Erzielung eines localen Kitzels vorgenommenen Handlungen. Erörterung der Entstehung der Homosexualität: Meist angeboren, aber nur eine eingeborene Reaktionsfähigkeit auf bestimmte Reize vorhanden, ebenso wie beim nor- malen Trieb. Die Homosexualität ein Krankheitssympton, auch wenn sonstige Krankheitserscheinungen nicht nach- weisbar. Homosexualität kein Grund für die Annahme von Unzurechnungsfähigkeit; die Aufhebung des § 175 dagegen dringend ratsam. Besprechung des Verhältnisses der Homosexualität zu den Degeneratiouszeichen, zum Pseudohermaphrodismus und abnormen physischen Bildungen; Bemerkungen über männliche Prostitution und die weibliche Homosexualität, sowie zum Schluss über die therapeutische Behandlung der Homosexualität^ insbesondere durch Hypnose. Horag'lia (Turin): „Neue Forschungen auf dem Gebiete der weiblichen Criminalität, Pro- stitution und Psychopathie" in Heft HI der Zeitschrift für Criminalanthropologie etc. von Wenge und zwar unter Abschnitt II des Aufsatzes: Er- örterung über die weiblicheHomosexualität. Scharfe Unterscheidung zwischen Tribadismus and Sapphismus. Die Tribade: die geborene Konträre: Be- friedigungsart nur durch gegenseitige vulväre Onanie, — 415 — muluelle Friktionen der Genitalien. Fähig tieferen Ge- fühles und schwärmerischer Leidenschaft. Die dem Sapphismus ergebene Frau, die Lesbierin: von Natur nicht konträr, ohne horror viri. Ursache des Sapphismus: unbefriedigte Sinnlichkeit, Unmöglichkeit der Ausübimg des normalen Koitus aus sozialen Rück- sichten etc. Befriedigungsart: nur Onanie per os. Die Lesbierin nur auf grobsinnliche Wollust bedacht. Anführung von Beispielen und Wiedergabe ausführ- licher Briefe, von denen insbesondere diejenigen einer Tribade wegen des Tones überschwenglischer Leidenschaft typisch. Die scharfe Klassifizierung des Verfassers dürfte nicht richtig sein. Die Art der sinnlichen Befriedigung kann niemals ein sicheres Kriterium für das psychische Empfinden und die Natur des Triebes abgeben. Auch Moll kennt Moraglias scharfe Unterscheidung nicht. Morselli: Prefazione all'opera le ,,amiziedi Collegio" del Obici e Marchesini (estratto Roma 1898). Näcke, Paul: Problemi nel campo della funzione sessualenormale: Archi vio delle psicopatie sessuali 1897 N. 19 u. 20. Erörterung einer Reihe von Fragen über normalen und anormalen Geschlechtstrieb. Das Problem der Homosexualität und die Auffassung, wonach sie auf die bilatente Anlage des Geschlechts zurückzuführen ist, wird berührt; femer wird die Wichtigkeit des Studiums der vorübergehenden homosexuellen Neig- ungen Normaler betont. Neri, S. A.: Inversione e Perversione sessuale complessa. Archivio delle psichopathie sessuali. Obici e Marchesini: Le amizie di Collegio. Ref. in Rivista quindicinale di psicologia 1898 pg. 139. Penta, P.: L'origine e la patogenesi della in- — 416 — versione sessuale secondo Krafft-Ebiug e gli altri autori. Archivio delle psicopathie sessuali. Ploss, Hein rieh: Das Weib in derNi^tur undVölke^- k u n d e. Herausg. von Dr. Bartels (Leipzig 1 884). II. Aufl. Angaben über Homosexualität des Weibes, Er- örterungen über Vergrösserung der Clitoris im Zu- sammenhang mit der Ausübung der Tribadie. Mit- teilungen über die grosse Verbreitung der Tribadie im alten Rom und im Orient. Polenda: Ernie ed anomalie sessuali. Archivio delle psicopathie sessuali 1896 Nr. 6. Bei sexueller Inversion fand Polenda öflers ein- fache und doppelte Leistenbrüche. Er wagt nicht eine Erklärung zu geben, glaubt aber, dass der Druck des Bruches auf den Samenstrang nicht gleichgiltig für den Samenstrang ist. Raffalowich, Andr^: «Annales de l'unisexualit^?**. (Storck u. Masson, Lyon-Paris 1897.) Ein Versuch, denselben Gedanken, den dieses Jahr- buch zu verwirklichen strebt, zur Ausführung zu bringen, nämlich alljährlich ein lediglich der Homosexualität und der Sammlung aller im Laufe des Jahres für sie bedeut- samen Ereignisse gewidmetes Buch herauszugeben. Die „Annalen*' des Jahres 1897 haben leider bisher keine Fortsetzung erhalten. Sie bringen: eine Uebersicht und Kritik der im Laufe des Jahres 1896 veröffentlichten wissenschaftlichen und literarischen, die Homosexualität behandelnden oder berührenden Werke. Dabei sind eine Menge der in Raffalowichs Buch ,Uranisme et Unisexualit^* und in der deutschen Uebersetzung ^Die Entwicklung der Homo- sexualität"*] (Berlin: Fischers Mediz. Buchhandlg. 1895) *) Auch als Einleitung der aus LauptH Werk entnommenen unter dem Titel : Der Roman eines Konträrsexnellen von Thal über- setzten Biographie eines Tmings abgedruckt. (Verlag von S p o fa r.) (Siehe oben S. 415.) — 417 — näher entwickelten Gesichtspunkten eingeflochten. Die Anerkennung eines geborenen Homosexuellen, wobei dem Einfluss des Milieu für die Weiterentwickelung der Homosexualität für viele Fälle grosse Bedeutung bei- gelegt wird. Unterscheidung des gesunden und des krankhaften sowie des lasterhaften Homosexuellen. Eine scharfe Grenze zwischen Homo- und Heterosexualität bestehe überhaupt nicht. Homo- und Heterosexuelle seien in moralischer und strafrechtlicher Beziehung gleich zu beurteilen. Für beide verlangt Raflalowich^ namentlich von religiösen Gesichtspunkten geleitet: Selbsterziehung und Unterdrückung der Sinnlichkeit. Sodann Besprech- ung: insbesondere der Werke von EUis und Symonds: , Das konträre Geschlechtsgefühl*, von Laupts: „Perver- sion et pcrversit^ sexuelle" sowie des Novellenbandes von Eekhoud: „Le cycle patibulaire", dessen künstlerischen Wert Rafialowich lobend anerkennt, dessen Tendenz er aber von seinem streng-orthodoxen Standpunkt aus miss- billigt. Reuss, L.: La Prostitution au point de vue de l'hygi^ne et de Padministration en France et ä P^tranger. (Paris 1889.) S. 69 Angaben über gleichgeschlechtlichen Ver- kehr bei prostituierten Frauen. Rutg^rS: Ueber die Aetiologie des perversen Geschlechtstriebes. Psychiatrische Bladen Deel Xn Aflevering 3. (Amsterdam van Rossen 1894.) S. 183. Sandras, C. M. S. : Traite pratique des maladies nerveuses Tome second. (Paris 1851.) S. 245 Erwähnung der Homosexualität, von Schrenk-Notzlng: »«Homosexualität und Straf- recht* in der wöchentlich erscheinenden „Umschau* Nr. 50 vom 10. Dezember 1898. Gemeinverständlicher Aufsatz: Wiedergabe der be- Jafarbuch II. 27 — 418 — kannten Associationstheorie über die «Entstehung der Homosexualität/ Hervorhebung des Einflusses der jüd- ischen Moral im Gegensatz zum griechischen Standpunkt. Als bestes Mittel zur Verhütung der Entwicklung anor- maler Triebe wird die soziale Hygiene, die zweckmässige Aufklärung und Erziehung, Verhinderung von Ver- brecherehen und Krankenfortpflanzung anempfohlen, von Schrenk-Notzing : Psychotherapie. InderReal- Encyclopädie der gesamten Heilkunde von Eulenburg. 3. Aufl. 1898. Schürmayer, J. H.: Lehrbuch der gerichtlichen Medizin mit Berücksichtigung der neueren Gesetz- gebungen des In-. und Auslandes. Für Aerzte und Juristen bearbeitet. 3. Aufl. (Erlangen 1861.) S. 365 f. Erörterung der sog. Päderastie und Sodomie ohne tieferes Eingehen auf die psychische Seite. Siemerllngr« E.: Sittlichkeitsverbrechen und Geistesstörung im Medizinischen Korrespondenz^ blatt des Württembergischen ärztlichen Landesvereins. 5. Oktober 1895. Bd. 65. Nr. 31. Die konträre Sexualempfindung wird als Teil- erscheinung eines pathologischen Zustandes betrachtet^ die jedoch an und für sich nur selten die Zurech- nung ausschliesse. Sioli: Ueber perverse Sexualempfindung. AU* gemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychische gerichtliche Medizin. 50. Bd. Berlin 1894. S. 897. Aehnliche Befürchtungen wie Lewin^ dass die heutige Auffassung der konträren Sexualempfindung zur Monomanielehre zurückführe, hervorzuheben. Strassmann, Fritz: Lehrbuch der gerichtlichen Medizin (Stuttgart 1895). S. 114-123 Erörterung der Homosexualität. Toulouse, Edouard: L'inversion sexuelle chez les ali^n^s. Tribüne m^dicale 1893. — 419 — Vierordt« Hermann: Mediciniscbes aus der Ge- schichte. Tübingen 1896. Angaben über historische Urninge. AnerkenntniB, dass viele geistig hochstehende Männer homosexuell waren. Wachholz, Leo: Zur Kasuistik der sexuellen Verirrungen. Friedreichs Blätter für gerichtliche Medizin und Sanitätspolizei. 43. Jahrg. Nürnberg 1892. S. 483 Mitteilung eines sehr interessanten Falles fortgeschrittener EiTcmination, eines Mannes^ der als Weib auftrat und als solches sich geschlechtlich Männern hingab. Wetterstrand, Otto G.: Der Hypnotismus und seine Anwendung in der praktischen Medizin. (Wien und Leipzig 1891.) S. 52: über hypnotische Behandlung der Homo- sexualität. Wise-Willard, P. M.: Case of sexual perversion. The Alienist and Neurologist, Jan. 1883. Der Fall einer homosexuellen Frau, welche im ganzen Lande als tüchtige Jägerin bekannt war und eine Zeit lang mit einem andern Weib in den Wäldern zusammenlebte. Ziehen, Th.: Psychiatrie (Berlin 1894). Ein Lehrbuch. S. 12 und 57 Erwähnung der Homosexualität. Zuccarelli« Angelo: Inversione congenita delP istinto sessuale in due donne. EstrattoNapolil888. § 2: Schriften der Nicht-Mediziner. Adam, Paul: L'assant malicieux. Revue blanche 15. Mai 1895, geistreiche und mutige Verteidigung von Oscar Wilde. Anonym: Die Schule der Wonne, aus dem Fran- zösischen. (Leipzig, Carl Minde.) 27* — 420 — Flugschrift aus der Zeit der Revolution, welche die Straflosigkeit gleichgeschlechtlicher Liebe begehrt. Anonym : Schouwtooneel: Aktenmfissige Darstellung einer Umingsverfolgung in den Niederlanden 1730. Anonym: Denkschrift betreffend Aufhebung des § 175 (Berlin, Steinitz 1898): Bethätigung der Konträr sexual -Empfindung. Eine kleine Schrift (20 S.), welche die Ungerechtig- keit der Bestrafung der Homosexualität betont mid energisch die Abschafiiing des § 175 verlangt. Appert, Benjamin Nicolas Marie: Die Oeheim- nisse des Verbrechens, des Verbrecher- und Gefängnislebens (Leipzig 1851). 1. Th. S. 82: Angaben über gleichgeschlechtliche Akte in Gefängnissen. Arnold, Bernhard: Sappho: Sammlung gemein- verständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausg. von Virchow und Holzendorff (Berlin 1871). Verfasser behauptet, dass es sich bei Sappho nur um übertriebene Freundschaft, nicht um Weiberliebe gehandelt habe. Backofen, J. J. : Das Mutterrecht. Eine Unter- suchung über die G^Tiaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. 2. Aufl. (Basel 1897.) Längerer Abschnitt über die Liebe der Sappho zu ihren Freundinnen, welche mit der Liebe des Socrates zu Jünglingen verglichen wird. S, 337 — 341. Bastian, Adolf: Zur Kenntnis Hawaiis. Nachträge und Ergänzimgen zu den Inselgruppen in Ozeanien. (Berlin 1883.) S. 35 wird berichtet, dass Päderastie in Hawai vorkomme. Beccaria: Verbrechen und Strafe. Juristisches und kriminalpolitisches Werk. — 421 — S. 137 wird die Ursache des maDDmännlicheD Ver- kehrs in dem Weibermangel erblickt Becker« Karl Friedrich: Weltgeschichte. (Heraus- gegeben von Ad. Schmidt. Mit der Fortsetzung von Eduard Arnd. lU. Aufl. (Leipzig 1869). Bd. XI: Angaben über die Zuneigung Jakobs I. von England zu unwürdigen Lieblingen^ die beim Volk allgemeine Unzufriedenheit erregte. Beyer, C: Ludwig IL König von Bayern. Ein Charakterbild nach Mitteilungen hochstehender und bekannter Persönlichkeiten und nach anderen authen- tischen Quellen. (Leipzig.) von Blsmarck, Fürst Otto: Gedanken und Er- innerungen. (Cotta'sche Buchhandlung Stuttg. 1898.) Bd. I. Kapitel 1 S. 6: Erwähnung eines grossen Päderastenprozesses und der gleichmachenden Wirk- ung der mannmännlichen Liebe. Bodemann, Eduard: Elisabeth Charlotte von der Pfalz. Historisches Taschenbuch herausge- geben von Maurenbrecher. 6. Folge. 11. Jahrg.: Briefe der Elisabeth Charlotte an ihre Freundin Kurfürstin Sophie von Hannover über die Homo- sexualität ihres Gatten, des efiPeminierten Bruders Ludwigs XIV., Philipp d'Orl^ans. Bonnetain, Paul: Au Tonkin Charpentier Paris: Sittenschilderungen. Verkehr der Europäer mit den jungen Tonkinesen. Carriere, Moritz: Liebig und Platen in Lebens- bilder (Leipzig 1890). Das Freundschaftsverhältnis zwischen beiden wird insbesondere an der Hand von Briefen geschildert. Dass es sich bei Platen um homosexuelle Liebe handelte, wird von Carriere noch nicht deutlich er- kannt. Castilhon: Consid^rations sur les causes physiques et — 422 — morales de la diversite du genie des mocurs et du gouvernement des natioiis. Bouillon 1759. Erwähnung der Päderastie S. 90 — 92. Cella: Ueber Verbrechen und Strafen in Un- zuchtsf allen, juristisches Buch. S. 66 wdrd die Ursache der Päderastie in der un- begrenzten Geilheit, in dem durch übermässige Sättigung entstandenen Ekel an dem Genuss natür- licher Wollust gesehen. Claepius, Ludovicus: Dissertationcula juridica de Crimine Sodomiae oder »Von der Sodomiterey" Halae, Magde- burg 1669. Juristische Dissertation über die verschiedensten Unzuchtakte, insbesondere über Päderastie. Damiani, Peter: Liber Gomorrhianus. Schrift eines Kirchenfürsten aus dem 11. Jahr- hundert mit der Schilderung der Fleischessünden und Ausschweifungen des Clerus. von Dankelmann, £. : P ä d e r a s t i e. A ufsatz in der Zei t- schrift die »Kritik« Nr. 136, Mai 1897. Dodge, W.P.rPiersGaveston. (Fischer, London 1 898.) Eine historische Studie über Gaveston, den Ge- liebten von Eduard II. (deren Verhältnis ein Drama von Marlowe schildert). Dubut de Laforest: Pathologie sociale (Paris 1897). S. 493 Erwähnung der Homosexualität Duttenhofer, F. M.: Die krankhaften Erscheinungen des Seelenlebens für Aerzte, Psychologen, Naturforscher und gebildete Laien. (Stuttgart 1890.) S. 163 Erwähnung der Päderastie. Ehlers, Martin: Betrachtungen über die Sittlich- keit der Vergnügungen, 1 Tl. (Flensburg und Leipzig.) S. 198 Erwähnung der Riderastie. — 423 — Ehrenberg, Friedrich: Euphranor, Ueber die Liebe. Ein Buch für die Freunde eines gebildeten und glücklichen Lebens. 1 Th. 2. Aufl. (Elberfeld und Leipzig 1809.) S. 114 Ausführungen über gewisse Gefühle zwischen Personen gleichen Geschlechts, die nur als homo- sexuelle aufzufassen sind. Ferriani, Carl Lino: Minderjährige Verbrecher, deutsch von Alfred Ruheroann. (Berlin 1896.) S. 158 Angaben über mutuelle Masturbation und päderastische Akte in Instituten. Feuerbach, Anselm: Lehrbuch des gemeinen, in Deutschland geltenden peinlichen Rechts herausgegeben von Mittermaier. (Giesen 1847.) Li § 468 wird als Grund der Bestrafung der Päderastie die dem Staate drohende Schädigung, und die in Folge der körperlichen und geistigen Ent- nervung des Thäters zu befürchtende Entvölkerung angesehen. Forblger, Albert: Hellas und Rom; populäre Dar- stellung des öfiPentlichen und häuslichen Lebens der Griechen und Römer. 2. Abth. 1. Bd. (Leipz. 1876.) S. 283 Ausführungen über die Päderastie im Altertum. Foumler-Vemeuil: (auteur de curiosit^ et indiscr^tion) et Huron de Montrouge: «Tableau moral et philosophique de Paris." (Paris 1826.) Ein tendenziöses gegen die Jesuiten gerichtetes Machwerk, welches in übertriebener, skandalsüchtiger Weise die Sittenschilderung von Paris unter der Restauration geben will. Zahlreiche Stellen über homosexuellen Verkehr: über die Art und Weise der Homosexuellen öfiPentlich Bekanntschaft zu schliessen, über die Zusammenkunftsorte, die männ- liche Prostitution u. s. w. so S. 153, 313, 332—338, — 424 — 867^ 897, 898. Besonders Adelige, höhere Beamte und hohe Würdenträger werden unter den Homo* sexuellen genannt. von Franke, J. H.: „Die Männerliebe als ein Ele- ment der sittlichen Entartung des Menschen- geschlechts. (Selbstverlag Zürich u. Säckingen.) Friedländer, Ludwig: Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit von Au- gustus bis zum Ausgang der Antonine. (6. A. Leipzig 1890.) Gelger, Ludwig: Renaissance und Humanismus in Italien und Deutschland. (Berlin 1882.) Geiger berichtet, dass Antonio Beccadelli aus Palermo (f 1471) auch Panormitanus genannt^ im Hermaphroditus die unnatürlichen Laster geisselte. Gibbon, Edward: History of the decline and fall of the Roman empire. Angaben über die Homosexualität der römischen Kaiser. Gregore vius, Ferdinand: Der Kaiser Hadrian: Ge- mälde der römisch-hellenischen Welt zu seiner Zeit. 3. Aufl. (Stuttgart 1884.) Grohmann: Grundriss des Kriminalrechts. §§ 397, 398, 400. Die Bestimmungen über die Bestrafung der Päderastie am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Häberlin: Grundsätze des Kriminalrechts nach den neuen deutschen Strafgesetzbüchern. (Leipzig 1845.) Bd. n. § 135. Angabe der strafrechtlichen Be- stimmungen gegen Päderastie. von Hammer-Purgstall , Joseph: Geschichte des Osmanischen Reichs. (Pesth 1840.) 4. Bd.: Erwähnt wird ein Befehl des Grossvezier bei Be- ginn eines Feldzuges im Jahre 1771 alle „Lotter- — 425 — buben* aus dem Lager zu entfernen; der Befehl wurde nicht befolgt. Hancarville : Monuments priv^s de la vie des douze C^sars, Heinse:6eheime Geschichte des römischen Hofes unter der Regierung des Kaisers Nero. 26de. Rom 1783. Hellmann, Roderich: Ueber Geschlechtsfreiheit: Ein philosophischer Versuch zur Erhöhung des menschlichen Glückes. (Berlin 1878.) Ein eigentümliches in geschlechtlicher Beziehung sehr frei denkendes Buch^ das in einem der letzten Kapitel auch Straflosigkeit des gleichgeschlechtlichen Verkehrs verlangt, weil Niemand dadurch geschädigt wird. Hennequln, Victor: Sauvons le genre humain. (Paris 1853.) S. 112 flgd. Erwähnung der Päderastie. von Herder, Johann Gottfried: Charikles oder Bilder altgriechischer Sitte. (1890.) 2. Bd.: Besprechung der griechischen Knabenliebe. Herzen, W.: Die konträre Sexualempfindung und der § 175 des R.-St.-G.-B. in der „Neuen Zeit«. Nr. 44. XVI. Jahrgang. II. Bd. 1897—1898. Der Aufsatz billigt die Bestrebungen zu Gunsten der Aufhebung des § 175 des St.-G.-B., dessen Be- seitigung er ebenfalls verlangt. Hug, Arnold: Ausgabe von Plato's Symposien. Bemerkungen über die griechische Knabenliebe. James, William: The priciples of psychologj. (New-York 1890.) Vol U S. 438. Heute sei die Homosexualität eine pathologische Erscheinung, im Altertum habe es sich um eine an- geborene Neigung gehandelt^ die unter normalen Verhältnissen nicht hervortrete. Der «Isolierungs- — 426 — trieb*, d. h. das Streben, die körperliche Berührung mit Personen gleichen Geschlechts zu vermeiden, sei bei den Griechen in Folge von Gewohnheit und Bei- spiel unterdrückt worden. Jansen, Albert: Leben und Werke des Malers Giovantonio Bazzi von Vercelli genannt il Soddoma. (Stuttgart 1870.) Angaben über die Homosexualität von Soddoma. Jonas: § 175. In der Neuen Zeit. Nr. 6. Jahrg. X\TI. I. Bd. 1898/99. Die Beseitigung des § 175 wird begehrt. Jousse: Traitd de le justice criminelle en France (Paris 1771.) T. II S. 119: Angaben über die Bestrafung der Päderastie (Lebendig Verbranntwerden) in Frank- reich im 18. Jahrhundert Kappler: Handbuch der Litteratur des Criminal- rechts. (Stuttgart 1838.) Die Bestimmungen und die Praxis bezüglich der Päderastie am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts werden angegeben. Klenke, H.: System der organischen Psychologie. (Leipzig 1842.) Verfasser spricht statt von einer gleichgeschlecht- lichen von einer pytagoräisehen Liebe. Eine der ersten ruhigeren wissenschaftlicheren Auffassungen des Gegenstandes. Klopp, Onno: Der König Friedrich II. von Preussen und seine Politik. 2. Aufl. (Schaff- hausen 1867.) Verfasser nimmt die päderastischen Neigimgen des Königs an. Komer: Entwurf eines Strafgesetzbuches für Oesterreich. Motivierung der Abschaffung der Bestrafung der gleichgeschlechtlichen Liebe. — 427 — Lamairesse: Le Kama Soutra. Französische Uebersetzung des heiligen indischen Liebescodex: häufige Erwähnung des gleichgeschlecht- lichen Verkehrs. Lammasch : In Zeitschrift für gesamte Strafrechtswissen- schaft. Bd. XV. Heft 4 und 5. S. 638. Verfasser befürchtet von der Straflosigkeit des gleichgeschlechtlichen Verkehrs, Schädigung des Staates und Zerrüttung der Ehe. Lenz, Oskar: Timbuktu: Reise durch Marokko, die Sahara und den Sudan, ausgeführt un Auftrage der afrikanischen Gesellschaft in Deutschland, in den Jahren 1879 und 1880. I. Bd. (Leipzig 1884). S. 367 Ueber die Sitten der Grossen in Marokko verschnittene Negerbuben zum geschlechtlichen Ver- kehr sich zu halten. liOppmann: Bericht über den Lustmord in den Mitteilungen der internationalen kriminalistischen Vereinigung. Bd. V. Heft 3 1896. S. 505-507. Leppmann betont, dass konträre Sexualempfindung und sadistische Neigungen mit einander kombiniert, selten beobachtet worden sind; er führt zwei Bei- spiele von Lustmord an Knaben an. Lessing, G. E.: Schriften. 3. T. Rettungen des Horaz. (Berlin 1754.) S. 42—57 über die Frage der Homosexualität von Horaz. V. Uszt, Franz: Lehrbuch des Strafrechts: (Berlin Verlag Guttentag 1894.) In S. 107 ist die historische Ent^vicklung der straf- rechtlichen Bestimmungen gegen gleichgeschlechtlichen Verkehr und der heutige Stand der Gesetzgebung wiedergegeben. Verfasser ist im Prinzip für Straf- losigkeit. — 428 • Hacö, G.: Un joli monde. Mon mus^eanimal. } (Paris ^d CharpeDtier.) Mes lundis en prisonJ Angaben über die männliche Prostitution in Paris, die Erpressung und den Verkehr der Homosexuellen mit den gefährlichen ^petits J^us'*, welche die Urninge anlocken^ um sie durch ältere Verbrecher ausbeuten zu lassen. Mlchelety J..* Procfes des Templiers. Zahlreiche Stellen über die gleichgeschlechtlichen Handlungen der Templer, insbesondere Bd. I, S. 887, Bd. IL, S. 223, 208. Mlchelet, J.: Histoire de France (Paris Vasseur). T. 14, 15, 16; 17. Eine Reihe von Auslassungen über historische Urninge und überhaupt über die Homosexualität 'zur Zeit Ludwig XIV. und XV. und die Sitten der jungen Höflinge, insbesondere über den Bruder Ludwig XIV., Philipp d' Orleans. , Dieses ge- schminkten, koketten Weibes, das bemalt und in Weiberkleidem am Arm seines Geliebten, des Chevalier de Lorraine auf den Ball ging.* (T. 15. p. 57 u. 137.) Mlrabeau: Histoire secr^te de le cour de Berlin ou Correspondance d'un voyageur franfais depuis les 5 juillet 1786 jusqu'au 19 janvier 1787. Tome secoad 1789. S. 98 und 131 über die Knabenliebe des Prinzen Heinrich, des Bruders Friedrichs des Grossen. Mlrabeau: Erotika Biblion. (2 ^d. Paris 1792. Chez Le Jay, rue Xeuve-des-Petits Changes pr^s ceUe de Richelieu, an Grand Corneille Nr. 146.) (sehr selten!) Eine unzüchtige, rein erotische Schrift mit ein- gehenden Auslassungen über gleichgeschlechtlichen Verkehr, namentlich S. 126. — 429 — Miratar, F.: Seminar-Geheimnisse: Kuriose Geschichten aus einem Erziehungsinstitute für Studierende. (III. Aufl. München 1896.) Moldenhauer, Daniel: Prozess gegen den Orden der Tempelherrn. Aus den Original- Akten der päpstlichen Commission in Frankreich. (Hamb. 1732.) de HoDtaigney M i c h e 1 : Essais: Sur l'amiti^. Bd. I^ Kap. 27. Hat wohl nur die Freundschaft im Auge^ spricht aber von seinem Verhältniss zu La B^otie im Tone - leidenschaftlicher Liebe. Montesquieu: Esprit des lois. Livre 12, Chap. 6, ferner livre 4, Chap. 8: letztere Stelle über den homosexuellen Verkehr der Thebaner. Hüller, Joseph: Ueber Gamophagie. Ein Versuch zum weiteren Ausbau der Theorie der Befruchtung und Vererbung. (Stuttgart 1892.) S. 40 Erwähnung der Homosexualität. Munter, G ustav Wilhelm: Geschichtliche Grund- lage zur Geisteslehre des Menschen oder die Lebensäusserungen des menschlichen Geistes im gesunden und krankhaften Zu- stand. (Halle 1850.) S. 203 Erwähnung der Päderastie. Huyart de Vouglans: Trait^ des lois criminelles de la France. (Paris 1780.) S. 243 Angaben über die Bestrafung der Päderastie in Frankreich im Mittelalter und der Neuzeit bis zur Zeit des Verfassers. Neisser, Karl: Die Entstehung der Liebe. Zur Geschichte der Seele. (Wien 1897.) S. 45. NeiSSePy Karl: Die arische Sexualreligion, als Volksveredelung im Zeugen, Leben und Sterben. Mit einem Anhang über Menschen- — 430 — Züchtung von Freiherrn Dr. Karl^ Du PreL (Leipzig 1897.) S. 294. In beiden Werken Erörterung der Homosexualität. Oelzelt-Newin, Anton: Ueber sittliche Disposi- tionen. (Graz 1892.) S. 66 Erwähnung der konträren Sexualempfindung. Panizza, Oscar: Der teutsche Michel und der römische Papst. Altes und Neues aus dem Kampfe des Teutschtums gegen römisch-wälsche Ueberlistung und Bevormundung in 666 Lesen und Citaten. Mit einem Begleitwort von !NCchael G^org Conrad. (Leipzig 1898.) S. 260 Angaben über die Homosexualität des Papstes Sixtus V. Prantl, K.: Piatos Gastmahl und Phädrus. Anmerkungen dazu mit Besprechung der griech- ischen Knabenliebe. Preuss, Johann: Friedrich derGrosse. (Berlin 1832.) Bd. I mit Erörterungen über die bezüglich der angeblichen Homosexualität des Königs verbreiteten Gerüchte. Prudhomme, Louis Marie: Vergehungen der Päpste vom heiligen Peter an bis auf Pius den VI (1793.) S. 527 wird behauptet, dass Paulus H. der Sodomie ergeben gewesen sei. Prutz, Hans; Entwicklung und Untergang des Tempelherrnordens. (Berlin 1888.) S. 152: genauere Angaben über die im Prozess der Templer festgestellten gleichgeschlechtliehen Handlungen. Quistorp: Grundsätze des deutschen peinlichen Rechts mit Anmerkungen von Klein (1812)« Bd. II S. 496 flgd: Die Bestimmungen und die Praxis bezüglich der Bestrafung der Päderastie im 18. Jahrhundert. — 431 — Raehilde: Question brillante: in der Revue blanche vom 1. September 1876. Sehr geistreicher, vernünftiger Artikel über die Frage der völlig freien Liebesbethätigung. Raffolovlchy M. Andrer Gli studii sulle psicopat ie sessuali in Inghilterra. Archivio delle psicopatie sessuali, vol. 1, fasc. 13 e 14, 1 — 15. (Luglio 1896). Ueber die Homosexualität in England. de RÖgla, Paul: Les Bas-Fonds de Constantinople. 3. 6d. (Paris 1893.) S. 115 über gleichgeschlechtlichen Verkehr zwi- schen Weibern in der Türkei. RettiSfy 6. F.: Erläuterungen zuXenophons Gast- mahl. Angaben über die griechische Knabenliebe. Rein, Kriminalrecht der Römer. (Leipzig 1844.) S. 864 über die strafrechtliche Behandlung der Päderastie bei den Römern. Ribot^ Tb.: La psvchologie des sentiments. (Paris 1896.) S. 253—256, und Les maladies de la personnalit^. (Paris 1885.) S. 74 — 76 Erwähnung der contr. Sexualempfind. Röscher: Grundzüge der Nationalökonomie. S. 209: Die kretische Gütergemeinschafr soll sich namentlich auf obrigkeitlich befohlene Päderastie ge- stützt haben. St • • • r, Baron: Hof und Gesellschaft in deut- schen Residenzen. (Berlin 1895.) S. 292 flgd. Ueber die Beziehungen des ver- storbenen Königs Karl von Württemberg zu seinen amerikanischen Gesellschaflem. V. Scheffler, Ludwig: Michelangelo:*) Eine Renais- sancestudie. (Altenburg 1892.) *) Siehe oben den Aufsatz von Numa Praetorins S. 254, — 132 — Zum ersten Male eine annähernd richtige AufTassung der wahren Natur der in den Gedichten Michel Angelos ausgedrückten Gefühle: Schmitz^ Hermann Joseph: Die Bnssbücher und die Bussdisziplin der Kirche. Nach hand- schriftlichen Quellen dargestellt (Mainz 1883.) S. 249, 265, 275, 281^ 282, 299, 361, 407, 455 und 527 Erwähnung der Päderastie. Schrader: Corpus juris civilis (Berlin 1832). Bd. L S. 758: Bestrafung der Päderastie bei den Römern im Falle von Verführung Minderjähriger. Schultz, Alwin: Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger. 1 Bd. (Leipzig 1889) S. 585 — 587 ausflihrliche Angaben über gleich- geschlechtlichen Verkehr zur Zeit der Minnesänger. Scott, Colin A.: Sex and art, American Journal of psycology, Vol. 7. N. 1896. S. 217 über den angeblichen Einfluss der Ean- büdungskraft auf die Entstehung der HomosexuaHtät Sueton: Duodecim vitae imperatorum. Angaben insbesondere über Neros Homosexualität. Surbled, Georges: La m orale dans ses rapports avec la m^deciue et lliygi^ne. Tome second: La vie sexuelle. 3. ^d. (Paris 1892.) S. 64 flgd. Erwähnung der Homosexualität. Stieber: lieber die Berliner Prostitution. (Berlin 1897.) Ein Anhang handelt über die umische Liebe. Thompson, U. H.: Ausgabe von Piatos Plädrus. Bemerkungen über die griechische Knabenliebe. Tittmann: Handbuch der Strafrechtswissenschaft der deutschen Strafgesetzkunde (Hallel823) Bd. II § 590. Angaben über die Bestrafung der Päderastie. Ziemlich milde Auffassung Tittmanns: Erziehung und Begünstigung der Ehe die besten - 433 — Mittel zur Verhütung der Päderastie. Es sei besser^ von der Handlung keine Kenntnis zu nehmen, als durch die Untersuchung erst recht Äergernis zu erregen. Tourtual: Ein als Weib verehelich ter Androgynus im kirchlichen Forum: Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medizin, Berlin 1856, Bd. X, S. 18. Valmaggi, L.: Virgilio anomale? Rivisti di Filo- logia e d'fstruzione classica (Torino 1890). Vehse, Eduard: Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation, 26. Bd., (Hamburg 1853). Angaben über Friedrich I., König von Württem- berg, über einen Minister Augusts III., Königs von Polen, Graf v. Brühl, über Prinz Eugen, und deren Verkehr mit jungen Männern, der die Homosexualität dieser Personen wahrscheinlich macht. Voltaire: Dictionnaire philosophique: Amour socratique. Für die damalige Zeit ziemlich duldsame Auf- fassung. Wasserschieben, F.W. H.: Die Bussordnungen der abendländischen Kirchen nebst einer rechts- geschichtlichen Einleitung (Halle 1851). S. 101, 107, 158, 171, 181, 185 etc. Erwähnung der Päderastie. von Wächter, Karl Georg: Abhandlungen aus dem Strafrecht. (Leipzig 1835.) S. 170 flgd. Eingehende Erörterung über die ge- schichtliche Entwicklung der strafrechtlichen Be- stimmungen gegen den gleichgeschlechtlichen Ver- kehr bei den Ilömern, im Mittelalter und der Neuzeit, insbesondere unter Berücksichtigung der Gesetzgebung Sachsens, (S. 159 flgd.) Jahrbacb II. 28 — 434 — Weber, Carl J ulins: Die Möucherey (Stuttgart 1820 Bd. in 1 S. 314. Mitteilungen über das Klosterleben «n Ende des 18. Jahrhunderts. Das von den Mchichen beliebte Spiel des ^Hochzeitshaltens'^ mit den als Singknaben angestellten Jungen wird erwähnt Verfasser spricht femer von den Faunenblicken, welche die Mönche auf schöne Jünglinge warfen and dass sie sie küssten, wie Jupiter den Ganymed und Socrates den Alci- biades geküsst haben soll. Weber, Carl Julius: Das Papsttum und die Päpste (Stuttgart 1839) Bd. I S. 348. Verfasser giebt dem Cölibatsgesetz Hildebrands die Hauptschuld an der grossen Verbreitung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs im Clerus. Die Efieminatio des Papstes Paulus IL wird erwähnt. Weloker, Friedrich Gottlieb: Sappho von einem herrschenden Vorurteil befreit (Göttingen 1816). Bekämpfung der Annahme der homosexuellen Liebe der Sappho. Wiedemeister: Der Cäsarenwahnsinn der Julisch- Claudichen Imperatorenfamilie (Hannover 1875). V. WoUzogen^ Freiherr Ludwig: Memoiren aus dessen Nachlass^ mitgeteilt von Alfred Freiherm von Wollzogen (Leipzig 1851). S. 81 flgd. Angaben über die Günstlingswirtschaft beim König Friedrich I. von Württemberg, ins- besondere auch über dessen Liebling Graf Dillen. v. Zimmermann, Bitter: Fragmeute über Friedrich den Grossen. Zur Geschichte seines Lebens, seiner Regierung und seines Charakters. 1 . Bd. (Leipzig 1790). S. 70 — 100 Verteidigung des Königs gegen den angeblichen Yerwurf des gleichgeschlechtlichen Ver- — 435 — kehrs: Behauptung der Unfähigkeit des Königs zum Beischlaf in Folge einer chirurgischen Operation. Friedrich habe die Neigung für das männliche Oe- schlecht simuliert, um keinen Verdacht auf deinen körperlichen Fehler zu lenken! Zicino, G.: Shakespeare un psicopata sessuale? Archivio di psicopatia sessuali (Roma. Napoli November 1896). Zyro, Ferdinand Friedrich: Wissenschaftlich- praktische Beurteilung des Selbstmordes. (Bern 1837). Erwähnung der Erzählung von Pouqueville aus dem Jahre 1805, wonach die lesbische Liebe im Harem verbreitet war. Kapitel 2: Belletristisches. Anonym: Getroffene Bilder aus dem Leben vor- nehmer Knabenschänder. (Merseburg, Friedrich Weidmann, 1833.) Anonym: Distraction de l'^quipage (rein porno- graphisch.) Anonym, Tim (aus dem Englischen übersetzt; Engelhoms allgemeine Romanbibliothek. 11. Jahrgang. 19. Bd. Stuttgart 1895.) Die schlichte, aber psychologisch äusserst feine und im guten Sinne rührende Erzählung der leidenschaft- lichen Zuneigung eines Knabeu, Tim, zu seinem Jugendfreund Carol. Tim geht in seiner grenzen- losen Liebe soweit, dass er Bruch der Freundschaft und Gleichgiltigkeit erheuchelt, um nicht das Ver- hältnis von Carol zu dessen eifersüchtigen Braut zu 28* ^ 436 — trüben. An dieser Aufopferung und Selbsverleugnung siecht dann aber Tim langsam dahin. Obgleich völlig rein und ideal gehalten^ tritt doch der homosexuelle Charakter der geschilderten Ge- fühle deutlich hervor. de Balzac, Honor^: Seines de la Vie Parisienne: . Splendeurs et misferes des courtisanes La dernifere incarnation de Vautrin. Die homosexuelle Leidenschaft des grossartigen Verbrecherhelden Vautrin zu dem schönen Rubenpr^ und zu einem jungen Verbrecher Theodore Calvi. de Balzac, Honorar Sarrazine: Ein junger Maler verliebt sich in einen als Weib gekleideten Castraten des sixtinischen Chores und wird im Augenblick, wo er das wahre Geschlecht des Sängers entdeckt, von gedungenen Söldnern des Geliebten des Castrates, eines Cardinais, erstochen, Böranger, Chansons: Oeuvres complfetes. T V Suppig ment (Paris 1834) Pg. 49. U Hermaphrodite: Spottgedicht über einen Androgjmen. Bourget, Paul: Un crime d'amour. (Paris Lemerre.) Einige Seiten in den ersten Kapiteln über die Knabenliebschaften in den französischen Lyceen. Ciadel, L^on: La Fßte Votive. (Paris Lemerre.) Pg. 43 flgd. Ciadel, L^on: Ompdrailles. Einige Stellen sehr zärtlicher Freundschaft. Ciadel, L^on: Les Vas-Nu-Pieds (Paris Charpentier) : Le Nomm^ Quouael: S. 70, 71: Gefängnissitten. Corbiöre, Tristan: Les amours jaunes (Paris Vannier.) Le Renegat S. 234: Der Renegat ist ein Ma- trose, der sich zu jeder Art Liebe hing^eben hat. Delacour, Albert: Le Roy (Ed. Mercure de France 1898): Roman. Zuerst in der Zeitschrift Mercure de France selber veröffentlicht — 437 — Einige Stellen homosexuellen Inhalts: Plötzliche Leidenschaft des Prinzen d'Armorique zu dem Helden des Romans, dem Krafl und Naturmenschen, Louis Henri de Bourbon. Versuch des Prinzen den Louis- Henri zu verführen, wobei letzterer den Prinzen tötet, aber mehr deshalb, weil sein Wille sich da- gegen aufbäumt^ dass ein Anderer seinen Willen ihm aufzudrängen wagt, als aus sittlichem Abscheu. Descaves Lucien: Sous-Off (Stock., Paris 1889). Militärroman. S. 419 Erwähnung eines Zusammenkunftortes von Homosexuellen, der Wirtschaft « Aux amis des soldats", wo der Adjudant Laprevotte verkehrt, der »,auch so ist". Diese Stelle soll im Sinne des Verfassers den Gipfel der Fäulnis des UuterofBzierkorps darstellen. Eekhoud, Georges*): La nouvelle Carthage (Bruxelles Lacomblez 1893). (Die Kapitel le Moulin de pierre; les Runners; Coutumace; Cartoucherie.) Eekhoud, Georges: Mes communions (Paris Mercure de France 1897). Besonders die Novellen : Une partie sur Peau, Apoll et Brouscard; Une mauvaise rencontre, le sublime escarpe. Eekhoud, Georges: Tremeloo: Conte (Mercure de France Aoüt 1897.) Friedrich der Grosse: Oeuvres posthumes de Fr^d^ric le Grand, roi de Prusse. Tome 4. (1788). Das Gedicht ,Le Palladion" spricht in scherz- hafter Weise über die Päderastie. (S. 91—93.) Auch das Gedicht: «La Palinodie k Darget* atmet einen ähnlichen Geist in seinen offenen Aus- lassungen über päderastische Beziehungen zwischen Jesuiten und jungen Mönchen. *) Siehe oben den Absatz von Numa Prätorius über Eekhoud. — 438 — Gide, Andr^: Les nourritures terrestres (Ed Mer- eure de France), T. 62, 63, 91, 120, 121, 124, 12 ', 153, 181 und andere zahlreiche Stellen voll lyrischen finthusiasmiis für schöne Burschen und ländliche Arbeiter. de Gourmont, Remy: Les chevaux de Diomfede. (Ekl Mercure de France) Roman. Ein Passus, wo von der sehr einigen und ziemlich mächtigen Secte der Homosexuellen und ihren Er- kennungszeichen gesprochen wird. de Goucourt, Edouard: La Faustin (Paris Charpentier 1882). Roman. Der englische Lord Sedwyll (gegen Schluss des Romans) ist offenbar als Homosexueller gezeichnet. Huysmans, J. E.: A Rebours (Paris: Charpentier 1884). Roman £ap. IX am Schluss S. 145 — 147. Die zufällige Bekanntschaft des Helden, des Es- seintes, des Neuropathen und Decadenten, mit einem jungen Mann, mit dem er ein monatelang dauerndes Liebesverhältnis anknüpft, das ihn, yne kein anderes ftüheres, vollauf befriedigt und auch später noch mit Sehnsucht erfüllt Die Stelle ist in der deutschen Uebersetzung weggelassen. Huysmans, J. K: Lk- Bas (Tresse et Stock Paris 1891) Roman mit der Erzählung über den Marchai Gilles de Rays, das Scheusal aus dem 15. Jahr- hundert, der zur Befriedigung seines sadistischen Mord- und Geschlechtstriebes hunderte von Knaben tötete, bis er schliesslich zur Strafe verbrannt ¥rurde. Huysmans, J. E.: LaBifevre et Saint-Sdverin (Paris Stock 1898). S. 164. Bei der Beschreibung einer Verbrecher- spelunke des alten Pariser Quartiers St. Severin nennt Hysmans als ständigen Besucher der Spelunke f,\^^^ ;,,«oren Burschen ,die schöne Clara" mit einem — 439 — Engelskopf k la Boticelli^ langem Haar und aufTalleDd klaren Augen, der, erst 20 Jahre alt, schon S Ver- urteilungen wegen Sittlichkeitsvergehen aufzuweisen hat. Japanische Litteratur. 1. M. Sasanoya: «Nanskoku (Päderastie). Tokio 1893/94. Veröffentlicht in der illustrierten Monats- schrift „Fuzoku-Gaho* (Japanisches Leben) Nr. 58, 59, 60, 62 und 66. Eine vollständige Geschichte der Päderastie in Japan von den ältesten Zeiten bis zur Einführung westlicher Kultur. 2. Ohaski Shiutaro: „Nanskoku Okagami** (Päderast- ische Geschichten) in „Seikaku Zensku'^ (erotische Essays). Tokio 1894. 2 Bde. Eine Sammlung zum Teil sehr freier Novellen in acht Büchern. 3. Nobutoki Kitamwra: „Kiju-shoran^^ (Japan- ische Sitten und Gebräuche.) 4. a) „Mokudru Monoyatani:'' eine klassisch schöne Novelle auf diesem Gebiet. b) Shidzu-no-Odomaki. c) Tsune-Asure-gusa. Drei Novellen. 5. „Seikaku Nanskoku Mokuroku^' f= Katalog päder- astischer Litteratur, erschienen gegen 1830; zählt 177 Nummern zumeist obscöner Schriften auf. Keine der Schriften ist bis heute in einer fremden Sprache erschienen. Nr. 1 wird demnächst in deut- scher Sprache veröffentlicht werden. 6. In englischen und japanischen Zeitungen der letzten Jahre finden sich verschiedentlich längere Angaben über die Verbreitung der Homosexualität in Japan, so in „The Japan daily Mail vom 2. September 1896." „The Eastem Worid vom 19. Februar 1998." — 440 — „Yominsi Shimbun vom 13. Juli 1898." „The Eastern World vom 20. Mai 1899." „Tlie Eastern World vom 27. Mai 1899.« Jarry, Alfred: Les jourset les nuits^ roman d'un d^serteur. (Ed. Mercure de France) P. 177. (heure militaire.) Eine seltsame Szene von sexueller Gewaltthat eines Soldaten gegenüber einem andern. Karadek^ Jan.: „Sodoma" (Prag, Selbstverlag). Roman in czechischer Sprache mit viel Talent und Phantasie, homosexuelle Empfindungen schildernd. Lebacg, Georges: Nuits subversives (Bnixelles, Janssens). Ein etwas zerfahrenes und naives Buch eines noch sehr jungen Mannes; eine homosexuelle Liebe bildet das Hauptinteresse des Werkes. Loti, Pierre: Le Roman d'un Spahi (Calman-Levy Paris 1886). Chap. 20, P. 77: Freundschaft zwischen Johann und dem Offizier: Andeutung homosexuellen Inhalts. Chap. 21, P. 80: Beschreibung einer Kneipe im Senegal, wo auch Lustknaben erwähnt werden. Loti, Pierre: Le Mariage de Loti (Calman-Levy. Paris 1880). P. 246, Chap. 22 Ende: Das Verweilen Tehuros bei dem fiebernden Loti: Ein homosexueller Inhalt der Stelle nur zwischen der Zeile zu lesen, aber zweifellos ein solcher gemeint. Härtens, Kurt: Roman aus der D^cadence (Fon- tane, Berlin 1898). S. 159 figd.: Eine ganze Entwicklungsgeschichte des Geschlechtstriebes, wie er, zuerst auf die Alumnatr genossen gerichtet, doch schliesslich die normale Bahn findet. Vorzügliche Schilderung, namentlich der Elnabenliebschaften. — 441 - HendöS; Catulle: Lesbia (Charpentier, Paris 1896). Ein Band seichter ofl lüsterner und obscöner Er- zählungen. Eine „Idylle d'automne'^: behandelt die „Idylle* zwischen zwei Weibern. Mötenier, Oscar: La chair (Kistemaecker Bruxelles). Eine Novelle dieses Buches berichtet über das Abenteuer eines homosexuellen vornehmen Dichters, der seinen Geliebten, einen schönen Athleten, Ver- stössen hatte und von diesem in eine Falle gelockt wird. Hiehelangelo, Buanorotti: Sonette*) (deutsch zuletzt von Carl Frey, Stuttgart 1897). Hirbeau, Octave: S^bastien Rock (Charpentier Paris) Roman. Einige Kapitel über die gleichgeschlechtlichen Handlungen in einer Jesuitenschule, die zeigen wollen, wie die Schüler durch einen der Jesuitenväter ver- führt werden. Der gehässige Antiklerikalismus des Verfassers macht ihn ungerecht in seiner Beurteilung der Homosexualität als solchen. Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Ein psycho- logischer Roman. 2 T. (Berlin 1786.) S. 45. de Nerval, G^rard: Voyage en Orient Reiseerinner- ungen. (Charpentier Paris 1851.) Bd. I Ch. VI S. 5. Jdylle*: Der Schiffskapitän glaubt, Nerval habe einem hübschen Schiffsjungen einen Kosenamen zurufen wollen und schlägt ihm vor, denselben gegen die Sklavin Nervals umzutauschen, indem er die Vor- züge des Jungen anpreist. O'Monroy, Richard: Souvent homme varie. In der Skizze: Comment cela commence. S. 119 Verleitung einer Frau durch eine Pro- stituierte zu gleichgeschlechtlichem Verkehr. *) Siehe oben S. 254 den Aufsatz von Nnma PraetorinB über Michelangelo, — 442 — Piepron, Sander: Pages de Charit^. (Lacomblez Bruxelles.) Le 8® Sacrement. Sehr rührende Geschichte der gegenseitigen Liebe zweier Künstler zu einander, welche an derartige Liebesbündnisse in Griechenland erinnert. Plpon, Alexis: Po^sies badines. (18. Jahrh.) In der Ode ä Priape (8. Strophe) wird in der diesem Dichter öfters gewohnten, etwas unzüchtigen Manier Socrates als- leidenschaftlicher Päderast ge- schildert Reuter, Gabriele: Aus guter Familie. Leidensge- schichte eines jungen Mädchens. 5. Aufl. (Berlin 1897.) S. 41 flgd. werden homosexuelle Empfindungen eines Mädchens geschildert. de Rögrnier, Henry: Souvenirs sur Oscar Wilde: Revue Blanche 15 D^cembre 2895. Restif de la Bretonne: Les nuits de Paris. (Londres 1788.) T. n troisifeme partie. S. 781. Die Ursache der Verbreitung des gleichgeschlechtr liehen Verkehrs im Altertum sieht Restif in der zu geringen Differenzierung der damaligen Kleidung beider Geschlechter. Rimbaud, Jean Arthur: Oeuvr es (Mercure de France) Delires; Vierge folle; L^^poux infernal S. 231 flgd. Ziemlich ausführliche Anspielungen auf das Verhältnis zwischen Rimbaud und Verlaine. Rouart, Eugene: La Villa sans maitre (ed Mercure de France). Hübscher Roman mit anmutigen Stellen über Umingsliebe in der Art Virgils und der antiqen Egloge. Saint*Simon (duc de): M^moires. Eine Anzahl interessanter Stellen über die Sitten des effeminirten Bruders Ludwig XIV., des „chevalter de Lorraine*' und des duc de Vendöme. — 448 — Scheerbart^PauhTarub, Bagdads berühmte Köchin. Arabischer Kulturroroan. (Berlin Stonn 1897.) Die Schilderung des Jünglingsfestes in dem unter- irdischen Mondtempel. Ein ganz grandioses Gemälde perverser Geschlechts- und Mordlust bei hoch ent- wickelten Individuen auf einer hervorragenden Kulturstufe. Seheerbart) Paul: Ich liebe dich! Ein Eisenbahn- roman mit 66 Intermezzos (Berlin Schuster und Löffler 1897). Speziell S. 184 flgd. die Geschichte der drei Freunde. Jlimmlisohe Ehe nebst der zugehörigen Ecde. Scheerbart, Paul: Der Tod der Barmekiden: Ein arabischer Haremsroman (Leipzig Spohr 1897.) Das Kapitel: Die Herrn Söhne. Smolett: Roderik Kandom (Leipzig Tauchnitz). Kap. 25 und 51. Zwei sehr realistische Kapitel über einen homo- sexuellen Lord und über das Liebesverhältnis eines Schifiskapitän zu seinem Arzte. Schwinbume^ Algemon Charles: Poems and Ballads (First Series). Hermaphroditus: ein durch den Hermaphroditen des Louvre eingegebenes, sehr schönes Gedicht. Erotion noch deutlicheres und leidenschaftlicheres homosexuelles Gedicht. Strlndberg, August: Die Beichte eines Thoren. Roman. (Berlin 1893.) In der zweiten Hälfte des Romans zahlreiche Stellen über die homosexuelle Leidenschaft der Frau des Helden. Taillade, Laurent: Au pays du mufle. Chronique de mois. Revue ind^pendante Avril 1885. Einzelheiten über umische Skandale in Paris. Satirische, teilweise sehr boshafte Verse. — 444 — Taylor^ Georg: Antinous, historischer Roman aus der römischen Kaiserzeit (Leipzigs Hirzel 1836). Darstellung des Verhältnisses zwischen Hadrian und Antinous. Antinous ist als der normalfühlende Jüngling geschildert, der Hadrian nur als Freund lieben kann, der aber in seiner Anhänglichkeit zum Kaiser sogar freiwillig stirbt, um — einem vermeint- lichen Orakel gemäss — das Leben Hadrians zu verlängern. Das sinnliche Verhältnis zwischen dem Caesar und seinem Lustknaben wird nicht geleugnet trotz des poetischen Schleiers, mit dem es bedeckt wird. Hadrian ist der virile Konträrsexuale, der tiefe und wahre Liebe zu seinem Liebling empfindet. Z. vgl. nament- lich S. 42, 186, 187, 251. TennysoD, Lord Alfred: In Memoriam. Eine Ge- dichtsammlung. Fast ausschliesslich Klagelieder über den Tod eines geliebten Freundes. Tennyson mag beabsichtigt haben, lediglich Freundschaft zum Ausdruck zu bringen, thatsächlich hat er aber Töne echter Liebe angeschlagen mit teilweise deutlich fühlbarer sinn- licher Färbung. Tolstoi, Graf Leo: Anna Karenina. Roman. Bd. U, Kap. 7: Skizzierung des Verhältnisses zweier homosexueller Offiziere. de la Vaudere, Jane: Les Demi-Sexes. Schilderung von Weibern , die sich kastrieren lassen, um der Schwängerung zu entgehen. Beiläufige Schilderung homosexueller Leidenschaften. Whitmann, Walt: Leaves of Grass, namentlich der Abschnitt „Calamus", femer »Drum-Taps". Verherrlichung von Freundschaften, „bei welchen körperliche Berührung und eine Art stillschweigend wollüstiger Stimmung wesentlicheElemente 8ind.^(Elli8.) i — 445 — Wedekind, Frank: Frühlingserwachen. Eine Kinder- tragödie (Zürich, Schmidt 1894). III. Akt VI. Szene : HäDschen Ribow und Ernst Röbel im Weinberg. Wiese: Die Freunde. Drama mit homosexuellen An- deutungen. Zola, Emile: La Curde Roman (Charpentier, Paris 1893). Eine Nebenperson, Baptist, der Diener, wird als homosexuell skizziert. Fg. 40 wird von „seinem kalten Blick, den auch der Anblick schöner Weiber- schultern nicht erwärmt und seinem Eunuchen- aiissehen^' gesprochen und am Schlüsse pg. 376 wird erzählt, dass er wegea seiner Leidenschaft zu hüb- schen Dienern fortgejagt wurde. Zola, Emile: Nana. Roman (Charpentier, Paris 1880. Das geschlechtliche Verhältnis von Nana zu ihrer Geliebten, Satin, wird erwähnt. Zeitungsmitteilungen. Bemerkung des Herausgebers. Die folgenden Notizen sind eine Auslese aus uns übersandten Zeitungsausschnitten. Wir sind den Ueber- sendem, welche sie dem Jahrbuch zur Verfügung stellten, dankbar und bitten um weitere Zuweisungen. Es empfiehlt sich, möglichst die ganze Zeitung mit angestrichener Stelle zu schicken oder dem Ausschnitt die Quelle sowie die Zeit des Erscheinens anzuführen. Wir geben die Notizen in bunter Reihenfolge ohne Conmientar wieder, bemerken nur, dass die meisten aus den beiden letzten, einige aus früheren Jahren stanunen. Der Baron in Weib er kl eidern. Wie ans aus Zieg^enhals gemeldet wird, wurde daselbst Dienstag den lö. Joni Mittags auf dem Bahnhofe eine Persönlichkeit verhaftet, die durch länger als ein Jahrzehnt mit ganz kurzen Unterbrechungen in Gräfenberg und Freiwaldau domiziliert, sich dann hierher nach Ziegenhals begeben hatte: Baron Chambrier, geboren 1849 zu NeufchateL Der Mann war in Frei^Mdau wegen seiner absonderlichen Kleidung bekannt; zu Hause trug er eine Art weiblicher Gewandung. Kleider und Parfüm kosteten dem Manne viel Geld; der grösste Teil seiner nicht unbeträchtlichen Rente wurde auf Kostüme und Parfiuns ver- ausgabt Die Familie Chambrier ist mit einzelnen Mitgliedern des französischen Hochadels verwandt. Friedrich Wilhelm Freiherr v. Chambrier wurde ttber Requisition der Staatsanwaltschaft in Dresden wegen eines Sittlichkeitsdelikts verfolgt und verhaftet Es scheint hier ein Fall vorzuliegen, den schon Kraflft-Ebing in seinem Werke erwähnt — 447. — WegenErpressQngistein Kellner N. festgenommen worden Dieser gehört zu jenen gefährlichen Subjekten, die sich namentlich im Tiergarten an Herren herandrängen, um ihnen dann Geld abzu- pressen. Zur Kenntnis der Kriminalpolizei war die That des Kellners durch seine Unterhaltung in einem Verbrecherlokal gekommen, wo- bei N. sich damit gebrüstet hatte, dass er Nachts vorher eine „grosse Erbschaft'' gemacht habe. Ein Freund von ihm sei mit einem Herrn, der als Amerikaner bezeichnet wurde, in den Tiergarten ge- gangen; er selbst (N.) sei hinzugekommen, habe sich als Polizei- beamter ausgegeben und mit Verhaftung gedroht. Der Amerikaner habe sich mit öOO Mk. loskaufen wollen, damit sei er und sein Freund nicht zufrieden gewesen und der Fremde habe mehr zahlen müssen. Bei der Festnahme hatte N. eine Medaille, die der Er- kennungsmedaille der Kriminalbeamten gleicht. Das Opfer der Erpressung soll ein Herr aus Warschau sein, der in einem ersten Gasthofe gewohnt, Berlin aber wieder verlassen hat. N. hat bei der Vernehmung angegeben, der Fremde habe ihm freiwillig 400 Mk. geschenkt; unter dem Gelde sollen sich englische und russische Münzen befunden haben. Auch seine Ringe habe der Fremde einliefern müssen. Alienstein. In dem hiesigen Material- und Kolonialwaren- Versandtgeschäft des Herrn B. war eine Buchhalterin beschäftigt, deren ausser gewöhnlich hübsches Mädchen- Antlitz Aufsehen und Bewunderung erregte, deren übriges Wesen und Auftreten jedoch wie auch die Haarfrisur einen Mann verriet. Zweifel an ihrer „holden Weiblichkeit'' hegte auch ein hiesiger Arzt, der bei (jelegenheit einer Erkrankung der Buchhalterin au das Krankenbett gerufen wurde und sie in dem mit Zigarettenrauch gefüllten Zimmer im Bett liegend und Zigaretten rauchend fand. Eine körperliche Untersuchung fand jedoch nicht statt. Nach ungefähr sechswöchiger Thätigkeit hierselbst verliess das „Fräulein Luise Schwarz", unter welchem Namen sie hier geführt wurde, unsere Stadt, um ander- weit in Stellung zu treten. So engagierte sie auch Herr Kaufmann L. in Osterode für sein Mantifakturgeschäft. Als eines Tages das Fräulein nicht zur rechten Zeit im Geschäft erschien, begab sich Herr L. nach deren Zimmer, doch was er hier sah, machte ihn starr und stumm; denn vor ihm stand seine „Buchhalterin" fix und fertig im Gehrook und Zylinder, den Chef mit den Worten begrüssend: „Von heute ab bin ich wieder junger Herr". Wie später bekannt wurde, soll der junge Herr eine Wette eingegangen sein, nach — 448 — welcher er daroh eine bestimmte Zeit unbehelligt als ,JViiiilein^' sein Brot verdienen sollte. In diesen Tagen war die Zeit iim imd die Wette gewonnen. („Ges.**) Ein trübes Sittenbild entrollte sieb gestern in einer Ver- handlung vor der vierten Strafkammer des Landgerichts I. Wegen Vergehen^ gegen § 175 des Str.-G.-B. hatten sich der Kellner KrOnert Junge und Jeske, sowie ein Schauspieler zu verantworten. Krönert hatte am Waterloo-Ufer 16 eine Wohnung gemietet, die er zum Tummelpllatze der Unsittlichkeit machte und sie jenen Männern zur Verfügung stellte, die von gewissen widernatürlichen Neigungen beherrscht werden. Mit den Gästen, die dort zu verkehren pflegten, kamen auch wiederholt Kürassiere aus der nahen Kaserne des Qardo- Kümssierr^gim^ts. Einer von ihnen, der gestern als Zeuge ver- nommen wurde, ist wegen seiner TeUnahme an jenen sittenlosen Zusammenktlnften in der Krünert'schen Wohnung vom MiUtärgerioht zur Ausstossung aus dem Soldatenstande und 3 Jahren Gefängnis verurteilt worden, die er zur Zeit in Kottbus verbüsst Ein anderer Kürassier ist aus gleichem Grunde in die Arbeiter- Abteilung nach Magdeburg versetzt worden. Die Verhandlung fand unter Aua- schlüss der OeffentUchkeit statt Der Geiichtshof verurteüte Krönert zu 1 Jahr 6 Monateo, Junge zu 6 Monaten, Jeske zu 9 Monaten Gefängnis. Der Schauspieler wurde freigesprochen, weil der als Zeuge auftretende Kürassier eine frühere, diesen Angeklagten be- lastende Aussage widerrief. Unter Ausschluss der OeffentUchkeit wurde gestern vor dem Schöffengericht gegen den Hauptmann a. D. v. Tz. eine Anklage wegen Beleidigung verhandelt. Als einziger Belastungs- zeuge warder 16jährige Barbierlehrling Meier gegen ihn aufgetreten^ welcher, bekundet hatte, dass der Angeklagte ihn zweimal in un- anstan^ec Weise angefasst habe, während er damit besehäftigt gewesen sei, ihn in seiner Wohnung zu rasieren. Der Gerichtshof sprach den Angeklagten frei. Der Vorsitzende führte aus, dass der Vortrag des Zeugen den Eindruck des Auswendiggelemten gemacht habe, der Inhalt decke sich fast wörtlich mit der schriftlichen An- zeige. Es sei doch auch wenig glaublich, dass der Angeklagte sich vergangen haben sollte, während ihm im wahren Sinne dea Worts das Messer an der Kehle sass. Das der Angeklagte dem Zeugen zu zwei Malen je eine Mark geschenkt, könne vielleicht gegen ihn sprechen, aber erwiesener Massen sei es das erste Mal anläaslich der Centenarfeier geschehen und die Behauptung des Angeklagten, dass — 449 — er beim zweiten Male im Begriff gestanden habe, seine Wohnung zu wechseln und deshalb sich seinem Barbier noch erkenntlich zeigen wollte, sei ebenfalls glaubwürdig. Möglicherweise habe der junge Mensch unter einem schlechten Einfiuss gestanden, jedenfalls reiche seine Aussage aber nicht aus, um daraufhin den unbescholtenen Angeklagten zu verurteilen. Ein Bild aus „Berlin bei Nachf* wurde in einer Verhand- lung vor Augen geführt, die gestern vor der 4. Ferienstrafkammer des Landgerichts I stattfand. Die noch im jugendlichen Alter stehenden Arbeiter Max Korn und August Nitschke waren des Dieb- stahls, bezw. der Hehlerei beschuldigt. Der Erstere legte ein Ge- ständnis ab, welches sich nach den angestellten Ermittelungen mit der Wahrheit deckt, so dass von einer Beweisaufnahme Abstand genommen werden konnte. Korn erzählte, dass er an einem Mai- Abende spät durch die Alte Jacob-Strasse gegangen sei. Er habe nicht gewusst, wo er Unterkunft finden und wie er seinen Hunger stillen solle. Da sei ein älterer, feingekleideter Herr an ihn heran- getreten und habe ihn gefragt, ob er ein Glas Bier mit ihm trinken wolle. Er habe ihm erwidert, dass er dies sehr gern thun möchte, aber der Herr würde schwerlich mit einem so abgerissen aussehen- den Begleiter ein Lokal besuchen. „Das macht nichts" habe der Herr erklärt. Sie seien dann in ein Lokal gegangen, wo der Herr ihn genötigt habe, soviel zu essen und zu trinken, wie er wolle. Nun habe er sich entfernen wollen, der unbekannte Wohlthäter habe ihn aber überredet, erst noch in ein Caf6 zu gehen. Hier habe man ihm allerdings seiner schlechten Kleidung wegen den Zutritt ver- weigert, sein Gönner habe aber den Ausweg geftmden, ihm eine Tasse Kaffee hinauszubringen. Darauf habe der fremde Herr eine Droschke herbeigerufen und eine gemeinsame Nachtfahrt vor- geschlagen. Jetzt habe den Angeklagten ein beängstigendes Ge- fühl ergriffen. Als er noch unschlüssig vor der Droschke stand, ob er einsteigen solle oder nicht, sei zufällig sein Freund, der Mitan- geklagte Nitschke vorübergegangen. Er habe den bereit« im Wagen sitzenden Herrn gefragt, ob sein Freund Nitschke an der Fahrt Theil nehmen dürfe und nach kurzem Ueberlegen habe der Herr ein- gewilligt. Daraufseien alle Drei noch in verschiedenen Wirtshäusern gewesen. Der Spender habe dabei viel Geld gezeigt. In der dritten Stunde hätten sie sich auf dem Wege nach der Schönhauser Strasse befunden. Der Gönner sei infolge der vielen genossenen Getränke eingeschlafen. Da habe der Angeklagte gesehen, dass demselben aus der äusseren Bmsttasche eine Anzahl Hundertmarkscheine hervor- Jfthrbuch n. 29 — 450 — lugten. Ztmächst habe er eicb nnr eiaen Scherz machen wollen, aU er die Scheine aber vorsichtig hervorgezogen hatte, sei ihm die Idee gekommen, üe fUr üeb zu bebalten. Der ihm gegenflbersitzendo I^tBchke ael sofort damit einventanden gewesen. Es sei ihnen ge- langen, die Drosahke in verlsesen, ohne das» der Ent«cher es ge- wahr wttrde; sie hätten ihren Gönner seinem SohickBale flberlasaen und aden davongelaufen. Nitschke erhielt von der Beute — es waren gegen 1300 Hark — einige hundert Mark, mit dem Rest be- gab Bicb Korn auf Raisen. Er ging nach Schienen und gelangte auf allerlei Umwegen nach Hamburg, wo er anf Grund des hinter ihm erlaseeaen Steckbriefs verhaftet wurde. Seine Baarachaft be- stand noch ana 40 Pfennigen. Der sonderbare WohlthSt«r war der Buchhalter Gr. aus einem hiesigen grjtaaeren Holzgeaoiiäft, welcher au dem fraglichen Tage eine grUHsere Summe fUr ^eine Firma ein- kassiert hatte. Er hatte es aicta selbst zuzuschreiben, dass er in den Verdacht der Unterschlagung geriet und eine Zeit lang in Haft ge- nommen wurde. Der Verteidiger liess durchblicken, dass der Buch- halter Gr. wohl nicht aus edlen Beweggründen zum Wohlthäter gegen die beiden armseligen Angeklagten geworden sei. Das Ver- halten der Letzteren sei verwerflich, aber mit Eiloksicht auf die begleitenden Umstände nicht ao scharf anzuaehen. Der Gerichtshof trat dieser Anschauung bei; der bisher unbeaoholtene Korn wurde zu secha Honaten, der niebriach vorbestrafte Nitachke zu einem Jahr Gefängnis venirteilt. Es wurden je S Monate durch die erlittene Untersuchungshaft in Abrechnung gebracht Ueber eine sensationelle Skandal -Äff aire, in die an- geblich ein Berliner Banquier verwickelt sein soll, bringen einige franzilsische und belgische Blätter längere Berichte. Es handelt sich um eine sehr schlüpfrige Sitten-Angelegenheit, in welcher ein in Paris in Garnison stehender Zuave die Hauptrolle spielL Nähere Einzelheiten lassen sich hier nicht wiedergeben. Wie versichert wird, wäre gegen den auf der Durcbroiae befindlichen Berliner Banquier Anzeige erstattet worden, nud wlirde die Verhandlung demnächst vor dem Pariaer Znchtpolizeigericht stattfinden. Vergebens habe die k^erlicbe Botschaft eich fUr den Angeschuldigten verwandt, der in Berlin in weitesten Kreisen bekannt und geachtet sei. Eine Bazzla auf Erpresser wurde in der heutigen Nacht am Bahnhof Zoologiaoher Garten seitens der Charlottenburger Krimi- nalpolizei abgehalten. Es waren in der letzten Zeit wiederholt Anzeigen eritattet worden, dass sich zur Nacht unbekannte Personen — 451 — an die Passanten herandrängten, sie eines Vergehens beschuldigten und unter der Erklärung, dass sie selbst Kriminalbeamte seien, die Zahlung eines Geldbetrages verlangten. In einigen Fällen ist den Passanten sogar mit Gewalt Geld abgenommen worden. Bei der gestrigen Razzia gelang es nun, drei Individuen zu verhaften, welche des oben genannten Verbrechens beschuldigt werden. Es sind dies die Gebrüder W. aus Charlottenburg, welche alsbald in das Gefäng- nis des Amtsgerichts eingeliefert wurden. Dreissig Jahre als Mann verkleidet. Vor zwei Jahren wurde in Wien die damals 45jährige Anna Drezelsberger wegen Falschmeldung venirteilt. Sie hatte 30 Jahre Männerkleidung ge- tragen und sich polizeUioh als Anton Homer, „Hauskneoht^^, ge- meldet. Als es durch die Verhandlungsberichte bekannt geworden war, dass Anna Drexelsberger nur deshalb Männerkleidung getragen habe, „w^eil sie nur als Mann die Stellung eines Hausknechtes habe erhalten kOnnen", wandte sich die Aufmerksamkeit dieser resoluten Frau zu. Von allen Seiten wurde ihr Arbeit und Beschäftigpmg angetragen, damit sie nicht mehr gezwungen sei, ihr Geschlecht zu verleugnen. Sie entschloss sich endlich, als Gesellschafterin zu einer alten Dame zu gehen. Am Ende des vorigen Jahres starb Anna Drexelsberger in London, nachdem sie kurz vorher von ihrer Dienst- geberin 50000 fl. geerbt hatte. Von diesem Gelde vermachte sie 30000 il. einem Mädchen in Wien, von welchem sie als Mann „verehrt worden war" und zwar (wie es in dem Testament hiess) „als Genngthuung dafür, dass sie das arme Mädchen in ihrem Irr- tum belassen und genarrt hatte". Die Erblasserin wurde von den prozessfUhrenden Verwandten als geistig nicht normal bezeichnet. Gestern entschied das zuständige Gericht in Wien, dass das Testa- ment als giltig anerkannt werde. Es hätte sich keine Veranlassung ergeben, die Zurechnungsfähigkeit der Erblasserin zur Zeit der Testamentslegung zu bezweifeln, die Verlassenschaftsbehürde hatte vielmehr die angefochtene Verfügimg als „ganz plausibel" befunden. Eine Sensationsgeschiohte aus Amerika mit Leip- zigerAnklängen. Aus St. Louis Mi. wird uns geschrieben : Ein sensationeller Fall, welcher auch „drüben^*, namentlich aber im säch- sischen Vaterlande interessieren dürfte, beschäftigt die hiesigen Gerichte. Dr. Hugo Toeppen, der bekannte, aus Berlin herüberge- kommene, junge deutsche Arzt, kam nämlich und fragte an, ob ein Mädchen, das sich für einen Mann ausgegeben nnd als solcher ein anderes Mädchen in sich verliebt gemacht habe, bestraft werden 29* — 452 — kUiue, wenn in Folge der Enthüllung des Betruges das Opfer wahn- ainnigp geworden seiV Auf die bejahende Antwort hin, wurde auf Grund der weiterhin deponierten Audsagen Dr. Toeppens die Ver- haftung dOB SchrifCsetzere Johnnn Burgers angeordnet Bei der Untersuohnng Btellte sieh heraus, dase Johann Bürger ein vermutlich 30 — 3'2 Jahre altes Mädchen sei. Bürger war vor zwei Jahren mit einem jUngeren Mädchen Hedwig Lnize ans Leipzig nach St Louis eingewandert und hatte Stellung als Setzer in der Druckerei des deutschen Blattes: „Die Tribline" genommen. Er hatte eich mit seiner „Stiefschwester", ftir die er Hedwig Lutze ausgab, bei dem Juwelier Gammater, einem Bemer Eingewanderten, eingemietet imd alsbald mit der Tochter seines Hauswirtes, Martha Gammater, ein Liebesverhältnis begonnen. Der Juwelier sah dies beginnende Ver- hältnis nicht gerne, aumal er zu bemerken glaubte, dass Bürger zn seiner „Süefschweater" in sehr intimen Beziehungen stehe. In seinem Verdachte immer mehr und mehr bestärkt, holte Gammater, der die Leidenschaft seiner Tochter fllr Bürger von Tag zn Tag wachsen sah, bei dem früheren Brotherrn desselben, einem der grtissten Drucker Leipzigs, Erkundigungen ein. In der betreffenden Dmekerei war niemals ein Johann Burger beachüftigt gewesen. Wohl aber war an dem, durch das Datum des Zeugnisses ersichtlichen Tage eine Setzerin Anna Mattersteig entlassen worden. Dieselbe war in Begleitung eines Mädchens Hedwig Lutze aus Leipzig nach Amerika ausgewandert und hatte bereits tu Leipzig wiederholt bedauert, dass sie kein Mann sei, drllben aber ganz gewiss nur Männerkleider tragen werde. Anna Mattersteig sei am 26. Dezember 18G3 in Sellerhauaen geboren und von 1880 — 1893 in der Druckerei be- schäftigt gewesen. Diese Auskunft lies» keinen Zweifel darliber, dass Anna Mattersteig und Johann Burger ein und dieselbe Person sei. Martha Gammater geriet darliber in grdsste Aufregung und ah Bürger nicht lengnen konnte — sich trotzdem aber bereit er- klärte, das Mädchen zu heiraten und sich von Hedwig Lutze zt trennen, fiel Martha Gammater in Krämpfe, die in Tobsucht aus- arteten, so dass sie ins Irrenhaus geschafft werden musate. Vor Gericht gab Anna Mattersteig an, sie sei sich keines Unreohtes be- wusst Sie fühle, dass sie ein Mann sei und nur durch einen Irrtum der Natur sei sie als Weib zur Welt ge- kommen. Einen solchen Irrtum aber anzuerkennen und gar noch weiter danach zu leben, fiele ihr gar nicht ein. Glaube man, dass sie sich eines Vergehens schuldig gemacht habe, so nehme sie gerne jede Strafe an, einem Verbote Männerkleidung zu tragen, würde xii' abcT nie nnchkommen. Da müsse man sie schon zeitlebens ein- — 453 — Bperren. Soweit Btehen die Sachen jetzt, die Eiohter aber zepbrechen sich den Kopf, welcher Paragraph auf den Fall Burger-Mattersteig angewendet werden künne. Gl essen. Ein auf Grand des § 175 des Strafgesetzbuches (widernatürliche Unzucht) verurteilter Student floh, als er verhaftet werden sollte, aus dem Gerichtsgebäude und ersohoss sich mit einem Revolver. Eine sonderbare Lady. Grosses Aufsehen erregte dieser Tage, so wird uns geschneiten, in dem ELriminalgerichtshof in Clerken- well, Alt-London, ein in Untersuchungshaft befindlicher junger Mann, der als elegant gekleidete Dame auf der Anklagebank erschien. Er trug ein tadellos sitzendes schwarzes Kostüm, das nach neuester Mode speziell f ttr ihn gearbeitet zu sein schien. Um seinen Hals schmiegte sich eine graue Federboa, die in der Farbe mit einem kokett garnierten Matrosenhut aus Seidenfilz harmonierte. Die in perl- grauen Glac^es steckenden Hände in einem fashionablen Astrachan- muff verbergend, lehnte sich das merkwürdige Individuum in graziöser Haltung An die Barriere, die es von den Geschworenen und dem Untersuchungsrichter trennte. Wie sich aus dem Verhör und den Zeugenaussagen ergab, hatte der in so sonderbarem Aufzuge sich zeigende Angeklagte, ein bis vor Kurzem in einem vornehmen Hause in Gresse Street angestellter Kammerdiener, am Abend vorher in Eustonroad in derselben Verkleidung die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich gelenkt. Der Abenteuerlustige hatte sich einen amüsanten Ulk machen wollen. Ein Geheimpolizist war der sich verdächtig benehmenden Person schon einige Zeit gefolgt ; da wandte diese sich plötzlich um und legte ihren Arm in den des Beamten. Zu ihrer wohl nicht sehr angenehmen Ueberraschimg erfasste der vermeintliche Verehrer die auf seinem Arm liegende Hand mit weniger zärtlichem als energischem Griff und sagte laut: „Ich bin Detektiv und habe Ursache, Sie für einen Mann zu holten.'' Darauf suchte die „Dame'' ihren Arm zu befreien und rief im Tone der Entrüstung: „Sie Elender, ich bin eine Lady I'' Als der Beamte jedoch keine Miene machte, sich seinen Fang entschlüpfen zu lassen, führte die Person, ehe er es verhindern konnte, mit der geballten Faust einen derben Stoss gegen seinen Mund aus. „Ihnen allein soll es nicht gelingen, mich mitzunehmen!'' schrie der Verkleidete wütend und zerkratzte mit der rechten Hand das Gesicht des Gegners. In dem nun entstehenden Hingkampf wurde die „Lady" zu Boden geworfen, riss aber im FaUen den Detektiv mit und biss ihm in die Finger. — 454 — Einige inzwischen herbeigeeilte Polizisten bewältigten das nm sich stossende, kratzende und beissende Individunm und aohleppten es zur Polizeistation. Der Angeklagte wurde wegen Offentliohen TragenB weiblicher Kleidung zu drei Monaten und wegen Körperverletzong- und Beamtenbeleidigung zu weiteren drei Monaten Gefängnis ver- urteilt. Prag. Ein mysteriöser Vorfall, der noch seiner Auf- klärung harrt, hat gestern Vormittag die Bewohner des Augezd auf dor Elleinseite in grosse Aufregung versetzt Der gegenüber der Augezder Kaserne etablierte Gemischtwarenhändler Johann Hugo Bak, 85 Jahre alt und ledig, sperrte gestern früh seinen Laden nicht auf, aber auch sein Commis, der 20 jährige Joseph Rak, der aber trotz der Namensgleichheit in keinem verwandtschaftlichen VeiiiSlt- nisse zu dem Kaufinanne stand, liess sich nicht bücken. Stande auf Stunde verrann, der Laden blieb geschlossen und der Chef wie sein Bediensteter kamen nicht zum Vorschein. Da beide dieselbe Wohnung im zweiten Stockwerke des Hauses inne hatteo, forschfee man dort nach dem Verbleiben der Beiden. Die Wohnmig war von aussen abgesperrt. Durch das Fenster aber sah man den Commis angekleidet im Bette liegen. Die Leute glaubten Anfangs der Commis habe verschlafen, und pochten an die Tbttre; der Commis rührte sich nicht. Darauf wurde, nachdem das Polixei- kommissariat der Kleinseite verständigt worden war, über Anftrag- des Bezirksleiters Herrn Polizeioberkommissärs Stelzig, die Thüre aufgesprengt. Joseph Rak war tot Auf dem Nachttische standen zwei halbg^eleerte Sodawasserflaschen und zwei Gläser, zur Hälfte mit Sodawasser gefüllt; weiter lag auf dem Nachttische ein Stfick Papier mit Resten von Zuckerwerk. Auf dem Tische des zweiten Zimmers, in dem der Kaufmann zu schlafen pflegte, stand unberührt ein Mittagessen. Das Bett des Kaufmannes war ebenfalls nnbertthrt» der Kaufmann befand sich nicht in der Wohnung. Johann Hngo Rak hatte offenbar beim Fortgehen die Wohnung von Aussen ab* gesperrt. Der Bezirksarzt Herr Dr. Schwarz untersachte die Leiche des Commis und fand gar keine Merkmale irgend einer Grewaltthat Er ordnete die Ueberf ührung der Leiche in das deutsche patholog- ische Institut zur Sicherstellung der Todesursache an. Inzwischen wurde der Kaufmann Überall gesucht, doch nicht gefonden. Erst um halb 12 Uhr Mittags fand man ihn erhängt im Keller desselben Hauses, in dem er sein Warenlager hatte. Er hing hoch oben an der Decke des Kellers, seine Rechte hielt krampfhaft einen Leuchter. Tnter seinen Fiisdon la^ ein umgekipptes Liqueurfass. Er war offen- — 455 — bar auf das aufgestellte Fass gestiegen, hatte an dem in der Decke des Keilers befindlichen Haken die Schlinge befestigt, seinen Kopf in die Sohlinge gesteckt und dann mit dem Fusse das Fass umge- stossen, so dass er frei hängen blieb und so den Tod fand. All- gemein wird erzählt, dass der Kaufmann mit seinem Commis ein sträfliches Verhältnis nach § 129 des Str.-G. unterhalten habe. Thatsäohlich fand der Bezirksarzt bei der Beschau beider Leichen solche Merkmale, welche diese Anschauung begründet erscheinen lassen. Weiter glaubt man, Johann Hugo Rak habe seinen Commis vergiftet, um den Mitwisser seines Verbrechens zu beseitigen, und dann, von Gewissensbissen gepeinigt, selbst Hand an sich gelegt Auch die Leiche des Kaufinannes wurde in das deutsche pathologische bistitut übergefürt. Durch die Obduktion der beiden Leichen dürfte wohl etwas Licht in die geheimnisvolle Affaire gebracht werden. Das Sodawasser und die Reste des Zucker- werks werden chemisch untersucht werden. Liegt auf Seite des Selbstmörders ein Verbrechen gegen das Leben des Commis vor, so dürfte dieses Verbrechen vorgestern nach der Mittagsstunde ver- übt worden sein, nachdem der Laden — vorgestern war ein Feier- tag — gesperrt worden war. Auf diese Zeitannahme lässt das un- berührte Mittagessen des Kaufmannes schliessen. Joseph Rak hatte seit Mittwoch Mittags über heftige Leibschmerzen geklagt. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Chef war nichts weniger ais' freundlich; der Kanfinann, ein roher Mann, hatte ihn wiederholt blutig misshandelt. Dreimal war der Comnüs davongelaufen, immer aber wieder zurückgekehrt Joseph Rak soll ein ruhiger Mensch gewesen sein. Johann Hugo Rak hatte früher sein Geschäft in der Tischlergasse und seit etwa einem Jahre auf dem Augezd; es ging sehr gut Bekannt war von ihm, dass er ein Feind des weiblichen Geschlechtes war. Wohnung und Laden wurden behördlich gesperrt. Vor dem Hause fanden gestern den ganzen Tag kleinere Ansammlungen statt Ein böses Abenteuer begegnete am Abend des 11. März in Berlin dem chinesischen Gesandtschaftsattach^ Guang, als der- selbe durch die Karlstrasse ging. Es begegnete ihm ein Mann, der ihn fragte, wie spät es sei. In entgegenkommender Weise zog der Chinese die Llir und gab dem Fragenden Bescheid. Plötzlich riss der Letztere ihm mit einem schnellen Griff die Uhr aus der Hand und rannte mit der Beute davon. Der Bestohlene verfolgte ihn und erwischte ihn auf dem Flur eines Hauses. Der Dieb erklärte hier, dass er die Uhr herausgeben woUe, wenn er 30 Mk. erhalte. — 456 — Der Gesandtsohaftsattaoh^ ging zum Schein auf dies Anerbieten ein, erklärte aber, dass er nur eine ganz geringe BarBohaft bei sich führe. Er sei bereit, am folgenden Morgen die Uhr einznl(5sen^ \?enn er die Adresse des Diebes erfahre. Dieser gab Wohnnng und Name richtig an, es war der ans Ungarn stammende Artist Jakob Laskowitx. Allerdings stellte sich der Chinese am folgenden Morgen bei ihm ein, aber in Begleitung eines Kriminalsohntzmannea, der den Laskowitz verhaftete. Dieser verschlimmerte seine Lage im Termine vor der 3. Strafkammer des Berliner Landgerichts I am Mittwoch noch dadurch, dass er den Bestohlenen in unsittlicher Weise zu verdächtigen suchte. Das Urteil lautete auf 2 Jahre Gefängnis und 5jährigen Ehrverlust Mysteriöser Doppelselbstmord. Der Heuberg bei Dom- bach war gestern der Schauplatz einer Blutthat, die bisher nicht völlig aufgeklärt ist Zwei junge Leute wurden mit Schusswunden tot aufgefunden. Die Beiden sind gemeinsam freiwillig in den Tod gegangen. Die That' «wurde ungefähr um 3 Uhr Nachmittags von einem Spaziergänger entdeckt Die Leichen lagen an einer beinahe unbewaldeten Stelle des Heuberges. Einer der Toten dürfte un- gefähr 28 Jahre, der zweite 35 Jahre alt gewesen sein. Beide hatten Schusswunden an der linken Brustseite. Der Revolver, mit welchem die grauenvolle That begangen wurde, lag zu den Füssen des jüngeren Mannes. Daraus schliesst man, dass dieser zuerst seinen Genossen tötete und dann sich mit derselben Waffe den Tod gab. Bei dem jüngeren Mann fand man ein Arbeitsbuch, das auf den Namen Karl Koller, Schlossergehilfe, 28 Jahre alt, lautete. Bei dem älteren Mann wurde eine Visitkarte, auf den Nameiv Adolf Baier lautend, gefunden. Im Besitze des Letzteren befanden sich überdies die Photographie einer jungen hübschen Dame und ein Zettel, auf dem der Name Slaviczek steht Heute Vormittags wurde ein Leichnam thatsächlich als der Karl Kollers von einem in der Piaristengasse Nr. 4 wohnhaften Bruder des Selbstmörders agnosziert Karl Koller war Schlossergehilfe und stand zuletzt in der Fabrik von GratzFs Nachfolger in der Brigittenau in Arbeit Er war ver- heiratet und Vater von mehreren Kindern, lebte jedoch von seiner Frau geschieden. Der Mann, der mit dem Schlossergehilfen gemein- sam aus dem Leben schied, soll nach einer zweiten Annahme Slaviczek heissen und der Neffe eines Tischlermeisters in Margarethen sein. Die weiteren Erhebungen über ihn sind im Zuge. Eine sonderbare Ehe. In Riga ist ein Fall passiert, der in den Annalen des Ehelebens wohl einzig dasteht Die Witwe eines — 457 — achtbaren Mannes reichte bei der Behörde ein Gesuch ein, wieder ihren Mfidchennamen führen zu dürfen, da ihr verstorbener Gatte, mit dem sie zwanzig Jahre vermählt war, eine Frau gewesen sei. Anf die Frage warum sie den Fall nicht frtlher zur Anzeige ge- bracht habe, erklärte die Witwe, dass sie sich geschämt habe, die ganze Angelegenheit bekannt zu geben. Eine dunkle Affaire. Das „Kleine Jonmal'' hat die Ver- haftung zweier Unteroffiziere des Gardekürassierregiments zu Berlin gemeldet und dieselbe mit der Ermordung der Louise Günther in der Hasenhaide in Verbindung gebracht Das letztere ist inzwischen dementiert worden. Heute ergänzt das genannte Blatt seinen Be- richt durch folgende Mitteilung: Die beiden Unteroffiziere begaben sich am Abend des 14. April in die Privatwohnung einer sehr hochstehenden Persönlichkeit und beschuldigten dieselbe eines Ver- gehens gegen § 175 des St.-G.-B. und verlangten als Schweigegeld mehrere hundert Mark. Der geängstigte Herr sah sich veranlasst, die Unteroffiziere zu ersuchen, so lange in seiner Wohnung zu bleiben, bis er die verlangte Summe geholt, da er augenblicklich nicht soviel Baargeld bei sich hätte. Als er wieder zurückkehrte, bot sich ihm ein widerliches Bild. Die Unteroffiziere hatten seine Cognacflasche geleert und unter der Macht des Alkohols wie die Vandalen in seiner Wohnung gehaust, Läden und Spiegel zertrümmert, Glas und Porzellan zerschlagen. Nachdem er den Burschen das Geld eingehändigt, entfernten sie sich. Einige Wochen später forderten die Unteroffiziere in einem Briefe einen höheren Betrag als Schweige- geld. Sollte sich Adressat weigern, die verlangte Summe zu be- willigen, so würden sie keinen Stuhl in seiner Wohnung ganz lassen. Mit diesem Brief begab sich dann der Adressat zu der Kriminal- polizei. Der betreffende Kommissar, dem das merkwürdige Zu- sammentreffen der verübten Erpressung mit dem Datum des Gtinther'schen Mordes auffiel, stellte die notorischen Beziehungen des einen der beiden Erpresser zu Luise Günther fest und übergab das gesamte Material dem Grardekürrassierregiment, worauf die Ver- haftung der beiden Unteroffiziere erfolgte. Thatsache ist, dass die beiden Unteroffiziere an jenem Abend sinnlos betrunken in die Kaserne zurückgekehrt sind und zwar zu einer Zeit, zu der nach Aussage der Mord bereits vollbracht sein konnte. Die Kaserne liegt unweit des Fundortes der Leiche. — Von anderer Seite wird über den Fall geschrieben: Wie jetzt bekannt wird, ist die Ver- haftung zweier Unteroffiziere des Gardekürassierregiments in der That erfolgt, steht aber in keinem Zusammenhange zu der Ermord- — 458 — ung der Luise Günther. Vielmehr ist der Grund in Vergehen gegen, § 175 des Reiohsstrafgesetzbuches und damit zusammenhängenden. Erpressungen gegen einen ehemaligen Ofißzier zu sehen* Daas gleichzeitig mit der Verhaftung der beiden Unteroffiziere, Ebert und Rother, der Verdacht entstand, dass sie auch den Mord an der Günther verübt haben könnten, ist darauf zurückzuführen, dass die Beiden die Luise Günther am Abend vor ihrer Ermordung bei sich in der Kaserne hatten. Erwiesen ist aber, dass die Unteroffiziere die Günther gegen ^1^11 Uhr wieder zum Kasementhor hinans- gelassen haben, worauf das Bfädohen nach der Haide fortging. Aus diesem Grunde ist dem Umstände, dass bei einem der Unteroffiziere ein Taschentuch der Günther gefunden wurde, keinerlei Bedeutung beizumessen. Die Posten, welche die Unteroffiziere und das Mädchen einliessen, wurden mit Arrest bestraft. Telegramm aus Brescia (Italien) 14. Nov. Ein seltsamer Fall von HermaphroditismuB. Samstag morgen wurde im hiesigen Hospital ein junger Herr operiert, welcher an einem doppelten Leistenbruch litt (doppia emia inguinale). Der operierende Chirurg entdeckte in der Tiefe der rechten Leiste eine vollkommen ent- wickelte Gebärmutter (otero) mit den zwei Muttertrompeten und dem Eierstock. Der Operierte ist ein wohl konstituierter jimger Mann, Ehemann und glücklicher Familienvater. Die Aerzte sagen^ dass es sich um einen ausserordentlichen Fall hande, der vielleicht einzigartig in der Geschichte der Medizin dastehe. Selbstmord eines Offiziers. Aus Gran wird berichtet: Oberleutnant Friedrich Neumann (vom Graner Regiment Grossf ürst Michael Nr. 26) begab sich am Vormittag des verflossenen Sonntags in die Franciskanerkirche und dann in seine Wohnung, wo er sieh vor seinen Schreibtisch setzte und aus einem Armee-Revolver zwei Schüsse gegen seine Brust abfeuerte. Vorher hatte er seinen Diener mit einem Auftrage aus dem Hause geschickt, und als der Diener wieder zurückkehrte, fand er seinen Herrn bereits tot. Oberleutnant Neumann war ein in sich gekehrter, von der Welt abgeschlossener junger Mann. Er mied jedwede Unterhaltung, ging regelmässig ganz allein spazieren und lebte nur seinem Berufe und der miUtärischen Literatur. Abends begab er sich stets zeitich nach Hause und studierte. Damengesellschaflen mied er in dem Masse, dass man ihn einen Damenfeind nannte. — 459 — £in Sittenbild aua einer GroBsstadt Jüngst wnrde durch die Berliner Polizei ein junger reicher Amerikaner Adalbert Bussel Withney verhaftet, lieber den Grund dieser viel Aufsehen erregenden Inhaftnahme berichtet man aus Berlin: Mitte Dezember V. J. erschienen drei elegant gekleidete Herren in einem bekannten Lokale Moabits mit der Anfrage, ob der Wirt für den 20. desselben Monats seine Säle zu einer Hochzeitsfeier hergeben könne. Sie er- hielten einen zusagenden Bescheid, und ein Saal wurde bereits am 18. Dezember in eine Capelle umgewandelt. Das bezügliche Inven- tar hatte die Möbelhandlung von M. in der Friedriohstrasse geliefert Tapezierer hatten einen Altar errichtet, Gärtner reichen Blumen- flor herbeigeschafft, und als der Tag gekommen war, an dem der Wirt seine vornehmen Gäste erwartete, trafen zunächst Kriminal- beamte mit dem Kommissarius M. an der Spitze ein, welche dem erschrockenen Wirte mitteilten, dass die zu trauende Braut der Amerikaner Withney sei, dass man aber der Gesellschaft vorläufig freies Spiel lassen möge. Alsbald rollte denn auch £quipag6 auf Equipage vor, deren Insassen zum grossen Teile in hocheleganter Damenkleidung erschienen, sich aber später^ als lauter Männer herausstellten. Ein Wagen brachte den „Geistlichen^, wie sich später ergab, einen Dr. Saal, ein anderer zuletzt den „Bräutigam**. Der „Bräutigam**, ein früherer Ulane, Daniel Lindenberg, trug gprosse preussische Generalsuniform, die „Braut** — Withney — rauschte in weissem Atlas mit Myrthenkranz und Schleier in den Saal, ehr- furchtsvoll von den Anwesenden begrtisst. Die Kriminalpolizei hatte zugleich mit der Festgesellschaft die „Capelle** betreten, und als man ihrer ansichtig wurde, überging man den beabsichtigten „Trauakt** und schritt sofort zur Tafel, welche für 45 Personen ge- ' deckt war. Bei dem prachtvollen Festessen floss der Champagner in des Wortes wahrer Bedeutung in Strömen. Nach Aufhebung der Tafel ging man, wie gewöhnlich bei Hochzeiten, zum Tanze über. Das „weibliche'* Element überwog bei der „Hochzeitsfeier** bedeutend. Die Kosten trug Withney, welcher ein dickes Paket von Hundertmarkscheinen zu diesem Zwecke mit sich führte. Wie der Wirt einem Berichterstatter versicherte, soll die Anzeige an die Kriminalpolizei durch einen besonders hochstehenden Geistlichen über den Vorfall erstattet worden sein; diesem war durch einen der „Trauzeugen** eine bezügliche Mitteilung zugegangen. Wir wollen noch bemerken, dass die „Braut** Withney, die sonst ein kräftiger Bart zierte, diesen der Feier zum Opfer gebracht hatte. — 460 — Ein dreister ErpreBsungBversuch wurde gegen den Kaufmann G. in der Kommandantenstrasse verübt In seinen Laden kam ein junger Mensch und tibergab ihm einen Brief^ durch dessen Inhalt er nicht wenig empört wurde. Der Schreiber, der sich nur mit „N. N.'^ imterzeichnete, teilte dem 6. mit, dass dessen Schwieger- vater ein Sittlichkeitsverbrechen begangen habe. liesse G. sich nicht herbei, dem Ueberbringer des Briefes sofort 300 Mark aus- zuhändigen, so würde der Verfasser sich sofort zu einer Zeitung begeben, um die That seines Schwiegervaters mit vollem Namen und mit allen Einzelheiten in die Oeffeatlichkeit zu bringen. G. fiel auf den plumpen Erpressungsversuch nicht hinein. Da der Ueber- bringer des Briefes erklärte, dass sein Auftraggeber vor der Thttr warte, begab sich G. mit dem jungen Burschen auf die Strasse. Der Absender war aber nicht zu erblicken. Am folgenden Tage wiederholte sich der Erpressungsversuch in verschärfter Form mit demselben Ueberbringer. Diesmal gelang es, den Erpresser auf der Strasse zu entdecken und seine Festnahme zu bewirken. Es war ein vielfach vorbestrafter Mensch, der Maschinenbauer Emil Werchau, der sich gestern vor der neunten Strafkammer des Land- gerichts I zu verantworten hatte. Es stellte sich heraus, dass der von ihm benutzte Bote von dem Inhalt der Briefe keine Kenntnis hatte. Werchau wurde zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten und zweijährigem Ehrverlust verurteilt Selbstmord eines Handelsakademikers. Aus Graz wird uns vom 23. d. telegraphiert: Der sechzelmjährige Handels- akademiker Georg Undner hat sich heute Nacht hier auf offener Strasse erschossen; in einem Briefe, den man bei dem unglticklichen jungen Manne fand, gab der Lebensttberdrüssige an, der Grund des Selbstmordes sei sein Geheimnis; er wolle dieses in das Grab mitnehmen. Lindner, der aus Budapest gebürtig ist, war ein intimer Freund des Handelsakademikers, der sich vor Kiu^em in einer hiesigen Badeanstalt erschos^n hat Wienotwendig es ist, dass ein gewisser Sittlichkeitsparagraph im Strafgesetzbuche beseitigt werde, zeigt ein Vorfall, über den uns folgender Gerichtsbericht zugeht: Dem Sumpfe der Grossstadt entsprossen war eine aus acht KOpfen bestehende Bande jugend- licher Erpresser, deren Thaten gestern der Prüfung der 8. Straf- kammer unterlagen. In Berlin giebt es eine Unzahl von höchst gefährlichen Burschen, die sich in freundlicher Weise Fremden^ die ohne Begleitung durch die Strassen Berlins ziehen, oder anderen — 461 — einzelnen Herren nähern, mit ihnen Bekanntschaft anknüpfen und dann unter allerlei versteckten und offenen Drohungen Gelder von ihnen zu erpressen wissen. Die gestern auf der Anklagebank er- schienenen Verbrecher dieser Art, die schliesslich allesamt von dem Kriminalkommissar v. Tresckow festgenommen worden sind, haben die Erpresserschraube gegenüber einem Offizier und einem Professor einer auswärtigen Universität in unerhörtem Masse an- gezogen. Zu dem letzteren reisten die Mitglieder der Bande wiederholt hinüber, erpressten von ihm wiederholt Gelder und lockten ihm schliessUch 1000 Mark aus der Tasche, angebUch um damit nach Amerika auszuwandern. Die Verhandlimg, welche bei geschlossenen Thüren geführt wurde, endete mit der Verurteilung des Kellners Georg Kubicki zu einem Jahr Gef äng^s, des Schreiber- lehrlings Gebers zu 9 Monaten, des Buchbinders Oskar Gleisberg zu 1 Jahr 6 Monaten, des Goldarbeiters Staupe zu 2 Jahren, des Kellners Hans Hauck zu 2 Jahren, des Kutschers Otto Schuckardt zu 3 Monaten, des Kellners Herm. Krahl zu 2 Monaten und des Kellners Max Paul zu 9 Monaten Gefängnis. Ein neunter Ange- klagter wurde freigesprochen. Mord und Selbstmord. In der Neubadgasse wurde heute Nachts der Mitbesitzer des dort befindlichen Hotels „Gami'S Hudolph Wieser, von seinem Freunde, dem Goldarbeitergehilfen Lorentz Bötzer, durch einen Revolverschuss getötet. Unmittelbar darauf feuerte der Mörder den Revolver gegen sich ab. Das Projektil drang ihm in die Mitte der Schläfe und verletzte ihn so schwer, dass er bald nach seiner Ankunft im Spital der Barmherzigen Brüder verschied. Ein krasses Sittenbild der Grossstadt entrollt sich, wenn man den Motiven dieses Verbrechens nachgeht. Vor der Ausführung der entsetzlichen That legte er das Geständnis seiner Beziehungen zu dem Hotelier nieder, so dass das geheimnis- volle Dunkel, welches bei Entdeckung des Mordes über die den- selben begleitenden Umstände herrschte, völlig geUchtet ist. Nach- stehend die Einzelheiten des in seiner Art in der Wiener Lokal- chronik einzig dastehenden Falles : Heute Nachts um Vi 12 Uhr wurde Rudolph Wieser, der, wie schon erwähnt, Miteigentümer des „Hotel Gami^^ in der Neubadgasse Nr. 4, einem Seitengässchen in der inneren Stadt ist, in einem im ersten Stockwerke gelegenen Zimmer tot aufgefunden. Neben der Leiche lag ein junger Mann mit einer Schusswunde in der rechten Schläfengegend im sterbenden Zustande. Zwischen Beiden lag ein sechsläufiger Revolver, aus welchem zwei Projektile abgefeuert waren. Nach der Situation — 462 — konnte man nichts anderes annehmen, als dass Wieser das Opfer eines Verbrechens geworden sei. Die bald erschienene polizeiliche Kommission hatte alsbald die Identität des jnnges Hannes, mit dem Goldarbeitergehilfen Lorenz BOtzer sichergestellt, von dem dann später mehrere Bedienstete des Hotels angaben, dass er zu Wieser seit Jahren in frenndschaftlichen Beziehungen stand. Gegen halb 11 Uhr kam BOtzer in das Hotel. Er wusste, dass sein Freund Wieser, der abwechselnd mit dessen Bruder Otto Wieser, ebenfaUa Mitbesitzer des Hotels, zur Nachtzeit die Portiersdienste im Hotel selbst versah, gerade gestern die Diensttour hatte. Er traf diesen in Gesellschaft des Privaten Ferdinand Boss, Ottakring, Geblergasse Nr. 8 wohnhaft, in der Portierloge an. BOtzer erklärte. Wieser dringend sprechen zu wollen und Beide begaben sich nun in das Zimmer Nr. 1 im ersten Stockwerk. Wieser ersuchte indes Herrn BÜSS, er mOge ihn in der Portierloge vertreten. Eine geraume Zeit nach der Entfernung der Beiden fielen Schüsse. Herr Boss ahnte, dass zwischen Wieser und Bötzer, den er nur dem Namen nach kannte, etwas Ausserordentliches vorgefallen sein müsse. Er eilte mit mehreren anderen Bediensteten in das bezeichnete Gemach und fand dort die Beiden in der oben geschilderten Situation vor. Die polizeiliche Kommission konnte mit Bttcksicht auf die Briefe, die in der Hosentasche des Mörders gefunden wurden, nichts Anderes an- nehmen, als dass Bache der Beweggrund für das fürchterliche Ver- brechen war. Die Zeilen Bötzers behaupten. Wieser habe ihn elend gemacht. Nunmehr habe ihn der Hotelier schroff zurttckgestossen. Zum gemeinen Erpresser wolle er nicht werden, und, um nicht noch tiefer zu sinken, habe er die That ausgeführt Einen der Briefe, die den Mord und Selbstmord erklären, hat Bötzer an einen Freund, einen zweiten an ein Wiener Tagesjoumal und einen dritten an die Polizeidirektion gerichtet. An seine Mutter hat der Mörder schon gestern einen mehrere Seiten langen Brief geschrieben, in dem er gleichfalls das Motiv der schrecklichen That zu erklären sucht und siQ um Verzeihung bittet. Die Leichen wurden ins Allgemeine Krankenhaus gebracht Der ermordete HoteUer Wieser war ledig* und in sehr guten Vermögensverhältnissen. In einem Aufisatze über: „Die Coiporationen der Uled Ssidi Hammedu-Muesa und der Orma im südüchen Marokko" (Zeitschrift für Ethnologie XXI. Jahrgang 1899 pg. 573 ff.) berichtet M. Gueden- feldt Folgendes: „Die Unsittlichkeit unter den „Uled" (arabischen Artisten, meistens Berber) ist eine grosse. Vielfach ersetzen, da Frauen und Mädchen (bei den Truppen) ja gänzlich fehlen, die — 463 — jüngeren Mitglieder die Stelle derselben, was bei der in Marokko auch im Allgemeinen sehr verbreiteten Männerliebe auch nicht zu verwnndem ist." Die ,,Uled" nennen einen Mann, welcher den sexuellen Verkehr mit Knaben, dem mit dem weiblichen Geschlecht vorzieht „aderräb''. Von den Arabern in Marokko wird ein solches Individuum „Ifinat'' genannt oder auch einfach „kähab-ed-dräni*', d. h. Jugendfreund. Der Jüngling, welcher, sei es für Geld, sei es aus Zuneigung, geschlechtUch mit einem Mann verkehrt, wird ^ySämel" oder auch „attäi'' d. h. „Geber'' (= Einer, der sich hin- giebt) genannt Ein bärtiger Jüngling oder Mann, der sich zu einer passiven Rolle hergiebt, wird „kassas'^ genannt. Eine schmutzige Geschichte. Wegen eines Vergehens wider die Sittlichkeit wie einen der Erpressung wurde gestern gegen den 87 Jahre alten Kaufmann August F. von Weilheim und den 22 Jahre alten Bäcker Johann Erhard von Bayreuth und den 20 Jahre alten Konditor Albert Schneider von Nürnberg hinter verschlossenen Thüren verhandelt. Nach der Anklage hatte sich der Angeklagte F. im Hofbräuhaus mit dem Angeklagten Erhard unsittliche Hand- lungen zu Schulden kommen lassen und hat ihn dann zum Näch- tigen in seine Wohnung genommen. Erhard erzählte dieses seinem Freunde Albert Schneider und beauftragte ihn, an F. zu schreiben, dass, falls er nicht umgehend 60 Mk. senden werde, Anzeige gegen ihn wegen Vergehens wider die Sittlichkeit erstattet werde. Da Erhard nicht erschienen, wurde die Verhandlung gegen ihn und F. ausgesetzt, dagegen wurde Schneider wegen eines Erpressungs- versuches zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Karlsruhe, 9. Aug. Sitzung der Ferienstrafkammer II. In geheimer Sitzung gelangte die Anklage gegen den 28 Jahre alten Silberwaarenfabrikanten Dr. Hermann B. aus Mannheim, wohnhaft in Pforzheim, den 18 Jahre alten Tapezier Friedrich Albert JuUus Sägert aus Pforzheim, hier wohnhaft, und den 24 Jahre alten Diener Josef Liebert aus Namslau, wohnhaft in Pforzheim, wegen Vergehens gegen § 175 S.-St.-G.-B. (widernatürliche Unzucht) zur Verhandhmg. Dr. B. wurde zu 9 Wochen Gefäng^s, abzüglich 4 Wochen Unter- suchungshaft, Liebert zu 6 Wochen Gefängnis, ebenfalls unter An- rechnung von 4 Wochen Untersuchungshaft, und Sägert zu 1 Woche Gefängnis, verbüsst durch die Untersuchungshaft, verurteilt. Frankfurter Zeitung, 29. September 1899, Abendblatt Nr 270. Heidelberg: 28. Sept. Kaum ist der Fall des jetzt emeritierten — 464 — tiynuiBBialdirektors Dr. U. eio wenig in den Hintergmnd getreten, Bo verlantet ab ein alcher verbtlr^es Faktum, daas gegen den Lehrer am hiesigen Gj'mnasium und Eugleioh PriTatdozenten an der Universität Dr. B. die BeBchuldiguag erhoben worden ist, wieder- bolt einem Bäokerbnrschen bei deasen Rundgang in der Horgen- frilbe aufgelanert und ihm nnzUchüge Handlungen angesoonen zn haben. Dr. B. hat bereits, nachdem sein Benehmen Gegenstand der polizeilichen Untersuchung war, Heidelberg verlaaaen. Oldenburg, 21. Jnli. Eine weitgehende Erpreitenng, die seit längerer Zeit von mehreren Personen systematisch betrieben wurde, beBohäftigt jetzt das hiesige Gericht. Die Erpressungen (dieselben sollen die Hühe von 28000 Mt. erreiaht haben) sind an einem sehr ff ohlliab enden, etwa TO Jahre alten Privatmann verübt, der an seine Bedränger, die ihn eines SittlichkeiCs vergebens beschuldigten, mehrere tausend Mark bezahlt haben soll. Zwei der Erpresser, Schomstein- fegergesellen in Oldenburg, sind bereits verhaftet worden. Der Hauptlibelthäter jedoch, der frühere Schornsteinfeger E. Kobiboff, der vor einigen Jahren wegen Doppelohe verurteilt wurde, wird leider nicht leicht z.a fassen sein; er lebt b England und richtete von dort aus Briefe an sein Opfer, worin er die Personen namhaft machte, au welche die Zwangszablungen zu leisten seien. Oldenburg, T. Febr. Die schon im Juli v. J. in d. BL er- wähnte ErpresBungsgescbichte von Kobiboff nnd Konsorten fand beute vor der Strafkammer des I^andgerichtes ein vorlänfigea Ende, da mitglicberwelse gegen eine beteiligte Person noch weitere Er- hebungen stattfinden klinnen, doch dies ist Sache des Staatsanwaltes. Die Anklage lautete auf Erpressnng, begangen gegen den Land- mann, jetzt Bentner von Seggem nnd zwar ad 1 gegen den Schorn- steinfeger Georg HQblmann, 19 Jahre alt, wegen mindeatens 7000 Mark; ad 2 gegen den Scborneteinfeger Emil Kohlhoff, 21 Jahre alt, wegen mindestens S380 Mk.; ad 3 gegen den Wirt Wilh. Kobi- boff, 40 Jahre alt, wegen 800 tlk.; ad. 4 gegen den Tanzlehrer Schröder, 57 Jahre alt, wegen 500 Mk.; ferner noob der Schorn- steinfeger Fr. W. FOrster, 20 Jahre alt, tiod der Schuhmacher Fr. Schutte 20 Jahre alt, wegen je mindestens 40 Mk. Die Angeklagten sollen die bei deren Namen bezeicbneten Beträge dnrcb Drobongeu, den v. Seggem der widematltrlichen Unzucht etc. event. anzuzeigen, erpresst zu haben, der ad 3 bez. WUfa. Kobiboff hat die bez. 800 Hark ala Darlehen erhalten und später in gleicher Weise einen Empfangsschein Über Rückzahlung des Betrages sieb verschafft — 465 - Die Verhandlung^en fanden bei verschlossenen Thttren statt nnd wurde erst um ca. 4 Uhr die Oeffentliohkeit wieder hergestellt, als die Urteile verkündet werden sollten. Selbiges lautete, wie schon tel. mitgeteilt, gegen Möhlmann auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis, abziigl. 8 Monat Untersuohnngshaft, gegen Emil Kohlhoff auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis, abziigl. 4 Monate Untersuchungshaft (welche seit dem 19. Juli v. J. dauerte), gegen Wilh. Kohlhoff auf 6 Monate Gefängnis, abziigl. eiuer Untersuchungshaft seit dem 3. Sept. v. J., gegen SchrOder gleichfalls 6 Monat Gefängnis unter gleicher Ver- günstigung. Förster und Schulte wurden freigesprochen. Ein Mit- schuldiger, angeblich der Hauptattenthäter (Kohlhoff), hat sich der irdischen Gerechtigkeit entzogen, indem er von einem Dampfer Über Bord gesprungen ist, und ein Trompeter ist vom Militärgericht bereits zu Gefängnis und Degradierung verurteilt. Wegen Erpressung verfolgt wird der Kellner Karl Bartsch, der zuletzt in der Mittenwalder Strasse eine Schlafstelle inne hatte. Er hatte sich in Rizdorf eines Vergehens gegen den § 175 des Strafgesetzbuchs zu Schulden kommen lassen und dann sein Opfer mit Anzeige bedroht, falls dieses nicht Schweigegeld zahle. Bisher fehlt jede Spur des Flüchtlings. Das plötzliche Verschwinden des Gärtnereibesitzers B., der in Pankow mehrere Ehrenämter bekleidete, erregt grosses Aufsehen. Gegen B. ist wegen Verbrechens gegen die Sittüchkeit <§ 175 St.-(T.-B.) Strafanzeige erstattet worden. Wegen Erpressungen verhaftet ist auf telegraphisches Ersuchen des hiesigen Polizeipräsidiums der Friseurgehilfe Gustav Gl. in Küstrin. Gl. war zuletzt bei einem Friseur in der Komman- dantenstrasse in Stellung. Er ist der Sohn eines Hotelbesitzers nnd hat eine sehr gute Erziehung erhalten. Umgang mit leichtsinnigen )ungen Leuten hat ihn jedoch verdorben, und als sein Eüikommen für seine noblen Extravaganzen nicht mehr zulangte, hat er sich durch Erpressungen (reld zu verschaffen gesucht. Sein Komplize, der sich noch in Berlin befand, ist ebenfalls verhaftet worden. Düren, 5. Mai. Gestern ist der hiesige Fabrikant Clemens August Hoffsümmer wegen fortgesetzten Vergehens gegen § 175 des Strafgesetzbuches in das Untersuchimgsgefängnis nach Aachen abgeführt worden. Die Verhafkimg erregt hier um so grösseres Aufsehen und kann auch nicht der Oeffentlichkeit vorenthalten. Jahrbnch U 30 — 466 — werden, weil H. eine in gewisser Beziehung hervorragende Stellnng- einnahm: er war Stadtverordneter, Kreisaussobiissmitglied, Vor- sitzender der Volksbank, Mitglied des Kirchenvorstandes, Vorstands- mitglied der Aktiengesellschaft des katholischen Volksblattes Dllrener Anzeiger und seit langen Jahren der Führer der hiesigen Zentrumspartei. Ein Mitbeschiüdigter und ein Mitwisser, der seine Kenntnis der Vergehen zu Erpressungen benutzt hat, sind ebenfalls verhaftet. Wie es heisst, stehen noch weitere Verhaftungen wegen erpresserischer Ausbeutung bevor. Düren, 12. Mai. Die Inhaftierung des Fabrikanten Clemens Aug. Hoflfeümmer wegen Vergehens gegen § 175 zieht immer weitere Kreise. In den letzten Tagen nahm die Polizeibehörde wieder mehrere Personen in Haft, welche der Beihilfe bezw. Erpressuni»- angeschiüdigt sind. (Anmerkimg. HoiTsUmmer wurde in der Hauptverhandlung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Freilassimg gegen 20000 Mk. Kaution war wegen Fluchtverdacht abgelehnt worden. Eine längere Beobachtung in einer krenanstalt hatte keinen Ausschluss der freien WiUensbestimmiing ergeben. Ein Mitschuldiger, weil er von H. Geld genommen habe und vorbestraft war, erhielt 18 Monate. „Monseigneur" Sarah. Wir haben von der Begeisterung- erzählt, mit der Sarah Bernhardt ihre Rolle in Rostands neuem Werk „Dejuna wird gesonnen, gezeichnet, geschneidert und das alles — zum Besten der Pensions- nnd UnterstÜtznngskasse des Vereins Berliner Künstler- innen, für das Kostümfest der Berliner Künstlerinnen. Da der An- — 478 — drang zu diesen ebenso originellen wie lustigen Feston stets ein ganz ungeheurer ist — man spricht diesmal von 2500 Teilnehmer- innen — so hat die Festleitung alle Räume der Philharmonie ge- mietet, selbst den Beethovensaal und den grossen, weissen Ober- lichtsaal. Der Beethovensaal ist sonst nur der Schauplatz gediegener Konzerte, gestern aber produzierte sich in den feierlichen Hallen das Spezialitäten-Theater, finden tibermUtige, komische Aufführungen statt, ja es tanzen hier drei Primaballerinen der Königlichen Hot- oper, die dem Festkomitee in liebenswürdigster Weise ihre Mit- wirkimg angeboten hatten. Um 8 Uhr beginnt das Fest, aber schon lange vorher stehen Hunderte ungeduldiger Fiisschen frierend vor dem verschlossenen Portale, es ist ein Lachen, Kichern, Zurufen; man kann es nicht erwarten, bis unser Fest, das Fest der Damen allein, anfängt. Sonst ist es den besorgten und neugierigen Vätern, Briidem, Gatten etc. gestattet gewesen, ihre Angehörigen bis in die Garderobe zu begleiten, dort ein wenig von den Herrlichkeiten und Schönheiten zu erlugen, zu denen sie als berechtigte Zuschauer nicht zugelassen werden, indessen gestern ist auch dies unschuldige ,,Zaunvergnügen^* den Herren verboten worden, und so waren sie ganz auf das beschränkt, was sie auf der Strasse zu erhaschen ver- mögen. Dort sieht man, wenn die Damen ihren Wagen verlassen, eine Menge phantastischer Gestalten, Männlein und Weiblein, denn die Hälfte, die starke Hälfte der Damen erscheint in Herrentracht. Es reizt sie gerade, sich als Mann zu z.eigen und zu fühlen, den Hof zu machen, den Schwerenöther zu spielen, und die hübschen Fräiüein lassen sich das gerade so gern gefallen, als wenn der Courmacher ein „wirklichere^ Mann wäre. Stolz schreiten wir an dem gedrängten, eifrig spähenden Aussenpublikum vorbei — wir gehören ja „dazu" — und treten ein. Welch' ein Gesumm, welch' ein Lachen und Scherzen! Ich behaupte keck, alle zwei Jahre wird einmal die Lustigkeit der Berlinerin lebendig, dann aber auch gründlich. Harmlos kamerad- schaftlich verkehrt Arm und Reich, die hohe Aristokratin mit der einfachen, beim Kunsthandwerk beschäftigten Arbeiterin. Und darin, in dem Beweise, dass ein solcher vertraulich lustiger Verkehr möglich ist, besteht, neben dem klingenden Ertrage, der Wert dieser Feste. Es ist noch sehr früh, doch ist der grosse Saal der Phil- harmonie schon ganz mit sich begriissenden Gästen angefüllt. „Ge- stalten aus Bildern!" lautete gestern die Parole. Nun, da giebt es ein weites Feld, jede konnte genau das Kostüm wählen, das ihr steht und zu dem sie sich hingezogen fühlt. Da viele Damen, wie erwähnt, in Männertracht erschienen, bietet der Saal kaum ein «n- — 474 — deres Bild als sonst, nur sind die Hände nnd FUsse der y^Herren^* so klein und zierlich, die Schnurrbarte (wenn sie da sind) so schön und regelmässig, weil künstlich, und die Stimmen — ja (pardon meine Damen) man kann von Anfang an nicht sein eigenes Wort verstehen, in Stimmen also sind die Festgenossinnen sehr grosa. Um 9 Uhr ordnet sich das Gewirr, der grosse historische Festzng beginnt. Voran schreiten Herolde in Renaissancetracht, dann folgen £gypter, Apoll und die Musen stellen die grieohisohe Kunst dar, Mittelalter und Gothik bilden die Vorläufer der Florentiner und der Renaissance. Die Zeit Rembrandts zieht vorbei, repräsentiert durch die Hauptgestalten aus Rembrandts Bildern, man sieht Saskia mit dem nickenden Federhute, den Meister selbst und alle die uns ver- trauten energischen CharakterkOpfe aus der grossen Kunstepoche der Niederlande, tanzende Bauern aus holländischen Kirmesbildem sorgen für den Humor im Festzuge. Nun erscheinen in feierlich graziösem Schreiten RococofigUrchen, denen das £mpire folgt. Nicht zu vergessen ist eine Gruppe ans Deutschlands klassischer Zeit der Literatur, Goethe, Schiller mit Frau Rath, Lessing und die Anderen alle. Sehr anmutig ist der Festzug der Japaner, bei dem reizende kleine Geisha-Mädchen Apfelbltttenzweige schwingen. Da« neue Jahrhundert schliest den interessanten, wechselvollen Zug, er bringt der Kunstrichtungen viele: Mystizismus, Symbolismus und noch mehr der „Ismus^^ Als der Zug die BUhne passiert hat, folgen historische Tänze. Apoll lässt sich von seinen Mnsen umgaukeln, die Florentiner schreiten einen Reigen, die holländischen Bauern tollen und hopsen ganz naturalistisch umher, das Rococo wiegt sich im Menuett, Japanerinnen neigen sich im Takte, ihre BItttenzweige grüssend schwingend. Alle diese Aufftthnmgen werden mit einer Hingebung und einem Eifer aufgeführt, der etwas Elektrisierendes hat und die Zuschauerinnen wieder und wieder zu lautem Beifall hinreisst. Bald mischen sich die „historischen^ Herrschaften von der Bühne unter das Publikum, allgemeine VerbrOdenmg tritt ein, es wird umarmt, geküsst, gelacht. In den Nebensiilen steht das Souper bereit, und als wir uns zum Schreiben zurückziehen« sitzt sehon manches Pärchen beim perlenden Sekt Im Beet- hovensaale finden, wie oben erwähnt, die Vorstellungen des Spezialitäten-Theaters statt. Da wird ein Traum, frei nach Ibsen, aufgeführt, ein impressionistischer Clown produziert sich, und end- lich, um 1 Uhr, wird eine Balletszene „Schäfer und Schäferin^* von Königlichen Ballettänzerinnen dargestellt. UeberaU Lustigkeit, Grazie, Schönheit — wer hätte so viel Zauber unserem nüchternen Berlin zugetraut? — 475 — Aus dem Sprechsaal des General- Anzeigers. Back fisch- Phantasien. Es reden und träumen die Menschen gar viel. Die liebe, die sei das schönste Ziel; Doch das ist nicht wahr, und folglich erlogen, Denn Liebe hat sicher am meisten betrogen. Ach, wie ists mOglich dann, Dass einen Mann ich lieben kann? Wir finden's spleenig und verriickt, Dass man ihn mit liebe beglückt. Denn er kennt nicht ihren Wert, Schätzet nicht den eigenen Herd. Täglich er ins Wirtshaus geht, Doch die Frau ihn bittet, fleht:* Er möchte doch zu Hause bleiben, Sie müsse sich die Zeit vertreiben Mit Strümpfe stopfen, Wäscheflicken, Und so was solle die Frau beglücken V Such' nicht beim Mann die wahre lieb*, Sie ist der Frauen Herzenstrieb. Warum muss es ein Mann denn sein, Genügen wir uns nicht alleinV Auch wir haben einst gedacht. Es gab' liebe, die uns glücklich macht, — Vorbei ist alle Schwärmerei, Und unsVe Herzen sind alle frei. Wenn einstmals kommt ein falscher Mann, Und lügt mit Schmeichelei uns an. Und sagt, er liebe uns gar sehr. So glauben wir ihm nimmermehr Es war* viel schöner auf der Welt, (jäbs keine Männer und kein Geld. Lustige Backfische. Ein weiblicher Hamlet, Mdme. Derigny, debütierte, wie uns aus Pari:) berichtet wird, am gestrigen Tage in den Bouffes du Nord. Die Künstlerin, die ähnlich wie Felicitas Vestvali und später Madame Judith in Männerrollen exzelliert, begann ihre Tournee in die Provinzen mit der gestrigen Matinee, die mit Beifall seitens der zahlreichen Zuhörerschaft aufgenommen wjirde. — 476 — Alis der Blütezeit der Beiiehungen Richard Wagners zn Lndwij; IL stammt ein Schreiben des KQnigB an den Heiater, das die „Wage" mitteilt. Du enthnaiastiaohe Schreiben des KOniga lantet: „Hün Iniüggeliebter! Eben erfahr ich durch Pfistermeister, daas Sie wieder völlig hergftstellt sind. 0, mit welchem Freudonjubel begrilsste ich diese Kunde. Wie brenne ich vor Sehnsucht nach mhigen, weihevollen Stünden, die es mir vergönuea werden, das langentbehrte Antlitz des Teuersten der Erde wiederzusehen. Also Semper entwirft den Plan zu unserem Ueiligtume. Die Darsteller filr das Drama werden herangebUdet. Brünnhilde wird bald errettet werden, durch den furchtlosen Helden. 0, alles, alles ist im Gange. Was ich geträumt, gehofft und ersehnt, wird nun bald in dos Leben treten, der Himmel steigt fUr uns auf die Erde hinab. 0 Heiliger, ich bete dich ant Also Tristan, hoffentlich im Uai! 0 sel'ger Tag, wenn der ersehnte Bau vor uns sich erheben wird, sel'ge Stunden, wenn dort Ihre Worte vollkommen zur That werden. „Wir werden siegen," riefen Sie mir zu in Ihrem letzten teuren Schreiben. „Ja, wir werden!" rufe ich froh- lockend zurück. Xicbt umsonat werden wir gelebt haben. Ihnen Dank, Heil! Ihr bis in den Tod getreuer Ludw ig. 5. Janner 1865. Die Ktilnische Zeitung schreibt: Eine Erpressungsquelle müssen wir auch in der recht unglllok liehen Passung erblicken, welche die Strafvorsohrift über die wissentliche Verbreitung gewisser Krank- heiten erhalten hat; sie wird in der Praxis voringsweise von Dirnen KU schamlosen Erpressimgs versuchen benutzt werden. Wenn man sich daran erinnert, in welchem Umfange ein anderer Paragraph des Stragesetzbuchs, % 175, der Ausnutzung fUr die niederträchtigste Erpressung dient — an Hand der strafstatist^chen Ergebnisse lüsst sich dies allerdings nicht nachweisen, weil die Opfer dieser Er- pressungen meist nicht den Mut haben, sich an die Staatsanwalt- schaft und damit an die Oeffentliohkeit zn wenden — , so kann mao nur mit Schrecken an die Wirkungen denken, welche diese Vor- schrift haben wird. Der Staat muss über manche Unsittlichkelt hinwegsehen, weil die Nachteile, die ans ihrer Beachtung hervor- gehen wHrden, bei weitem grösser wären, als die mit ihrer gericht- lichen AhndoBg verbundenen rechtlichen und ethischen Vorteile. — 477 — Diese Grandwahrheit scheint man in der Kommission ans einem an sich sehr löblichen Eifer nicht genügend beachtet zn haben; sonst hätte man gewiss von der Aufnahme dieser Vorsohrift abgesehen, die Strafprozesse in Aussicht stellt, wie sie unangenehmer nicht gedacht werden können. Ea ist bedauerlich, dass die Kommission sich nicht auf das beschränkt hat, was zur Zeit jedenfalls als das Notwendigste und Wichtigste auf diesem Gebiete zu bezeichnen ist, nämlich auf die Verschärfung der Straf bestimmongen über die Kuppelei und den Zuhälterparagraphen; hierdurch wäre wohl auch den verbtindeten Regierungen die Zustimmung wesentlich erleichtert worden. •9^S^^ Erster Anhang. In seiner ordentlichen Sitzung vom 1. Januar 1900 beschlose das unterzeichnete Komitee folgenden: Aufruf. Sehr geehrter Herr! Im Jahre 1897 bildete sich das „Wissenschafllich- humanitäre Komitee*, welches es sich [zur Aufgabe setzte, auf Grund der Selbsterfahrung von Tausenden und sicher gestellter Forschungsergebnisse Klarheit darüber zu schaffen, dass es sich bei der Liebe zu Personen gleichen Geschlechts, der Homosexualität, um eine NatUFerscheinungf handelt, und daflir zu arbeiten, dass der § 175 B.-Str.- G.-B., dessen blosser Bestand für jeden conträrsexueU Empfindenden, auch wenn er sich tadellos fuhrt, eine fortgesetzte Beschimpfung und Beschuldigung bildet, ab- geschafil wird. Dieses Gesetz hat zwar noch keinen Konträrsexualen von seinem Triebe befreit, wohl aber sehr viele brave und nützliche Menschen, die von der Natur mehr als genug benachteiligt sind, ungerecht in Schande, Verzweiflung, ja Irrsinn und Tod gejagt, selbst wenn nur ein Tag Getängnis — in Deutschland das niedrigste Strafmaass ftir diese Handlung — festgesetzt oder selbst wenn nur eine Voruntersuchung eingeleitet wurde. Das unterzeichnete Komitee hat zur Erreichung seines Zweckes eine umfassende Thätigkeit entfaltet. Es hat eine — 479 — Petition an die gesetzgebenden Körperscliaften in Umlauf gesetzt, welche die Beseitigung jener verhängnissvollen Strafbestinunungen^ die ein in seiner Art einzig da- stehendes Erpressertum züchteten, bezweckte. Diese von nahezu 1000 unserer ausgezeichnetsten Gelehrten und Künstler unterzeichnete Eingabe hat sowohl in pleno als auch in den Commissionen des Reichstags wiederholt zu lebhaften Erörterungen Anlass gegeben. Nachdem man im ersten Jahre Uebergang zur Tagesordnung be- schlossen, hat man nach einer weiteren lebhaften Auf- klärung bei der vorjährigen Beratung entschieden, die Petition in Gemeinschaft mit einer auf den bisherigen Vorurteilen beruhenden Gegeneingabe, welche übrigens nur sehr wenige bedeutende Namen aufwies, der Regierung als Material zu überweisen. Das Komitee hat sich mit einer Anzahl von Abgeordneten persönlich und schriftlich in Beziehungen gesetzt, es hat die Eingabe zum Teil nebst Scfariftenmaterial an sämtliche deutschen Bundestürsten, Justizministerien, Anwaltskammem, Staats- anwälte, Medizinalräte^ wie an tausende von Professoren, Richtern, Aerzten und Geistlichen gesandt. Es hat die öffentliche Meinung weiter aufzuklären gesucht, indem es fast allen grösseren Zeitungen Material über das Wesen der gleichgeschlechtlichen Liebe zugehen liess, und wenn auch nur wenige darauf direct eingingen, so bewirkte es doch, dass man bei aus § 175 vorkommenden Verhaftungen und Verhandlungen eine bedeutend mildere Sprache fahrte, wie früher. Das Komitee hat femer ein „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen*' herausgegeben, welches sich die all- seitige Erforschung der Homosexualität zur Aufgabe setzte, und hat für dieses Werk die Mitarbeiterschaft namhafter Autoren und das Interesse ausgedehnter Kreise gewonnen. In jedem Falle, wo wir von gerichtlichen Verwicke- — 480 — lungen Homosexueller erfuhren, haben wir sämtlichen be* teiligten Richtern, Staatsanwälten Verteidigern und Sach- verständigen aufklärendes Material übersandt, wir haben mehrfach Urninge, die sich an uns wandten, aus den Händen ihrer Erpresser befreit^ indem wir letztere den Gerichten übergaben, ohne dass den unglücklichen Opfern Unannehmlichkeiten erwuchsen, wir haben auch Mrieder- holt auf Wunsch von Urningen deren Angehörige auf- geklärt Unser Hauptziel muss es bleiben, dass der ver- hängnisvolle § 175 nicht wieder in das Strafgesetzbuch aufgenommen wird, dessen Revision für die nächsten Jahre in sicherer Aussicht steht Um das zu erreichen, bedarf es noch eines rastlosen Kampfes gegenüber er- erbten Vorurteilen und mangelnder Sachkenntnis. Wie jeder Kampf,^ erfordert auch dieser Mittel. Die bis- herigen, von einigen wenigen hochherzigen Männern ge- spendeten, sind erschöpft. Eine weitere ersprieasliche Thätigkeit in dem geschilderten Sinne kann nur entfaltet werden, wenn Geldmittel in grösserem Umfange als bis- her zur Verfiigung gestellt werden. Mit diesem Aufruf treten wir an jeden, der will, dass ein nicht mehr erträgliches Unrecht aufhört, mit der dringenden Bitte heran, durch feste Jahresbeitiiige einen Fonds zur Befreiung der Homosexuellen zu schaffen, mit dem wir rechnen und arbeiten können. Einige Herren haben damit begonnen, ein Herr aus Köln, der pro Jahr 300 Mk., einige andere, die Beträge zwischen 20 und 100 Mk. zeichneten. Jeder Zeichner wird das Jahrbuch gratis erhalten, in welchem dem Gkber unter disereter Bezeichnung Quittung geleistet sowie über die Verwendung der Gelder Nachweiss geftihrt werden wird. Unterstützen Sie, helfen sie bei dieser Knltortliat, wie sie einer unserer ersten Schriftsteller nannte, damit diese — 461 — Verfolgungen und Verkennungen, diese Untersuchungen und n Selbstmorde aus unbekannten Gründen '^ aufhören, welche die Nachwelt einst in das traurigste Kapitel der Menschheitsgeschichte einreihen wird. Die Beiträge nimmt der Unterzeichnete entgegen. Mit grösster Hochachtung Das WissenschafUich^hamanitäre Komitee. I. A. Dr. med. M. Hirschfeld, Amt in Charlottenburg, Berlineretrasse 104. Zweiter Anhang. III. Abrechnung.*) Für den Fonds zur Befreiung der Homosexuellen gingen bei dem wissenschaftlich-humanitären Comit^ ein: 1899 Mk. April 12. Cassa-Bestand 4.45 „ 19. Spende von Dr. B. in L. 20. — Mai 3. fl „ El, H. m £. . 10.— . 17. . C. W. in D. . . . 2.80 , 26. „ Anonym aus V. . . 5.— Juni 27. . E. W. H. in L. . , 5.— Juli 1. , G. R in L. . . 3.— „ 2. , G. R. in L. 2.65 , 7. „ C. W. in D. . . , 5.— . 8. ^ C. M. in N. . . . 8.40 , 20. jj i • JC • Vi/« • ■ • I 15.— „ 24. , M. G. in G. . . , 3. . 31. , F. R in D. . . , 50. . 31. „ Anonym aus V. 5.— August 19. „ X. H. in E. . . . 20. , 19. „ G. F. in W. . . 1.45 , 28. , E. R. in E. . 20.— , 29. )i , Numa Praetorius , 100.— , 29. » , B. R in M. . . , 14.70 , 29. « , W. S. in M. . . . 20.— , 29. >» , Dr. M. M. in E5ln . . 15.— Trat isp ort , 330.45 *) Die letzte Abrechnung befindet sich im I. Jahrgänge des „Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen*. Diese Abrechnung schliesst mit dem 31. Dezember 1899 ab, einige Betriige eu ganx speziellen Zwecken sind nicht au^eftthrt. — 483 - Septbr. 7. Spende von sub. ,25 A. P." Transport >i n 18. 14. , 22. . 26. . 29. Oktober 2. . 2. . 4. „ 11. , 1 . u. fr. Novemb. 2. 6. 6. 20. , 28. Dezemb. 1. n 7. . 12. . 23. » »> » »> n n n n n »> n »> 11 >7 »> n Dr. M. M. in Rom sub. ,R S. 123" in Köln 6. H. in G. ... Dr. F. in C. ... G. H. in G B. L. in München O. in H C. W. in D H. H. d. Numa Praetorius Seh. in B C. C. 8. in H. . . . F. B. in B P. S. in M F. J. in Florenz . . D. in S. P. O. in Berlin . . S. R. in K E. W, H. in L. . . K. in Dortmund . . Einnahmen Sa. Mk 13./4. 1899 bis 5./3. 1900 Ausgaben der Gescbäfls- stelle in Leipzig für Druckarbeiten, Schreiberlohn, Litteratarbeschafiung, Porti, Papier, Reisespesen ia.;4.1899bi8 5.,3. 1900 Ausgaben der Geschäfts- in Berlin für Fertigstellung und Ver- sandt von 7500 Fragebogen an Geist- liche, Porti, Schreibgebühren, Propa- ganda etc. 330.45 10.— 10.— 300.— 9.50 20.- 10.— 1,80 25.— 5.— 5.— 40.— 10.90 20.80 10.— 45.— 25.— 25.— 5.— 5.— 15.— 927.95 466.95 461.— Ausgaben Sa. Mk. 927.95 Verl^ von Hax Spohr in Leipzig. Aarellns, RuM. Novelle M. 3.— Carpenter, Eduard. Die homogrene Liebe und deren Bedeutung in der freien Gesellschaft. M. 1.20 Ein Weib? Psychologiscli-biographische Studie über eine Konträrsexuelle. M. 4. — EIÜB ond Sfmonds, Das konträre Geschlechtsgrefübl. M. 6.— Ellis, Havelock, Mann und Weib. Anthropoloeische und psychologische Untersuchung der seKundären Ge- echlechts unterschiede. M. 7. — Eros vor dem ReiChsKCfiChL Ein Wort an Juristen, Mediziner uud gebildete Laien zur Aufklärung über die .griechische Liebe". Von einem Richter. M. 1. — Frey. Ludwig. Der Eros und die Kunst. Ethische Studien. M. 6.— — Die Männer des Rätsels und der Paragraph 175 des deutschen Reichsstrafgesetzbuches. Eui Beitrag zur Lösung einer btennenden Frage. M. 4. — Grabowslty, Dr. med. Norbert. Die verkehrte Gesohleohts- empflndung: oder die manumäiiQlif:he und weibweib- liche Liebe. Dritte Aufl. M. 1.20 — Die mannwetblictae Natur des Menschen mit Be- rücksichtigung des psych osexu eilen Herrn aphroditis- mus. M. 1. — drohe, Dr. Melchior. Der Urning: vor Gerieht. Ein forensischer Dialog. M, — .50 Halm, M. Die Liebe des Uebermenschen. Ein oeup» Lebensgesetz. M. 1. — Hartmann, O. O. Das Problem der Homosexualität im Lichte der Schopenhauer'scben Philosophie. M. 1. — Hermann, Hans. Die Schuld der Väter oder Ist die gleichgeschlechtliche Liebe eine Sünde? M. 2, — HirBchfeld, Dr. med. M. Die homosexuelle Frage im Urteile der Zeitgenossen und der Paragraph 175 des Reich sstrafgeaetzbuchs. M. 1.50 Ist -freie Liebe" Sittenloslglteltt Vom Verfasser des Buches ,Der Kontrilrsexualismus inbezug auf Ehe und Frauenfrage". M. 2. — JahrbucI) für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität Herausgegeben unter Mitwirkung namhafter Autoren vom wissen- schaftl-humanitären Komitee. I. Jahrg. M. 5.— Verlag von Mnx Spohr in Leipzig- Jahrbuch für sexuelle Zwischeustufen. II. Jahrg. M. 7. — de Joux, Otto. Die Enterbten des Liebesglüekes oder Das dritte Geschlecht. IL Aufl. M 4.— — Die hellenische Liebe in der Gegenwart. Psycho- logische Studien. Mit dem Portrait des Verfassers. M. 4.— Karsch, Privatdozent Dr. F., Tribadie und Päderastie bei den Tieren. M. 1. — Der Konträrsexualismus inbezug auf Ehe und Frauen- frage. M. —.80 Laster oder Unglfickl Oder besteht der § 175 des deutschen Reichstrafsgesetzbuches zu Recht? Eine Gewissensfrage an das deutsche Volk von einem Freunde der Wahrheit. M. 1.20 Laurent Dr. Emil, früher Arzt im Hauptkrankenhause der Pariser Getängnisse. Die krankhafte Liebe. Eine psycho-pathologische Studie. M. 4. — — Die Zwitterbildungen. Gynäkomastie, Feminismus, Hermaphroditismus. M. 5. — Petition an die gesetzgebenden Körperschaften des deutschen Reichs mit nahezu 1000 Unterschriften bekannter Persönlichkeiten. M. — .25 Ramien, Dr. med. Th. Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? M. 1. — Sero, Os. Der Fall Wilde und das Problem der Homo- sexualität. Ein Prozess und ein Laterview. M. 1.50 Der Roman eines Konträr-Sexuellen. Mit einer Ein- leitung: Der Uranismus von Marc- Andr^-Raffalo witsch. Autonsierte Ausgabe von Wilhelm Thal. M. 1.80 Ulrichs, Karl Heinrich, (Numa Numantius). Vindex. Sozial-juristische Studien über mannmännliche Ge- schlechtsliebe. M. 1. — — Inclusa. Anthropologische Studien über mannmänn- liche Geschlechtsliebe. M. 1.50 — Vindicta. Kampf für Freiheit von Verfolgung. M. 1.— — Formatrix. Antropologische Studien über urnische Liebe. M. 1.50 — Ära spei. Moralphilosophische und sozialphilosophische Studien über urnische Liebe. M. 2. — Verlag von Max Spohr in Leipzig. Ulrichs, Karl Heinrichs, Gladius fürens. Das Katur- rätsel der Umingsliebe und der Irrtum als Gesetz- geher. M. 1. — — Memnon. Die Geschlechtsnatur des mannliebenden Urnings. Körperlich-seelischer HermaphroditismuB. M. 4.— — Incubus. Umingsliebe und Blutgier. M. 1.50 — ArgonauÜcus. Zastrow und die Urninge des pietist- isohen, ultramontanen und freidenkenden Lagers. — Prometheus. Beiträge zur Erforschung des Natui^ rätseis des Uranismus und zur Erörterung der sitt- lichen und gesellschaftlichen Interessen des Urning- tums. M. 1.50 — Araxes. Ruf nach Befreiung der Urningsnatur vom Strafgesetz. M, 1. — — Krltisehe Pfeile. Denkschrift über die Bestrafung der Umingsliebe. M, 2. — TOD Wächter, Theodor, Ein Problem der Ethik. Die Liebe als körperlich-seelische Ejraftübertragung. M. 2.40 Wilpert, James, Das Recht des dritten Geschlechts. M. 1.— Ferner empfohlen: Erkelenz, Dr., Strafgesetz und widernatürliche Unzucht M. 1.- Gattzeit, Joh., Naturrecht oder Verbrechen? M. 1.20 Krüfft-Ebing, Professor Dr., Psychopathia sexualis. 10. Aufl. M. 9.— — Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psycho- pathia sexualis. 2. Aufl. M. 3.60 — Der Konträrsexuale vor dem Straflrichter. M. 3. ~ Moll, Dr. Albert, Die konträre Sexualempflndung. 3. Aufl. M, 10.— — Ubidio sexualis. 2 Bände. M. 18.— RaffaloTich, Marc Andr^, Die Entwickelung der Homo- sexualität M. 1.20 Im Verlage von Max Spohr in Leipzig erschien: Bibliothek für Sozial-Wissenschaften mit besonderer Rilcksicht auf Soziale Anthopologie und Pathologie. In Gemeinschaft mit Havelock Ellis, Enrico Ferri, Cesare Lomhroso, Gast. H. Schmidt, Gaiseppe Sergl u. Werner Sombardt. Herausgegeben von Dp. HANS KURELLA. fid 1. Die Vererbung« Psychologischo Untersncliang ihrer Oo- setzu, Ethischen and Sozialen Konsequenzen von Th. Bibot. Preis 10 Mk., geb. 11 Mk. 26 Pfg. ßd. 2. MatOrliche Aueleee und Raeeenverbeeeerung von John B. Haycraf t. Preis 5 Mk., geb. 6 Mk 26 Pfg. Bd. 8 Mann undWeibf anthropologischen, psychologische Unter- snchung der Bekand&ren Qeschlechtsnnterschiede von Havelock EUis. Preis 7 Mk., geb. 8 Mk. 25 Pfg. Bd. 4. Verbrecher und Verbrechen von Havelock Ellis. Preis 6 Mk., geb. 6 Mk. 25 Pfg. Bd. 6. Sczialismus und mcderne Wissenechaft von Enrico FerrL Preis 1 Mk 60 Pfg., geb. 2 Mk 75 Pfg. Bd. 6. Die Zwitterbildungeni Oynftkomastie, FeminismasjEerma- phrodismns von iSxnlle Laurent. Preis 5 Mk., geb. 6 Mk. 25 Pfg. Bd. 7. Das iccntrftre Geechlechtsgeffühl von HaveloAL ElliB und J. A« Symonds. Preis 6 Mk., geb. 7 Mk. 25 Pfg. Bd. 8. Das Verbrechen als soziaie Erscheinung. Gm^d- züge der Kriminal-Soziologie von Enrico Ferri. Preis 7.60 Mk., geb. 8 Mk. 76 Pfg. Bd. 9. Die Harxistische Soziaidemoicratie von Hax Lorenz. Preis 3 Mk. 60 Pfg , geb. 4 Mk. 76 Pfg. Bd. 10. Demoicratie und Sozialismus von Julius Platter. Preis 4 Mk. 60 Pfg., geb. 5 Mk. 76 Pfg. Bd. 11. Englische Sozial-Reformer« Herausgegeben von H. Qrunwald. Preis 3 Mk , geb 4 Mk. 26 Pfg. Bd. 12. Allgemeine Epidemiologie von Adolf Qottstein. Preis 6 Mk. 60 Pfg., geb. 7 Mk. 75 Pfg. Bd. 13. Der Alkoholismus nach Wesen, Wirkung und Verbreitung. Von Alfred arotjahn. Preis 6 Mk., geb. 7 Mk. 25 Pfg. Verlag von Max SpOhr in Lqipzig. Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berfloksichtiguog der Homosexaalität, unter Mitwirkung namhafter Autoren vom wissenschaftlich humanitären Comitäa in Leipzig' und Berlin. I. Jahrgang. Preis liroHüliiiTt 5 Mk.| ekf;'. f^vh. 6.50 Mk. Uun Werk enthält: Die objektive Diagnose der Homosexualität mit wertvollen Urninge- Photographien und einem Enquetbogen von Dr. med. Hirschfeld- Charlotten bürg. Vier Orlglnalbriefe von Karl H. Ulriche an seine Verwandten, die hii^r kiiiu i.T-tfii Male verfiUVntlitlil werilen. Einen Artikel von Ludwig Frey über das Erpreseertum. Eine Abhandlung ülier die Gesetzeebestimmung gegen Urninge vom Altertum bis zur Neuzeit aus der Feder eines hervorragenden Juristen. Auszüge aus den Tagebüchern des Grafen August von Plalen. Von philologischer Seile eine mehrere hundert Buchtitel um- fassende Bibliographie der Homoeexualltät. Ferner die Petition an die gesetzgebenden Kärpersc haften des deulechen Reichs mit nahezu 1000 Unterseti rlften bekannter Per- sönlichkeiten, sowie die bisher sich daran anschliessenden Reichs- «tagsverhandlungen laut stenographischen Berichten. Endlich die Abrechnung dee Fonds zur Befreiung der Homoeexgetlen. Uiefter viflseitigo Iniiiilt zi'igt wolil zur (inoll«,'!'. witi iioehbedent- saiu und houhinleresaout dieses Werk iat. Es wendet sich nicht nor an die akademischen Kreise, soudem an alle, denen das Uoetheschu Wort: „Dos höchste Studium der Menschiieit ist der Mensch" ein Wahrwort ist, vor allen auch an die kontrareexuellen Männer und Franen selbst. Das Jahrbuch erHuheint iinf Veruubissiini^ dos wisHenschaftl ich- humanitären Comitiies, das sich Im Mai 18^7 v.u Berlin nnd l.eip«ig konstituierte, und Im Sinne der fortgescbritceneii wisaeuBcliatYl iahen Er- kenntniB f Ur die Abschaffung des Umingsparagraphon thätig zu sein- Druck TOn U. Reichardt, UroitKsch. ^^^^B ■ THE UNIVERSITY OF MICHIGAN ARGUS STORAGE DAie DUE ^^^B 1